SietzenerZamilienbMer Nummer 99 Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Zzhrg-ng Mnlag, --------- ^Nacht der Versöhnung. Von Manfred Sturmann. 2“ ttM weich auf Dach und Weq 2fr strömt schneidend durch di« Nacht 2 Krähe schreit, ein Käuzchen lacht, 2ie Wolken kauern tief und trag. Der Sturmwind löscht die Sterne aus TW mne ^anbc bas Kerzenlicht. 2er Mond verbirgt sein Angesicht Und schwindet silbern Hinterm Haus. Doch plötzlich ist das Dorf erwacht, •M allen Haufern regt es sich. Die Fenster leuchten feierlich Wie goldne Augen durch die Nacht. Und Kinderstimmen jubeln laut. Und Lieder flechten frommen Kranz Ist all/»« r"' 2m Lichterglanz alle Kalte aufgetaut. Und aufgegangen ist ein Stern. Der Beter kniet, die Glocke tönt. Nun ist verklärt, nun ist versöhnt Der Mensch mit Gott dem Herrn. Weihnachten in her Berghütte Erzählung von Knut Hamsun. .. Copyright 1930 by I. L. A. Wien. Dach und den beiden obersten mehr heraus, als mit dem 3r ^Winter für sich allein. roQu gesagt, zu Weihnachten unmäßig viel Schnee aefallen b,r a** ÄÄ&’tT1 w"? r--. Bar?lächette?" ein Teilchen und sagte dann, indem er in seinen a",enb'«"» ,-ibft w-? bl” e*: ’** ’ta"w',rn,lkrK Sir"i' lk !-chi- Abendessen sollte die Familie auch einen Schnaps haben das Ffhonfo V unb Ninaldus war derjenige, der die Gläser' ein- Karaffe D“5 cin feierlicher Augenblick; er sollte die Aller Augen beobachteten &T feinen Endchen halten. niofc2n(^ hie Rosenkaraffe in der linken Hand, wenn du Leuten ein- 6,r 5”'"-®“ 6i,‘ •“ «-""«• -'»» vorllckst/-??^"«hm die Rosenkaraffe in die linke Hand. Er goß so u An8® «Tl&n* Tr, basS reme Festessen, es gab Fladenbrot, Sirup «r. f*”' d°i -- W-M-«-» Tor sprach laut Luthers Tischgebet. aum Wwlw, ^h^st irrte sich der kleine Didrik im Tage, ging Essen^Der Baler und gab ihnen die Hand zum Dank'für'das flenräe ntAu mns. ^u?c aj,e1nb mcht für das Esse» danken, Didrik. Es ist du für da? Esst„ danken.^ "' mei6t’ om Neujahrsabend sollst 6 I gewöhnUchen^Schnaps^ D^ KöMa Trinft* P*' König trinkt solch heißt, will ich euch^sagen. Davo? käst// ri«?5*- b?s Gampagnertrunk sechs Kronen, je nach dem wie di- iRrti™* «'"Me Flasche fünf bis trinkt der König von frich m°rg ns bi?svä ''a!ä sind. Und den pagnertrunk. Und jedesmal wenn ereinßu™ ^^b'. nichts als Chamer es so hart auf das Tablell dab ausgetrunken hat, stößt Zessin: Nimm es fort! sagt er. ' 5 öersplittert, und sagt zur Prin- KI,,N°" 3,|u ""»m „ Senn Sie (M(„? W Ä* "'*• l0r' »" -»» wei„. die g„„ «1*1; "5"1 SU'sS'ÄS S -- »n. ,m, mußte man seine Dinge können 6 Pfarrer zu bestehen. Damals r«L"°r'L,e^oh°^^'e^ 's» « «-» d.m Fußende des Bettes vergraben al?e?das lekl/ma^ fcIbft am aber er fragt« doch danach »n'd \aS internal vom Kramer kam; in der Stube hervor Unb r,ef dadurch eine feierliche Stimmung « ** Seile auf- Die Kinder versammelten sich neugieria um ibn S'f, ef b*e .stütze ffi f b.°°Ld" ns SSWft®- d--P*"e?°L,7nn1n "ÄÄte S *'"*?"“« **• --»>-« das Zeichen des Kreuzes ‘bann"Ä Iosr mfl^ abermals das Zeichen des Krea--/ n„*sr ö e Stallture und machte MZOMPL8Ä.LL Paket enthielt eine Sendung von Timian in Amerika eine Boa aun fü)warzen Fell und mit Quasten. Timian hätte wohl daran balle^!erta® €S?°.rt Oden in den Bergen im Winter war, und dann L nWh»2theH$O^-be m9e'at1^' die die wärmste Halsbinde war, die er je gesehen hatte. Sie war wohl auch nicht so billig gewesen. . "er sollt« nun die Boa haben? Tor, wie auch seine Frau hatten über die Frage des langen und breiten nachgedacht, und endlich S' JXÄUWteta äUkmmenSnM Tor hatte sich wieder mit der M-i?- öu lachen begannen, und die Frau wusch die Tassen ab m ^""de auf das Bett gelegt. Ach, Gott Ä’lte ^w°h- '>-cht zu denken, was? du morgen auf Kirchgangswetter hofff? ®aIcnber nachgesehen, wenn unterhielten' ^"mUdnanäe^Tnb“ne bei--®d)ne®. 3u fegen. Die Kinder Dingen; die Katze ging von einem xun^nnWn H verschiedenen Ich möchte wohl willen mn« rn U1^ stch streicheln, brachte Didrik hervor ' ” 5 ber König am Weihnachtsabend ißt, zwanzig! ’ h"' öer König trinkt wohl mindestens Zwanzig, sagst du? «3a, die trinkt «r mindestens. - Äste** ■* hakten sie bestimmt, daß Rinaldus sie haben sollte: denn Rinaldus wäre der älteste, außerdem hatte er ost Gänge ins Dorf zu machen, so daß er wohl etwas Warmes brauchen konnte. Rinaldus, komm her! sagte Tor. Hier ist eine Halsbinde vom Bruder Timian für dich. Und das ist eine gehörige Halsbinde! Aber du mußt vorsichtig damit sein, damit du noch etwas Feines um den Hals hast, wenn du vor dem Pfarrer stehst. Da, verbrauch sie mit Gesundheit! Nun entstand eine Verwunderung und Freude, an der alle teilnahmen. Die weiche Boa wurde eine halbe Stunde lang beschaut und befühlt, und die kleine Lena ward nicht müde, mit ihren kleinen blauen Händchen darüber hinzustreichen. Aber sie durfte sie nicht fest umlegen, sie wäre noch zu klein dazu. Dagegen bekam Lena ein kleines Licht, und dieses Licht zündet sie fortwährend an. und löschte es wieder aus, denn sie konnte es sich nicht leisten, es brennen zu lassen. Didrik war der einzige, der nichts bekam; aber der Vater versprach ihm eine ganz neue biblische Geschichte, sobald er mit der Drescharbeit im Dorfe unten ein wenig Geld verdienen tönne Der Schnee trieb immer dichter gegen die Scheiben, und bisweilen fiel sogar Schnee durch den Schornstein herab, bis ins Feuer auf dem Herde. Es war schon spät und Zeit, ins Bett zu gehen; morgen gab es wohl wieder dieselbe Arbeit mit dem Schneeschaufeln. Ja, geht nun auf den Halbboden hinauf und legt euch zu Bett, Kinder! sagte Tor. Rinaldus durfte seine Boa mitnehmen und Lena kam mit dem Lichte nach... Um zwölf Uhr, als alle schliefen, hörte die Mutter in der Stube oben etwas rascheln. Ein Weilchen später trippelten kleine Füße über den Boden, vorsichtige Schritte, die man kaum noch hören konnte — das war die kleine Lena, die sich im Dunkeln zu der Boa hingeschlichen hatte, um sie doch umzulegen und nun schreckliche Angst hatte, dabei ertappt zu werden. Die feine Boa! Es war der weichste Gegenstand, der je in der Berghütte gewesen war, und Rinaldus benutzte sie nur zweimal mit größter Vorsicht beim Kirchgang. Ader trotzdem begannen im Sommer jämmerlich die Haare auszufallen, und in die Quasten kamen wahrhaftig die Motten. Kiekuut. Weihnachtliche Sage. Von Hans Franck. In einen der zahllosen mecklenburgischen Seen, der sich meilenweit von Süden nach Norden reckt, stößt vom hohen Westuser her eine schmale Landzunge vor. Sie heißt: Kiekuut. Was hochdeutsch Ausguck bedeutet. Aus der äußersten Spitze qm Kiekuut steht ein Baum. Und nicht nur dies ist sonderbar, daß sich inmitten von Krüppelbusch, Gras, Rohr, daß sich sozusagen im See eine mächtige Buche — die doch auf trockenen Boden angewiesen ist! — lebendig zu erhalten vermag; das Merkwürdigste vielmehr: der Kikuutbaum zeigt, wenn man den See entlang fährt, vom Norden und vom Süden aus das Seitenbild eines Menschengesichtes. Von diesem Baum erzählt die Sage: Auf dem hohen Westufer des Sees, in der Försterei nahe am Kiekuut, lebte einst ein Jäger, der ein gewaltiger Nimrod war. Der Wasserjagd hatte er einen noch größeren Teil feiner Seele verschrieben, als der Landjagd. In den Wäldern kannte er jeden Stand und Wechsel des Wildes. Stück für Stück mar ihm bekannt wie jeder Hornknops an feinem graugrünen Jagdrock. So daß es manchmal kaum noch rechten Spaß machte, hinzulangen und Schußreifes zur Strecke zu bringen. Der See aber bot immer neue Jagdüberraschungen. Nirgendwo stand daher der Förster des Sommers und des Winters, bei Tag und bei Nacht, so häufig und so lange wie auf dem Kiekuut an. Gewiß' manchesmal begnügte er sich in der Tat mit dem Ausgucken, das ihn hier nie ermüdete — denn auf der Spitze des Kiekuut ist der einzige Punkt des Landes, von wo man bei guter Sicht den See in seiner ganzen Sänge überschauen kann — aber von keiner andern Stelle seines Reviers brachte er so verschiedenartige Jagdbeute mit. Welche Vielfältigkeit allein bei den Enten! Nicht nur Stockenten und Krickenten und Knäckenten fielen dort ein. Auch Speckenten, Schnatterenten und Löffelenten strichen auf dem Zug immer wieder einmal beim Kiekuut vorüber. Der Förster kannte aus Entfernungen, in denen gewöhnliche Sterbliche noch nicht einmal „Ente!" zu sagen vermochten, jede Art. In einem Winter aber spürte der in den See Verliebte eine Ente, wie er sie noch nie vor die Flinte gekriegt hatte. Obwohl der Förster immer wieder bei lagesgrauen aus den Federn sprang, halbe Nächte auf dem Kiekuut anstand, keine Vorsichtsmaßregel außer acht ließ, allerlei List nicht verschmähte, tarn er diesmal nicht zu Schutz. Mußte mit dem Teufel zugehn! Ja, das einzige Wort Teufel! Denn nach Wochen wußte der Förster noch nicht zuverlässig, wie die unbekannte Ente aussah. Zunächst hatte er geglaubt: Schneeweitz! Also hoch von Norden gekommen. Eine Art, die es in Deutschland sonst selbst Winters nicht gab. Dann aber — ließen seine Augen nach? Täuschte das Zwielicht? War sonstwas mit der Ente los? — dann mußte er feststellen: Kohlschwarz! Nicht der winzigste Spiegel auf den Federn. Die Frau des Försters meinte: Eine andere Ente als die abgestrichene weiße. Der Genarrte beteuerte: Die gelbe Ente! Beinah käme er in Versuchung wieder an den Gottseibeiuns zu glauben. Und wenn! Er wollte dem Lockvogel des Bösen — oder diesem selbst — schon eins braufbrennen! Heut noch! Doch Tag um Tag ging hin, ohne daß dem Förster die Ente — die schwarze oder weiße; denn am gleichen Abend, da der Schußgierige in Oer Früh seiner Frau geschworen hatte: Schwarz!, war sie wieder schneeweiß — bet der Heimkehr vom See an seiner Jagdtasche hing. Der Winter war hart. Bereits Mitte Dezember trug das Eis. Der Förster hielt an der Spitze vom Kiekuut, wo des heftigen Wellenschlages wegen, das Wasser ohnehin schwer zufror, eine Wacke mit der Axt offen. Da wollte er der Ente, die ihn zum Besten hielt, schon den Meister zeigen! Die schwamm in der Tat jedesmal, wenn der Förster anfchiich, in dem Eisloch. Jedoch — ob er nun auf dem Kiekuut entlang, durch eine der weidgerecht geschnittenen Schlusten rohrgedeckt, vom Norden, vom Süden her gegen den Wind über das Eis kam — stets stand die Ente so früh auf, daß ihr menschlicher Widersacher nicht zu Schutz kam. Ein paar Mal ballerte er vor Wut in die Luft. Der Monat schwand hin, ehe der Förster es für möglich hielt. Am Nachmittag des Heiligenabends sagte der Verärgerte, der Weihnachten als den allerletzten Termin für den Fall der Ente beschworen hatte, zu seiner Frau: „Ich geh noch ein wenig zum See runter." „Am Christabend?" fragte die Försterin vorwurfsvoll. „Zur Vesper bin ich wieder da!" „Und wenn du nicht wieder da bist?" erkundigte sich das zehnjährige Förstermädel. „Geht ihr ausnahmsweise mal ohne mich zur Kirche." „Aber zur Feier im Hause bleibst du ganz bestimmt nicht fort!" stellte die Försterin fest. „Natürlich!" „Wenn du aber nicht zur rechten Zeit kommst?" wollte der achtjährige Försterjunge wissen. „Fangt ihr schon an zu feiern. So früh, daß wir noch zusammen mit den neuen Sachen spielen können, die der Weihnachtsmann bringt, bin ich ganz gewiß da." „Und wenn du nicht da bist?" „Darfst du heut aufbleiben, bis ich komm!" „Fein! Du bringst die Düwelsente mit. Die essen wir nicht. Ausgestopft wird sie! Und ich krieg sie für meine Stube!" „Selbstverständlich. Kriegst du. Niemand sonst!" Die Försterin geleitete ihren Mann bis zur Tür. Dort bat sie: „Du gehst heute nicht aufs Cis?" „Trägt Pferd und Wagen." „Es sind heiße Quellen im See, vom Kalk am Grunde, die niemals jufrierenr beharrte die Aengstliche. „Die kennt keiner so gut wie ich. Selbst die Fischer nicht." „Versprich mir, daß du heute, am Heiligenabend, in keinem Fall auf das Eis gehst!" drängte die Frau. „Also, damit du ruhig in der Kirche fingen und beten kannst, meinetwegen: Nicht aufs Eis." „Und die Ente?" „Wenn ich das Biest nicht vom Kiekuut aus runterholen kann, kehr ich heut abend um." „Halt Wort!" Ms der Förster auf dem Kiekuut entlang geschlichen war, stand die schwarze Ente nicht — wie sonst — rechtzeitig auf. Unbekümmert um feine Nähe stürzte sie sich und zeigte ihrem Feinde höhnisch den Steiß. Schon hatte der feine Flinte an der Backe. Doch da berief er sich: „Falle! Wächst du wohl, du Teufel, daß ich dir in die Latschen ober in die Ständer oder in deinen Federbürzel schieße, durch den kein Schrotkorn geht. „Wart nur. Gleich ift’s aus mit dir." Er klatschte, so laut er konnte, in die Hände. Nun stand die Ente — schwarz war sie, man sah es im Mondschein deutlich wie am Tag, rabenschwarz! — hoch auf und strich ab. Bauz —! „Quark-quark!" höhnte die Ente und ließ sich, als ob fein Jäger in der Nähe sei, auf das Eis nieder. Der Förster hinter ihr her. Die Ente hoch. Bauz —I ,^Quark-quark!" Aus der Jagd wurde eine Hatz. Immer wieder saß die Ente auf dem Eise, stand auf, strich ab. Immer wieder der Förster hinter ihr her — daß er über das Eis raste, wußte er nicht — Flinte an die Backe. Bauz —! Immer wieder höhnte die Ente: „Quark-quark!" Als das Pulver des Försters alle war, schrie er: „Gut, daß ich nicht mehr schießen kann. Totschlägen muß man dich. Mit bem Kolben! Nein, mit dem Knüppel. Der Kolben ist zu schad für dich. Wenn ich nur einen Knüppel hält! Also doch mit dem Kolben! Wart!" Und wieder hinter der Ente her. Und wieder nach dem Zuschlägen „Quark-quark!" Plötzlich sackte der Förster weg. Als erstes dachte er: „Flinte retten.' Schon flog das Gewehr auf das Eis und glitt nach dem Niederfallen noch eine große Strecke über die spiegelglatte Fläche. Erst als Zweites dachte der Eingebrochene: „Ich komm schon wieder raus!" Er stemmte sich an der Eiskante nach oben. Doch es war, als ob Zentnergewichte an jedem feiner Beine hingen. Der Förster ließ sich nicht entmutigen. Mit aller Kraft mußte es gelingen, gelang es — aber als sein Gürtel aus dem Wasser sah und er dachte: „Geschafft!", brach das Eis unter feinem Körper weg. „Festhalten!" kommandierte der Förster, sobald er nach dem Wiederauftauchen von neuem einen Halt an dem Eis gefunden hatte. „Und um Hilfe rufen!" Er stemmte sich soweit nach oben, daß er beide Arme bis zum Ellbogen auf das Eis legen konnte und begann zu rufen: „Hil—fe!" Der Wind stand vom Land weg. „Hil—feil" Auf dem Kiekuut hätte man feine Stimme vielleicht doch hören können. „Hil—fe!!!" Wer ging außer ihm auf den Kiekuut? „Nur noch aufstützen! Keine Kraft ans Rufen verschwenden. Aufstützen! Nichtssonst. lieber Wasser halten, solange wie irgendmöglich. Vielleicht —" „Quark-quark!" sagte die schwarze (Ente, die plötzlich — waren Minuten, waren Stunden feit dem Einbrechen vergangen? — auf dem Eise saß. So nah, daß der ums Leben Ringende sie hätte totschlagen können, wenn ihm fein Gewehr noch zur Hand gewesen märe. „Nun mußt du dran glauben. Nicht ich!" „Wenn schon", gab der Förster zur Antwort. „Einmal Muß es ja doch sein. Ob ein bißchen früher ober später macht nichts. Aber daß ich dich Luder nicht mitnehmen kann nach unten, verzeih ich mir nie." „Kark-kark!" sagte eine andere Ente, die zur Rechten neben der schwarzen Ente saß und schneeweiß war. „Denk an deine Seele!" Also doch zwei! stellte der Förster fest. Wie meine Frau behauptet hat. Zwei, nicht eine! Dann befolgte er die Weisung der weißen (Ente und sah zur Kirche hinüber. Darin brannten die Weihnachtslichter. Die Gemeinde fang — der Wind trug Fetzen des Chorals quer über den See —: Vom Himmel hoch... Auch feine Frau fang, und fein Mädel fang, und fein Junge fang. Seele — ewiges Leben — Himmel? Es wurde dem Ho^cken- ben weich ums Herz. Aber plötzlich schrie er bie weiße Ente an: „Gibt's im Himmel auch Seen? Unb Wasierjagb? Natürlich nicht! Also was soll ich dort?" „Mark-mark!" sagte bie schwarze Ente zu ber weitzen. „In bie Hölle will er." „Nichts zu merken!" wies ber Förster bie schwarze Ente ab. „In bie Hölle? Erst recht nicht. Da gibt’s ja nicht mal Bäume vor Hitze!" „Sarg-Sarg!" sagte bie weiße (Ente zu ber schwarzen. „In ber Erde will er ruhen unb des Nackts die Blätter über sich rauschen hören." „Nein!" widersprach der Förster. „Richt auf den, Kirchhof eingraben! Da kann man nur quer über den See wegsehn. Und von weitem. Auf der Erde bleiben — ja! Nicht in den Himmel! Nicht in die Hölle! Auf Erden bleiben! Aber am See. So daß ich ihn an meinen Füßen fühle. Daß ich ihn der Länge nach sehe. Von der Nordspitze bis zur Südspitze. Daß er mich sieht mit jeder seiner Wellen. Auf dem Kiekuut, ganz vorn, stehn für immer — das allein ist Seligkeit!" „Bara-barg!" sagte die schwarze Ente. „Ewig willst du auf dem Kiekuut >tehn?" „Viel, meinst du, ist das?" widersprach der Förster. „Das Leben im Himmel und in der Hölle dauert ja auch ewig. Warum also nicht das Leben auf Erden?" „Arg-arg!" sagte die weiße Ente. „Die Erde höher als den Himmel achten! „Stark-stark!" sagte die schwarze Ente zu der weißen. „Es soll so sein, wie er es sich als Letztes wünscht." „Mark-mark!" sagte die weiße Ente zu der schwarzen. „Richt als Strafe, wie du es dir denkst. Sondern als Muck!" Und plötzlich waren beide Enten, die weiße und die schwarze, verschwunden. Am andern Morgen fand man das Gewehr des Försters auf dem Eise. Es wies nach einer der warmen Quellen im See, deren dünnes Eis unter der Last des Menschen wcggebrochen war. Der mußte lange gegen den Tod gekämpft haben. Denn viel Eis war bei seinem Be- inühen, sich aus dem Wasser emporzuwuchte», in die Brüche gegangen. Man fischte unter dem Eis mit Netzen, man fischte, als das Eis geschmolzen. war, im offenen Wasser — den Förster holte man nicht herauf. Man wartete Monate, wartete Jahre, daß das Wasser den Ertrunkenen oder doch irgend etwas von ihm zurückgebe — der See hielt ihn fest. Auf der Spitze des Kiekuut aber stand am andern Morgen ein Baum, den dort früher niemand bemerkt hatte. Der wuchs und wuchs, schneller als irgendein Baum ungezählte Meilen in der Runde. Fischer, die vom Norden kamen, erkannten es in einer Mondnacht zuerst: Der Baum sieht aus wie ein Mensjhengesicht von der Seite! Segler, die bei Tag von Süden nahten, bestätigten es: Genau wie das'Seitenbild eines Menschengesichts! Vom Wind zurückgekämmte Haare, buschige Augenbrauen, Hakennase, aufgeworfener Mund und ein Zweigbart, der bis zur Erde reicht. Die Segler legen denn auch, wenn sie sommers am Kiekuut vorbeifahren, ihre Rechte an die blaue Schirmmütze und sagen: „Guten Tag, Herr Oberförster! Machen Sie für uns heut guten Wind!" Die Fischer, die den Kiekuut queren, versäumen niemals, den schwarzen Lederhut zu ziehen und zu rufen: „Gaudn Dag, Herr Oberförster! Laakens hüt ock ornlich wat in uns Netten gähn!" Alle behaupten, daß der Herr Oberförster, wenn man ohne Gruß und Zuruf auf dem See an ihm vorbeisährt, Flaute oder Sturm schickt und den Fischen Weisung gibt, die. Netze der respektlosen Seeräuber zu meiden. Wenn man ihm aber die schuldige Ehre erweist, dann nickt der Herr Oberförster — kein Mensch, sondern ein Baum! ein Baum auf der äußersten Spitze einer Landzunge, ein Baum sozusagen im Seel — jedesmal glückselig. Wie sollte er nicht seines Glückes selig sein? Kann es Schöneres geben als: Erde mit seinen Wurzeln umklammern, in den Himmel hinauf sein Haupt zu erheben, unendliche Wasser rundum rauschen hören und jedem Sturm gewachsen sein! 3ur Geschichte -er Weihnachtsmusik. Von Peter Bauer. Gesang hat es immer gegeben. Er ist älter als die Umgangssprache, wie die Malerei älter als die Schrift. „Sieben Tage im Stillschweigen des Nachsinnens und Erstaunens saßen unsere Urahnen" sagt Hamann, — „und taten ihren Mund auf zu geflügelten Worten." Zum Lobe ihres Schöpfers. Lob Gottes ist der ursprünglichste, der tiefste und eigentlichste Sinn des Gesanges und der Musik, die bei allen Völkern die kultischen Handlungen begleiteten und die menschliche Seele andächtig und erdent- rllckt stimmten. Der israelitische König David führte zur Bereicherung des jüdischen Kultus den Gesang und die Instrumentalmusik ein. Er selbst dichtete prachtvolle Psalmen, die auch von Christus und den Aposteln gesungen wurden, und wohl den Hauptbestandteil bei der Darbringung dec heiligen Meßopfers in frühsten christlichen Zeiten bildeten. Mit diesen Elementen alter jüdischer Synagogal-Muflk vermischten sich die griechischen Volksgesänge der Heidenchristen zu neuen, von christlichem Geiste durchwehten Chorälen. „Von der musica sacra der Hebräer holte sich die Musik Form. Gestalt und Schönheit." Einen neuen Aufschwung nahm die Kirchenmusik zur Zeit des Mailänder Bischofs Ambrosius, der sich als Hymnendichter in der Musikgeschichte den Beinamen „Vater des Kirchen- gcsangs" erwarb. Jedoch ist er nicht der Verfasser des „Te deums", das auch heute noch vielfach „Ambrosianischer Lobgesang" heißt. Vielmehr bestand der erste Teil dieser Hymne schon im 3. Jahrhundert, während die beiden folgenden Teile erst im 4. und 5. Jahrhundert hinzukamen, lieber die geheimnisvolle Kraft und Wirkung dieser Gesänge schreibt Augustinus ums Jahr 400: „O, wie sehr ward ich gerührt, wie viele Tränen flössen aus meinen Augen, als ich den wohlklingenden Gesang der Hymnen und Lieder hörte, die für dich in deiner Kirche ertönen! Während diese himmlischen Stimmen meine Ohren fesselten, überwogten die so reinen Fluten Deiner Wahrheit mein Herz, und meine Frömmigkeit erhob sich zu dir in heftigeren Wallungen, meine Tränen ergossen sich reichlicher und ich fand die süßeste Lust darin, sie zu ergießen." Schließlich gab Papst Gregor der Große (590 bis 604) den Kirchengesängen eine einheitliche Form, rjCS<£ *m Wesentlichen »och heute übliche Reihenfolge der liturgi- schen Melodien, die einstimmig gesungen werden, den Namen „Gregoria- mscher Choral" tragen. In ihm steht an zweiter Stelle das auf das Kyrie folgende hymnen- artige Gloria, die Wiederholung des Engelgesangs, den zum erstenmal die Hirten von Bethlehem in der Geburtsnacht des Erlösers vernahmen. Es ist damit wohl das älteste Weihnachtslied, das wir kennen. Nachdem das Weihnachtsfest, dessen Feier bis in die vorkonstantinische Zeit hinaufreicht, allgemein als Gedächtnis der gnadenreichen Geburt des Herrn als kirchliches Fest eingeführt war, mehrten sich die Antiphonen und Sequenzen, die die heiligste Nacht verherrlichten. Um die Zeit der Kreuzzüge kamen die ersten deutschen Kirchenlieder auf, darunter auch die Weihnachtsweise „Ein Kindlein so lobelich". Es war eine poesiereiche Zeit, in der nicht nur Walther von der Vogelweide, Gottfried von Straßburg und andere Dichter geistliche, besonders Marien- lieder, schufen, sondern auch das Volk vielfach seinen weltlichen Melodien geistlichen Inhalt gab, oft sogar lateinische und deutsche Texte zu bunten Mischgesängen miteinander verband. So entstand um 1350 das Weihnachtslied „In dulci jubilo", dessen erste Strophe diese ganze Dichtungsart charakterisieren möge: In dulci jubilo, Nun finget und seid froh; Unseres Herzens Wonne Leit in praesepio Und leuchtet wie die Sonne Matris in gremio Alpha est et O. So oft Weihnachten wiederkehrte, tauchten neue Lieder auf. Priester dichteten sie für ihre Gemeinde, Organisten schrieben die Weise dazu. Man träumte und fabulierte aus gläubigem Herzen. Franz von Assisis Krippe, die er im Jahre 1223 in einer Waldgrotte der Sabinerberge bei Greceio baute, kam der Sehnsucht des Volkes, das göttliche Wunder der heiligen Nacht in ihrer Mitte aufs neue lebendig werden zu sehen, glücklich entgegen und in allen Landen regten sich fromme Hände, das Mirakel von Bethlehem erstehen zu lassen. Der ärmliche Stall, die Krippe mit Heu und Stroh, die heilige Familie, die Hirten mit ihrem Flötenspiel, die drei Könige mit ihren Gaben und die Tiere des Feldes wurden gestaltet. Vor ihnen versammelte man sich und fang Hirten- und Krippenlieder, in denen man das Kindlein und die Mutter pries, aber auch feine irdischen Anliegen, feine eigenen Freuden und Sorgen vortrug. Dazu jubelten und lärmten Geigen und Flöten, Harfen, Dudelsäcke. Schließlich begann man selbst das Bild der Anbetung und andere Szenen wie die Verkündigung, den Zug der Weisen, die Flucht der heiligen Familie zu stellen. Mit besonderer Vorliebe verlegte man solche Aufführungen, aus denen sich nach und nach ganze Mysterienspiele entwickelten in die Kirche. Knaben und Mädchen umtanzten fröhlich den Hochaltar, auf dem man ein kleines Jesuskind niedergelegt hatte, während die Erwachsenen dazu fangen. Oder zwei Erwachsene setzten sich bei eine Wiege, Joseph und Maria verkörpernd und Maria fang: „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein." Natürlich kamen auch Hirten und Weisen mit ihren Gaben, zumeist mit Eßwaren und Kleidungsstücken, die man für ein kleines Kind für nützlich hielt. Dieses Angebinde ist sehr charakteristisch für die schlichte Denkart und die Zutraulichkeit, mit der man das Weihnachtswunder erlebte. In einem oberösterreichischen Weihnachtslied heißt es: „Rüapl, Jaggl, Hansl, Stöffel, Wastl, Bartl und fein Bua, Nehrnt's ein jeder Virn und Aepfel, Mehl und Milch nehrnt's auch dazua." In einer bayerischen Weise fragen die Hirten das Kind: „Möget Aepfel oder Birn, Oder Nüssen oder an Kos, Willst Zwetschken oder Pflaumen, Oder gar a g'sottnes Gfraß?" Und in einem anderen „Gloria in excelsis" betitelten Lied derselbe» Gegend werden dem Kindlein die notwendigen Kleidungsstücke versprochen: „Wart, wart, du kleines Mannderl, Ich weiß, was ich tu, Ich kauf dir a Gwanderl, A Schacher! dazu, A damastenes Häuberl, Dein Nam muß drauf stehn, Dein Mutter muß selber sagen: Das Häuberl ist schön." Als man schließlich die allzu sehr und zu laut im irdisch Menschlichen sich gefallenden Lieder und Darstellungen aus dem Gotteshaus verbannte, spielte oder fang man bei Besuchen ober zog von Haus zu Haus, den bunten Lichterstern vor sich her tragend. Die drei Könige stellten sich einzeln vor und gaben sich in ihren fröhlichen Liedern und Geschenken nicht minder originell als die Hirten. Erst im 18. Jahrhundert haben wir sichere Kunde vom Lichterbaum, obschon die Weihnachtstanne schon im 16. Jahrhundert bekannt ist. Um diese Zeit entstehen dann auch die schlichten Volksweisen vom Weihnachtsbaum und seinen strahlenden Kerzen, um den sich die Familie zur fröhlichen Feier versammelt. Leider beginnt in diesen Liedern das Weiy- nachtsfest immer mehr seine Bedeutung als Feier der Geburt Christi zu verlieren. Selbst ein sonst den Ton des Kinderlieds fo fein treffender Dichter, wie Hoffmann von Fallersleben, dem wir „Alle Vögel sind schon da" und „Kuckuck ruft's aus dem Wald" verdanken, hat ein ganz farbloses Weihnachtslied geschrieben, das so schnell wie möglich vergessen zu werden verdient. Es ist das Lied vom „Weihnachtsmann", der statt des Christkinds kommt, und der nichts weiter zu bringen weiß, als „Trommel, Pfeifen und Gewehr, Fahn' und Säbel und noch mehr, ja ein ganzes Kriegesheer!" Ein echtes, von inniger Gläubigkeit beseeltes Weihnachtslied dagegen verdanken wir Christoph von Schmid, dessen „Ihr Kinderlein kommet" die kleine Schar hinführt zur Krippe „im nächtlichen Stall" und sie oussordert, ihr Knie mit den anbetenben Hirten zu beugen und mit ben Engeln bas göttliche Kinb zu preisen. Arn weitesten Verbreitung im Volke sand das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht" des Salzburgisthen Pfarrers Joseph Mahr, das die ruhige, feierliche Weise, die der Lehrer- kompanist Franz Gruber schrieb, zum schausten der neueren Weihnachts- lieder machte. Es klingt bei aller Schlichtheit aus ihm eine wahre, tiefe Freude, die beseligt und erhebt. Es hat das, was die Dichterin von Ebner- Eschenbach ein kleines Lied so lieben läßt: ,,... ein wenig Klang, Ein wenig Wohllaut und Gesang Und — eine ganze Seele!" Oer Werhnachtsstern. Von Franz P o c c i. Vom Osten strahlt ein Stern herein Mit wunderbarem Hellen Schein, Es naht, es naht ein himmlisch Licht, Das sich in tausend Strahlen bricht! Ihr Sternlein auf dem dunklen Blau, Die all ihr schmückt des Himmels Bau, Zieht euch zurück vor diesem Schein, Ihr werdet alle winzig klein! Verdunkelt, Sonnenlicht und Mond, Di« ihr so stolz am Himmel thront. Er nahet heilig leuchtend fern Vom Osten her der Weihnachtsstern! Oie Mausefalle. Eine Weihnachtsgeschichle. Bon Selma L a g e r l ö f. (Schluß. „Das hätte ich mir aber doch nicht gedacht, daß das gnädige Fräulein selbst sich die Mühe macht, meinetwegen bei der Nacht in die Schmiede zu kommen", sagte er, „ja, dann geh' ich halt doch mit." Damit nahm er den Pelz, dem ihm der Bediente mit einer tiefen Verbeugung reichte, warf ihn über seine Lumpen, und ohne den erstaunten Männern in der Schmiede auch nur einen Blick zu schenken, ging er an der Seite des jungen Mädchens zum Wagen hinaus. * Der nächste Tag war der heilige Abend. Und als Hüttenherr Will- manson zum Frühstück in den Speisesaal kam, dachte er mit erwartungsvoller Freude an den alten Regimentskameraden, der ihm so recht gelegen und passend in den Weg gekommen war. „Jetzt soll er sich zuerst ordentlich bei uns anessen", sagte er zu seiner Tochter, die irgend etwas auf dem Speisetisch ordnete, „dann will ich schon dafür sorgen, daß er eine bessere Beschäftigung findet, als im Lande herumzuziehen und Mausefallen zu verkaufen." „Cs ist doch merkwürdig, wie rasch es mit ihm bergab gegangen ist", sagte seine Tochter. „Gestern erinnerte nichts an ihm daran, daß er ein gebildeter Mann ist." „Warte nur, mein Kind", sagte der Vater. „Wenn er nur erst ordentlich herausgeputzt ist, wirst du' schon anders sprechen. Gestern war er geniert, verstehst du. Die Vagabundenmanieren fallen mit den Vaga- bundenkleiöern." Gerade als der Hüttenbesitzer dies sagte, ging die Tür auf, und der ehemalige Mausefallenhändler kam herein. Ja, das war sicher: herausgeputzt 'war er. Der Bediente hatte ihm die Haare geschnitten, ihn rasiert und gebadet, er war so rein, daß er förmlich blinkte. Außerdem trug er ganze Schuhe und Strümpfe, ein weißes Hemd mit einem gestärkten Kragen und einen hübschen Sakkoanzug, den der Gutsherr von Ramsjö ihm geliehen hatte. Aber obgleich er so sein herausstaffiert war, schien der Hausherr nicht recht zufrieden. Er betrachtete seinen Gast mit zusammengezogenen Augenbrauen. Denn es ist zu bedenken, als er den fremden Mann in dem flackernden Feuerschein der Schmiede sah, hatte er ihn freilich leicht verwechseln können; aber nun er ihn reingewaschen und rasiert bei vollem Tageslicht sah, gab es keine Möglichkeit mehr, ihn für einen alten Bekannten zu halten. „Was soll das heißen?" brüllte er ihn an. Der andere machte keinen Versuch, sich zu verstellen. Er begriff sofort, daß die Herrlichkeit jetzt ein Ende hatte. „Ja, gnädiger Herr, da kann ich nix dafür", sagte er. „Ich hab' mich nie für was anderes ausgegeben als für einen armen Handelsmann, und ich hab' gebeten und gebettelt, daß man mich in der Schmiede kaffen soll. Und es ist ja weiter kein Unglück passiert, ich zieh' halt meine alten Lumpen wieder an und mach mich auf den Weg." „Nun ja", sagte der Hüttenherr etwas gedehnt, „aber ein ehrliches Spiel war das doch nicht, das mußt du doch einsehen. Und vielleicht hätte der Dorfrichter auch noch ein Wörtchen in die Sache dreinzureden." Der Landstreicher kam nun ein paar Schritte näher heran und schlug mit der Faust auf eine Stuhllehne. „Ich werd' dem gnädigen Herrn sagen, wie die Geschichte ist", sagte er. „Die ganze Welt ist nix anderes als eine große Mausefalle. All das Gute, was man einem gibt, das find nur Speck und Käsebrocken, hingelegt, um einen armen Teufel ins Verderben zu bringen. Und wenn jetzt der Dorfrichter kommen und mich noch einkasteln soll, dann soll der gnädige Herr lieber dran denken, es kann ein Tag kommen, wo er selber Lust auf so ein schönes Speckstückel kriegt und sich in der großen Mausefalle fängt." Der Gutsherr lachte. „Weißt du was, du Schlingel? Das war nicht so übel gesagt. Wir wollen den Dorfrichter am Weihnachtsabend vielleicht in Ruhe lassen. Aber schau jetzt, daß du weiter kommst!" Doch als der Mann sich zur Tür wandte, ergriff die junge Guts- besitzerstochter das Wort: „Ich finde, er sollte heute bei uns'bleiben", sagte sie. „Ich will nicht, daß er geht." Und damit ging sie vor und stellte sich dem Landstreicher in den Weg. „Was um Himmelswillen meinst du?" fragte der Vater. Die Tochter stand mit ganz roten Wangen da und wußte nicht recht, was sie sagen sollte. Seht, morgens hatte sie sich so schön ausgemalt, wie sie es so recht gut und weihnachtlich für den armen, verhungerten, ver- wilderten Menschen, der zum Heiligenabend zu ihnen gekommen war, einrichten wollte. Sie konnte sich nicht so plötzlich von diesem Gedanken losreißen, und so hatte sie gebeten, daß der arme Landstreicher bei ihnen bleiben dürfte, damit sie doch für irgend jemanden das Fest feiern konnte. „Ich denke an diesen Wandersmann", sagte das junge Mädchen. „Er geht und geht das ganze liebe Jahr, und sicher gibt es auf der ganzen Erde kein Fleckchen, das er fxin nennen könnte, keinen Ort, an dem er willkommen ist und in Frieden ruhen kann. Gehetzt und vertrieben wird er wohl überall, wo er hinkommt. Er hat immer Angst, eingefangen und feiner Freiheit beraubt zu werden. Ich wünschte, er fände doch hier bei uns einen Tag des Friedens. Einen einzigen im ganzen Jahr." Gutsbesitzer Willmanfon murmelte etwas in feinen Bart. Er konnte sich nicht recht aufraffen, der Tochter entgegenzutreten. „Es mag fein, daß das Ganze ein Irrtum war", sagte das junge Mädchen, „aber jedenfalls finde ich, wir können den nicht fortweifen, den wir zu uns gebeten haben und dem wir eine Weihnachtsfreude versprachen." „Du predigst ja besser als ein Pfarrer", sagte der Gutsherr. „Nun ja, ich will nur hoffen, daß du das, was du tust, nicht zu bereuen hast." Da nahm die Gutsbesitzerstochter den fremden Mann bei der Hand und führte ihn zum Eßtifch. „Setz dich nieder und iß mit uns", sagte sie, denn sie merkte ja, daß der Widerstand des Vaters überwunden war. Der Mausefallenhändler hatte die ganze Zeit über kein Wort gesagt, und auch jetzt verhielt er sich still. Aber er sah das junge Mädchen nur immerzu an, das sich so für ihn eingesetzt hatte. Was sie für ihn getan, war etwas fo Wunderbares, daß es ihn ganz verstummen ließ. Dann verging dieser Weihnachtsabend auf Ramsjö ungefähr ebenso wie alle anderen Weihnachtsabende. Man hatte nicht viel Mühe mit dem fremden Gast, denn er tat eigentlich nichts anderes als schlafen. Den ganzen Vormittag lag er auf dem Sofa des Fremdenzimmers schlafend. Um die Mittagszeit wurde er geweckt, damit er von all den Weihnachtsspeisen mitessen konnte, aber dann schlief er weiter. Es war, als hätte er seit Jahr und Tag keinen guten erquickenden Schlummer gefunden, bis er nun hierher gekommen war. Am Nachmittag, als der Christbaum angezündet wurde, weckte man ihn abermals, und da stand er nun ein Weilchen und sah blinzelnd in die Weihnachtskerzen, und als die Weihnachtspolka gespielt wurde, tanzte er eine Runde herum. Aber die Augen fielen ihm dabei zu und er verschwand wiederum. Einige Stunden später wurde er noch einmal gestört. Er sollte in den Speisesaal herunterkommen und Fisch und Grütze mit ihnen essen. Doch kaum war er vom Tische aufgestanden, ging er van einem zum andern, gab die Hand und sagte gute Nacht und vielen Dank. Als er zu dem jungen Mädchen kam, sagte sie ihm, ihr Vater wünsche, daß er, die Kleider, die er anhabe, als Weihnachtsgeschenk betrachte. Er brauchte sie nicht zurückzugeben. Und wenn er am nächsten Weihnachtsabend in ein Haus kommen wollte, wo er sich in Frieden ausruhen und sicher sein konnte, daß ihm nichts Böses widerfuhr, fo möchte er zu ihnen kommen. Der Mann erwiderte nichts auf dies. Er sah die Gutsbesitzerstochter nur mit derselben unermeßlichen Verwunderung und Bestürzung an. Am nächsten Morgen standen Hüttenherr Willmanfon und seine Tochter sckon in aller Frühe auf, um zur Weihnachtsmette zu fahren. Ihr Gast schlief noch immer, und man ließ ihn schlafen. Es wäre unbarmherzig gewesen, ihn zu stören. Als sie gegen zehn Uhr zurllckkamen, ließ das junge Mädchen den Kopf noch tiefer hängen als gewöhnlich. Sie hatte in der Kirche gehört, daß einer der früheren Taglöhner des Gutes von einem Kerl bestohlen worden war, der herumging und Mausefallen verkaufte. „Ja, das ist ja ein netter Geselle, den du da ins Haus gebracht hast", sagte der Vater. „Ich möchte wissen, wie viel silberne Löffel jetzt noch in unserem Büfett liegen." Kaum war der Wagen vor der Freitreppe stehen geblieben, als der Gutsherr sich beeilte, den Bedienten zu fragen, ob der Fremde noch im Haufe fei, und er fügte hinzu, sie hätten in der Kirche gehört, daß er ein Dieb fei. Der Bediente erwiderte, der Mann fei fort, aber er habe nichts mitgenommen. Vielmehr habe er ein kleines Päckchen zurückgelasfen, das das gnädige Fräulein die Güte haben sollte, einem alten Mann zu senden, der einmal Taglöhner auf dem Gute gewesen war und jetzt aus der anderen Seite des Waides an der großen Landstraße wohnte. „Er bat, das gnädige Fräulein solle das Päckchen zuerst öffnen", sagte der Bediente. Das junge Mädchen riß den Umschlag auf und stieß einen kleinen Freudenschrei aus. Sie hatte eine kleine Mausefalle gefunden, in der drei zufammengerollte Zehnkronenscheine lagen. „Da siehst du, Papa", sagte sie. „Er ist allerdings in der Falle gewesen, aber diesmal ist es ihm doch gelungen, wieder herauszukrabbeln." (Autorisierte Üebersetzung von Marie Franzos.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts^Duch- und Steindruckerei. Jl. Lange, Sieben.