GichenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang MO Mitag,-en 21-November Nummer 90 An ein totes Kind. Von Hans Franck. Und grübe ich mich ein in deinen Totenhügel — bin dir nicht nah. Und trügen mich in alle Himmelshöhen Flügel — Du bist nicht da. Äus einer Wallung meines lebenssüchtigen Blutes ward dir Gestalt. Aus meinen Vaterhänden riß dich rohen Mutes Todesgewalt. Ein Sehnen warst du einst, ein Traum, der erdenwärts sich nur verirrt. Ein Wähnen bist du jetzt, ein Wissen und ein Schmerz, der mich zerwirrt. Portugiesische Totenklage. Von Professor Dr. Ed. Heyck. Da saust in einem Tempo, wie ich es nie erlebt habe, ein Matrose vorbei und zur Kommandobrücke hinauf. Himmel, da ist was los! Die feinen Klingeln spielen in der Schiffsmaschine, sie stoppt, mit schrecklichem Getöse strömt der frei gewordene Dampf aus. Unverständliche Ruse im Getöse, die schrillen Pfeifen der Offiziere und der Bootsleute. Nun rückwärts. Wie quirlender Sektschaum strömt das Wasser von der Schraube her zum Bug. Wieder stopp. Unruhig sich wiegend, von den hastigen Manövern, steht das Schiff. Mann öwer Buurd! Das ist fürchterlich. Mehr als man daheim sich vorstellt, wo man gleich an alle Rettungsmittel denkt. Bis es gemeldet ward und der große Dampfer zum Halten kam, ist die Unglücksstelle im günstigsten Fall um einen halben Kilometer schon überfahren. Die sonnige, funkelnde Ruhe des Meeres heute nachmittag, hier südlich des Aequators, ist geringe Beschwichtigung. Sahen wir doch fast ständig, in der Form wie riesige Zigarren, die auf Abfälle lauernden Haifische neben den Schisfseiten mitgleiten. Wer mag's nur sein? Einer von der Mannschaft, die oben in den Masten saßen und liebevoll pinselten? Denn geputzt und gemalt wird unterwegs ja fortwährend, und bei den Deutschen wohl am unbegnügtesten. Reue Bewegung — Frau X fiel in Ohnmacht! Die hysterische Dame die eben vor einer Viertelstunde ihren bis zur Erschöpfung geduldigen Mann die zweite der täglichen großen Szenen machte. Aber da kommt er eben gelaufen. Das tut der auch nicht, daß er sich tragisch ins Meer stürzt. Mit einemmal rennt alles zu den Zwischendeckern. Dies sind allermeist Portugiesen, die von Lissabon mitgenommen wurden. Eins der Boote ist im Nu ausgeschwungen worden und geht wie's Donnerwetter zu Wasser. Der erste Offizier ist drin und schreit seinen sechs Leuten zu, sie müssen sich besser sesthalten, wenn durch das Hin- und Herwiegen des Schiffskörpers das herunterschwebende Boot mit seinem Korkgürtel an die Eisenwand schlägt. Jetzt haken sie von den Davits- Tauen los, kommen ab, treiben in die glitzernde Fläche hinaus. Die Leute rudern aus Leibeskräften, fortwährend aufrecht steht der Offizier, steuert mit einem Riem, späht mit den blauen Westfälingeraugen umher, voraus, sieht nach dem Schiff um, nach Richtung und möglichen Zeichen. Immer ferner rudert das Boot. Aber nichts läßt sich beobachten, daß ihm eine Spur auftaucht in der grausam sich sonnenden Flut. Also der Carlos ist es! Der bei allen beliebte, fixe, kleine Kerl! Gerade der! Was ist nur mit der einen Gruppe unter den verstörten Portugiesen? Diesen Grauköpfen, die sich bald so dick befreundet zusammengeschlossen haben. Warum wird so heftig auf sie eingeredet? Sonst geschwätzig und erreglich, wie kollernde Hähne, sind sie jetzt, wo Tod und Leben auf dem Spiel steht und von.einer vernünftigen Auskunft.abzuhängen scheint, mundfaul und abweisend verdrießlich. Sie wissen nur, daß sie den Menino (das Wort für Kleiner, Junge) an der Reeling haben turnen sehen. — Aber wann gesehen, Senhores! Wann? Wie lange ist es her? — Fünf Minuten. Nein, es kann auch eine halbe Stunde sein. Dann gesteht einer: vor zwei bis drei Stunden! Und nun, stückweis, wird den sich Widersprechenden mehr herausgequetscht, und der Sachverhalt kommt ans Licht. Diese würdigen lusita- nischen Großpapas, die auf dem Hamburger Dampfer zu essen kriegen wie im Märchen, haben den armen Jungen beauftragt, außenbords herum in den Proviantraum einzusteigen, durch eins der zur Lüftung geöffneten Bullaugen und drinnen für sie zu hamstern. Von oben geholfen hatte ihm niemand, die klüglichen Anstifter verzogen sich alsbald nach anderswo. Ms er dann immer nicht kam, kriegten sie Angst und — sagten nichts. spionierten nur immer achtsam nach dem Verwalter, der die Vorräte ausgibt. Der ging in den Proviantraum, kam allein wieder heraus und schloß harmlos zu. Das eine hätte ja noch sein können, daß der Junge aus Furcht vor dem Zurückgelangen drinnen sitzengeblieben wäre. Irgendwie hatten sie dann schließlich gemurmelt, es möge was mit dem kleinen Uebel- täter passiert fein. Mitten im Schauplatz der Aufregung, im leergelassenen Kreise um sie, liegt die Mutter. Ein gelbes, verblühtes Portugiesenweib. Als sie's erfuhr, nach dem ersten starren Entsetzen hat sie mit ein paar Griffen das unerläßliche schwarze Umschlagtuch weggeschleudert, die pechigen Haare zerzau t, die Hemdjacke aufgerissen und sich dann schreiend auf das Deck geworfen. Aber so unwillkürlich ihr verstörtes Tun ihr kommt, vollzieht diese Unwillkürlichkeit auch einen in dieser Art sich geziemenden weiblichen Brauch. Es ist der urtümliche Ritus der Totenklage, wie ihn gleich dem Alten Testament noch viele Völker ähnlich kennen, mit Zerreißen der Kleider, mit rhythmisch modulierten Gesten und schreienden Wiederholungen. Taktmäßig in gleichen kurzen Zwischenräumen, wirft sich die Liegende von der einen Körperseite auf die andere herum, die beiden Arme im Bogen mitschwingend, und je genau hierzu ihr herzzerreißendes „Ooohhh ... menino!“ schreiend. Zur Rechten und Linken von ihr liegen ihre beiden kleinen Mädchen und tun im selben Takt das gleiche Herumwerfen mit. Kleine, feueräugige Hexen; mehrmals hat man ihnen zugesehen, wenn sie mit dem Bruder abends tanzten, eine hüpfende Art Quadrille zu britt, und mit den gellenden Klarinettenstimmen das kindliche Tanzlied dazu fangen. Kein Mensch hätte diese Totenklage unterbrechen dürfen, hätte der Mutter zureden wollen. Die portugiesischen Frauen und Kinder bildeten die hockende Umfassung des teergelafienen Kreises und sahen mit dumpfer Ehrerbietung zu. Möglichst weitab saßen die würdigen Greise und markierten Stumpfsinn. Trotz der hoffnungslosen Aufklärung war das Boot nicht sogleich zurück- signalisiert worden, so nutzlos die Verzögerung der Weiterfahrt des Dampfers auch war. Ich sah in das Sorgengesicht unseres lieben, nicht nur von den Damen üblich geliebten Kapitäns. Nachher wird es im Schiffsjournal stehen, knapp und mitleidlos wie ein Polizeibericht. Ueberall wird orakelt und ähnlich Erlebtes erzählt. Die Erregung und Teilnahme versteckt auch hier sich in den Ton des kahlen Realismus. „Wenn er bei dem Bullauge abgerutscht ist, dann hat er auch gleich einen vom Schraubenflügel weg ..." — „Da sind jetzt mindestens fünfzehn Meilen zwischen ..." — „Uns ging mal beim Senegal ein Schiffsjunge über Bord, und wir kriegten ihn noch. Grad wie sie ihn. ins Boot ziehen wollen, da schnappt der Haifisch zu und dreht ihm ’n Bein aus. Es war man 'n Wunder, daß nicht schon eher welche gekommen waren ..." „Ooohhh ... menino! Ooohhh ... menino!“ Der unabänderliche Rhythmus. Anschwellend das jammernde langhingezogene Oh, und im Staccato abschließend das menino. Das Boot, das wieder längsseits kam, wurde von einer Sondermaschine unter Dampf aufgehißt. Die Sonne war hinter eine Wolkenbank am Horizont getreten, und ein Schauer riefelte über das kalt und blau« dunkel gewordene Wasser. Den grauen Sündern waren vorläufig aufs gründlichste die Leviten gelesen worden, diesen Kerlen, die, noch vom Mittag satt wie die Konstriktorschlangen, in ihrer Gelüstigkeit und bann noch Feigheit nun zu ben Mörbern eines blühenben jungen Lebens geworben waren. Kurz nach zehn Uhr sagten ber junge Schiffsarzt unb ich uns gute Nacht. Wir hatten noch im Dunkel braußen geftanben und ins Meerleuchten gesehen. Da gab es neues Getümmel im Unterdeck. Bei dem großen Raum, wo die Portugiesen familienweise nach ihrer Sitte in den Kleidern auf den Matratzenpritschen schliefen. Rasch dahin. Aus dem Schlafraum fiel Licht heraus, und drinnen gestikulierte unb redete alles durcheinander. Vor ein paar Minuten wollte eine Zwischendeckerin, eine ledige Deutsche, zur Ruhe gehen, und als sie das ihr zugewiesene Einzelgelaß betrat, fand sie darin zusammengekauert den Menino! Er war über dem unrechten Bullauge hinuntergeklettert. Hineingekommen war er, aber zurück hatte er sich bann nicht getraut. Eben strömte ber tärmenbe Knäuel aus dem Schlasraum heraus. Sie brachten im Triumph den Jungen nach oben zu seiner Mutter, die noch immer als schwarze Masse, reglos verstummt, auf dem dunklen Schiffsdeck lag. Sie fuhr auf, — mitten in ihrer taumelnden Freude knöpfte sie zuerst sich zu — unb riß dann bas wiebergeschenkte Kinb in ihre Arme. Aber Carlos war wie leblos! Ich merkte, wie ber herangetretene Arzt besorgt würbe. Der Junge war steif und ganz kalt anzufühlen. Plötzlich aber holte der Doktor aus unb gab ihm einen kräftigen Schlag auf bie geeignete, von ber Mutter unterarmte Hinterstelle, baß er sofort aufs lebenbigfte schrie unb flehte, ihn nicht zu strafen. Dieser winzige Komöbiant! ■ Der ganze Kajütsalon würbe auch noch wieder lebendig unb vergnügt. Selbst ber Kapitän kam, ber später obenbs sich sonst unsichtbar machte unb in seiner Kammer Schopenhauer las. um bsn Hals; ob es eine VerwanDte oDeb gar Ne Tochter Desselben gewesen, haben wir nicht erfahren können. Außer solchen Festen lebte übrigens der alte Herr still für sich weg; nur manchmal liebte er es, aus seinem Hause auf die Spiele der Kinder in der Kammer hinabzublicken, wozu er die bequemste Gelegenheit hatte, da das Hotel „Zur schwarzen Anna" auf einer Fensterbank erbaut war. Dann stieß Wohl eins der Kinder das andere an und flüsterte: „Seht, seht! Der alte Herr steht wieder einmal Auch seinen Geburtstag sollte er noch erleben. Zu diesem Feste, an welchem alle Kater und Katzen sich zur Gratulation versammeln sollten, bekam ich den Auftrag, sein Brustbild in Lebensgröße zu malen, was dann auch wirklich am Morgen des Festtages, in einen breiten Goldrahmsn gefaßt, im Saale des Hotels aufgehangen wurde. Aber es nimmt alles einmal ein Ende. — Da wir eines Morgens aufgestanden waren, fanden wir ihn tot in seinem Bette. Ob er bei dem letzten leckeren Mahle sich zu viel getan, ob die ihm zugemessene Lebensdauer abgelaufen war; — so viel steht fest, was wir hier vor uns sahen, war nur noch seine entseelte Hülle. Also wurde ein Schächtelchen mit schwarzem Papier beklebt und ausgeschlagen und so ein Sarg daraus gemacht. Der alte Herr wurde hineingelegt und stand zur Parade in dem großen Saale des Hotels wo von der Wand sein noch in aller Lebensfülle gemaltes Bildnis auf den Sarg herabsah. „ , , ., Endlich wurde er auf dem Steinhofe — ach, ernen Garten hatten wir da draußen nicht! — in das für ihn gegrabene Grab gesenkt und mit einem schweren Steine fest und dauerhaft bedeckt. --"Aber wer möchte nicht gern wissen, wie die Toten aussehen! — Natürlich wurde der alte Herr nach einem halben Jahre wieder ausgegraben, sehr mit Schimmel überzogen vorgesunden, schaudernd und ganz genau betrachtet und dann endlich noch einmal und auch zum allerletztenmal begraben. ,. , . Für Kinder und alte Leute, welch ein erlösender Zauber liegt ut dem Begraben! , , _. . In der Heimat zur Zeit der Manschettenmreße, als die zwei ältesten Knaben ihre ersten Kittel noch nicht ausgetragen haiten. als sie für den großen Garten, der am Hause war, mit eignem „Schmrer- zeug" noch versehen waren, — in jener glücklichen Zeit gab es außer Katzen auch noch anderes Getier im Hause. Da war ein kleiner ivecher Pudel, welcher „"Bube" hieß, aber leider trotz des Tierarztes schon verwart sein ' ' ' I früh an einer Hunde-Kinderkrankheit sterben mußte; dann war em Es geschah aber, daß unser mit drei Katzen also stattlich begründetes weißes Kaninchen, welches „Mine" hieß, und auherdenr noch eure weihe Heimwesen durch den hereingebrochenen Dänenkrieg gar lammerlich I Taube, welche keinen Namen hatte, sonst aber sehr wohl „ Feoerios zugrunde ging; meine beiden Knaben und noch ein kleiner dritter, 1 --- Der hinzugekommen war, muhten mit mir und ihrer Mutter in die Fremde wandern, und so gastlich man uns draußen aufnahm, es war Doch in den ersten Jahren eine trübe, katzenlose Zelt. , Zwar hatten wir ein Kindermädchen, welches Anna hieß; ihr gutes rundes Gesicht sah allzeit aus, als wäre sie eben vom Torfabladen hergekommen, weshalb die Kinder sie die „schwarze Anna' nannten; aber eine Katze in unser gemietetes Haus zu nehmen, konnten wir noch immer nicht den Mut gewinnen. Da — drei Jahre waren so vergangen — kam von selber eine zugelaufen, ein weih und schwarz geflecktes Tierchen, schon wohlerzogen und von anschmiegsamer Gemütsart. Was ist von diesem Käterchen zu sagen? — Zum mindesten der Son Kindern und Katzen, und wie sie die Nine begruben. Don Theodor Storm. ^Begraben! — Das Zauberwort war gesprochen Das Geschm verstummte, die Tränen wurden abgewischt, ein wah^s Sonnen leuchten verklärte die Gesichter der beiden Kinder. — Schon warm sie aus dem Zimmer und die Bodentreppe hinauf; und nicht lange, so kamen sie fröhlichen Angesichts mit dem Leichnam ihres Alne an gezogen; der eine hatte es an den Ohren, der andere an den Himer laufen. So zogen wir mit?amen in den Garten hinaus. Als wir auf dem großen Steige waren, begegnete uns die ME schettenmietze. „Miau!" sagte sie, indem sie stehenblieb und uns E-m Der Zug hielt; und die Kinder sahen sie wieder an. „Mite , teS der Kleine, noch einmal in seinen Klageton verfallend, „unser ist tot!" hätte heißen können. , , „ , . , f. In dem geräumigen Taubenschlage auf dem Hausboden hatte sie einst mit vielen schönen Gefährten, Hahnenschwänzen und Mohrenköpfen, gewohnt und sich von dort aus lustig nut ihnen über den grünen Gärten in der Luft getummelt; aber eines Nachts w<^ der Marder eingebrochen, und sie allein blieb die äleberleberi&e. Damit sie in dem großen leeren Schlage nicht allzu sehr die Einsamkeit empfinde, wurde das Kaninchen ihr zum Gesellen beigegeben, und da weder dieses von ihren Erbsen, noch sie die Hundeblumenblatter des Kaninchens begehrte, so lebten sie wie Geschwister, eintrachtiglich beisammen. Wenn die Taube von ihren Ausflügen heimkam klappte Rine allzeit freudig mit den Hinterläufen; denn sie spielten dann Greif oder Haschemännchen miteinander, und da das Kaninchen sehr gut greifen konnte, so geschah es dabei ganz von selber, daß es seirwr Freundin einen Mund voll Federn nach dem andern abbih. — So wurde sie das Täubchen „Federlos" und konnte nur noch mit den Posen (die Kiele der Federn) fliegen. Aber weiter kam es nicht; die Posen sollte sie behalten. Denn da die Knaben eines Morgens in den Schlag hmaufstiegen, flatterte das Täubchen Federlos zwar noch um sie herum, Nme aber lag nut ausgestreckten Bieren tot und platt am Boden. . , Eilig stürmten sie die Treppe hinab und verkündeten rm Wohnzimmer ihre Trauerkunde, wo ich ahnungslos bei meiner --.affe ~_.ee faß. Wahrscheinlich hatte Nine sich an Taubenfedern tot gegessen, indessen ich bedachte solches nicht und sagte ohne viele Llmstan.de. „Da habt ihr's wohl verhungern lassen!" Ob das Gewissen der beiden dennoch nicht ganz rein gewesen? — Aber — hilf Himmel! wie Huben auf dieses Wort die kleinen Kerle an zu schreien! Kein Trost, kein Zuspruch half, die Tranen liefen ihnen stromweis über die Backen. . . fn Da trat mein Freund, der Doktor — der als Primaner musts schön die Klarinette spielte — in die Dur. „Hallo! Jungens, was lft Die l Augen wandten sich zu dem Sprecher, und einen Augenblick lang stockte das Geheul. „Doktor", rief der eine im wehmütigsten Klagelaut, „unser Nine ist tot!" . . . „Hn& wir haben es verhungern lassen! schrie der andere. Dann heulten sie beide wieder mit vereinten Kräften. „Jungens!" ries der Doktor. „Euer Nme wird nicht mehr tebendig^ Aber wißt ihr denn das nicht? Wenn es tot ist, so mußt ihr es Mit Katzen ist es in früherer Zeit in unserem Hause sehr begänge" gewesen. Noch vor meiner Hochzeit wurde mir von einem alten Hofbesitzer ein kleines, kaninchenblaues Kätzchen ins Haus gebracht, er nahm es sorgsam aus seinem zusammengeknüpften Schnupftuch, fetzte es vor mir auf den Tisch und sagte: „Da bring' ich was zurAussteuer! Diese Katze, welche einen weißen Kragen und vier weiße Pfötchen hatte, hieß die „Manschettenmieße". Während ihrer Kindheit hatte ich sie ost, wenn ich arbeitete, vorn in meinem Schlafrock sitzen, fo daß nur der kleine, hübsche Kopf hervorguckte. Höchst aufmerksam folgten ihre Augen meiner schreibenden Feder, die bei dem melodischen Spinnerlied des Kätzchens gar munter hin und wieder glitt. Oftmals, als wolle sie meinen gar zu großen Eifer zügeln, streckte sie auch wohl das Pfötchen aus und hielt die Feder an, was Mich dann stets bedenklich machte, und wodurch mancher Gedankenstrich in meine nachher gedruckten Schriften gekommen ist. Die Manschettenmieße selber ist, wie ich furchte, durch diesen Der- kehr etwas gar zu gebildet geworden; denn da sie endlich groß uns I Dann auch Mutter manches allerliebsten kaninchengrauen Kätzchens ge- 1 1 worden war, verlangte sie, gleich den feinen Damen, allezeit eine Amme für ihre Kinder; und da die Nachbarskatzen sich nur selten zu Diesem Dienst verstehen wollten, so sind fast alle ihre kleinen Ebenbilder elendiglich zugrunde gegangen. Nur einen kleinen weißen Kater zog sie wirklich groß, welcher wegen seines grimmigen Aussehens „der weihe Bär" genannt wurde und nachher aber eine Katze war. Später, da schon zwei kleine Buben lustig durch Haus und Garten tobten, waren drei Katzen in der Wirtschaft: nämlich außer den vorbenannten noch ein Sohn des weihen Bären, genannt „der schwarze Kater", ein großer, ungeberdiger Geselle; vielleicht ein Held, aber jedenfalls ein Scheusal, von dem nicht viel zu sagen, als daß er, besonders in der schönen Frühlingszeit, unter schauderhaftem Geheut gegen alle Nachbarskater zu Felde lag, daß er stets mit einem blutigen Auge und zerfetztem Fell umherlief und außerdem noch ferne kleinen Herren biß und kratzte. . Bon der Großmutter, der Manschettenmieße, die nachmals ganz berühmt geworden ist, wäre noch vielerlei zu berichten; da sie aber in der Geschichte, die ich hier am Schluß erzählen will, nur em einzig- mal „Miau" zu sagen hat, so soll's für eine schicklichere Gelegenheit Phramidenritt. .., , ,, Da nämlich den beiden größeren Buben das gewöhnliche Zubett- gehn doch gar so simpel war, so hatten sie's erfunden, auf der schwarzen Anna zu Bett zu reiten; derart, daß sie dabei auf ihrer Schulter saßen und die kleinen Kinderbeinchen vorn heminterbaumelten. Jetzt aber wurde das um vieles stattlicher; denn eines Abends, da sich bie Tür der Schlafkammer öffnete, kam in das Wohnzimmer zum | Gutenachtsagen eine vollständige Pyramide hereingeritten: über dem großen Kopf der schwarzen Anna der kleinere des lachenden Jungen, über diesem dann der noch viel kleinere Kopf des Käterchens, das sich ruhig bei den Dorderpfötchen halten und dabei ein gar behagliches und vernehmbares Spinnen ausgehen lieh. — Dreimal ritt diese Pyramide die Runde in der Stube und dann zu Bett. , Es war sehr hübsch; aber es wurde der Tod des kleinen Katers. Die guten Stunden, die er nach solchem Nitt zur Belohnung im Federbett bei seinem jungen Freunde zubringen durfte, hatten ihn so verwöhnt, daß er eines scharfen Wintermorgens, da er am Abend ausgeschlossen worden, tot und steifgefroren im Waschhaufe aufgefunden wurde. Lind wieder kam eine stille, katzenlose Zeit. Aber wo fände sich nicht eine Aushilfe! Ich konnte ja vortrefflich Katzen zeichnen; — und ich zeichnete! Freilich nur mit Feder und Tinte; aber sie wurden ausgeschnitten und aus dem Tuschkasten sauber angemalt: Katzen von allen Farben und Arten, sitzende und springende, auf vieren und auf zweien gehend, Katzen mit einer Maus im Maule und einem Milchtopf in der Pfote, Katzen mit Kätzchen auf dem Arme und einem bunten Vöglein in der Tatze; den Preis über alle aber gewann ein würdig blickender grauer Kater mit rauhem, bärtigem Antlitz. Ihm wurde in einer Kammer, wo die Kinder spielten, aus Bauholz ein eigenes Haus mit Wohn- und Staatsgemächem aufgebaut. Diel Zeit und Mühe war darauf verwandt worden; deshalb erhielt es aber auch das Vorrecht, vor dem zerstörenden Eulbesen (ein Besen mit langem Stil) der Köchin durch strenges Verbot geschützt zu werden. Es hieß „das Hotel zur schwarzen Anna"; und „der alte Herr, welchen Namen der Graue sich gar bald erworben hatte,, hat lange Darin gewohnt. Selten nur verlieh er seine angenehmen Räume; desto lieber, da es ihm an Dienerschaft nicht fehlte, versammelte er bei sich Die Gesellschaft seiner Freunde und Freundinnen. Dann ging es hoch her; wir haben oft durchs Fenster eingeguckt. Fetter Rahm in Taffenschälchen, Dratwürstchen und gebratene Lerchen wurden immer auf- getragen; den Ehrenplatz zur Rechten des Gastgebers aber hatte allezeit ein allerliebstes Weißes Kätzchen mit einem roten Bändchen Friedhöfe. Don Bert Schiff. I (Nachdruck verboten.) _ Hns auf einen russischen Dorffriedhof. Höchst primitiv und ^rwrldert liegt er neben den strohbedeckten Holzhäuschen der Dauern. Äeme Mauer kem Zaun darum, der die Grabstätten von den an» grenzenden Feldern trennt. Keine Gräberpflege, keine Einfassungen Eb Dlumm tote bei uns in Deutschland. Die Grabstätten sind mit M Äreiyen^11 "verwachsen, im Sommer weiden die Kühe zwischen Me griechisch-katholischen Kreuze sind enorm hoch, mindestens zwei- bis dreimal hoher als bei uns. Durch ihr beträchtliches Gewicht und die geringe Pflege fallen sie häufig ganz oder halb um. Obendran hmgmi kleine Leiterchen, eiserne Zangen und Hämmer. Ich dachte, r. aas das Gewerbe des Derstorbenen hindeuten. Ich wurde daß es einen Hinweis auf den Zimmermannsberuf Josephs von Nazareth darstellt. , ®° tz^mitiv und verwildert und ungepflegt diese russischen Friedhöfe sind, so fehlt ihnen doch nicht ein naturhafter Reiz, ein malerischer eigenartiger Zauber. Die Friedhöfe sind, wenn irgend möglich, auf kmnen Hügeln angelegt. Außerdem sind diese Hügel mit lichten Wäldchen meist immergrüner Nadelbäume bewachsen. Ich dachte dabei em wenig an die Sitte der alten Germanen, die ihre Toten in Hainen begruben. Wenn auf den hohen Kreuzen die schwarzen Raben wie Schicksalsvogeln sitzen — und es gibt in Rußland älnmengen von Raben — wenn dann noch Schnee auf der winterlichen Landschaft uegtz glaubte ich ein derart ergreifendes Dild schon irgendwo einmal gesehen zu haben; ohne mich recht entsinnen zu können, wo. II. Ganz anders sind die Begräbnisstätten in Südfrankreich. Ich hielt Mich lange auf dem Friedhof von Mentone auf, der, noch auf einem Felsen angelegt, weit hinaus blicken läßt ins wunderbar blaue, farbenreiche Mittelmeer. Der Raum ist sehr knapp zwischen dem Meere und den steil aufsteigenden Seealpen. Deshalb liegt Grabplatte eng an Grabplatte, jede jedoch aus weißem Marmor gemeißelt. Wo ein Fußbreit Erde frei blieb, wuchs eine Zypresse oder eine haushohe Palme hervor, an der Feldwand wuchern Kakteen (Agaven), von denen;edes Blatt höher als ein Manu und deren Blüte so groß ist me em Tannenbäumchen. _ Aber all das interessierte mich weit weniger, als die Bilder der Loten. Sn jede Grabplatte ist nämlich die Photographie des Verstorbenen eingelassen. III. Durch diese Photographien auf jedem Grabstein wurde ich schon ein wenig auf den weltberühmten Friedhof zu Genua, dem Campo vanto, vorbereitet. Dort begnügt man sich nicht mehr mit einer bloßen Photographie, sondern dort wird das Dild des Derstorbenen körperlich, plastisch festgehalten, in Erz gegossen oder aus Marmor gehauen. Wie "an in unseren Städten Schiller- oder Goethedenkmäler aufstellt, so ist dort der Friedhof eine Sammlung von Tausenden solcher Denk- maler und Statuen Genueser Bürger. Die großen Künstler Italiens Sebert diese Werke geschaffen. Es ist keineswegs immer ein Dild des j J « k^nen allein. Oesters sieht man die ganze Familie, etwa um eas Krankenlager versammelt. Oder man sieht die Witwe aus dem Lrauerhause treten. Die Köpfe sind nicht etwa kitschig verschwommen, Moern scharf realistisch herausmodelliert, so daß man jede Person wieoererkennen könnte, wenn man ihr am nächsten Tage in den vtraßen der Stadt begegnen würde. A"r ein einziges Kriegerdenkmal sah ich, aber es hat mich mehr als all die zahlreichen Kriegerehrungen, die ich zuvor ge- I Yen. Ein Soldat, in Feldgrau, mit Patronentasche, steht da; er ist EtV? fallen, wurde offenbar kurz zuvor getroffen. Seine Mutter dahinter, sacht ihn aufzuhalten. Aber es ist nicht irgendeine l?!”' nicht irgendein Soldat, sondern die leidvollen Gesichter, die ^aalten sind so bestimmt, so scharf umrissen, so persönlich, so unver- •5ar’ daß man sie unter tausend Kriegern und tausend Müttern wieder herausfinden würde. Il»i^,^^dhof bedeckt das Tal und eine ganze Bergfront. Berge von nächtlicher Höhe. Rechts und links erstrecken sich weite, gedeckte Damr setzte der Zug ft<5 wieder ’m Bewegung, und- Mike machke cmen Buckel und sprang mit, um dem Begräbnis beizuwohnen Der Doktor hatte schon den Spaten in der Hand, und an derGeitz- blattlaube unter uberhängenden Lllmenztoeigen wurde nach reiflicher Erwägung die Stätte auserwählt. Da wurde ich von der Magd ins Haus zurückgerufen und überließ dem Doktor allein die Leitunai unserer Trauerfeierlichkeit. Drinnen im Hause erwarteten mich ganz andere Dinge. Da war em Mann, der hatte einen bösen Schuldner, von dem er weder Kapital noch Zinsen erhalten konnte, und wir sprachen Wohl eine halbe Stunde miteinander, auf welche Weise ihm zu beidem zu verhelfen fei • iP ^ann wieder in den Garten hinauskam, war der Doktor nicht mehr da; auch der Körper des verstorbenen Nine war verschwunden. und der Spaten lehnte an der Planke. Die beiden kleinen ^.otengraber aber— die natürlich ihr Schmierzeug anhatten — lagen E^^^Maitlaube auf den Knien und hatten einen kleinen, feltfam glanzenden Erdhugel zwischen sich, auf dem sie beide eifrig mit ihren rotfamerten Taschentüchern rieben. a ihr da?" fragte ich, indem ich zu ihnen trat; denn diese Sache war nur völlig unverständlich. , zuckte der Kleine auf. „Papa!" sagte er, und fein Gesicht leuchtete so fröhlich tote droben kaum die liebe Himmelssonne — „totr polteren Nine sein Grab mit Spucke!" --Llnd also endete dies vergnügliche Begräbnis. Saulenhakken. Sn zehn Schichten und mehr Degen die überirdischen Grabkammern übereinander. Daneben und im Freien sind die Monu- mente ausgestellt oft ganz einzigartige Bauwerke. Man glaubt weniger auf einem sriedhof als in einer Galerie, einer Kunstsammlung oder einem Museum zu fein. . ^avergehlich prägte sich mir auf halber Dergeshohe die Gruppe 666 ein. x50fe Meirana streckt in voller Amtstracht die Hand und den Finger energisch weit ins Land hinaus, wie irgend einmal an einem kraftvollen, wichtigen Punkt seines Lebens. Der Giorgio Meirana links von ihm viel jünger, augenscheinlich sein Sohn, arbeitet dagegen mit der Gartenhacke. Dor ihm steht die mütterliche Angela Piazzo; zur Linken, mit häuslichem Arbeitsgerät, Theresa di Nicolino Del- bargo Alle Gestalten sind erzgegossen, Überlebensgroß, inmitten einer hohen, herrlichen Dergumrahmung. — Diese Grabstätte bat gar nichts friedhöflich Bedrückendes an sich. Denk' es, o Seele! Von Eduard Mörike. Ein Tännlein grünet wo, Wer weiß, im Walde, Ein Rosenstrauch, wer sagt, In welchem Garten? Sie sind erlesen schon. Denk' es, o Seele! Auf deinem Grab zu wurzeln und zu wachsen. Zwei schwarze Rößlein weiden Auf der Wiese, Sie kehren heim zur Stadt In muntern Sprüngen. Sie werden schriktweis gehn Mik deiner Leiche; Vielleicht, vielleicht noch eh' An ihren Husen Das Eisen los wird. Das ich blitzen sehe! Oer Schlund. Roman von Alfred Bock. (Fortfetzung.) 7. Martini. Schon am frühen Morgen war Meister Möckel, der Schmied mit seinem Lehrling auf dem Weg in die Stadt. Der Wecklerskarl hatte heut ausgelernt. An dem bedeutungsvollen Tag, der ihn auf einen neuen Lebensabschnitt rotes, ließ er die Flügel hängen. Während der Meister redete, daß ihm der Bart rokichs, öffnete der Karl nicht den Mund. Sein Gesicht war blaß und schmal, er ging mit gesenktem Kopf, als ob feine Augen etwas auf dem Boden suchten. „He glaubt, scheinfs, sie fressen ihn in der Stabt auf , sprach der Meister zu sich. „Ich bin net ängsterlich, he wird sein Gesellenstuck machen!" Die Landstraße stieg sanft an. Das Wetter war stürmisch und kalt, lieber die Aecker und Wiesen zur Rechten zogen neue Nebelschwaden, tm Tannengehölz zur Linken trieben die Meisen ihr Wesen. Der Wind zerriß das Gewölk, die Sonne kam hervor. Nur für ein halbes Stündchen. Dann sprühte ein feiner Regen hernieder. Der Meister und sein Begleiter sputeten sich, daß sie ihr Ziel erreichten. , Glock zehn stellte Möckel seinen Lehrling dem Obermeister der Schmiede- innung vor. Dieser, ein älterer Mann mit scharfgeschnittenen Zügen, musterte den Wecklerskarl. „Du hast einen guten Lehrmeister gehabt. Nu wollen wir sehen, was du kannst!" Er gab dem Prüfling auf, daheim in der Werkstatt ein Schubkarrenrad zu beschlagen. Wenn der Karl die Arbeit fertiggestellt habe, solle er sie bringen. Möckel hatte allerlei in der Stadt zu besorgen und verabredete mit feinem Lehrling, sie wollten sich nachmittags vor der Kaserne treffen. Der Karl ging die Zehntgasse entlang und bog in die Kanzleistraße ein, wo das Gerichtsgebäude lag. Vor dem Gefängnis stand eine ärmlich gekleidete Frau. Hinter dem Gitter eines Fensters im oberen Stock sah man den Kopf eines jungen Menschen. „Wie ift’s dann?" rief die grau, offenbar die Mutter des Häftlings, hinauf: Die Antwort kam: „'s ist hier gar nicht so schlimm!" „'s sind ja nur sechs Wochen", sprach die grau, „die gehn rasch herum!" Der Wecklerskarl setzte seinen Weg fort. Gestern hatte ihn der Kre- oanski, der Schießbudenmann, angehalten. „Du Schandbub", waren seine Worte gewesen, „ich hab gesehen, was du im Nonnenwäldchen mit der Kampmann getrieben hast. Ich sorg defür, daß du eingesteckt wirst!" Der Karl hatte geschwiegen, weil er sich nicht verteidigen konnte. Vielleicht, daß er in ein paar Tagen, wie der junge Mensch da drüben, im Gefängnis saß. Und feine Mutter? An Ermahnungen hatte fie's nicht fehlen lassen, und er war doch den bösen Weg gegangen. Jeden Tag hatte er den Vorsatz gefaßt: „Ich tu’s nicht mehr!" llnb er hatte es doch wieder getan. Die Helene Kampmann hatte ihm nachgestellt, hatte ihm Briefchen zugesteckt, hatte ihn auf Schritt und Tritt verfolgt. Sie abzuweisen, war er zu schwach gewesen. Seine Anständigkeit, feine Reinheit waren hin. Wurde er bestraft, geschah ihm ganz recht. Hatten sie ihn eingesperrt, würde seine Mutter nicht vor dem Gefängnis stehn und zu ihm hinaufrufen: „’s sind ja nur sechs Wochen, die gehn rasch herum!" Sie würde In einer Ecke ihrer Kammer sitzen, würde sich die Augen aus dem Kopf weinen. Es war ihm, als hörte er ihr Schluchzen. Einzling und in ihrer besonderen Lage hatte sie wahrlich kein leichtes Leben. Für ihn schanzte sie, für ihn rieb sie sich auf. Und wie vergalt er's ihr? Als kleiner Junge, erinnerte er sich, hgtte er eine Tasse zerbrochen. Die Mutter war auf die Bleiche gegangen. Als sie heimkam und die Scherben sah, fragte sie ihn: „Hast du das pexiert?" Er verlegte sich aufs Leugnen. Sie nahm ihn gehörig ins Gebet. Da gestand er, daß er die Taffe zerbrochen hatte. Lügen waren der Mutter verhaßt, Sie gewöhnte ihn an Wahrhaftigkeit. Er hatte kein Geheimnis vor ihr. Beging er einen dummen Streich, sagte ihm die Mutter kräftig die Meinung, er bekam wohl auch seine Prügel. Die Kinderschuhe hatte er ausgetreten. Er war alt genug, vernünftig zu handeln. Seine Mutter schenkte ihm volles Vertrauen. Wenn sie erfuhr, was zwischen ihm und der Kampmann vorgefallen war, würde sie keinen Lärm machen, wie er sie kannte, aber sie würde ihn verachten. Scham und Reue folterten ihn. Angenommen, der Krepanski zeigte ihn nicht an, und er entging der Strafe, sein gutes Gewissen hatte er verloren. Letzt sprach der Lehrer in der. Fortbildungsschule von einem Kaufmann, der, was er zu zahlen verpflichtet war, in seinem Geschäftsbuch einfach durchstrich, in der Hoffnung, seine Gläubiger würden ihn vergessen. Der Tor! Seine Gläubiger vergaßen ihn nicht. Seine Schulden blieben. Auch der Karl mochte einen Strich durch seine Sündenrechnung machen, das Schuldbewußtsein blieb. Er grübelte und grübelte, wie er die Last von sich ab wälzen könne. Ziellos lies er durch die Straßen der Stadt. Vor den Lebensmittelgeschäften standen die Menschen in langen Reihen. Ein Einarmiger in zerlöchertem Mantel rief: „Kein Hund möcht so weiter leben. Der Hunger des Volks schreit zum Himmel. Wenn es erst aufsteht, wackeln die hohen Stühle!" Vom Güterbahnhof kam ein fchwerbeladener Kohlenwagen, den ein gefangener Franzose führte. Dahinter gingen ein paar arme Frauen und lasen die herabfallenden Stücke auf. Auf dem Marktplatz in der Wirtschaft zum Automat saß Militär und Zivil, Kopf an Kopf. Ein Orchestrion spielte lustige Weisen. Ein Leichenwagen fuhr vorüber. Auf schlichtem Soldatensarg lag ein Jmmortellenkranz. Nebenher schritt ein alter Mann mit gebeugtem Nacken, die Hand auf der Brust zusammengekrampft. Vor der festgesetzten Zeit war der Karl in der Nähe der Kaserne, den Meister Möckel zu erwarten. Just rückte eine Abteilung Infanteristen ins Feld, junge und ältere Leute. Einer fing zu fingen an. Die andern fielen ein: „Unser Bündel ist geschnürt Und alle Liebe drein. Ade! Die Trommel wird gerührt, Es muß geschieden sein!" Der Wecklevskarl hob den Kopf. Wie eine Erleuchtung kam's über ihn. Es gab einen Ausweg für ihn, sich zu reinigen, sich zu befreien: er meldete sich freiwillig zum Militär, er ging igs Feld! Meister Möckel erschien mit Paketen beladen. Die Redlichkeit, knatterte er, war aus der Welt gereift. Sein Eisenhändler hatte ihn überteuert. Darob war er fuchsteufelswild. Beidfammen traten sie den Rückweg an. — Der Karl machte sich an sein Gesellenstück. Zuerst wollte es mit der Arbeit nicht flecken. Doch ließ er nicht ab und spannte alle Kräfte an. Zuletzt gelang’s. Mit dem tadellos beschlagenen Rad wanderte er abermals in die Stadt zum Obermeister. Der sprach sich lobend über die Leistung aus. Zwei Meisterbeisitzer und ein Gesell wurden herbeigeholt. In deren Gegenwart, als den Beauftragten der Innung, hatte der Lehrling einen Zangenteil abzuschmieden. Das tat er mit großer Anstelligkeit. Eine Weile trat er dann ab. Ward wieder hereingerufen. Der Obermeister richtete an ihn das Wort: „Der Gewerbeschullehrer steht im Feld. Die Prüfung in der Buchführung und im Rechnen wird dir erlassen. Wir machen dich zum Gesell. Wer was Rechtes gelernt hat, ist frei und findet überall fein Brot. Dein Meister sagt, du bist von guter Lebensart. Halt dich ehrlich und brav. Der Ausweis wird dir zugeschickt!" Er gab dem jungen Gesellen die Hand. Damit war der Losspruch vollzogen. Der Abend dämmerte, als der Karl zum Meister Möckel in die Werkstatt trat und verkündete, daß er Gesell geworden sei. Der Schmied hatte sich eine kleine Rede zurechtgelegt. Die ließ er vom Stapel. „Ich wünsch dir Glück und Segen zum Gesellenstand! Deine Mutter hat dich mir als Lehrling übergeben, ich hab dich gehalten wie meinen Sohn. Wozu man den Trieb hat, das gerät. Du hast's gepackt. Sei net jedermanns Gesell und guck dir die Menschen gründlich an. Sie werden net besser. Daß du dir die Finger net verbrennst, dadesür hast du die Zang. Was das Handwerk ruiniert, hast du oft von mir gehört: das Pfuschen! Lieber gar keine Arbeit als halbe Arbeit. Das Halbe taugt in keiner Sach nix. Du kann sehr geschickt sein und 's wird dir nix helfen, wann du keinen guten Namen hast. Das fällst du nie vergessen! Ich will heut net nuscheln. Du weißt, daß du in der letzten Zeit verzwirbelt und net merkisch warst. Einen Rat geb ich dir mit auf den Gesellenweg: tu dich net an schlecht Weiberfleisch hängen. Das kann ein Mannsbild herunterbringen. Hast du net gesehen, ist Ehr und Ruh beim Deubel. Respekt vor sich selber haben und vor unferm Herrgott im Himmel, dadrin liegt alles!" Der Meister hielt inne. Er hatte wie aus einem Buch heraus gesprochen, ernst und feierlich. Jetzt nahm er eine behagliche Haltung an und endete: „Du hast die Wahl. Ich kann dir einen Platz in der Stadt verschaffen, du kannst auf der Wanderschaft dein Glück probieren, 's ist mir auch Verantwortlich: l)r. Hans Thtzrivt. — Druck und Verlag: Brühl recht, wann du bleibst. Du hast die Kost bei mir und kriegst die Woche acht Mark. Ueberleg dir s und sag mir Bescheid." ' 7 "JL ha? mir’s überlegt", versetzte der Karl, „ich meld mich freiroiUia zum Militär! a "Ei die Kränk!" rief der Meister höchlich überrascht. „Du meld'st dich zum Militär? Ich glaub, dir ist net gut. Wie alt bist du dann? Siebzehn Gelle? Mit Buben führt man kein Krieg. Mach dich net mehlig. Du wir» den Pulverdampf noch früh genug riechen!" „Ich meld mich freiwillig zum Militär!" wiederholte der Karl. Ein Zucken lief über fein bleiches Gesicht. Dem Meister schwollen die Adern an der Stirn. „Himmelschockschwernot! Was hast du dann für Unglücker in dir?" Da faßte der Karl sich ein Herz und bekannte seine Schuld. Auf die Kampmann warf er keinen Stein. Der Schießbudenmann, erzählte er habe ihn mit dem Mädchen ertappt, wolle ihn anzeigen. Einerlei, ob er Zur Verantwortung gezogen werde ober nicht, er sei gewillt, den Schmutz mit dem er sich besudelt, draußen im Feld abzuwaschen. Der Meister ballte die Fäuste. „Dacht ich mir’s doch! Das Donnerwetter soll die Schnippel schlagen!' Erregt schritt er in der Werkstatt auf und ab. Dann blieb er vor dem jungen Gesellen stehn. „Von wegen dem Krepanski brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Der hat sein Häufelche in der Salzbrüh liegen und hat Manschet, ten vorm Gericht. Der zeigt dich net an. Du fagft’s net, aber ich bin devon überzeugt: die Kampmann hat dich verführt. Wann du sie schonst, schad'st du dir selber. Sie kommt fort. Da kannst du dich drauf verlassen. Du hast Reu'. Reu' ist auch Straf. Die Dreckkneter haben im Dorf schon viel geschmeckt und ’s ist Gras drüber gewachsen. Wann dich sonst nix enaus treibt, dessentwegen brauchst du net ins Feld zu gehn. Und dann mein ich, deine Mutter ist doch auch noch da, daß du ein wink an sie denkst!' Der Karl brach in Tränen aus. Alleweil gibt’s Luft, dachte der Schmied. Doch täuschte er sich. Was er auch dagegen anführen mochte, der Junge war von seinem Entschluß nicht abzubringen. Er bat den Meister, weil's ihm zu schwer ankomme, mit der Mutter zu sprechen. „Du willst’s durchdrücken", sagte der Meister bekümmert. „Dadegegen kann ich freilich nix machen. Ich werd mit deiner Mutter schwätzen!" Als Möckel der Wecklersanna eröffnete, wie es um ihren Sohn stand, war sie wie vor den Kopf geschlagen. Still und stumm saß sie da. Der Schmerz schnürte ihr die Brust zusammen. „Was geschehn ist, kann man net wenden", gab der Schmied feine Ansicht kund. „Ich halt' mich dadrüber letzt bei dir ausgedrückt, daß der Jung sich verscheuselt. Du wollt’st net glauben. Mit Pernern und schnauz!- gen Worten richt’st du bei dem Karl nix aus. He hat noch einen guten Funken in sich. Das muß ich loben. Meine Sag ist: he tut’s net aus Mutwillen, daß er bei’s Militär will, ehnder er’s nötig hat. Er folgt seinem Gewissen. Das Gewissen ist unferm Herrgott feine Stimm. Wann's auch hart für dich ist, laß ihn gehn!" Der Meister entfernte sich. Lange saß die Wecklersanna in bitterem Weh. Sie hatte vermeint, ihrem Sohn ins Herz zu schauen, hatte auf seine Bravheit gebaut, nun sah sie, daß er ihre Warnung in den Wind geschlagen, sich an die Schmuttel fortgeworfen hatte. Aber wenn sie gerecht sein und von Schuld sprechen wollte, mußte sie doch bei sich selbst anfangen. War sie etwa frei von Schuld? Ein Jahr vor seiner Konsir- mation war der Karl mit verweinten Augen aus der Schule gekommen. „Was ist mit dir?" fragte sie besorglich. Er wollte nicht mit der Sprache heraus, „'s wär das erstemal, daß du was vor mir hehl hältst!" drang sie in ihn. „Der Bendersheinrich hat mich gescholten!" stotterte er. „Wie hat er dich gescholten?" forschte sie. „Bankert!" heulte er auf. Das gab ihr einen Stich ins Herz. Mit vieler Mühe beruhigte sie ihn. Sie hatte vor, zum Lehrer zu gehn. Dann besann sie sich anders und schwieg. Die große Glocke läuten, hieß dem Getratsch Nahrung geben, hieß, ihren Jungen neuen Kränkungen aussetzen. Der Karl hatte einen Vater und hatte doch keinen Vater. Wohl möglich, daß eine festere Hand als die ihre den Karl jetzt vor der Versuchung behütet hätte. Seiner unverdorbenen Natur war die Kampmann zum Verhängnis geworden. Was mochte in ihm vorgegangen sein, wie mochte er gekämpft und gerungen haben! Ihre Bitterkeit wich, das Mitleid siegte ob. Da der Karl gegen Mittag von der Arbeit kam, gewann sie's über sich, ihm mit Milde und Freundlichkeit zu begegnen. „Ich war erst voll Dampf", sprach sie zu ihm, „das ist nu vorbei. Jeder mutz für sich selber stehn. Nach dem, was passiert ist, kann ich’s verstehn, dah du dein Gewissen net vor der Tür liegen läßt. Du möchl’st bei’s Militär, möcht'st ins Feld, sagt der Meister, 's ist mir gar arg, aber ich schick mich erein und laß dir den Willen!" Sogleich begann sie, seine Sachen zu richten, daß ihm nichts an der Ausrüstung fehle. ' | Abends faßen sie zum letztenmal beisammen. Geflissentlich hielt sich die Wecklersanna zurück, mied jedes herbe Wort. Mit trübem Blick, die Hände auf den Knien, faß der Karl ihr gegenüber. Er dauert mich schrecklich, waren ihre Gedanken, ich mutz ihm helfen. Und sie umgab ihn mit verdoppelter Liebe. Am andern Morgen — es war noch dunkel — begleitete sie ihn in die Stadt. Er meldete sich auf dem Bezirkskommando, ward im Lazarett untersucht, ward für tauglich befunden und einem Futzartillerieregiment in Mainz überwiesen. | Vor dem Kasernentor sagte die Wecklersanna ihrem Sohn Lebewohl Bei ihrer Rückkehr ins Dorf öffneten sich hier und dort die Fenster, Neugierige schauten heraus. Fest und gerat) schritt sie durch die ©affen. Der Eulerskett aber, die sie an der Haustür empfing, offenbarte sie ihr gequältes Herz. „Du wirst's sehen", sagte sie mit erstickter Stimme, „he kommt net wieder!" ______________________________(Fortsetzung folgt.)_______________ _ i fche Univerf itäts^Duch- und Steindruckerei, X Lange, Giehen.