SietzenerKmnlirnblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang Montag, den 27. Ottober Nummer 83 Der Gteinklopfer. Von Leo Sternberg. Ich schlage nur Steine... Aber siehe, die hochgetürmte Stadt — wie kämst du hinan ohne den Damm, aus meinem Schotter geschüttet, und wer hätte sie aufgegipfelt, hätte ich nicht die Kehren der Straße gewunden, darüber die Fuhren keuchten mit Quadern, Schiefer, Eisen und Gebälk? ... Jetzt in den Himmel ragt sie, vieltürmig und schön... — Verachte nicht mein grobes Hemd und den Fäustling an meiner Hand! Ich habe mitgebaut... Ich bin ein Stein darin... Mein Hammer formte Gipfel dieser Erde. Heimkehr zur Anna. Von Hans N a t o n e k. Das ist die Odyssee des unbekannten Soldaten, die letzte Odyssee des letzten Mannes. Auf einem kleinen Umweg, der über Sibirien, Wladiwostok, Französisch-Nordafrika, Tonking (Hinterindien) führte, ist im März 1930 der österreichische Kriegsgefangene Franz A. aus einem sibirischen Lager heimgekehrt. Die Odyssee, eine Lebensform des Krieges, ist nun zu Ende; und das Idyll, eine Lebensform des Friedens, könnte beginnen. Wenn es für einen Zerstörten, Verschütteten, den die Menschenlotterie des Krieges etwas verspätet ausgelost hat, noch ein Idyll gibt. Franz 21. sitzt vor mir, auf einen dicken Krückstock gestützt. Ein Gesicht, als wäre es von vielen Schlägen oder Stürzen ganz dumpf und taumelig. Es ist keine schmerzliche, es ist beinahe eine angenehme Bewußtlosigkeit; der Ausdruck einer sanften Betäubung, wie manche Rauschzustände ihn Hervorrufen. So sieht die nackte Kreatur aus, die aus einer anderen Welt kommt und in diese nicht paßt, aber vor ihr keine Angst hat. Bekleidet ist Franz A. dementsprechend; ein unmögliches schwarzes Mützchen mit einem lustigen Kopf obenauf — ich glaube, die Radfahrer trugen solchen Kopfschmuck, als die Räder noch Velozyped hießen; ein Rock täuscht feldgrau vor, er ist von halbmilitärischem Schnitt, sozusagen vom Krieg für den Zivilgebrauch abgelegt. Die Hose ist zivil, dafür sind die Schuhe feldmarschmäßig. Dies ist die Entlassungsmontur der letzten Aussiebung, die Kluft, mit der die Fremdenlegion ihr zermürbtes Menschenmaterial heimschickt. So stolpert Franz A. in den Frieden. 1914 zog er, zwanzigjährig und kriegsfreiwillig, in der neuen, in der schönen, in der feldgrauen Uniform hinaus. 1930 kehrte er in der grotesken Bettlermontur der Fremdenlegion aus Oran zurück. Dazwischen liegt: Granatsplitter in der Hüfte und verschüttet in der Schlacht am Styr; die Russen gruben ihn aus. Gefangenschaft, Transport nach Petersburg. Gefangenlager, Briefwechsel mit einer Anna, die mittlerweile ein Kind weiblichen Geschlechts zur Welt gebracht hat, das Franz A. für das feine hält. Transport nach Sibirien. Rückkehr feines Kameraden Paul in die Heimat. Paul nimmt sich die Anna. Viele Sommer gehen über die Felder bei Tomsk. Kriegsende. Viertausend Gefangene bleiben in Sibirien, darunter auch Franz 21. Was soll er in der Heimat? Anna ist tot, und Paul ist gestorben. Das Maß für die Zeit ist ihm verloren gegangen. Er ist unschlüssig. Unschlüssigkeit in Sibirien — das dehnt sich unermeßlich, wie Raum und Zeit, wie alles in der Steppe. So arbeitet Franz A. jahrelang, im Winter an der Straße, im Sommer auf den Feldern. Aber die Straße wird nie fertig; sie frißt sich m die Unendlichkeit. Und jedes Jahr kommt ein Sommer, und die -oauernmädchen kichern int Heu. Europa ist fern, fast schon entschwunden, aber Anna ist nah in ihrem Kinde. Franz A. hat die Rückkehr verpaßt und kennt sich nicht mehr aus. Die Zeit hat ihn vergessen, er hat die Zeit vergessen. Neunzehnhundertundzwanzig, und er ist immer noch Kriegs- Uangener in Sibirien; er kann gehen, wohin er will, aber seit der Verschüttung am Styr ist er nie mehr so recht an die Oberfläche gekommen " »nicht mehr so ganz richtig im Kopf", sagt er selbst. ...Da winkt Europa, endlich zu kommen. Freie Ueberfahrt in die Heimat, Uustert der Werber, wenn du auf dem Schiff arbeitest. So kommst du am laschesten heim. Man bringt Franz A. nach Wladiwostok. Er unterschreibt etwas; er weiß nicht mehr, was es war. Er glaubt, daß unter dem Zettel ein Kopieblatt und darunter ein anderer Zettel gelegen hat. Franz 2t. sitzt vor mir, auf feinen Krückstock gestützt. Das Gesicht ist unregelmäßig, etwas erstaunt und unbeteiligt; in oiesen Augen ist un» geheure Ferne und unsagbare Ruhe. Er redet wenig und langsam und muß sich immer besinnen. Er spricht in seinem Heimatdialekt, wie er an der mährisch-österreichischen Grenze gesprochen wird; als wäre er nicht sechzehn Jahre fortgewesen! als käme er nicht aus Sibirien, Wladiwostok, Tonking und der Oase Medsched bei Oran. Er erzählt unzusammenhängend. Wichtiges und Unwichtiges kann er nicht unterscheiden. „Wissen's Herr, in Afrique (er sagt Afrik, nicht Afrika) haben die Franzosen so ganz kleine Becher (er zeigt mit den Fingern, wie klein sie sind), da kriegten m'r Wein, aber ganz sauren, den könnt' ich nicht vertragen, den hob ich mir gegen Käse eingetauscht ..." Dazwischen liegt: Dienst in der Fremdenlegion, Kämpfe mit Arabern, Verwundung und arabische Gefangenschaft; von den Arabern im Wüstensand bis an den Hals vierundzwanzig Stunden eingegraben. „Wissen's, Herr, die Ameisen, die großen, tun einem in Nase, Mund und Augen kriechen." In den folgenden Kämpfen von den Franzosen aus der Gefangenschaft befreit. Dienst in der Fremdenlegion. Fluchtversuch im Rifkrieg. Von den Franzosen gefangen und zur Strafe nach Tonking (Französisch-Hinterindien) deportiert. In den Reisfeldern bis an den Gürtel nackt im Schlamm wie ein Sklave. Malaria. Völlig zerstört zurück nach Dran. Hier als untauglich selbst für die Fremdenlegion ausgemustert, nach Marseille transportiert und an die italienische Grenze abgeschoben. Odyssee per Schub in die Heimatgemeinde. Die ist inzwischen tschechisch geworden, Oesterreich ist versunken — wie alles, was war, versunken ist. Aber Franz A. will Oesterreicher werden. „Schon weil ich die Große „Goldene" und die silberne Kriegsmedaille hab', wissen's, Herr, und dafür gibt’s 40 Schilling Rente extra." In seiner Heimat erfährt er, daß das Kind der Anna in einer Anstalt in Altona lebt. Und da hat er, der Ziellose, ein Ziel: der Verschüttete rappelt sich auf. Das Kind der Anna ist jetzt sechzehn Jahre, genau so alt, wie Anna war, als er, der Zwanzigjährige, sie liebte. Und da macht sich der Sechsunddreißigjährige, malariakrank, ein Zitterer, ein Wrack, auf den Weg nach Altona. Zur Anna. Nur mit einem dicken Krückstock und mit der Elendsmontur des abgeschobenen Fremdenlegionärs. Nicht die Versorgung ist die Heimkeh^ sondern eine ungewisse Anna, die er gar nicht kennt. Es beginnt der Odyssee letzter Teil; ohne einen Pfennig aus Mähren nach Hamburg. Und es geschieht, daß vor diesem Hilflosen, Zerschlagenen, vor diesem letzten Heimkehrer, sich der Weg nach Hamburg zauberhaft öffnet, als wür's ein kleiner Spaziergang. Wie ein Blinder über den Straßendamm wird er geführt. Er, der willenlos war feit Kriegsausbruch, der wie ein lebloses Ding in der Welt herumgeschoben wurde — er wird von Station zu Station, von Wartesaal zu Wartesaal weitergereicht. Milchkaffee ist feine Nahrung, und der Schlaf auf den Holzbänken ist fein Schlaf. Er, der der Welt keinen Widerstand mehr leistet, geht durch sie hindurch wie das Glühende durch Wachs. Seit sechzehn Jahren des Geldes entwöhnt, kennt er feinen Wert nicht. Er hat, ohne Geld, größere Strecken durchmessen als die von Mähren an die Nordsee; das ist eine Bagatelle nach einer Reise quer durch die Hölle. Der gewöhnliche Mensch ist ohne Geld verloren wie ein Staubkorn im Wind. Nicht aber Franz A. Ihn trägt der Sturm feiner Bestimmung nach Hamburg. Die Leute geben ihm auf sein Gesicht hin Reisegeld, Wegzehrung, ein paar Kilometer zu fahren. Von Dresden kam er bis Riesa, von Riesa bis Gerichshain, von Gerichs- hain nach Leipzig, von Leipzig nach Magdeburg. Er will sein Kind sehen. Annas Kind, von dem er nicht einmal weiß, ob es fein Kind ist. „Sehens', Herr, und do bin ich im Wartefaal über meinem Stock ein« geschlafen, und da kommt ein Polizist und rüttelt mich und verlangt meine Fahrkarte, weil man dach nachts nicht auf’m Hauptbahnhof schlafen darf — das weiß ich wähl — ich bin dach schon vierzehn Täg z'hause, und da sag ich, Herr Polizist, sag ich, ich hob gar kaue Fahrkarten. Wo wollen's denn hin? sagt der Polizist — na sag ich, so in der Richtung nach Hamburg. Und er sieht meine Militärpapiere durch, dreht sich um und läßt mich schlafen. Nach einer Weile kommt er wieder und bringt mir Geld; das hat er in der Wachstube gesammelt." Das ist ihm das merkwürdigste Erlebnis feiner sechzehn Jahre währenden Irrfahrten: daß ein Schutzmann ihn nachts nicht aus dem Wartesaal jagte, sondern ihm noch Geld gab. Wenn einer solche Reise tut, fo kann er nichts erzählen ... Wenn einer alles durchgemacht hat, sogar eine Eingrabung im Wüstensand — was soll ihm da noch passieren? Er kann heiter fein. Es ist, als schritte der verschüttete Soldat durch ein Spalier. Ein Auferstandener, der eine auferstandene Anna sucht. August Goeihe. Zu seinem 100. Todestage. Von Sophie Lederer-Eben. lieber die Männer, die in tüchtiger Karyatidenarbeit das Riesenwerk eines Goethe tragen halsen, ja, es überhaupt erst möglich machten, indem sie ihm die Last der subalternen Arbeit, des Einordnens, Registrierens, des Beratens und Sammelns mit den Jahren immer selbständiger abnahmen, über das Gedächtnis eines Riemer, eines Voisseree, eines Heinrich Meyer und anderer, die zur Goetheschen „Hausakademie" gehörten, zog sich, schon in nach-Goethescher Zeit, ein dichter Vergessenheitsschleier; am dichtesten aber begrub er den Sohn des Hauses, August, der weder berufen war, ein Werk zu hinterlassen, noch einen bedeutenden Briefwechsel hinterließ, ja, über den es kaum mehr mündliche Mitteilungen gab. Und der doch die stärkste der Goetheftüßen geworden ist, weil nur er und er allein die völlig gleichen naturwissenschaftlichen Begabungen und Neigungen als Erbschaft mitbrachte, dieselbe peinliche Gewissenhaftigkeit in den Dingen des äußeren Lebens, denselben leidenschaftlichen Sammeleifer und die gleiche Kraft des Anschauens, die der Vater früh und planvoll entwickelte, wenn er den späteren treuen Gehilfen schon als kleinen Knaben mit auf seine Reisen nahm. Aber erst unsere Zeit, die bei aller Traditionslosigkeit das Leben der Großen und aller sie Umgebenden psychologisch aufzuschürfen sucht, hat die Gestalt des lieben August, wie die Mutter Goethes den Enkel nannte, der Vergessenheit entrissen und uns recht ans Herz gelegt; — denn unendlich liebenswert (trotz aller großen Schwächen, unter denen die, von der Mutter Christiane geerbte Neigung zum Trunk die hoffnungsloseste war), ist August Goethe so, wie er in den Briessammlungen erscheint, die Wolsgang von Oettingett und Hans Gerhard Gräf herausgegeben haben. Ueberaus glücklich scheint die Jugend dieses Goethesohnes. Er hat sein kleines betriebsames Wesen überall in tzof und Garten, Haus und Stall; er füttert seine Falken, seine Tauben, seine Kaninchen, denn: „Halte ihm nur erst viel Tiere!" hatte der häufig abwesende Vater, der da wußte, daß durch Tierliebe die weichsten, besten Instinkte in Kinderherzen geweckt werden, an seine Christiane geschrieben. Auf Reifen wird liebevoll das Interesse des Kindes für die Umgebung geweckt, und das Kind ergreift Dargebotenes mit Frische und großer Freudigkeit, um es seinem kleinen Erinnerungsschatz einzureihen. Von der Reise nach Göttingen und Pyrmont (1801) schreibt Goethe: „Als der Knabe vernahm, daß von den vielgestaltigen Versteinerungen der Hainberg wie zusammengesetzt sei, drängte er mich zum Besuch dieser Höhe, — wo denn die gewöhnlichen Steinbildungen ost aufgepackt, die selteneren aber einer späteren emsigen Forschung vorbehalten wurden." Es ist, als sähe man Montan, den Gebirgsforscher und Beobachter aus den „Wanderjahren" Goethes mit Wilhelms Knaben durch die Berge ziehn. Die Liebenswürdigkeit und Zutraulichkeit des Knaben bezeugt Goethe des öfteren mit den Worten: „Er ist gut mit allen Leuten". An Schiller: „Mein Verhältnis zu den Menschen wird durch ihn heiterer und gelinder, als es vielleicht ohne ihn wäre". Früh kommt der Knabe durch den Vater mit den Zeitgrößen zusammen, mit dem Philologen Heyne, mit dem Philosophen Friedrich August Wolf und anderen, und überall lauscht und lernt er. Bevorzugt durch die von allen Seiten ihm dargebotenen Anschauungen und Belehrungen durch die Welt, die sich ihm öffnet, und den einzigen Vater, der dies alles mit seinem Feuergeist belebt, ist es doch schon früh wie eine Tragik um August, vergleicht man sein Leben dem anderer Kinder. Ein Mißton klingt auf, eine Disharmonie, die immer hörbarer wird, je mehr sich dies erst so strahlende Leben unter der Wucht des Titanenschattens verdüstern muß, je mehr August in dem engen Weimarer Kreise gefangen wird. Früh unterschreibt er sich „August Goethe", — ohne das Adelsprädikat des Vaters, — denn er erfährt früh, daß er nur der Sohn der „Wirtschafterin" in Goethes Hause, der „Mamsell Vulpius" ist. Sofort ist da ein Bruch, ein Mißtrauen, ein Doppelwesen. Er verkehrt so gut in der untergeordneten Gesellschaft „von der Klasse seiner Mutter", wie in der vornehmen, in der Hofgesellschaft, die sich seinem Vater öffnet. Goethe selbst spricht einmal von seinem „armen Jungen", — und seine alte Freundin, Charlotte von Stein, schreibt einmal an ihren Fritz: „August hat seine Zuslucht zu mir genommen. Der arm« Junge dauert mich! Aber er ist schon gewöhnt, sein Leiden zu vertrinken!" — Immerhin: noch vorübergehende Stimmung, diese sich schon meldende Schwermut. Noch kein chronisches Leiden. Zunächst besucht August eine Privatschule, einen von den vornehmen Familien ins Leben gerufenen Lehrzirkek. Dann wird der Philologe Riemer Augusts Lehrer im Griechischen und Lateinischen. 1805 wird der nun sechzehnjährige in die Prima des Gymnasiums ausgenommen, geht dann nach Heidelberg, um die Rechte zu studieren, ist fleißig, macht Fahrten durch den Odenwald und nach Heilbronn mit seinen Gesellen, die ihm alle gute sind, kehrt für die zwei letzten Semester nach Jena zurück; und dann schließt sich die Tür des Elternhauses wieder hinter ihm. Aus dieser Zeit stammt das Bild Augusts von Caroline Bardua. Es zeigt einen sehr schönen jungen Mann, mit dunklen über die Stirn fallenden Locken, einen kleinen englischen Backenbart, hoher Stirn und vollen Lippen. Dies Gesicht wird von den sprechenden braunen Goetheaugen beherrscht, über denen schmale Brauen, gefärbt, sich wölben. Das Färben der Augenbrauen, das Schminken der Wangen (das von einem Freunde brieflich erwähnt wird), hatte August bei den Schauspielern gelernt; die mit seiner Mutter verkehrten. Seine Laufbahn war durch den Herzog Karl August von vornherein bestimmt. Es war damals selbstverständlich, daß die Söhne der Staatsminister in den Dienst ihres Fürsten traten. So wurde er zuerst Kammer- Assessor, dann Kammer-Rat. Zugleich trat er in den Hofdienst. Aber auch der eigentliche „Dienst" bei seinem Vater, der ihn, je mehr die Jahre fortschritten, immer mehr beanspruchte und bei größter Liebe der eigenen Persönlichkeit beraubte, begann jetzt. Während der Vater für den Unterhalt der Familie schaffte und schrieb, sorgte August dafür daß er sich sammeln konnte, und von der Alltagsprosa nicht gehemmt wurde. Er kontrollierte die eingehenden Rechnungen, sührte Verhandlungen mit Geschäftsleuten, vertrat den Vater bei Besuchen und Familienfestlichkeiten. August entwickelte sich zum überaus klugen Rechner: „Denn mein Vater", schrieb er, „kann sich nach seiner Denkweise mit Geschäften dieser Art wenig abgeben. So halte ich es für meine Schuldigkeit, uns das Wenige soviel als möglich zu erhalten!" Als der Herzog die Freiwilligen seines Landes zum Kampf gegen Napoleon aufrief, und August Goethe sich, nach einigem Zaudern einschrieb, wandte sich der Dichter an den Herzog und befreite den Sohn fo vom Kriegsdienst. Riemer war ausgeschieden aus dem Goethehause, der Sekretär John hatte sich als untauglich erwiesen. Wie hätte der Vater August entbehren können, seine rechte Hand? Also mußte August bleiben. Er „blieb", wie der junge Arthur Schopenhauer im benachbarten Jena. Als die Wiederheimkehrenden in Weimar einzogen, eilte August ihnen in Uniform entgegen, sie zu begrüßen. Sie aber riefen ihm zu: „Pfui über den Buben hinter dem Ofen!" Tumult. Beleidigungen. Der Rittmeister von Werthern forderte ihn zum Zweikampf und künftig zuckte man über den Sohn Goethes die Achseln. Dies Leben, dem schon durch die Umstände kein Kamps möglich und beschieden gewesen war, sank, im Innersten getroffen, tiefer in sich zusammen. Heftiger, hilfsbedürftiger, inniger klammerte er sich an den Vater, ging restloser in ihm auf. Mit einer Genauigkeit, die ans Kleinliche und Peinliche grenzt, werden die Rechnungen geprüft, wird gespart, gegeizt. Augusts Antlitz bekommt immer mehr Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Die untere Partie bekommt in ihrer Schmallippigkeit und ihrem merkwürdigen Zurückfliehen das Gepräge der Degeneration. Mißmutig springt die Unterlippe weit vor. Die mineralogischen Sammlungen des Vaters, die Tierknochenfamm- lungen zum Zwecke der vergleichenden Anatomie, die Münzen, alles wird vervollständigt, eingeordnet, verwaltet. Daneben breitet August feine eigenen reichhaltigen Sammlungen aus. Er tritt in die Direktion des Hof- theaters ein, übernimmt damit einen großen Teil der Aufregungen, die der Vater als Leiter durchzukämpfen hat. Ueberall tritt August an dessen Sette, arbeitet Hand in Hand mit ihm als Mitleiter der Bibliotheken, der Zeichenschulen, des Botanischen Gartens, der Sternwarte, der naturwissenschaftlichen Sammlungen in Jena. Dabei äußert sich der Unmut feiner unbefriedigten Seele in heimlichen Versen und heimlichem Trunk. „Wild und wüst" nannten ihn viele in dieser Zeit. Das gestörte Gleichgewicht ist nicht wiederzuerlangen, denn auch die degenerierte, geist- sprühende, aber hysterische Gattin Ottilie von Pogwisch, die er heimführt, ist in ihrer ausgeprägten Treulosigkeit nur das schmerzlichste Mittel zu seiner seelischen Zerstörung. — Immer tiefer sinkt die Melancholie herab. Er kann es nicht ertragen, er ist tief eifersüchtig, wenn feine beiden Söhne Walther und Wolfgang den Großvater umjubeln. Immer Er! — E r! Alle fahen weinend den Niedergang: „Cs geht in ihm mehr unter, als man denkt!" — schrieb Caroline von Wolzogen. Und die Reise nach Italien, die man ihm zur Genesung verschrieb, die erste selbständige brachte ihm den Tod. An der Pyramide des Cestius ward er begraben. Kosaken im Reich der Inkas. Von E.v.Ungern-Sternberg. Los Kosakos! Zweitausend Don- und Kubankosaken mit ihren Familien sind auf der Suche nach Glück im Hafen von Callao auf dem Dampfer „Horacio" in Peru im alten Lande der Inkas gelandet. Sie haben ihre Ansiedlungen in Südslawien, wohin das Nachkriegsfchicksal sie verschlagen hat, verlassen, haben sich über Marseille nach Cadix nach Südamerika eingeschisst und sind nun an ihrem Bestimmungsort eingetroffen. Tausende von Peruanern hatten sich zu ihrem Empfange versammelt, Extrazüge standen für sie bereit und fast im Triumphe legten sie die 13 Kilometer zurück, die den Hafen von der Hauptstadt trennen. Dort ordneten sie sich in einen kriegerischen Zug, die Offiziere in ihren alten goldgeschmückten Uniformen, die Soldaten mit umgegürteten krummen Säbeln, Trompeter voran, zogen sie zum Prästdentenpalast, wo ihnen der Willkommensgruß der Regierung geboten werden sollte. Ueberall klang der Ruf aus der Menge, die Spalier gebildet hatte: Vivan los Kosakos!" Unter den Klängen der Peruanischen Hymne und unter den Fanfaren ihrer kriegerischen Märsche zogen sie in den Palast des Präsidenten ein, ordneten sich im großen Saale und wurden in warmen Worten vom Staatspräsidenten und von den Ministern willkommen geheißen. Ihr Führer, der frühere Kosakenoberst Korolewitsch, des Spanischen mächtig, hielt eine längere Ansprache, in der er das Gelöbnis ablegte, die Kosaken würden fortan dem Präsidenten und ihrem neuen Vaterlande ebenso treu bienen, wie sie einst dem Zaren gedient hatten. Gleichzeitig wurde der Präsident von Peru durch Ueberreichung einer goldgestickten Uniform um eines mit Silber ausgelegten Säbels zum „Ehrenkosaken" ernannt. Nachdem der Präsident für sich und feine Nachfolger die neue Würde angenommen und sich an die Spitze der Kosaken gestellt hatte, lieh es sich Lima angelegen fein, die Gäste aus dem fernen Norden königlich zu bewirten. Ein Fest folgte dem anderen, bis schließlich die Stunde schlug, wo die Kosaken an ihren Bestimmungsort nach La Montana, Mseus der Anden, beim Städtchen Avaeucho, Weiterreisen mußten, wo ihnen die Regierung 150 000 Hektar fruchtbares Land zur Ansiedlung nber- lasfen hatte und ihnen außerdem alles notwendige Ackergerät, Wohnung und für das erste Jahr für jeden Erwachsenen eine Unterstützung von einem Sol täglich zur Verfügung gestellt hatte. So haben denn die Kosaken die Fahrt in eine ihnen vollkommen fremde Welt angetreten. Vor ihnen erheben sich die Porphyr- und Oiram- roänbe der Sierra als steiler zyklopischer Wall zu schwindelnden Hoye und sind auf dem Karst und auf den Gipfeln von ewigem Schnee veoea. Darüber, unterbrochen durch Tausende von Meter tiefe Abgründe stu schmale Maultierpfade und einige wenige Paßstraßen. Man verlaßt borgen unter dem Rauschen hochragender Palmen die Hauptstadt, w erstickt in tropischer Sonnenglut, taucht aber bald daraus in dein eilig Nebelmeer des Hochgebirges unter. Reisende mit schwachem Herzeni fen es nicht wagen, die Fahrt ohne Unterbrechung der Reste über höher als 5000 Meter gelegenen Paß zu unternehmen. Sie mutz« der Höhe von etwa 2500 Meter Station machen, um sich st" vie dünnte Lust zu gewöhnen. Dort auf den Schneefeldern der Sierra w in den sich in über d scheine Do europä wesen der Se der Sc ten. Ei Wand von bi lichen gehend waren die Gö meinte kostbar geben, aus G Lamas Als S; sie der funben, Lanbsk ihnen । schätzt i störten Gebirgi Abentei meisten von be j)ei(igti aus Pc in der ! Teil be Schutz Die heil zu lagen fi dauerte 2500 bi teits ve nischer Truthäl Erde bi graben btautes die Kos sternklai am Hin Wehmu den b(ü was sie Ansiedlr ziskaner Es mus Ueppigfi Myriad chenland täuscht, lauern sind per den ihn« der peri Sie wer Wir Sonne t Bild rin Nordost |ec5 lam langen st Blau be' ihrer Al und die der une Mensche, Kasst-Sn Der! wissen w dicht Die Ranies S haben, ü eine zur hch. Sei ihm in j gefiel. in den kalten Wüsteneien Herden von Lamas. An den Abhängen haben sich in herrlichen Tälern Ortschasten und Weiler gebildet, die, da sie oft über den Wolken liegen, wie eine Fata Morgana in der Luft zu schweben scheinen. Dort im Tale von Cuzco, in einer schönen Hochebene, die, in die europäische Alpenwelt versetzt, bereits von ewigem Schnee bedeckt gewesen wäre, stand einst der Palast der Jnkakönige, denen als Söhne der Sonne göttliche Ehren gebührten. Dort lag der goldstrahlende Tempel der Sonne, wohin Pilgerscharen aus allen Teilen des Inkareiches strömten. Er enthielt Schätze von unberechenbarem Werte. Auf der westlichen Wand gewahrte man das Bildnis der Gottheit, ein menschliches Gesicht, von dem Lichtstrahlen in jeder Richtung ausliefen. Es war dem östlichen Tore gegenüber angebracht, so daß die ersten Strahlen der ausgehenden Morgensonne es trafen und erglänzen ließen. Decke und Wände waren mit massiven Goldplatten ausgelegt. Große Smaragden schmückten' die Götterbilder. Gold bedeutete in der Jnkasprache „von der Sonne geweinte Tränen". Es gast auch den Inkas, die das Eisen nicht kannten, als kostbares Metall, hatte aber nicht den Marktwert, den wir ihm heute geben. In den Gärten des Königspalastes leuchteten künstliche Blumen aus Gold mit Kelchen aus Edelsteinen. Auch Tiergestalten, namentlich Lamas mit einem Vließ aus Gold, waren als Verzierungen aufgestellt. Als Spanier ins Land kamen und Pizarro die Inkas bekriegte, blendete sie der Glanz so ungeheurer Reichtümer. Sie hatten das Dorado gesunden, von dem die Konquistadoren geträumt hatten, und die spanischen Landsknechte begannen zu plündern und zu morden. Die Inkas gaben ihnen Gold, aber ihre Habgier ruhte nicht, bis sie die Tempel gebrand- schatzt und vernichtet hatten. Run verbargen die Inkas ihre Schätze, zerstörten ihre Bergwerke'und versenkten ihre goldenen Geräte in tiefen Gebirgsseen und verbargen sie ihn unwegsamen Höhlen. Tausende von Abenteurern und Schatzgräbern haben nach ihnen vergeblich gesucht, die meisten sind im wilden Gebirge den Strapazen erlegen oder wurden von den Giftpfeilen der Indianer getötet, die die alten Jnkastätten als Heiligtum bewachen. Erst in den letzten Wochen soll ein gewisser Balbos aus Panama bei der Begräbnisstätte des letzten Jnkakönigs Atahualpa in der Nähe des Dorfes Nizak, in einer Höhle unter Schutt versteckt, einen Teil der sagenhaften Schätze entdeckt haben. Er hat um militärischen Schutz gebeten, um die Reichtümer zu heben. Die Kosaken, Bewohner der Ebene, hatten schwer an der Höhenkrankheit zu leiden. Mit geschlossenen Augen, kaum fähig sich zu bewegen, lagen sie in ihren Waggons, aber die Fahrt in Höhen über 5000 Meter dauerte nicht ewig, und in Ayacucho angelangt, das zwar auch noch 2500 bis 3000 Meter über dem Meeresspiegel liegt, hatten sie sich bereits völlig erholt. Neue Feste erwarteten sie. Ein Gastmahl nach peruanischer Art. Tief in die Erde wurden in aromatische Kräuter eingewickelt Truthähne, Wild, Lämmer usw. auf glühende Steine gelegt, wieder mit Erde bedeckt und mußten 24 Stunden schmoren, ehe sie wieder ausgegraben wurden. Dazu wird Zuckerrohrschnaps und ein aus.Mais gebrautes süßliches Getränk serviert. Am Abend surren die Gitarren und die Kosaken tanzen mit den Mädchen des Städtchens. Wenn dann die sternklare Tropennacht sich über ihnen wölbt und das Kreuz des Südens am Himmel leuchtet, dann sammeln sich die Kosaken und stimmen voll Wehmut ihre heimischen Lieder an. Sie singen vom „Vater Don", von den blühenden Wiesen in der Ukraine, und sie erinnern sich an all das, was sie einst lieb hatten und was ihnen gehörte. Nun sind sie an ihrem Ansiedlungsort in La Montana eingetroffen. Dort findet sich eine Franziskanerniederlassung, aber rings herum ist alles Wildnis und Urwald. Es muh gerodet und gearbeitet werden, dann wird alles in herrlicher Ueppigkeit gedeihen, aber Giftschlangen machen die Gegend unsicher, und Myriaden von Zecken bevölkern den Wald. Die Kosaken hatten ein Märchenland erwartet, ein Schlaraffenreich, und sind nun ein wenig enttäuscht. Es gilt harte Arbeit zu leisten, und tausend Enttäuschungen lauern aus ihrem Wege, aber es gibt für sie kein Zurück mehr. Sie sind peruanische Kosaken geworden, und weitere Kosakentransporte werden ihnen folgen. Bis zum Jahre 1932 müssen, gemäß dem Vertrage mit der peruanischen Regierung, noch 150 Kosakenfamilien angesiedelt sein. Sie werden bald in der Entwicklung Perus eine Rolle spielen. Aus dem dem Gipfel des Scherbenhügels von Sackra. Die Dunkle Blätter. Taschenbuch eines deutschen Ingenieurs. Von Max E y t h. (Schluß.) 3m Sonnenschein. Wir waren auf dem Gipfel des Scherbenhügels von Sackra. Die Sonne war aufgegangen und übergoß das in feiner Einfachheit großartige Bild ringsumher mit ihrem Golde. Ein frischer Morgenwind wehte aus Nordast und hatte die lichten Nebel, die über den Sümpfen des Burlos- stes lagen, aufgerollt wie einen Schleier. Am Horizont sah man einen langen wasserhellen Streifen, als ob sich dort die ferne Meeresfläche im Blau des Himmels spiegelte. Im Osten lagen die gelben Wllstenhügel mit ihrer Ahnung grenzenloser Weite, die unwillkürlich die Brust ausdehnt und die Lungen freier atmen läßt. Gegen Süden grünte das alte Bild der unerschöpflichen Fruchtbarkeit der Erde, und wie ein liebliches Menschenidyll in der einsamen Natur glänzte die kleine Dorfmoschee von Kafsr-Schech hinter ihren Sykomoren hervor. Der Balsam der Morgenluft hatte die Nacht mit ihren schwülen Erleb- nifsen weggefegt. Kein Wort war darüber gesprochen worden. Es fehlte uicht Diel, so hätte ich alles für einen Traum gehalten, und Halim und Aames Bey schien der Morgen in ganz ähnlicher Weise umgewandelt zu haben. Nur der Tscherkesfe, der übrigens in Gegenwart seines Herrn stets °>ne zurückhaltende Ruhe bewahrte, war noch etwas stiller als gewöhn- W Seine Würde litt allerdings unter dem „Stangenschiehen", das ich 'hm in früher Morgenstunde beigebracht hatte und das ihm keineswegs yeftcl. Ein halbzertrümmertes ionisches Kapitäl, das aus dem Schutt hervorragte, bildete einen vortrefflichen Tisch, auf dem ich die Zeichnung des Iagdschlößchens ausgebreitet hatte, das auf diesem herrlichen Gipfel erstehen sollte. Cs war ein Projekt, an dem man wirklich seine Freude haben konnte. An keinen Stil lassen sich Eisenkonstruktionen so hübsch anpassen als an den sarazenischen mit seinen schlanken Säulen und seiner Ornamentik hängender Stalaktiten. Dies war der Rahmen, in dem sich französischer Geschmack und englische Behaglichkeit zu überbieten suchten, um eine ideale kleine Wohnstätte für kurze Besuche in dieser entlegenen Wildnis zu schassen. Ein Untergeschoß, in dem Küche und Keller reichlich Raum sanden, trug das lustige, einstöckige Gebäude, das von einer breiten Veranda umgeben war, die den freien Ausblick nach allen vier Himmelsgegenden gestattete. Es enthielt eine hohe, halbdunkle Mittelhalle mit dem unvermeidlichen Springbrunnen und Stalaktitendom, umgeben von kleinen Zimmern, deren Wände auseinandergeschoben werden konnten, so daß man so viel als im Freien schlafen konnte, wenn die Nacht dazu einlud. Es muhte ein königlicher Genuß fein, nach einem heißen Jagdtage unter dem riesigen Himmelsdom zu ruhen, der sich aus dieser Höhe über dem ungebrochenen, unabsehbaren Kreise unter uns wölbte. Halim war voll Eifer und Arbeitslust. Die Leibmamelucken liefen mit Pfählen umher, und ein Dutzend Fellachin schlugen sie nach meiner Weisung in den Boden, ebneten hier eine knollige Erhöhung, den tausendjährigen Staub aufrührend, oder füllten dort ein Loch mit den klappernden Scherben, in denen alte Griechen ihren Zyperwein getrunken hatten. Das Achteck der Grundmauern war bereits abgesteckt. Wir wollten jetzt die Umgrenzungsmauer des Gartens bestimmen, für den auf dem Gipfel noch Raum war. Schon feit einiger Zeit, während mir Halim seine Ideen bezüglich eines Goldfischteichs und zweier Eckpavillons am Haupteingang deutlich machte, in denen rechts bunte Vögel, links Affen leben sollten, sah Rames Bey abwechslungsweise bald nach Süden, bald nach Osten und begann schließlich mit dem Theodolit zu spielen, der augenblicklich unbenutzt auf dem höchsten Punkt unsers Berggipfels stand. „Sie sind es!" rief er endlich, wie wenn er trotz der gedämpften Morgenstimmung, in der er sich noch befand, feine Freude nicht länger unterdrücken könnte. „Wer?" fragte Halim scharf, da er Unterbrechungen ohne Einleitung nicht liebte. „El Dogan, Hoheit, und der Mameluck Achmed und ein dritter Mann", antwortete Rames, die Augenlider zufammendrückend. „Wenn ich recht sehe, ist es Sadik Esfendi, der Oberschreiber des Nasirs von Schubra. Was will der hier?" „El Dogan?" rief jetzt auch Halim, sichtlich erfreut. Er richtete den Theodolit nach der Gruppe und sah lange schweigend durch das Fernrohr. „Eine Kreatur, wie es nicht viele gibt, Herr Eyth", fuhr er nach einiger Zeit lebhaft fort, „unter Tieren und Menschen. Man sieht ihm das Blut auf eine Meile Entfernung an. Wie er ausfchreitet! Wie er den Kopf hält! — Jetzt wiehert er. Bei Allah, es ist ihm wohl." „Gott fei gepriesen!" seufzte Rames sichtlich bewegt. „Und dort reitet noch einer, der es eilig hat, nach Kafsr-Schech zu kommen." „Ein Esel", sagte Halim, der den Theodolit gegen Osten gedreht hatte, gleichgültig. „Kommen Sie, Herr Eyth, messen wir weiter! Hierher will ich den Fischteich haben. Mit Beton werden Sie mir das wohl machen können." „Umsonst ritt er nicht die Nacht durch", bemerkte Rames nachdenklich, indem er wieder durch das Instrument sah. „Es ist der Naflr von Ter- ranis, verstaubt wie ein Kamel des Mokattam. Sein Sais scheint auch genug zu haben; er hinkt. Nur der Esel ist noch munter." Halim Pascha war im eifrigsten Abstecken des Fischteichs versunken. Alles, was ihn an feine Pariser Schulzeit erinnerte, machte ihm noch immer ein fast knabenhaftes Vergnügen. Ich überlegte mir, nicht ohne Sorgen, wo ich das Wasser hernehinen und wie ich es am einfachsten in den künftigen Teich heraufschaffen konnte, in dem die kommenden Goldfische die Aussicht von der Spitze dieses herrlichen Hügels genießen sollten. Auf allen Vieren kletternd kamen mittlerweile der Mameluck Achmed und seine Begleiter am steilsten Abhang des Scherbenhügels herauf. Halim ließ sie fünf Minuten lang stehen, ohne sie zu beachten. Dann rief er plötzlich: „Du bist zurück, Achmed, und kannst deinem Schöpfer danken. Wie geht es El Dogan?" „Er ist so gesund, wie er es je gewesen ist", versetzte der Mameluck gesenkten Kopfes. „Es war ein Aftit; doch, Gott fei Dank, jetzt ist er gebannt." „Unsinn!" rief Halim. „Es war eine Dummheit und die Unwissenheit des Baschmahandis." „Ich bitte Gott um Vergebung, aber es war ein Afrit, o Effendini", sagte Achmed mit ungewohnter Bestimmtheit. Er brauchte hierbei jene Form feinster arabischer Höflichkeit, von der wir rohe Europäer nur einen schwachen Begriff haben, indem er nicht den Angeredeten, sondern Gott um Verzeihung bat, daß er widersprechen mutzte. Denn kann ein Mensch Sünde vergeben? „Es wurde mit jeder Stunde schlimmer", erzählte er auf einen ungeduldigen Wink Haliins, „als ich nach Maraska zurückgekehrt war. El Dogan lag auf dem Boden, zitterte am ganzen Leibe und verdrehte die Augen, so quälte ihn der Geist. Unser Häkkim wußte sich nicht zu raten. Als es um die vierte Nachtstunde nicht besser wurde, sahen wir auf der Erde neben dem Kranken und baten Gott, den Allbarmherzigen, um Gnade; aber wir hofften nicht mehr. Da sandle der Allmächtige Ibrahim Emir, den Beduinen, deinen Freund, und feinen Sohn. Sie sahen das Tier und sprachen: ,®ott helfe uns; es ist ein Afrit/ Dann fragte mich der Alte, wie es begonnen habe. Ich sprach die Wahrheit und sagte: ,Zu Tanta hat ihn ein Derwisch mit übetm Auge angesehen, bann hat ihn der Basch- mahandi, Hoaga Eyth, geritten, bis fein Herz still stand. Und als er schwach war und dem Umfallen nahe, tarn der Afrit, sah seine Schwäche und fuhr in ihn. Nun steht es, wie du siehst.' Da sprach der Emir: ,Genug! Ich sehe, was ich sehe. Soll der Fremde, der Nusrani, büßen?' Er deutete über -seine Schniter nach Kassr-Schech. Ich verstand ihn und sagte: ,Nein! du sollst ihm kein Leid tun; mein Herr, der Pascha, würde es nicht dulden. Er braucht ihn/ ,Hat er Freunde?' fragte der Emir weiter. ,Er ist ein Fremder, ein Deutscher; ich Miß es nicht', sagte ich. ,So hat er Diener?' fuhr der Beduine fort. .Ich brauche jemand, um den er sich gekümmert hat, seit der Mond des Schaaban am Himmel stand. .Diener in Menge', belehrte ich ihn, ,zu Schubra, zu Terranis; Schmiede, Schlosser, Zimmerleute, Schreiber rmd Fellachin in Masse! Unser Pascha gibt ihm, was er bedarf, und er bedarf viel.' ,Es ist gut!' sprach der Emir; .bringt mir eine Blutorange oder eine kleine Melone.' Wir fanden eine Melone im Garten des Schechs. Der Mondschein half uns suchen. Er nahm sie und schnitt mit seinem Messer in ihre Rinde zwei Augen, eine Nase und einen Mund, so daß sie aussah wie der Kopf eines Mannes und uns angrinste. Dann sprach er: .Nun wendet euch gen Mekka, das heilige, und betet das Glaubensbekenntnis siebenmal. Ich ober werde mich nach Westen wenden, und ihr sollt nicht sehen, was geschieht.' Wir taten, wie er es haben wollte, der Hakkim rind ich; doch konnte ich die Neugier nicht ganz bemeiskern, und so sah ich, daß er die Melone auf den Boden legte, vor den Kopf des Pferdes, das angstvoll zufnh. Nachdem er ein wenig gebetet hatte, ober nicht gen Mekka, sprach er laut: .Leben um Leben!' setzte den Fuß auf das Gesicht, das er gemacht hatte, und zermalmte den Kopf, daß er ein Brei wurde. Diesen gab er El Dogan zu fressen. Das arme Tier fraß gierig. Dann brach ein Schweiß bei ihm aus, daß es dampfte und das Wasser an seinem Leibe herabfloß. Ibrahim aber sprach: ,Er wird leben, euer Dogan. Gebt mir ein wenig Kaffee. Ich werde alt und bin matt von diesem Werk.' Ich machte ein Feuer und kochte Kaffee, so schnell ich konnte. Als er getrunken hatte, ritt er mit seinem Sohn davon. El Dogan aber schlief schon und schlief ruhig bis zur Morgendämmerung." Der kleine Mameluck hatte seinen Bericht mit der pathetischen Beredsamkeit beendet, die mich nicht selten bei den einfachsten Fellachin in Erstaunen setzte, sah sich um, wie ein Märchenerzähler, der den verdienten Beifall erwartet, und trat einige Schritte zurück. Halim hatte sein skeptisches Lächeln auf den Lippen, das ihn in Kairo selten verließ. Rames dagegen sah mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Erzähler. „Wallah!" rief er, „es mar ein Afrit. Und ein großes Glück ist es gewesen, daß die Beduinen des Wegs tarnen. El Dogan wäre sicher gestorben. Menschen können Afritis ertragen, Jahre lang. Ein Pferd hat eine feinere Seele. Es stirbt aus Schrecken, wenn ein zweiter Geist in feinem LZbe wohnen will." „Narrheiten, dummer Mameluckenaberglaube!" rief Halim ärgerlich. „Habe ich nicht in Abbas Paschas Ställen dreimal dasselbe tun sehen, was Achmed sah?" fragte Rames eifrig. „Wir hatten einen alten Beduinen, der die Sprüche kannte, zu keinem andern Zweck in Benha. Abbas — Gott fei ihm gnädig — glaubte an ihn und bezahlte ihn fürstlich. Wenn unser Hakkim nicht mehr helfen konnte, holten wir ihn. Er gebrauchte Blutorangen. Es half immer, wenn es gelang." „Du bist ein Narr, Rames!" sagte Halim, nicht unfreundlich. „So weit haben es die Aerzte in London und Paris zum mindesten auch gebracht. Sie helfen alle; nur gelingt es nicht immer. — Was willst du?" Der Pascha richtete die Frage mit einer raschen Wendung an den Begleiter Achmeds, der bis jetzt in demütiger Haltung zur Seite gestanden hatte, nun aber mit einer tiefen Verbeugung oor.trat, feinen Durban abnahm und einen langen Zettel aus demselben herausbrachte. Hakim ergriff das Papier ungeduldig, wandte sich ab und las. Ms er zu Ende war, sah er lange schweigend nach Norden, als ob er etwas am Horizonte suchte. Ich konnte nur sehen, wie sein elegant beschuhter Fuß ungeduldig im Schutt wühlte. Dann las er den langen Papierstreifen zum zweitenmal. Darauf drehte er sich mit jener ihm eignen nervösen Bewegung um, die Kraft und Schwäche zugleich bedeuten konnte. „Hier ist etwas für Sie, Herr Eyth", sagte er. „Vorgestern hat mein Neffe, der Vizekönig, sämtliche Arbeiter bei den Dampfpflügen in Schubra —- Maschinisten und Pflüger, alles! — holen lassen, um sie nach Oberägypten zu schicken, wo er mit seinen eignen Apparaten nicht zurecht- zukommen scheint. Die Leute liefen in der Nacht wieder zurück zu Weib und Kind. Man kann sich das denken: eigentlich sind sie auch Menschen. Und nun wurden sie gestern nachmittag," wie man mir schreibt, unter militärischer Bedeckung abgeführt und sofort in Bulak auf Nilbarken gebracht. All Ihre Pflüge stehen still." „Aber Hoheit", rief ich, „das ist ja rein unmöglich!" „Das ist sicher, mein Lieber. Sie vergessen, daß wir in Aegypten sind", sagte er mit unterdrückter Leidenschaftlichkeit und fuhr dann leiser fort: „Es ist das alte Lied, das nun wieder beginnt: einer gegen alle, alle gegen einen! das Totenlied des Hauses meines Vaters, mein Freund!" Er lachte gezwungen; kein gutes Lachen. „Aber was kann geschehen?" fragte ich entrüstet, denn ich sah im ersten Augenblick das harte Werk von drei Jahren plötzlich zusammen- drechen. „Was kann ich tun, Hoheit?" „Von vorn anfangen", erwiderte er ruhig und bestimmt. „Es bleibt nichts andres übrig; und wenn er Ihnen das zweite Kontingent weg- nlmmt, nochmals von vorn anfangen. Wer weih, vielleicht ist es auch zu etwas gut, wenn unsre Leute in dieser Weise in alle Gegenden des Landes verteilt werden. Jedenfalls kann so Ihre Dampfpflughochschule in Schubra zu ungeahnter Blüte kommen. Sobald wir hier mit dem Ab- stecken fertig sind, reiten Sie nach Hause zurück und--" Ein ungewöhnlich lautes Gelächter am Rande des Hügels unterbrach ihn. Wir wandten uns alle mit der Entrüstung, die in einem solchen Falle höfische Höflichkeit gebietet, nach der Seite, von der der Lärm kam. Sie sechs Leibmamelucken zogen lachend ein dickes Männchen über die Kante des Hügels, unter dem die Scherben prasselnd in die Tiefe rollten. Ser Kleine war blaurot vor Anstrengung und Schrecken, fein Turban saß schief auf seinem kahlen Kopf. Er erhob sich, krönenden Auges, mit Schmutz und Staub bedeckt. Es war mein Freund, der Nasir von Ser» ranks. Am Fuß des Hügels stand sein Esel und suchte sich schon, frech wie Fellahesel sind, mit El Dogan zu unterhalten, während fein Herr bei der gefährlichen Besteigung von Sackra in seinem Uebereifer fast verunglückt wäre. Musa el Askari hieß der Wackere, Und da er an den Umgang mit Prinzen weniger gewöhnt war als wir, wäre er beim Anblick Halims zum zweitenmal beinahe in den Staub gesunken. Er verneigte sich aufs tiefste, berührte mit der Hand die Erde und dann seine Stirne und versuchte den Saum von Haliin Paschas Rock zu küssen, was dieser jedoch mit einer abwehrenden Bewegung verhinderte. „Ah!" rief er freundlich, „ich kenne dich! Du bist der Nasir von Terranis. Was bringst du mir Schönes?" „Ich bitte Gott um Vergebung, daß ich dir gute Nachrichten nicht geben kann, o Effendini!" klagte Musa. „Latz es deinen Diener nicht entgelten. Ich komme, um den Bafchmahondi zu holen. Die Hand Gottes liegt schwer auf Terranis, o Pascha!" „Nun, was ist es?" fragte Halim etwas ungeduldig, da der Nasir aufs neue Angriffe auf feinen Rocksaum unternahm. „Sprich ohne Umschweife, mein guter Mann!" „Die Reisfelder verdursteten und die große Maschine pumpte nichts. Ein Fisch war in die umgekehrte Schüssel geraten, die tipp-tapp macht, wenn die Pumpe zufrieden ist. Dort blieb er stecken; der Baschmahandi weiß es, und Gott wollte es so. Mit dem Wasser aber war es völlig aus, und der Mechaniker Jusef wollte nichts anrühren, solange du, o Baschmahandi, nicht dabei seiest. Nun, gestern abend war unsre Not aufs höchste gestiegen. Ich sah, daß der Reis starb — dreitausend Faddan! — Da dachte ich: in der heiligen Nacht des Nuß min Schaaban wird uns der Allbarmherzige beistehen — und bedrohte Jusef und redete ihm freundlich zu, bis er versprach, den Fisch aus der Schüssel herauszuholen. Jetzt ist er auch drin!" „Was — wer?" rief ich erschrocken. „Jusef", sagte der Nasir halb weinend. „Er ging hinunter, willig genug; er war ein braver Moslim und glaubte an den Propheten und das Jüngste Gericht. Auch hatte ich fünf Fellachin an den Strick gehängt, die die Schüssel in die Höhe zogen, wie du es uns gelehrt hattest. Aber die Fellachin, die Herde von Schweinen, ließen los und fielen zu Boden und lachten und zappelten, gerade wie wenn ein Afrit in sie gefahren wäre. Drunten im Schacht aber — unter der Schüssel — bei dem Fisch--" Der gute Mann heulte. „Ist er tot?" fragte ich bewegt, obgleich ich wußte, was die Antwort fein mußte. „Das ist mein einziger Trost", sagte der Nasir, feine Tränen mit dem Rücken beider Hände trocknend. „Es war mein eigner Schwiegersohn und ein frommer Moslim. Aber es geschah noch dem Willen des Allmächtigen, heute nacht um die fünfte Stunde. Schon seit zehn Stunden ist er im Paradies." „Um die fünfte Nachtstunde!" brach der Mameluck Achmed los, nach Luft schnappend; „das war die Stunde, in der El Dogan den Kürbis fraß!" „Um die fünfte Stunde", sagte Rames düster, sich abwendend; „das war um die Zeit, als der Pascha mir den Pantoffel an den Kopf warf. Ich mar selbst nicht weit vom Paradies zu jener Stunde." Wir schwiegen alle. Das heiße, grelle Sonnenlicht des herannahenden Mittags leuchtete ringsumher, von einem Ende des Himmels zum andern. Die ganze Welt lag vor uns schattenlos, in glühender Tageshelle. Und doch zog etwas wie eine unheimliche, düstere Wolke über uns weg, deren fröstelnden Schatten wir fühlten, ich so gut wie der zitternde Dlafir, Halim fo deutlich als seine abergläubischen Mamelucken. Halim sprach endlich. Er war- wieder der Mann des Tages und der Tat. „Reiten Sie mit dem Nasir sofort zurück nach Terranis", sagte er zu mir; „sehen Sie dem Manne die Pumpe in Bewegung; er überschwemmt uns sonst mit seinen Tränen. Dann kommen Sie nach Schubra; dort werden wir sehen, was sich machen läßt. Ich habe mittlerweile meinen Neffen besucht. Ganz in der Tasche hat uns der Vizekönig noch nicht. El Dogan lebt wieder!" In einer Stunde war ich reisefertig. Während ich mich von Halim Pascha verabschiedete, sagte er leichthin: „Apropos — Rames hat Ihnen gestern nacht eine Masse dummes Zeug vorgeschwatzt. Sie wissen, in der Nacht des Nuß min Schaaban erzählen wir uns Sachen, aus denen die Schoara ihre Märchen machen. Mehr brauchen Sie sich auch nicht daraus zu machen. Au revoir, mon eher!" Er lachte etwas gezwungen, wie mir fchien, und machte ein Gesicht, aus dem kein Mensch klug werden konnte. Ich versuchte, schon aus Höflichkeit, das gleiche. Es gelang. . Dann ritt ich durch das Zeltlager, das schon am Boden lag, gen Osten, hinter mir der Nasir auf feinem unerschöpften Eselchen, mein Dragonu» Abu-Sa, der Koch auf dem Kamel, mit Bett und Gepäck. Aus dein sti'en, achtstündigen Ritt hatte ich Zeit, mir zurechtzulegen, was ich in ben-.lcL jn vierundzwanzig Stunden gehört und gesehen hatte. Aber es wollte nicht alles entwirren. Das ist so mit den Geschichten des Ostens, sonderucy wenn sie auf den dunkeln Blättern stehen.-- ., El Dogan starb im Jahre 1867, zum Glück nicht infolge meiner Aeu- kunst, denn ich bekam ihn nie wieder zu reiten. Raines Bey schwort, er sei an Gift gestorben. Es war das Jahr, in dem der Vizekönig alW Pascha 'Halims Besitzungen konfiszierte und das ägyptische ErbfiUgerem zugunsten Ismaels Sohn Tiufik geändert wurde. Das Jagdschlößchen p Kassr-Schech ist nie aufgestellt worden. Es liegt in seine Teile zerleg, noch heute bei Thalia am Nilufer, im Sand begraben. Dort kann holen wer Lust hat; es gehört niemand mehr. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts^Buch» und Steindruckerei. X Lange, ®ie6cn-