SietzenerKmilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang MV Freitag, den^mäi Kummers 3m Zimmer. Von Manfred S t u r m a n n. Des Abends weicher Atem strömt herein, Von zauberhaften Lippen ausgehaucht. Mein Herz, jetzt darfst du gut und friedlich sein, Jetzt ist die letzte Kümmernis verraucht. Das Zimmer wächst zu ungemessnem Raum, Und das Gewölbe Dunkelheit verspinnt In Grenzenloses deinen wachen Traum, Indes, ein toter Tropfen, Zeit verrinnt. Und plötzlich kommt an dich ein kalter Zug, Di« Straße weckt dich, und ein Licht flammt auf. Ein Kind weint irgendwo im Schlaf, es trug Sein müdes Aengften jäh zu dir herauf. Und durch das Fenster sieht die Nacht herein, Sie ist ein blaues Meer, so still, so tief... Du möchtest gern bei jenem Kinde sein, Das schlafend weinte und dich zu sich rief. bei die er Der Pfarrer Rerrier. Von Wilhelm Schäfer. Das mochte wohl ein Urteil sein: Sie traten die Bittsahrt an Dunst und Sonne, doch fiel beim Rückweg ein Sturm und ein Gewitter vem Kühkopf so furchtbar in das Rheintal, wo der Wein schon in der ersten Stäub« stand, daß sie wie nasse Mäuse — so klebten die Kleider an den Beinen — durch geschwollene Bäche, an den Ruinen von Stolzen- sclz hinab das Dorf erreichten. Und wie sie bei den ersten Häusern auseinanderlaufen wollten, die schönste Blüte war verwaschen und es sah nach wochenlangem Regen aus, da konnte der Pfarrer Reuter seinen Zorn nicht bei sich behalten und drohte mit der Faust und schrie sie an: Da hat er Reen! Pflanzt Killl Freßt Kappes! der Wein is — Das war nun kein besonderer Ort, an dem sich der Wein nach einer rheinischen Redensart befinden sollte, und unpassend war es von einem Priester im Ornat, ihn namentlich zu nennen. Es duftete ein Gerücht auch bald den Rhein hinunter, so übel an den Wirtsbänken von Koblenz sich verbreitend, daß dem Pfarrer eine Ladung vor ein erzbischöfliches Konsistorium davon wiederkam. Das wäre einem anderen schlimm gerne» Kn; der Reute meinte, indem er mit dem Papier in Händen durchs Fen- Mr in den Regen sah: das Konsistorium könnte den Wein auch nicht wieder herausholen. Er machte bei dem Fährmann die Stunde der Ab- lahrt aus und ging nach einem guten Trunk zu Bett mit dem Gewissen, oag auch im Weinberg des Herrn mit sanften Reden nichts geschaffen wird, besonders wenn er steinigt ist wie bei Kapellen. , lag in der Nacht noch wach, mit offenen Augen dem Regen laufend, der draußen in Tonnen und Traufen seine Arbeit hatte, als es N" war, wie wenn sich einer ums Haus hinschleiche. Er hörte weinen, auf und fand da einen Jungen von zwölf Jahren, der n x schwarzen Nacht die Tür und auch den Mut zu klopfen nicht hatte «Ä ^nnen. Der kam aus Waldesch, das zur Gemeinde des Pfarrers , und war so naß wie schmutzig, denn von dem armen Huns» U sum Stolzenfels, das geht zwei Stunden weit und dreihundert (ins ^ur<$ **en Wald hinunter auf Wegen, die noch heute beschwerlich nn* ■ kamats halsbrecherisch zu gehen waren. Da sollte der Pfarrer [J?ln der Nacht hinauf; denn mit dem Vater von dem Jungen, einem b mnlen, schwarzen Kerl, war etwas passiert: Er hatte — beim Wll- der Pfarrer merkte — einen Sturz getan, und wollte nun &h.l„LuU?incn Leib als für die Seele Hilfe haben, weil er sich eine n9 Schrot hineingeschossen hatte. Da hieß es, schwere Stiefel und Der große Schinkel hatte den Stolzenfels noch nicht im mittelalterlichen Stil verbaut, so daß man von Kapellen noch nicht mit Eseln in den Schloßhof ritt, da lebte dort und war mit seinen Späßen weithin am Rhein bekannt der Pfarrer Johann Georg Reuter. Dem lagen einmal die Bauern der Gemeinde mit einem Regenbittgang in den Ohren. Nun war die Trockenheit zwar so, daß auf den Wegen der Staub wie Mehl geschüttet war; doch hätte der Pfarrer gern der Winzer wegen die Traubenblüte abgewartet. Drum predigte er fo lange christliche Geduld, bis die Bauern keine mehr hatten, sich vor der Kirche zusammentaten und ohne ihn gegangen wären, wenn er nicht schimpfend auf ihren Unverstand Führung übernommen hätte: Weil hoffentlich der Herrgott — wie sagte — von Traubenblüte mehr verstände als vom Vieh. einen Mantel antun und wie ein Doktor sich mit dem Pflasterkasten rüsten, und dann am Stolzenfels hinauf durch den Wald und Regen, über Wurzeln, Steine und durch Bäche mühsam im schwankenden Laternenlicht zur Höhe stampfen. Doch saß dem Reuter sein freches Maul an einem Kerl, den nichts verdrießlich machen konnte, und den die Mühsal seiner Werkeltage versöhnte mit dem Sonntagskram. Als er den Kerl naß und verdreckt auf seiner Streu da liegen hatte — es war so schlimm nicht wie er dachte, nur ein mit Schrot zerschossenes Bein; und mehr die Angst, daß sie ihn fassen würden, hatte den Mann vermocht ihn noch zu rufen: da wusch der Reuter ihm tüchtig seine Löcher aus und band sie zu mit Oel und Leinwand; und wusch ihm auch den Kopf, daß er, ein großer, starker Kerl, den armen Tieren mit dem Gewehr so hinterlistig nach dem Leben trachte. Und plante im geheimen manches, wo er ihn wohl verstecken könnte noch in der Nacht, daß ihn die guten Nachbarn nicht verrieten mit Geschwätz. Und weils in jeder Hütte, mehr noch hier oben im Walde verdächtig war — er glaubte gar nicht an den Sturz und fragte ihn erst tüchtig durch, ob er den Schuß des Försters nicht erwidert und mehr auf seiner Seele als im Schenkel hätte, vielleicht gar einen Mord — und weil er als ein Mann von fünfzig Jahren keinem traute, nur sich selber: ließ er den Jungen die Laterne wieder nehmen und leitete den Mann mit seinem Bein, recht wie ein Jüngling seine Liebste mehr trägt als führt, mit sich nach Haus: Er habe da im Schuppen viel Holz, im Sitzen gut zu spalten; auch fürchte er sich in der Nacht allein zum Stolzenfels hinunter. Und gab der Frau genau Bescheid, und tappte sich so durch mit seinem Kerl, und schleifte ihn und ließ ihn rutschen an den schlimmsten Stelen und trug ihn von dem letzten Abhang auf dem Rücken wie ein Kalb und kam noch vor der Dämmerung — das frühe Licht drang erst spät durch den Regen — im Pfarrhaus an und machte ihm im Schuppen aus Heu die Lagerstatt zurecht und ließ ihn trinken gegens Fieber, und kam so endlich mit dem ersten Sonnenrot, das durch die Nässe brach, ins Bett. Und war rechtschaffen müde und wollte wie ein guter Christ, die Hände auf der Brust gefaltet, gerade schlafen: als ihm das Konsistorium einfiel, und daß der Fährmann anderer Passanten wegen, und weil auch Markt in Koblenz war, schon in der Frühe fahren wollte... Er kannte sich als einen Schläfer, der kein kleines Stück anfängt zu weben, stand also wieder auf und machte sich zu tun mit seiner Morgensuppe — weil er doch keine Dienstmagd hatte — und kam zwar müde, doch nicht verschlafen wie die anderen, im letzten Regen an das Ufer, nach der Gewohnheit gleich mit zwanzig Spässen, die diesmal auf den Wein und auf das Wetter gingen. Es sollte abgefahren werden, als ihm der Junge beifiel, daß der heimgehen und ihm den Alten verlassen könnte; so sprang er noch einmal hinauf, trotzdem der Fährmann maulte, weckte den müden kleinen Kerl, und kam noch eben mit der letzten Geduld des Fährmannes an. Sie fuhren nicht allzu weit am Ufer hin; es war auch Weibervolk mit Körben in dem Kahn, und an der Königsbach gerade ein Gespräch im Gang von Labans, biblischem Töchterhandel: da tat der Christian Noll, ein Kerl, schon grau, mit einem Klumpfuß, und Müller auf der Schlucht bei Rhens«, einen Fluch nach einem Wagen, der auf der Straße mit einem anderen festgefahren war, und um den sein Knecht sich mit kurfürstlichen Soldaten heftig stritt. Der Fährmann wollte nicht, doch ließ der Noll nicht ab und auch der Pfarrer stand ihm bei, bis er, zwar räsonierend, ans Ufer hielt. Da war nun das Geschrei im Gang; der Weg zu schmal und durch den Regen bis an die Felsen aufgeweicht: so hatten sich die Wagen ineinander verfahren, wie sich zwei Hunde verbeißen. Und weil bei dem einen kurfürstliche Soldaten waren und noch dazu ein Mensch darin mit einer Mappe, der sich die Schuhe nicht schmutzig machen wollte, obwohl sie ihm die Pferde schon hinten an den Wagen fp'annten, ihn rückwärts loszubringen: so wäre der Müllerknecht mit Säbeln längst verschlagen worden, wenn er nicht ein baumstarker Kerl gewesen wäre, der den Knechten von der Obrigkeit mehr antwortete als sie fragten, und lange schon gern mit feiner Peitsche dreingehauen hätte. Der Reuter wäre mit den anderen im Kahn geblieben; doch sah er kaum einen Försterburschen bei den Soldaten, als er auch schon an dem Müller Noll vorbei mit wenigen Sprüngen die Böschung nahm. Er dachte, sie möchten nach Waldesch wollen, wo sie so früh noch nichts zu suchen hatten; und weil ihm selten etwas «infiel ohne Hand und Füße, so raffte er die Deichsel hoch, indem die anderen an den Zügeln mit Schreien und mit Peitschen die Pferde trieben, wie wenn er fürchte, daß sie dabei zerbrochen würde; und tat sehr eifrig und schleppte sie nach vorn, so daß ganz unbemerkt der Eifenbolzen, womit sie festgesteckt war, in eine Pfütze fiel. Er klopfte den Gäulen, die verschnaufend standen, auf die Hälse, grüßte den grünen Herrn im Wagen und wollt« eilig in das Boot zurück. Da war der Fährmann ihm aus Schabernack, vielleicht auch von den Weibern gedrängt, davongefahren und trieb, weil hier die Strömung heftig war, schon weiter hinunter. Darüber hätte der Reuter gerne geflucht, wenn's ihm als einem Pfarrer mehr darum zu tun gewesen «väre, den Aerger auszuschreien, als in der Hoffnung ihn anzuhalten. Sah noch einmal nach den Gäulen, — die ihre Wagen nicht auseinander brachten, auch schien es, daß ein Rad zerbrochen war, nicht von dem Müller — und machte sich daran, den Weg zu laufen. Nun war die Straße damals noch nicht französisch und also schlecht im Stand; und weil er eilig war, so rutschte er einmal und trat ins gelbe Wasser der tiefen Räderspuren und war verdreckt mit Lehm bis in die Haare, als er, den Hut nach der Gewohnheit in der Hand, endlich ans Löhrtor kam. Da spielte ihm sein Mißgeschick den letzten Streich, indem der Wachthabende ein kluger Knaster und zum erstenmal auf diesem Posten war. Dem schien ein Pfarrer, fo mit Lehm beschmiert, verdächtig; und weils dem Reuter nicht gegeben war, breitspurig stillzuhalten, wozu ihm diesmal auch die Zeit mangelte, saß er nach einigen spaßigen Redensarten, die den Knaster grimmig ärgerten, in der Wachtstube fest verwahrt. Er muhte ein paar Stunden dem Kartenspiel zusehen und wäre von da noch tiefer in die Mauern des Gerichts geraten, wenn er nicht auf der Hauptwache fein Papier hätte vorzeigen können, wonach er als Pfarrer Reuter vors erzbischöfliche Konsistorium geladen war; um 9 Uhr, es war aber schon halb elf. So gab man ihm einen Soldaten an die Hand, der ihn gegen elf Uhr ins Konsistorium einlieferte, wo ihn sein Mißgeschick sogleich verließ. Denn weil die Herrn nichts mehr zu rüffeln, auch sonst nichts mehr zu regieren hatten, so war die Tagesordnung zu einer Flasche Wein gegangen und stand bereits der fünfte Punkt erledigt auf dem Tisch, auch dampfte es wie in der Schmiede, als der Soldat den Reuter in das Zimmer ließ. Da hätten sie nun nach dem Tatbestand und nach beliebter Weise Grund gehabt, der wachhabenden Behörde, die ihnen ihren Delinquenten so lange vorenthalten hatte, in einem scharfgesaßten Protokoll zu remonstrieren. Doch weil der Wein das seine tat, auch alle noch in einem stillen Gelächter waren über einen noch stilleren Witz, so ließ der Vorsitzende gnädiger Weise den Soldaten gehen und gab dem Reuter seinen Rüffel; mochte aber in seinem mit Weindunst arg beschwerten Kopf einen Gedanken haben, daß diese Abfertigung noch eine Folge finden müsse, und wies ihm einen Stuhl. Da saß der Reuter, derweil sie tranken und blaue Wolken um ihn qualmten, und hing fast ineinander vor Müdigkeit und hatte von dem Laufen einen Durst wie nie im Leben, und dachte an seine Irrfahrt in der Nacht, und wie die Herrn ihn zu richten sich fett und witzig blähten beim Wein. Und war so recht wie eine Batterie voll Zorn geladen, als einer von den Vieren, ein dürrer Kerl, schon grau mit aufgeschnippter Nase, ihn gähnend fragte, indefsen er di« Seine unterm Tisch ausstreckte, gleichsam wie wenn der Reuter es noch besonders verdienen müsse, solcher Gesellschaft beizusitzen: Was gibt es Neues in Kapellen? Was soll ein armes Dorf für Neuigkeiten machen! sagte der Reuter, und wie das geht, schoß ihm der Gedanke an Waldesch und vieles andere durch den Kopf; bis da mit einemmal — der Vorsitzende goß die Gläser voll, und er saß immer noch im Durst dabei — ein Licht boshafter Art aufging: Ebbes neues gibt es doch, fing er bescheiden an, und als sie ihre Köpfe herablassend nach ihm drehten, kniff er die dicken braunen Augen ein wenig zu: Fünf Kälber hat dem Noll seine Kuh geworfen! Fünf Kälber? Macht bei Sach! ermahnte ihn der Dürre, der mit der Diehwirtschaft vertrauter schien: Eine Kuh hat nur vier Strich. Was soll das fünfte machen, wenn die anderen trinken? So wurde die Sachs den Herrn der geistlichen Regierung wichtig; der Vorsitzende drehte sich förmlich mit seinem Stuhl nach ihm herum, vorsorglich noch das Weinglas greifend. Da beugte sich der Reuter weit vor, indem er sich vertraulich flüsternd mit einer drastischen Handbewegung ins Konsistorium einschob, sein Geheimnis preiszugeben, und hatte ein verschmitztes Bouernlachen um den breiten Mund: Et sitzt dabei, wie ich. Frühling -'n Achen. Von unserem H. T.-Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! • Athen, Mai 1930. Auch das ist ein Naturgesetz: jedesmal/ wenn daheim im kalten Norden die Knospen zu springen beginnen, knallen „bei uns in Südosteuropa" die Büchsen und die Handgranaten, kriecht der Komitadschi, vom Eise befreit, hervor aus seinem Schlupfwinkel, steigt der Räuber vom ungastlichen Olymp hernieder in die wärmenden Gefilde, setzen die Demarchen 6er für „Ruhe und Ordnung auf dem Balkan" verantwortlichen Weltpolizei ein und über ein Kleines, dann werden die Wetterpropheten wieder „Wolken über Albanien", „Krisenluft in Belgrad" und allerlei andere atmosphärische Strömungen in Sofia, Bukarest und anderswo sorgenvoll zu registrieren haben. Das ist im Frühjahr immer so gewesen, das ist heute so und das wird immer so bleiben, denn das ist Balkanfrühling... Auch in A t h e n hat der Lenz nun endlich! endlich! — Gott sei gepriesen! — seinen Einzug gehalten und den regenschweren, melancholisch und trübsinnig stimmenden Winter abgelöst, jenen Winter, in dem die Temperatur eigentlich nie unter Null Grad zu sinken pflegt, dessen feuchte Kühle aber merkwürdigerweise gerade für den Nordländer schwerer zu ertragen ist als krachender, knackender Frost. Das alles ist nun vergessen, die behelfsmäßigen, eisernen Kanonenöfen sind wieder abmontiert, die Kamine frisch gekalkt und ihrer dekorativen Bestimmung wieder zugeführt, die Kohlenbecken in der Rumpelkammer verstaut und jung und alt ..blickt wieder hoffnungsfroh in der Zukunft hoffnungsvolle Ferne". Nur die Händler- und Hotelwelt ist sorgenvoll gestimmt, denn die Zeiten sind schlecht und die obligaten „ersten Frühlingsboten", die raff- ,zahnigen, knochigen, stelzbeinigen Engländerinnen wandern, den roten Baedeker in der Hand, immer noch in recht spärlicher Anzahl die Athener Friedrichstraße — sprich Stadionstraße, genauer „Steedjen-Striet" auf und nieder. Sie sind heuer merkwürdig spät gekommen, und ihre Geldtaschen sind zugeknöpfter denn je — das Geld! Das Geld! Das alte Selben! Selbst in old England scheint nicht mehr alles so zu sein wie früherl Deswegen wird die Werbung verdoppelt, und wenn man diese Athener Pracht- und Renommierstraße durchschlendert, könnte man glauben, sich in einem einzigen riesenhaften Musiksalon zu befinden: alle Türen der Geschäfte sind weit geöffnet und überall am Eingang ein Radio- oder Grammophonapparat aufgebaut, Maschinen, die unermüdlich die schmetterndsten Märsche oder die gellendsten Arien von sich geben. Kopf an Kopf drängt sich davor die mit Musik nicht gerade sehr verwöhnte Masse, andächtig lauschend ... aber hinein? Hinein lenken nur wenige den Schritt. Denn die allgemeine Lage ist „kritikos", kritisch, und die „Krisis" regiert auch im Ursprunglande dieses gutdeutsch gewordenen Wortes Ort und Stunde... Trotzdem: es ist Frühling geworden! Kein Zweifel! Die Verkehrs, fchutzleute haben sich blütenweiße Handschuhe angezogen und den Mantel zu Hause gelassen, und am Abend ziehen sie sich — sehr praktisch! — über die Aermel, bis zu den Achseln reichend, weiße „Armschützer" wie Bureauärmel — es sieht von weitem aus, als hätten sie bis zu den Schultern in ein Mehlfaß gefaßt. Aber: das ist eben der Vorteil: ... schon auf hundert Meter erkennt man ihre Winksignale, diese weißen Arme ersetzen einen ganzen kompliziert beleuchteten Verkehrsturm. Auch die „Euzonen", das Leibgardebataillon, hat Kostümwechsel vor» genommen: sie haben die langen blauen, enganliegenden Gehrock-Ueber- röcke in den Schrank gehängt und sind dafür wieder in ihre weißen Ballettröcke getaucht — von denen ein einziger 64 laufende Meter Leinewand erfordert!! Ein solcher „Euzone" füllt mit seinem abstehenden Plisse-Rock mit Leichtigkeit Vorder- und Hinterperron eines Trambahnwagens aus! Bisher bestand die Truppe nur aus 50 Mann, die den Wachtdienst vor den verschiedenen Ministerien und Präsidentenwohnungen versahen, wo sie, unter einem riesengroßen Sonnenschirm stehend, sich bereitwilligst von den „Xenoi" in allen gewünschten Stellungen bewundern und photographieren ließen. Jetzt — anläßlich der Jahrhundertfeiern hat man ein ganzes Bataillon von 500 Mann formiert, das ausschließlich nur repräsentativen und Paradezwecken dienen soll. Denn zu etwas anderem sind diese Männer ja auch nicht zu gebrauchen. Felddienstübungen in der Krinoline? Nicht gut möglich! Mir auch vollkommen rätselhaft, wie diese Krieger überhaupt sitzen können! Hinreißend schön sehen die Offiziere aus, an denen alles „echt" ist: die ledernen, schwer mit Gold bestickten Mokassins und Gamaschen, die breite, dicke, goldene Bauchbinde mit den altertümlichen, silder- und goldbeschlagenen Pistolen darin, das breite türkisch-albanische Krummschwert an der Seite, bas schöne Mieder, die blausamtenen, silbergestickten wehenden Engels- slügel auf dem Rücken, der rote Fez mit den langen, blauen Troddeln... einmal in diesem Auszug die Linden „rauf und runter", und der Asphalt ist mit geknickten Mädchenherzen bedeckt. Die fünfhundert Euzonen brauchen allein für ihre erste Garnitur 32 000 Meter Stoss — und dabei behauptet der Staat immer, er habe kein Geld! An sich richtig — aber dieses Geld für diese recht überflüssige Luxustruppe bringen ja nicht die verschiedenen Achillesse und Themistoklesse, sondern Herr Müller, Herr Schulze und die anSeren auf, sintemalen Deutschland auf Grund des Poungplanes an Griechenland runde 500 Millionen Goldmark zu zahlen hat..’. Dafür kann man sich schon einen Uniform- und Kleiderluxus erlauben, der jede Modekönigin vor Neid erblassen läßt... Doch ... lassen wir das Nörgeln ... es springt nichts dabei heraus... am allerwenigsten im Frühling, im griechischen Frühling, der den Menschen so faul und müde und glücklich macht! Stundenlang könnte man, sich sonnend wie eine Katze, vor den zahllosen Kaffeehäusern sitzen und bei schillernden Fruchttees und kühlen Limonaden in den blauen Himmel starren. Genf, ... Indien, ... Türkeiftagen, wie ist das alles doch |o unendlich witzlos... Im „Königlichen Garten" und in den Parks blühen die schönsten Blumen der Welt, leuchten aus tiefdunklem Grün wie gelbe Ampeln die „frei und wild" wachsenden Apfelsinen ... Tausende von Kindern, aber feins, das sie pflückt. Auch das ist merkwürdig. In langen Reihen fitzen auf den Bänken die deutschen Kindermädchen in ihren englischen Nurse-Trachten, und wenn man sich, den Eingeborenen markierend, mit einer Zeitung daneben setzt, dann bekommt man unfreiwillig die „schönsten Geschichten" zu hören. Immer der gleiche Refrain: „Wie man sich doch Griechenland so ganz anders und so viel schöner und so viel besser vorgestellt habe! Und daß Deutschland trotz allem und allem... zu beneiden sind sie nicht, diese kleinen, blonden deutschen Mädchen. Doch das ist ein anderes Lied und kein erfreuliches... Auch vor dem „Zappeion", jenem Tempelbau, den man — sit venia verbo — als „Ausstellungshalle am Zoo" bezeichnen könnte — hat man die Stühle herausgestellt. Hier vor diesem Marmorbau, den zwei reiche ägyptische Griechen ihrer Vaterstadt gestiftet, trifft sich abends tout Athen, hier fließt im Winter — das heißt, im Frühjahr stellt er feinen Beine» ein — der berühmte Jlistus vorbei, ein Rinnsal, an dessen Ufern,'m«, vor dem Zappeion, einst Sokrates, der schrecklichen Tantippe eniron« neu, im Grase zu liegen pflegte, um mit feinen Freunden über die tiefsten Probleme zu philosophieren. Hier singen genau wie vor 2000 Jahren iw Nachtigallen, nur die Philosophen sind selten geworden in Athen, um dort, wo Sokrates einst Ewigkeitswerte schuf, werden auf rasch zustm- mengeschlagenen Freilichtbühnen französische Salonstücke serviert... Von diesem Zappeion aus hak man den schönsten Blick auf die hoch' ragende Akropolis, und hier hat sich jene köstliche Geschichte ereignet,' deren Mittelpunkt zwei deutsche Hellas-Pilger standen, diet® Land der Griechen mit allem anderen, nur nicht mit der Seele suchte > Stundenlang hatten sie hier angesichts der Akropolis gehockt, einen saif nach dem anderen geschlürft und sich die wärmende, dösig machende tftv lingsfonrte auf den Schädel scheinen lasten. Bis urplötzlich der eine, seinem „Kes" erwachend, den Genossen fragte: „Du Franz, kucke mm, ohm'ne, was is denn das eejentlich for ne alte Burch?"... w ! So etwas pflegt man — glaube ich — den „natürlichen ■*»!» deutschen Mannes" zu nennen.,, I Aber lange wird es nicht mehr dauern, daß man von diesem Zap- peion aus die ewige Burg bei Eis und Schokolade bewundern kann ... irgendein tüchtiger Unternehmer ist gerade dabei, genau in der Blickrichtung, den steigenden Grundstückpreisen Folge leistend, ein Hochhaus zu errichten, das entschieden reizvoller werden dürste, als die „alten Steine" auf der „alten Burch"... Und im übrigen steht der heurige Frühling im Zeichen der Jahrhundertfeiern, aber in die Feste will kein richtiger Schwung, kein „Schmiß" kommen: die wirtschaftliche Lage ist ernst, kein Mensch hat Geld und alle haben dringendere Sorgen, als die Schemen der Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken. Der große Fremdenzustrom, auf den man gerechnet hat, ist ausgeblieben und die verschiedenen Kongreßmitglieder leben auf Staats- und nicht auf eigene Kosten. Zur Zeit tagen die „Internationalen Seelenforscher", und alle Tageszeitungen sind mit okkultistischen Schauergeschichten angefüllt; die internationalen Zahnärzte tauschen ebenfalls ihre Erfahrungen mit noch schauerlicheren Einzelheiten aus; es finden Theateraufführungen in Eleufis und im antiken Herodes- iAttikus-Theater statt, ein paar Konzerte — alles gut gemeint, aber die Waffe macht nicht mit... auch der Athener beginnt gleichgültig zu werden im Frühjahr, um langsam in die sommerliche Apathie hinüberzu- dämmern, in jenen glutheißen Sommer, der den Frühling allzu schnell über Nacht ablöst. Den seltsamen „griechischen Frühling", den die Dichter aller Zeiten besungen haben und den doch nur der versteht und genießt, der nichts zu tun hat... das ist der Weisheit letzter Schluß! Fahrendes Volk in der Literatur. Von Peter Bauer. Der Zirkus mit seiner Welt des Romantischen, Zigeunerhaften, wozu in der modernen Völker- und Raubtierschau noch der Zauber des Exotischen, der erregende Reiz, gezähmte Bestien der Wildnis in der Manege zu bestaunen, hinzukommen, diese Welt der Wanderkünstler mit ihren ausgeprägten Typen des Kunstreiters, Seilkünstlers, Spaßmachers, Dompteurs u.a. ist weit weniger von Dichtern und Schriftstellern dargestellt worden, als man es meinen sollte. G o e t h e schildert in seinem „W ilhelm M e i st e r" mit packender Anschaulichkeit die Kunstfertigkeiten einer Seiltänzertruppe, unter der besonders ein junger Bursche und ein schlankes Mädchen, „Narziß und Landrinette", in buntem Flitterstaat mit ihren tollen Sprüngen und absonderlichen Posituren Gefallen finden. Der Liebling des Publikums aber ist die reizvolle Gestalt des Zigeunermädchens, Mignon, das mit verbundenen Augen zum Spiel einer Violine einen schwierigen Eiertanz vsllführt, von dem der Dichter folgende begeisterte Darstellung gibt: „Behende, leicht, rasch, genau führte sie den Tanz. Mignon trat so scharf und sicher zwischen die Eierlinien, bei den Eiern nieder, daß man jeden Augenblick dachte, sie müsse eines zertreten oder bei schnellen Wendungen das sichere fortschleudern. Mit nichten! Sie berührte keines, ob sie gleich mit allen Arten von Schritten, engen und weiten, ja sogar mit Sprüngen und zuletzt halb knieend sich zwischen die Eierreihen durchwand. Unaufhaltsam wie ein Uhrwerk lief sie ihren Weg, streng, scharf, trocken, heftig und in sanften Stellungen, mehr feierlich als angenehm, zeigte sie sich — mit einem schrillen Klang der Violine beendete Mignon ihren Fandango..." An einer anderen Stelle gibt er seiner Bewunderung Ausdruck über die Wirkung, die diese Artistik auf das Volk ausübt. Er läßt Wilhelm Meister sagen: „Wie schön wäre es doch, wie herrlich für dis Menschheit, wenn geistige Höhe und schöpferische Kraft nur ein Teilchen jener Begierde, jenes Zusammenstimmens und jener atemlosen Hast erregen könnten, wie Geschicklichkeit im Lustigen und in der Bewegung des Körpers." Eine Kunstreiterin hat F r e i l i g r a t h in feinen zwei, „Land- rinett e" betitelten Gedichten besungen, die damals berühmte Virginie Kenebel. Ein paar Zeilen mögen das entzückte Gemüt des Dichters bezeugen: „Und über allen sie, die kleine Fee Des über Nacht entstand'nen Märchens! — Seh' Ich sie nicht heute noch, jetzt tätschelnd Ihr schnaubend Tier, jetzt mit holdsel'gem Gruß Die Bahn durchsprengend, jetzt den kleinen Fuß Der Kreide bietend, immer lächelnd! Der Meteor aus unserer Knabenzeit! Es war uns wahrlich kein geringes Leid, Als du uns schiedest, Landrinette!" Den „klassischen Roman des fahrenden Volkes" Hai der schlesische Achter Karl von Holtet geschrieben. In dem 1851 erschienenen Werk »Aagabunden" ist die bunte Welt der Artisten und Gaukler meisteret geschildert. Es sind alles „rechtschaffene Vagabunden, tapfere Land- Micher", treuherzige, frohgemute Vertreter dieser wackeren Zunst der Fahrenden. Der Taschenspieler und Bauchredner Charles, Madame Mollia wt ihrer Tierbude, Jeantet mit seinen dressierten Singvögeln, Advinent 'M seinen Schlangen, Storniert mit seinen Wachsfiguren, Baldavi mit i‘iMent Asfenzirkus, Schrarnprl, der Riese a. D., der mit Zwergen reift nicht zuletzt Anton Hahn, der Korbmachergehilfe und Held des Buches, °er°in tüchtiger Zirkusreiter wird. rc- An Sachkenntnis und Einfühlungsvermögen, an Verständnis für alle s->nzecheiten und Kraft der Schilderung wird Holteis Buch nur noch von r;m •''Oman des Franzosen Edmond de Goncourt „Die Brüder jx.c ni Sann o" erreicht, der das Schicksal der Gymnastiker und Clowns i, siud Nello Bescape schildert. Wer schon einmal Gelegenheit Irun E, Artisten zusammenzusitzen oder gar einem kleinen Fest einer IW?» e*ton einer Geburtstagsfeier, beizuwohnen, der wird Goncourts coKk rü® .bestätigt finden, wenn er z. B. das Leben in einem Artiften- „reibt: „Was mag wohl der Grund dieses schweigsamen, fast cholisch«n Wesens fein, das den meisten diesem Berufe Angehörenden eignet? Ist es die körperliche Anspannung oder das Bewußtsein der Todesgefahr, der sie sich täglich aussetzen? Rein! Wenn diese Leute nicht mehr im Banne der furchtbaren Erregung während der Arbeit stehen, dann denken sie, daß sie ihrer Körperkräfte, von welchen sie leben, durch Krankheit, einen Rheumatismus, durch irgendeine Störung der physische« Maschine vielleicht mit einem Male verlustig gehen könnten, und sie überdenken es — es ist ihre fixe Idee —, daß die Jugendkraft ihrer Muskeln und Nerven einmal ihr Ende erreichen muß und daß lange vielleicht, ehe sie sterben werden, der gealterte Körper den schwierigen Exerzitien nicht mehr gewachsen sein wird..." Bekannter als Goncourts Werk sind die Romane „Der Kunsts r e i t e r" von Friedrich Gerstäcker und „A n c a" von A. v. Perfols beide aus dem Zirkusleben. Auch Fedor v. Zabeltitz' Novelle „Sie Tierbändigerin" und Hermann Bangs Novelle „Fraislli B e d i n i" entstammen diesem Milieu. Bühnenstücke, die sich mit Zirkusartisten beschäftigen, gibt es noch weniger. Schöuthans Komödie „Z i r k u s l e u t e" hatte wenig Er-, folg. Auch Carl Hauptmanns burleske Tragödie „Tobias Sunt» f ch u h", die zwar ein anderes Problem gestaltet, aber einige gute Zirkus- szenen bringt, fand wenig Anklang. Am besten hat Carl Zuckmayer in seinem Seiltänzerstück „Katharina Knie" die Welt der Fahrenden auf die Bretter gebannt. Eigentlich Leute vom Fach haben bis jetzt kaum zur Feder gegriffen. Denn die meisten Artisten sprechen oder radebrechen wohl eine Reihe von Sprachen, schreiben sie aber nicht. Dennoch gibt es ein glänzend geschriebenes Buch, das wie eine Autobiographie anmutet, „Das Leben dreier Clown s", das der Pariser Schriftsteller Pierre Ma riet nach Erinnerungen der berühmten Brüder Fratellini, der besten Clowns der Welt, aufzeichnete. Hans Heinz Ewers hat dem Buch die Einleitung geschrieben, an deren Schluß dieses starke Bekenntnis zmn Zirkus steht: „Film, Grammophon und Radio haben in denkbar kürzester Frist alle echte Kunst, ganz besonders aber die darstellende, zu einem solchen Verfall gebracht — und das überall auf der Erde —, daß man unendlich dankbar sein muh, in irgendeinem Winkel noch ein wenig ganz stilreine Kunst zu finden. Es ist sehr charakteristisch für unsere Zeit, daß man zu diesem Zweck in einen Zirkus gehen muß, um sich dort drei Clowns anzusehen!" Sehr interessante Einzelheiten aus dem Zirkusleben verdanken mir K. A. Vollrath, dem ehemaligen Pressechef des Zirkus Sarrasani, fa seinem Buche „La Plata Zick-Zack", der Momente und Bilder aus der südamerikanischen Fahrt Sarrasanis schildert und A. H. Kober, dem derzeitigen Pressechef des gleichen Zirkus, der in seinem Buch „Sie große Nummer" Geschichten und Schicksale berühmter Zirkus- und Varietenummern erzählt. Ein leidenschaftlicher Freund des Zirkus, Frank Wedekind, schrieb einen begeisterten Essay „Im Zirkus", in dem er seine Bewunderung für die Manegenschauspicle und -künste mit folgenden Worten bekennt: „So oft ich das hohe, luftige, leichtgefügte Gebäude betrete, Überläuft mich ein eigener Wonneschauer. Es ist die festliche Luft, die mich hier umweht, das Prächtige, Großartige und in feiner Art doch so unsagbar Kindliche... In höchster Vervollkommnung, befreit von den beengenden Schranken der Gesetze, bäumt sich der junge arabische Schimmelhengst im Zentrum der Arena mächtig vor unseren Augen empor und bietet dem Aesthetiker einen Hochgenuß, wie er ihm großartiger nur in der Magie hinnnel- anstrebender Berge, wie er ihm feiner, durchgeistigter nur in den Linien des menschlichen Körpers entgegentritt..." Oie schwarze Spinne. Erzählung von Jeremias G o t t h e l f. (Fortsetzung.) „Mir gefällt das Haus ganz ausnehmend wohl", sagte eine der Frauen. „Wir sollten auch schon lange ein neues Haus haben, aber tote scheuen immer die Kosten. Sobald mein Mann aber kommt, muß er diese« recht besehen, es dünkt mich, wenn wir so eins haben könnten, ich wäre im Himmel. Aber fragen möchte ich doch, nehmt es nicht für ungut, warum da gleich neben dem ersten Fenster der wüste, schwarze Fensterposte» (Byftel) ist, der steht dem ganzen Hause übet an." Der Großvater machte ein bedenkliches Gesicht, zog noch härter an feiner Pfeife und sagte endlich: Es hätte an Holz gefehlt beim Ausrichten, kein anderes sei gleich bei der Hand gewesen, da habe man in Not und Eile einiges vom alten Hause genommen. „Aber", sagte die Frau, „das schwarze Stück Holz war ja noch dazu zu kurz, oben und unten ist es angefetzt, und jeder Nachbar hätte euch von Herzen gerne ein ganz neue« Stück gegeben." „Ja, wir haben es halt nicht besser gsinnet und durften unsere Nachbarn nicht immer von neuem plagen, sie hatten uns schon genug geholfen mit Holz und Fahren", antwortete der Alte. „Hör' Aetti", sagte der Vetter, „mache nicht Schneckentänze, sondern gib die Wahrheit an und aufrichtigen Bericht! Schon manches habe ich raunen hören, aber punttum das Wahre nie vernehmen können. Jetzt schicke es sich wohl, bis die Weiber den Braten zweg haben, du würdest uns damit so kurze Zeit machen, darum gib aufrichtigen Bericht!" Noch manchen Schneckentanz machte der Großvater, ehe er sich dazu verstund; aber der Vetter und die Weiber ließen nicht nach, bis er es endlich versprach, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß ihm dann lieber wäre, was er erzähle, bliebe unter ihnen und tarne nicht weiter. So etwas scheuen gar viele Leute an einem Hause, und er möchte in feinen alten Tagen nicht gerne feinen Leuten böses Spiel machen. „Allemal, wenn ich dieses Holz betrachte", begann der ehrwürdige Alte, „so muß ich mich verwundern, wie das wohl zuging, daß aus dem fernen Morgenlande, wo das Menschengeschlecht entstanden fein soll, Menschen bis hierher kamen und diesen Winkel in diesem engen Graben fanden, und muß denken, was die, welche bis hierher verschlagen oder gedrängt wurden, alles ausgeftanben haben werden, und wer sie wohl mögen gewesen sein. Ich habe viel darüber nachgefragt, aber nichts er- fahren können, als daß diese Gegend schon sehr früh bewohnt gewesen, ja Sumiswald, noch ehe unser Heiland auf der Welt war, eine Stadt gewesen sein fott; aber ausgeschrieben steht das nirgends. Doch das weiß man, daß es schon mehr als sechshundert Jahre her ist, daß das Schloß steht, wo jetzt der Spital ist, und wahrscheinlich um dieselbe Zeit stund auch hier schon ein Haus und gehörte samt einem großen Teil der Umgegend zu dem Schlosse, mußte dorthin Zehnten und Vodenzinse geben, Frondienste leisten, ja die Menschen waren leibeigen und nicht eigenen Rechtens, wie jetzt jeder ist, sobald er zu Jahren kömmt. Gar ungleich hatten es damals die Menschen, und nahe beieinander wohnten Leibeigene, welche die besten Händel hatten, und solche, die schwer, fast unerträglich gedrückt wurden, ihres Lebens nicht sicher waren. Ihr Zustand hing jeweilen von ihren Herren ab; die waren gar ungleich und doch fast unumschränkt Meister über ihre Leute, und diese fanden keinen, dem sie so leichtlich und wirksam klagen konnten. Die, welche zu diesem Schlosse gehörten, sollen es schlimmer gehabt haben zuzeiten als die meisten, welche zu anderen Schlössern gehörten. Die meisten anderen Schlösser gehörten einer Familie, kamen von dem Vater auf den Sohn, da kannten der Herr und seine Leute sich von Jugend auf, und gar mancher war seinen Leuten wie ein Vater. Dieses Schloß kam nämlich frühe in die Hände von Rittern, die man die Teutschen nannte, und der, welcher hier zu befehlen hatte, den nannte man den Comthur. Diese Oberen wechselten nun, und bald war einer da aus dem Sachsenlande und bald einer aus dem Schwabenlande; da kam keine Anhänglichkeit auf, und ein jeder brachte Brauch und Art mit aus seinem Lande. Run sollten sie eigentlich in Polen und im Preußenlande mit den Heiden streiten, und dort, obgleich sie eigentlich geistliche Ritter waren, gewöhnten sie sich fast an ein heidnisch Leben und gingen mit anderen Menschen um, als ob kein Gott im Himmel wäre, und wenn sie dann heimkamen, so meinten sie noch immer, sie seien im Heidenland und trieben das gleiche Leben fort. Denn die, welche lieber im Schatten lustig lebten als im wüsten Lande blutig stritten, oder die, welche ihre Wunden heilen, ihren Leib stärken mußten, kamen auf die Güter, welche der Orden, so soll man die Gesellschaft der Ritter genannt haben, in Deutschland und in der Schweiz besaß, und taten jeder nach seiner Art, und was ihm wohlgefiel. Einer der wüstesten soll der Hans von Stoffeln gewesen sein aus dem Schwabenlande, und unter ihm soll es sich zugetragen haben, was ihr von mir wissen wollt, und was sich bei uns vom Vater auf den Sohn vererbt, hat. Diesem Hans von Stoffeln fiel es bei, dort hinten auf dem Bärhegenhubel ein großes Schloß zu bauen; dort, wo man noch jetzt, wenn es wild Wetter geben will, die Schloßgeister ihre Schätze sonnen sieht, stand das Schloß. Sonst bauten die Ritter ihre Schlösser über den Straßen, wie man jetzt die Wirtshäuser an die Straßen baut, beides, um die Leute besser- plündern zu können, auf verschiedene Weise freilich. Warum aber der Ritter dort auf dem wilden, wüsten Hubel in der Einöde ein Schloß haben wollte, wissen wir nicht, genug, er wollte es, und die Bauern, welche zum Schlosse gehörten, mußten es bauen. Der Ritter fragte nach keinem von der Jahreszeit gebotenen Werk, nicht nach dem Heuet, nicht nach der Ernte, nicht nach dem Säet. Soundso viel Züge mußten fahren, soundso viel Hände mußten arbeiten, zu der und der Zeit sollte der letzte Ziegel gedeckt, der letzte Nagel geschlagen sein. Dazu schenkte er keine Zehntgarbe, kein Mäß Bodenzins, kein Fasnachthuhn, ja nicht einmal ein Fasnachtei; Barmherzigkeit kannte er keine, die Bedürfnisse armer Leute kannte er nicht. Er ermunterte sie auf heidnische Weise mit Schlägen und Schimpfen, und wenn einer müde wurde, langsamer sich rührte oder gar ruhen wollte, so war der Vogt hinter ihm mit der Peitsche, und weder Alter noch Schwachheit ward verschont. Wenn die wilden Ritter oben waren, so hatten sie ihre Freude daran, wenn die Peitsche recht knallte, und sonst trieben sie noch manchen Schabernack mit den Arbeitern; wenn sie ihre Arbeit mutwillig verdoppeln konnten, so sparten sie nicht und hatten dann große Freude an ihrer Angst, an ihrem Schweiß. Endlich war das Schloß fertig, fünf Ellen dick die Mauern, niemand wußte, warum es da oben stand, aber die Bauern waren froh, daß es einmal stand, wenn es doch stehen mußte, der letzte Nagel geschlagen, der letzte Ziegel oben war. Sie wischten sich den Schweiß von den Stirnen, sahen mit betrübtem Herzen sich um in ihrem Besitztum, sahen seufzend, wie weit der unselige Bau sie zurückgebracht. Aber war doch ein langer Sommer vor ihnen und Gott über ihnen, darum faßten sie Mut und kräftig den Pflug und trösteten Weib und Kind, die schweren Hunger gelitten, und denen Arbeit eine neue Pein schien. Aber kaum hatten sie den Pflug ins Feld geführt, so kam Botschaft, daß alle Hofbauern eines Abends zur bestimmten Stunde im Schlosse zu Sumiswald sich einfinden sollten. Sie dangten und hofften. Freilich hatten sie von den gegenwärtigen Bewohnern des Schlosses noch nichts Gutes genossen, sondern lauter Mutwillen und Härte, aber es dünkte sie billig, daß die Herren ihnen etwas täten für den unerhörten Frondienst, und weil es sich so dünkte, so meinten viele, es dünke die Herren auch so, und sie werden an selbem Abend ihnen ein Geschenk machen oder einen Nachlaß verkünden wollen. Sie fanden sich am bestimmten Abend zeitig und mit klopfendem Herzen ein, mutzten aber lange warten im Schloßhofe, den Knechten zum Gespött. Die Knechte waren auch im Heidenlande gewesen. Zudem wird es gewesen sein wie jetzt, wo jedes halbbatzige Herrenknechtlein das Recht zu haben meint, gesessene Bauern verachten zu können und verhöhnen zu dürfen. Endlich wurden sie in den Rittersaal entboten; vor ihnen öffnete sich die schwere Tür; drinnen saßen um den schweren Eichentisch die schwarzbraunen Ritter, wilde Hunde zu ihren Fützen, und obenan der von Stoffeln, ein wilder, mächtiger Mann, der einen Kopf hatte wie ein doppelt Bernmäß, Augen machte wie Pflugsräder und einen Bart hatte wie eine alte Löwenmähne. Keiner ging gerne zuerst hinein, einer stieß den anderen voran. Da lachten die Ritter, daß der Wein über die Humpen spritzte, und wütend stürzten die Hunde vor; denn wenn diese zitternde zagende Glieder sehen, so meinen sie, dieselben gehören einem zu jagenden Wilde. Den Bauern aber ward nicht gut zumute, es dünkte sie, wenn sie nur wieder daheim wären, und einer drückte sich hinter den anderen Als endlich Hunde und Ritter schwiegen, erhob der von Stoffeln seine Stimme, und sie tönte wie aus einer hundertjährigen Eiche: .Mein Schloß ist fertig, doch noch eines fehlt, der Sommer kömmt, und droben ist kein Schattengang. In Zeit eines Monats sollt ihr mir einen pflanzen, sollt hundert ausgewachsene Buchen nehmen aus dem Münneberg, mit Aesten und Wurzeln, und sollt sie mir pflanzen auf Bärhegen, und wenn eine einzige Buche fehlt, so büßt ihr mir es mit Gut und Blut. Drunten steht Trunk und Imbiß, aber morgen soll die erste Buche auf Bärheqen stehen.' Als von Trunk und Imbiß einer hörte, meinte er, der Ritter sei gnädig und gut gekaut und begann zu reden von ihrer notwendigen Arbeit und dem Hunger von Weib und Kind und vom Winter, wo die Sache besser zu machen wäre. Da begann der Zorn des Ritters Kopf größer und größer zu schwellen, und seine Stimme brach los wie der Donner aus einer Fluh, und er sagte ihnen: Wenn er gnädig fei, fo seien sie übermütig. Wenn im Polenlande einer das nackte Leben habe, so küsse er einem die Füße, hier hätten sie Kind und Rind, Dach und Fach, und doch nicht satt. .Aber gehorsamer und genügsamer mache ich euch, so wahr ich Hans von Stoffeln bin, und wenn in Monatsfrist die hundert Buchen nicht oben stehen, so lasse ich euch peitschen, bis kein Fingerlang mehr ganz an euch ist, und Weiber und Kinder werfe ich den Hunden vor.' Da wagte keiner mehr eine Einrede, aber auch keiner begehrte von dem Trunk und Imbiß; sie drängten sich, als der zornige Befehl gegeben war, zur Tür hinaus, und jeder wäre gerne der erste gewesen, und weithin folgte ihnen des Ritters donnernde Stimme nach, der anderen Ritter Gelächter, der Knechte Spott, der Rüden Geheul. Als der Weg sich beugte, vom Schlosse sie nicht mehr konnten gesehen werden, setzten sie sich an des Weges Rand und weinten bitterlich, keiner hatte einen Trost für den anderen, und keiner hatte den Mut zu rechtem Zorn, denn Not und Plage hatten den Mut ihnen ausgelöscht, so daß sie keine Kraft mehr zum Zorne hatten, sondern nur noch zum Jammer, lieber drei Stunden weit sollten sie durch wilde Wege die Buchen führen mit Aesten und Wurzeln den steilen Berg hinauf, und neben diesem Berge wuchsen viele und schöne Buchen, und die mußten sie stehen lassen! In Monatsfrist sollte das Werk geschehen sein, zwei Tage drei, den dritten vier Bäume sollten sie schleppen durchs lange Tal, den steilen Berg aus, mit ihrem ermatteten Vieh. Und über alles dieses war es der Maimond, wo der Bauer sich rühren muß auf seinem Acker, fast Tag und Nacht ihn nicht verlassen darf, wenn er Brot will und Speise für den Winter. Wie sie da so ratlos weinten, keiner den anderen ansehen, in bett Jammer des anderen sehen durfte, weil der {einige schon über ihm zusammenschlug, und keiner heim durfte mit der Botschaft, keiner den Jammer heimtragen mochte zu Weib und Kind, stund plötzlich vor ihnen, sie wußten nicht woher, lang und bürre, ein grüner Jägersmann. Auf dem kecken Barett schwankte eine rote Feder, im schwarzen Gesichte flammt« ein rotes Bärtchen, und zwischen der gebogenen Nase und dem zugespitzten Kinn, fast unsichtbar, wie eine Höhle unter überhangendem Gestein, öffnete sich ein Mund und frug: ,Was gibt es, ihr guten Leute, daß ihr da sitzet und heulet, daß es Steine aus dem Boden sprengt und Asst« ab von den Säumen?6 Zweimal frug er also, und zweimal erhielt er keine Antwort. Da ward noch schwärzer des Grünen schwarz Gesicht, noch röter das rote Bärtchen, es schien darin zu knistern und zu spretzeln wie Feuer im Tannenholz; wie ein Pfeil spitzte sich der Mund, dann tat er sich auseinander und frag ganz holdselig und mild: .Aber ihr guten Leute, was hilft es euch, daß ihr da sitzet und heulet? Ihr könnet da heulen, bis «s eine neue Sinflut gibt, ober euer Geschrei die Sterne aus dem Himmel sprengt; aber damit wird euch wahrscheinlich wenig geholfen sein. Wenn euch aber Leute fragen, was ihr hättet, Leute, die es gut mit euch meinen, euch vielleicht helfen könnten, so solltet ihr statt zu heulen antworten und ein vernünftig Wort reden, das hülfe euch viel mehr.6 Da schüttelte ein alter Mann das weiße Haupt und sprach: .Haltet es nicht für ungut, aber das, worüber wir meinen, nimmt kein Jägersmann uns ab, und wenn das Herz einmal im Jammer verschwollen ist, so kommen keine Worte mehr daraus.6 Da schüttelte sein spitziges Haupt der Grüne und sprach: .Vater, ihr redet nicht dumm, aber so ist es doch nicht. Man mag schlagen, was man will, Stein oder Baum, so gibt es keinen Ton von sich, es klaget. So soll auch der Mensch klagen, soll alles klagen, soll dem ersten besten klagen, vielleicht hilft ihm der erste beste. Ich bin nur ein Jägersmann, wer weiß, ob ich nicht daheim ein tüchtiges Gespann habe, Holz und Steine ober Buchen und Tannen zu führen?6 Als die armen Bauern das Wort Gespann hörten, fiel es ihnen allen ins Herz, ward da zu einem Hoffnungsfunken, und alle Augen sahen am ihn, und dem Alten ging der Mund noch weiter auf; er sprach: Es fet nicht immer richtig, dem ersten dem besten zu sagen, was man auf dem Herzen hätte; da man ihm es aber anhöre, daß er es gut meine, baß ec vielleicht helfen könne, so wolle man kein Hehl vor ihm haben. Mehr ms zwei Jahre hätten sie schwer gelitten unter dem neuen Schloßbau, kein Hauswesen sei In der ganzen Herrschaft, welches nicht bitterlich im Mangel sei. Jetzt hätten sie frisch aufgeatmet, in der Meinung, endlich freie Hände zu haben zur eigenen Arbeit, hätten mit neuem Mut den ins Feld geführt, und soeben hätte der Comthur ihnen befohlen, aus im Münneberg gewachsenen Buchen in Monatsfrist beim neuen Schloß einen neuen Schattengang zu pflanzen. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerfitäts-Duch- und Steindruckerei,V. Lange, Gießen. ■BE» )ahrg 3m H merung z tollen) ei hasenstraj leimen fy ausweiche unb von i mich. Es Ich empsi hark Hin auch Haus 3d) hm Arbeiter r das Schar die Schrit über mich sich da so derspiegelt Begeistern eenen @re Zum erst« mich nicht nur aus i 1 Ausweg, . Seele eige Schon Muding- tunft in ff ach eri'rfjö; lmmte, fr, luchten, hi '»dem ich n»!en her pchndes i und fliistei Und schon »ehrt auf Kaum A großer Aenbeck i urojfen, bi Wr in Mnte ben Sa, ich h<, einem unt «Mal-en u juid) ein R ich m ’n dem Et M einer Ach bann -°°nk und ewachfreie, *R "istnen plötzlich hj X&k