GieheimKmilienbMer ___ Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang l-3« Freitag, den 24. Januar Nummer 7 Zwölfjähriger Geiger. Von Werner Bock. In deiner Geige klingt der Väter Blut. Sie fuhren übers Meer im Nordlichtschein, Sie jagten durch die dunklen Tannenwälder, Sie starben einsam in der Felsenöde. In deiner Geige klingt der Mütter Leid. Sie haben oft und schwer geboren. Die Söhne riß der Krieg von ihrer Brust, Die Gatten zogen in «in fernes Land, Die Töchter flohen mit dem fremden Mann. In deiner Geige klingt dein künstges Sein. Auch du wirft einer Frau gehören, Auch du wirst fahren übers Meer, Auch du wirst Glück und Schmerzen tragen, Auch du wirst einsam deine Augen schließen. Doch heute bist du jung und zart und schön Und morgen spielst du, Kind mit andern Modern. Die Sonne und der Wind sind dir im Haar, Die Wiesenblumen stehn ain Weg und lächeln: O hört, mm jauchzt die Geig« wie ein Kind! General Bornemann. Von Peter Peppermint. Gestern habe ich Bornemann wiedergesehen. Daß inich ein Clown jemals so tief erschüttern und mir eine unruhvolle Nacht bereiten würde — ich hätte es früher nie geglaubt. Noch sehe ich Borninis, Friedrich Bornemanns Grimassen, noch tanzen, die grotesken Figuren seiner Hühner vor meinen Augen... Es fällt mir schwer, sein Leben wieder aufzurollen. Denn das ist lange, lange her, daß wir auseinandergingen ... In der Sexta saß Friedrich Bornemann auf meiner Bank... schmäch- tig, hochgeschossen, kalkig blaß, verschüchtert, müde graue Augen, groß- vaterhast alt, in verwachsenen gestapften Hosen. Die Backenknochen standen kantig aus dem Gesicht, die Kinnpartie schob sich unter der Unter- lippe hervor. Auf viel zu langen Beinen stieg er daher und knickte in den Knien ein. Seine Eltern waren einfache Leute, und der Vater sparte sich die Erziehung des Sohnes am eigenen Munde ab. Friedrich Bornemann war schüchtern, aber nie deprimiert. Seine Miene war eine beständige Bitte um Verzeihung, daß er auch da war. Wenn er lachte, Srinste er, lind die Breite seines offenen Mundes, der gelbe Zähn« sehen ließ, weckte beinahe Mitleid... Er war ein guter, guter Mensch. Viel zu gut für diese Welt, aber leider nicht klug genug, um dessen bewußt zu werden. Sein liebstes Spielzeug lvaren Bleisoldaten, die er vor sich paradieren ließ und die er gegen Burgen von Zigarrenkisten trieb. Viel Zeit zum Spielen blieb ihm nicht, denn den Schulaufgaben stand er hilflos gegenüber. Er brauchte zu ihrer Bewältigung bei weitem mehr Zeit als die anderen. Einmal fragte uns der Lehrer, was für einen Beruf wir wohl einmal ergreifen möchten. Die Wünfckx waren seltsam — cs wäre nicht schön, ivenn sie alle in Erfüllung gegangen wären, denn dann wäre das groß« Hoffen ausgeblieben, um das allein zu leben es sich lohnt. So kam' auch an Bornemann die Reihe. Als er sagte: „Offizier, General!" da lachten wir alle. Warum? Wir wußten es selbst nicht, aber wir dachten in diesem Augenblick vielleicht an die knickenden Knie beim Parademarsch, dachten an das unter dem blanken Helm vorspringende Kinn, dachten wohl auch an Kommandos, die eine verquollene, muffige Stimme röchelte... Bornemann Offizier! Wir wußten damals noch nicht, daß das aus häuslichen Gründen nicht möglich war, die auch durch die unermüdliche Arbeit des sorgenden Vaters nicht aufgehoben wurden. Der Wunsch verdichtete sich ernstlich in Bornemann. Denn er sprach uns ost davon, daß er mit allen Fasern seines Herzens Offizier fein würde, der rasch, sehr rasch avancieren würde. Er war inzwischen zurückgeblieben und mußte manche Klaffe ein zweites Mal abfitzen. Zwischen aller Arbeit, die er nie begriff, und die ihm weder sck>adete noch nützte, sand er Minuten, in denen er di« Soldaten seiner Kinderjahr« heimlich wieder aufbaute. Er malte auch ein wenig. Immer das gleiche: Uniformen, bunt und blumig... Generäle mit glitzernden Orden... Exzellenzen mit großen, roten Streifen an den Hofen... Paraden, Paraden... Kopf an Kops, ein Soldat wi« der andere, mit weit vorgeworfenen Beinen... dilettantisch und schematisch die Gesichter... Und wurde einmal eine richtige Parade abgehalten, dann stand er und wartete stundenlang und klassifizierte mit feinen grauen, sachlichen Augen die Feldwebels, die Leutnants, die Major«. Von einigen wußte er gar di« Namen ... kaum konnte er es verwinden, daß er bei einer großen Kaiserparade nach fünfstündigem Warten ohnmächtig umfiel und so des ersehnten Augenblicks verlustig ging. Als wir schon langst im Kolleg saßen, drückte Bornemann noch die Schulbank. Er war um drei Jahre zurück, als der Krieg kam. Er meldet« sich freiwillig, wurde aber zunächst abgewiesen. Mürrisch und verdrießlich stelzte er herum. Um das muffige Gesicht sproßten die Stoppeln, und alt sah er aus, als trüge er die Sorgen von Generationen. Dann nahmen sie ihn doch. Der Krieg verwischte alle Beziehungen. Als er zu Ende war, verwunderte man sich, wenn der ein« noch lebte oder ein anderer auftauchte, den man noch nie gesehen zu haben meinte. Bornemann sei in Rußland gefangen genommen worden, hieß es. Aber man hörte und sah ihn nie wieder... Daß ich gestern mittag in dem kleinen ostpreußischen Städtchen Rast machte, daran war das herrliche Herbstwetter schuld. Von der See her wehte eine würzige, gesunde Luft, die mich lockte, einen Tag zu bleiben. In dem kleinen Gasthaus, das ich gegen Abend aufsuchte, hatte ich schon früher gewohnt. Man kann von den Zimmern oben hinunter auf den Marktplatz sehen, auf dem gerade di« kleine Arena einer wandernden Zirkusgesellfchaft errichtet wurde. Das Gastzimmer, das ich betrat, war leer. Nur in der gegenüberliegenden Ecke hockte ein Mensch bei einem Glase Bier. Sein faltiges Gesicht wandte sich mir zu — uralt und greisenhaft und dennoch nicht müde und verbraucht — starr blieben die grauen Augen an mir hängen. Gewiß, ich kannte das Gesicht... wer war bas gleich? Wann begegnete ich ihm? Der andere verzog feinen Mund zu einem breiten Grinsen. „Bornemann?" fragte ich. „Ja — ich bin es", gurgelte es. „Wie kommst du hierher?" „Bornemann? Du bist es wirklich? Seltsam, daß man sich nach Jahren in einem so versteckten Winkel trifft! Was treibst du?" „Was soll man treiben?", druckste er langsam. „Heute hier — morgen da!" „Nanu?" Ich fühlt«, er schämt« sich. Wir setzten uns zusammen, und erst nach einem neuen Glase fand er Worte. „Es ist mir peinlich, dir zu begegnen." „Was heißt peinlich? Geht's dir nicht gut? Das ist doch kein« Schande." „Du hast den Zirkus drüben gesehen?" „Ja, ich habe sogar die Absicht, ihn heute abend zu besuchen. Ich seh« so was mal ganz gern. Gehst du mit?" „Ich — bin sowieso dort." Er nestelte an seinem Anzug herum, und mir kam erst jetzt zu Bewußtsein, daß Bornemann recht schäbig ange- zogen war. „Wie soll ich das verstehen?" „Ich bin dort — Clown. Dummer August." Er sah zum Fenster hin- aus. „Ich habe Pech gehabt. Frage nicht. Jetzt geht's mir gut, denn ich brauche nicht viel. Bernini, der Clown, ja..." Müde lächelnd wandte er sich mir wieder zu. „Geh nicht in die Vorstellung, es ist mir unangenehm ... allerdings: hindern kann ich dich nicht!" Und polternd stand er plötzlich auf und stärkste aus der Stube... Natürlich ging ich hin. Ich ärgere mich heut« selbst darüber, aber ... ich konnte dem Wunsche nicht widerstehen ... Die fleißigen Leut« leisteten viel. Da roar eine ganz tüchtige Reiterin, die auf einem ungefatteltem Pferde tanzte, da war' auch eine ganz junge Seiltänzerin, ein Kind noch, vielleicht die Tochter des Direktors, der selbst einen „klugen Hans" zeigte. Cs war derselbe Gaul, der den kleinen Wohnwagen gezogen hatte. Im zweiten Teil kam „B o r n i n i, der größte Spaßmacher der Welt, mit seinen klugen Hühnern — eine unerreichte Dressurnummer!" Die drei Blechbläser bliesen einen erbärmlichen Tusch. Und dann fetzt« der Radetzky-Marsch ein — man erkannte es an dem tatatam, tatatam, tatatam, tato, das die fistelnde Trompete schmetterte. Der Direktor hielt mit dem Akrobaten den Vorhang auf und herein marschierte Bornini, Friedrich Bornemann, kreidig beschmiert, mit großen wulstigen, roten Lippen, die bis zu den Ohren reichten, im glitzernden Clownskostüm, mit einem Holzfäbel an der Seite. „Achtung!" schrie er,»und hinterher tarn ein Dutzend Hühner, fette Hennen, zu viert nebeneinander in drei Gliedern, grotesk die dürren 1 Beinchen vvrfetzend. Und Borninis verquollene Stimme kommandierie tfeln kroch mir den Rücken hoch. , , fS 'l: Leutnant Gackerli wird zum Oberleutnant befor- viert herum. Ein leichtes (Srul „Regimentsbefehl ^"Die^UhÜer gackerten und glucksten laut. Mir schwamm es vor den Augen. Ich konnte nicht mehr Hinsehen _ Kehrt'" hörte ich noch und dann den Xu|O) oer j/iuju. s hMÄÄ Arena gestanden hatte... l» und ^riohrtrfi Gdiüler- au dritt trieben wir an der steilen Waldooschung oie Be'rgsiicken netzwärts. Das war besonders für den oben Gehenden recht Glätte des gefrorenen Bodens und die stacheligen Brombeerzweige und Schwarzdorn- und Wildrosenbüsche besonders dann hindern wenn man dabei noch auf Vögel achten muß und die Srimmig Kälte die Schrammen, die die Dornen rissen, noch starker empfinden laßt. ‘SXn fidi dann zehn bis zwanzig Vögel in dem dreiwandigen Spann- n'etz gefangen so ist auch iLs vorsichtige Herau-lesen besonders d-r mit- aefaraenen Meisen nicht so einfach; denn die Tiere halten sich mit ihrer Füßen krampfhaft fest. Buhutsam muh man jede Zehe einzeln loslosen, bis d^r erst^ Fuß frei ist, und wie ost geschieht es dann, daß der Vogel erneut in das Maschenwerk des Netzes greift und das Geduldspiel der vor ^rolt steifen Fing? in die der Vogel unentwegt beißt, wiederholt werden muß Dann kommt das zweite Bein, die beiden Flügel und zuletzt der BÄSS-S-SÄ* «°S°< fteilassen. Ja bequem'und einfach ist .die Beringung nicht und^zumch nn SV» Sä StfifeEWW MZWWZSM sxsrÄÄgAfiix sther Vogelforschung nach Schweden, dem Land der „jcaturmu SS-BT-SSMUS steckt in dieser Dressur! Monate, vielleicht auch Jahre gehörten zu M-L ^iger- m°S G^upM^echts schwenkt - Marsch!" Die Hühner torkelten zu ß?cke°am Waldmn^mifh^ttm. Schnell^En^wir eine"Aste? T?S MSHWSZMA- Norden i?uns«?Netz^MA^eu?^wir"??über^den^farbenprächtigen l MMSMMZW MZWZMMs Senf von d?VogeMebhaber?und Vogelstellern genannt werden. Mehrssch begünstigte das plötzliche Erscheinen eines leser g I bei,°chM».i° d-dei». grsste A--M fe KÄS S'Ä »IföftÄ dem die Hecke durchquerenden Netz waren; dann galt «2,mtgZtelgerter Scknelliakeit den Trieb zu vollenden, damit möglichst viele im Netz Han aen blleben Bald aber war die Nahrung in der Hecke aufgezehrt, zu- ! dem trat neuer Schneefall ein. Nun begaben sich die Bergfinken ins Innere des Waldes und legten durch ihr Getrippel und Picken auf ver hältnismäßiq großen Flächen den Waldboden bzw. das Laub frc*-J I die vom Sch,E entblößten Stellen schon, von weitem dw A'iwes nheit und Tätigkeit der Bergfinken verrieten. Mir war diese Wahrnehmung, die man9 von Drosselarten her ja genau kennt, beim Bergfinken' ganz neu. Die Tiere kommen so selbst zu neuen Nahrungsquellen (abgefallenen Bucheckern) und erschließen solche auch den Meisen, die natürlich sich J** Scharren und Trippeln der Bergfinken zunutze machen. Aus diesem Grunde halten sich die Meisen auch gern in Menge unter den Bergfmken- schwärmen auf, die im Innern des Waldes auf dem Boden der Nahrung^ mche obliegen. Die unausbleibliche Folge war, daß nut den Bergfmke auch die Meisen die Außenhecke verließen un.d ihren Ausenthalt ver- Bergfinkenzeit. Bon Dr. Werner Sunkel, Kassel. Zwar gehört der Bergfink nicht zu den seltenen Wintergästen aus dem »-rssKMMM-s ""'«t-blgft. 8-nl,pl»bMR-»-h,«-n gungen bieten und wir unser« großen Fangnet;e mit bestem E f^g aus hängen können. Wieviel« Klemvoge gerieten dort nn Laufe oerJJion «EMüiWWAM jugendlichen Helfern auch im November sehr viele Singvogel gefangen und Mch i« fiauptf«.!»« to WWWWZMM MZ-DMk---«- zeit wartete. ______________. Zukunstsmusik. Jleue Möglichkeiten elektrischer Klangerzeugung. Von Frank Warschauer. nicht lange auf sich warten lassen. Mager, der mit be- Vor allem ist es ein freu scher Es,, , . gjiann, ursprünglich sonders interessanten Arbeiten beschäftigt. • ’, t:n*er «ch Die land etwas wußte, hat er sich wn i aotzrerberuf aufgab, um sich L'Li» I wir ja wahrhaftig mehr als genug haben? Nun — die Musiker haben schon recht frühzeitig Interesse für diese Sache gehabt, besonders die modernen. Allerdings weniger wegen der derzeitig erzielten Resultate, als wegen der Möglichkeiten, die sich dadurch für die Zukunft ergeben. Erstens ist ja überhaupt jedes Bestreben, neue Klänge zu schaffen, unter allen Umständen von Wert: seit 150 Jahren ist die Musik tatsächlich durch die Vervollkommnung der bestehenden und Schaffung neuer Instrumente fortwährend bereichert worden. Andererseits hat sich aber gerade in der letzten Zeit die Entwicklung von jenem fast bedrohlich werdendem Ueberreichtum an Instrumenten und Klängen abgewandt; in der neuesten Musik findet man überall das Bestreben, den Orchesterapparat zu verkleinern und mit einer geringeren Zahl von Jn- strumentalindividuen auszukommen. Also dies ist es nicht allein. Aber am Ende dieses Weges elektrischer Tonerzeugung, auf dem man' eben die ersten Schritte getan hat, lockt ein merkwürdiges Ziel. Denn die elektrische Tonerzeugung könnt«, wenn sie zu einer gewissen Vervollkommnung gelangt ist, dem Musiker Bereicherungen seiner Klangpalette lieferen, von denen er bisher kaum träumen durfte. Um dies zu verstehen, muß man sich ein wenig mit den theoretischen Voraussetzungen dieses Erfindungsgebietes befassen. . Seit vierzig bis fünfzig Jahren ist die Akustik damit beschäftigt, den physikalischen Aufbau der Klänge bis in die kleinsten Einzelheiten hinein zu studieren. Seitdem Helmholz die Lehre von den Obertönen aufgestellt hat — wonach der Slangdynotter eines Instrumentes und einer Stimme durch die Zahl und höhe der jeweils mitschwingenden Obertöne bedingt ist — sind die wissenschaftlichen Erkenntnisie auf dem Gebiet derart weit durchgearbeitet worden, daß man jetzt tatsächlich überaus genau über die physikalischen Bedingungen informiert ist, unter denen Klänge und Geräusche jeder Art zustande kommen. Man mutz all diese Forschungen etwa vergleichen mit denjenigen der Chemie, bei denen es sich ebenfalls darum handelt, die Struktur der gegebenen Stoffe auf das Genaueste kennenzulernen. Und ebenso, wie die Chemie nun im Verfolg dieser Forschungen ganz sinngemäß dazu gelangt ist, nach der gelungenen Analyse der Stoffe auch zu einer Synthese zu kommen so hat sich in der Musik die neue Aufgabe ergeben, Klänge irgendwelcher Art, nachdem man sie analysiert hat, in entsprechender Weise willkürlich zusammenzusetzen. Was die elektrische Musikerzeugung anstrebt, ist das Entsprechende, was man in der Chemie mit der Synthese etwa des Zuckers schon erreicht hat. „ Man will also: erstens sämtliche bestehenden Klange selbst auf die bisher übliche Weise mit Hilfe von Instrumenten, auf andere Weise künstlich Herstellen; derart, daß zum Beispiel durch eine beliebige Hinzufugung von Obertönen zu einem Gnindton etwa der Klangcharakter eines Harnes, einer Trompete oder auch der menschlichen Stimme nicht nur imitiert, sondern vollständig naturgetreu nachgeschaffen wird. Das allein würde aber noch nicht so belangvoll sein — denn das ist ja nur ein interessantes Experiment. Wenn aber dies einmal gelungen ist, fo kann man nun weiter dazu übergehen, auch unzählige andere Klangfarben zu schaffen, die es bisher überhaupt nicht gibt. Denn sämtliche Klangfarben, die wir kennen, und die durch Instrumente und Stimmen hervorgebracht werden, sind ja nur ein ganz geringer Ausschnitt von denen, die überhaupt möglich sind. Populär gesprochen: ein Musiker könnte auf die Idee kommen, an der und der Stelle eines Ord>esterwerkes ein Instrument zu verwenden, das so ähnlich klingt wie eine Oboe, gleichzeitig aber die Weicbheit und Fülle des Cellos besitzt; also gewissermaßen eine'Mischung von Cello und Oboe zu verwenden. Das ist ihm natürlich gegenwärtig nicht möglich — denn es gibt dieses Instrument eben nicht. Wenn wir aber wissen, durch welch? physikalischen Voraussetzungen ein derartiger Klang erzielt werden kann, und wenn wir dann weiter bewußt die dazu notwendigen technischen Hilfsmittel anwenden — dann steht der Musiker in diesem Fall nicht vor einer unlöslichen Schwierigkeit. Die elektrische Musikerzeugung könnte uns also, wenn sie wirklich vollkommen wird, an der Stelle des kleinen Ausschnittes von Klangfarben, die wir gegenwärtig praktisch verwenden können, fämttidje überhaupt denkbaren Klangfarben liefern. Und nickst nur dies: in entsprechender Weise könnten auch sämtliche Überhaupt denkbaren Tonhöhen und Tonstärken erzeugt werden und auch dies würde natürlich vollständig revolutionär wirken — vor allem, wenn man an die Kombination mit der ersten Möglichkeit denkt. Man muß sich vergegenwärtigen, daß alle Instrumente, die wir verwenden, ihren Klangcharakter ja nur in bestimmten Lagen haben; es könnte aber jemand doch einmal auf die Idee koniinen, einen Geigenton in der äußersten Tiefe unserer Klangskala erklingen zu lassen oder andererseits den Klangcharakter eines Kontrabasses in andere Höhenlagen zu Übernehmen — und Aehnliches. Und weiter: solche elektrischen Instrumente könnten eine vollkommen neue Spieltechnik haben. Es ist denkbar, daß man auf ihnen durch geschickte Schaltungen oder auch einfach durch Körperbewegungen, wie bei Theremin, derartig leicht spielt, wie das bisher auf unseren Instrumenten nicht möglich ist. Fassen wir also zusammen: Was am Ende der Entwicklung elektrischer Musikerzeugung steht und was damit erstrebt wird, ist, eine Art Universalinstrument, vergleichbar dem erträumten „Omnitonium" des Mittelalters; eine ungeheuer vervollkommnete Orgel, mir mit ganz anderer Spielart, auf der sämtliche überhaupt denkbaren Klangfarben, ganze Orchester, sowie den Klang einzelner und zahlreicher menschlicher Stimmen in jeder Höhe frei, nach dem Gebot der allein maßgebenden musikalischen Phantasie erschaffen kann. Und nun wird man begreifen, wie groß das Interesse der modernen Musiker für dieses Gebiet ist. Mager und Theremin sind übrigens keineswegs die Einzigen, die sich mit derartigen Arbeiten beschäftigen. An der Funkversuchsstelle der Berliner Hochschule für Musik befindet sich ein eigenes Bersuchslabora- torium für diese Zwecke, aus dem schon ein interessantes Verfahren zur elektrischen Ressonanzsteigerung hervorgegangen ist. Die dort künstlich neu geschaffenen Jnstrumentalgeschöpfe haben den Klangcharakter einer Geige, ober die Klanggröße etwa einer Posaune — was auf den Hörer einen fast unheimlichen Eindruck macht, gleichsam, als wenn er plötzlich eine Kreuzung von einer Maus und einem Löwen sehen würde... Und weiter: Vor kurzem wurde in Wien das sogenannte „Super- piano" von seinem Erfinder Spiel mann gezeigt — ein Instrument, das auf ähnlichen Prinzipien beruht, wie die Apparate der beiden anderen Erfinder, aber den Vorzug einer festen Tastatur besitzt, so daß man auf ihm ähnlich spielen kann, wie auf einem Klavier. Aus Ungarn wird berichtet, daß dort ein Erfinder, Dr. Franko, eine Orgel auf ähnlicher technischer Basis konstruiert hat. Vielleicht sind wir also wirklich von der Zukunftsmusik der elektrischen Wunderorgel nicht mehr allzu weit entfernt. Abendlied. Von Gottfried Keller. Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt feinl Fallen einst die müden Lider zu. Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh; Tastend streift sie ab die Wanderschuh, Legt sich auch in ihre finstre Truh. Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn, Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn. Bis sie schwanken und dann auch vergehn, Wie von eines Falters Flügelwehn. Doch noch wandl ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt; Trinkt, o Äugen, was die Wimper hält, Von dem goldnen Ueberfluß der Welt! Larsten Curator. Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.) Als er wieder in fein Haus trat, hörte er rasch die Stubentür von innen anziehen. „Noch einen Augenblick Geduld!" rief Annas helle Stimme; bann gleich darauf wurde die Tür weit aufgeschlagen, und die schlanke Mädchengestalt stand wie in einem Bilderrahmen auf der Schwelle. Sie schritt auch nicht hinaus, sie starrte regungslos auf ihren alten Pflegevater. „Allein, Ohm?" fragte sie endlich. „Allein, mein Kind." Dann gingen beide zu Tante Brigitte in die festlich aufgeschmückte Stube, und die Frauen, während Carsten schweigend in dem Ledersessel daneben saß, erschöpften sich in immer neuen Mutmaßungen, was cs nur gewesen sein könne, das ihnen alle Freude so zerstört habe, bis endlich der Abend vergangen war und sie still die Lichter löschten und die Geschenke wieder ‘forträumten, welche sie kurz zuvor so geschäftig zusammengetragen hatten. * Auch die Weihnachtsfeiertage verflossen, ohne daß Heinrich selber oder ein Lebenszeichen von ihm erschienen wäre. Als auch der Neujahrsabend herankam und die lang erwartete Poststunde wieder so vrüberging, hatten in dem alten Manne die Sorgen der letzten Tage sich zu einer fast erstickenden Angst gesteigert. Was konnte geschehen fein? Wenn Heinrich krank läge dort in der großen, fremden Stadt! Die diesmal ruhigere Ueberfegung der Frauen vermochte ihn nicht zurückhalten, er mutzte selber hin und sehen. Vergebens stellten sie ihm die Beschwerlichkeit der langen Reise bei dem eingetretenen scharfen Frost vor Aigen; er suchte sich bas nötige Reisegeld zusammen und hietz Brigitte seinen Koffer packen; bann ging er in die Stadt, um sich zum anderen Morgen Fuhrwerk zu verschaffen. Als er nach vielfachem Umherrennen erschöpft nach Hause tarn, war ein Bries von Heinrich da; ein Versehen des Postboten hatte die Abgabe verspätet. Hastig riß er bas Siegel auf; die Hände flogen ihm, daß er kaum seine Brille aus der Tasche ziehen konnte. Aber es war ein ganz munterer Brief; Herr Jaspers hatte recht gehabt: mit Heinrich war nichts Besonderes vorgefallen, er hatte nur gedacht, es fei doch richtiger, den Weihnachtsmarkt in Hamburg zu genießen und dann später nach Haufe zu kommen, wenn erst im Hof der große Birnbaum blühe und sie miteinander auf den Deich hinausspazieren könnten; dann folgte die lustige Beschreibung verschiedener Feste und Schaustellungen; von den Kümmernissen, die er den Seinen zugefügt, schien ihm keine Ahnung gekommen zu sein. Auch eine Nachschrift enthielt der Brief: er habe auf eigene Hand mit einem guten Freunde einige Geschäfte eingefäbett, die schon hübschen Gewinn abgeworfen hätten; er wisse jetzt, wo Geld zu holen fei, sie würden bald noch anderes von ihm hören. — Wie gewagt, nach mehr als einet Seite hin, diese Geschäftsverbindung sei, davon freilich war nichts geschrieben. Carsten, da er alles einmal und noch einmal gelesen hatte, lehnte sich müde in seinen Stuhl zurück; der Name „Juliane" drängte sich unwillkürlich über seine Lippen. Aber jedenfalls — Heinrich war gesund; es war nichts Schlimmes vorgefallen. „Nun, Ohm?" fragte Anna, die auf Mitteilung harrend mit Tante Brigitte vor ihm stand. Er reichte ihnen den Brief. „Leset selbst", sagte er, „vielleicht daß ich heute einmal besser schlafe! Und bann, Anna, bestelle mir den Fuhrmann ab', mein« alten Beine können nun nicht mehr!" Er sah fast glücklich aus bei diesen Worten; ein Ruhepunkt roar eingetreten, und er wollt« ihn redlich zu benutzen suchen. , Am andern Morgen wurden die Weihnachtsgeschenke aus den Schubladen wieder hervorgeholt und, sorgsam in ein Kistchen verpackt, an Heinrich auf die Post gegeben; obenauf lag «in Brief von Anna, voll herzlichen Zuredens und voll ehrlicher Entrüstung. Als Antwort erhielt sie nach «ini^n Monaten ein Osterei von Zucker, aus welchem, da es sich öffnen ließ, eine goldene Vorstecknadel zum Vorschety kam; einige neckende Knittelverse, welche für die guten Lehren dankten, waren auf einem Papier- streifchen darumgewunden. .. Wenn die goldene Nadel ein Ertrag der eingcfädelten Geschäfte war, so blieb sie jedenfalls das einzige Zeichen, das davon nach Haus gelangte; in den spärlichen Briefen geschah derselben entweder gar nicht oder nur noch in allgemeinen Andeutungen Erwähnung. Die Zeit rückte weiter, und nach den Ostern Ivar letzt der Nachmittag des Pfingstfestes herangekommcn. Die Frauen befanden sich beide auf dem sonnigen Hausflur in emsiger Beschäftigung; Tante Brigitte hatte das Gardinenbrett des Ladenfensters vor sich auf dem Zahltisch liegen, bemüht, einen blütenweitzen Vorhang daran festzunageln; Anna, der eine Anzahl grüner Waldmeisterkränze über dem einen Arm hingen, suchte gegenüber an der frischgetünchten Wand nach Haken oder Nägeln, um daran den Festschmuck zu befestigen. Zwei der Kränze waren glücklich angebracht; bei dem dritten saß der Nagel doch zu hoch, als daß der ausgestreckte Arm des schlanken Mädchens ihn mit dem Kranz erreichen konnte. „Kind, Kind!" rief Tante Brigitte vom Ladeytisch herüber; „du wirst ja kochheiß, so hol' doch einen Schemel!" „Nein, Tante, es muß!" erwiderte Anna lachend und begann unter herzlichem Stöhnen ihre vergeblichen Anstrengungen zu erneuern. Plötzlich wurde die Haustür aufgerissen, daß das Läuten der Schells betäubend durch den Flur schallte; dazwischen rief eine jugendliche Männerstimme: „Mannshand oben!" und zugleich war mich der Kranz aus Annas aufgestreckier Hand genommen und hing im selben Augenblick oben an dem Nagel. Anna selbst sah sich in den Armen eines schönen Mannes mit gebräuntem Antlitz und stattlichem Backenbarte, dessen Kleidung den Großstädter nicht verkennen ließ. Aber schon hatte sie mit einer so kräftigen Bewegung ihn von sich gestoßen, daß er geradeswegs auf Tante Brigitte zuflog, die vor ihrem Gardinenbrett beide Hände über dem Kopf zusammenschlug. Da brach der Mißhandelte in ein lustiges Gelächter aus, das noch das Ausläuten der Türschelle übertönt«. „Heinrich, Heinrich! Du bist es!" riefen die Frauen aus einem Munde. „Nicht wahr, Tante Brigitte, das nennt man überraschen!" „Junge", sagte die Alte noch halb erzürnt; „in deinem modischen Rock steckt doch noch der alte Hans Dampf; wenn du dich ansagst, kann man sich zu Tode warten, und wenn du kommst, könnte man vor Schreck den Tod ba von haben." „Nun, nun, Tante Brigitte, ihr sollt mich auch bald genug schon wieder loswerden, unsereiner hat nicht lange Zeit zu feiern." „Ei, Heinrich", sagte die gut« Tante, indem sie ihn mit sichtlicher Zufriedenheit betrachtete, „so sollte es nicht gemeint sein! Was du gesund aussiehst, Junge! Nun aber hilf auch mir noch ein paar Augenblicke mit deiner hübschen Leibeslänge!" Mit einem Satz war Heinrich über den Ladentisch hinüber und stand gleich darauf auf der Fensterbank, das Gardinenbrett mit den daranhängenden weißen Fahnen in den Händen. Als kurz darauf ein gemessenes Läuten der Türschelle die Ankunft des bisher abwesenden Hausherrn anzeigts, saß Heinrich bereits wohlversorgt im Zimmer vor dem Kaffeetisch«, den aufhorchenden Frauen die Wunder der Großstadt und seiner eigenen Tätigkeit verkündend. Gleich darauf stand er dem Vater gegenüber, und dieser ergriff seine beiden Hände und sah ihm mit verhaltenem Atem in die Augen. „Mein Sohn! sagte er endlich; und Heinrich fühlte, wie aus dem Körper des alten Mannes ein Zittern in den seinen überging. Noch lange, als sie schon mit den anderen am Tische saßen, hingen so die Blicke des Vaters an des Sohnes Antlitz, während dessen bald wieder in Fluß gekommene Reden fast unverstanden an seinem Ohr vorübergingen. Heinrich schien ihm äußerlich fast ein Fremder; die Aehnlichkeit mit Juliane war zurückgetreten, er sagte sich das mit schmerzlicher Befriedigung; die Zeit seines Fortganges aus der Vaterstadt, obgleich nur wenige Jahre seitdem vergangen waren, lag jetzt weit dahinter. Ein freudiger Gedanke erfüllte plötzlich das Herz des Vaters; was auch da- >nals geschehen war, es war nur der Fehler eines in der Entwickelung begriffenen, noch knabenhaiten Jünglings, wofür die Verantwortlichkeit dem jetzt vor ihm sitzenden Manne N'cht mehr aufgebürdet werden konnte. Carsten faltete unwillkürlich seine Hände; als Annas Blicke sich zufällig auf ihn wandten, hörte auch sie nicht mehr auf Heinrichs Wunderding«: ihr alter Ohm saß da, als ob er betete. Später freilich, als Sohn und Vater sich allein gegenübersaßen, mußte Heinrich auch diesem Rede stehen. Er war jetzt auf einer Geschäftsreise für seine Firma; am zweiten Festtag schon mußte er weiter, dem Norden zu. Aus dem eleganten Taschenbuchs, das Heinrich hervorzog, wurde Carsten in manche Einzelheiten eingeweiht, und er nickte zufrieden, da er den Sohn in wohlgeordneter Tätigkeit erblickte. Weniger deutlich waren die Mitteilungen, die" Heinrich über seine auf eigene Hand betriebenen Geschäfte nrachte; er verstand es, über diese selbst mit leichter Andeutung fortzugehen und sich dagegen ausführlich über neue Unternehmungen auszulassen, die mit dem unzweifelhaften Gewinn der ersteren begonnen werden sollten. Carsten war in solchen Dingen nicht erfahren; aber wenn in Heinrichs wortreicher Darlegung die Bröselte immer höher stiegen und das Gold aus immer reicheren Quellen floß, dann war es ihm mitunter, als blickten vlötzlich wieder Julianens Züge aus des Sohnes Antlitz, und zugleich in Angst und Zärtlichkeit ergriff er dessen Hände, als könnte er ihn so auf festem Boden halten. Die Geschäfte, von denen Heinrich sich goldene Berge versprock>en hatte mußten doch einen anderen Erfolg gehabt haben. Kaum einen Rionwt nach seiner Abreise kamen Briefe aus Hamburg, von «hm selbst und auch von dritten, deren Inhalt Carsten den Frauen zu verbergen mutzte der ihn aber veranlaßte, sich bei seinem Gönner, dem sowohl im bürgerlichen als im peinlichen Rechte wohlerfahrenen, alten Bürgermeister eine ver- trauliche Besprechung zu erbitten. Und schon am nächsten Abend tm Rais- weinkeller raunte Herr Jaspers bei seinem Spitzglas Roten seinem Nachbar dem Stadtwaagemeister, zu: der alte Carstens — der Narr mit seinem liederlichen Jungen — es sei aus guter Quelle, baß er vormittag» mehrere seiner besten Hypothekoerschreibungen mit einer hübschen Draus, nabe gegen Bares umgesetzt habe. Der Stadtwaagemeister wußte schon noch mehr: das Geld, eine große Summe, war bereits am Nachmittage nach Hamburg auf die Post gegeben. Man kam überein, es müsse dort etwas geschehen ein, das rasche und unabweisbar« Hilfe erfordert habe. Hilfe!" wiederholte Herr Jaspers, mit den dünnen Lippen behaglich den Rest seines Roten schlürfend; „Hans Christian wollte auch der Ratze hei- fen und füllte kochend Wasser in die Kesselfalle!" , Jedenfalls, wenn eine Gefahr vorhanden gewesen war, so schien sie für diesmal abgewendet; selbst Herr Jaspers konnte nichts Weiteres er- kundschaften, und was an Gesprächen darüber in einer kleinen Stadt gesummt hatte, verstummte allmählich. Nur an Carsten zeigte sich von die- er Zeit an eine ausfallende Veränderung; feine noch immer hohe Gestalt schien plötzlich zusammengesunken, die ruhig« Sicherheit feines Wesens war wie ausgelöscht; während er das «ine Mal ersichtlich den Blicken der Menschen auszuweichen suchte, schien er andermal in ihnen fast ängstlich eine Zustimmung zu suchen, di« er sonst nur in sich selbst gefunden hatte. (Fortsetzung folgt.) , Dennoch, als sie am anderen Vormittage miteinander In der Kirche saßen, konnte er sich einer kleinen Genugtuung nicht erwehren, wenn über den Gesangbüchern In allen Bänken sich die Köpfe nach dem stattlichen jungen Mann herumwandten; ja, es war Ihm fast leid, daß heute nicht auch Herr Jaspers aus seinem gewohnten Stuhl herüber psalmodierte. Am Nachmittage, während drinnen Carsten und Brigitte ihr Schläfchen hielten, saßen Heinrich und Anna draußen auf der Bank unter dem Birnbäume. Auch sie hielten Mittagsruhe, nur daß die jungen Augen nicht zufielen wie die alten drinnen; zwar sprachen sie nicht, aber sie hörten auf den Sommergesang der Bienen, der tönend aus dem mit Blüten über« schneiten Baume zu ihnen herabklang. Bisweilen, und dann immer öfter, wandte Anna den Kops und betrachtete verstohlen das Gesicht ihres Iu- gendgespielen, der mit seinem Spazierstöckchen den Namen einer berühmten Kunstreiterin in den Sand schrieb. Sie konnte sich noch immer nicht zu rechtfinden; der bärtige Niann an ihrer Seite, dessen Stimme einen so ganz anderen Klang hatte, war das der Heinrich noch von ehedem? — Da flog ein Star vom Dach herab auf die Einfassung des Brunnens, blickte sie mit seinen blanken Augen an und begann mit geschwellter Kehle zu schnattern, als wollte er ins Gedächtnis rufen, wer dort statt feiner einst gesessen habe. Anna öffnete die Augen weit und blickte hinauf nach einem Stückchen blauen Himmels, das durch die Zweige des Baumes sichtbar war; sie fürchtete den Schatten, der drunten aus der Brun- nenecke in diesen goldenen Sommertag hineinzufallen drohte. Aber auch Heinrichs (Erinnerung war durch den gefchwätzigen Vogel geweckt worden; nur sahen (eine Augen keinerlei Schatten aus irgendeiner Ecke. „Was meinst du, Anna", sagte er, mit seinem Stöckchen nach dem Brunnen zeigend; „glaubst du, daß ich damals wirklich in das dumme Ding hineingesprimgen märe?" Sie erschrak fast über diese Worte. „Wenn ich es glauben müßte", erwidert« sie, „so wärest du jedenfalls nicht wert gewesen, daß ich dich davon zurückgerissen hätte." Heinrich lachte. „Ihr Frauen seid schlechte Rechenmeister! Dann hättest du mich ja ebenfalls nur sitzen lassen können!" „O Heinrich, sage lieber, daß so etwas nie — nie wieder geschehen könne!" Statt der Antwort zog er seine kostbar« golden« Uhr aus der Tasche und ließ diese und die Kett« vor chren Augen spielen. „Wir machen jetzt selbst Geschäfte", sagte er bann; „nur noch einige Monate weiter, ba werfe ich den Erben des Senators die paar lumpigen Taler vor die Füße; wollen sie's nicht aufheben, so mögen sie «s bleiben lassen; denn freilich, bezahlt muß so etwas werden." „Sie werden es schon nehmen, wenn du es bescheiden bietest", sagte Anna. „Bescheiden?" Er hatte sich vor ihr hingestellt und sah ihr ins Gesicht, das sie fitzend zu ihm erhoben hatte. „Nun, wenn du meinst", setzte er wie gedankenlos hinzu, während fein« Augen den Ausdruck aufmerksamer Betrachtung annahmen. „Weißt du wohl, Anna", rief er plötzlich, „daß du eigentlich ein verflucht hübsches Mädchen bist!" Di« Worte hatten so sehr den Ton unwillkürlicher Bewunderung, daß Anna fast verlegen wurde. „Du hast dir wohl andere Augen aus Hamburg mitgebracht", sagte sie. „Freilich, Anna; ich verstehe mich letzt darauf! Aber weißt du auch wohl, daß du nun bald bremndzwanzig Jahre alt bist! Warum hast du immer noch keinen Mann?" „Weil ich keinen wollte. Was sind bas für Fragen, Heinrich!" „Ich weiß wohl, was ich frage, Anna; heirate mich, bann bist du aus aller Verlegenheit." Sie fah ihn zornig an. „Das sind feine schönen Spähe!" „Und warum sollen es denn Späße fein?" erwiderte er und suchte ihr« Hand zu faffen. , , , - . .. Sie ridüete sich fast zu gleicher Höhe vor ihm auf. „Nimmer, Heinrich, nimmer." Und als sie diese Worte, heftig mit dem Kopfe schüttelnd, aus- gestoßen hatte, machte sie sich los und ging ins Haus Zurück; aber fte war blutrot dabei geworden bis in ihr blondes Stirnhaar hinauf. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.