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Raff' auf dich, zu reisen, Im Flug nur entfliehst du Gewalt und Gesetz. Im Flug nur entfliehst du der eigenen Schwere, Die dir dein Wesen umschränkt und erdrückte Wirf dich ins Weite, wirf dich ins Leere, Nur Ferne gewinnt dich dir selber zurück! Siehl bloß ein Ruck, und schon rauscht es von Flügeln, Für dich braust eine eherne Brust, Heimat stürzt rücklings mit Hängen und Hügeln. Ein Neues, es wird dir neuselig bewußt. Die Grenzen zerklirren, die gläsernen Stäbe, Sprachen, die fremden, sie eint dir der Geist Unendlicher Einheit, da er die Schwebe Der vierzehn Völker Europas umkreist. Und in dem Hinschwung von Ferne zu Fernen Wächst dir die Seele, verklärt sich der Blick, So wie die Welt im Tanz zwischen Sternen Schweigend ausruht in großer Musik. Schwedens fröhlicher Sommer. Von Alfons P a q u e t. Paquets dichterische Gabe, Natur und Kultur fremder Länder und ihrer Menschen geistig zu erfassen und mit dem vollen Atem der Lebensnähe nachzugestalten, gibt ihm seinen hohen Rang unter den namhaften Reiseschriftstellern der Welt. Gewiß, auch für den schwedischen Winter gilt die blaue Flagge mit dem gelben Kreuz gleichsam als das farbige Symbol eines strahlenden himmele über der reinen Schneefläche, und in tausend papiernen Fähnchen hängen diese Farben an den dunkeln schwedischen Weihnachtsbäumen. Aber die blaugelbe Flagge ist noch tausendmal mehr das Abbild aller Wonnen des Sommers in Wind und Wärme, mit seiner rassigen Freude an Blond und Blau, an reifem Korn und unermeßlichem Himmel, an blauen Nächten mit heller Milchstraße, an klarer See und feuriger Morgensonne, am Goldglanz frischgeschnittenen Holzes von dem Walde, den tiefblau der Salitter eines stillen Sundes durchfunkelt ... Blau ist das Wappenschild mit den drei Kronen des Königs im Stockholmer Schloß, über dem die dreizipfelige Flagge züngelt, und selbst die Wappen der kleinen Aemter und des Adels, die Ladenschilder der Hauptstadt, die Kokardenmützen der Studentinnen, die Uniformen der Post spielen immer wieder mit dem lichten, heiteren Farbenklang. Ob Birken oder Tannen den alten Landsitz umgeben, immer weht am Sonntag noch höher als der höchste Wipfel die blaugelbe Flagge von der Stange. Und über den Masten des Hafens, über den Segeln der brennenden Wasserfläche, über den Giebeln aller Städte und Dörfer von Norrland bis Schonen, von Gotland bis Marstrand weht am Sonntag schlich emporgehißt wie ein Gruß in dem Kosmos das blaugelbe Tuch. Eine unschuldige Freude, ein inselhaftes Lebensgefühl lebt in diesen beiden frischen Farben. Will sich einmal dieses Land, wie andere größere Länder, mit zwei Farben nicht begnügen, so kommt es noch hinzu das Weiß seines Winters, feiner Schiffe, feiner sommerlichen Segel, das Weiß der Brandungswelle und der Hütten über den Hellen Klippen an der See. Dann ergänzt sich das Gelbblau der Wasas, die mitten in Schweden herrschten, mit dem Blauweib der südlichen gotischen Provinzen. Was der unerträglich lange Winter verschlossen hält, die starke Heiterkeit, die unbändige Naturliebe des nordischen Menschen, seine Lust, den Pelz abzuwerfen und sich mit einem Kopfsprung in das Meer zu stürzen, alles das bricht in dem singenden, schwärmenden Sommer hervor. Die berühmte Höflichkeit, das gesellige Temperament der Schweden, d>e attische Anmut ihrer Kunst und ihrer Frauen ist das Geschenk des öDtnmers, der als Erinnerung das ganze Jahr durchglänzt. Gespenstische herrliche Nächte, deren glühendes Dämmern und Verweilen das Herz ihwer macht von Glück, im Anblick einer Sonne, die niemals unter« M -.. Leidenschaftliche, liebende Ehrfurcht vor der Freiheit dieses un- veruhrten und dennoch zerrissenen Landes auf Felsen, Wälder und Seen Mfer dem unendlichen Saum einer Küste, die von den behäbigen Obst- r-ick? &e$ Een Lund bis zu den Gletschern der Polargrenze hinauf- Die Hauptstadt dieses Landes ist ein Märchen. Stockholm liegt auf zwei zueinander gerichteten, von Inseln umschwärmten Landlappen, zwischen denen der Mälar seinen Wasserüberschuß mit einer einzigen funkelnden Stromschnelle in den Borhof der Salzsee gießt. Aus der größten Insel in der Mitte liegt die Altstadt mit dem breiten klassischen Schloß, mit den alten Kirchen, mit den engen Gassen einer vergessenen deutschen Reichsstadt. Doch diese Stadt „Zwischen den Brücken" ist so fern von dem modernen Schweden, wie die Gotik der Kirchenruinen von Wisby von der jetzigen mädchenhaften Heiterkeit der mit Rosengärten geschmückten Jnselstadt auf Gotland, dieser einstigen Heimat der kühnsten Seeräuber, die jetzt ein Paradies der Touristen ist. An allen Kais von Stockholm liegen die weißen kleinen Schiffe, auch der Altstadt geben sie ihr Leben, ihre Routen strahlen aus in das stille Reich der Schären, auf die hohe See, nach Finnland hinüber und zu den großen Häfen der Welt, doch ebenso landeinwärts zu den von Wäldern umrahmten Wasserflächen. Stockholm, die Halbmillionenstadt, ist ein Dutzend locker zusammenhängender Stadtteile. Scharfgeschnittene Hausprofile auf granitenen Vrocken, eine glänzende Geschäftsstadt, deren Plätze geschmückt sind mit Denkmälern, Blumenbeeten und stolzen Fronten. Auf waldigen Inseln liegen die Villenvororte bunt und ferienhast, die Fabriklandschaften an blanken Wasserwegen und hohen Vrücken. Die ganze große Stadt ist aufgeteilt zwischen Buchten, die tief hineingreifen in die Häusermasse, und Strandvägen ist ihr Rand, dieser breite luftige. Boulevard mit der geschlossenen Häuserreihe auf der einen Seite, auf der andern die grauen Voote der Flottenstation und der Mastenwald der Holzsegler, die. von den Wäldern des Nordens kommen, um Brennholz abzuladen ... Doch an der glänzendsten Stelle des Mälarufers, hinter einem Parterre von Rasenoierecken, erhebt sich das neue Stadthaus, derber Turm aus rotem Backstein, gekrönt von goldenem Zierrat, säulengetragener Palazzo mit der Front zum Wasser, mit strahlenden Sälen, der Marmorboden des größten wie ein gefrorenes Meer, dessen Algen und Moose von unten emporlangen. Das stolzeste Bauwerk Schwedens, eine Blüte der europäischen Baukunst. Und unter dem luftigen Pavillon des Turmes von Mövenscharen umflattert. — Liegt unten die Stadt wie eine Karte, umfaßt von Wäldern und von den Armen der See. Drüben die farbige Küste des Stadtteils Söder auf braunen Klippen, dem Meer zu, der Höhenrücken mit dem Turm von Skanfen, zu dessen Füßen alle Landschaften Schwedens in ihren verschiedenartigen Bauernhütten sich wiederholen, unten an der Bucht die Ausstellung dieses Jahres mit den aus schwedischem Boden gewachsenen feinen und schnittigen Werken der Künste und Gewerbe. Weit verteilt über den Dächern der Stadt stehen die Türme, die Hauben, die Goldgespinste der Kirchen, Wolken ballen sich alabastern zum Himmel empor, unermüdlich reißen da unten die Fähren, die Boote ihre Spur in das Wasser, das Fahren, das Gleiten der Züge, der Autos über die Brücken ist unermüdlich. Ganz weit draußen an der Fahrrinne, in der die seegehenden Dampfer noch lange an den Bäumen und Villen des alten Tiergartens vorbeifahren — der Meeresarm wird breiter, die kleinen Dampferchen verschwinden schon in den Waldkanälen des inneren Schärenhofes — schwebt Musik auf dem gläsernen Tanzpavillon von Federholmen den Abschiedsgruß. Der Dampfer führt auf dem Schein des Abends, den die helle Wasserfläche gewaltig spiegelt, durch die stille sommergrüne Welt der äußeren Schären und begegnet endlich, da nun der Mond kommt, dem wiegenden Schwall der Dünung, vor den letzten, kahlen, weit umhergestreuten Felsenklippen. Am Morgen: der Kai von Wisby ... Nüchterne Warenspeicher, dahinter öffnen sich die harmlosen schmalen Straßen einer freundlichen Stadt. Doch uralte Gebäude stehen hoch und greisenhaft vereinsamt zwischen niebern, von Efeu überhängten Gartenmauern. Straßen, die den Namen alter Hansestädte tragen, steigen terrassenförmig empor, durch die leeren Torbogen verfallener Kirchen blickt der Himmel. Oben am Rand der Ebene, wo Gärten und Landstraßen, Bauernhöfe und kleine Jndustriegebäude einander begegnen, graben Spaten und Spitzhacken aus dem Erdloch zu Füßen eines verwitterten Steinkreuzes rostige Kettenringe, zerhauene Helme, zerhackte Skelette, die lieber« blcibfel einer tast vergessenen Schlacht Weithin sichtbar steigt der Kreide- fels der sagenhaften Insel aus dem Meer. Doch herrlicher ist am Sommertag jene Landspitze von Gotland, auf der noch drei steinerne Pfeiler des alten Galgens ragen. Hier umfaßt der Blick die Meeresweite, den Tummelplatz der unbändigen Nordmänner, deren Fahrten sich bis ins Schwarze Meer ausdehnten und die dann im Schutz der heute noch unversehrten, zwanzig Meter hohen Stadtmauer mit ihrem dreifachen Graben. Erhalten ist von den elf großen Kirchen da drinnen nur noch der Dom. Runensteine aus heidnischer Zeit und christliches Schnitzwerk, arabische Goldmünzen, goldene Spangen, uralte Messer und Schwerter, seltsame Geräte füllen das kühle Museum, diese letzte Schatzkammer aus den großen Zeiten des lieber« mutes und der Vernichtung. Im kiesbestreuten Garten des einst lübi- fchen, aus Fachwerk gebauten Vurmcisterhauses erholt sich munter das Völkchen der Touristen von seinen Wanderungen. Das Schiff trägt die abends leise von dannen. Schweigend versinkt die Stadt im verblassenden Licht. Und drüben an der Küste, jenseits der Nacht liegt Kalmar, die kleine Seestadt, die einst im Schutz des ins Wasser vorgeschobenen viertürmigen Schlosses aufblühte, das jetzt noch ungebrochen dasteht. Gotland lag immer weit draußen, fremd und einsam, hell und schweigend. Nochmals Stockholm. Doch jetzt ist der Kai landeinwärts gerichtet. So leicht die Fahrt in den bequemen, von Sauberkeit glänzenden Zügen Schwedens vonstatten geht, noch sanfter schwebt doch dieses langsam gleitende weihe Schiffshaus mit feinen spiegelnden Sälen und wohnlichen Kabinen mit den heiteren Menschen auf der abwechslungsreichen Landreise zum Kattegatt hinüber. Weißgrüne Birkenwälder, rote Bauernhütten, weiße spitztllrmige Bauernkirchen, das alte Schloß Vadstena, die sagenhafte Insel Visingsö in der baikalgroßen Wasserfläche des Vätters- fecs, später die Kraftwerke, die Fabriken an der Seite der Schleusen, die kunstreiche, stufenartige Umgebung des Trollhättan, die Fahrt den sanften Göafluß hinab bis zu dem von granitnen Höhen und verwitterten Kastellen bewachten Gotenburg — das ist der Weg quer durch Schweden, von dem glatten Mälar bis zu dem Meeresarm der Nordsee, in dessen Hintergrund die von Gustav Adolf gegründete, von Grachten durchzogene Seestadt liegt. In doppelter Reihe säumt sie die Ufer mit den Werften und Liegeplätzen der Dampfer. Auch hier eine Hafenstadt, deren Reichtum sich ausspricht in herrlichen Alleen und Gärten, in reichen Kunstsammlungen und Museen und in dem modernen Charakter seiner verstreuten und luftigen Vororte. Eine Seestadt mit dem berühmten Markt am Hafen, dem die Fischerflotten der Nordsee den täglich neuen silbernen Reichtum des Meeres bringen. Und auch hier hinter den schwarzen, mennigroten, grauen Seedampfern mit ihren hellgelb gemalten Schornsteinen und dem unentwirrbaren Takelwerk finden sich die kleinen weihen Dampfer an der Landungsstelle. Sie fahren zu den Ausflugsorten der Westküste, den Strom hinab, dann seitwärts in die flachen glänzenden Fjorde von Bohuslän, in die Heimat der Wikinger. In labyrinthisch verschlungenen Wasserstraßen liegen versteckte Buchten, umsäumt von roten und gelben Häusern. Felseneilande heben ihre Köpfe wie Seehunde aus der Flut. Nach einer Fahrt, deren Weg zuweilen als eine Schlucht in den Granit dieser merkwürdigen, von ewiger Brandung gepeitschten Küste eingesprengt erscheint, öffnet sich auf einmal, mit dem Festungsturm auf der Höhe, die Bucht von Marstrand, dieses schönsten Sommerkurortes mit seinen kleinen verborgenen Hainen und seinen weit ins Meer gestreckten Klippen, auf denen nichts als ein Farbstrich auf dem Boden dem Fußgänger im Glanz und Sturm der Meeresnähe feinen Weg von Ruheplatz zu Ruheplatz und zu den Badehütten bezeichnet. Köstlicher fröhlicher Sommer Schwedens! Ernstes und doch strahlendes Land, über das sich die Menschen verlieren. Auch bei den Sammelpunkten, den Hotels mit ihren Speisesälen und Tanzabenden, ist noch immer ganz nah die Einsamkeit des Badens und Segelns, die freie Luft, die Ruhe auf dem Moos. Und die blaugelbe heitere Flagge weht allgegenwärtig. Sie ist wie das Telephon und das Radio, das selbst die einsamen und schweigenden Tage lebendig macht und den rauschenden verträumten Gewalten der Natur das Zeichen des menschlichen Daseins entgegensetzt. Angst. Erzählung von Knut Hamsun. Copyright 1930 by I. L. A. Wien. Ich habe eigentlich nie gewußt, was Angst sei, nur einmal während meines ersten Aufenthaltes in Amerika. Nicht weil meine Kühnheit so groß ist, sondern weil sie bis dahin niemals auf eine richtige Probe gestellt war. Da draußen in der Prärie liegt eine kleine Stadt, die Madelia heißt. Hier war es auch, wo Jessie James, Amerikas blutdürstigster, rauch- gcfchwärzester Räuber endlich ergriffen und totgeschlagen wurde. Hierher war er gekommen, hier hatte er sich versteckt, ein passender Ort für dies Ungeheuer, das feit einer Reihe von Jahren die Freistaaten unsicher gemacht hatte durch feine Ueberfülle, feine Plünderungen und seine Mordtaten. Hierher war auch ich gekommen — aber in der friedlicheren Absicht, einem Bekannten von mir aus einer Verlegenheit zu helfen. Ein Amerikaner namens Johnston war Lehrer an der „Mittelschule" in einer Stadt in Wisconsin, wo ich ihn und feine Frau kennenlernte. Einige Zeit darauf gab dieser Mann seine Stellung auf und ging zu einer praktischen Tätigkeit über, er reifte nach der Präriestadt Madelia und eröffnete dort ein Holzgeschäft. Nachdem er ein Jahr diese Tätigkeit ausgeübt hatte, erhielt ich einen Brief von ihm, worin er mich bat, wenn es möglich wäre, nach Madelia zu kommen und feinem Geschäft vorzustehen, während er und seine Frau eine Reise nach dem Osten machten. Ich war zu jener Zeit gerade frei und begab mich nach Madelia. An einem dunklen Winterabend traf ich auf dem Bahnhof ein, wo mich Johnston empfing, ging mit ihm nach Hause und erhielt ein Zimmer angewiesen. Sein Haus lag eine ganze Strecke außerhalb der eigentlichen Stadt. Wir verbrachten einen großen Teil der Nacht damit, mich ein wenig in die für mich so fremden Finessen des Holzgeschäfts einzuweihen; am folgenden Morgen händigte mir Johnston mit einem «cherz feinen Revolver ein, und ein paar Stunden später saßen er und seine Frau im Eisenbahnzug. s im Hsiust war, zog ich aus meinem Zimmer in a Grdgeschoß hinab, wo ich bequemer wohnte und von wo aus ich außerdem bessere Aufsicht über das ganze Haus führen konnte. Ich nahm auch das Bett des Ehepaares in Gebrauch. Einige Tage gingen dahin. Ich verkaufte Planken und Bretter und brachte leben Abend das am Tage eingenommene bare Geld nach der Bank, wo ich eine Quittung darüber in mein Buch eintragen ließ. Es war recht einsam in diesem großen Hause für einen einzelnen Menschen von einigen zwanzig Jahren. Da waren stockdunkle Nächte, und es gab keine Nachbarn, bis man in die Stadt hinabkam. Aengstlich war ich aber nicht, es tarn mir gar nicht in den Sinn, ängstlich zu fein. Und als ich zwei Abende hintereinander ein verdächtiges Geräusch an dem Schloß der Küchentür zu hören meinte, stand ich auf, nahm die Lampe und untersuchte die Küchentür von innen und außen. Aber ich fand nichts Verdächtiges am Schloß. Und ich hatte den Revolver auch nicht in der Hand. Aber es sollte eine Nacht kommen, in der mich eine so haarsträubende Angst befiel, wie ich sie weder vorher noch nachher erlebt habe. Und noch lange Zeit nachher konnte ich das Erlebnis dieser Nacht nicht verwinden. Es war an einem Tage, an dem ich mehr als gewöhnlich zu tun hatte, ich schloß mehrere große Geschäfte ab und arbeitete bis spät in den Abend hinein. Als ich endlich Schluß machte, war es so spät geworden, daß es bereits dunkelte und die Bank geschlossen war. So konnte ich denn die Bareinnahme des Tages nicht abliefern. Ich nahm alles Geld mit in bas Zimmer und zählte es: Es waren 700 bis 800 Dollar. Wie gewöhnlich fetzte ich mich auch an diesem Abend hin, um an einer Arbeit zu schreiben; es wurde später und später, und ich saß da und schrieb; es wurde Nacht, die Uhr wurde zwei. Da hörte ich plötzlich abermals das geheimnisvolle Geräusch an meiner Küchentür. Was war das? Das Haus hatte zwei Türen nach außen, eine, die in die Küche führte und eine andere — die eigentliche Haustür — die auf einen Vorplatz vor dem Zimmer führte. Diese letzte Tür hatte ich der Sicherheit halber von innen mit einem Sperrbalken verrammelt. Die Jalousien im Erdgeschoß waren ein Patent, sie waren so dicht, daß man von außen absolut keinen Schein der Lampe sehen konnte. Und jetzt dringt also von der Küchentür her ein Geräusch an mein Ohr. Ich nehme die Lampe in die Hand und gehe dorthin. An der Tiir bleibe ich stehen und lausche. Draußen ist jemand, es wird geflüstert und im Schnee vor der Tür schleicht etwas hin und her. Ich lausche eine ganze Weile, das Flüstern hört auf und gleichzeitig scheint es mir, als entfernten sich die schleichenden Schritte. Dann wurde alles still. Ich gehe wieder hinein und fange wieder an zu schreiben. Eine halbe Stunde verging. Da fahre ich plötzlich in die Höhe — die Haustür wurde eingerannt Nicht nur das Schloß, sondern auch der Sperrbalken innerhalb der Tür wurde zertrümmert, und ich hörte Schritte auf dem Vorplatz gerade vor meiner Tür. Der Einbruch konnte nur mittels eines starken Anlaufes und mit vereinten Kräften mehrerer Personen ausgesühri sein, denn der Sperrbalken war stark. Mein Herz schlug nicht, es zitterte. Ich gab keinen Ausruf, keinen Laut von mir, aber ich fühlte die Bewegung meines Herzens bis oben in meinen Hals hinein, es hinderte mich, ordentlich zu atmen. In den ersten Sekunden war ich so bange, daß ich kaum wußte, wo ich war. Da fiel mir plötzlich ein, daß ich das Geld retten müsse, ich ging in die Schlafstube, nahm meine Brieftasche aus meiner Tasche und steckte sie unter die Matratze im Bett. Dann kehrte ich in das Zimmer zurück. Diese Handlung nahm sicher keine Minute in Anspruch. Vor meiner Tür wurde gedämpft gesprochen und an dem Schloß wurde herumgearbeitet. Ich holte Johnstons Revolver heraus und untersuchte ihn; er funktionierte. Meine Hände zitterten heftig, und meine Beine konnten mich kaum tragen. Meine Augen fielen auf die Tür, sie war ungewöhnlich solide, eine Bohlentür mit starken Querbalken; sie war sozusagen nicht getischlert, sondern gezimmert. Diese massive Tür machte mir Mut, und ich fing wieder an zu denken — was ich bisher wohl kaum getan hatte. Die Tür ging nach außen, folglich war es eine Unmöglichkeit, sie einzurennen. Der Vorplatz war auch zu schmal, um genügend Raum zu einem Anlauf zu gewahren. Dies fiel mir ein und ich fühlte mich plötzlich mutig wie ein Maure, ich schrie hinaus, daß ich jeden, der eindringe, tot niederstrecken würde. Ich hatte mich soweit erholt, daß ich selber hörte und verstand, was ich sagte, und da ich norwegisch gesprochen hatte, sah ich das Törichte meiner Handlungsweise ein und wiederholte mit lauter Stimme meine Drohung auf Englisch. Keine Antwort. Um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, für den Fall, daß die Fenster eingeschlagen würden und die Lampe erlosch, blies ich die Lampe sogleich aus. Ich stand im Dunkeln, die Augen aus die Fenster gerichtet, den Revolver in der Hand. Die Sache zog sich in du Länge. Ich wurde immer kühner, ich nahm keinen Anstand, mich als Teufelskerl zu zeigen, und ich schrie: r Nun, was haben Sie denn beschlossen? Wollen Sie gehen oder kommen? denn ich will schlafen! Da antwortete nach einer kleinen Weile ein erkälteter Baß: Wir wollen gehen, du Hundsfott! Und ich hörte, wie jemand den Vorplatz verließ und in den Schnee hinausknirfchte. Der Ausdruck „Hundsfott" ist das nationale Schimpfwort Amerikas — wie übrigens auch Englands — und da ich es nicht auf mir M" lassen konnte, daß man mir dies Wort zurief, ohne daß ich eine Antwort gab, wollte ich die Tür öffnen und den Schlingeln nachschießen. hielt indessen inne, ich dachte nämlich im letzten Augenblick, möglichen weise habe nur ein Mann den Vorplatz verlassen, wahrend ijer andere darauf wartete, daß ich die Tür öffnete, um mich dann zu ubersme . Deshalb ging ich an eins der Fenster, lieh die Jalousine mit SUR schnelle an die Decke hinaufrollen und sah hinaus. Ich glaubte en dunklen Punkt im Schnee zu erkennen. Ich riß das Fenster auf, 3|C so gut es ging auf den dunklen Punkt und schoß. Klick! Ich schoß J Mals. Klick! Rasend erledigte ich den ganzen Zylinder, ohne zu 3tc ' endlich ging ein einziger, armseliger Schuß ab. Aber der Knall stark h Laus! Da hinaus richtig ich nick Schuß Ich und ftl ich so Nacht i es zu i ließ da “"ti werden kaum i da war Schling gewesen meiner 2Ibe; dieser s. Es ist daß bei hiimmei bleibsel Angst c Arm in Heut ha Fern at Und dai Kam es Hoch fid Und nm Und daz Manchen Donnert Einer tr Alles Lc Also ftre Unterrick In den In den \ Und es 1 Kauernd „Am »Nein dos jo n bann ha ein so gi einen so Kiepenhu ficht mir Mutter, machen, bloß so draußen das Häß fches sieh , „Ach, komm m „ „3a, Ulriken u teil, das euch was Schwache es is doc Suis. Un niif d-ei? ■ dos is m, ems, und mrienwo o» --Ach, Mnfer N unser Studierte! , .,3a, j M mock °lle Mon n ließ, azelnen Nächte, ngstlich | lich zu leräujch . nahm t. Aber Revolver iubende >e. 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Und jetzt, nachdem alles überstanden war, war ich so jämmerlich feige geworden, daß ich nicht wagte, mich in dieser ’ Nacht in das Ehebett zu legen, ich wartete noch eine halbe Stunde, bis e5 zu dämmern begann, dann zog ich meinen Ueberzieher an und verließ das Haus. Ich verbarrikadierte die zertrümmerte Tür, so gut es ging, schlich in die Stadt hinab und schellte im Hotel. Wer die Spitzbuben waren, weiß ich nicht. Zu den professionellen «erden sie kaum gehört haben, denn in dem Fast würden sie sich wohl kaum von einer Tür haben abschrecken lassen, wo doch zwei Fenster da waren, durch die sie hätten hereinkommen können. Aber auch diese Schlingel waren nicht ohne eine gewisse kalte und freche Gewalttätigkeit gewesen, denn sie zerbrachen das Schloß und den Sperrbalken an meiner Tür. Aber so bange um mein Leben bin ich niemals gewesen, wie in dieser Nacht in der Präriestadt Madelia, Jessie James Zufluchtsstätte. Es ist mir auch seither mehrmals passiert, wenn ich erschreckt wurde, daß der Schlag meines Herzens bis oben in meinen Hals hinauf gehämmert und mir meinen Atem behindert hat — das ist ein lieber« bleibfel aus dieser Nacht. Nie zuvor hatte ich eine Ahnung von einer Angst gehabt, die sich auf so außergewöhnliche Weise äußern kann. Im Wald. Von Gottfried Keller. Arm in Arm und Kron' an Krone steht der Eichenwald verschlungen. Heut hat er bei guter Laune mir fein altes Lied gesungen. Fern am Rand fing eine junge Eiche an, sich sacht zu wiegen, Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen; Kam es her in rnächt'gern Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen: Hoch sich durch die Wipfel wälzend kam die Skurmeswut gezogen; Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften, Und dazwischen knarrt' und dröhnt' es unten in den Wurzelgrüften, Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine: Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine! Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen, Alles Laub war, weißlich und schimmernd, starr nach Süden hingestrichen. Also streicht die alte Geige Pan, der Alte, laut und leise. Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise. In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder, In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder. Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken, Kauernd in den dunkeln Büschen sie die Melodien trinken. Schloß n n SchE Amerikas nir fitze" Antwort ßen. Ä nöglichsl' r andere berfallen. ■ Blitzt' ,ie einen uf, ziett- !06 noch' u ziele"- iall * Mathilde Möhnng. Roman von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) „Am Ende war's auch seine Taschenuhr?" „Nein, es war sein Herz. Und das einzige Gute ist, und deshalb is das so wichtig, wenn er was Häßliches sieht, dann schlägt es besser, und dann hat er ein starkes menschliches Gefühl und beinah männlich. Und ein so guter Mensch er is, das Liebste an ihm is mir doch, daß er immer einen so furchtbaren Schreck kriegt, wenn er die Runtschen in ihrem Kiepenhut sieht und all das andere. Es is mir ja leid um sie, aber er tzcht mir doch näher, und du glaubst gar nicht, wie wichtig das is. Sieh, Mutter, mit einem schwachen Mann is eigentlich nicht recht was zu machen. Ader man muß auch nicht zu viel verlangen, und wenn einer "lofe fo viel hat, daß er sagen kann: ,Thilde, die Runtschen muß mir ™u^n bleiben', so ist das schon ganz gut. Denn wer so furchtbar gegen ”s Häßliche is, der kommt auch zu Kräften, wenn er was sehr Hübsches sieht." „Ach, Thilde, das is ja das Allerschlimmste, das kenn ich auch, damit komm mir Nicht." „Ja, Mutter, gerade damit komme ich. Du denkst bloß immer an UlrtJen und an Schnitzen unten, aber das is nicht die richtige Hübschig- keih das is, was man das Untere nennt, das Niedere. Daneben gibt es M was, das is das Höhere, und sieh, wer das hat, der kann auch das schwache stark machen. Lange vor hält es wohl nicht, aber es kommt doch, ’5 doch da. Und wie er gegen das Häßliche is, so is er auch für das ®We Und dies alles hab ich dir sagen müssen, damit du mir nicht wieder der Alten da draußen kommst. Daß er so gegen die Runtschen is, w is mein Hoffnungsanker. Und nun komm, Mutter, es is ja schon über «s. und morgen is ein schwerer Tag für mich. Denn morgen is die u vorbei, und morgen muß ich ihn ins Gebet nehmen." toi , . ktz Thilde, was fall nu wieder ,ins Gebet nehmen' heißen? urhr ’5.mir doch recht bange. Und so geht es nu ins neue Jahr rein, Ph.vir bißchen Erspartes wird immer weniger. Er is ja doch auch kein jerter, er is ja bloß ein alter Student." ihn" >2’ r35 ’5 er- ober laß nur gut fein, wenn ich auch nicht viel aus all« vkel doch, daß ich ihn heiraten kann, und daß ich dir «onate was schicken kann, und daß ich einen Titel habe." * ab unter- rd meine lide, eine jetifdjlert, ich fing an hotte, chkeit, sie ,b Roum hlte mich eben, der holt, daß egisch Stein unb h. Keine für den i erlosch, ugen ans ich in die mich als hen oder Der erste Januar war ein wundervoller Wintertag, alles bereift unb übereift, aber nicht sehr kalt unb eine Helle Wintersonne am blauen Himmel. Hugo war früh auf, fo früh, daß Möhrings noch schliefen. Er ging hinüber, klopfte an das Schlafzimmer, unb als er Thildens etwas erschrockene Stimme gehört hatte, rief er durch die Türspalte, daß er sein Frühstück in den Zelten nehmen wolle. „Das tu nur", rief Thilde zurück, während die Alte vor sich hin- brummette: „Gott, so fängt er nu an, das is nu Neujahr." Hugo hörte aber nichts davon, er drückte schon die Entreetür ins Schloß unb überließ es Thilde, die Alte ein bißchen zurechtweifen. „Mutter, mit dir is auch gar nichts. Ich bin doch nun verlobt und feine Braut, unb ich muß dir sagen, du mußt nun wirklich ein bißchen anders werden." „Ja ja, Thilde, ich will ja." „Sieh mal, du schadest uns. Ich habe dir neulich gesagt, wir seien keine kleinen Leute, die Runtfchens seien .kleine Leute', und das is auch richtig, aber wenn du immer gleich so weimerst, dann sind wir auch kleine Leute. Wir müssen nun doch ein bißchen forscher fein und so, was man sagt, einen guten Eindruck machen ..." „Ach Thilde, es kost't ja alles fo viel — wo soll es denn Herkommen?" „Dafür laß mich man sorgen. Und wenn nicht einen forschen Eindruck, so doch einen anständigen und gebildeten. Aber weimern is ungebildet." „Und so fängt nu das neue Jahr an", wiederholte die Alte, „so mit Zank unb Streit unb mit Jn-die-Zelten-Gehen. Und ich glaube, fo früh kriegt er noch keinen Kgffee. Die Zelten sind ja bloß für Nackmittag/ „Ach, er wirb schon für sich sorgen. In so was is er findig..." * Hugo genoß den schönen Morgen. Er war glücklich, mal wieder einen weiten Spaziergang machen zu können, denn seit dem Tag, da er krank geworden, war er nicht herausgekommen. Er freute sich über alles und wußte nur nicht recht, ob es das Bräutigamsgefühl oder bloß das Rekonvaleszentengefühl sei. Er ging bis über Bellevue hinaus, unb erst auf dem Rückweg machte er sich's in dem mittleren Zelt bequem, wo der Alte Fritz mit dem Krückstock am Straßengitter steht. Dabei hing er seinen Gedanken nach unb überlegte. ,Heut früh kriegt nun auch meine Schwester meinen Brief, unb bann wird es ein großes Gerede geben. Aurelie ist ein sehr gutes Mädchen und auch nicht eng und nicht kleinlich, aber sie hat doch so'n sonderbares Honoratiorengefühi unb kann eigentlich auch nicht anders fein. Und wenn sie nun lieft, daß ich mich mit einer Chambregarnie-Tochter verlobt habe, dann wird sie die Nase rümpfen und von Philöse sprechen. Und vielleicht-schreibt sie mir auch einen impertinenten Bries ... Nun, ich muß es hinnehmen. Möhrings sind sehr gute Menschen, auch die SHte auf ihre Art, aber wenn sich einer mokieren will, bann kann er’s... Schließlich schadet es nichts, man kann sich über alles mokieren. Und wenn Aurelie Thilden erst sieht, wird sie sich vielleicht auch wundern. Thilde hat nichts Gefährliches, aber das ist auch ein Glück. Wenn sie so was hätte, wohin sollte das sonst führen bei unfern Aussichten und so täglichem Verkehr! Und auch schon jetzt, ich muß mich vor Intimitäten hüten. Sie hat was Herbes, aber das kann auch nur angelegte Rüstung fein. Im übrigen weiß ich, was ich mir unb andern schuldig bin/ Es war schon zwölf, als er wieder nach Hause kam. Er hatte noch an der Ecke der Friedrichstraße eine Litfaßsäule durchstudiert unb war zu bem Ergebnis gekommen, daß sie den Abend in den Reichshallen verbringen wollten, wo eine Luftkünstlerin merkwürdige Sachen aufzuführen versprach. Sie war auch auf dem Zettel abgebilbet, wie sie in leichtem Kostüm, eigentlich nur eine Andeutung, durch die Lust flog. .Ich sehe gern so was', sagte er zu sich, als er von der Säule her in die Friedrichstraße einbog. ,Es ist sonderbar, daß mir alles Praktische so sehr widerstreitet. Man kann es eine Schwäche nennen, aber vielleicht ist es auch eine Stärke. Wenn ich solche schöne Person durch die Luft fliegen sehe, bin ich ganz benommen und eigentlich beinah glücklich! Ich hätte doch wohl auch so was werden müssen. Ausübender Künstler ober Luftschiffer ober irgend etwas recht Phantastisches. Zum Beispiel Tierbändiger, das hat von klein an einen besonderen Reiz für mich gehabt. Es soll auch alles nicht so gefährlich sein, wie es aussieht. Sie machen sich etwas Zibet oder Moschus ins Haar, dann schnappt er nicht zu... Gott, wenn Thilde wüßte, daß ich so verwegene Gedanken habe! Nun, Gedanken sind zollfrei. Und es zieht auch mir fo über mich hin. Wenn ich ernsthaft zusehe, merke ich, daß alles lächerlich ist... Tierbändiger! Und dabei hat mich Thilde in Händen. Sie denkt, ich merke es nicht, aber ich merke es ganz gut. Ich laste sie gehen, weil ich es fo am besten finde. Schließlich ist man, was man ist, und wenn ich nur so leiblich bequem bnrchkomme... Bei dieser Stelle feiner Betrachtungen war er vor Schnitzens Palazzo angelangt und sah hinauf. Schultze stand im Samtschlafrock und türkischem Fes am Fenster und grüßte gnädig hinunter, wobei er seinen Fes lüftete. Hugo erwiderte den Gruß, war aber nicht sehr erbaut davon, weil sich in dem Ganzen etwas von Ueberheblichkeit aussprach, jedenfalls nicht viel Respekt. Dann stieg er die Treppe hinauf. Das Mefsingfchild eine Treppe hoch war glänzend geputzt, unb ein Hausmädchen mit kokettem Häubchen und Töndelschürze, das Schultze selbst gemietet hatte, stand auf dem Borflur am Treppenfenster unb sah in den Hof hinunter. Als Hugo vorüberging, wandte sie sich um und grüßte sehr artig, aber doch mit einem Gefühl von Ueberlegenheit über ihn oder eigentlich über Thilde. Hugo fühlte es heraus, unb eine ziemlich unbehagliche Stimmung überkam ihn. Ein Glück nur, daß er solchen Anwandlungen ebenso rasch entrissen werden konnte, wie sie ihm anflogen. Ms er oben war, dachte er schon wieder an die Reichshallen und das Bild auf dem Zettel, und wieder gehoben in feiner Stimmung, trat er ins Entree, legte den Ueberzieher ab und ging zu Möhrings hinüber. Er fand nur Thilde. die merkwürdig gut aussah unb sich ihm kn einem neuen Kleide präsentierte. Die Alte war nicht da. „Guten Tag, Thilde, und viel Glück zum neuen Jahr ... Aber wo ist denn Mutter?" Iaht du kommst immer mit so viel to wie Aber Thilde und von Bella. Mir is, was [o da- Und wenn gar nichts zwischen kam, und Und Verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversttätS-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, ®i6^e viviger, als er eigentlich is. Aber zwischen." „Wie denn dazwischen?" „Gott, mit so viel vom Theater zwischen kommt, immer das liebste. . „Siet das Ma schäft hi Eie Bes Sehen § Bren verführ« in dieser immer d betrachte er und mc eigenen die Auss Ae sind Hon bot m „Sech Brendel °ie Perl Welfe ? sehr v Wtafrf es die P weigerten gelangt s Senomme bi« hat i chrer Tas sch! Wut »che P«r "usmarsch „Verlaß dich drauf; wenn es was werden soll, so kommst du legst dich hin oder kannst auch sitzen bleiben und ich frage dich, heut abend, wenn dir so sehr daran liegt, kannst du noch mal die Tochter der Luft sehen. Aber ich gehe nicht mit, ich habe vorläufig keinen Sinn für Vergnügen. Und morgen abend sangen wir an." liegst, während ich dir alles abfrage und nicht eher ruhe, als bis du mir Red' und Antwort stehen kannst und alles ganz genau weißt am Schnürchen ..." so ging ich auch zu Bett. Aber es is doch wohl nich richtig, daß immer so viel zwischen kommt." Thilde lachte. „Doch, Mutter, es is ganz richtig so. Sieh mal, ungefähr so. Wenn ich heut noch nach Spandau gehen soll, na, dann zieh ich mir einen Gummimantel über und nehme den Regenschirm und staple los. und in Charlottenburg lehne ich mich mal an und seh nach, was die Uhr ist, und um zwölf bin ich in Spandau, und um vier bin ich wieder hier und bringe dir deinen Kaffee." , „Ja, Thilde, das glaub ich schon, aber was meinst du nu eigentlich?' „Und nu nimm mal an, daß du gehen solltest. Auch nach Spaniol Ra — bis vors Brandenburger Tor kommst du in einem Zug. Und baut setzt du dich auf die erste Bank, und wenn du dich ausgeruht hast, baut kommst du bis an den Kleinen Stern und dann bis an den Große« Stern, dann bis an die Chausieehäuser, und überall is ne Bank, uni überall kannst du dich ausruhen, und so kommst du endlich nach Spandau. Sagen wir: gegen Abend. Aber du kommst doch an. Und oh"! Ruhebank wärst du liegen geblieben und gar nicht angekommen." „Ja so, nu versteh ich. Ohne die Bank kommt er nich an. Na, roentt er bloß ankommt." „Er wird schon", sagte Thilde. Und richtig, er kam an. Hugo bestand. Er hatte zwar nur das W dürftigste gewußt, es aber trotzdem erzwungen: dasitzend wie Hus au dem Konzil zu Konstanz, ernst, schwärmerisch und bescheiden, halb toM und halb angstvoll. Diese seine Haltung war es gewesen, die schW^ alles zum guten geführt hatte. Seine Persönlichkeit hatte gesiegt. Em der Herren Examinatoren nahm ihn beiseite und sagte: „Lieber (W mann, es war alles gut. Ich gratuliere Ihnen." In einem merkwürdigen Seelenzustand, gehoben und doch aufl 8* drückt — gedrückt, weil er an die Zukunft dachte — kam er nach und sah sich dieser Stimmung erst enthoben, als er hier Mutier Tochter begegnete. Thilde, deren Auge leuchtete, blieb verhältnism 8 ruhig, nicht so die Alte, von der geküßt zu werden er nur mit gen« Not im letzten Augenblick durch Rückzug in sein Zimmer »ermc konnte. Mutter Möhring war das nicht recht, und weil sie das Beou i der Aussprache hatte, mußte nun Thilde alles mit anhören, wo Alten auf der Seele brannte. „Gott sei Dank, Thilde, nu kann man doch wieder ruhig 1$ J und weiß auch, was aus einem wird. Denn gut is er doch eig und wird eine alte Frau nich umkommen lassen ..." (Fortsetzung folgt.) - „Die wollte zwei Neujahrsbesuche machen. Bei Schmädickes und bei Dammers. Sind noch alte Hausbekannte von der Zeit, wo wir noch in der Stralauer Straße wohnten." „Davon habe ich ja nie gehört ..." . „Ist auch nicht nötig, sie machen sich nichts aus uns, und wir machen uns' nichts aus ihnen. Sie sind nur langweilig und sehr eingebildet, aber Mutier hat mal so ihre alten Sätze, von denen sie nicht abgeht: man soll alte, gute Freunde nicht aufgeben usw. Als ob es alte Freunde wären! Aber es find keine Freunde, bloß alt find sie, das ist richtig. Und alle Neujahr einmal geht Mutter hin. Ich denke mir, es ist auch ein bißchen Neugier ... Und nun sage, wo warst du?" Hugo berichtete getreulich, und während Thilde auf das Sofa und Hugo dicht neben sie setzte, sprach er auch von der Litfaßsäule, und daß sie heute abend in die Reichshallen gehen wollten. Da war die Tochter der Lust, eine pompöse Person und doch ganz ätherisch. Die Mutter könne ja ganz gut mitgehen. Thilde sah ihn an und lächelte ruhig, dann nahm sie seine Hand und sagte: „Reichshallen? Nein, Hugo, das ist nun vorbei. Wir waren nun von Heiligabend bis Silvester jeden Tag aus, oder hatten unfern Punsch, und einmal waren wir in einem ganz feinen Lokal, ich möchte beinah sagen über unfern Stand und unsere Verhältnisse; aber nun ist es auch genug, und nun müssen wir anfangen." „Ja, womit denn, Thilde?" „Nimm es mir nicht übel, aber so was kannst nur du fragen. Willst du mir erlauben, dir offen meine Meinung zu sagen, und willst du mir versprechen, mir nichts übelzunehmen, und von vornherein davon ausgehen, daß ich's gut meine mit dir und allerdings auch mit mir?" „Gewiß, Thilde, sprich nur, ich weiß ja, daß es immer was Vernünftiges ist, was du sagst. Mitunter ein bißchen zu sehr. Aber in dieser Woche habe ich dich auch von der lebenslustigen Seite tennengelernt." „Und das sollst du auch weiter, Hugo. Ich bin gar nicht so schlimm und so schrecklich vernünftig, wie manche glauben. Ich bin auch für ein hübsches Kleid und für Vergnügen, aber mit Arbeit muß es anfangen. Daß wir arme Leute sind, das weißt du, und daß du nicht reich bist, weißt du auch. Zweimal Null macht Null, und mit Null soll man nicht in teure Lokale gehen und nicht einmal die Tochter der Luft sehen. Wir sind nun verlobt, und ich bin glücklich, einen so guten und einen so hübschen Mann zu haben, und bin .sicher, daß ihn mir viele nicht gönnen, die Rätin unten gewiß nicht — und die Frau Petermann schon gar nicht. Das sind neidische alte Weiber, und das schöne blonde Frauenzimmer unten mit dem Spitzenhäubchen sieht mich auch immer so an ... Nun, Neid macht glücklich, und ich bin es. Aber Stillstand ist Rückschritt, sagte mein Vater das Jahr vor seinem Tod, als er keine Weihnachtszulage gekriegt hatte." „Du hast ja recht", unterbrach Hugo. „Freilich hab ich recht, aber du sagst das nur, weil du nicht weiter zuhören willst. Ich weiß, das ist all so was, was doch schließlich wichtiger ist als Konstnsky, womit ich aber nichts gegen unfern Schiller gesagt haben will, und all so was hörst du nicht gern. Es soll alles bloß hübsch aussehen und glatt gehen und bequem sein. Nun gewiß, Bequemlichkeit ist ja immer das Bequemste, versteht sich, und ich kann dir sagen, wenn früher die Herren um sieben ihren Kaffee wollten — und einen hatten wir, der war schon Immer um Glock sechs auf und ich mußte dann raus und Kien spalten und mit einem Tuch über den Kopf zu Bäcker Pfannfchmidt, um die Semmeln zu holen — ich kann dir sagen, da hätte ich mich auch lieber noch mal rumgedreht und das Kissen übers Kinn gezogen, denn es war ein bitterkalter Winter, und ich bibberte man so ..." „Na, Thilde, das ist ja nun vorbei." „Ja, das sagst du so hin. Vorbei. Was heißt vorbei? Verlobt sind wir, das heißt also, wir wollen doch mal heiraten und in eine christliche Ehe eintreten. Alles muß sein Vergnügen haben, aber auch seinen Ernst. Und der Ernst kommt erst. Und da wir doch nicht als Herr und Frau Student ober Kandadit, was eigentlich das gleiche ist, durch die Welt gehen können, schon deshalb nicht, weil wer kein Amt und keinen Dienst hat, auch kein dienstliches Einkommen hat, was wir doch fjaben müssen, wenn wir leben wollen und eine Familie bilden wollen ...' „Ach, Thilde, das ist ja noch weit hin." „... also nur leben wollen, so mußt du für das sorgen, was zum Leden nötig ist, das heißt, du mußt nun endlich dein Examen machen und nicht immer die Bücher beiseite schieben und die „Gespenster" lesen — was übrigens, wie sein Titel schon ausdrückt, ein grauliches Stück ist — dein Examen machen sage ich, je eher, je lieber. Und von morgen ab wird angefangen ..." „Aber wie denn?" „Ganz einfach. Statt an die Reichshallen und an die Tochter der Luft zu denken, denkst du an das Repetitorium, was du während deiner Krankheit ganz vergessen hast. Und schon vorher war es auch nicht viel damit, und du bezahltest bloß und gingst spazieren. Aber nun mußt du wirklich hingeben, und abends, ihr habt ja da solche Fragehefte mit beigeschriebener Antwort, was ich alles auf deinem Stehpult habe liegen fetzen, abends kommst du zu Mutter und mir herüber und kannst dich auch auf die Chaiselongue legen, wenn es dir paßt, und dich mit deiner alten Reifedecke mit dem Löwen drauf zudecken. Und wenn du so da- Hugo wußte nicht recht, ob er froh ober verstimmt fein sollte. g0 schwach war er nicht, um nicht einzusehen, daß Thilbe mit ihm madjtc was sie wollte, und so uneinsichtig war er nicht, bah er das sehr Um heldische seiner Situation nicht herausgefühlt hätte. Ader das waren nur kurze Anwandlungen. Eigentlich war er ganz froh, daß jemand d« war, der ihn nach links ober rechts birigierte, roie's gerabe paßte. es gut gemeint war unb daß er dabei vorwörtskam, empfand er jeben Augenblick, unb was ihm über gelegentliche Mißstimmungen am besten forthalf, war die Beobachtung der Methode, nach der Thilbe mit ihm verfuhr. In seinem ästhetischen Sinn, ber sich an Finessen erfreuen konnte sah er biese Methobe mit einem gewissen künstlerischen Behagen unb freute sich ber Erleichterung, die das pädagogische Verfahren ihm um mittelbar gewährte. Es stand nämlich für Thilbe fest, baß sie sich hüten müsse, [einer Tragfähigkeit mehr zuzumuten, als diese doch nur schwache Kraft beim besten Willen leisten kannte, weshalb sie mit Klugheit unb Geschick für Unterbrechungen Sorge trug. Wenn bas Examinieren, das sie nach Möglichkeit in ein quickes Frag- unb Antwortspiel verwanbelte, bebrüt? lich zu werden anfing unb sich bei Hugo etwas von Ermübung zeigte, so brachte sie ein Glas Tee ober Rotwein ober eine Jngwertüte, unb während sie ihm daraus präsentierte unb auch wohl selbst ein Stückchen nahm und von den Molukken sprach, wo der Ingwer am besten eingemacht würde, und wo sie von China her (ober vielleicht würben sie auch nachgemacht) bie großen blaugeblümten Porzellankrüge hätten, glitt (lt zu Tagesfragen über und las ihm von Christenverfolgungen in Chin, vor ober von ben Franzosen in Anam ober Tonkin ober von dem Krieg, ben bie Hollänber mit ben Eingeborenen führen mühten. Die Japaner seien ben Chinesen boch weit voraus, unb ein Volk, das solche Natur- beobachtung habe unb solche Blumen unb solche Vogel machen könne, bas bebeute boch eine allerhöchste Kultur, was man von jebem Teebreit absehen könne. Dabei wolle sie noch nicht einmal von bem Lack spreche«, ber doch auch unerreicht dastehe. So war Thilbe groß in Uebergängen, unb wenn sie berart mit Hilst der Zeitung bei den Molukken unb Japanern begonnen hatte, war es ihr ein leichtes, sich bis zu Kroll unb der Semdrich unb sogar bis z« Nybinski zurückzufinben, und wenn sie bann noch was Pikantes, dos sie eigens für Hugo sammelte, zum besten gegeben unb ihn erfrischt hatte, sagte sie: „Nun aber: .Bricht Verkauf Miete ober nicht?'" Und Hugo ging bann mit roiebergeroonnener Kraft ins Feuer uni antwortete mitunter so gut, baß Thilbe ihre heimliche Freube baran hatte. Die alte Möhring war immer dabei, schon weil sie nicht wußte, wo sii anders hinsollte. So kam Ende Januar heran, unb als eines abends Hugo um bie zehnte Stunbe bas Zimmer verlaßen unb Thilbe bie Glast, unb Tassen auf bie Seite geräumt hatte, sagte die Alte, währenb sie sch auf eine Fußbank unb mit bem Rücken gegen ben Ofen setzte: „Sag mal, Thilbe, lernt er benn gut?" „D, ganz gut, Mutter; eigentlich viel besser, als ich bachte." „Ja, ja, bas kommt mir auch so vor, unb er is auch ein bißchei