GWnerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang J950 Montag, den 24.März Nummer 24 Waldlied. Von Gottfried Keller. Arm in Arm und Kron an Krone steht der Eichenwald verschlungen, Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen. Fern am Rande sing ein junges Bäumchen an, sich sacht zu wiegen. Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen; Kam es her in mächt'gem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen, Hoch sich durch die Wipfel wälzend kam die Sturmesflut gezogen. Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften, Und dazwischen knarrt und dröhnt es unten in den Wurzelgrüften. Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine, Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine! Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen; Alles Laub war weißlich schimmernd nach Nordosten hingestrichen. Also streicht die alte Geige Pan der Alte laut und leise. Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise. In den sieben Tönen schwelst er unerschöpflich auf und nieder, In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder. Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken, Kauernd In den dunklen Büschen sie die Melodien trinken. Kussak. Von Leonid Andrejew. I. Er gehörte niemandem, hatte keinen Namen, und niemand hätte zu sagen vermocht, wo er sich während der langen kalten Winter aufhielt, wovon er lebte. Aus ihren warmen Hütten verjagten ihn die Hofhunde, die, ebenso wie er, hungrig, aber gleichzeitig stolz und stark waren in dem Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zu einem Hauswesen. So oft er sich, vom Hunger oder dem instinktiven Verlangen nach Gesellschaft getrieben, aus der Straße zeigt«, warfen die Kinder mit Steinen und Stöcken, und die Erwachsenen hetzten ihn und pfiffen laut und gellend. Wenn er so, halbtot vor Furcht und Schrecken gejagt wurde, flüchtete er gewöhnlich nach einem kleinen Landhaus, wo er sich an einer ganz bestimmten Stell« des ausgedehnten Gartens versteckte. Hier leckte er seine Schrammen und Wunden, hier in der Abgeschiedenheit speicherte er Haß und Groll gegen alle lebenden Wesen auf.' In einem Winter hatte er sich unter der Veranda der Villa eingerichtet, di« er ganz uneigennützig bewacht«: er lief des Nachts auf den Weg hinaus und bellte, bis er heiser wurde. Auch wenn er sich schon auf seinen Platz niedergelegt hatte, knurrte er noch immer zornig, aber durch den Zorn blickte doch so etwas wie Zufriedenheit mit sich selbst, sogar Stolz. Lange, lange zog sich der Winter hin, und die schwarzen Fenster des leeren Hauses blickten finster auf den eisbedeckten, unbeweglichen Garten. Manchmal hatte es den Anschein, als lodert« ein blaues Flämmchen in ihnen auf: dann spiegelte sich ein fallender Stern in den Scheiben, oder der Mond sandte sein« schüchternen Strahlen. II. Der Frühling brach an. Eines Tages war das stille Landhaus erfüllt von lautem Gespräch und Gelächter und den wuchtigen Schritten lastentragender Männer. Aus der Stadt waren Sommergäste angekommen, ein ganzer Hause Erwachsener, Halberwachsener und Kinder, die von Luft, Wärme und Licht ganz trunken zu sein schienen: einer schrie, einer lachte, einer sang mit hoher weiblicher Stimm«. Der erst« Mensch, mit dem der Hund bekannt wurde, war ein niedliches Mädchen in brauner Schuluniform, das in den Garten gelaufen kam. Es sah zum klaren Hinunel empor, betrachtete di« rötlichen Aest« der Kirschbäume und warf sich schnell ins Gras, das Gesicht der warmen Eonn« zugewendet. Dann sprang es ebenso plötzlich wieder auf und IMchzt«: „Ist t>as „ml schön!" Spruchs und begann sich schnell im Kreise zu drehen. In diesem Augenblick packte der Hund, der lautlos herangeschlichen war, wütend mit den Zähnen den sich blähenden Saum ihres Kleides, zerriß ihn und ver- kroch sich ebenso lautlos in den dichten Zweigen der Johannisbeer- Itraucher. „Ach, ein böser Hund!" schrie das Mädchen, davonlaufend, und noch junge hörte man seine aufgeregte Stimme: „Mama! Kinder! Geht nicht ,n den Garten! Da ist ein Hund! Ein großer, ein sehr böser!" . Luchts schlich sich der Hund an das wieder still gewordene Haus und ,stch geräuschlos auf seinen Platz unter der Veranda. Es roch nach wuschen, und aus den geöffneten Fenstern drang das Geräusch sanften, friedlichen Atmens. Jetzt schliefen die Menschen, jetzt waren sie hilflos, nicht mehr schrecklich, und der Hund bewachte sie eifersüchtig: er schlief fast gar nicht und erhob bei dem geringsten Geräusch den Kopf mit zwei wie unbewegliche phosphorische Flämmchen leuchtenden Augen. Die zugereisten Sommergäste waren gute Leute, und die Entfernung von der Stadt, die gesund« Luft, die sie atmeten, und die ganze junge, frische, grün« Natur ringsum machten sie noch besser und erfüllten sie mit Güte und Wohlwollen gegen alles Lebendige. Zuerst freilich wollten sie den Hund, der sie so erschreckt hatte, fortjagen, ja sogar erschießen, bald aber gewöhnten sie sich an fein Bellen In der Nacht und fragten bisweilen des Morgens: „Aber wo ist denn unser Kussak?" Dieser neue Name blieb dem Hund. Manchmal bemerkten st« auch am Tage im dichten Gesträuch einen dunklen Körper, der bei der geringsten Bewegung der Hand, die ihm Brot zuwarf, spurlos verschwand — gerade als wenn es nicht Brot, sondern ein Stein gewesen wäre; und bald gewöhnten sich alle an Kussak, nannten ihn „ihren" Hund und lachten über seine Menschenscheu und grundlose Furcht. Mit jedem Tage verkleinerte Kussak di« Entfernung,' die ihn von den Menschen trennte; er studierte aufmerksam ihre Gesichter und prägte sich ihr« Gewohnheiten ein: eine halbe Stunde vor dem Mittagessen stand er schon im Gebüsch und blinzelte vergnügt in Erwartung des Mahles, das ihm di« Köchin bringen würde. Und di« Gymnasiastin Belta führte ihn schließlich in den lustigen Kreis der Erholung und Erheiterung suchenden Menschen. „Kussakchen, komm her zu mir!" lockte sie ihn. „Na, lieber, ... na, guter ... komm! Willst Zucker? Soll ich dir Zucker geben? Willst? ... Na, komm doch her!" Aber Kussak kam nicht: er hatte Angst. Vorsichtig, in die Hände klatschend und so freundlich sprechend, wie es einem Mädchen mit hübschem Gesicht und hübscher Stimme nur möglich ist, näherte sich Belta dem Hunde, obgleich sie heftige Ängst empfand: wenn er nun plötzlich beißt? „Ich habe dich lieb, Kussakchen, ich habe dich sehr lieb. Du hast ein hübsches Näschen und so ausdrucksvolle Aeuglein. Traust mir nicht, Kussakchen?" Belias Augenbrauen hoben sich, und sie hatte in diesem Moment selbst ein so hübsches Näschen und so ausdrucksvoll« Stu gen, daß die Sonne nichts Besseres tun konnte, als ihr ganzes junges, naiv-reizendes Gesichtchen zu küssen. Und Kussakchen legt« sich auf den Rücken und schloß di« Augen, ohne genau zu wissen: wird man ihn stoßen ober liebkosen? Aber man liebkoste ihn. Eine kleine, warme Hand berührte zaghaft seinen zottigen Kopf, bann lief sie, wie von einer unsichtbaren Gewalt getrieben, kühn über den ganzen wolligen Körper, zupfenb, streichelnb, kitzelnb. „Mama! Kinber! Schnell! Seht mal: Kussakchen läßt sich streicheln!" rief Belia. Als bie Kinber lärmend, laut lachend, hastig herankamen, erstarrte Kussak vor Furcht und banger Erwartung. Er wußte: wenn ihm jetzt jemand «inen Stoß gibt, wirb er nicht mehr bie Kraft haben, sich mit seinen spitzen Zähnen auf biesen Menschen zu werfen — sein unversöhnlicher Groll war gelähmt. Unb als alle um die Wette ihn zu ftrei» cheln begannen, zitierte er noch lange bei jeder Berührung der kleinen Hände, und di« ungewohnten Liebkosungen toten ihm weh, gerade wie Schläge. III. Die Hundeseele blühte in Kussak auf. Er hatte einen Namen, auf den er kopfüber aus der grünen Tiefe des Gartens angestürzt kam, er gehörte Leuten, konnte ihnen dienen — ist bas nicht mehr als genug zum Glück eines Hundes? Von Natur aus mäßig und durch die langen Jahre des Vagabundierens zu noch größerer Enthaltsamkeit erzogen, fraß er sehr wenig, aber auch dieses Wenige genügte, ihn bis zur Unkenntlichkeit zu verändern: die lange Wolle, die früher in zottigen, fuchsigen Büfcheln von seinem Körper heruntergehangen hatte und auf dem Bauch ewig mit angetrocknetem Schmutz bedeckt gewesen war, wurde rein, schwarz und glänzend wie Atlas. Und wenn er jetzt aus Langeweile an die Straßenpforte lief, auf der Schwelle stehenblieb und wichtig den Weg hinunter- unb hinaufblickte, fiel es niemand mehr ein, ihn zu necken oder gar mit Steinen nach ihm zu werfen. Aber so stolz und unabhängig fühlte er sich nur, wenn er allein war. Die Furcht war durch die Liebkosungen noch nicht ganz aus seinem Herzen getilgt: auch jetzt noch wurde ihm jedesmal bange, wenn er Menschen erblickte, die sich ihm näherten, und er erwartete Schläge. Auch jetzt noch erschien ihm jede Liebkosung unbegreiflich, wie ein Wunder, das er nicht verstehen, für das er nicht danken konnte. Er vermocht« nicht zu schmeicheln. Ander« Hunde können auf den Hinterpfoten stehen, sogar lächeln und auf diese Weise ihr Gesühl ausdrücken — Kussak konnte nichts von alledem. Das einzige, was er konnte, war, sich auf den Rücken zu legen, die Augen zu chlietzen und leise zu winseln. Aber das war wenig und vermochte weder seine Freude, noch seine Dankbarkeit und Liebe auszudrücken — und deshalb ahmte er das nach, was er irgendwann einmal bei anderen Hunden gesehen hatte: er überschlug sich plump, sprang ungeschickt und drehte sich um sich selbst. Und sein Körper, der sonst so biegsam rind geschmeidig war, sah in solchen Augenblicken unbeholfen und lacher- Kinder! Seht doch — Kussakchen spielt!" rief Belia und bat, vor Lachen fast erstickend: „Noch mehr, Kussakchen, noch mehr! So ist s schön! Siehst du, so ist's schön..." . . - „ , Alle stürzten in den Garten und begannen zu lachen, wahrend Kussak sich drehte, fiel, sich überschlug, ohne daß jemand das seltsame Flehen m seinen Augen bemerkt hätte. Und wie man früher den Hund gehetzt hatte, um seine verzweifelte Furcht zu sehen, so liebkoste man ihn jetzt, um in ihm das Gefühl dankbarer Gegenliebe zu erwecken, das in seiner unbeholfenen, plumpen Ausdrucksweise so unendlich komisch wirkte. Fast keine Stunde verging, ohne daß eins der Kinder rief: „Kussakchen, liebes Kussakchen, spiele doch!" Und Kussakchen drehte sich, fiel und überschlug sich unter dem unauslöschlichen, schallenden Gelächter seiner Zuschauer. Man lobte ihn und bedauerte nur, daß er in Gegenwart Fremder seine Kunststucke nicht zeigen wollte, sondern in den Garten lief oder sich unter der Veranda versteckte. IV. Mit trüben Tagen und häufigen Regenschauern brach der Herbst an. Schnell begannen die Villen zu veröden, gerade als wenn der unaufhörliche Regen und der Wind sie wie Lichter eine nach der anderen zum Verlöschen gebracht hätten. „Was fangen wir aber mit Kufsak an?" fragte Belm nachdenklich. Sie saß, die Knie mit beiden Händen umfassend, da und blickte traurig durch das Fenster, auf dem große Regentropfen ineinanderflossen. „Was ist das für eine Haltung, Belia — wer sitzt so?" tadelte die Mutter und fügte hinzu: „Kussak? Ja, der muß hier bleiben. Es geht nicht anders." „Schade!" sagte Belia. „Da ist nichts zu machen. Wir haben keinen Hof, und in den Stuben kann man ihn nicht halten, das siehst du doch selbst ein?" .Schade!" wiederholte Belia, dem Weinen nahe. Schon hoben sich ihre dunklen Brauen, und kläglich rümpfte sich ihr hübsches Näschen, als die Mutter sagte: „ . . .., „Krasnuchins haben mir schon lange einen kleinen Hund für dich versprochen... von sehr guter Raffe, sagen sie, der auch Kunststücke machen kann, hörst du? Und was ist der hier — ein Hofhund." „Schade," wiederholte Belia, aber sie weinte nicht mehr. Wieder kamen unbekannte Leute, wieder knarrten die beladenen Wagen, ächzten die Dielen unter den schweren Tritten fremder Männer, aber gesprochen wurde diesmal nur wenig, und Lachen war erst recht nicht zu hören. Durch die fremden Leute erschreckt und Böses ahnend, lief Kussak bis ans Ende des Gartens und beobachtete durch das lichter werdende Strauchwerk unablässig den sichtbaren Winkel der Veranda und die darauf hin- und hergehenden Gestalten in roten Hemden. „Bist du hier, mein armes Kussakchen?" fragte Belia, in den Garten tretend. Sie war bereits zur Reise angezogen — in dem braunen Kleid, aus welchem Kussak damals ein Stück herausgerissen hatte. „Komm mit!" Sie gingen auf die Chaussee. Der Regen fing an und hörte wieder auf und der ganze, unermeßliche Raum zwischen der schwarzgewordenen Erde und dem Himmel schien erfüllt von wirbelnd in die Höhe treibenden, hastig segelnden Wolken. Ein matter Sonnenstrahl durchbrach die dichten Wolken; breiter und trauriger wurde die neblige, herbstliche Ferne. „Traurig, Kussakchen!" sagte Belia leise und ging, ohne sich umzusehen, zum Hause zurück. Erst auf dem Bahnhof erinnerte sie sich, daß sie von Kussak nicht Abschied genommen hatte. Lange schupperte Kussak den Spuren der abgereiften Sommergäste nach. Er lief bis zur Station und kehrte durchnäßt und schmutzig nach dem Landhaus zurück. Das Landhaus war öde und verlassen. Zum erstenmal wagte er die Veranda zu betreten. Dort setzte er sich auf die Hinterpfoten und blickte leise winselnd durch die Glastür. Aber die Zimmer waren leer, und niemand antwortete Kussak. Die Nacht brach an. Als es ihm zur Gewißheit wurde, daß die Sommergäste abgereist waren, begann der Hund kläglich zu heulen. Wie ein Verzweiflungsschrei unterbrach dieses Geheul das monotone, mürrische Geräusch des Regens, durchschnitt die Finsternis und erstarb auf dem dunklen, kahlen Felde. Der Hund heulte. Gpielbräuche in Tirol. Von Hilde R e i m e s ch - D o m i n i k. Seit dem 6. Jahrhundert tönt das deutsche Wort am Inn, Eisack und Etsch. In diesen Tälern, die sich hineinschieben in die starre Alpenwelt, und an ihren Berghängen baute der Bewohner des „Landes im Gebirge", wie Tirol zur Zeit Walthers von der Vogelweide noch hieß, feine Einzelhöfe. Wohl führte er ein einsames, auf eigene Kraft und Geschicklichkeit gestelltes Leben, war aber dennoch nicht von der Welt abgeschnitten, zog doch über die Brennerftraße nordwärts und südwärts Kulturgut aus aller Welt. Der Tiroler hatte seinen guten Teil daran. Weit mehr berühmt ist Tirol als manch anderes deutsches Land, hauptsächlich wohl wegen der herrlichen Schönheit seiner erhabenen Natur, sodann wegen seiner ruhmreichen Geschichte, und nicht zuletzt ist es dieser deutsche Volksstamm selbst, an dem wir den unbändigen, durch kein Unglück zu erstickenden Freiheitsdrang, seine aufrechte Gesinnung und feine treuherzige Art bewundern und lieben. Eine Eigenschaft nun, durch die sich der Tiroler sehr wesentlich von anderen deutschen Stämmen unterscheidet, ist die leidenschaftliche Betätigung und Hingabe im Spiel, Gesang, Tanz, Schaugepränge und Theater. Eine interessante und bezeichnende Tatsache ist es, daß Tirol die erste ständige deutsche Bühne besah, und zwar wurde sie in Innsbruck im Jahre 1653 bis 1655 an Stelle des heutigen Stadttheaters gebaut. Staunens- wer tist die Fähigkeit des Tiroler Menschen, sich völlig aus den Konventionen des allgemein Ueblichen, des täglichen Lebens zu lösen, alle eigenen, inneren Hemmungen, die den schwerfälligen, oft verschlossenen Bergbewohnern ja in hohem Matze innewohnen, abzuwerfen, und den natürlichen Menschen in schaffensstarker Spielfreude herauszukehren und auszuleben. Denn ihm kommt es nicht auf Unterhaltung an, die im Schauen schlechthin besteht, sondern seine große Phantasie, seine leidenschastliche Teilnahme ermöglichen' ihm, schöpferisch mitzutun im Spiel; er will im Innersten sich verwandeln und sein, was er eigentlich nur zu scheinen hat. So sieht die gotische Zeit schon einen unglaublichen Reichtum an Volksspielen, die sich eng mit einem Naturkult verbanden. Die furchtbaren Berge schienen Umen von mächtigen Geistern beherrscht, die zu beschwören ihnen nur gelingen konnte, wenn eine Maske ihnen Macht verlieh. Die Fruchtbarkeit ihrer Täler, den Segen ihrer Wälder symbolisierten sie in freundlichen Gestalten. Plastisch wird der Winter ausgetrieben, Ernte, Hochzeit, Fastnacht, Gerichtstag, der Tod, alle besonderen Ereignisse ihres Lebens gestalteten sie im Spiel. Innig wußte die Kirche damit den Religionskult zu verbinden, der in den Passionsspielen und Büßerzügen eine erschütternde, zu tiefster Andacht und innigstem Miterleben zwingende Form annahm. Alle Stände ergriff die Spielleidenschaft; Erzherzog Fe r di n a n d II., der Gemahl der Philippine Welser, schrieb selbst das erste deutsche Prosadrama. Aus alten Handschriften, Urkunden, Chroniken, aus Stichen und Gemälden erfahren wir genug über Bürger- und Handwerker-, Ritter- und Bauernspiele, deren einige sich mit der Zeit zu unvorstellbarer Prachtentfaltung steigerten wie das des großen Umgangs der Handelsstadt Bozen, im Anfang des 18. Jahrhunderts, zu dem sich 40 000 Zuschauer eingefunden hatten. Ganz selbstverständlich zeigten sich auch hier und da Auswüchse, Derbheiten und Profanierungen, die leider dazu führten, daß Maria Theresia und erst recht Joses II. alle Pas- sionsspiele, Umzüge, Komödienspiele usw. verboten. Alles Wehren der 250 damals in Tirol bestehenden Spielorte half ihnen nichts. Eine falsch verstandene Aufklärung vernichtete unersetzliches Volksgut, den Krippen, Figuren, Masken, Texte, alles mußte verbrannt werden. Gewissermaßen einer Vergeßlichkeit haben wir es zu verdanken, wenn Weihnachtsspiele, hie und da auch Faschingsmaskeraden und Raufstücke übersehen wurden und verschont blieben und dann heimlich in den Ueberlieferungen des Landvolkes weiterlebten; meinte das Volk doch, daß die heilig-alten Spielbräuche vor Mißernten, Feuersbrünsten und Ueberschwemmungen schützten. Es wollte sich mit ihrer Ausrottung nicht versündigen. Aus solchen alten Quellen stammen wohl die noch heute lebendigen Charaktertypen des „Schemenlaufens" in Imst und des „Schleicherloofens" von Telfs, beide in der Nähe von Innsbruck. Dr.Karl Schadeibauer, Innsbruck, hat durch sehr interessante Nachforschungen den Ursprung dieser Typen auf altenglische, später spanische Spiele zurückgeführt. Im übrigen verweise ich auf die hochinteressante umfassende Arbeit des Dr. A. D ö r r e r, Staatsbibiliothekars in Innsbruck, in der Zeitschrift „Tirol", die ich meinen Ausführungen zu Grunde gelegt habe. Ein Zufall wollte es, daß ich gerade in dem Hotel Maria Theresia auf der Maria Theresienstratze, dem Brennpunkt des städtischen Lebens von Innsbruck, von dem „Nationalfeiertag" der Telffer und Imster erfuhr. Flugs fetzte ich mich auf die Bahn und fuhr im schönen, breiten Jnntal, dessen Auen und Felderstrukturen unter der leichten Schneedecke noch spürbar waren, an der Martinswand und am romantischen, von Burgen und Kapellen gekrönten Z i r I vorbei, grüßte die Hohe Munde, schneebedeckt und in flimmerndes Licht getaucht, und war schon in T «k f s, einem kleinen, gemütlichen, malerischen Städtchen, das von Menschen nur so wimmelte. Heute stand Telss im Mittelpunkt von ganz Nordtiroi. Ich drängte mich immer weiter bergauf in die Straßen; je weiter ich kam, desto enger wurde es durch die Menschen, die die Straßenränder säumten; aus jedem Mäuerchen, Treppenabsatz oder flachen Dach standen sie seit Stunden und harrten der kommenden Dinge. Endlich tarnen die ersten Ungeheuer, vor denen ich mich regelrecht erschreckte, waren doch Körper, Kops und auch noch Teile des braunen Jndianergesichts von Bartflechte zottig überwuchert. Sie schwangen holzversteifte Schläuche, um dem Zug der Schleicher freie Bahn zu schassen. Jeder, der noch kein Abzeichen hatte, wurde von ihnen zum Zahltisch geschleppt. Da — ein Herold hoch zu Roß reitet langsam durch die Menge, glänzend vornehm fein altertümliches Gewand; lachend und stolz dreht er sich im Sattel, nimmt dem berittenen Stadtknecht die Rolle aus der Hand und macht den Zuschauern das Programm des Tages in luftigen Reimen bekannt. An anderen Leitern dränge ich vorbei und sehe endlich die „Schleicher", sehe und höre sie. Ihnen voran springt ein bunter, narrenhafter ßatementräger. Ein länglich-ovales Rund bilden die Schleicher in kostbarer Tracht aus Samt, Seide und Spitzen. Das Merkwürdigste sind kleine Kiffen, die sie auf dem Hinterteil angebup den haben, darauf ein bis zwei riefengroße Kuhglocken. Der ganze Krem bewegt sich streng hüpfendem Dreischritt vorwärts. Bei jedem Ruck dröhnen die Kuhschellen. Umstehende Nachbarn belehren mich darüber, daß die Schleicher talauf, talab gewandert seien, um die gut zusammenklingenden Schellen herauszufinden. Wunderbar und staunenerregend find die Kopfbedeckungen. Während das Gesicht hinter einer lieblich bemalten Maske unsichtbar ist. tragen sie auf dem Kopf eine wulstartige Auflage, um darauf ganze Kunstbauten balancieren zu können. Einer trägt ein Gebirge mit Steinbock, ein anderer hat einen ganzen Garten auf dem Kopf, m dem die Vögel fingen, auf einem dritten Kopf ist eine Schmiede in .Tätigkeit, der nächste wählte einen Wiesenhang mit Mühle, Esel, Bäuerin um) Mehlsäcken. Was schwankt da alles an den Zuschauern vorbei! Bauernhäuser, Burgen, Riesentiere, unmöglich alles aufzuzählen. In der Mine des Kreises Hüpfen der „Senner" und die „Sennerin", die „Tuxncrin und der „Tuxner", von dem ich höre, daß er schon 80 Jahre alt m-«?' es sind zum größten Teil ernste Männer, denen es eine ehrende PM und Freude ist, dies Spiel zu spielen. Einen Wirt gibt es auch mit seinem Gesinde, der vor jedem Bürgerhause stillhält und sein Glas mit einem Spruch an die Lippen führt zu Ehren der in den Fenstern liegenden, geschmeichelt lächelnden Bürger. Hinter den Schleichern ziehen die Innungswagen auf. Sie überbieten sich an lustigen Reimen, Wechselgesängen und Volkskomödien. Die Leute rings herum biegen sich vor Älchen — die Verse sind kräftig — Mussolini kommt nicht zu kurz. Nach einigen Tagen erlebe ich ein Faschingsspiel in Imst, das durch die Vielheit der maskierten Gruppen, durch die Verschiedenartigkeit der Typen, durch die starke Fühlungnahme mit dem Publikum, welches wohl oder übel zum Mitspielen genötigt wird, noch abwechslungsreicher, noch unterhaltsamer, ja künstlerisch lebendiger ist als das von Telfs. Da wird der Bursch von der „Sacknerin" geprügelt, er versucht ihr, den schweren Stoffballen zu entwinden, „Hexen" stürmen dazu mit furchtbaren Reiser- besen. Kreuz und quer durchs Publikum stoßen die lieblichen Jünglingsgestalten der „Roller" mit klingenden Glöckchen, die massigen Männergestalten der „Scheller" mit einer ganzen Reihe gehaltig dröhnender Kuhschellen und ehren Teilnehmer des Festes durch das „Einfuhren", wofür die Betroffenen sich mit einer Spende bedanken. Auf dem Marktplatz, der groß genug ist, reihen sich die Wagen, auf denen sich drollige Szenen abspielen. Im Verlauf der Spiele findet sich manche Gelegenheit zu einer Art Volksjustiz, indem etwa bekanntgewordene Sünden einzelner an den Pranger gestellt werden. Mit dem Abendläuten muß der tolle Spuk aufhören. Um erst in fünf Jahren wieder Auferstehung feiern zu können, weil dies Volk der armen Täler sich ein so kostspieliges Fest eben nur selten leisten kann. Noch heute halten die Bauern hartnäckig daran fest, daß es ein gutes Türksn- jahr (heißt Erntejahr) gibt, wenn der Imster „in die Schalle gegangen ist". Errechnete Moneten. wie ein neuer Stern gefunden wurde. Von Dr. E. F. Dach. Durch die Beobachtungsstatio.n der Harvard-Universität in Arizona ist dieser Tage ein neuer Planet hinter dem Neptun entdeckt worden. Dieser jetzt gesehene Planet ist bereits vor Jahren durch den verstorbenen amerikanischen Astronomen Lowell errechnet worden. Der erste Planet, den nicht das menschliche Auge wahrgenommen, sondern der mathematische Verstand der Astronomen errechnet hat, war der Neptun, der achte Planet. Im Jahre 1845 hat der französische Astronom Leverrier mit feinsinnigen mathematischen Methoden den Standort eines Planeten ermittelt, der zu einem bestimmten Zeitpunkt an jener Stelle des Himmelsgewölbes mit geeigneten Hilfsmitteln der astronomischen Beobachtung durch das Auge wahrnehmbar fein sollte. Da man damals in Berlin gerade die Ausarbeitung von Sternkarten jener Himmelsgegenden abgeschlossen hatte, an der dieser neue Planet nach Leverrier zu suchen war, schrieb der französische Astronom an die Leitung der Sternwarte am Enkeplatz und teilte jene Daten mit. Am 23. September 1846 vormittags erhielt Calle den Brief und noch in derselben Nacht konnte er auch tatsächlich den neuen Planeten durch sein Fernrohr erblicken. Als Leverrier von dieser Bestätigung seiner Voraussage vön dem Vorhandensein eines achten Planeten Nachricht erhielt, erklärte er sofort, daß auch dieser Planet nicht der letzte sein werde, den wir entdeckt haben, und daß noch jenseits des Neptuns Planeten existieren müssen, von denen wir noch nichts wissen. 31 Jahre nach der Entdeckung des Neptuns hat dann der Amerikaner Todd zum ersten Male die Berechnung der Bahn eines jenseits des Neptuns um die Sonne kreisenden Himmelskörpers veröffentlicht. Auch Todd hat sich, ähnlich wie seinerzeit Leverrier, bei seinen Rechnungen auf Störungen, die die Bahn des Planeten Uranus durch den Unbekannten erlitt, gestützt. Todd war nicht in der Lage, die Bahn des jüngsten Planeten, des Neptun, bei seinen Arbeiten zu verwerten, denn dieser hatte inzwischen (seit der Entdeckung) nur einen kleinen Teil seiner Bahn um die Sonne zurückgelegt, währt doch seine Umlaufszeit 164 Jahre. Der von Todd errechnete Planet sollte eine Umlaufszeit von 375 fahren besitzen und von der Sonne 52 astronomische Einheiten entfernt fein. (Eine astronomische Einheit bedeutet die Länge des Halbmessers der Erdbahn im Mittel oder, in Kilometer ausgedrückt, 149,5 Millionen Kilometer.) Todd versuchte auch mit dem 26zölligen Fernrohr (Refraktor) des Marine-Observatoriums in Washington den Planeten aufzufinden, was ihm jedoch nicht gelang. Einige Jahre später, im Jahre 1880, hat bann der Engländer G. Fordes aus der Verteilung der Bahnen periodisch wiederkehrender Kometen ersehen, daß aus die Kometenbahnen em unbekannter Planet Einfluß haben müsse, der, von der Sonne 100 astronomische Einheiten entfernt, in 1006 Jahren feinen Umlauf voll- brmgt. Der berühmte englische Himmelsphotograph Isaak Roberts luchte dann auch jene Gegend nach diesem Planeten ab. Er hat mit achtzig Aufnahmen die von Fordes angegebene Gegend überdeckt, von je anderthalb Stunden Belichtungsdauer. Doch diese über 120 Stunden oauernde Arbeit war vergeblich. Zwar hatte Roberts eine Unmenge von ^wwwn bis zur fünfzehnten Größe auf die Platte bekommen, aber den Wuchten Planeten fand er nicht darunter. 1899 glaubte der Däne Hans । .®U bereits zwei unbekannte Planeten aus den Uranusstörungen ab- lck. 3U können. Um die Jahrhundertwende kamen dann die For- i Mngen zur Ergründung der Bahn des unbekannten, jenseits des Nep- n liegenden Planeten durch W. H P i ck e r i n g in ein neues Stadium. ^ trertng rechnete vorerst einen Planeten aus, der ähnlich dem von Todd i "^Efche Einheiten von der Sonne entfernt fein sollte. Einige bfr r- *’ater .?iaubte er bereits drei Planeten vermuten zu dürfen. Der 2fi nnn nnv "öchfte sollte eine Umlaufszeit von 1400, der mittlere von und der fernste von 500 000 Jahren haben. Stftrnnr °?glifche Geistliche Metealse hat mit einem zwölfzölligen wapyen nach diesen Planeten gesucht, er photographierte etwa 300 000 Sterne, ohne hie vermuteten Planeten zu entdecken. Durch Totti und Pickering wurden die Forschungen nach diesem neuen Planeten eine Herzensangelegenheit amerikanischer Astronomen. Die Jagd nach dem neuen Planeten erreichte ihren Höhepunkt durch die Forschungen Pareisal Lowells. Dieser re.che Mann errichtete 1894 in Flagstaff in Arizona auf einem Berg von 2200 Meter Höhe ein vorzüglich ausgerüstetes Observatorium zur Erforschung des Planetensystems und begann dann auch mit allen Mitteln moderner astronomischer Forschung nach dem neunten Planeten zu fahnden. Auch er bezog sich vor allem auf die Störungen des Uranus. 1915 veröffentlichte er in dem ersten Band der „Memoirs of the Lowell Observatory“ ein imponierendes Material, das Voraussagen über die Bahn, Maße, Sichtbarkeit und scheinbare Größe dieses Planeten erhielt, den genauen Platz des Planeten zu einer bestimmten Zeit konnte aber auch Lowell nicht angeben. 1916 starb Lowell, der besonders dadurch bekanntgeworden ist, daß er die von Schiapa- relli entdeckten Marskanäle für Bewässerungskanäle ansah, die von einem Marsmeer zu dem anderen künstlich hergestellt worden sein sollten. Nach feinem Tode erschienen dann wieder Arbeiten von Pickering, der unermüdlich nach dem transneptunischen Planeten forschte. Und als man 1928 in der Flagstoff-Sternwarte ein neues vierzehnzölliges photographisches Instrument von 63 Zoll Brennweite aufmontierte, verfuchien die Astronomen mit diesem in der von Lowell angegebenen Gegend den Planeten endlich zur Strecke zu bringen. Schon im Bericht dieser Sternwarte vom Jahre 1929 schrieb der jetzige Direktor B. M. S l i p h e k rätselhafte Worte über eine im Gange befindliche und erfolgversprechende Arbeit, die jetzt ihren Sinn enthüllen. Gelang es doch, den neunten Planeten nunmehr zu sehen, dessen Abstand von der Sonne 45 astronomische Einheiten beträgt. Damit waren die Vermutungen Lowells glänzend gerechtfertigt, vermutete er doch einen Abstand von 43 bzw. 44,7 astronomischen Einheiten für diesen neuen Planeten. Aus den bisher bekanntgewordenen Angaben über den neu entdeckten Planeten geht hervor, daß es sich um einen Himmelskörper von der Helligkeit eines Sterns fünfzehnter Größe handelt. Seine Maße sollen dem des größten Planeten, des Jupiters, nahekommen, doch läßt sich darüber vorläufig noch kein Urteil bilden. Hängt doch die Möglichkeit einer genauen Maßenbestim- mung bei Planeten vor allem davon ab, ob er Monde besitzt, und einen Mond oder Trabanten konnte man freilich bei dem neunten Planeten bisher nicht entdecken. Selbst wenn er Monde haben sollte, dürften sie noch lange Zeit für unsere Instrumente jenseits der Sichtbarkeit bleiben. Der neue Planet kreist in der Reihe der Planeten in weitester Entfernung von der Sonne, und es erhebt sich die Frage nach seiner Herkunft. Nach der Kant-Laplaeeschen Theorie sind die Planeten Abkömmlinge der Sonne, Körper, die in glühendflüssigem Zustand aus her Sonne herausgeschleudert worden sind. Vorerst scheint die Vermutung nahezu- hegen, daß dieser von der Sonne von allen bekannten Planeten fernst kreisende große Körper gewissermaßen der älteste Sohn her Sonne fei. Doch wird in neuester Zeit immer mehr vermutet, daß unser Sonnensystem nicht nur die Sonne und Abkömmlinge der Sonne enthält, sondern auch fremde Himmelskörper, die in das Netz feiner Anziehungskraft geraten sind, gefangen und in eine Planetenbahn gebannt wurden. Und so ist die Vermutung berechtigt, daß der neueste Planet ein solches Findlingskind unserer Allmutter Sonne (ei, kein Blutsverwandter in her Familie der Planeten, ein Fremdling, gleichsam von der Sonne adoptiert. Für diese Vermutung spricht hie Tatsache, daß sich die Entfernung dieses transneptunischen Planeten von der Sonne nicht in jenes Gesetz einordnen läßt, das nach Bode und Titius die Entfernungen der Planeten von Merkur bis Uranus angibt. Schon her Neptun läßt sich in dieses Gesetz nicht einordnen, er sollte als Sonnenkind viel weiter obliegen, als es der Fall ist, und dasselbe gilt von dem neuen Planeten. Eisland. Roman einet Expedition. Von Hellmuth Unger. Copyright by Carl Schünemann, Bremen. lForljetzung.) Alle tvaren sie junge, kräftige und gesunde Männer, zäh, ehrgeizig und abenteuergierig. Auszeichnungen und militärische Beförderung waren nach der Rückkehr gewiß, die Expedition bei der Umsicht der Vorbereitungen und den Hilfsmitteln ungefährlich. Da gab es Schlimmeres im Kriegsdienst. Innerhalb weniger Tage war die Mannschaft vom Generaladjutant Drum gewählt und Leutnant Greely unterstellt, einem fanatischen Liebhaber von Forschungsreisen, der eher auf den Lehrstuhl einer Universität als in die Militäruniform gehörte, obwohl er «in vortrefflicher Soldat war. Der für die Polarfahrt gut geeignete Dampfer „Proteus" wurde gefchartert und in Eile ausgerüstet. Man hätte besser einen größeren Steamer mieten sollen, doch die vom Kongreß bewilligten Gelder waren nicht allzu erheblich und das Interesse für diese Polarexpediton nicht allgemein. Der „Proteus", vor sieben Jahren vom Stapel gelaufen, war ein Schiff von etwa fünfhundert Tonnen, durchaus nicht imponierend, aber fest, aus Eiche gezimmert mit eisenbeschlagenem Rumpf und Bug unter der Wasserlinie zum Schutz gegen das Packeis. Die Vorräte für den Winter im Fort Conger sollten die Mannschaft nicht zu Ueppigkeit verführen, doch waren sie gut gewählt und mannigfaltig. Ein von früheren Polarfahrern in der Dobbin Bay zurückgelassenes Proviantdepot war deshalb Greely sehr willkommen. Im August, dem günstigsten Monat, errreichte der „Proteus" sein Ziel, löschte die Ladung und steuerte nach den Vereinigten Staaten zurück. Zwei der für Fort Conger bestimmten Soldaten desertierten Im letzten Augenblick; sie verbargen sich im leeren Packraum und ihr Fehlen wurde erst bemerkt, als der Dampfer bereits außer Sicht war. Sie hatten wohl den Mut verloren und fürchteten den Winter. Diese Memmen! d Steindruckerei, A. Lange, Gießen- Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Buch. un Mit welcher Ruhe und Sachlichkeit Leutnant Greely das aussprach. Als hätte er nicht auch Weib und Kind zu Haus, die auf ihn warteten! Nein, der „Proteus" kam nicht, mochte Brainard den Horizont noch so sehnsüchtig absuchen. , Wieder begann die große Wanderung und der Flug der Tiere nach Süden und die Zufahrt vereiste völlig. Greely muhte seine Mannschaft auf ein zweites Jahr auf den Eid verpflichten. Es geschah nach militärischer Art in vorgeschnebener Form. Wer hätte den neuen Fahneneid wohl nicht geleistet! Aber die alten Bindungen, in der Heimat üblich, waren unmerklich gelockert. Es waren unerfreuliche Tage, die Verwirrung schufen. Debatten unter den Leuten, die sich um die Heimkehr tückisch betrogen sahen. Greely war nicht schuld, er hatte wie jeder zu leiden, doch gegen ihn als den Führer richtete sich Haß Feindschaft und Widerstand. Peitschende Furcht vor einem zweiten Winter in Eisland machte die Mannschaft aufsässig. Jetzt wäre Leutnant Kislingbury vielleicht der rechte Mann gewesen, die Führung zu übernehmen. Hatte er nicht recht behalten? Er wollte damals schon umkehren, ehe das große Leiden begann. Kislingbury aber war seig und zu schwach, Verantwortung zu tragen. Jetzt unterstützte er Greely und forderte, daß jeder ihm gehorchte. Wenn es überhaupt noch Rettung gab, dann unter Greelys Kommando. Nein von Kislingbury hatte der Kommandant nichts zu befurchten, die Gefahr einer offenen Revolte drohte von anderer Seite. Da war Sergeant David Lynn, wegen seines heiteren Wesens bei allen beliebt, einer der gutmütigsten Burschen, stets hilfsbereit und gefällig. Er war der einzige, mit dem sich Dr. Pavy abgab, vielleicht weil er m ihm einen vortrefflichen Gegner im Schachspiel gefunden hatte. Lynn war in diesen Tagen der Wirrnis wie verwandelt unstet und cheu schlich er umher und hetzte zum Widerstand auf. Das jallte emer v«rstehn Lieber will ich die Apotheke plündern und Gift schlucken als das Elend nochmals durchmachen", sagte Lynn. „Begreift ihr denn nicht, daß man uns schimpflich verraten hat, damit wir in der Einöde verrecken? Begreift ihr das nicht? He? Was jetzt kommt ist nur noch em langsames Verhungern. Kommt, helft mir! Wir holen uns Rum und besaufen uns. Man soll rascher erfrieren, wenn man betrunken ist. I War das der ruhige, heitere David Lynn? Greely ließ die Mannschaft antreten und beruhigte die Unzufriedenen indem er ihnen die Zwecklosigkeit jeglichen Ungehorsams klarmachte. Das Subordinationsqesühl war stärker als alle hetzerischen Reden Man murrte noch, aber inan fügte sich Der letzte schwelende Widerstand wurde erst gebrochen, als Greely den aufsässigen Sergeanten degradierte. Greely wußte genau, daß hinter dem harmlosen, verwirrten Soldaten ein gefährlicherer Gegner stand, der die gleiche Strafe verdiente, den er Sorl «w-r 'm I aanaenen Jahre so gut geschult, daß sie sich mit dem Schicksal rascher ! abfand als nach der drohenden Revolte anzunehmen war. Die Bestandaufnahme der Vorräte ergab durchaus nicht ungünstige Aussichten und die Jäger konnten das Depot wieder reichlich mit Frgchfleisch versorgen. Bei vernünftiger Einteilung und kluger Sparsamkeit war die Zukunft I auch im zweiten Winter nicht unmittelbar bedroht. Extrarationen Fleisch und Rum wurden jedoch nur noch an Fest- unb Geburtstagen aus- Sergeant Edvard Israel, der die Expedition als Astronom begleitete . gestand später einem Kameraden ein, es war wohl William Croß m t dem er sich anfreundete, daß es ihm auch schwer geworden sei, Zuruckzu- bleiben Aber zum Teufel, zuerst kam doch die freiwillig übernommene I Pflicht. Er hatte sich seiner Feigheitsregung geschämt und in der , Baracke geblieben, bis Flucht unmöglich war. Croß bewahrte se,n Gestand- nis aut sonst hätten ihn die Kameraden wohl auch verachtet rme den zweiten Offizier Kislingbury, den Greely nur durch Befehl zum Bleiben bestimmen konnte. Kislingbury hatte zu meutern versuchtz Das wußten alle und verachteten ihn. Erft als einmal einen der ihn Hänselnden mit der Faust niedergeschlagen hatte, ließ ihn die Mannscyaft in 3M. 91ur Dr. Pavy, den alle fürchteten, spöttelte weiter, iahen Angriff belaueriid und lachte, wenn er Kislingbury zu ohnmächtiger Wut ß^elzt hatte. Was nützte es wenn Greely selbst ihn in Schutz nahm und Dr. Pavy warnte- Der Mannschaftsarzt war viel zu sehr von seiner Unentbehrlichkeit über» USaf^Sislüigbury"j ch t‘mit"allen leiden mußte war ihnen eine Genug- tuunq. Alles ließ sich leichter ertragen, weil es ihn mitbetraf. Mitte August hatten die letzten Vögel Grinnelland verlassen. Ansang I September begann die Polarnacht. Und nur der Mond hing manchmal I ^^Soldatm "bleiben Soldaten, ob sie in der Garnison exerzieren oder irgendwo in der Wildnis Dienst tun. Das Kommando regelt Arbeit und Pflichten, und Gehorsam gilt dort wie hier. 1 (gut so. Greely verstand sich darauf, Ordnung zu halten, vielleicht ein I Jewell ^Ralston als metereologische Beobachter in Fort Conger verzeichneten das Verschwinden der Sonne in ihren Journalen am 14.. Oktober. Erst hunderisiebenunddreißig Tage später sollte sie Wieder uber Eisland aufgehn. Viel tüchtige Arbeit war i«doch in den Hellen Wochen geleistet, Schlittenexkursionen hatten nach allen Seiten hm das Land durchforscht. Sammlungen waren angelegt. Im September druchte Brainard ein Bund verspätet erblühter gelber Blumen heim. Er trocknete und I preßte sie vorsichtig in seiner Bibel und gab sie spater unter den Kameraden reihum, wenn Frost und Winterdunkel sie mutlos machte. „Seht doch! Bald werden sie wieder blühn." Und die Gefährten lächelten. . I Fünfundzwanzig einander fremde Manner wurden durch gemeln- sames Erleben Freunde, keiner konnte gegen die Unbilden und Gefahren allein bestehn. Jeder brauchte den andern und der andere ihn. , Unerwartet gut und ohne Krankheiten wurde der Polarwinter über« standen. Vor den Schneestürmen verkroch man sich im sicheren Hause und ließ den Wind gegen die Türen poltern. Erfolgreiche Jagdzuge auf Enten und Mosckusochsen vergrößerten die Vorräte. Schlaf in den warmen Pelzsäcken half über viele schleichende Stunden hinweg. I ' Wölfe bedrohten heulend das Fort, bis die tollkühnsten unter Kugel- I fdxiucni enbctcn unb bie ctnbern getnntnt waren. I Und als endlich der scheue Frühling aufstrahlte, schien das schlimmste überwunden zu fein. Streifzüge nach Norden, Landvermefsungen und Forschungen wurden wieder ausgenommen. . . I 3m Juli wurde der „Proteus" zurückerwartet, der die Ablösung und I neuen Proviant bringen sollte. Aber der Dampfer bsteb aus. Di« schmale, eisfreie Fahrtrinne nach der Lady Franklin Bay schloß sich wleder und junges Packeis verriegelte die Durchfahrt. Wo war der „Proteus ? Er kannte doch seinen Kurs. War ihm ein Unglück zugestoßen? . Mit der Möglichkeit, daß er nicht kam, hatte keiner gerechnet, auch ber vorsichtige Greely nicht. „Was meinst du, Kamerad?" „Es ist erst Juli." „Aber das Packeis!" , .... „ Da kennst du den .Proteus' schlecht. Das zermalmt der zu Splittern. ''Sicher. Man muß mir Geduld haben." . Einer holte Zuversicht und Hoffnung beim andern. Bramard blieb 5®ei Nächte auf dem Hügel beim Fort und hatte sich Israels Fernrohr $ Wenn du auch mal nicht in die Sterne guckst, Kamerad." Israel und der Eskimo Christiansen lösten ihn untertags ab. Dr. Pavy saß allein in seinem Stubenabteil und schrieb, als ob ihn die Sorge der andern nicht bekümmerte. 1L Beim Essen fragte Leutnant Greely ihn nach seiner Ansicht. Dr. Pavy lächelte. Immer schien er von den Gefährten wie durch eine unsichtbare Mauer getrennt. . t „Vielleicht kommt er noch. Vielleicht ist er da draußen irgendwo gesunken." Wir müssen warten." , m . Er sagte es wohl nur, um die andern mutlos zu machen. Nein er war kein guter Kamerad und verachtete sie alle. Seine schmalen, weißen Hände, die er sorgfältig pflegte, schwebten einige Augenblicke über dem offenen Feuer, violett beleuchtet. Dr. Pavy stopfte umständlich seine Pfeife unb schob lässig das Mundstück zwischen die Zähne. Roderik Schneider, ber Koch, ber an der Arbeit war, mit einer mächtigen Schöpfkelle Suppe auszuteilen, hätte ihn am liebsten nieder- Se0Ä Leutnant Greely mehr beunruhigte, als die Sorge um die gew aelte Verpflegung der Leute war der Geist in ber Kameradschaft. Täglich entstanden Zänkereien unb Streitigkeiten, wie sie unter unb um Nichtigkeiten ausgelöst werben, wenn man zu nahe unb zu sehr auseinander angewiesen ist. Unzufriedenheit, Mißgunst Neid, scheinbare Bevorzugung beim Verteilen der Mahlzeiten schufen feindselige Han^ lunaen unb freiwilliger Gehorsam war durch dienstliche Befehle nicht mehr zu erreichen. Die zermürbende Winterkälte und das Dunkel machten das Fort zum Gefängnis. Die unbeschäftigten Leute konnten viel zu oft entmutigenben Gedanken nachhängen! Flucht aus diefein Kerker um -eben Preis wurde schließlich zur fixen Idee. Wieder Frühling unb Sommeranfang. Würde der „Proteus bi mnf iinh enblicb aut ßabn Franklin Bay unb nach Grmneücmb komme Unrast vermischte sich jetzt mit Hoffnungslosigkeit Länger^ untAi» bedeutete seelischen Zusammenbruch aller. Und Greely gab Loscht z Aufbruch nach Süden. Freiwillig wollte die Expedition sich den -M, 3 Rettung bahnen unb dem Dampfer entgegenmarschieren, ehe das Eis die aufgebrochene Fahrtrinne abermals schloß. Der Plan ber rasch burchgeführt werden mußte, riß die Mannsch l aus Mutlosigkeit und Verzweiflung. Und rum ersten Male wieberht Leutnant Greely seine Leute in ber Gewalt. Sie. wie H ™ Leutnant Lockwood hatte im vergangenen Herbst auf einem Seinen streifzuge eine alte Barkasse an,gespurt, die, reichlich mit Kohlenvorra versehen, von einer früheren Polarcxpedition zuruckgelassen worden war. Der Dampfkessel war in Ordnung, einige Reparaturen am Rumpf n geringfügig. Da die Mannschaft selbst über drei tleme JBoote rarfugh die ins Schlepptau genommen werden konnten, war es„sogar■mg außer dem notwendigen Proviant die Sammlungen und mifst s l f 1 i Journale mitzunehmen. Mit Nahrungsmitteln für Zwei Monate m sthen wurde das gebrechliche Fahrzeug flottgemacht unb d,e McmnM vom Fort Conger trat die Reise nach Süden an. Die getreuen Hunde konnte man leider nicht mitnehmen. Greely « ihnen Proviant zurück, baß sie für lange Zeit kernen Hunger zu i hatten. Später mußten sie für sich selber sorgen wie Raubtiere Trotz ! war wenn ber „Proteus" nicht bis Grinnelland vorbrang, ihr besiegelt. Bären, Wölfe unb Füchse waren stärker als sie. Warum ließ Greely bie Tiere nicht erschießen? Munition hatte n doch genug. Es geschah wohl aus Mitkeib, weil er auch sie noch zu können hoffte. „ , 6 (Fortsetzung folgt.) , Greely begriff bie Gefahr, bie hinter Dr. Pavys Worten lauerte und so mußte er auf Grund seiner Geheiminstruktionen verraten, daß bie Regierung in Washington auch mit ber Möglichkeit gerechnet habe, baß der Dampfer das Fort Conger aus irgendeinem Grunde nicht erreichte. Für diesen Ausnahmefall war vorgesehen, daß ber „Proteus am nördlichsten Punkte der Ostküste von Grinnelland Lebensmittel ausfrachtete und ein zweites kleineres Depot auf Littleton Eiland errichten sollte. Mit dieser Hilfe konnte die Mannschaft von Fort Conger bestimmt rechnen unb selbst, wenn man einen zweiten Winter in Eisland verbringen müßte, bestände kein Grund, die Hosfnung zu verlieren. Einen zweiten Winter!