MhenerKmnIieiiblötter ___ Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang l93v Montag, den 2§.§ebruar Nummer 16 Spiegel der Vergangenheit. Von Edmund Finke. Du, Schatten deiner toten Ahnen, gehst auf Stein, der schwarz wie Erz im abendlichen Regen ist; du prägst ihm nie die Spuren deiner Schritte ein, du gehst darüber hin, er nimmt dich nicht ins Maß der Zeit. Du spiegelst dein Gesicht in Flächen Glases, im bewegten Meer, in diesen Doppelräumen gibt dir nichts Gewähr zu sein. Du warst. Das ist dein Ziel: gewesen sein. Besänftigt kehrst du in das Land der Ahnen ein. Oer Kürasfierhelm. Erzählung von Georg von der Bring. I. Ueber die Aisnebrücke zwischen Cernay und Cond« ritt ein Trupp französischer Kürassiere. Sie gehörten zur Nachhut der zurückgehenden Armee und hatten feindliche Reiterei dicht auf den Fersen gehabt. Cs waren ihrer acht, eingerechnet den Führer, der, durch einen Lanzenstich am Rücken verwundet, sich krumm und verbissen im Sattel hielt. Gleich hinter der Brücke' bog der Trupp bunt, hastig, klirrend, die Helmschweife wagerecht, über einer flachen Staubwolke von der Straße in das blendende Licht eines Feldweges ein, verfolgte auf ihm den Lauf der Aisne weiter und nahm somit die Richtung nach Süden wieder auf. Wenige Minuten später, als sie auf die Höhe eines alleinstehenden roten Hauses gelangt waren, sahen sich die Kürassiere genötigt, eine kurze oder längere Rast zu machen, weil der Sergeant vom Pferde geglitten war und Blut erbrach. Man saß ab, band die Gäule zusammen, "stellte droben an der Ferme einen Posten auf und trug sodann den Verwundeten zur Aisne hinunter ins Schilf. Nachdem er etwas getrunken hatte, und in Schlaf gefallen schien, tranken auch die anderen, schweigend, alle im Stehen. Jener Soldat, der vor der Haustür der Ferme Posto gefaßt hatte und seine wilden Augen unbeweglich auf die Aisnebrücke gerichtet hielt, wurde plötzlich von einer Frau, die sehr furchtsam in der Tür erschien, angerufen; gleichzeitig entriß sich ein kleiner dreijähriger Knabe ihrer Hand, hockte auf der Schwelle nieder und musterte den Kürassier, eine Entenfeder im Munde. Es wurde folgendes Gespräch zwischen der Frau und dem Soldaten geführt: „Mein Mann — Alphonse! Wo habt ihr ihn?" „He?" „Mein Mann — Menin Alphonse! Seid so gut!" „Na — wo soll er sein?" „Bei euch. Ein Kürassier — ein schwarzer —" „Menin sagst du?" „Menin sage ich. Menin Alphonse — fiel er nicht hin? Seid so gut!" „Menin gibt es nicht bei uns, konnte somit nicht fallen. Geh ins Haus und mach Kaffee." „Aber der fiel — wo habt ihr ihn hin? Der Schwarze? Jesus, wie hieß der, welcher fiel?" „Ein Sergeant — und nicht dein Alter. Gibt deren zu viele — wer kann sie kennen! Bring kalten Kaffee, wenn du hast!" „Menin heißt er — ins Schilf, sagst du?" „Weib, halt den Mund!" Der Posten schrie es fast, von der Erregung der Frau angesteckt. Er hatte fortwährend nach der Brücke gespäht, nun aber, da von der Tür her em kleiner zirpender Klagelaut erklang, wandte er seinen Blick zur Seite. Der Rucken der Frau verschwand gerade, nur der Knabe saß noch da, die grüne Feder zwischen den Zähnen, und stemmte feine dicken nackten Füße gegen die Treppenstufen. Sofort schweiften die Augen des Soldaten wieder zur Brücke. . Nach einer Weile, und nachdem sich aus dem Hause das Geräusch einer Kaffeemühle vernehmen ließ, sagte er langsam und zärtlich zu dem Jungen: „Heißt du Alphonse?" I" diesem Augenblick erschienen auf der Aisnebrücke feindliche Reiter. Sie hielten an. Es waren Ulanen, ihre Fähnchen slimmerten über dem «taub. Der Kürassier zischte durch die Zähne, stand einige Sekunden lang wie versteinert und starrte hinüber — dann wandte er sich ruckartig und uef m rasendem Lauf zu den Kameraden zurück. 6:e warfen sich auf die -pserde der Sergeant bleich, aber munter in ihrer Mitte, und waren im Nu hinter Weidenbüschen verschwunden. II. Jene Ulanen gelangten nicht an das rote Haus des Menin. Tags darauf aber zogen andere Truppen rittlings der Aisne auf dem Marsche nach Süden vorüber, staubig, hitzig, aufgewühlt, in großer Hast — sechs Tage zogen sie, eine ganze Armee, und erfüllten das Aisnetal zwischen der Wand des Argonnerwaldes und den Kreideklippen von Tahure mit Kriegslärm. Sie spielten der Frau des Menin übel mit, hatten Hunger und Durst und räumten aus. Die Frau stand in der Küche, scheu und dürr in ihrem engen schwarzen Kleide, hielt ihren Knaben streng in der Stube und gab, was man von ihr forderte, soweit es ihr möglich war. Später hieß es, die Deutschen seien aufs Haupt geschlagen weit im Süden, wo die Geschütze tagelang rumorten. Die Frau jedoch nahm keinen Anteil an jenen Dingen, sah gleichmütig die Feinde zurückkommen und erschrak kaum, als eines Tages eine deutsche Batterie in ihren Obstgarten schwenkte und stundenlang schoß. Sie hatte kleine Vorräte an Lebensmitteln vor den Soldaten versteckt und brachte so ihren Knaben und sich kümmerlich durch die Zeit. Die Deutschen fürchtete sie nicht mehr, denn sie näherten sich ihr nicht. Dem Kinde gegenüber verhielten sie sich freundlich, was nicht verwunderlich fein mochte, denn es war ein außergewöhnlich lieber und runder Knabe. Aus einem anderen Grunde geschah es, daß eine schwere Zerschlagenheit und Verschrecktheit sie mehr und mehr ergriff. Es war ein Bild, das sie ängstigte, und das sie im Schlafen und im Wachen sah: dm vom Pferde fallenden Kürassier. Sie sah es deutlich, das Bild, bis in die kleinste Einzelheit — Helm, Küraß, den sich im Sturz steil aufschwingenden Degen, den schwarzen Bart —, den ganzen hingleitenden Reiter, der ihrem Manne glich, wie dieser auf einem Buntdruck in der Stube mit wehendem Helmbusch sich auf die Feinde warf, den Säbel gezückt. Dies Bild hing über einer Kommode und ward allmählich der Kern ihrer paar täglichen Gedanken und ihrer zahllosen Träume. In den Träumen jedoch geschah es oft, daß der Reiter des Bildes, Menin Alphonse, stürzte, wie damals der Verwundete schreiend niederfiel — geschah es, daß das Bild schrie. Mancher spätdämmernde Morgen erst hielt dem Bilde mit weißer Hand den Schrei zurück. III. Wochen vergingen. Die Batterie im Obstgarten blieb, schoß, aber selten. Die Soldaten bauten sich kleine Unterstände in die Erde, die Offiziere und Unteroffiziere hatten das Erdgeschoß der Ferme bezogen und richteten sich ein. Die Frau wohnte mit ihrem Knaben im ersten Stock. Sie kochte den Offizieren, wusch für sie und für die Kanoniere, verharrte jedoch in ihrer ängstlichen Schweigsamkeit. Man sah sie nie lachen. Die Scherze der Soldaten, in einfältigen Gesten eigens zu ihrer Unterhaltung vorgebracht, reichten nicht in den engen Kreis ihres Denkens hinein. Es war, als habe sich hinter ihrer kleinen verschatteten Stirn eine fremde Gewalt breitgemacht. Dies empfanden auch die Soldaten bald, und sie begegneten ihr ungern. Geschah es jedoch, so war es für manchen soviel wie eine ungünstige Vorbedeutung. Auch als Mädchen war sie nie leichtsinnig oder auch nur fröhlich gewesen und hatte nie einen Freier gehabt, bis sie, als sie schon die Dreißig überschritten hatte, von dem schwarzen Menin geheiratet wurde. Sie bog diesem Erlebnis, das auf sie niederging wie ein Überheißes Bad, stumm und fast entsetzt den mageren Nacken und fand erst langsam wieder einen zuversichtlichen Aufblick, als sie das Kind kommen fühlte und ihr gleichzeitig offenbar ward, daß Menin gut sei. Jetzt aber war er fort, Menin, fort fein Augenzwinkern, fort das kitzelnde Liebkosen feines harten Bartes von ihrer Backe, weggewischt die behaarte Faust von dem kleinen Nacken ihres Kindes. Statt dieser Dinge war da eine furchtbare Macht, die dm Herbstwolken gleich ewig über ihren Augen hinzog und zu ihr redete Tag und Nacht. Nicht Worte waren es was sie hörte, es klang vielmehr wie ein Saufen ober Schieben, ober wie das strudelnde Geräusch des Aisnewassers nach Wolkenbrüchen. Sie glitt vollends in dies heiße ziehende Riesengewölk, das sie von nun an immer weiter fortführte, als folgendes geschah. Der Knabe, dessen Herz durch die heitere Gesellschaft der Soldaten, durch ihre Süßigkeiten und Fettigkeiten gewonnen worden war, strolchte einst mit einem Landwehrmann die Aisne entlang, wobei sie einen Helm fanden. Es war dies der Kürassierhelm des verwundeten Sergeanten und damals auf der eiligen Flucht im Schilf zurückgeblieben. Er war verrostet und unansehnlich. Die Frau hörte ihren Knaben die Treppe emporsteigen, hört ihn etwas Schweres auf die oberste Stufe setzen. Sie tritt in die Tür: der Knabe bringt einen Helm, der beschmutzt ist. Sie trägt ihn in die Küche und reinigt ihn wie im Fieber. Er bekommt Glanz — es ist der Helm des Soldaten, der schreiend niederfiel. Aus seifigem Wasser taucht triefend und schwärzlich der Schweif — sie vergleicht: es ist der Helm, den ihr Mann auf jenem Bilde trägt, wo er den Säbel zückt. Sv ward es klar, und ihr Herz wie mit einein kalten Tuche zugedeckt lin*©lietrocknet den Helm und stellte ihn auf die Kommode, den Schweif mit Del geglättet — und sah nicht den Knaben, der, an das Treppengeländer geschmiegt, Tränen über die holden dicken Backen rinnen ließ. IV. Der Winter kam und ging. In, März lebte mit den länger werdenden Tagen die Gefechtstätigkeit an der Front wieder auf. Im Aisneabfchmtt brummten Flieger. ~ . ...... <. Die Deutschen bauten neben der Ferme eine Brücke über den grun- flutenden Wasserlauf und leiteten die Schienen für eine Feldbahn dorthin. Die Franzosen schossen seitdem öfter in die Nähe des Hauses, auch nachts, rvenn sie die Feldbahn rollen hörten. Aber sie trafen nichts. Die Frau wirtschaftete schweigend und teilnahmlos im Obergeschoß und kam nicht herunter. Auch um ihren Knaben schien sie sich nicht mehr zu kümmern. Tagüber wurde er von den Soldaten versorgt, und nur abends stieg er die Treppe zu seiner Mutter hinauf. Sie schliefen in einem Bett, und seit vielen Wochen schon legten sie sich in den Kleidern nieder. Doch >var des Knaben erste und größte Tagesfreude die Morgenbegrüßung bei den Soldaten, die Abwaschung mit Aisnewasser und das lustige Frühstück: Kaffee, Brot, Butter und Schokolade. Er sprach mit den Soldaten deutsch — aber die Mutter sah er mit feinen französischen Augen an, ohne zu sprechen. Einmal nur, nach einer ausgelassenen Balgerei, trat er bei ihr ein und verkündete strahlenden Gesichts: „Ich bin kein Fuchs!" Als die Mutter keine Anteilnahme zeigte, fragte er sie, ob sie einen Fuchs kenne. Nein, sie kennt keinen Fuchs — was soll ihr auch ein Fuchs! Noch im Einschlafen, da sich der saubere Rundkopf an ihrem schmutzigen und verfilzten Haar bewegt, wiederholt der Mund des Knaben immerfort: „Ich bin kein Fuchs!" Seine herzlichen Lachsalven prallten gegen die geschlossenen Lider der Mutter — ihre Gedanken sind: Auf der Kommode — der Helm — gesäubert. An der Wand — das Bild — abgewischt. V. Im Frühling kam für die Frau des Menin die Erlösung. Sie schien es. mit dem Blühen der Weiden und der Himmelsschlüssel vorauszufühlen, ward sauberer und wusch sich wieder. Auf ihren mageren und schon runzligen Wangen standen rote Flecken. Stundenlang ging sie unruhig von einer Stube zur andern, kramte in Auszügen, putzte die Scheiden und summte dabei etwas wie ein Kavalleriesignal, welches Menin Alphonse in girier Zeit gepfiffen hatte. Es fiel ihr nicht auf, daß wieder in die Nähe der Ferme geschossen wurde. Diesmal galt es der Batterie. Es gab einen Verwundeten. Da ' erschien eines Abends, während draußen in den Wiesen die Rebhühner 1 lockten, der Batterieführer auf der Treppe und teilte der Frau mit, daß sie am nächsten Tage mit ihrem Knaben das Haus verlassen müsse, um in ein weiter rückwärts gelegenes Dorf zu ziehen, wo die Zivilisten der Gefahrzone gesammelt wurden. Der Offizier war erstaunt über die Freude, - ivelckje die Frau bekundete. Sie schien fein mangelhaftes Französisch sofort zu verstehen, murmelte einige unverständliche Sätze und schickte sich wider ihrer Gewohnheit an, ihren Knaben von der Batteriestellung helmzu- holen. Als sie den Kleinen aufs Bett gelegt hatte, stellte sie den Küraffierhelm . auf einen Stuhl, nahm das Bild von der Wand, lehnte es gegen den Rücken desselben und zog ihn ganz in die Nähe des Bettes. Danach löschte sie das Licht, legte sich leise weinend zu ihrem Kinde, stimmte noch ihr Signal und schlief mit einem frohen Gefühl ein. Sie hatte einen Traum: ■ Ein Engel senkte sich nieder aus weißem Gewölk, er reichte ihr lächelnd die Hand und zog ihren Körper ein wenig empor, so bafj sie sich schweben , fühlte. In großer Angst erinnerte sie sich plötzlich des Kindes, tat einen wilden Griff und fühlte beruhigt ihren kleinen Knaben auf ihrem Arm. Sie fühlte felig feine dicken Backen an ihrem alten Munde und leckte ihm eine salzige Träne fori. Sodann erklang ein Kavalleriefignal, ein wilder Pfiff, und nun war es nicht mehr der Engel, sondern Menin Alphonse, ihr Mann. Er trug Uniform, einen blanken Küraß, darüber einen großen schwarzen Kinnbart. Aber fein Haupt war unbedeckt. So neigte er sich . ganz nahe her, fo nahe, daß sie fein Augenzwinkern fühlen konnte, nahm beide, Mutter und Kind, in feine riesigen Arme und tat wiederum feinen Pfiff, diesmal leife wie ein Engel. Wo war jetzt noch das Weib der roten Ferme? Sie summten alle drei das kostbare Signal, wie sie es einst abends gesummt hatten, damals an der Wiege, wenn auf den Aisnewiefen die Rebhühner lockten. Doch jetzt fchwebten sie alle mitten in diesem Gesang, von seiner kleinen Tonreihe geschaukelt wie von einer stubengroßen Wiege. Diesen Traum brachte ihr ein französisches Geschoß, welches, mitten durch die Nachtschwärze daherbrausend, die Kammer betrat und zerbarst. Die Soldaten begruben die beiden Leichen zwischen Haus und Fluh am Abhang, pflanzten ein paar Blumen auf die Gräber und setzten schwarze Holzkreuze daneben. Auf das eine malten sie die Worte: „Hier ruht ein kleiner Knabe." Auf das andere: „Hier ruht eine Frau." Der Ordnung halber und zur Aufklärung für später zurückkehrende Franzosen fügten sie beiden Inschriften die Bemerkung bei: „Getötet durch «in französisches Schrapnell." Auf das Grab des Knaben aber fetzten sie den Küraffierhelm, um den jener einmal Tränen vergoßen hatte. Jacques Coeur. Von Richard Götz. „A vaillants coeurs rien impossible", kühnen Herzens ist nichts unmöglich, war der doppeldeutige Wahl- und spätere Wappenspruch Jac- gues Coeurs. Jacques Coeur war der Sohn eines kleinen Kürschners in Bourges. Er begann feine Karriere im Jahre 1429. Da assoziierte er sich mit Ravant, dem Münzrneister von Bourges, zu einträglicher Geldfälschung: sie erzeugten Münzen von falschem Feingehalt. Man muh das nicht mit heutigen Augen ansehen. Einundvierzigmal im Verlauf von sechzehn Jahren hat König Karl VII. feine Münze verändert. Man sah Jacques Coeurs Verbrechen mit damaligen Augen an. Er wurde feingenommen, verurteilt und begnadigt. Nichts mehr stand feinem Aufstieg im Wege. Kühnen Herzen ist nichts unmöglich. Man schrieb 1429. In gleichen Jahre begann Scanne, „la douce pucelle", ihre kurze und glorreiche Laufbahn. Im gleichen Jahre erschien sie am Hof zu Chinon, befreite Orleans, führte ihren Dauphin zur Krönung nach Reims. Ihr Wahlspruch hatte für ein kühnes Menfchenherz nicht Raum. Er war kurz und bündig: er lautete: „Jhesu Maria". In ihrem Prozeß bildete dieser Wahlspruch keinen geringen Anklagepunkt. Daß man sie dem Feuertod überlieferte, begründeten ihre geistlichen Richter nicht zuletzt mit dieser, Ieannes verdächtiger Devise. Jacques Coeur überlebte sie um fünfundzwanzig Jahre. Er starb in den Diensten des Heiligen Stuhls. Die Weltgeschichte ist gerecht. Jeanne d'Arc thront auf Altären. Jac- ques,Coeur ist vergessen. Die Nationen sind ungerecht. Die Franzosen müßten seiner gedenken. Zwischen ihm und Jeanne, zwischen diesen beiden polaren Gegensätzen liegt ein grandioses Stück ihrer Geschichte und ein grandioses Stück ihres Wesens beschlossen, zwischen Coeurs Skrupellosigkeit und Ieannes keuschem Zweckbewußtsein, zwischen seinem lebensnahen Intellekt und ihrer lebensnahen Vergeistigung, zwischen seinem und ihrem Elan, zwischen seinem und ihrem Hasardieren. Im Mai 1432, ein Jahr nach Ieannes Märtyrium und zu einer Zeit, da Frankreichs und seines gekrönten Königs Bedrängnis grenzenlos war, rüstete Coeur ein Schiff aus und fuhr nach der Levante, Spezereien zu kaufen. Es war ein Wagnis und mar ein Unternehmen sondergleichen. Frankreichs Kaufmannschaft und Frankreichs Handel waren im Hundertjährigen Krieg mit England auf einen Tiefstand gekommen, von dem aus ein neuer Aufstieg unmöglich schien. Die Straßen, soweit sie überhaupt noch vorhanden und nicht versandet, verschlammt, verwachsen waren, wurden von raubenden, plündernden, mordenden Banden umlagert und durchzogen. Die Märkte verfielen, blühende Städte sanken in Schutt. Der Handel zwischen dem üppigen Flandern und den reichen italienischen Stödten wich französischem Boden aus und wählte den Rheinweg und den durch die Alpen. Die französischen Häsen im Mittelmeer lagen ausgestorben. Was hätten die Kaufleute und Reeder der Küftenstädte wagen sollen: hinter ihnen lag ein sterbendes Land, vor ihnen die Gefahr der türkischen, arabischen, der genuesischen und katatonischen Piraten. Jacques Coeur fuhr aus. Auf deni Rückweg litt er Schiffbruch. Auf einer Barke reitete er sich nach Korsika. Die Korsen plünderten ihn und seine Reisegefährten aus, bis aufs Hemd. Das nackte Leben brachte er nach Frankreich zurück. . , Sechs Jahre später war Jacques Coeur „argentier en titre König Karls VII. eine Art königlichen Finanzverwalters. Er unterhielt am Hof- lager einen schwunghaften Handel mit Möbeln, kostbaren Stossen und ßurusmaren aller Art. Und das machte sich an diesem Hofe besonders bezahlt. Aber sein Reichtum, dessen Ruhm im 15. Jahrhundert durch die Lande ging — „reich wie Jacques Coeur" wurde zu einer stehenden Formel — flammte doch ans anderen Quellen. Da war fein Handel mit dem Orient vor allem. Seine Flotte, die unter einem eigenen Kommandanten stand durchkreuzte die bekannten Meere nach allen Richtungen. Aus Alexandrien und Beirut trug sie Stoffe in die Heimat, Teppiche brachte sie aus Persien, Pelze aus dem Norden. Der Personentransport wurde organisiert. Und da war es Jacques Coeur sehr gleichgültig, ob feine Schiffe Christen ober verhaßte Muselmanen beförderten. Er hatte keine Vorurteile. Und es ist falsch zu glauben, daß seine Zeit durchaus und einheitlich solche hatte. Und wenn im „Mysterium von der Belagerung Orleans" die Ritter sprachen: „Mit ihr (der Pucelle) zu leben und zu sterben, das ist mein Wunsch und mein Verlangen", so klagte doch in dem fast gleichzeitig entstandenen „Mysterium von der Passion" „ein anderer: Nichts gibt es mehr, was nicht mit Geld zu schaffen wäre." Jacques Coeur hatte nun Geld, und er schaffte, was damit zu schaffen war. Er blieb nicht beim Handel stehen. Seine Finanzoperationen zahlen zu den genialsten der Epoche, seine industriellen Unternehmungen umspannten fast den ganzen Bedarf seiner Zeit. Mühte man sich vor Anachronismen nicht hüten, säst könnte man von Horizontal- und Vernkal- trufts fprechen Er beutete die Bergwerke im Lyonnais aus — und zu feinem Ruhm sei's vermerkt: nirgend anderswo arbeiteten und lebten die Bergarbeiter zu seiner Zeit unter günstigeren Bedingungen. Er besorgte die Salzgewinnung in Tours, in Loches, in Montrichard und an anderen Orten. Er besah eine Seidenmanufaktur in Florenz und eine Färberei in Montpellier. In Rochetaillee hatte er eine Erzeugung von Schreibmaterialien. „Was er nicht selbst erzeugte," sagt Petit-Dutamis, „bas holte er sich unmittelbar bei den Produzenten; um die Zwischem Händler auszuschalten, errichtete er zahllose Niederlassungen in Frankreich und an den Ufern des Mittelmeeres." Kaum war 1444 der Waffenstillstand zwischen Heinrich VI. und seinem „sehr lieben Oheim von Frankreich" geschlossen worden, eröffnete Jacques Coeur kommerzielle Beziehungen mit England. Zwei Jahre vorher hatte Karl VII. den indessen geadelten Coeur in feinen königlichen Rat berufen. Coeur nutzte die Stellung, so sehr -er sie nur nutzen konnte. Die bürgerlichen Mitglieder des Rats hatten ja feit dem Sturz des Gimm lings La Tremouille wieder Oberwasser bekommen. Die alte und bewährte Tradition des französischen Königtums, sich gegen den anspruchsvollen und ungebärdigen Adel auf Juristen und bürgerlich Beamtete 3» stützen, war wieder aufgenommen worden. Jacques Coeur fehlte M bei keiner Ratssitzung. Er war unter den königlichen Kommissären, die die Provinzen bereiteten, um den Vorsitz in den Ständeversammlungen zu sühren, Mißbräuche zu untersuchen und äbzustellen. Von seinen eigenen wagte vorläufig niemand zu sprechen. Die ständischen Deputierten und die städtischen Magistrate waren ihm gefügig. Man bewilligte dem Krösus noch Subventionen, man befreite seine Waren von Taxen und Steuern, ihm zuliebe wurden neue Preistarife beschlossen, Häfen und Kanäle wurden auf seinen Wunsch aus öffentlichen Mitteln wiederherqc- stellt. Er hatte ja unbeschränkten Kredit und darum unbeschränkte Macht Er konnte Existenzen aufbauen und konnte sie vernichten. Dem König lieh er während des Feldzuges in der Normandie vierzigtausend Taler. ■ Als Karl im wiedereroberten Rouen einzog, ritten ihm, in gleichen Prunkgewändern, zur Seite: Dumois, der Bastard von Orleans, Pierre de Breze des Königs neuer Günstling, und Jacques Coeur, der Kürschner- sohn aus Bourges. Sein Sturz war rasch, rascher noch als sein Aufstieg. Er hatte Feinde in den Städten, denen er bedenkenlos Geld abpreßte. Er hatte Neider und Verleumder, wie anders! Er hatte Hunderte von Existenzen auf dem Gewissen — das hätte er überdauert. Er hatte Schuldner am Hof. Das brach ihm den Hals. Frau von Mortagne, die ihm einen ansehnlichen Betrag schuldete, erhob schwere Anschuldigung gegen ihn: er habe Agnes Corel, die Matresse des Königs, vergiftet. Es war im Jahre 1451.' Die Corel war ein Jahr vorher im Wochenbett gestorben. Karl VII. ließ Jacques Coeur fallen. Er hatte Jeanne dÄrc fallen lassen, die Heilige, die ihm zu Krone und Reich verholfen hatte Jacques Coeur hatte ihm bloß zu Geld verholfen. Jacques Coeur faß zwei Jahre im Gefängnis. Unter seinen Richtern waren zwei seiner Todfeinde. Die Giftmordbeschuldigung lieh man fallen Cr wurde im Mai 1453 verurteilt: weil er den Ungläubigen Waffen verkauft, weil er einen auf eine seiner Galeeren geflüchteten Christensklaven ausgeliefert weil er französisches Geld in den Orient ausgeführt, weil er wahrend seinen Kommissärreisen in der Languedoc große Summen bem^KoNlg und dessen Untertanen unterschlagen hatte. 'Alle diese Anschuldigungen wurden im übrigen zu Recht gegen ihn erhoben. Er wurde verurteilt: zur Strafe dauernder Verbannung, zur Konfiskation aller 'eineL^AAAr'^3yr Rückerstattung von 100 000 und zu einer Geldstrafe von 300 000 Talern. Bis zur Abstattung dieser Summe sollte er im Gefängnis sitzen. Jacques Coeur gelang die Flucht. Er starb drei Jahre daraus, 1450, nachdem er für die letzten Jahre seines Lebens sein finanzielles Genie in den Dienst des Heiligen Stuhles gestellt hatte. Seine Güter wurden versteigert. Der Zuschlag bei diesen Versteigerungen war meist ein sik- twer. Einer seiner Richter wurde reich daran, er zahlte dem königlichen Schatz keinen Sous. Der Betrag saß dick und fett auf dem Grab der Coeurschen Reichtümer. Die wirtschaftliche Renaissance Frankreichs nach dem hundertjähriqen Krieg, sagt Petit-Dutaillis, hätte sich auch ohne Jacques Coeur vollzogen. Er hatte nicht den Wiederaufstieg abgewartet, um sein Vermögen zu gründen: darin zeigte er sein „Genie". — Mag's immer so sein. So sitzt sein „Genie" doch im Blut dieser Welt und überdauert Jahrhunderte. Und seine „Tat' ? Die Weltgeschichte ist gerecht. Jacques Coeur ist ver- geßen. Und das Hirtenmädchen, das seine Zeitgenossin war, thront auf Altären. 1 Torf, ein Kraftstoff der Zukunft. Von Dr. Ignaz Sauer. Moorboden gehörte bisher zum Oedland, das mir mit viel Arbeit andwirtschaitlich nutzbar gemacht oder für die Beschaffung des Torfes in bescheidenem Umfange ausgebeutet werden konnte. Nun 'scheint es plötz- lich, als wolle sich in den finsteren Einöden des Moorgeländes eine mäch- tige Kraft aus dem Boden erheben, die in Elektrizität, in Licht und Warme verwandelt werden kann. Der Zauberer, der dieses Wunder vollbringen will, ist der Bergingenieur Emil Schimansky, sein Zauberstab em winziges Stückchen Papier, das Patent Nr. 449 861 vom Jahre 1927, über dessen Ausführbarkeit jetzt nach längeren Versuchen von der Geologlschen Landesanstalt in Berlin durch Professor Ganssen eine ausführliche, sehr günstig lautende Denkschrift veröffentlicht werden wird. Der ostpreußische Erfinder, der seit längerer Zeit eine Wohnung im Berliner Westen hat, ist sehr unzugänglich; aber Professor Freundlich, der stellvertretende Direktor des Kaiser-Wilhelm-Jnstitutes für Chemie versichert auf Anfrage, daß das neue Verfahren zumindest theoretisch gut beurteilt werden muß. Die praktischen Versuche, die in der Geologischen Landesanstalt angestellt wurden, hat Professor Freundlich nicht überprüft; doch kennt er den theoretischen Aufbau des Verfahrens. Torf war bisher das Stiefkind unter den festen Brennstoffen. Obwohl er in gewaltigen Mengen vorkommt, konnte man mit ihm wegen seines hohen Wassergehaltes, dem ein geringer Gehalt an brennbaren Bestand- entspricht, nicht viel anfangen. Gewiß, auch schlechte Braunkohle vefteht oft zur Hälfte aus Wasser und verbrennbaren Bestandteilen; es wynt sich daher nicht, sie weit zu transportieren. Aber beim Torf kommt Beförderung über lange Strecken noch viel weniger in Frage, «chließt er doch zuweilen bis zu 90 Prozent Wasser ein, das er hart- nnaig festhalt, und dessen Entfernung bisher mehr Energie beanspruchte ms das Endprodukt lieferte. Es lag nun sehr nahe, aus dem Torf das Wasser auszupressen und dadurch seinen Gehalt an Brennstoffen zu er- i 1 dies nicht, ebensowenig wie man aus feuchtem, frischem Ä.”5 Laster durch Druck entfernen kann. Beide Brennstoffe sind nnJr, Don fcinfter Kanälchen durchsetzt, und die Zellwände umklammern das Wasser mit ungeheurer Kraft. Wie innig das Wasser Zellgewebe verbunden ist und welche Kräfte dabei in Betracht i^"eunt man an einem Vorgang, der umgekehrt wie die Aus- mifnoiJL» , Eers verläuft; wenn die Haargefäße der Pflanzen Wasser i hmen, wie man dies etwa beim Einwässern von Hülsenfrüchten beobachten kann, so können durch das Aufquellen der Pslanzenteile gerade»« Sprengwirkungen hervorgerufen werden. Der Physiker und Chemiker spricht dabei von Kolloiden, deren Trennung stets nur sehr schwer gelingt. Cm Kolloid, das ganz ähnlich den im Holz oder Torf gefundenen ist und aus einem festen Bestandteil mit Wasser zusammengesetzt ist, findet sich la .den Puddmgs oder den Geleemassen, bei denen ja auch Festes und Flüssiges untrennbar miteinander verknüpft ist. Um die gewaltigen, im Boden schlummernden Torfschätze zu imtzen, Hai man nun die verschiedensten Entwässerungsverfahren ersonnen. Es wurden Dutzende von Pressen konstruiert, die jedoch den Wassergehalt nur auf 60 Prozent erniedrigten. Man rückte der widerspenstigen Materie mir elektrischen Strömen, mit Dampf und Hitze, mit Salzen, Bakterien und Pilzen, mit porösen Stoffen und Abfällen wie Melasse zu Leibe, man wollte das Wasser absaugen oder es in Zentrifugen abschleudern, man erprobte die unwahrscheinlichsten Mittel. Nun soll das neu- Ver. fahren alle anderen verdrängen, wenn sich die daran geknüpften Hoffnungen erfüllen. " Schimansky geht von der Tatsache aus, daß man schon früher Torf dem Frost aussttzte, um die Zellen zu sprengen und das 'Baffer nach dem Auftauen der Torfmasse leichter auszupressen. Bisher konnten aber beim Auftauen selbst die besten Zerkleinerungsvorrichtungen, die mit den schärfsten Mitteln arbeiteten, nur einen geringen Teil des äußerst elastischen Gewebes der Torfzellen zerstören. Die Hauptmasse blieb unberührt und bewahrte ihre wasierhaltenden Eigenschaften, so daß das Gewebe nur äußerlich bruchig wurde. Nach dem neuen Verfahren soll nun die Torfmasse zerkleinert und zerrieben werden, solange sie noch vollkommen erstarrt ist, wodurch selbst die kleinsten Verästelungen des Gewebes zerbrochen werden. Auf diese Weise wird der Torf veranlaßt, fast seinen gesamten Gehalt an Wasser sreizugeben, wenn er nachträglich aufgetaut wird. Die angestellten Versuche haben die Richtigkeit der Methode bestätigt. Das Wesentliche des. neuen Verfahrens liegt also darin, daß der Tors im gefrorenen Zustand ,zerkleinert wird, lieber die Rentabilität der neuen Methode gehen die Ansichten vorläufig noch weit auseinander. Der Reicks- kohlenrat, der wohl auch den Wettbewerb mit der Steinkohle und der Braunkohle in einer Zeit fürchtet, in der keineswegs alle Kohlenbergwerke Absatz finden, hält nicht sehr viel von der Herstellung der neuen Toif- briketts, die ebenso gut wie die Braunkohlenbriketts fein sollen. Er lehnt «chiinanskys Projekt keinesfalls völlig ab, möchte es aber auf eine spätere Zeit vertagt wissen. Der Erfinder hat dagegen errechnet, daß sich in seiner ostpreußischen Heimat die vollwertigen Torfbriketts ganz erheblich billiger stellen werden als die Braunkohlenbriketts, die aus der Lausitz herangebracht werden. 10 Tonnen Torfbriketts sollen nur 135 'Mark kosten, gegen mehr als 275 Mark für dieselbe Menge Braunkohlenbriketts. Wenn das neue Verfahren tatsächlich rentabel ist, wird unsere Brenn- stoffwirtschaft eine umwälzende Neugestaltung Zerfahren. Soweit man bisher weiß, besitzt Deutschland einen Vorrat flbn 10 Milliarden Tonnen 4.0rf aSoHäufin sind erst etwa 11000 Menschen mit der Torfgräberei und der Aufbereitung beschäftigt, aber bei einer großzügigen Herstellung von Torfbriketts wird sich diese Zahl bald vervielfacht haben. Allein In Nord- deutschland gibt es etwa 2,3 Millionen Hektar Moorboden, der für diesen Zweck nutzbar wäre. Nach anberere Schätzung sollen in Deutschland sogar 40 Milliarden Tonnen Torf vorhanden sein. Ein einzioes Moor in Ostpreußen könnte bei richtiger Ausnutzung den Bedarf dieser Provinz an elektrischen Strom und Brennstoff für nahezu ein halbes Jahrhundert befriedigen. Die Erschließung der norddeutschen Moore nach dem neuen Versahren könnte das Verbrennen von etwa 6 Milliarden Tonnen Braunkohle oder fast 2 Milliarden Steinkohle ersparen. Das würde nicht nur eine wesentliche Streckung unserer Kohlenvorräte bedeuten, sondern in Ostpreußen würde der Brennstoffpreis dabei auf die Hälfte sinken. Ein« angenehme Nebenwirkung wäre es, daß allmählich weite Flächen bisher unbenutzten Landes für den Ackerbau frei würden, denn in Brandenburg sind 350 000 Hektar oder nahezu 19 Prozent der Gesamtfläche in Hannover fast 15 und in Pommern 10 Prozent der Fläche von Mooren bedeckt. Die Gewinnung von Torf erfordert nur wenig Maschinen und kann von ungelernten Arbeitskräften ausgeführt werden. Wenn trotzdem die bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts häufige primitive To'rfheizung fast verschwunden ist, so liegt das daran, daß zur Verhetzung von nicht verarbeitetem Torf viel Bedienung nötig ist, und daß der starke Geruch sehr unangenehm wirkt. Zum Teil ist man schon dazu übergegangen, 4.orf zur Erzeugung von Gas zu verwenden, und das ist wohl auch bei dem neuen Verfahren beabsichtigt. Torfvergasung war bisher üblich in den Kraftzentralen im Schweger Moor bei Osnabrück und in Italien in her Nähe von Pisa. Bei der Verarbeitung erhielt man Kraftgas, Ammoniak und Teer. Das Gas wurde in vier Gasmotoren von je 1000 Pferdekraften in Energie umgewandelt und dadurch Strom erzeugt, der nut einer Spannung von 10 000 Volt über Land geleitet wurde. Auch in Jekaterinburg und in Marggrabowa bestehen solche Anlagen. Der gewonnene Teer kann wieder weiter verarbeitet werden. Aus dem Stickstoff, der im Torf enthalten ist, gewinnt man Ammoniak, das mit Schwe- felfaure zu dem Düngemittel Ammonfulfat vereinigt wird. Aus einer Tonne trockenen Torfes kann man etwa 35 Gramm dieses Düngemittels gewinnen; dieselbe Menge Torf liefert auch 2500 Kubikmeter Gas. Wie immer man den Tors zur Verbrennung benutzt, ob man ihn unter der Dampfmaschine verfeuert und dabei nur 12 bis 13 Prozent seines Heizwertes nutzbar macht, ob man ihn statt dessen durch den Gasmotor 22 bis 25 Prozent seiner Energie liefern läßt, immer hängt die Verwendbarkeit des Torfes von dem Grade seiner Trockenheit ab, und darin liegt der Sinn der besprochenen Erfindung. Schon vor dem Krieg gab es umfassende Projekte, die deutschen Torsschätze zu verwerten. Sie wurden zum größten Teil nicht ausgeführt, werden aber sicherlich von neuem erwogen werden, wenn die erste Fabrikation von Torfbriketts, wie sie geplant ist, günstige Ergebnisse zeitigen sollte. zu Verantwortlich: Dr. Hans Lhyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerlitäts^Vuch- und Steindruckerei. A. Lange, Gieße». Äuge: „Armes kleines Bübrhen, armes kleines Bübchen. Liebard betrachtete sie feuhenb. ?rrau Aubain Alterte ein wenig. Sie schlug ihr vor, nach Trouville zu gehen und ihre Schwester besuchen. Felicitas antwortete durch eine Gebärde, baß das nicht nötig sei. Eine Sülle trat ein. Der wackere Liebard hielt es für angemessen, sich zu entfernen. Da sagt« sie: „Denen macht es nichts." Ihr Kovf fiel herab, und mechanisch nahm sie von JMt zu Zelt die lanoen Nndsln. die auf dem Arbeitstisch lasen, in ihre Hand Im Hofe gingen Frauen mit einer Tragbahre vorbei, auf der Linnen triefte. Als Felicitas sie durch d-e Scheiben gewahrte, erinnerte sie sich ihrer Wäsche: da sie sie g-^ern eingeweicht hatte, mußte sie sie heute spülen, und sie v°rließ das Zimmer. Ihr Brett und ihr Waschfaß standen am Ufer der To"cques. Sie warf einen Hoffen Hemden auf die Steine, kremp-lte ihre A->rm->l auf, nahm ihren Bleuel, und die hörten Schlüge die sie ausführte, konnte man bis in die umlicaenden Gärten hören. Die Wiesen waren leer, der Wind bew°ate den Fluß, auf dem Grunde binnen nroße Gräserbüsch« in ihm, wie Haare treibender Leichen Sie hielt mit ihrem Schmerze an sich und war bis zum Abend sehr tapfer, in ihrer Kammer aber gab sie sich ihm hin, flach auf der Matratze liegend, das Gesicht im Kiffen und beide Fäuste an den Schläfen. Sehr viel später erfuhr sie durch Viktors Kapitän selber die näheren Umstände seines Todes. Man hatte ihn im Krankenhause des gelben Fiebers wegen zu stark zur Ader gelassen. Vier Aerzte hatten ihn auf einmal gehalten. Er war sofort gestorben, und der Vorsteher hatte gesagt: „Gut, noch einer!" Seine Eltern hatten ihn immer grausam behandelt. Sie wollte sie lieber nicht sehen, und jene machten ihr keinen Schritt entgegen, sei es aus Vergeßlichkeit oder aus Verhärtung Unglücklicher. Virginie wurde zusehends schwächer. Bklemmungen, Husten, anhaltendes Fieber und Flecken auf den Wangen verrieten eine tiefere Erkrankung. Herr Poupart riet einen Aufenthalt in der Vrovence an. Frau Aubain entschloß sich dazu und würde ohne das Klima von Pont-l'Eveque ihre Tochter augenblicklich nach Hause genommen haben. Sie traf ein Abkommen mit einem Wagenvermieter, der sie an jedem Dienstag nach dem Kloster fuhr. Im Garten war eine Terrasse, von der aus man die Seine sah. Dort ging Virginie auf gefallenen Weinblättern an ihrem Arm spazieren. Manchmal, wenn sie im Fernen auf die Segel blickte und auf den ganzen Himmelsrand vom Schlosse von Tancaroille bis zu den Leuchttürmen Le Havres, zwang die durch die Wolken brechende Sonne sie, ihre Lider zu schließen. Später ruhte man sich in einer Laube aus. Ihre Mutter hatte sich ein Fäßchen ausgezeichneten Malagaweines verschafft, und fröhlich bei dem Gedanken, berauscht zu werden, trank sie zwei Finger hoch davon, nicht mehr. Ihre Kräfte kamen wieder. Der Herbst verging milde. Felicitas flößte Frau Aubain Mut ein. Eines Abends jedoch, als sie in der Umgegend eine Besorgung gemacht hatte, begegnete sie vor der Tür dem Wagen des Herrn Poupart, er selber stand im Flur. Frau Aubain band ihren Hut. „Bring mir meinen Fußwärmer, meine Börse, meine Handschuhe; schnell doch." Virginie hatte eine Lungenentzündung, vielleicht war cs hoffnungslos. „Noch nicht", sagte der Arzt, und alle beide stiegen unter wirbelnden Schneeflocken in den Wagen. Die Nacht brach an. Es roar sehr kalt. Felicitas stürzte in die Kirche, um eine Kerze anzuzünden. Dann lief sie dem Wagen nach, den sie «ine Stunde später erreichte, sprang leicht hinten herauf und hielt sich an den Federn fest, als ihr ein Gedanke kam: „Der Hof war nicht verschlossen! Wenn Diebe eindrängen?" Und sie sprang wieder herunter. Am anderen Morgen, bei Tagesanbruch, begab sie sich zum Arzt. Er war inzwischen zu Hause gewesen und schon wieder aufs Land gefahren. Dann blieb sie, im Glauben, Fremde würden einen Brief bringen, im Gasthaus« Endlich, geaen Abend, nahm sie die Postkutsche von Lisieur. Das Kloster befand sich am Ende einer abschüssigen Gaffe. In der Mitt« vernahm sie seltsame Klänge, Totenaeläut«. „Es ist für ander«', dacht« Feli-itas und selche vnaeftüm den Klopfer in Bewep'ing. Nach Ablauf mehrerer Minuten schlürften ausgetretene Schuhe heran, die Tür öffnete sich halb, und eine Nonne erschien. Die gute Schwester sagte mit betrübter Miene, daß „sie soeben verschieden sei". Zur gleichen Zeit verdoppelte sich das Geläute von Sankt Leonard. Felicitas gelangte In den zweiten Stock hinauf. Non d»r Schwalle des Zimmers aus sah sie Virginie mit gefalteten Häich-m. offenem Munde und zurückgefallenem Konf unter einem schwarzen Kreuz, das sich über sie nemte und zwischen starren Vorhängen, die weniger Gaß waren als sie. auf dem 3V'(f derholte immer dieselben G bete. h»fnr»not» di« Bettücher nut Weihwasser, seht« sich nieder und betrachtete sie. Am E"de der ersten Nachtwache gewahrte sie. dast das Antlitz gelb und die Linnen blau oeroorben waren, dost Ge N»le sich zusvitze und die Annen einsanken. S-'c küßte sie zu mehreren Malen auf bin Liber und würde Mn übermäßige--- Erstaunen verspürt haben, wenn Virninie sie wieder «»öffnet hätte: für solche Secl-n ist bas vebernafüA'che ganz einfach. Si» M'befe sie an. hüllt« fie in >hr Totenhemd, trug sie in ihren Sarg, setzte ihr ein« WnmenFrone auf und löste ihr b:« Haare. Sie waren bbrnb und für ihr Alter von mff'crordeR- licher L.änne. Felicitas schnitt si-ß eine oror,a Locke ah. tat die Hoffte davon auf ihren Busen und beschloß sich niemals ro’eber davon zu trennen. Der Körner wurde nemäß Nm Absichten der ff rau Aubain. die der Leiche in n->lchlostenem Wogen solnt«. nach Bont-l'Eveque gurücfwbrmftt Nach der Meße brauchte man noch bveiviertff Stunden, um den K'rchhes zu erreichen. Paul ging an der Spiste und schluchzte Herr Bourais ging dahinter, darmff die angesehensten Einwohner die Frauen in schmaricn Schleiern, und Felicitas. Sie dachte an ihren Neffen, und da fie ihm letzte Ehre nicht hatte erweffen können, empfand sie einen Zuwachs on Traurigkeit, so als ob man ’hn zusammen mit dieser da begrübe. Di-» Berzweifluna der Frau Aubain war gr»nzenloc-. Ansanas empörte sie sich geoen Gott, si» fand es ungerecht, daß er ihr ihre Tachtel genommen, ihr, die niemals Böses getan hatte und deren Gemisten so rem war! Ab»r nein! S'-e hätte si» in den Süden bringen fo,f-»n. Andere Aerzte würden sie gerettet haben. Sie klagte sich an, wollte ihr Nachfolgen vnh schri» vor Angst inmitten ihrer Träume auf. (Emer vor allem quölle fu- Ihr Mann kam in Matrofentcgchf von einer langen Ruse zurück und s»ete • ihr weinend, daß er b»n Befehl erf)»rfen bah». Virmm<> sortzufüh-en- Dann verabredeten sie sich, irgendwo ein Versteck au- findig zu machen. E'nmal kam sie verstört ans dem harten zurück Jetzt eben (sie den Ort) waren b»r Vater und die Tochter ihr erschienen, einer hinter dem anderen, sie hatten nichts getan, sie hatten sie nur angesehen. (Fortsetzung folgt.) __ ßin schlichtes Eerz. Erzählung von Gustave F l a u b e r t. (Fortsetzung.» Von nun an dachte Felicitas ausschließlich an ihren Neffen. An Sonnentagen quälte sie sich mit Gedanken an seinen Durst; wenn es geroil» terte fürchtete sie den Blitz für ihn. Wenn sie hörte, wie der Wind im Schornstein heulte und die Schindeln losriß, sah sie ihn auf der Spitz« eines zerschmetterten Mastes, den ganzen Körper hintenubergebogen, unter Gischtfluten von diesem selben Sturme hm und her geschleudert, oder — eine Erinnerung an das Geograph-ebuch mit bett Kupferstichen wurde von den Wilden gefressen, im Walde von Affen geraubt oder verkam jämmerlich an einem oben Gestade —, und niemals sprach sie von ihren Aengsten. Frau Aubain litt andere um ihrer Tochter willen. Die guten Schwestern fanden, daß sie liebenswürdig, aber zart sei. Dl« geringste Erregung schwächte sie. Sie hatte das Klavierspiel aufgeben mii3bre Mutter heischte einen regelmäßigen Briefwechsel vom Kloster aus. Eines Morgens, als der Briefträger nicht gekommen roar, beim» ruhigte fie sich und ging in ihrem Zimmer vom Lehnstuhl zum Fenster auf und nieder. Es roar wirklich unerhört, feit vier Tagen keine Nachricht. Damit sie sich an ihrem Beispiel tröste, sagte Felicitas zu ihr: „ „Ich, gnädige Frau, habe seit sechs Monaten keine erhalten!... ',Von wem denn?" Die Dienstmagd erwiderte leise: „Ich spreche von meinem Neffen. Ah dein Nesse ..." Und mit den Achseln zuckend, setzte Frau Aubain ihren Spaziergang fort, was so viel heißen soMe, wie: .Ach^dachte nicht daran!... übrigens ist es mir auch ganz gleichgültig! ein Schiffsjunge, ein Strolch, große Sache!... meine Tochter dagegen... Bedenke doch! Obgleich Felicitas in Rauheit aufgewachsen roar, wurde sie dennoch innerlich böse auf die gnädige Frau, später, vergaß sie es wieder Es erschien ihr ganz natürlich, der Kleinen wegen den Kopf zu Der- Di« beiden Kinder hatten eine gleiche Wichtigkeit, ein Band vereinigte fie in ihrem Herzen, und ihr Schicksal mußte dasselbe sein. Der Apotheker teilte ihr mit, daß das Schiff Viktors in Havanna angekommen fei. Er hatte diese Nachricht in einer Zeitung gelesen. Auf Grund der Zigarren stellt« sie sich die Havanna als ein Land vor, wo man nichts anderes tat als rauchen, und so ging denn Viktor zwischen Negern in einer Tabakswolke einher. Konnte man „nötigenfalls über Land zurückk-ehren? In welcher Entfernung lag es von Pont-l Evegue? Um es zu wissen, befragte sie Herrn Bourais. Er holte seinen Atlas herbei, dann Hub er mit langen Erklärungen über die Längengrade an und lächelte mit schönem Schulmeisterlack-eln Über Fellclta«' Verdutztheit. Endlich zeigte er mit seinem Taschenble,stift in den Ausschnitten einer länglichrunden Fläche auf einen schwarzen, kaum sichtbaren Punkt und sagte: „Hier ist es." Sie beugte sich über die Karte, dieses anaetus-bte Liniennetz ermüdete ihre Augen, ohne sie etwas zu lehren, und als Bourais sie aufforderte, zu sagen, was sie bedränge, bat fie ihn. ihr das Haus zu zeigen, in welchem Viktor wohne. B» rms erhob die Arm«, weste und brach in ein dröhnendes Gelächter aus; eine derartig« Einfalt machte ihm Freude, aber Felicitas begriff nicht emmat die Veranlassung — sie. die vielleicht erwartet hotte, sogar da« Bildnis ihres Neffen zu sehen! So eng begrenzt roar ihr Verstand! Vierzehn Tone später geschah es. daß Liebard. nüe gewöhnlich um die Marktzeit, die Küche betrat und ihr einen Brief van ihrem Schwager übergab. Da keiner van beiden lesen konnte, nahm sie ihre Zuflucht zu ihrer Herrin. „ ...... , , r. . . Frau Aubain, welche die Maschen einer «tr-ckerei zahlte, legte sie beiseite erbrach den Brief, fuhr zusammen und mit leiser Stimme und tiefem Blick: m CE „ „Es ist ein UnaL'-ck... das man dir anzeigt. Dem Neffe... Er roar tot. Näheres darüber teilt« man nicht mit. Felicitas sank auf einen Stuhl, lehnte den Konf an die Wand und schloß die Lider, welche mit einem Schlage rot wurden Dann wiederholte sie von Zeit zu Fest mit gesenkter Stirn, hängenden Armen und starrem