SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <930 Montag, den 27. Januar Kummer 8 Winter. Von Wolf Georg Bartels. Müde hat der Leib der Erde Sich zum Schlafe ausgestreckt, Los und ledig der Beschwerde, Mütterlich vom Schnee bedeckt. Aus des Himmels grauen Toren Fallen Flocken, schwer und weich, Langsam, wie im Traum verloren, Sterne aus dein Totenreich. Ruh und winterliches Schweigen. Keines Vogels Flügel schlägt. Bäume mit erstorbnen Zweigen Keines Windes Hauch bewegt. Ein« große dunkle Hand Löscht behutsam Licht um Licht, Tiefer neigt aufs sttlle Land Dämmerung ihr Angesicht. Mißverständnis. Von A. P. Tschechow. Regierungskommissär Gawrilowitsch Smirnow war auf der Station Gniluschka angelangt. Bis zum Meierhof Diewkin, wo er dienstlich zu tun hatte, war noch ein Weg von etwa dreißig Kilometern mit dem Wagen. (Wenn der Kutscher nicht betrunken und die Pferde keine Schindmähren sind, dann sind es nicht mehr als dreißig Kilometer, im entgegengesetzten Falle aber fünfzig.) „Sagen Sie mir, wo kann man hier Postpferde bekommen?" fragt« der Kommissär den Gendarmen auf der Station. „Was für welche? Postpferde? Oh, du lieber Gott, hier kann man weit und breit keinen ordentlichen Hund finden, geschweige denn ein gutes Pferd... Wohin fahren Herr Kommissär?" „Auf den Meierhof Diewkon, zum General Chohotow." „Ha, wie kann ich Ihnen raten?" erwiderte der Gendarm. „Gehen Sie hinter das Stationsgebäude, dort gibt es manchmal Bauern, die in dieser Richtung fahren." Der Kommissär tat einen Seufzer und ging, wohin er gewiesen wurde. Nach langem Umhersuchen fand er endlich einen Bauern, eine stämmige Gestalt, mit düsterem, pockennarbigem Gesicht und zerfetzten Kleidern. „Weiß der Kuckuck, was für einen Wagen du hast," murrte der Kom- misiär. „Man weiß ja nicht einmal, wo hier vorne und wo hinten ist.. „Da gibts nicht viel zu denken," antwortete der Bauer mit stoischer Gelassenheit. „Vorne ist beim Schweif des Pferdes, und hinten, da, wo Euer Gnaden sitzen." Das Pferd war jung, aber spindeldürr. Als chm der Bauer einen Schlag mit der Peitsche versetzte, nickte es nur mit dem Kopf: beim zweiten Schlag ließ sich ein Kreischen der Achsen vernehmen und der Wagen erzitterte wie im Fieber; nach dem dritten begann der Wagen zu sc^ru- keln, und nach dem vierten ging es endlich vom Fleck. „Wirst du den ganzen Weg so langsam fahren?" erkundigte sich der Kommissär. „W—w—i—r werden schon ankommen!" beruhigte ihn der gute Mann. „Die Stute ist jung; wenn sie nur recht ins Laufen kommt, dann kann man sie gar nicht mehr halten. H—i—o!" Ms der Wagen die Statton verlieh, sank schon die Dämmerung auf die Erde hernieder. Zur rechten Hand breitete sich eine verfrorene Ebene, bei der man den Eindruck hatte, daß an ihrem anderen Ende der leibhaftige Teufel wohnen müsse... Zur linken erhoben sich irgendwelche Kuppen; was es aber war, ob Bäume oder Heuschober, konnte man icht imterscheiden. Vor sich sah der Kommissär gar nichts, denn der breite Rucken des Bauern verdeckte ihm die ganze Aussicht. Es war still, frostig und unheimlich. r., für «ine Wüste das ist," dachte der Kommissär und bemühte 7' ‘>,c Ohren ganz in den Kragen seines Pelzes zu verstecken. „Wie tan man da überfallen und beraubt werden, und keine mensch- uche Seele würde einem zu Hilfe kommen. Dieser Bauer flößt auch kein ve,anderes Vertrauen ein. Was für einen Rücken er nur hat! Wenn man von seinem Naturkind einen Rippenstoß bekommt, hat man höchstwahr- tcheintich genug. Und eine veritable Räubervisage hat der Kerl auch noch „Hör' mich, mein Lieber", fragte ihn der Kommissär, „wie heißt du?" „Ich? Klim." — „Sag' mir, Klim, sind die Wege hier bei euch sicher? Gibt es keim Räuber?" „Nein. Gott bewahre. Hier gibt es keine Räuber." „Das ist sehr schön, daß es keine gibt. Na, ich habe für alle Fäll« drei Revolver mitgenommen," log der Kommissär wie nach Noten. „Und wie du wohl wissen wirst, mit Revolvern ist nicht zu spassen. Wenn man ouch nur einen Revolver bei sich hat, kann man spielend auch mit zehn Räubern fertig werden." Stockfinstere Nacht breitete sich über die Welt. Plötzlich begann der Wagen zu kreischen, warf den Kommissär einigemal nach rechts und links und bog dann auf einen Seitenweg ab Wohin fuhrt er mich?, dachte der Kommissär. Bis jetzt ist er g«. radeaus gefahren, und jetzt biegt er auf einmal nach links ein. Wer weiß, ob er mich nicht in irgendeine Räuberspelunke führt... Verschiedene» kommt auf der Welt vor! ,ri »Du! " sagte der Kommissär, „du sagst, daß es hier nicht so gefährlich ist. Das ist eigentlich schade, denn mir gefällt es ganz gut, mich ab und zu ein wenig mit Räubern herumzuschlagen ... Man könnte vielleicht glauben, daß ich schwach sei, aber das wäre ein gefährlicher Irrkun, mein Lieber, denn ich habe eine Kraft, na, ich möcht' es niemandem raten, mit mir anzubä adeln... Einmal haben mich drei Räuber über* fallen: und was glaubst du, ha? Einen hab' ich so ein bißchen geschüt- teU ..., verstehst du mich ..., nicht viel, nur so ein bißchen, daß er seine Gauneri eele dem lieben Herrgott empfehlen mußt«, und die zwei anderen, di« schmachten noch heute in Sibirien. Ich weih selber nicht, woher mir dies« Kraft kommt. Wenn ich so einen Kerl erwischen würde so einen rote du zum Beispiel, ich würde ihn... buchstäblich... zerquetschen." Klim starrte den Kommissär ganz entgeistert an. „Ja, ja," fabulierte dieser frisch drauf los, „ich würde es feinem raten, nur m die Nahe zu kommen Nicht nur, daß sich der Lumpenkerl seine Hande und Füße suchen könnt«, sondern er würde auch obendrein mtt dem Kriminal Bekanntschaft machen. Man kennt mich bei allen Ge- richten: ich bin em hoher Beamter und habe überall großen Einfluß. Jetzt zum Beispiel, fahre ich hier, und die Behörden wissen davon sehr gm und. . bewachen mich. Ueberall entlang dieses Weges sind im Gebüsch Gendarmen und Aufseher versteckt..." ' - - ", schrie plötzlich der Kommissär mit Entsetzen auf. „Wohin fuhrst du mich?" ' „Sie sehen doch, durch den Wald!" In der -tat, es ist ein Wald, dachte der Kommissär, und ich bin unnutz erschrocken. Ich darf keine Unruhe verraten. Er hat es ohnehin schon pemerft daß ich Angst habe. Warum fdjaut er sich fortwährend um? Gewiß beabsichtigte er etwas Böses... Früher ist er Schritt um Schritt gefahren, und letzt saust er wie toll dahin. , Klim, was treibst du das Pferd so an?" "Ich treib' es nicht an, es rennt von selbst... Wenn es einmal »n rennen anfängt, ist es nicht mehr zu halten..." r /l?''/ügst!" Ich sehe es dir an, daß du lügst! Ich rate dir gut, nicht so schnell zu fahren. Halt' das Pferd an, verstehst du mich?" „Warum denn?" „Weil hinter mir drei meiner Freunde fahren, die mich in diesem Walde emzuholen haben... In Gesellschaft wird es sich angenehmer Wh een... Ha, du wirst Augen machen, wenn du sie erblickst. Drei Riesen und jeder hat eine Pistole bei sich. Was wetzt du lo hemm als Erdest du auf Nadeln sitzen? Was schaust du mich so an?' Interessante, gibt es an mir nichts, höchstens die Revolver. Wenn du willst, kann ich sie dir zeigen Der Kommissär tat, als ob er di« Reiwlver suchte; in diesem Augen- blick geschah aber etwas Unerwartetes. Klim, der vor einem Revolver, den er nur vom Erzählen kannte heiligen Respekt hatte, sprang aus dem Wagen und kroch auf allen Vieren ms Walddickicht. Der Kommissär aber deutete sich diesen Vorgang ganz anders; er dachte nämlich, Klim wolle ihn berauben und ermorden, kurz, es werde Furchtbares geschehen. „Gnade!" schrie der Kommissär mit weinerlicher Stimme und rann verzweifelt die Hände. „Nimm, Elender, alles hin. nur verschone mein Leben! Keine Antwort erklang, nur das Geräusch davoneilender Schritt« entfernte sich immer mehr. Erst jetzt fand sich der Kommissär in der Situation zurecht. Er brachte das Pferd zum Stehen und begann nachzudenken, was sich da ma- chen ließe. „Erschrocken ist er, der dumme Kerl und ist davongelaufen... Was soll ich jetzt machen? Allein kann ich doch nicht Weiter' fahren, denn ich kenne ja gar nicht den Weg..." „Klim!... Klim!..." begann er zu rufen. sein. (Aut. Übersetzung aus dem Russischen.) setzt hatte, schon ganz jährlich zu Rat. von I. W. ».Goethe. Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, mußt ums Vergangene dich nicht bekümmern, und wäre dir auch was verloren. Mußt immer tun wie neugeboren; was jeder Tag will, sollst du fragen, was jeder Tag will, wird er sagen: mußt dich an eignem Tun ergetzen, was andre tun, das wirst du schätzen; besonders keinen Menschen hassen und das übrige Gott überlassen. Theaterkrisen in alter Zeit. Von Dr. Hedwig Fischmann. friere schon beinahe!" . ... , . , „ Klim, dem allmählich das Bewußtsein aufgedammert war, daß er es mit keinem Räuber zu tun hatte, kroch aus dem Gebüsch heraus und näherte sich langsam und noch immer ängstlich dem Kommissar .Warum bist du denn so erschrocken, du Narr, du. Ich hab« I« nur gescherzt, und du hast dich gleich so gefürchtet! Also vorwärts, fahren Gott mit Euch", murmelte Klim, aus den Wagen kletternd. „Halte ich das gewußt, nicht um hundert Rubel hätte ich Euch fahren wollen. Noch jetzt spür' ich die Angst in allen Knochen." Klim versetzte dem Goul einen Peitschenhieb; der Wagen erzitterte. Klim gab ihm einen zweiten Schlag: der Wagen begann zu schwanken. Als sich der Wagen nach dem vierten Schlag endlich in Bewegung ge- - - verkroch sich der Kommissär in seinen Pelzkragen und war beruhigt Der Weg und Klim schienen ihm nicht mehr so ge- „Klim!" antwortete das Echo. .. .. . . » ,. , Da ließ er die Hände fallen und krackte vor Angst wie em Taschen- messer zusammen. Es eröffnete fich ihm die furchbare Perspektive, die ganze Nacht mutterseelenallein im Walde verbringen zu müssen. „Klim, lieber Klim, wo bist du?" flehte er. . . , < Endlich, nach einer Viertelstunde vielleicht, horte er ein schwache^ Stöhnen. 5^Tim bift bu’s?" Wirst — du — mich erschlagen?" klang es aus dem Dickicht zurück ''Aber, ich habe ja nur gescherzt. Ich habe ja keinen Revolver bei mir. Um Gottes willen, so komm doch wieder und fahr weiter, denn ich er- Unheimlich, beängstigend für jeden, der sich den Glauben an die Kunstmission der Bühne bewahrt hat, ist das Knistern tm Gebalk der Theater, das jetzt hier, jetzt dort, an der Spree wie an der Donau M Schlesien wie in Deutschlands Westen, verhängnisvoll laut wird. Das Gespenst der Theaterkrise geht um. Immer liegt es aus der Lauer in der mit tausend unberechenbaren Spannungen geladenen Atmosphäre dieser eltsamen Sonderwelt — urplötzlich springt es aus und zerreißt mit jähem Griff die sorgsam geknüpften Fäden einer oft mühevollen, oft fegens» reichen Entwicklungsreihe. Sein schleichender schritt geht durch die Jahr» fchrieb^sÄhr^des Heils 1685, als der Kurfürst Johann Georg III. in Dresden das erst« Hoftheater begründete und dadurch dem tatkräftigen und nach neuen Taten begierigen Magister B e I t e n mit seiner „berühmten Bande" eine Stätte scheinbar gesicherter Entwicklungsmöglichkeiten bot. Hier glaubte der Magister, den Boden gesunden zu haben, um die in der Improvisation der Wanderzuge verwilderte Schauspielkunst emporzubilden zur Hingabe an das regelmäßige Stuck. Aber das Verhängnis, das in der engen Verknüpfung der Buhne mit dem Geschick und den persönlichen Wünschen eines Hofes schlummert, die wesensfremde Verguickung von Beamtentum und künstlerischem Schaffen sollte schon dieser erste „Hostheaterdirektor" wie nach ihm so mancher erfahren; um so empfindlicher in einer Zeit, da noch ein Hofkomodiant mit dem Rang und Gehalt eines Hofbedienten angestellt wurde, um dann stufenweise zum Rangverhältnis eines Kammerlakaien und Kammerbedienten aufzurücken. Damals hielt man es auch für das gute Recht eines Hofes, im Falle einer eintretenden, lange währenden Hoftrauer die Komödianten, deren Dienste man nun nicht in Anspruch nehmen konnte, brotlos zu machen, und der Magister Velten mußte es sich als besondere Gunst vom Kursürften erbitten, diese Zeit unfreiwilligen Feierns zu Wanderfahrten mit feiner Truppe benützen zu dürfen. Und als nach kurzen Jahren der Verwurzelung in Dresden und den verheißungsvollen Ansätzen einer Höherentwicklung der Schauspielkunst der Kurfürst starb und sein Nachfolger nicht die gleichen künstlerischen Interessen teilte, da stürzte der ganze emporstrebende Bau mit einem Schlage zusammen. Velten und seine heimatlos gewordene Schauspieler- fchar muhten nun wiederum zum Wanderstab greifen und den Kampf mit Gauklerbanden um die Gunst des Publikums aufnehmen. War der Magister Velten durch das verhängnisvolle Eingreifen einer äußeren Gewalt in fein Lebensschicksal aus seinen Resormplänen herausgerissen worden, so scheiterte die Neuberin und ihr Wirken an dem aussichtslosen Ringen der Einen gegen die Masse. Ihr Schicksal war das typische so manchen Bühnenleiters, der einer widerstrebenden Zeit den Weg zu Höherem weisen, einer neuen Kunstepoche den Boden bereiten will. „Die Urheberin des guten Geschmacks auf der deutschen Buhne", die den Harlekin und in ihm das Sinnbild der rohen Stegreifkomödie von der Szene verbannen wollte, wurde von dem Publikum, dem sie sein buntes Spielzeug genommen hatte, im Stich gelassen. Mit ihrem einstigen grohmächtigen Gönner Gottsched in bitterer Feindschaft zerfallen, von der nebst Leipzig bedeutsamsten Stätte ihres Wirkens, aus Hamburg für immer verwiesen, weil die leidenschaftliche Frau die verständnislose Bewohnerschaft in einem Epilog scharf verhöhnt hatte, mutzte sie den vollkommenen Zerfall ihrer Truppe, ja sogar ihr eigenes Scheitern als Schauspielerin erleben, während der neue Tag der deutschen Buhnenkunst, den sie selbst hatte heraufführen helfen, langsam emporstieg. Unter den Stücken, denen die Neuberin den Weg auf die Bühne eröjf= net hatte, war auch „Der junge Gelehrte" des damals 18jährigen Stu- denten Lessing, dessen Name später mit einer andern epochemachenden Theatergründung und beklagenswerten Bühnenkrise verknüpft war, mit dem ersten deutschen Nationaltheater in Hamburg. Aus der immer fester im Bewußtsein aller Theaterkundigen Wurzel schlagenden Einsicht, daß das Gedeihen der dramatischen Kunst nur durch die Stabillwt einer ständigen Bühne gewährleistet werden konnte, war diese Gründung entstanden. Daß dieser schöne Traum schon nach 21- Jahren wieder ms Nichts zerflatterte, roar wie bei fast allen Theaterkrifen durch eine Vielheit zu ammenwirkcnder widriger Umstände veranlaßt. Em großer Teil aber der Schuld an dem Zusammenbruch lag darin, daß die „Entrepreneure" nicht voni Bau, sondern Kaufleute, wenn auch von den edelsten, gemeinnützigen Absichten beseelt, waren und der eigentliche künstlerische Direktor, der Schriftsteller Löwen, sich feiner Aufgabe keineswegs gewachsen zeigte. Dazu kam noch, daß auch das Publikum, dem man seinen stärksten Theatermagnet, Ballett und Pantomime, genommen hatte, uni ihm als es zu spät war, ihn widerwillig von neuem zuzubilligen, dem Unternehmen die Gefolgschaft verweigerte, und zwar um so energischer, als auch von der Kanzel herab der Kamps gegen den alten Feind, das Theater, entbrannt war. Vom Publikum gemieden — dessen Teilnahmslosigkeit Lessing in seiner „Hamburgischen Dramaturgie nut den schärfsten Geißelhieben gezüchtigt hat — zog als em ständiger Gast d.r Todesbote so vieler, einst hoffnungsfroh begonnener ^heaterunterneh- munqen dort ein: die Geldnot. Klingen nicht die Worte, nut denen Eduard Devrient jene Tage schildert, wie aus den herbsten Bühnenerfahrungen von gestern oder heute geboren: „Die Kasse mar oft von ungestümen Gläubigern umgeben, und die Gehalter der Schauspieler mutzten von der Abendeinnahme gedeckt werden. Und um die vollständige Kapitulation vor der dumpf niederziehenden Gewalt der Masse zu besiegeln, schloß das Theater mit einem Matrosenballett seine Pforten. So endete eine Bühne, der eine Künstlergemeinschaft von seltenem Aange allen voran der von heiligstem Eifer für das Wert entflammte E k h o f, ihre Kräfte geweiht hatte. Wie lächerlich — wenn seine Auswirkung nicht so tragisch wäre — das Mißverhältnis zwischen dem eine Theaterkrise hervorbringenden Anlaß und der durch sie zerrissenen Entwicklungsreche sein kann das geht mit eindringlichster Ucberzeugungskraft aus dem allgemein bekannten Sturze des Bühnenleiters Goethe durch einen Hund hervor, "ew'tz, das Auftreten des „Hundes des Aubry auf dem Weimarer Theate^ das der Herzog befohlen, Goethe aber als unvereinbar mit der Wurde des Hauses nicht hatte dulden wollen, war nur das letzte Glied, einer Kette von Theaterkabalen; und ebenso zweifellos ist es, daß, dieft JRe- beUion niemals so weit angewachsen wäre, wenn sich nicht ve, Goelye selbst eine starke Theatermüdigkeit, diese häufige Berusskrnnkheitlang- iäbriaer Bühnenleiter, geltend gemacht und ihn bewogen hatte, die Zügel immer mehr in andere Hände gleiten zu lassen. Doch mögen. auch die Gründe dieser Theaterkatastrophe sicher tiefer gelegen haben, als es auf ^n ersten Blick scheint - die Tatsache bleibt bestehen, daß sie die be- chämendste in der deutschen Theatergeschichte gewesen, da >hre Akteure Goeth» und ein dressierter Pudel waren und der Vierfüßler als s g- reicher Vertreter billiger Vergnügungsinstinkte triumphierend aus der ! Szene zurückblieb. Nicht wie Goethe durch Jntriguen, die ja von jeher üppig ^mischen den Kulissen emporschießen, sondern durch die schleichende Krankheit s viAer^Bühiwn^'auch^ in unseren Tagen, du ich das Mißverhältnis 3* den notwendigen Ausgaben und den zur ^"f"^jjNdÄ^ns^Leben erlitt die von Immer mann für kurze Zeck >n Düsseldorf ms Teven nerufene Musterbühne Schiffbruch, em Unternehmen, „das „ bestimmt I schien in die Reihe der rheinischen Kulturanstalten einzutreten . Hervor- ge wachsen aus dem Versuch eines leidenschaftlichen Theaterliebhabers, bet dramatischen Kunst zu der gleich hohen Werftcljätzung in Düsseldorf z verhelfen die die bildenden Künste damals dort genossen, getragen v dem reinen Idealismus eines Leiters, der seine lunstische Laufbahn m b Kchanz« geschlagen unterstützt von der lugendlich-gemalen Kraft x Nndelssohn,' vermochte dieses kunstsrohe Unternehmen, das du aeickäftliche Gestalt eines Aktionär-Theaters trug, doch nicht, der Ungunf der äiihefen Verhältnisse dauernd Widerstand zu leisten. W,e gering auch h sitnfmnnb an Mitteln gemessen an den erreichten Leistungen, gc- ^Meldorf m jung noch als Kunststadt, war nicht der Baden, eine solche Schöpfung zu tragen. Und unter den 36 Fürsten Deutschlan - and sch wie Jmmermann bitter klagt«, nutzt einer, „ber em gan komplett eingerichtetes Theater mit klassischem Repertoire und emer schon feststehenden Tradition und Regel mit geringen Kosten sich “taufen mochte! Und doch stiften sie überall schlechte chofbuhnen für bW«3 @Ct'Jlun Hofbühnen, die ja zweifellos trotz der bösen Worte des verbitterten Jmmermann ihr unvergängliches Verdienst um die Entwickl e der deiltschen Schauspielkunst besessen haben, — es feinur an bte ar Zeit des Wiener Burgtheaters erinnert, wo freilich auch so bedeuts Direktionsepochen wie die von Schreyvogel oder Laube $ jt Zusammenprall von Beamtenweisheit und künstlerischer Erfahrung > jähem Mißklang endeten — werden heute nicht mehr gegründet. Denn ) sind die Klippen, an denen ein Theaterschiff scheitert, nicht gor g Zahl und Gefährlichkeit geworden, es sind vielmehr gar manche, w hartnäckige Wettbewerb von Film und Tonfilm, die gesteigerten Wunchtz der Prominenten, die erhöhten Ansprüche einer mehr !“stot>o - . kunstfreudigen Epoche, neu emporgetaucht aus dem Ozean der Veir. | der frohe Wagemut, das Steuer zu ergreifen und allen Gefahren dieser lockenden Zauberin, Bühne genannt, Trotz zu bieten, nicht zurückgeschreckt durch das Schicksal jener, die unterlagen — er ist noch nicht erstorben. Grenzen der tierischen Ginne. Von Dr. Th. A. Ma ah. Ein genialer Musiker hat seine größten Gedanken, seine tiefsten Empfindungen in sein Ausdrucksmittel, den Klang, umgesetzt und niedergeschrieben. Ein Astronom hat seine Forschungsergebnisse bis an die Erkenntnis vom Werden, Wandeln und Vergehen der Welten vordringend, zu Papier gebracht. Die Niederschrift des großartigen Resultats umfaßt nicht mehr als eine Reihe der höchsten Mathematik entstammender Glei- chungen. Und für jeden von ihnen ist das Manuskript des anderen nur ein mit schwarzen Zeichen bedecktes Papier. Nicht weil der Eine des Anderen Fachsprache nicht versteht, — die wäre erlernbar —, sondern weil es ihm versagt ist, sich aus der eigenen in die fremde seelische Welt, in die fremde Gedankenrichtung, die das Werk entstehen ließ, zu versetzen. Dabei sind hier die Vorbedingungen des gegenseitigen Verstehens denkbar günstig. Beide stehen auf gleicher geistiger Höhe, gehören dem gleichen Kulturkreis an. Trifft dies nicht zu, so wird die Lage noch unendlich viel schwieriger: Ein Europäer wird den primitiven Wilden, aber auch den hochstehenden Malaien oder Mongolen niemals ganz verstehen können. Ins Unendliche aber steigern sich die Schwierigkeiten, wenn der Mensch versucht, forschend in die Seelenwelt der Tiere vorzudringen. Hier fehlt zunächst einmal der beste Maßstab, die vergleichende Uebertragbarkeit aus das eigene Ich. Dann fehlen alle direkten Verständigungsmittel zwischen Untersucher und Untersuchtem. Rechnet man dann noch die riesige Spannweite der Tierentwicklung von der einzelligen Amöbe bis zum Säugetier hinzu, so ist damit ein Teil der Schwierigkeiten aufgezählt, die sich einer ernsthaften Seelenforschung im Tierreich entgegenstellen. Schwierigkeiten sind der Wissenschaft noch nie Grund zum Verzicht gemeßen, haben sie stets nur angestachelt, um so eifriger nach dem besten Weg zu suchen, ins Verschlossene vorzudringen. Der Weg zur Erkenntnis seelischer Vorgänge muß seinen Ausgang von der Physiologie des Nervensystems und der Sinnesorgan« nehmen. Erst wenn man genau weiß, ivelchen Sinnes- eindruck das Tier empfängt, wie sein Organismus den Sinnesreiz beantwortet und verwertet, kann man versuchen, sich in die Rätselwelt des tierischen Denkens vorzutasten. lieber die Sinneswahrnehmung der Tiere und die von ihnen aus- gelösten einfachsten Assoziationen, herrschte bis vor Kurzem noch erstaunliche Unklarheit. So wußte man beispielsweise nicht, wie es um den Gehörsinn verhältnismäßig hochentwickelter Vertreter des Tierreichs, der Fische, bestellt ist. Hier mußte der Dressurverfuch herangezogen werden. Dessen Grundprinzip ist, daß man das zu untersuchende Tier in langsamem, geduldigem Vorgehen, in ständiger Wiederholung daran gewöhnt, in Verbindung mit einem bestimmten Sinnesreiz (Schall, Licht usw.) eine Belohnung, einen Leckerbissen zu empfangen. Bei einem anderen Reiz läßt man es etwas Unangenehmes erleben. Das Resultat dieser Versuche war, daß die Fische (Elritzen, Welse n. a. m.) nach wechselnd langer Vorbereitung erlernten, zwei verschiedene hohe Töne mit Sicherheit zu unterscheiden. Das Intervall brauchte dazu bei begabten Exemplaren nicht größer als eine kleine Terz zu sein, und die Tonstärke konnte so niedrig gehalten werden, daß das unter Wasser befindliche menschliche Ohr den Ton überhaupt nicht mehr wahrnahm. Damit, daß der Fisch erlernte, den gewöhnlich mit der Darbietung eines Leckerbissens zusammengegebenen Freß-Ton schließlich wie diese selbst zu empfinden, und auf fein Erklingen nach dem Futterplatz zu eilen, den nur wenig abweichenden Warn-Ton mit Abwehr und Fluchtbewegung zu beantworten, wird das Toneinpfindungs- und Tonunterscheidungs-Vermögen der Tiere unumstößlich bewiesen. Der Gesichtssinn der Fische gilt als schwach entwickelt, nicht über die Wahrnehmung bewegter Gegenstände hinausgehend. Jetzt ist aber durch Versuche, die die Futterdarreichung mit Farbeneindrücken verknüpften, Wahrnehmung und Unterscheidung verschiedener Farben mit Sicherheit bewiesen. Die Geschmacksgualitäten, sauer, süß, bitter, salzig, werden deutlich unterschieden. Eebenso die verschiedensten Geruchseindrücke, was sicher beim Nahrungssuchen und Verfolgen der Beute eine wichtige Rolle spielt. Tastsinn, Empfindlichkeit gegen Berührung sind vorhanden, lieber Schmerzempfindung, die subjektives«« aller Sinneswahrnehmungen, läßt sich wenig Positives aussagen. Die orientierende Wanderung durch die Sinneswelt der niedrigsten Klaffe der Wirbeltiere, der Fische, zeigt, daß hier keine grundsätzlichen Unterschiede gegen die des höchsten Wirbeltiers, des Menschen, bestehen. Und doch darf inan nicht einmal die sinnlichen Wahrnehmungen der nächsten Verwandten, der Säugetiere, besonders des Hundes, der des Menschen vollkommen gleich setzen. Die klassische Form des oben geschilderten Lern- und Dressurversuchs, die von Pawlow und seinen Schülern absichtlich herbeigeführte Verknüpfung irgendeines begehrten Nah- lern absichtlich herbeigeführte Verknüpfung irgendeines Sinneseindrucks mit dem durch Geschmack ober auch nur Anblick eines begehrten Naherwartetes ergebn. So ist es mindestens unsicher, ob das scharfe Auge des Hundes im Stande ist, geometrische Figuren zu unterscheiden, ja selbst, ob er seinen eigenen Herrn ausschließlich nach dessen Gesichtszügen und Körperumrissen erkennen kann. Der Geruchssinn des Hundes, seine „unfehlbare" Spursicherheit, ist wesentlich überschätzt worden. Genau durchgeführte Untersuchungen an begabten und gut abgerichteten Polizeihunden ergaben, daß nur zwei von vielen mit Sicherheit der Spur des eigenen Herrn folgen konnten. Beim Folgen frember Spuren, dem Verbellen und ähnlichen Ausgaben des Polizeihundes wurden so viel Fehlerguellen aufgedeckt, daß man sich genötigt sah, Schwurgerichtsurteile, bei denen die Tätigkeit des Polizeihundes das Hauptindiz bildete, aufzuheben. Von den zahllosen Untersuchungen über Sinneswahrnehmung wirbelloser Tiere seien einige wenige aufschlußreiche Ergebnisse angeführt: Bei manchen Heuschreckenarten ruft das Männchen das Weibchen zum Liebesspiel durch eigenartig zirpende Laute. Zur Feststellung, ob es wirklich die Lautwahrnehmung als solche und nicht vielleicht irgendeine Begleiterscheinung wäre, die das liebesbedürftige Weibchen anlockt, ließ man das Männchen fein Liebeswerben per Telephon vortragen. In einem weit entfernten Raum hörte das Weibchen aus dem Mikrophon den Sang des unsichtbaren Partners und eilte sofort auf den Apparat zu, in der Hoffnung, dort den Minnesänger zu finden. Welch seltsame Organe ost der Schallwahrnehmung niederer Tiere dienen müssen, konnte an Raupen gezeigt werden. Diese reagierten deutlich auf den Ton einer Stimmgabel, zeigten auch bei häufiger Reizung durch den gleichen Ton die Erfchei- nung der Ermüdung für diesen bestimmten Ton, ohne darum die Wahrnehmung anderer einzubüßen. Sie wurden aber taub, wenn man die sie bedeckenden Körperhärchen absengte, einftäubte oder anfeuchtete. Was ergibt, das diese Härchen Schallwellen auffangen und ihre Wahrnehmung vermitteln. Ein Teil der grundlegenden Untersuchungen von Profesior v. Frisch über die Sinne der Bienen zeigt deren hochentwickeltes Far- benwahrnehmungsvennögen. Die Unterlage von bestimmter Farbe, auf der sich während der Lehrzeit Zuckerlösung befand, wurde von anders gefärbten, auch von grauen Unterlagen genau gleichen Helligkeitswertes, unterschieden. Die auf Blau als Lockfarbe dressierte Biene flog auch auf einen neutral grauen Farbring zu, wenn sich dieser auf einer scharf gelben Unterlage befand. Dieselben Gesetze der Farbwahrnehmung, die der Neutralfarbe für das menschliche Auge den Kantrastwert Blau verleihen, gelten auch für bas ganz anders aufgebaute Sinnesorgan der Biene Je weiter man die Entwicklungsreihe abwärts verfolgt, um so spärlicher und unsicherer werden die Befunde. Kleinste Wasserinsekten, wie Wassermilben und Flöhe, waren nicht baju zu bringen, intensive Farben- und Lichteindrücke als Signale für Belohnung ober Strafe aufzufassen, erst dem zehnfützigen Wasserkrebs gelang solch eine „geistige" Leistung. Daß der Regenwurm nach längerer Dressur lernen soll, den Schenkel eines künstlichen Kreuzweges, an dessen Ausgang ihm Unannehmlichkeiten bevorstehen, durch Richttingsänderung an der Kreuzungsstelle zu meiden, wird neuerdings bezweifelt. Der Tintenfisch, eine Molluske, lernte schließlich gefärbtes Licht, das ihn vor einem Schmerz warnt, erkennen. Bei der niedrigsten Entwicklungsstufe, dem einzelligen Tier, konnte nur noch eine Reaktion auf Reize aller Art beobachtet werden, der Schreck. Und konnte sogar auf einen bestimmten Teil des einzelligen Organismus lokalisiert werden: Bei einem durchschnittenen Paramci- zium blieb der vorderen Hälfte die Reaktionsfähigkeit erhalten, während die Hintere sie verloren hatte. Abschließend noch ein Wort über den Zeitsinn, dessen Bestehen als selbständige, übergeordnete Funktion selbst beim Menschen noch nicht sichergestellt ist. Höhere Tiere, wie Ratten, scheinen ihn zu besitzen. Sie lernten außerordentlich schnell von zwei vollkommen gleichartigen, zur Futterstelle führenden Gängen, den zu wählen, wo sie durch eine zwischengeschaltete Falle nur eine Minute ihrer Freiheit beraubt wurden, und den zu meiden, wo die Haft vier bis sechs Minuten währte. Die Physiologie der tierischen Sinnesorgane ist genau durchforscht. Reize, Reflexe und Assoziationen sind keine Werte, sondern biologisch erklärte Begriffe. Der Zweifel beginnt erst, wenn man von hier aus weiter in bas Werben des Gedankens »erbringen will. Beim Menschen wissen wir, ober glauben wir darüber einiges zu wissen. Die Vergleichbarkeit des anderen mit dem eigenen Ich, das gemeinsame Ausdrucksmittel, die Sprache, ebnet den Weg. Beim Tier fehlen diese Hilfsmittel, wir tappen im Dunkeln. Aber diese Tausende von Schleiern, mit denen das Tier seine seeli- s ch e Wesenheit umgibt, vielleicht zum Ausgleich dafür, daß es der Wissenschaft oft unter Schmerzen und Qualen alle Geheimnisse körperlichen Geschehens enthüllen mutzte, dürfen nicht zur Ablehnung des Bestehens tierischer Seelentätigkeit verführen. Die Philosophie Descartes’ oder Schopenhauers tut dies, sieht das Tier als seelenlosen Automaten an. Für sie taucht das Geistig-Seelische plötzlich unvermittelt bei der Spezies Säugetier, die man Mensch nennt, auf. Dem Biologen, der die Abneigung der schöpferischen Natur gegen alles sprunghafte Vorgehen kennt, ist diese Auffassung unannehmbar. Er darf im Suchen nicht Nachlassen, ob das dem Menschen „dem letzten Tier der Erde, dem ersten Gott dieser Welt" (Schleich) geschenkte göttliche Feuer des Gedankens nicht als Funke schon im Stamm verwandter Tiere glimmt. Carsten Curator. Novelle von Theodor Stör m. (Fortsetzung.) lieber mancherlei unbedeutende Dinge konnte er in jähem Schreck zusam- menfahren; so, wenn unerwartet an seine Stubentür geklopft wurde, ober wenn der Postbote abends zu ihm eintrat, ohne bah er ihn vom Fenster aus vorher gesehen hatte. Man hätte glauben können, der alte Carsten habe sich noch in seinen hohen Jahren ein böses Gewissen zugelegt. Die Frauen sahen das; sie hatten auch wohl ihre eigenen Gedanken, im übrigen aber trug Carsten seine Last allein; nur sprach er mitunter sein Bedauern aus, daß er statt aller anderen Dinge nicht lieber seine ganze Kraft auf die Vergrötzerung des ererbten Geschäftes gelegt habe, so datz Heinrich es jetzt übernehmen und in ihrer aller Nähe leben könnte. — Cs stand nicht zum besten in dem Hause an der Twiete; denn auch Tante Brigitte, bereit sorgende Augen stets an ihrem Bruder hingen, kränkelte; nur aus Annas Augen leuchtete immer wieder die unbesiegbare Heiterkeit der Jugend. Es war an einem heißen Septembernachmittag, als die Glocke an der Haustür läutete und gleich darauf Tante Brigitte aus der Küche, wo sie mit Anna beschäftigt war, auf den Flur hinaustrat. „In Christi Namen!" rief sie, „da kommt der Stabtunheilsträger, wie der Herr Bürgermeister ihn nennt! Was will der von uns?" „Fort mit Schaden!" sagte Anna und klopfte mit dem Messer, das st« in der Hand hielt, unter den Tisch. „Nicht wahr, Tante, das hilft?" Mittlerweile stand der Berufene schon vor der offenen Küchentür. „Ei, schönsten guten Tag miteinander!" rief er mit seiner Altweiberstimme, indem er mit seinem blaukarierten Taschentuche sich die Schweißtropfen von den Haarspitzen seiner fuchsigen Perücke trocknete. „Nun, wie geht's, wie geht's? Freund Carstens zu Hause? Immer fleißig an der Arbeit?" Aber bevor er noch eine Antwort bekommen konnte, hatte er die alte Jungfrau mit einem neugierigen Blick gemustert. „Ei, ei, Brigittchen, Ihr seht übel aus; Ihr habt verspielt, seit wir uns nicht gesehen." Tante Brigitte nickte. „Freilich, es wi llnicht mehr so recht; aber der Physikus meint, jetzt bei dem schönen Wetter werd' «s besser werden." Herr Jaspers ließ ein vergnügliches Lachen hören. „Ja, ja, Brigittchen, das meinte der Physikus auch bei der kleinen dänischen Marie im Kloster (das Sankt Fürstenstift für alte Frauen), als sie die Schwindsucht hatte. Ihr müßt, sie nannte ihr Stübchen immer, ,min lütje Paradies'" — er lachte wieder höchst vergnüglich — „aber sie mußte doch fort aus dat lütje Paradies." „Gott bewahr' uns in Gnaden", rief Tante Brigitte, „Ihr alter Mensch könntet einem ja mit Euren Reden den Tod auf den Hals jagen!" „Run, nun, Brigittchen; alte Jungfern und Eschenstangen, die halten manche Jahre!" „Jetzt aber macht, daß Ihr aus meiner Küche kommt, Herr Jaspers", sagte Prigitte; „mein Bruder wird Euch besser auf Eure Komplimente dienen." Herr Jaspers retirierte: zuglei chaber hob er sich die dampfende Perücke von feinem blanken Schädel und reichte sie auf einem Finger gegen Anna hin. „Jungfer", sagte er, „sei Sie doch so gut und hänge Sie mir derweile das Ding zum Trocknen auf Ihren Plankenzaun; aber pass' Sie auch ein wenig auf, daß es die Katz' nicht holt." Anna lachte. „Nein, nein, Herr Jaspers; tragt Euer altes Scheusal nur selbst hinaus! Und unsere Katz', die frißt solche rote Ratzen nicht." „So, so? Ihr seid ja ein naseweises Sing!" sagte der Stadtunheilsträger, besah sich ein wenig seinen abgehobenen Haarschmuck, trocknete ihn mit seinem blaukarierten Taschentuche, stülpte ihn wieder auf und verschwand gleich darauf in der Tür des Wohnzimmers. Als Carsten, der bei seinen Rechnungsbüchern saß, Herrn Jaspers' vor Geschäftigkeit funkelnde Aeuglein durch die Stubentür erscheinen sah, legte er mit einer hastigen Bewegung seine Feder hin. „Nun, Jaspers", sagte er, „was für Botschaft führt Ihr denn heute wiederum spazieren?" „Freilich, freilich, Freundchen", erwiderte Herr Jaspers, „aber Ihr wißt fa, des einen Tod, des anderen Brot!" „Nun, so macht es kurz und schüttet Eure Taschen aus!" Herr Jaspers schien den gespannten Blick nicht zu beachten, der aus den großen, tiefliegenden Augen auf fein kleines, faltenreiches Gesicht gerichtet mar. „Geduld, Geduld, Freundchen!" sagte er und zog sich behaglich einen Stuhl herbei — „also: der kleine Kramer in der Süder- straße, wo die Oftenfelder (Osteufeld ist ein ostfriesisches Kolonistendorf südöstlich Husum, mitten im „Wilden Moor" gelegen, mit eigenartigen Sitten und Trachten) immer ihre Notdurft holen — Ihr kennt ihn ja; dos Kerlchen hat immer eine blanke, wohlgekämmte Haartolle; aber das hat ihm nichts geholfen, Carsten, nicht für einen Sechsling! Ich hoffe nicht, daß Ihr mit diesem kleinen Kiebitz irgendwo verwandt seid." „Ihr meint durch meinen Geldbeutel? Nein, nein, Jaspers; aber was ist mit dem? Es war bei feinen Eltern eine gute Brotstelle." „Allerdings, Carsten; aber eine gute Brotstelle und ein dummer Kerl, die bleiben doch nicht lang zusammen; er muß verkaufen. Ich hab's in Händen; viertausend Taler Anzahlung, fünftausend protokollierte Schulden gehen in den Kauf. — Nun? Guckt Ihr mich an? — Aber ich dachte gleich, das wäre so etwas für Euren Heinrich, wie es Euch nicht alle Tage in die Hände läuft!" Carsten hörte das; er wagte nicht zu antworten; unruhig schob er die Papiere, die vor ihm lagen, durcheinander. Sann aber sagte er, und die Worte schienen ihm schwer zu werden: „Sas geht noch nicht; mein Heinrich muß erst noch älter werden!" „Aelter werden?" Herr Jaspers lackte wieder höchst vergnüglich. „Sas meinte auch unser Pastor von seinem Jungen; aber, Freundchen, was zu einem Esel geboren ist, wird sein Tage nicht kein Pferd." Carsten spürte starken Srang, gegen seinen Gast sein Hausrecht zu gebrauchen; aber er fürchtete unbewußt, die Sache selber mit zur Tür hinauszuwerfen. „Nein, nein, Freundchen", fuhr der andere unbeirrt fort; „ich weiß Euch befferen Rat: eine Frau müßt Ihr dem Heinrich schaffen, versteht mich, eine fixe; und eine, die auch noch so ein paar Tausende in bonis hat! Nun" — und er machte mit feiner Fuchs Perücke eine Bewegung nach der Gegend der Küche hin — „Ihr habt fa alles nahebei." Carsten sagte fast mechanisch: „Was Ihr Euch doch um anderer Leute Kinder für Sorgen macht!" Aber Herr Jaspers war aufgeftanben und sah mit einem schlauen Blick auf den Sitzenden hinab. „Ueberleqt's Euch, Freundchen, ich muß noch auf die Kämmerei: bis morgen halt' ich Euch die Sache offen." Er war bei diesen Worten sckon zur Tür hinaus. Carsten blieb mit aufgestütztem Kopf an feinem Tische sitzen; er sah es nicht, wie gleich darauf, während Herrn Jaspers' hoher Zylinder sich draußen an den Fenstern vorüberschob, die kleinen, zudringllchen Augen noch einen scharfen Blick ins Zimmer warfen. * Sie Vorschläge des „Stadtunheilträgers" schienen dennoch nachgewirkt zu haben. — Sas war es ja, wonach Carsten fick so lange umgesehen; das zu Kauf gestellte, jetzt zwar herabgekommene Geschäft konnte "bei guter Führung und ohne zu hohe Zinsenlast als eine sichere Versorgung gelten. Hier am Orte konnte der Vater selbst ein Auge darauf halten, und Heinrich würde allmählich auf sich selber stehen lernen. Carsten faßte sich ein Herz; mit zitternder Hand holte er noch einmal aus feinem Schreibpult jene Hamburger Briefe, die ihm vor nicht langer Zeit den größten Teil seines kleinen Vermögens gekostet hatten, und las sie, einen nach dem anderen, sorgsam durch. Sem letzten lag ein quittierter Wechsel bei; der Name unter dem Akzept war mit vielen Strichen unleserlich gemacht. Wie oft hatte er jene Briefe nicht schon durchgesehen, um immer aufs neue sich zu überzeugen, daß alles geordnet sei, daß für die Zukunft kein Unheil mehr daraus entstehen könne! Ader sie sollten endlich nun vernichtet werden. Er zerriß sie in kleine Fetzen und warf sie in den Ofen, wo dann das erste Winterfeuer sie ganz verzehren mochte. Als habe er heimlich eine böse Tat begangen, so leise drückte er die Tür des Ofens wieder zu. Sann stand er lange noch vor feinem Pulte, den Schlüssel in der Hand; er atmete mühsam, und sein grauer Kopf sank immer tiefer auf die Brust. Aber dennoch — und immer wieder stand ihm das vor Augen — wozu die Verhältnisse der Großstadt den schwachen Sohn verführt hatten, hier in der kleinen Stadt war das unmöglich! Wenn er ihn nur bald, nur gleich zur Stelle hätte! Eine fieberhafte Ängst befiel ihn, sein Sohn könne eben jetzt, im letzten Äugenblick, wo noch vielleicht der sichere Hafen ihm bereitstehe, noch einmal sich in jenen Strudel wagen. Sas Pult zwar wurde endlich abgeschlossen; aber wohl eine Stunde lang ging der sonst nie müßige Mann wie zwecklos in Haus und Hof umher, sprach bald mit den Frauen ein Wort über Singe, um die er sich nie zu kümmern pflegte, bald ging er durch den Pesel in den Hof, um die seit lange hergestellte Brunneneinfassung zu besichtigen. Von. hier zurückkommend, öffnete er eine Tür, die aus dem Pesel in einen Seitenbau und in dessen oberem Stockwerk zu Iulianens Sterbekammer führte. Sie schmale, seit Jahren nicht gebrauchte Treppe krachte unter feinen Tritten, als führe die alte Zeit aus ihrem Schlafe auf. Sroben in der Kammer, unter dem Fenster, das auf die düstere Tmiete ging, stand ein leeres, von Würmern halb zerstörtes Bettgestell. Carsten zog den einzigen Stuhl heran und blieb hier sitzen. Vor seinen Augen füllten sich die nackten Breiter; aus weißen Kissen sah ein blasses Antlitz, zwei brechende Augen blickten ihn an, als wollten sie ihm jetzt verheißen, was zu gewähren doch zu spät war. Erst spät am Nachmittage saß (Durften an feinem Arbeitstisch. Doch waren es nicht gerade gewohnte Singe, die er heute vornahm; eine Ku- ratelredjnung, obwohl sie morgen zur Konkurssache eingereicht werden sollte, war beiseite geschoben und dagegen ein kleines Buch aus dem Pult genommen, das den Nachweis des eigenen SBermögensftanbes enthielt; die großen, dunkeln Augen irrten unftät über die aufgeschlagenen Paginas. Ser Alte seufzte; über die besten Nummern war ein roter Strich gezogen. Sennoch begann er sorgsam seinen Status aufzustellen: was gegenwärtig an Mitteln noch vorhanden war, worauf er in Zukunft noch zu rechnen hatte. Sa es nicht reichen wollte, kalkulierte er überdies den Wert feiner kleinen Marschfenne, die er bisher noch immer festgehalten halte; aber die Landpreise waren in jener Zeit, nur unerheblich. Er dachte daran, zu feinen übrigen Arbeiten noch ein städtisches Amt zu übernehmen, das man ihm neulich angeboten, das er aber feiner geschwächten Gesundheit halber nicht anzunehmen gewagt hatte; nun meinte er, er fei zu zog gewesen; gleich morgen wolle er sich zu der noch immer unbesetzten Stelle melden. Und aufs neue machte er seine Berechnung: aber das gehoffte Resultat wollte nicht erscheinen. Er legte die Feder hin und wischte sich den Schweiß aus seinen grauen Haaren. Sa klang ihm vor den Ohren, was Herr Jaspers ihm geraten hatte, und seine Gedanken begannen in den wohlhabenden Bürgerhäusern hevum- zuwandern. Freilich, es waren schon Mädchen dort zu finden, wirtschaftlich und sittsam, und einzelne — so dachte er — wohl fest genug, um einen schwarten Mann zu stützen; aber würde er für seinen Heinrich dort anzuklopfen wagen? Während er sich selbst zur Antwort langsam seinen Kopf schüttelte, trat Anna in der ganzen heiteren Entschlofsenheit ihres Wesens in die Stube; wie ein Aufleuchten flog es über seine Äugen, und unwillkürlich streckte er beide Anne nach ihr aus. Anna sah ihn befremdet an. „Wolltet Ihr was, Carften Ohm?" fragte sie freundlich. Carften ließ die Arme sinken. „Nein, Kind", sagte er fast beschämt, „ich wollte nichts; laß dich nicht stören; du wolltest wohl zum Vesperbrote anrichten." Er nahm wieder die Feder, als wolle er in der vor ihm liegenden Berechnung fortsahren; aber seine Augen blieben an dem Mädchen hangen, während diese den Klapptisch von der Wand ins Zimmer rückte und dann, kaum hörbar, mit ihrer sicheren Hand die Singe zum gewohnten Abendtee zurechtsetzte. Ein Bild der Zukunft stieg in seiner Seele auf, vor dem er alle feine Sorgen niederlegte.--Aber nein, nein; er hatte immer treu für dieses Kind gesorgt! Ja, wenn das letzte nicht geschehen märe!" Er war aufgeftanben und vor sein bescheidenes Familienbild getreten. Als er es ansah, schien ihm das gemalte Abendrot zu flammen, und die Schattengestalten begannen einen Körper anzunehmen. Er nickte ihnen zu; ja, ja, das war fein Vater, feine Großmutter; das waren ehrliche Leute, die da spazierengingen! --Äls bald darauf die Hausgenossen beim Abendbrot zusammen- fafjen, forschten Brigittens schwesterliche Augen immer eindringlicher in des Bruders Antlitz, das den Ausdruck der Derstörung nicht verhehlen konnte. „Tu's von dir, Carsten!" sagte sie endlich, seine Hand erfaßend. „Was für eine Tracht Unheils hat der elende Mensch denn dieses Mal auf dich geladen?" „Kein Unheil just, Brigitte", erwiderte Carsten, „nur eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen kann." Und dann berichtete er den Frauen von dem Anbot des Geweses, von seinen Wünschen und endlich — daß es sich denn doch nicht zwingen lasse. (Fortsetzung folgt.) Q3eranitoortlicb: Dr. Hans Lhyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'f che UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.