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Wenn ich dir noch sage — Jimmy hat es mir einmal erzählt — daß sie zusammen das College und die Militärschule besucht hatten, daß sie zusammen befördert und zusammen — immer gleich unglücklich — die gleiche Liebe geliebt hatten, wirst du sie um diese Freundschaft beneiden, wie ich es tat. Die Verluste der 15er waren damals so stark gewesen (ein Volltreffer hatte den halben Stab erledigt), daß sie einstweilen unserem Regiment angegliedert worden waren. Unser Frontabschnitt bekam bann wieder ruhigere Tage, und in dieser Zeit, in der Messe und im Dienst, kam ich den dreien allmählich näher. Jimmy konnte ich besonders gut leiden. Es ging uns zwar allen so. Fast allen — denn allein unser alter Kommandeur, der häßliche, schiefnäsige Oberst Fly, schien gar kein Verständnis für Menschen dieser Art zu haben. Ein Mannsbild, das weder fluchte noch trank, das nicht rauchte und nie aus seiner guten Laune zu bringen war, war für ihn eben keines. Es war ihm dabei vollkommen gleichgültig, und er ignorierte es glatt, daß Jimmy feinen Dienst ebensogut wie mancher andere ober sogar noch besser versah. But Burberry und Jak Brown waren ihm unverkennbar lieber; ihre karge, schroffe Art gefiel ihm, schien ihm soldatisch, wenn er auch nie versäumte, sich über das Kleeblatt — und stets mit einem bösen Seitenhieb auf Soleil — luftig zu machen. Die drei aber hielten wie Pech und Schwefel zusammen, sie verstanden es bald vorzüglich, But und Jak trocken, Jimmy unnachahmlich, gewisse anzügliche Bemerkungen zu machen, die der Oberst gar nicht gerne hörte. Er wollte es nie wahr haben, was doch jeder wußte: daß er zuhause einen bitterbösen Drachen zu bekriegen hatte, demgegenüber ihm die Front wie ein Erholungsurlaub bekommen mußte. So vergingen Monate, ohne daß sich Besonderes ereignet hätte. Da geschah es, daß eine deutsche Nachtpatrouille in Jimmys Graben ein« drang, die außer den üblichen, so begehrten Konserven, auch noch einige Gefangene mitnahm. Das war peinlich, hätte aber jedem andern auch passieren können. Fly raste wie noch nie. Er nahm sich- Jimmy gründlich vor und sparte nicht mit ungerechten Worten: das käme eben davon, wenn man Weiber zu Offizieren habe. Alles hätte er sagen dürfen, bloß das nicht. Jimmy war, bei Gott, kein Feigling. Er hatte tapfer gekämpft, einen Streifschuß erhalten und war dann wieder an seinen Dienst gegangen, als ob nichts gewesen wäre. Wir empfanden Flys Benehmen empörend. Derartiges war früher nie vorgekommen. Er war immer ein gerechter Vorgesetzter gewesen... Soleil hatte einen neuen Abschnitt mit einem sehr exponierten Grabenstück erhalten, um dessen Besitz dauernd gestritten wurde. Keiner konnte verstehen, warum ihm unser Alter, wenn er ihn schon für feige hielt, diesen äußerst verantwortungsreichen Posten übertragen hatte. Wollte er damit sagen, daß er etwas gutzumachen hatte? Ein paar Tage später, bei fortgeschrittener Dämmerung, revidierte Fly den Graben. Nörgelte, lobte, je nach seiner Auffassung. Ich glaube bestimmt, daß er Jimmy gerne eines gewischt hätte, aber er fand nichts. Es war alles in Ordnung, die Mannschaft liebte ihren Leutnant, sie nahm sich in Acht. Die glatte Meldung Soleils nahm der Alte mit verbissener Wut entgegen. Er hatte von der Verletzung des Jungen gehört. Da wäre es doch nur recht und in Ordnung gewesen, wenn er jetzt irgend etwas Anerkennendes gesagt, oder wenn er nur einen freundlichen Witz gemacht hätte. Aber er kann es nicht. Es kommt ihm vielmehr vor, als ob hinter dem höflichen Dienstgeficht des andern noch etwas verborgen wäre. Er weiß nicht recht was. Vielleicht bildet sich der Junge da zu viel auf seinen Graben ein? He? Das gewinnende Lächeln vorhin, wie er an der Graben-Nock das Maschinengewehr untersuchte? Meint er am Ende gar ...? No, der alte Fly ist noch lange kein Etappenschwein! Wenn er auch nicht ständig draußen sein kann. Er wird ihm etwas geigen! Und verbohrt in die plötzliche Idee, zieht er seine Zigarrentasche aus dem Mantel und zündete sich umständlich und weithin leuchtend eine seiner schweren Brasilzigarren an. Er springt auf den Lausbord, und ehe ihn einer daran hindern kann, steht er droben auf dem Graben. Raucht und schaut mit dem Glas seelenruhig zu den andern hinüber. Der Leutnant denkt, jeder denkt, jetzt geht es gleich los. „tat, tat, tat!" und er kollert in den Graben. Aber es geschieht nichts. Nichts! Erst wie er wieder drunten, neben Soleil und hinter der sicheren Grabenwehr steht, besinnen sich die Deutschen. Die Schüsse, die jetzt haarscharf über den Graben flitzen, nimmt Fly — wie irgendein Darsteller für seine Leistungen — als gerne gehörten Beifall entgegen. Er freut sich, lacht, ist auf einmal ganz jovial, zieht seine dicke Zigarrentasche und hält sie dem Leutnant entgegen: „Rauchen Sie, Sir?" „Danke, nein, Herr Oberst!" Jahrgang <950 Montag, den 22. September Nummer 75 SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger September. Von Siegfried von Vegesack. September — das klingt so tapfer und so hell, wie ein Trompetenstoß vor harter Schlacht, so wie ein Lied, das wandernd ein Gesell keck vor sich herpfeift in die finstre Nacht. September — das lodert toll und rot wie Buchenwälder, wenn der Abend glutet, wie wilder Wein, der an den Mauern blutet, schon angerührt vom ersten Frost und Tod. September — das schmeckt wie herber Wein, den wir zum Abschied an die Lippen führen, wie Lippen, die sich einmal noch berühren vor Dunkelwerden, Nacht und Einsamsein. September — das klingt so tapfer, fo voll Uebermut, wie junges Lachen einer reifen Frau: schon färbt das Haar sich an den Schläfen grau, doch heißer, als im Sommer, brennt das Blut. September — das strahlt so heiter und so licht wie Siebe, die ein tiefer Schmerz verklärt, wie Sommerglück, das nie mehr wiederkehrt, wie eines Weisen lächelnder Verzicht. Oie Zigarre. Von Otto Ehrhart, Dachau. Neulich, natürlich in München und als Führer einer amerikanischen Reifecrew, traf ich Blurry wieder, Blurry, den famosen kanadischen Sportsmann und Jäger, mit dem ich seinerzeit in Hojdalen Ryper jagte. Wir hatten uns viel zu erzählen. Jeder war im Krieg gewesen. Er als Leutnant auf der andern Seite. Aber das hinderte uns nicht, daß vir uns — einer über den andern — unbändig freuten. Abends saßen wir unter den Bäumen eines Restaurants im Englischen wirten. Wir hatten gegessen, guten Wein getrunken und uns eben frische Darren angesteckt, die, wenn wir daran sogen, wie freundliche Glühwürmchen aus der warmen, verschlafenen Dämmerung winkten. Blurry sah mich nachdenklich an und meinte: , »Wenn ich dich so rauchen sehe, nicht nur dich, wenn ich überhaupt jemanben im Dunkeln rauche sehe, fällt mir immer die Geschichte des ßsutnants Soleil mit feiner Zigarre ein." Ich wollte die Geschichte schon hören, aber in einer Stunde ging mein Zug. Deshalb fragte ich: „Ist sie sehr lang?" „Kurz, Boy. Kriegserlebnis. Aber vielleicht willst du davon nichts mehr wissen?" „O doch. Fang an!" »Well ... 1917 lagen wir in Reserve hinter dem 15. kanadischen Regiment. Ich weiß nicht, was euer Generalstab damals mit uns vor- we. Jedenfalls ging es sehr lebhaft zu. Es hagelte uns tagelang in die ™t>e. Du kennst ja den Rummel. Alarm, wenn man eben ein bißchen wafen wollte. Trommelfeuer. Gas. Sturmangriff. Uns war es bisher M verhältnismäßig gut gegangen. Die 15er aber hatten katastrophale Muste. Einmal, nachts, wurden wir zum Entsatz vorgezogen. Schnür- welftarfe Regenfäden, Leuchtraketen, Spektakel, Krach, Dreck und Rauch. ^>n,. alle drei Leutnants, patente Kerle. Ein unzertrennbares Klee- Utt. Jimmy war so ein Junge, den man auf den ersten Blick gern hat. 1« t r blimäugig, kräftig und geschmeidig, dazu hatte er — was Männer leiten haben — Charme. But und Jak waren anders: harte, stramme, unkte Kerle, wie Bulldoggen, die sich — wie ich später noch oft feststellen nnte — durch nichts aus der Ruhe bringen ließen. Im Gegensatz zu weder rauchte noch trank, liebten sie den Alkohol. Sie ver- । täglich ein Quantum Tabak, hinter dessen Wolken man die halbe n.? . vy hätte verschwinden lassen können. Jimmy war witzig, ent- o^uwmmend, immer heiter, und nahm sofort für sich ein. Die beiden “Oern sand ich auf die Dauer etwas langweilig und gar zu wenig „Bitte, rauchen Sie einmal!" Soleil überlegt kurz: „Zu Befehl!" Er nimmt die bargebotene Zigarre. Der Oberst grüßt kurz und meint, schon wieder bissig, halb im Gehen: „Jetzt können Sie einmal zeigen, daß Sie ein Mannsbild sind!" Er drehte sich nach einmal um. Ein merkwürdiger Glanz ist in den Augen des Alten: „Wenn Sie wirklich Feuer brauchen sollten, die Deutschen werden Ihnen sicher welches geben." Jimmy hat immer noch die Hand am Helm. Was soll das heißen? War es ein Witz ober eine Beleidigung? Er ist wütend, empört. Man ist sechsundzwanzig und kein Kind mehr... Ein paar Stunden waren seitdem vergangen. Es ist Nacht. Eine verhältnismäßig ruhige Nacht. Da ist sogar ein Mond. Wenn sein trübes Licht durch die bewegten Walken fällt, sieht man eine Kraterlandschaft, die genau so unwirklich und so fern wie die dort oben ist. Aber es ist ein Gestank da, der einen an die Welt erinnert. Die vielen verwesenden Leichen... But Burburry hat Dienst im Nachbargraben. Auf einmal, drüben bei den Deutschen: Komandos, Gesetz und Geschrei. Schüsse und platzende Handgranaten. Ist eine Patrouille draußen? Niemand weih etwas. Vom Abschnitt Soleil ist zwar keine Antwort zu bekommen. Aber ein Melder ist unterwegs. Eine Weile knallt es noch, bann wird es wieder still. Leuchtraketen steigen. Es ist wie vorher, blaß gespannter, und der Mond ist hinter die Wolken gegangen. Der Nordkanadier Soerfen, aus Dawson, der lange Felljäger war, ist letzter Posten des Flügels, der dem Abschnitt Soleils am nächsten steht. Jversen hat verdammt gute Augen. Er sieht einen roten Funken auf dem Feld. Zuerst war er da, nun ist er dort verschwunden. Aus einem Granattrichter leuchtet es rötlich herauf. Weih der Teufel, was das ist? Denn es wird doch wohl keinen geben, der zwischen zwei Schützengräben mit der brennenden Zigarre spazieren geht? Da muß etwas los fein. Jversen denkt: Dazu bist du da. Wenn es wiederkommt, wirst bu feuern. Und schau — da ist es ja wieder, schon bedeutend näher. Der Soldat bringt Kimme und Korn in Linie, atmet ruhig aus, faßt an und läßt fliegen: „Päng!" Und der Funken versinkt. Draußen winselt etwas. Jversen freut sich, daß er getroffen hat. Nach einer Weile schreit es: „But!" „Gottverdammich!" „But" und noch einmal schwächer: „But!" Jversen ahnt, daß er etwas Dummes gemacht hat. Er gibt die Meldung weiter: Draußen liege einer und schreie „But!" Er hätte vorher vorschriftsmäßig auf eine dunkle, sich bewegende Masse mit einem roten Funken gefeuert. Auf einmal ist auch der Melder da, der berichtet, daß Leutnant Soleil, ein Korporal und zwei Leute abgängig seien. But kriecht mit zwei Leuten durch den Draht. Sie finden Jimmy und bringen ihn noch vor Tag herein. Einschuß in die Schulter, Ausschuß am Knie, also durch den ganzen Leib. Jimmy lebt noch. Er deutet mit den Augen auf die Tasche und But zieht verständnislos eine angerauchte, halbzerquetschte Zigarre hervor. Auf des Jungen Mund blühen rote Rosen. Jedes Wort ist rot: „Für den Oberst. Deutsches Feuer. Grüß ... Jak ... Farewell ... But .., Endlich ist es aus. But Burburry, der harte, hundsfchnäuzige, saufende und trinkende Soldat, But, bas Mannsbild — heult. Er heult und fchämt sich nicht, daß er es sozusagen vor versammelter Mannschaft tut. * Bier Tage darauf fiel der Oberst Fly. Er war wieder auf den Graben gestiegen; kein Schwein hatte ihn daran gehindert, und kein Hahn krähte ihm nach. Wir haben ihn redlich gehaßt. Heute denke ich milder in der Sache. Stabsarzt Down, ein Jugendfreund Flys, hat mir nach dem Kriege erzählt, daß Jimmys bildschöne Mutter einmal die Verlobte Flys gewesen sei. Sie hätte die Verlobung wieder aufgelöst, nachdem sie Soleil kennengelernt hatte. Er sagte, Jimmy fei das absolute Ebenbild seines Vaters gewesen ... Fly hat bann später reich geheiratet. Wie diese Ehe ausfiel, wissen wir ja." „Das ist die Geschichte mit der Zigarre des Leutnants Soleil", schloß Blurry. — Es war eine milde Nacht geworden. Wir wußten uns nichts mehr zu erzählen. Manchmal sah ich des Freundes Zigarre im Dunkeln schimmern, und mir war zumute, als sei ich bei allem, was er mir erzählt hatte, gegenwärtig gewesen. Oie verschollene Franklin-Expedition. Von Sven H e b i n. Merkwürdige Duplizität der Ereignisse: drei Wochen nach der weltbewegenden Auffindung der seit 1897 vermißten Andree-Expedition wurde bekannt, daß ein kanadischer Polarforscher, Major B u r w a s h auf der King-William-Jnsel die Reste zweier arktischen Winterlager entdeckt habe, die von der berühmten englischen Polarexpedition Franklins herrühren müssen. Sir John Franklin versuchte im Jahre 1845 bie sog. Nordwestdurchfahrt ausfindig zu machen und ist, wie man sich erinnert, mit zwei Schiffen und 128 Mann seit dieser Zeit bis auf geringe Spuren verschollen, obwohl später mehrere Suchexpeditionen nach ihm geforscht haben. — Sven Hedin schildert in seinem bei F. A. Brockhaus, Verlag, in Leipzig erschienenen Buche „Von Pol zu Pol" das mutmaßliche Ende der Franklin-Leute im Polareis. „Wieder kam die Zeit, wo das Eis sich in Bewegung zu setzen begann und man auf offenes Wasser hoffen konnte. Sicher machten die Gefangenen des „Erebus" und „Terror" Ausflüge nach allen Seiten hin, um zu fehen, wo die Brandung des offenen Meeres am nächsten fei. Vielleicht versuchten sie auch, mit Eissäge und Sprengpulvern sich aus ihren Banden zu befreien. Alles umsonst! Das Eis hielt sie fest! Eines Tages aber entdeckten sie zu ihrer großen Freude, daß sich das ganze Eisfeld südwärts bewegte. Wenn sie doch nur das feste Land auf diese Weise erreichen könnten! Eine große amerikanische Gesellschaft, die sich nach der Hudson- Bai benannte, hatte weit droben im Norden kleine Handelsstationen angelegt. Nur bis dahin gelangen, bann war man gerettet! Der Herbst machte Fortschritte, aber bie Hoffnung auf Befreiung wurde wieder vereitelt. Nun, wo der Winter so nahe war, noch einen Versuch zur Erreichung des Festlandes zu machen, war undenkbar. Denn in jenen endlosen Einöden findet sich im Winter kein Wild, und das Wandern nach Süden führt daher zum sichern Hungertod. Im Sommer dagegen konnte man hoffen, dort schon ziemlich früh auf [Remitiere zu stoßen und auf Moschusochsen, diese seltsamen Polartiere, die ebensoviel Aehnlichkeit mit dem Schaf wie mit dem Rind haben, die von Flechten und Moosen leben und nicht weiter südwärts gehen als bis zum 60. Breitengrad. Im Westen Nordamerikas fällt die südliche Grenze für dos Auftreten der Moschusochsen ungefähr mit der nördlichen Baumgrenze zusammen. Eine Herde von zwanzig bis dreißig Tieren hätte Franklins notleidende Seeleute vom Tode errettet! Wäre man wenigstens Eisbären begegnet! Oder besser noch Seehunden und Walrossen mit ihrer dicken Speckschicht unter der Haut. Auch der Polarhase wäre nicht zu verachten gewesen, wenn er sich in genügender Anzahl eingefunden hätte. Der Bergfuchs, der von Vogeleiern und jungen Vögeln lebt und im Winter, unkenntlich durch sein weißes Fell, auf die Schneehuhnjagd geht, wäre freilich weniger verlockend gewesen. Nun aber war die Jahreszeit schon zu weit vorgeschritten, und die wilden Tiere zogen sich vor Schnee und Kälte südwärts. Sicherlich berieten die Offiziere, was nun zu tun fei. Sie hatten Karten und Bücher an Bord und wußten genau, wie weit es bis zu den ersten Handelsstationen der Hudson-Bai-Gesellschaft war, auf dem Wege dorthin hatten sie möglicherweise Aussicht, auf Wild ober Eskimos zu stoßen. Man beschloß aber, auch den dritten Winter an Bord auszuhalten! Warum benutzten sie nicht den Herbst, um die Walfischboote, Schlitten, Zelte, Werkzeuge, Munition und das ganze schwere Gepäck auf der King- William-Jnsel an Land zu bringen? Selbst bei der abnehmenden helle hätten sie täglich doch mehrere Stunden arbeiten können. Und nun zogen sie vor, in ihren Kabinen Winterschlaf zu halten! Jedenfalls waren sie völlig niedergeschlagen und sahen der Dunkelheit mit Grausen entgegen. Noch ging die Sonne auf, beschrieb im Süden aber nur einen flachen Bogen und tauchte nach anderthalb Stunden wieder unter. Bald dauerte der Tag nur noch eine halbe Stunde, der hellen Minuten wurden immer weniger, und eines Tages sah man nur noch den oberen Schneerand wie einen strahlenden Rubin einen Augenblick über dem Horizont funkeln, Am nächsten Tage schon herrschte um Mittag Dämmerung; nur ein Widerschein der Sonne flammte gleich einem Abendrot über dem südlichen Himmel auf. Dann wurde die Dämmerung tiefer und tiefer. Zwar gewahrte man im Süden um Mittag noch einen glutroten Streifen, bet einen matten Purpurschimmer über die Eisfelder warf. Aber auch dieser erlosch, und die Polarnacht, die auf diesem Breitengrade ganze sechzig Sage dauert, während sie am nördlichen Pol sogar ein halbes Jahr währt, war da, und die Sterne funkelten wie brennende Fackeln auf blauschwarzem Grund, selbst dann, wenn die Uhr in der Offiziers,nesss die Mittagsstunde verkündete! Immer freilich war es wohl nicht so pechfinster. Außer den Sternen, die in der reinen Luft bei der scharfen Kälte viel klarer leuchten als in den mehr von der Natur begünstigten Ländern, tut auch der Mond seinen Dienst. Aber sein Licht ließ die im Frost erstarrte Heimat des Schnees und Eises noch viel ober und unheimlicher erscheinen. In der Dunkelheit sah man wenigstens nicht, wie öde es auf allen Seiten war. Wer zum erstenmal im hohen Norden überwintert, findet die Polarnacht wunderbar anziehend, das tiefe Schweigen der kalten Dunkelheit und das klagende Heulen des dahinfegenden Schneesturmes. Nichts aber ist bewundernswerter als das Nordlicht... Für die im Eis gefangenen Engländer hatten die Flammenzungen des Nordlichts wohl keine Anziehungskraft mehr! Ausgemergelt und abgestumpft, des verdorbenen Proviants überdrüssig, von drei Wintern endlosen, müßigen Wartens mürbe gemacht, lagen sie in ihren Kosen unb hörten die Uhr die Sekunden abticken. Die einzige Abwechselung d-s eintönigen Lebens waren noch die Todesfälle. Die Zimmerleute hatten ollt Hände voll zu tun, und Kapitän Crozier kannte seine Leichenreden inm schon auswendig. Neun Offiziere und elf Matrosen starben während der beiden letzten Winter, die meisten jedenfalls während des dritten. M verriet ein kleiner Papierstreifen, der versiegelt in einer Steinpyramioe an der Küste niebergeiegt und elf Jahre später gefunden wurde. Auch die Monate'dieser Finsternis näherten sich ihrem Ende. Der wie Streifen entzündete sich wieder im Süden und wurde allmählich hellen Dämmerung löste die Dunkelheit ab, und endlich blitzten die ersten eon- nenstrahlen wieder am Horizont. Nie wohl haben die Brahminen an den Ufern des Ganges die aufgehende Sonne mit größerem Jubel willkommen geheißen als die Mannschaft dieser beiden Unglücksschiffe „Erebus un „Terror". Mit der neuen Sonne erwachte die Hoffnung ber Besatzung nun zum letztenmal! Wer Kapitän Crozier persönlich gekannt hat, wa überzeugt, daß er die Hoffnung nie aufgegeben hat. . , Jetzt galt es den letzten Versuch. Der Kapitän hielt an feine U" eine Ansprache und verbarg ihnen nicht, daß ihr Leben auf dem epi stehe, und daß er bas Aeußerste von ihnen erwarten müsse. Noch war- himdertfünf Mann beisammen, aber viele wahrscheinlich krank mm ! ' benb, und alle ganz entkräftet. Indes mit dem zunehmenden Licht r 8 sich wieder die Lebens- und Arbeitslust. Mehrere Schlitten wurden y' gestellt, plump und schwer freilich, aber auch stark. Drei Walfische' ' die feit zwei Jahren feftgefroren in ihren Davits gehangen hatten, wu losgemacht und auf das Eis Herabgelaffen. Das Beste der noch vo x denen Lebensrnittel wurde ausgesucht, und um die Boote herum ew sich ganze Proviantstapel. Mit'steigender Erregung sah man die Tag für Tag länger über dem Horizont verweilen. Sicher wuroe Banden aber ent- südwärls erreichen Hudson- Stationen Befreiung 3d) einen ar. Denn und das Sommer ntiere zu rbensoviel Flechten 60. Brei- für das umgrenze Zranklins ens Eis- mit ihrer nicht zu >en hätte, und im agd geht, und die ) berieten rücher an Stationen sie mög- beschloß Schlitten, »er King- )en Helle un zogen varen sie entgegen, n flachen d dauerte ’n immer chneerand t funkeln, nur ein südlichen r. Zwar eifen, der uch dieser ;« sechzig des Jahr ckeln ans jiersmeffe Sternen, en als in nd seinen Schnees ■ Dunkel- ie Polardunkelheit chts aber mgen des und ab1 Wintern kosen und des ein- atten alle eben nun ;renb der :ten. Das Pyramide de. Der rote ch heller, ten 6on- n an den llkommen jus" und öesahung hat, war ne Leute n Spiele ch »areii und ftef icht regle den her- ischboote, , wurden ' vorhaN' erhoben e Sonne urde ein ausführlicher Bericht über Me bisherigen Schicksale der Expedition niedergeschrieben und an Bord zurückgelassen. Als alles Gepäck auf dem Eise beisammen war, wurden Vorräte, Zelte, Instrumente mit Stricken auf je einem Schlitten festgeschnallt. Ein besonderer Schlitten mit Betten war für die Kranken bestimmt. Während dieser Vorbereitungsarbeiten wurden die Tage immer länger, und schließlich wurde das Verlangen zum Aufbruch so stark, daß nichts mehr die Mannschaft zuruckhalten konnte. Aber dieser zu frühe Aufbruch besiegelte ihr Schicksal! Weder Wild noch Eskimos gehen vor dem Spätsommer noch so weit nach Norden, und auch bei voll beladenen Schlitten konnte der Proviant nur vierzig Tage reichen! Am Tage vor dem Abmarsch traf jeder noch eine letzte Auswahl unter seinen Habseligkeiten, teuere (Erinnerungen M Angehörige, die Bibel und die Uhr, die den trägen Gang der Zeit verkündete, führte jeder der schwergeprüften Seemänner in der Tasche mit sich. Die Offiziere betraten zum letztenmal ihre leeren Kabinen, um sich zu überzeugen, daß nichts Wichtiges vergessen war. Im Innern der Schiffe sah es aus wie in einem Hause, das bei einer Ueberschwemmung Hals über Kopf verlassen wurde und aus dem man nur noch das Unentbehrlichste hat mitnehmen können. Arn 22. April 1848 ertönte das Signal zum Aufbruch, und die viel zu schwer beladenen Schlitten knarrten langsam und ruckweise über das mit Schnee bedeckte, höckerige Eis. Beile, Spieße und Spaten sind unausgesetzt tätig, um scharfe Kanten wegzuhauen und hinderliche Blöcke beiseite zu räumen. Nur fünfundzwanzig Kilometer find es bis King-William- Land, trotzdem dauert es drei Sage! Gar zu langsam verkleinern sich die Masten und der Rumpf der zuriickgelassenen Schiffe, aber schließlich verschwinden sie doch. Nun aber sah der Kapitän ein, daß es so nicht weitergehen konnte. Das Gepäck wurde aufs neue durchgefehen und alles irgend Entbehrliche ausgesondert. Die spätere Entsatzexpedition sand an dieser Stelle Massen der verschiedensten -Dinge, Uniformstücke, Messingknöpfe, Metallgegen- stände und ähnliches, was man als Münze beim Tauschhandel mit Eskimos und Indianern hatte gebrauchen wollen. Mitgeführt wurde aber aller Proviant und alle Munition; denn wenn jener zu Ende ging, war diese ihre einzige Rettung. Mit leichteren Schlitten fetzte sich der Zug längs der Westküste in Bewegung. Aber noch war man nicht weit gekommen, als John Irving, Leutnant auf dem „Terror", zusammenbrach. Mit feiner blauen Uniform bekleidet, in Segelleinen eingewickelt, ein seidenes Tuch um die Stirn gewunden, wurde er zwischen schräg gestellten Steinen eingesargt und das Grab mit flachen Steinplatten bedeckt. Neben seinem Kopf lag eine silberne Medaille, auf deren Vorderseite stand: „Zweiter Mathematik- xreis der Königlichen Seekriegsschule. Dem John Irving am Mittsommertag 1830 zuerteilt." An dieser Medaille wurde der Tote nach langen Jahren wiedererkannt, und seine Ueberrefte konnten daher nach seinem Geburtsort gebracht werden. Zwei Buchten der Westküste von King-William-Land sind nach den beiden Unglücksschiffen der Franklin-Expedition benannt worden. Am Strande der nördlichsten, der Erebus-Bai, waren die Kräfte der englischen Seeleute so erschöpft, daß sie zwei Boote nebst den Schlitten, auf denen sie nun unnötigerweise soweit mitgeschleppt worden waren, zurückließen. Eine Masse anderer Dinge wurde gleichfalls hier geopfert. Hier unb da bezeichnete ein Grab ihren Weg — und immer einfacher wurden diese Grabstätten, je weiter die Schar nach Süden vordrang. Da kam das Schrecklichste. An der Terror-Bai hielten die Bande der Kameradschaft sie nicht länger zusammen! Keine Macht mehr hatte der Befehlshaber über die Mannschaft! Die ungefähr hundert noch Ueber- lebenden trennten sich in zwei wahrscheinlich gleiche Teile. Der eine mit den Schwächeren wollte zu den Schiffen zurückkehren, wo man wenigstens vor Wind und Wetter geschützt war und noch Lebensrnittel fand. Der andere zog mit dem dritten Walfischboot längs der Südküste weiter und hasste dann zum Festland hinüber nach dem großen Fischfluffe zu gelangen. Zweifellos beabsichtigten diese, sobald sie Hilfe gefunden, zu ihren Kameraden zurückzukehren. Verzweifelt muß die Wanderung der Zurückkehrenden gewesen fein, verzweifelt auch der Marsch derjenigen, die weiterzogen. Von den ersteren weiß man so gut wie nichts. Die letzteren schleppten sich, ihre schweren Schlitten ziehend, müden Schritts weiter, bis sie einer nach dem andern zusammenbrachen. Niemand dachte mehr daran, die Leiche des Kameraden zu begraben; eines Sterbenden wegen konnte man sich nicht aufhalten! Jeder hatte für sich selbst genug zu sorgen. Einige starben im Gehen; dies sah man später an Skeletten, die man, auf dem Gesicht liegend, sand. Vergeblich schleppten die Ueberlebenden ihre Munitionskisten mit, ohne auch nur einen Schuß abfeuern zu können, denn keine Spur von -wild kommt im Mai und Juni auf der Insel vor. Immer weniger wurden derer, die das Boot über Schnee und Eis wrweg noch ans Land ziehen konnten. Nun warteten sie auf offenes asaffer, um über den Sund aufs Festland hinüberzukommen. Anfang auu pflegt das Eis aufzubrechen, und jedenfalls sind die llebeitfebenben ® tiefer Zeit dort übergefetzt, denn das Boot wurde später in einer -Bud;}, die jetzt die „Todesbai" heißt, gefunden. Hätte man später dort nur , 5 ®o°t aufgefunden, so wäre es ebensogut möglich gewesen, daß Wind und Wellen es dorthin verschlagen hätten, aber die Skelette im Boot iud am Strand und allerlei Ausrüstungsgegenstände'zeigten, daß das