Jahrgang (950 Freitag, den 28. Februar Nummer (7 Eichener KimilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Oie wandelnde Glocke. Von I. W. von Goethe. Es rvar ein Kind, das wollte nie Zur Kirche sich bequemen, Und Sonntags fand es stets ein Wie, Den Weg ins Feld zu nehmen. Die Mutter sprach: „Die Glocke tönt, Und so ist dir's befohlen. Und hast du dich nicht hingewöhnt. Sie kommt und wird dich holen." Das Kind, es denkt: die Glocke hängt Da droben auf dem Stuhle. Schon hat's den Weg ins Feld gelenkt. Als lief' es aus der Schul«. Die Glocke, Glocke tönt nicht mehr, Die Mutter hat gefackelt. Doch welch ein Schrecken hinterher! Die Glocke kommt gewackelt. Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum; Das arme Kind im Schrecken, Es lauft, es kommt als wie im Traum; Die Glocke wird es decken. Doch nimmt es richtig feinen Husch, Und mit gewandter Schnelle Eilt es durch Anger, Feld und Busch Zur Kirche, zur Kapelle. Und jeden Sonn- und Feiertag Gedenkt es an den Schaden, Läßt durch den ersten Glockenschlag Nicht in Person sich laden. Grüne Seife. Von Polly Tieck. Als Jeanette an diesem Abend die Treppen zu ihrer Wohnung heraufstürzte, — und man muß wissen, daß Jeanette vier Treppen hoch wohnte und den Fahrstuhl aus Gründen der Hygiene boykottierte, — war sie verspätet, wie stets. Kein Wunder, denn so ein Tag war zum Bersten angefüllt mit Arbeit, Verabredungen, Gesprächen über die verschiedensten Dinge der Welt, und vor allem erfüllt von einem Telephon, daß unablässig und mit schauriger Regelmäßigkeit in die wichtigsten Ereignisse des Tages unvermittelt einbrach. Wenn man sich fragen wollte, was denn, um alles in der Welt, Jeanette für eine Arbeit zu tun hatte, so sei ganz schlicht erzählt, daß Jeanette nicht nur jung, liebenswürdig und von allen Menschen verzogen, sondern auch seit einer frühen und nicht leichten Jugend daran gewöhnt war, sich ihr Geld selbst zu verdienen, zuerst aus Zwang, später aus Gewohnheit, zuletzt aus dem himmlischen Gefühl, damit den einzigen und unverlierbaren Weg zur Freiheit gefunden zu haben. Jeanette hatte schon verschiedene Arten der Arbeit in ihrem Leben absolviert, augenblicklich leitete sie seit einigen Jahren ein hübsches und elegantes kleines Modeatelier, und dieses Atelier war cs gerade, daß sie, kombiniert mit einem Rendezvous, wieder einmal so in Verspätung gebracht hatte. Nun aber stand Jeanette auf der obersten Treppenstufe, stürzte durch die vorn Mädchen aufgerissene Tür in ihr zartes und mäßig erleuchtetes Wohnzimmer und fragte, atemlos und mit dem Abwerfen des Mantels völlig beschäftigt, ob denn der Abendbrotgast noch nicht da sei. Jetzt erst sand sich die Ätempause für das Mädchen, um ängstlich zu erklären, daß der Herr Doktor wohl hier gewesen sei, daß er aber mit allen Zeichen des Unwillens nach zehn Minuten wieder gegangen wäre, nicht ohne zu fragen, ob denn die gnädige Frau vergessen hätte, daß er Theaterbillette besorgt hätte, Billette zu einer bemerkenswerten Premiere, — und nun sei sie nicht da. Das Wort Premiere tras Jeanettes erschrockenes Herz wie ein Stoß, eine Verabredung tauchte in der Erinnerung auf, im Gewühl des Tages vergessen, verschöben, verwischt, und daneben der prompt einsetzende Gedanke, daß man, trotz Verspätung und Müdigkeit, sich in die nächste Taxe werfen, ins Theater fahren und mit einem kleinen Wort gut wachen würde, was man dort angerichtet hatte Ja, aber wie sollte man fahren? Doch wohl nicht in diesem schwarzen Marocainkleidchen vor die tausend Augen einer Premiere treten, von denen allen man sicherlich kritisch betrachtet, von deren Hälfte man aber auch erkannt, begrüßt, besprochen werden würde! Das Abendkleid, das neue, weiße Abendkleid ... Aber das Mädchen hatte verzweifelte Augen, als es antwortete, ob venn Jeanette vergessen habe, daß es in Jeanettes Atelier hinge, weil ... nun, aus irgendeinem Grunde, wahrscheinlich, weil eine Blums, eine Schnalle, eine Raffung geändert werden sollten! Jeanette, nicht gewöhnt, daß etwas nicht klappte und dem Willen entgegenging, faß wenige Minuten später, nach wilder Fahrt durch Verkehrsampeln, Konkurrenzautos und unzählige Radfahrer, vor dem großen, erleuchteten Spiegel in dem weihen Anprobierzimmer ihres Geschäftes und schminkte sich. Ein Mädchen war natürlich mitgeschleppt worden und bekam, zwischen Cremes, Puder und Rouge, ihre kurzen Anweisungen. Schnell die Bürste, — rasch das Unterkleid, — geben Sie noch einmal den Lippenstift her!... Es ging sehr schnell, aber es ging durchaus sorgfältig zu, — das Gesicht, das nach einigen Minuten aus der strahlenden Spiegelwand blickte, war frisch, jung, zart und mit jener uniformen Maske guter Schminkkunst überzogen, die man so gerne trug. Aber die Hände! Das Rot der diversen Cremes, Schwarz des Augenstiftes und das Beige des Puders machten aus ihnen die Hände eines Malers, der nach schwerer Arbeit die Palette hinlegt. Also unter die Wasserleitung damit, trotzdem die Waschgelegenheit hier in diesem entsetzlichen Geschäft den Gipfel alles Primitiven mit Leichtigkeit erreichte. Aber wo findet man ein Stück Seife, mein Gott, es wird sich doch in diesem von Kultur verlassenen Laden noch ein Stück Seife auftreiben lassen? — O ja, da liegt es, ein Stück großer, dunkelgrüner, fetter Schmierseife, von der Reinemachefrau vergessen, und schaut lockend nach Jeanette hin. Nein, denkt Jeanette, danke sehr, das kann ich nicht! Aber es gibt ja keinen anderen Ausweg, das klare Wasser, noch dazu von der reinlichen Kälte des Leitungswassers, durch keine Warmwasserversorgung gemildert, wird diese Malspuren niemals fortnehmen können! Und mit raschem Entschluß, kopfüber sozusagen, stürzte sich Jeanette in die un- vermeindliche Reinigung mit Schmierseife. Sie wusch, gründlich, ehrlich, mit Sorgfalt und durfte mit dem Resultat zufrieden fein. Die beiden ' hübschen, appetitlichen Pfoten waren sauber, weiß, die Nägel nach einigem Reiben mit dem Taschentuch von ordentlichem Glanze. Aber es roch! Es roch entsetzlich, — und als Jeanette, fertig angezogen, ganz weiß, glitzernd, strahlend und elegant vor dem Spiegel stand und ihre beiden Hände beroch, war sie beinahe entschlossen, im letzten Augenblick zu streiken. Kein Eau de Cologne im ganzen Laden, von Parfüm ganz zu schweigen, — die einzige Flasche irgendeines primitiven Lavendel- wassers, das man sich verächtlich über die Hände hätte gießen können und an dessen Existenz man sich im Augenblick schmerzlich und sehnsüchtig erinnerte, glanzte, gut verschlossen, hinter den großen Scheiben eines Lagerschrankes. Nicht fahren ist feige, konstatierte Jeanette bei sich, — aussehen wie eine Königin und riechen wie eine Reinemachefrau, ist mutig und gewagt. Damit stand der Entschluß fest, dessen Ausführung mit einem neuen Werfen in eine Autotaxe begann und mit einem leisen Entree in die Premiere des Theaters endete, gerade kurz vor dein Beginn der großen Pause. Aufklärung, Wiedersehen, Versöhnung mit dem prominenten Freund, der, gut gelaunt und stets geneigt, zu verzeihen, bald alle Schuld auf sich nahm, füllten die ersten Minuten, — aber sie kannten Jeanette nicht von dem Eindruck befreien, von dem beunruhigenden Eindruck, daß dem Freunde etwas an ihr aufgefallen sei. Sie möge noch einmal ihre Hand zum Kusse geben, sagte man ihr, beim ersten Handkuß des Eintritts habe man einen seltsamen Dust verspürt, und man möchte sich überzeugen, ob man wohl recht gerochen oder ob die erwartungsvolle Nase einem einen kleinen Streich gespielt habe. — „Das ist das Ende!" dachte Jeanette, und versuchte, in den großen Falten des weißen Velourrockes ein Versteck für die kleinen Hände zu finden, „das ist das Ende von allem! Was jetzt folgt, kann nur tödliche Verlegenheit, plötzliche Entfremdung, klägliche Blamage bedeuten!" — Aber der Freund ließ die Hände nicht dort, wo sie sich gerne verborgen hätten, er nahm sie, selbstverständlich und galant, und er küßte die rechte von ihnen, langsam, sie beschnuppernd und mit der Miene des Kenners, der er war. „Du riechst vorzüglich heute abend, kleine Jeanette!" hieß es dann mit anerkennendem Schmunzeln. „Ich kann zwar trotz einiger Kenntnis nicht definieren, wonach du riechst. Was für ein verteufeltes neues Parfüm bat sich die kleine Jeanette da nur ausgedacht? Es erinnert ein wenig an das berühmte Heu-Parfum, das vor einigen Jahren epidemisch war, aber es ist noch ein anderer Duft dabei. Es riecht nach Sauberkeit, Klarheit, Schärfe und frischem Grün, — es riecht nach dir, Jeanette!" — Jeanette, atemlos und perplex, war ohne Ausweg. Geschwindelt mutzte werden, also möglichst geschickt, — das war alles, was sie noch beuten konnte, denn schon sprach sie. — Sie sprach mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln, daß sie seine feine Nase, feinen pointierten Geruchssinn nie unterschätzt habe, datz sie aber doch sehr erstaunt und erfreut fei, sich sofort fo "verstanden zu sehen. Wirklich, es sei ein ganz neues Parfum, das sie heute zum ersten Male ausprobieren wolle, offengefagt und unter Diskretion, fei es eine von mir erfundene Mischung. Und Mefer^Hundinq jedoch muß ein Sonderling sein, Hat er nicht den Herd in einem hohlen Baum untergebracht, wie irgendein Wilder seine Feuerstelle? Blak ist jo genügend dort, denn die ungeheure, phantastisch wie e ne alte Olive verdrehte Eich« füllt den ganzen Buhnenraum. Elche, immer ist von einer Eiche die Rede, wenn sie auch wie eine Ol.venlmde «ussieht. Es müßte jo eigentlich eine Esche sein — rauschend-beklemmen- der Hinweis auf Pagdrasil, die bebende Weltesche. In ihr steckt, tiefstes Dann k^mm^Fmu Hunding. Ganz in fließender Seide, stilecht, passend zu Baumhühle und Kasfernkraal. Man sieht, daß die Textilindustrie m Walhall bedeutsame Fortschritte gemacht hat. Wie Siegmund unter der fortgesetzten Leidenschaftssteigerung einer unerreichten musikalischen Ausdruckswelse an den Schwert, naus herantritt während der ganzen lodernden Szene — heiligster Mmne höchste Not,' sehnender Liebe sehrende Not! Rötung! Rötung, »eidlicher Stahl, steht Sieglinde abgewendet mit hochgefalteten Händen, erstarrt zu einer gotischen Madonna mit beachtenswertem Faltenwurf. ♦ Als Muster für das wilde Felsengebirge diente die zerbrochene Fingals- höhle auf Staffa. Wotan betritt sie in Mokkastns, ein ““'a auch Hamlet in Frack und Wilhelm Tell vor Plüsch, und wenn das am grünen Holz m Berlin geschieht was soll am heiteren Himmel Roms werden? Es gibt eben eine Auffassung, gegen die selbst Götter vergebens kämpfen. Die Sache fing vorschriftmäßig damit an daß ein gehetzter Flucht- sing vor einem Gewittersturm in die sichere Hütte Hundings stürzt, - rausten toben die Elemente und es regnet schrecklich und man steht das, denn d es« Hütte hat kein schirmendes Dach. Vielleicht ist es «in Kaffernkraal. Innerhalb der Pallllade fällt merkwürdigerweise kein Tropfen. Siegmund ^^Herd,^heMger"Herd?'SInn und Brennpunkt germanischer Kultun Zuflucht für Familie und Gäste, sogar sür den Feind. Heistg dem Manne wie das Feuer der Vestalinnen in Rom. An der geschütztesten Stelle des Oie gehörnte Walküre. Von G u st a v W. C b e r l e i n. Rom, Saison 1930. Es ist halt doch arg weit von Bayreuth nach Rom. Tenöre können, telegraphisch bestellt, im Flugzeug über die Berge sausen, die Musik, sogar die Wagnersche, läßt sich im Bruchteil einer Sekunde liefern, da gibt es gar keine Entfernungen Aber der germanische G-ist? Oder, was noch etwas ganz anderes ist, der Geist Germamens. Den Schlafwagen kann Wotan nicht leiden. In der römischen Sonne kriegt er Kopfweh. Die Leute dort verstehen ihn nicht. Seine flüchtigen Gastspiele mißraten daher fast immer. Wie wollen Sie, daß die Römer ein Waldweben begreifen, nachdem weder einen Wald, noch Weber dafür haben, Singvögel? Em ltalicm- icher Siegfried wäre ohne Schrotspritze darin gar nicht denkbar. Und erst der Göttervater! Ein Mensch in Schlapphut und mit einem verbundenen Auge, wo er in Zivil auftritt, sonst eine unbegreifliche Lanze zu einer — |a, zu was für einer Uniform? Das ist immer die große Frage. Kem Kammerunteroffizier kennt sich da aus. Den italienischen Regisseuren tritt der Angstschweiß auf die Stirne, wenn sie einmal den Auftrag bekommen, die Wagnerschen Regiebemerkungen etwas moderner aufzufassen. In dieses Stadium sind sie in Rom getreten. Man hat das alte Co- stanzi modernisiert, zu einer königlichen Galaoper umgestaltet, da konnte man das trad tionelle Bayreuther Gerümpel natürlich nicht mehr brauchen. Ehre wem Ehre gebührt! Auch der deutsche Meister soll einen neuen Anzug haben. Er ist herrlich. # Jetzt passen diese Halbwilden, die in den finsteren teutonischen Forsten hausen, endlich zu den erdbeerfarbenen Fauteuils des Parketts. Früher traten sie immer halbnackt aus, mit Fellen und so, das geht nicht. Das gstckt sich nicht für die Bühne, denn das ist ein Vorrecht der vornehmen amen in den Logen. Ja diese erdbeerfarbenen Fauteuils! Sie find der Stolz der Stadt, die nach Muffolini zur Hauptstadt der Welt auserkoren ist. Man muh beben« roas er da von dem frischen Grün gesagt hatte, das st'wme ganz be- ia auch sie fände, daß das Parfum außeroiceuti.ch „grün röche! Und'wenn sie ihm einen Namen geben solle, so müsse das Wort nriin" be stimmt eine führende Rolle darin spielen.-- ”ö Nun die Pause war erst im Anfang, man promenierte hm und her man traf sich und die kleine Hand Jeanettes mußte manchen -Handkuß über sich ergehen lassen. Der Freund, verbindlich und korrekt ihr zur Seite versäumte nicht, auf das aufmerksam zu machen, was Jeanette heute' als besondere Sensation, vorbereitet zu haben sch.en. »Wie finden Ai- dab Jeanette heute riecht?" fragte er den Kritiker X., und der Maler der bereits nach fünf Minuten um die Neuigkeit wußte, kam ^tra an Jeanette heran" um die Erlaubnis bittend, den Duft des neuen und wie man jagte, so reizvollen Parfums eindringlich zu genießen. Jeanette schwebte in Ängst und Not, denn e i n d r i n g l' ch war der Geruch ihrer Hände wirklich, wenn dies vielleicht auch di« einzige Eigen- ia ft war die sie dem Duft zusprechen konnte. Em Zuruck gab es nicht K und'das neue Parfum war so sehr Gespräch dieser Pause, Mittelpunkt von Lachen, Flüstern und Drohen, daß der nächste Morgen schon KTSÄ“ Ä M*!jÄ” W« Ihres Parfums gehört, Madame," ein Bündel bemerkenswerter Ro,en nntia überreichend Sie find ein Geschäftsmann wie ich, und so bm ich gekommen, um Ihnen einen rein geschäftlichen Vorschlag zu machen, der für Sie und für mich von großem Nutzen fern wird. Sie haben das Barium erfunden — ich werde es destillieren, bereiten, verpacken und auf ben Markt werfen. Wir werden es Miracle de Jeanette" nennen unb ick glaube Ihnen prophezeien zu können, daß Sie Ihren Mobe- stilon bald aufgeben dürfen und wenigstens einige Zeck 9°nug Hecken, um in aller Ruhe unb Lieblichkeit dieses Leben mckanzusehen. Wollen Sie ch" liebenswürdig "eck und mich das famose Parfum einmal riechen ^Jeanette faß da, blaß und erschüttert, wie nicht anders zu eroarten ift. „Es existiert nicht, das Parfum," sagte sie endlich mckMilcht eben fpffpr Stimme verstehen Sie, mein Herr, es ist nicht cci. ' Ich verstehe" Madame vollkommen," sagte der Meister, „und ich bin gern bereit, die 20 v.H. Beteiligung am Reingewinn, die ,ch Madame vorschlagen wollte, in 33; v. H. zu erhöhen, wenn ... Mein Gott," rief Madame, und wenn ihr das Weinen gelegen hätte, so hätte sie bestimmt geweint, „M'Wn Sie 6en" 'S das Parfum nicht zeigen kann, weil es Nicht existiert, weil ... Und mit leiser allmählich von Lachen unterbrochener Stimme vertraute Madame dem großen Meister die Geschichte von der grünen Seife an. - Der lachte nicht im geringsten, er wurde noch ernster, als er es bisher gewesen mar. „So haben Sie nichts weiter zu tun, als zu ickweiaen unb dieses Geheimnis fo«zu begraben, daß Sie selost nichts mehr davon wissen. Sie müssen anfangen, an Ihr Parfum zu glauben, As ist das einzige, wasich von Ihnen verlange. Alles übrige, meine ÄICKm nächsten^ Tag'erhielt Jeanette einen korrekten Vertrag jugefanbt, Jen sie nach eingehendster Prüfung für gut befand und lachend unter« ichrieb Unb nach weiteren vierzehn Tagen fah sie unb mit ihr die begeisterten Bewohner dieses angenehmen Viertels in allen «Parfümerie« gefchüften und Friseurläden eine große, magisch beleuchtete ede ge- Ick'iffene Flasche glänzen, aus der eine Flüssigkeit, von der uckenstv grünen Farbe einer stürmischen See, lockend und unwiderstehlich strahlte, darüber stand, in großen, grünen, phantastisch geschriebenen Buchstaben. „Das neue Parfum der Stunde!" „Le reve vert!" ein solches untadeliges Blau, eine so natürliche Luft sah man noch nie. Und Ixe Walküren ließ er, hier war die Verwendung modernster Mittel am Platze, tatsächlich, silmisch erfaßt, durch die Wolken sprengen. „Wild wiehert, schrecklich schnaubt cs daher" — über dem sonnigen Rom! Wärme und Temperatur. Von Dipl.-Jng. Arnold Meyer. Wärme und Temperatur? höre ich erstaunt fragen, ist das nicht dasselbe? Einen Augenblick: Wenn du bei strenger Kälte im Zimmer sitzt, bleibt dir nichts übrig, als eine den Aufenthalt erträglich machende Temperatur künstlich herzustellen, indem du den Ofen heizst Ist dein Zimmer groß, so mußt du dazu bekanntlich eine ziemlich schwere Bresche in deine Kohlenvorräte schlagen, eine schwerere jedenfalls, als für ein kleines Zimmer nötig wäre. Was bedeutet das? Es liegt auf der Hand, daß um so mehr Wärme, exakt gesprochen: eine um so größere „Wärmemenge", erzeugt wird, je länger ein Ofen brennt; um so mehr Kohlen aber verbraucht er auch. Mit anderen Worten: je mehr Brennstoff verheizt wird, eine desto größere Wännemenge entsteht, sie ist ursprünglich in der Kohlenmenge enthalten und wird durch die Verbrennung nutzbar gemacht. Trotzdem ist in unserem Beispiel, wenn wir im Falle des großen Zimmers der größeren Kohlenmenge ihren Wärmevorrat abzapfen, der Erfolg der gleiche, wie im Falle des kleinen bei Verbrennung der geringeren Menge, denn mir erzielen beidemal die gleiche Z mmertemperatur. Also? Wärme und Temperatur sind nicht das gleiche! Wie aber hängen sie zusammen? Um 1 kg Wasser zum Kochen zu bringen, d. h. es von feiner ursprünglich vielleicht 20 Grad betragenden Temperatur auf 100 Grad zu erhitzen, muß man eine bestimmte Menge Kohlen verbrennen, und das bedeutet, wie wir eben erfahren haben, es ist eine ganz bestimmte Wärmemenge erforderlich. Jeder anderen Wassermenge muß zu dem gleichen Zweck eine entsprechend größere oder kleinere Wärme zugesllhrt werden. Wollen wir anderseits die' Flüssigkeit nicht aus 100 Grad, d. h. um 80 Grad, sondern um eine andere Anzahl von Graden erwärmen, so wird dazu ebenfalls entsprechend mehr oder weniger Wärmemenge benötigt. Wir haben also festzustellen, daß die Menge des zu erwärmenden Wassers und die herbeizuführende Temperaturerhöhung auf die Wärmemenge in gleicher Weise einwirken. Aendern sie sich beide, so üben sie ihren Einfluß beide aus, und der Erfolg steigert sich entsprechend. Gehen wir also von der Erwärmung von 1 kg Wasser um 1 Grad aus, so braud)en wir für 2 kg und 2 Grad das Vierfache, für 3 kg und 3 Grad dis Neunfache (nicht etwa, wie eine einfache Ueberlegung lehrt, das Sechsfache), für 5 kg und 10 Grad das Fünfzigfache (nicht das Fünfzehnfache) an Wärmemenge wie im ersten Fall usw. Die zur Erwärmung von 1 kg Wasser um 1 Grad erforderliche Wärmemenge hat man als Maßeinheit eingeführt und „Kilokalorie", abgekürzt Kcal., genannt (früher „Wärmeeinheit", WE). Daß wir die Sßärme nicht in Graden angeben können, sondern zur Bestimmung ihres jedesmaligen Wertes ein besonderes Maß brauchen, ist für uns selbstverständlich, nachdem wir eingesehen haben, daß Wärmemenge und Temperatur verschiedene Dinge sind. Für die Zahkenbeispiele am Schlüsse des vorigen Absatzes ergibt sich dann, daß dem Wasser im ersten Fall 1 Kcal., im zweiten Kall 4 Seal., im dritten 9 Seal., im vierten 50 Kcal, zugeführt werden müssen. Man braucht also nur die Anzahl der Kilogramm mit den Graden der gewünschten Temperaturerhöhung zu multiplizieren, wenn man die erforber(id)e Wärmemenge in Kilokalorien erhalten will. Ilm ein Kilogramm Wasser zum Kochen zu bringen, es also um etwa 80 Grad (siehe oben) zu erhitzen, werden mithin 80 Kcal benötigt. Es fragt sich nun, wie die Dinge liegen, wenn nidst Wasser, sondern irgendein anderer Stoff erwärmt wird. Die Frage ist schnell beantwortet. Auch bei ihnen gilt, daß eine desto größere Wärmemenge zugeführt werden muß, je mehr Kilogramm und um je mehr Grad sie erwärmt werden müssen. Es ist also gleichgültig, um welchen Stoff es sich handelt? Das nid>t, stellt man die oben angeführte Wassererwärmungsversuche genau, z. B. mit Eisen an, so zeigt sich, daß in jedem Fall nur reichlich der zehnte Teil der Wärme gebraucht wird wie dort. Wenn wir also die jeweils erforderlichen Wärmemenaen in Kilokalorien ausdrücken wollen, müssen wir zunächst wie beim Wasser die Anzahl der Kilogramm mit der Temperaturerhöhung in Grad, das Ergebnis dann aber weiter mit ein Zehntel, genauer mit 0,115 multiplizieren. Nehmen wir statt Eisen Glas, so ergeben sich gegenüber Wasser fünffach kleinere Werte, wir haben also die Produkte der Kilogramm und Grad mit ein Fünftel oder 0.2 zu multiplizieren, um die Kilokalorien zu erhalten. So hat man für jeden Körper eine Zahl gefunden, die durch Multiplikation mit dem Gewicht und der zu erzielenden Temneratursteigerung die erforderliche Wärmemenge in Kilokalorien ergibt. Diese Zahlen werden als „spezifische Wärme" des betreffenden Körpers bezeichnet. Der Spieß läßt sich auch umdrehen, und man kann das gefundene Gesetz zu der Feststellung benutzen, um wieviel eine bestimmte Gewichtsmenge eines Körpers bei Zuführung einer gewissen Wärmemenge heißer wird. Bisher haben mir stillschweioend vorausgesetzt, daß jeder Körper _i>le ihm zugeführle Wärme null) festhalten und voll für sich ausnutzen, näni- uch zur Steigerung seiner Temperatur verwenden kann. Das ist jedoch meist nickt der Fall. Wir hörten, daß zum Erhitzen von 1 kg Wasser bis «um Kochen 80 K-al. erforderlich sind. Führen wir aber diese Wärmc- rnenge einem kg Wasser im Freien bei kaltem Wetter zu, so stellt fid) Waus, daß die Wasfertemp-ratur bei weitem nicht auf 100 Grad steigt. Was ist geschehen? Sehr einfach, nürb man erwidern, die kalte Luft wirkt abkichlend. Das ist richtig, wir müssen aber den Vorgang etwas schärfer uufsaslen. Wenn man zwei Zimmer von verschiedener Temperatur mit- etnanber oerhinM, so kann man nach einiger Zeit feststellen, daß in beiden die gleiche Temperatur herrscht, lind Zwar liegt sie zwischen den ur- sprimgl'chxn Temperaturen, der des größeren um so näher, je mehr dieses an Größe überwiegt. Man sagt bann, die Temperaturen haben sich „ausgeglichen". Ganz ähnlich liegen die Dinge bei dem Wafserversuch im Freien. Die höhere Temperatur des Wassers sucht sich mit der niedrigeren der Lust auszugleichen, so daß bei Beendigung des Heizvorganges die Flüssigkeit viel wen.ger heiß ist, als der durch Verbrennung der betreffenden Kohlenmenge zugeführten Wärmemenge entsprechen würde, lieber» läßt man nun das Wasser sich selbst, so setzt es, von weiterer Wärmezufuhr unbehelligt, den Temperaturausgleich fort, und da die Lust an Menge ungeheuer überwiegt, stellt sich schließlich eine Temperatur ein, die der Lufttemperatur nicht unterscheidbar naheliegt, kurz gesagt, das Wasser nimmt die Lufttemperatur an. Man kann die Sache auch so auf» fassen, daß die Wärme des Wassers an die Lust übergegangen ist, daher konnte die während des Heizens zugeführte Wärme nicht vollständig zur Erhöhung der Wassertemperatur dienen. Denken wir uns die Sache auf die Spitze getrieben, so daß (was praktisch nicht vorkommt) die zugeführte Wärme sofort restlos nach außen abgegeben wird, dann bliebe die Wassertemperatur auch bei dauernder Wärmezufuhr unverändert. Alles das ist von größter Bedeutung: die Neigung, einen Temperaturausgleich mit der Umgebung herbeizuführen, besteht immer, ein Teil der einem Körper zugeführten Wärmemenge geht stets in die Luft über, nur der Rest kommt dem Körper selbst zugute und steigert seine Temperatur gemäß dem von uns tennengelernten Gesetz. Um diesen Rest möglichst groß zu halten, muß man zu künstlichen Hilfsmitteln greifen, durch d.e der Wärmeübergang gehemmt wird. Dazu dienen die „wärmeisolierenden" Stosse (Wolle, Seide, Hanf, Werg u. ä.), mit denen man den zu schützenden Körper umgibt, wie man cs z. B. beim Dampfleitungen sieht. Vollständig verhindern läßt sich der Temperaturausgleich zwischen zwei verschiedenen warmen Körpern niemals, man drückt ihn so weit herunter, daß es für die vorliegenden Verhältnisse praktisch ausreicht und der erzielte Vorteil nicht durch den Nachteil eines übermäßigen Aufwandes an Isolierstoff ausgeglichen wird. Das Verhalten eines Körpers in bezug auf die Wärmeausstrahlung hängt vor allem von feiner Oberfläche ab; je größer diese ist, desto mehr besteht die Neigung zur Wärmeabgabe, und das ist auch leicht einzusehen. Die Oberfläche 'ist das Bermitilungsorgan zwischen Körper und Luft, durch sie muß die austretende Wärme hindurch; je mehr sie sich m t der Luft berührt, desto mehr wird der Austauschvorgang befördert. Führen wir zwei Körpern aus gleichem Material und von gleichem Gewicht, jedod) verschiedener Oberfläche, gleiche Wärmemengen zu, so wird der mit kleinerer Fläche heißer. Aus dieser Tatsache müssen in der Praxis je nach den Umständen ganz verschiedene Folgerungen gezogen werden. Einmal gibt es Fälle, in denen es auf möglichste Beschränkung der Wärmeabgabe änkommt. Würde man ein Dampfrohr rechteckig ausführen, so wäre seine Oberfläche größer als das eines kreisrunden Rohres von gleichem Querschnitt, und der Wärmeübergang wäre ausgiebiger, in diesem Falle ungünstiger (daß die meisten Rohrleitungen aus anderen Gründen ohnehin kreisförmig ausgeführt werden, ändert an dem Sachverhalt nichts). Für den entgegengesetzten Fall bilden die Heizkörper der Zentralheizungen ein Beispiel. Hier sollen die in dem Dmnpf oder Wasser enthaltene Wärme gerade nachhaltigst itad) außen abgegeben werden, und deshalb bestehen die bekannten „Radiatoren" aus einer Reihe von Falten oder Taschen, die nichts anderes bezwecken, als eine Vergrößerung der Oberfläche und damit eine Steigerung der Wärmeabgabe. Damit genug. Wir sind uns klar geworden, daß die Temperatur eines Körpers mit der ihm zugeführten Wärmemenge in engem Zusammenhang steht, außer von ihr aber noch von einer Reihe weiterer Faktoren abhängt, die oft eine entscheidende Rolle spielen. Gleichbedeutend sind also IBärmemenge und Temperatur ganz und gar nicht. Wären sie es, wir hätten manchmal Grund, uns darüber zu freuen; wie angenehm würden wir es z. B. empfinden, wenn wir aud) im geheizten Zimmer durch Offenhalten der Fenster dauernd für gute Luft sorgen könnten! Dem stände nicksts im Wege, wenn sich mit einer bestimmten Kohlen- bzw. Wärmemenge unter allen Umständen dieselbe Temperatur Herstellen ließe. So aber dürfen wir im Winter die Maßnahme des Lüftens nur mit Beschränkung auf das unbedingt Notwendige anwenden, weil sonst infolge des Temperaturausgleichs mit der Außenluft die durd) unseren Brennstoff erzeugte Wärmemenge nicht ausreichen würde, die gewünschte Temperatur im Zimmer herzustellen, oder aber, weil wir, um sie doch zu erzielen, viel mehr Kohle verbrennen, somit unser Heizmaterial verschwenden mühten. Gin schlichtes Herz. Erzählung von Gustave F l a u b e r t. iFortictzung.) Während mehrerer Monate blieb sie stumpf auf ihrem Zimmer. Felicitas machte ihr leise Vorwürfe, sie müsse fid) um ihres Sohnes willen erhalten und für die andere, in Erinnerung „an sie". „Sie?" wiederholte Frau Aubain wie erwachend. „Oh! Ja... ja! Du vergissest sie nicht!" Das war eine Anspielung auf den Kirchhof, den man ihr aufs entschiedenste verboten hatte. Felicitas begab sich alle Tage hin. Schlag 4 Uhr ging sie an den Häusern entlang, erstieg den Hügel, öffnete das Gitter und gelangte vor das Grabmal Virginies. Es war eine kleine Säule aus hellrotem Marmor mit einer Fliese darunter und Ketten ringsherum, die ein Gärtchen einfaßten. Die Grabsteine verschwanden unter einer Blumendecke. Sie benetzte ihre Blätter, erneuerte den Sand und kniete sich nieder, um die Erde besser zu bearbeiten. Als Frau Aubain hinkommen durfte, empfand sie eine Erleichterung, eine Art Trost dabei. Dann verstrichen Jahre, die einander ganz gleich waren und keine anderen Zwischenfälle hatten als die Wiederkehr der großen Feste: Ostern, Himmelfahrt, Allerheiligen. Häusliche Ereignisse bildeten denkwürdige Tage, in die man sich später zurückversetzte. So verkitteten im Jahre 1825 zwei Glaser die Scheiben im Treppenslur, 1827 fiel ein Teil des Daches in den Hof hinab und hätte beinahe einen Menschen erschlagen. Im Sommer 1828 kam die Reihe an die gnädige Frau, das heilige Brot darzu- war, um Rat. (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'fche UniverfitätS'Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehen. reichen: Vourais entfernte sich um diese Zeit auf rätselhafte Weise, und die alten Bekannten gingen allmählich von hinnen: Guyot, Liebard, Frau Lechaptois, Robclin und der Onkel Gremanville, der schon lange gelahmt ^^Eines'Nachts verkündete der Postkutscher zu Pont-l'Eveque die Juli- Revolution. Wenige Tage darauf wurde «in neuer Unterprasekt, Baron von Larsonniere ernannt, welcher Konsul in Amerika gewesen war und allster seiner Frau seine Schwägerin mit drei schon ziemlich großen Töchtern bei sich hatte. Man sah sie auf ihrem Rasen, in flatternde Blusen gekleidet: sie hatten einen Neger und einen Papagei in ihrem Besitz. Frau Aubain empfing ihren Besuch und verfehlte nicht, ihn zu erwidern Wenn sie in der Ferne auftauchten, eilte Felicitas herbei, um Frau Aubain zu benachrichtigen. Aber nur eine Sache war einzig imstande, sie zu erregen. Die Briefe ihres Sohnes. ,.. . , . Er konnte keine Laufbahn verfolgen, da ihn die Wirtshäuser zu sehr in Anspruch nahmen. Sie bezahlte ihm seine Schulden, er machte neue, und die Seufzer die Frau Aubain, am Fenster strickend, ausstieh, drangen bis zu Felicitas, die in der Küche ihr Spinnrad drehte. Sie gingen zusammen längs des Spalieres spazieren und sprachen stets von Birginie, indem sie sich fragten, ob diese oder ,ene Sache ihr gefallen haben würde oder was sie bei dieser oder jener Gelegenheit wahrschem- lich gesagt hatte.jnen ^enstände füllten in dem Zimmer mit den zwei Betten einen Wandschrank. Frau Aubain besichtigte sie Jo fetten wie möglich. An einem Sommertag entschloß sie sich dazu, und Falter schwirrten aus dem Schrank« hervor. Ihre Kleider hingen aufgereiht unter einem Brett, aus dem drei Puppen lagen, Spielreifen, ein Besteck und der Napf, besten sie sich bedient hatte. Sie zogen auch di« Unterröcke, die Strümpfe und die Taschentücher hervor und breiteten sie auf den beiden Betten aus, ehe sie sie wieder zusammenlegten. Die Sonne beleuchtet« diese armen Gegenstände und machte die Flecken und die Falten sichtbar, welche die Bewegungen des Körpers gebildet hatten. Die Luft war heiß und blau, eine Amsel zwitscherte, alles schien in tiefer Wonne zu leben. Sie fanden einen kleinen, kastanienfarbenen Hut aus langhaarigem Plüsch wieder, aber er war ganz vom Wurm zerfressen. Felicitas bat ihn sich aus. 3f)re .„fGen blieben ineinander haften und füllten sich mit Tranen, endlich öffnete die Herrin ihre Arme, die Magd warf sich hinein, und sie umschlangen einander und stillten ihren Schmerz in einem Suffe, der sie einander Das"war das erste Mal in ihrem Leben, denn Frau Aubain war nicht weichherzig veranlagt. Felicitas war ihr dafür erkenntlich wie für eine Wohltat iind liebte sie fortan mit einer tierischen Ergebenheit und religiösen Verehrung. Ihre Herzensgüte entwickelte sich. _ Wenn sie in Der Straß« die Trommeln einer marschierenden Soldatenschar vernahm, stellte sie sich mit einem Mostkrug vor di« Tur und bot den Soldaten zu trinken. Sie pflegte Cholerakranke, ft« beschützte die Polen, und es befand sich sogar einer darunter, der erklärte, sie heiraten zu wollen. Aber sie erzürnten sich, denn eines Morgens, als sie vom . Angelus zurückkam, fand sie ihn in ihrer Küche, wo er sich eingeschlichen und sich einer sauren Suppe bemächtigt hatte, die er ruhig verzehrte. Nach den Polen war es Vater Colmiche, ein Greis, der im Jahre 93 Greueltaten verübt haben sollte. Er lebte am Flußufer in dem verfallenen Mauerwerk eines Schweinestalles. Die Gassenbuben belauerten ihn durch die Mauerritzen und warfen mit Steinen nach ihm, welche auf sein armseliges Bett niederfielen, auf dem er dauernd von einem Katarrh geschüttelt mit sehr langen Haaren, entzündeten Lidern und einer Geschwulst am Arme lag, welche größer war als sein Kopf. Sie versah ihn mit ■ Wäsche, versuchte fein Schmutzloch zu reinigen und träumte davon, ihn im Waschhause unterzubringen, ohne daß di« gnädig« Fran dadurch gestört werden sollte. Als das Geschwür aufgegangen war, verband sie ihn alle Tage, brachte ihm manchmal Kuchen und setzte ihn auf ein Stroh- bündel in die Sonne, und der arme Alte dankte ihr speichelnd und zitternd mit seiner erloschenen Stimme, fürchtete fie zu verlieren und streckte seine Hände nach ihr aus, so wie er sie sich entfernen sah. Er starb, und sie ließ eine Messe für di« Ruhe seiner Seele lesen. An jenem Tag widerfuhr ihr ein großes Gluck: um die Zeit des Mittagessens stellte sich der Neger der Frau von Larsonniere ein, in der Hand den Papagei in seinem Käfig, die Stange, die Kett« und das Schloß. Ein Bries der Baronin meldete Frau Aubain, daß fie, da ihr Mann in ein« Präfektur erhoben fei, abends abreisen würden, und sie bat, den Vogel als ein Andenken und ein Zeichen ihrer Hochachtung annehmen zu wollen. Er beschäftigte feit langem Felicitas' Phantasie, denn er kam aus Amerika, und dieses Wort erinnerte sie so sehr an Viktor, daß sie sich bei dem Neger danach erkundigte. Einmal hatte sie sogar gesagt: „Wie glücklich würde di« gnädige Frau sein, ihn zu besitzen.' Der Neger hatte dieses Gespräch seiner Herrin wieder erzählt, und da diese den Vogel nicht mitnehmen konnte, entledigte fie sich seiner auf diese Weise. Er hieß Lulu. Sein Körper war grün, die Enden seiner Flügel rosa, seine Stirn blau, und seine Kehle golden. Er besah aber die ärgerliche Sucht, seine Stange zu zerbeißen, rupfte sich die Federn aus, warf seinen Unrat umher und verschüttete das Wasser seines Badekastens: Frau Aubain, die er belästigte, schenkte ihn für immer Felicitas. Sie unternahm es, ihn zu unterrichten, und bald rief er: „Lieber Junge! Ihr Diener, mein Herr. Ich grüße Sie, Marie!" Er erhielt seinen Platz neben der Tür, und viele verwunderten sich, daß er nicht auf den Namen Jakob hörte, da doch alle Papageien Jakob hießen. Man verglich ihn mit einer Pute, einer Gaus: das waren ebenso viele Dolchstöße für Felicitas. Welch absonderlicher Eigensinn war es auch von Lulu, nichts mehr zu sprechen, sobald man ihn ansah. Nichtsdestoweniger sehnte er sich aber nach Gesellschaft, denn am Sonntag, während die Damen Rochefeuille, Herr von Houppeville und neue Freunde: der Apotheker Onfroy, Herr Bärin und der Hauptmann Mathieu ihre Parti« spielten, schlug er mit seinen Flügeln an die Scheiben und gebärdete sich so wütend unbändig, daß es unmöglich war, sich zu ver- fielen. Die Gestalt Sourais’ erschien ihm zweifellos sehr spaßhaft. Sowie er seiner gewahr wurde, fing er an zu lachen, zu lachen mit allen seinen Kräften. Die Ausbrüche seiner Stimme drangen bis in den Hof, das Echo wiederholte sie, die Nachbarn stellten sich an ihre Fenster und lachten auch, und um von dem Papagei nicht gesehen zu werden, drängte sich Herr Sourais, sein Gesicht mit dem Hut verhüllend, an die Mauer, erreicht« so den Fluß, trat dann durch die Gartenpforte ein, und die Blicke, die er dem Vogel zuwarf, ermangelten der Zärtlichkeit. Lulu hatte vorn Metzgergesellen einen Nasenstüber bekommen, weil er sich erlaubt hatte, den Kopf in seinen Korb zu stecken, und seitdem ver- suchte er stets, ihn durch fein Hemd hindurch ins Fleisch zu kneifen. Fabu drohte ihm den Hals umzudrehen, obgleich er trotz der Tätowierung seiner Arme und trotz seines großen Backenbartes nicht grausam war. Im Gegenteil! er hatte vielmehr «ine Neigung zu dem Papagei, die sogar so weit ging, daß er ihm aus Uebennut Flüche beibringen wollte. Felicitas, welche diese Umgangsformen erschreckten, stellte ihn in die Küche. Seine Kette wurde ihm abgenommen, und er durste frei im Hause umhergehen. Wenn er die Treppe herunterstieg, stemmte er die Krümmung seines Schnabels auf die Stufen und hob zuerst das rechte Bein, bann das linke: Felicitas lebte in steter Angst, diese Turnerei möchte ihm Schwindel verursachen. Er wurde krank und konnte nicht mehr sprechen noch fressen. Unter feiner Zunge hatte sich eine Verdickung gebildet, wie sie manchmal die Hühner haben. Sie heilte ihn, indem sie dieses Knötchen mit ihren Nägeln herausriß. Eines Tages beging Herr Paul die Unklugheit, ihm den Rauch einer Zigarre in die Nasenlöcher zu blasen-, ein andermal reizt« ihn Frau ßormeau mit der Spille ihres Sonnenschirmes, er riß die Zwinge ab; zuletzt endlich kam er abhanden. Sie hatte ihn zur Erfrischung ins Gras gesetzt, entfernte sich auf eine Minute und fand, als sie zurückkam, keinen Papagei mehr! Zuerst suchte sie ihn in den Büsc^n, am Rand des Wassers und auf den Dächern, ohne aus ihre Herrin zu hören, welche ihr zurief: „Nimm dich doch in acht! Du bist verrückt." Dann suchte fie alle Gärten von Pont-l'Eveque ab und hielt die Vorübergehenden an: „Haben Sie nicht vielleicht irgendwann einmal zufällig meinen Papagei gesehen?" Denen, die den Papagei nicht kannten, machte sie eine Beschreibung von ihm. Plötzlich glaubte fie unten am Hügel hinter den Mühlen etwas Grünes fliegen gesehen zu haben. Auf dem ganzen Hügel nichts! Ein Hausierer verfick-erte ihr, daß er ihm soeben in Saint-Melaine in Mutter Simons Laden begegnet fei. Sie lief hin. Man verstand nicht, was sie wollte. Schließlich kam sie zurück, er- chöpft, di« Schuhe in Fetzen, den Tod in der Seele, und wahrend sie mitten auf der Bank neben der gnädigen Frau saß und alle ihre Laufereien erzählte, fiel ihr ein leichtes Gewicht auf die Schulter, Lulu. Was Teufel hatte er gemacht? Vielleicht war er in der Umgegend auf einem Spaziergänge gewesen. . ... Von diesem Erlebnis erholte sie sich nur schwer, oder fie erholte sich vielmehr niemals wieder davon. Infolge einer Erkältung bekam fie eine Halsentzündung, wenige Ze» darauf ein Ohrenleiden. Drei Jahre später war fie taub und sprach seht laut selbst in der Kirche. Obgleich ihre Sünden, ohne Unehre für fie, noch Schaden für die Welt, an allen Ecken der Gemeinde hätten gehört werd-,! können, hielt es der Herr Pfarrer für angemessen, ihr« Beichte nur noch in der 'Sakristei zu empfangen. . , t Täuschendes Ohrensausen verwirrte sie vollends. Ost sagte ihre Herrin zu ihr: „Mein Gott, was bist du dumm!" Sie antwortete: „Ja, gnädige Frau" und suchte etwas hinter sich. Der kleine Kreis ihrer Vorstellungen verengerte sich noch, und ras Läuten der Glocken und das Brüllen der Ochsen erreichte sie nicht mehr Alle Wesen lebten mit der Lautlosigkeit von Gespenstern. Ein einziges Geräusch drang noch bis zu ihren Ohren, die Stimme des Papageis. Wie um sie zu zerstreuen, wiederholte er das Ticktack des Bratenwenders, den gellenden Ruf eines Fischverkäufers und die Säge w« Schreiners, der gegenüberroobnte, und beim Klang der Türglocke machte er Frau Aubain nach: „Felicitas, die Tür, die Tür!" Sie führten lange Zwiegespräche, er, indem er bis zum Ueberdruß Die drei Sätze seines Sprachschatzes wiederholte, und fie, indem ft« daraus im Worten'ohne Folge antwortete, in,denen aber ihr Herz überfloß. Luui war ihr in ihrer Vereinsamung fast ein Sohn, ein Liebhaber. Er klüterte auf ihre Finger, knabberte an ihren Lippen, Hämmerte sich an iyc Busentuch, und da'sie ihre Stirn senkte und ihren Kopf in der Weise der Ammen wiegte, schwankten die großen Flügel der Haube und tue öUigei des Vogels nebeneinander. ., Wenn die Wolken sich türmten und der Donner grollt«, stieß er, vielleicht in Erinnerung an die Regengüsse in seinen heimatlichen Walders laute Schreie aus. 'Das Rieseln des Wassers steigerte seine Raserei, e flatterte außer sich hin und her, stieg an die Decke hinaus, warf altes um und entwich durch das Fenster, um im Garten einherzuwaten, ww aber schnell wieder auf einen der Schemel zurück und zeigte, um (eine Federn zu trocknen, bald feinen Schwanz, bald feinen Schnavei- An einem Morgen des schrecklichen Winters 1837, als fie ihn der Stal« wegen vor den Herd gestellt hatte, sand fie ihn mitten in seinem Kam tot, den Kopf nach unten und die Krallen in den Drähten. Ohne Zweiw hatte ihn ein Blutandrang getötet. Sie glaubte an eine Verg-skung dum Schierling, und trotz des Fehlens jeglichen Beweifes fiel ihr Verdacht au, Fabn. Sie meinte derart, daß ihre Herrin ihr sagte: „So laß ihn w ausstopfen." , fn Sie fragte den Apotheker, der immer gut zu dem Papagei geivep