GiehenerFamilienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <950 Freitag, den 2l.März ~ nimmer ™ Friedell. in Papier, in cs mit einem (Egon Bucher in dieser Zeit. Gedanken zum „Tag des Buches". Bon Dr. E. Kurt Fische r. Die Wälder wandern in die Stadt, verwandeln sich weches, harmloses Papier. Riesige Maschinen überziehen -Milliarde,igewirnmel großer und kleiner Buchstaben und verwandeln so den harmlosen Stoff, aus dem man auch Tüten kleben und Einwickel- papicr machen kann, zum geheimnisvollen, bald fruchtbringenden, bald giftigen Träger menschlicher Gedanken. Keine zehn Meter kann 'einer yehen in den Straßen der großen Städte, ohne daß sein Blick auf bedruck- les Papier fällt. Das Wort, durch die Schreibe entwertet, ist längst schon Scheidemünze des Geistes geworden. Man sieht nicht mehr hin, nachdem man langst aufgehört hat, hinzuhören. Aber weil man stumpf geworden • Inflation der massenhaften Druckschristenerzeugung, weil es Nichts Besonderes mehr bedeutet, ein Bilderheft oder ein Buch aufzu- lchlagen, weil man Goethe aus dem Automaten ziehen und moderne -Novellisten als Gratispackung im Warenhaus bekommen kann, ist es nötig, Mnlgftens e i n m a l im Jahr das Volk daran zu erinnern, daß unter tiilionen Büchern die Ware geworden sind, Stapelware. Schleuderware, carulatur, doch immer noch, verkannt, verkramt, vergessen und vielfach mißachtet das Buch lebt. Das Buch, das so viele besitzen und nach dem s'ch sehnen. Das Buch, dessen Wirkung verflacht und abge- L= t • ro,, c gerade durch seine massenhafte Verbreitung. Das Buch, nf.* * * * 5 * * B o ycl(f"nfl mehr ist, weil jeder es haben kann, als Eigentum oder °ls Lecheremplar einer Bücherei. jf( des Wiches: müßte es nicht Tag des Lesers heißen? Das Buch ' -olelleicht wird es, vom Verleger, vom Sortimenter aus gesehen, Wie aber die verlorene Einsamkeit zurückgewinnen? Wie aber die Stunde im stillen Kämmerlein denen zurück,chenken, die ihre zermar- terten Nerven lieber bis zur späten Abendstunde durch grelles Licht und geräuschvolle Musik betäuben lassen? In tausend Schaufenstern verlocken in bunten Umschlägen, in großsprecherischen B ^.ichblnden, Slniiquanate bieten alte Klassikerausgaben an, Bücherkarren locken zu Ge egniheitskaufen, Zeitungskioske hängen die neuesten Maga- ms grelle Scheinwerferlicht, Volksbibliotheken find bis in die späten Abendstunden zugänglich und man kann dort völlig ungestört sitzen. Es !!nL?tUA9Äb^ner< Nutznießer da für all das Gebotene. Es ist auch statistisch festgestellt daß die Nachfrage nach Büchern dauernd im Steigen begriffen ist, Und dennoch hat das gedruckte Wort feine alte Macht zum Tei emgebußt. Cs rangiert gleichwertig mit anderen Reiz- und Genuß- mitteln. Es hat für die überwiegende Mehrheit aller denkbaren Leser den letzten Rest feiner ursprünglich magischen Kraft verloren. Geblieben ist feine tfunthon als Tatsachenvermiitler, in der es vom Film und vom illustrierten Blatt geschlagen werden kann. Die magische Kraft: ist sie nur für den Leser nicht mehr vorhanden, hat sie nicht vielleicht auch der Dichter, der Philosoph, der Essayist unserer Tage endgültig eingebüfjt? Hat nicht das Wort für viele, die es mit Geschick und Wendigkeit handhaben, sein ursprüngliches Leben verloren? Es laßt sich nicht leugnen. Und die Erklärung? Auch dem Schriftsteller dieser Zeit fehlt die Einsamkeit, fehlt die schöpferische Pause, fehlt die Kraft zu den Quellen hinabzusteigen. Wer es dennoch kann, die wenigen Abseitigen, Barlach etwa oder Brust, werden von einer kleinen Gemeinde mit Ehrfurcht genannt, von der Kritik respektvoll begrüßt von opfermutigen Verlagen wider besseres Wissen um die Verschlossenheit des Publikums solcher Kunst gegenüber, rein um der Sache willen auf den Markt gebracht, der ihrer nicht begehrt. So liegen die Dinge. Cs ift alles da, die verwirrende Fülle und Mannigfaltigkeit, und jeder Deutsche kann überdies lesen. Wie viele aber verstehen die Kunst des Lesens? Es werden kaum mehr fein als die kleine Schar terer. die als Dichter mehr find als Zeitberichterftatter, nämlich wirkliche Künstler. Doch es gibt auch ein Mittelding zwischen Dichtkunst und Wortklitterung; die ehrlich gemeinte Literatur unterhaltender und belehrender Art, die sich an den geistigen Mittelstand wendet, und damit eine ernst zu nehmende Kulturaufgabe erfüllt, wofern ihr nur mit der nötigen Bereitschaft begegnet wird. Diese Bereitschaft zu fordern, zu dieser 'Bereitschaft mit vorsichtiger, menschenfreundlicher Werbung anzuregen, ist der $aq des Buches da. Er soll kein Tag der Propaganda sein, sondern ein Tag ber Besinnung, der Selbstbesinnung auf das Recht und auf die Pflicht des Menschen zur geistigen Auseinandersetzung mit der Welt, die ihm am besten gelingt, wenn er selbst, unabhängig von Konzertdirektionen und Sendeleitungen, von Oeffnungszeiten und Mitaliedschaften Zeitpunkt und Tempo, Auswahl und Umfang des geistigen Gutes bestimmen kann, dem er eine stille Stunde zu widmen bereit ist. Der Zwang, sich zu sammeln, allein zu sein mit einem stummen Partner, formgewordene geistige Bewegung in sich einbringen, in sich nachschwingen zu lassen, das ist, was wir brauchen. Und diesen Zwang müssen wir in eine Lockung verwandeln. Daran können alle mithelfen denen Aphorismen über das Buch. Ein Zimmer ohne Bücher ist wie ein Körper ahne Seele. * Cicero. Lesen ohne Nachdenken macht stumpf; Nachdenken ohne Lesen geht irre. * Bernhard v. Clairvaux. Glücklicherweise habe ich das Bedürfnis des mündlichen Umgangs in jcf)r geringem Grade. Auch kann man sich Nahrung des Geistes durch Lektüre sicherer und bequemer verschaffen. Körner an Schiller. * Wie ist das gestreute Geben doch ein leeres Leben; man erfährt nur gerade das, was man nicht wissen mag. Goethe an Schiller. * Wenn ein Kopf und ein Buch Zusammenstößen, und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche? Lichtenberg. Cs ist eine Eigentümlichkeit vieler: sie behalten die Bücher, aber nicht ihren Inhalt. Lichtenberg. Was nicht zweimal lesenswert gewesen, das war nicht einmal lesenswert. * Rückert. 2ch würde vollständig elend geworden sein, hätte ich nicht die alten Vucher gehabt. Sie waren mein einziger Trost, und ich war ihnen so treu wie sie mir und las sie immer und immer wieder; ich weiß nicht wievielmal. Charles Dickens. Zn einem guten Buche stehen mehr Wahrheiten, als sein Verfasser hineinzuschreiben meinte. Marie von Ebner-Eschenbach. * Etwas Kurz-Gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielem Lang- Gedachten sein. < Nietzsche. 'fk nicht etwas „Zeitraubendes" sondern ein Zeitersparen Lacher sind Surrogate für Erlebnisse, Notbehelfe für Menschen, die keine Zeit haben. Einem glücklichen Nichtstuer ist es vergönnt, sich das eigenhändig, mühevoll und langsam zu erwerben, was ihm ein Buch durch die Hand eines andern mühelos und in wenigen Stunden gibt. das Buch jemals zum Erlebnis geworden Ist, die literarisch Vemntwort- lichen der Zeitungen, der Volkshochschulen, des Rundfunks und der literarischen Gesellschaften, denn die Arbeit dieser Institute soll und kann ja nur eine vorbereitende sein, ein Schmackhaftmachen der geistigen Dinge durch Darreichung von Kostproben. Daneben aber sollte man nie vergessen, seinen Zeitgenossen etwas zu erzählen über die Kunst des Lesens und über die erneuernde Kraft, die aus dem guten Buch in uns eindringt. Bücher und Buchhandel im Altertum. Von Verlagsbuchhändler Alfred D e v r i e n t. Im Altertum konnte es selbstverständlich, solange noch das A b s ch r e i - den die einzige Vervielfältigungsmethode war, nur „Sortimentsbuchhändler" geben, lieber diese Buchhandlungen in Griechenland wissen wir nur wenig. In Athen scheint es, da die Bücher bei dem Mangel an kundigen Abschreibern noch selten und teuer waren, üblich gewesen zu sein, daß die Buchhändler in ihren Läden die vorhandenen Werke, wohl gegen ein Entgelt, den Interessenten vorlasen. Diogenes Laertius erzählt, daß bald nach P l a t o s Tode ein reicher Kaufmann Zeno, durch einen Schiffbruch an die Küste Attikas verschlagen, in Athen den Buchhändler ein Werk Tenophons vorlesen hörte; er ward von dem Gehörten dermaßen ergriffen, daß er seine Geschäfte aufgab und sich der Philosophie widmete. Nach demselben Schriftsteller hatte es in Athen schon im 4. Jahrhundert vor Christus zahlreiche Buchhandlungen und Lesekabinette gegeben. Die großen Dichter müssen doch schon früh in zahlreichen Exemplaren verbreitet gewesen sein, denn wie können wir uns sonst die schallende Ohrfeige erklären, die A l k i b i a - des nach P l u t a r ch s Erzählung einem würdigen Schulmeister versetzte, als dieser ihm auf seine Anfrage gestehen mußte, er habe keinen Homer in seiner Schulbibliothek! Schon viel früher hatte Pisistratus eine öffentliche Bibliothek in Athen gegründet. Alexander der Große läßt sich nach Asien die Werke des Historikers Philistes, die Dramen des Euripides, des Aeschylus und des Sophokles schicken; das alles deutet auf einen regen Buchverkehr auch schon im griechischen Altertum. lieber das literarische Leben in Rom sind wir natürlich viel besser orientiert. Dort liegen, im letzten Jahrhundert der Republik, die Verhältnisse für die Entwicklung 'des Buchwesens schon günstig; eine fein gebildete, selbstbewußte, dazu sehr begüterte Aristokratie, die selbst literarisch sehr produktiv ist; tief unter ihr ein Heer von Sklaven, die zum Teil aus Ländern mit höherer Bildung flammen, aus Griechenland, Kleinasien und Aegypten. Es find große Herren, Staatsmänner, die die Feder führen, und denen jeder Gedanke, aus Literatur eine milchende Kuh zu machen, fernliegt. Die Reichtümer der ganzen bekannten Welt strömen, nach siegreichen Feldzügen, nach Rom. Die Anlegung von Privat-Biblio- iheken wird für alle diese hochkultivierten Patrizier ein Bedürfnis und es entsteht eine große Nachfrage nach Büchern. Das rege literarische Leben zeitigt nun den ersten bedeutenden Verleger, wenigstens erkennen ihn die meisten neuen Forscher als einen solchen an: Titus Pomponius A11i - c u 5, der Allerweltsfreund, der es verstand, sich die Gunst aller gegnerischen Parteiführer, des Cicero und des Brutus fo gut wie des Antonius und O c t a v i an, zu bewahren. Er wird allen, die einmal auf einer Gymnasialbank geschwitzt haben, durch des Cornelius N e p o s lobpreisende Biographie in nicht immer ganz angenehmer Erinnerung geblieben sein. Atticus war ein reicher, durch 20jährigen Aufenthalt in Athen zum literarischen Feinschmecker ausgebildeter Mann, auf dessen Urteil seine schriftstellernden Freunde großen Wert legten. Er war aber zugleich auch ein spekulatives Genie; durch Landkäufe und Geldgeschäfte aller Art vermehrte er sein großes Vermögen. Ebenso wie er Fechterschulen errichtete, die er durch das Vermieten seiner Gladiatoren für Festspiele bezahlt machte, so hatte er sich auch eine Schar von gebildeten Schreibersklaven herangezogen, die er außer zur Vervollständigung seiner eigenen Bibliothek auch zur Massenherstellung der Schriften seiner literarisck^en Freunde verwandte. Fast jeder Brief der sehr umfangreichen Korrespondenz Ciceros mit Atticus bringt uns Aufschlüsse oder wenigstens Winke über das literarische Treiben jener Zeit. Konnte man aber an wirkliche Massenproduktion denken, wo diese Produktion auf das Adfchreiben einzelner Bücher durch einzelne Schreiber ange- roiefen war? Der Vorgang stellte sich folgendermaßen dar: ein Verleger, Besitzer von hundert schreibfertigen Sklaven, läßt diesen gleichzeitig ein Buch diktieren. Es wird, dank der großen Hebung, ungemein schnell geschrieben mit Anwendung der — von Ciceros berühmten freigeloffenen Tiro erfundenen — tironischen Noten, stenographischen Verkürzungen. Nun sagt uns Martial am Beginn des ersten Epigramms feines z»Veiten Buches, daß ein „librarius" dieses Buch in einer Stunde niederschreiben konnte. Das wäre allerdings eine enorme Leistung, denn, da das Buch 540 Verse enthält, mühten 9 Verse in der Minute, die Zeile in weniger als 7 Sekunden geschrieben worden fein. Bei zehn Stunden Tagesarbeit — der Achtstundentag war ja damals noch nicht erfunden — würden 1000 Exemplare dieses Buches an einem Tage geliefert worden fein, eine Auflage von 3000 Exemplaren in drei Tagen; also eine recht respektable Leistung. Daß Atticus die Schriften Ciceros in ganzen Auflagen und zwar in nicht geringen Herstellen ließ, geht u. a. aus folgender Stelle eines Briefes Ciceros hervor: Cicero hatte in einer Rede aus Versehen einen längst Verstorbenen L. Corsidius, als einen Lebenden erwähnt. Nun bittet er den Atticus, daß er diesen Namen durch drei Schreiber, den Phar - naces, Anthäus und den Salvius in allen Exemplaren aus- streichen lasse. Es muß also doch eine große Auslage vorhanden gewesen sein, daß er gleich drei hervorragende Schreiber — denn daß Cicero sie mit Namen bezeichnet, beweist, daß es nicht die ersten besten waren — zu dieser unbedeutenden Korrektur verwendet wissen wollte! Wie ein modern denkender Verleger begnügt sich Atticus nicht damit, fertige Schriften zu vervielfältigen; er entwirft Verlagsprojekte, mit deren Ausführung er feinen Autor beauftragt. „In betreff ,'ber Geographie' will sch mir Mütze geben, Dich zu befriedigen" schreibt Cicero im 4. Briefe des 2. Buches an Atticus: „aber etwas bestimmtes verspreche ich nicht. Es ist das ein Unternehmen von großem Umfang, doch will ich, wie Du es haben willst, dafür sorgen, daß von meiner Wanderung für Dich irgendeine sichtbare Spur meines Tuns ins Leden trete." Im 6. Briefe dieses Buches kommt er auf dasselbe Verlagsprojekt zurück: „Meine Zusage in einem früheren Briefe, es soll ein Werk während dieser Wanderung . von mir verfaßt werden, kann ich jetzt nicht mit Sicherheit zu halten versprechen." — Gegen das Schreiben auf der Reise, klagt er, habe er einen entschiedenen Widerwillen; das geographische Werk sei ein gar umfangreiches Unternehmen. — Das sind genau die Worte, die wir heute von den in der Sommerfrische um weiteres Manuskript gemahnten Autoren zu hören bekommen! Auch Vorwürfe kommen vom Autor an den Verleger; einmal fragt er ihn, „ob es wirklich fein Ernst fei, ein Buch von ihm ohne feine Einwilligung verbreiten zu wollen?" Ein andermal beschuldigt er ihn der Indiskretion; er habe Abschriften machen lassen, ehe er sein Buch dem Brutus, dem es gewidmet war, überreichte, er ljabe ein Buch, das er noch nicht vor das Publikum bringen wollte, von feinen Leuten für eine gelehrte Dame Caerellia — die von Leidenschaft für die Philosophie entbrannt sei — machen lassen. Dann wieder lobt er ihn: „Meine Rede für den ßigarius hast Du ausgezeichnet verkauft; was ich auch immer in Zukunft schreibe, — Dir werde ich es zum Vertrieb übergeben". Sogar die Frage der Freiexemplare kommt zur Sprache. „Du hast mich sehr verpflichtet durch Zusendung bes Buches Serapion; ich habe angeordnet, daß es Dir bar bezahlt werde, damit Du es nicht auf die Liste der Freiexemplare setzest." Wir sehen also: so sehr anders als heute lagen die Dinge im „Verlagsbuchhandel" auch damals nicht; es ging — Sklaven waren ja billig — schließlich ganz gut auch ohne Druckerpresse. Oer Abend von Lltvitte. Skizze zum „Tag des Buches". Von Alfred Richard Meyer. Was war der Sinn des Herbstes 1462? Nicht daß cs einen guten oder mittelmäßigen Wein gegenüber der Eltviller Aue am Rhein geben würde, sondern einzig die Tatsache, daß der bischöfliche Kurfürst Adolf von Nassau den Gegenbischof Diether von 'Isenburg besiegte und Mainz diesen Sieg durch die purpurne Fahne der Feuersbrunst schmecken ließ. Heute morgen war die ebenso schlimme wie gute Botschaft den Rhein heraufgeeilt und hatte auch ihn erreicht, Johann Gutenberg, wie die Geschichte später den Henne Gensfleisch nach seinem mainzerischen Familienhaus nennen sollte, ihn, dem es erst jetzt gewahr wurde, daß es einzig die entblätternde Pracht der letzten roten Rosen mar, die den gewaltigen gotischen Kirchturm, die erzbischöfliche Burg, die Patrizierhäuser, den Strom, die berühmten Weingemarken des Sonnen- und Taubenbergs, von MLnchhanach, Grimmen, Bunken, Albus und Klümbchen wie in eitel Blut schwimmen und verschwimmen liefe. Die Rosen, die letzten roten? Nein, das war vielleicht weit eher der schreckliche Widerschein der Flammen, die in Mainz auch seine Druckerei erfaßt und nach Gattes gerechtem Willen gefressen hatten, da Johann Fust, der reiche Bürger, und sein aus Gernsheim gebürtiger Schwiegersohn, der Schönschreiber und Schönredner Peter Schäffer sie sich durch einen sogenannten Rechtsspruch im großen „Refender" der Franziskaner samt allen herrlichen pergamentenen oder papierenen Drucken der zwei- undvierzigzeiligen lateinischen Bibel zu eigen machten, weil eine Schuld von 2026 Gulden einschließlich Zins und Zinseszins, der Vollbringung des angeblich schwarzkünstlerischen Werkes gewidmet, hinfort Bücher mit beweglichen metallen gegossenen Lettern drucken zu können, nicht rückzahlbar war. Richt einmal selbst hatte Gutenberg seine Rechte bei der bestimmt unglücklich verlaufenden Verhandlung verteidigt, sondern nur einen ihm befreundeten Pfarrer und zwei feiner Gesellen entsandt, den Verlauf der Sache zu hören und zu setzen. Als armer Mann war er von bannen gezogen, hatte hier in Eltville eine neue kleine Druckerei mit den alten Typen der sechsunddreißigzeiligen Bibel halbgotischen Charakters, auf einen kleineren Grad geschnitten, eingerichtet und die grammatischlexikalische Kompilation des großen „Katholikon" des Dominikaners Johannis de Balbis von Genua in Groß-Folio, ohne Signaturen, Seitenzahlen, Zierbuchstaben im Druck geschossen — ein Werk, dem es technisch überall mangelte und das ihn an die Unzulänglichkeit menschlichen Schassens und frühen Altwerdens trübe gemahnte. Frist und Schösser hatten es verstanden, Ruhm und Geld seiner Erfindung frech einzuheimsen — mit der großen Bibel, die sein war und die seinen Namen tragen mußte, wenngleich er es damals in allzu großer Bescheidenheit adgelehnt hatte, diesen guten Namen mit in das Buch zu drucken. Mainz und seine Druckerei durch Flammen zerstört! Wer kam da den Berg herauf? Sein Gehilfe Heinrich Rechtermünze, dieses tölpelhafte Geschöpf mit den schwerfälligen Händen, die kaum den Winkelhaken halten konnten und die mühsam zusammengesetzten Kolumnen sicher wieder auseinanderfallen ließen. Und seine eigenen Hönde? Ach, die zitterten noch weit mehr und würden das gütige Darlehn des Arztes Konrad Hummery nicht mehr zu Nutz und Frommen weiterer, schönerer Bücher verwenden können. Nun da der Abend über Eltville dunkelte und die Glocken des gotischen hohen Turms Sieg kündeten — was wollte da dieser Heinrich bei ihm? Und was schleppte er in seinen plumpen Pranken, daß schon gewaltiges Keuchen seine breite Brust hob c „Das Buch! Herr, das Buch!" ächzte er heraus. „Unser gnädigster Kurfürst und Bischof sendet es Euch! Hat es aus Eurer brennenden Druckerei in Mainz geholt! Schickt es Euch als Geschenk! Und nun — Da raste der Bursche schon wieder den Berg hinab, nachdem er sich "es gewichtigen Gegenstandes aufatmend entledigt hatte. Was gab es denn da unten noch zu holen? Frage, die keine Antwort wissen wollte >m Augenblick — für ihn, Gutenberg, der die Bibel, wie wenn es die leben- ßige Kreatur dieser Welt gewesen wäre, lachend und weinend an sein hort pochendes Herz drückte. „Buch du — heute noch eines der ganz wenigen! Papier, gepreßt gegen bie Unbeweglichkeit gebundener Lettern, vom Druckerballen voll schwärzester Farbe in gemessenen Gängen eingerieben, nun Worte, Sätze, Seiten, ganze Bogen von Worten, guten, zu Herzen gehenden, ins Auge schleudernd und dem geheimen Zentrum des Gehirns weitergebend: Sinn sein, Ordnung schaffen, Freude spenden, alle verwehenden Geschlechter überdauernd — Buch! Schon dem Kinde in die kleinen Hände gegeben, also die Jugend aufzubauen wie Brot und Milch. Jünglingen und Jungfrauen ein stiller Wegweiser ins Leben, es milder und weiser zu gestalten. Waffe in der Hand des Mannes, die Schlachten des Geistes zu schlagen und an Schärfe und Glätte das tötende Eisen zu beschämen. Tröstung an Abenden wie dieser hier in Eltville, da mein Atem schon flüchtig wird und Dunkelheit die Sinne umwallt, des Körpers Aufgerecktheit ins Schwanken kommt und dem Grabe zusinkt. Lied der Vorzeit, das Frühling und Herbst, den Wechsel des Sommers und des Winters überlebt. Freund! Getreuester, wenn alle anderen weichen, von Mißgunst und Habgier eingefangen, Gesang der Zukunft — wenn du, alter Rhein, noch immer derselbe bist — mit deinen Weinbergen, mit deiner Sonne, mit deiner Erde, die aus Sonne der Traube gesegnete ewige Wiederkehr schafft. Das erzählt man sich getreulich von Mund zu Mund? Das liest sich in Büchern sicherer, plastischer, bunter, vollendeter, weil an des gedruckten Wortes Denkmal nicht zu deuten ist. Schwarze Kunst? Mit Nichten. Sie soll weiß bleiben, ein Spiegel der Wahrheit und des Lebens sein. Wie jetzt — ja, Heinrich, Jungs — was haft du nun da wieder gebracht? — ja, heute soll mir das willkommen sein! — wie jetzt dieses alles im golden schwankenden Becher Rheinweins, wie er keinem anderen aller Völker ward zur Erhebung des Wortes über seinen innersten Sinn hinaus. Es ist die große metaphysische Welle, di« sich über das Materielle: Buch wie Wein, Versenkung und Erkenntnis hinweghebt, die vom Ding, dessen innerstes Leben wir mitfühlen, dessen Welisches uns bestrahlt, und von uns allen, die wir je ein Buch lesen, einen Becher Wein trinken, die Gemeinsamkeit erschosst, die keiner Dimension mehr angehört, die das Ewige ist!" Die Glocken waren verhallt. Aber in der Lust des sinkenden Abends von Eltville lag ein feines Klingen, dessen Ursprung keinerlei Deutung ergründen würde, und war geheim ein Licht geworden, fern allen Kriegs- slammen und dem zitternden Verleuchten der letzten herbstlichen Rosen. Hart, ein schwerer Gegenstand, lag das Buch auf dem Tisch und mußte sein« Seite vom Abendwind, eine nach der anderen, umblättern lassen. Die karge Neige des Weins hatte die volle Scheibe des Mondes in sich ausgefangen: aber keine Wolke huschte dunkel über diesen reinen Spiegel. Johannes Gutenberg lächelte; und da war es ihm, wie wenn auf jeder schimmernden Woge des Rheins ein Lächeln schwebte, verschwebte und doch immer wieder erneut ein Schweben war. Oie Rumpelkammer des Theaters. Auch ein Beitrag zum „Tag des Buches". Von Peter H a m e ch e r. Karl Hein«, der ehemalige Leiter des Jbfentheaters, erzählte einmal felgende Anekdote: Als er noch Direktor in Frankfurt a.M. war, wurde ihm ein Stück eingereicht. Es wurde in einer geheimen Kammer zu den taufenden andern Stücken versammelt, die hier ihrer Auferstehung harrten. Eines Tages aber kam ein Brief des Autors, der die Theaterleitung der schwersten Indiskretion beschuldigte und die berühmte Entschädigung verlangte: In der „Jugend" sei eine Novelle erschienen, die denselben Stoff behandle wie sein Drama, und sein Stück sei nur in Frankfurt bekannt; hier müsse also auch der Diebstahl geschehen sein. Heine antwortete: „Ich kann es beschwören, niemand kennt Ihr Stück, niemand hat je hineingesehen!" In jedem Theater gibt es solch eine Geheimkammer, in der auf Regalen die eingereichten Stücke endlos aufgestapelt werden und allmählich zu Altpapier vermodern. Auf dem Tische liegt ein großes Buch, dick wie der Höllenzwang; in dieses werden die Eingänge eingetragen, bevor sie aus bi« Borde kommen. Manchmal verläßt auch ein Stück wieder den Raum, wenn der Autor kategorisch die Rücksendung verlangt oder die Bretter zu voll werden. Aber keiner lieft eines dieser eingesandten Stücke; woher sich dann die Mär schreibt, der Dramaturg sei der Mann beim Theater, der überhaupt keine Stücke lese. Das ist nun nicht wahr. Der Dramaturg liest schon Stücke, aber nur nicht die der obligaten Eingänge. Was er liest, kommt auf andern Wegen zu ihm: durch die Bühnenvertriebe oder durch die Empfehlung gewichtiger Leut«; denn kein Talent bleibt im Dunkeln. Als ich seinerzeit beim Theater war, suchte man Genies, und eine Kommission von zehn Mann stürzte sich auf den Einlauf. Ein Jahr lang lasen wir alle Stücke, die kamen; vber nicht einmal ein Talentchen wurde gefunden. Das Resultat.war gleich Aull. Das genügte, um auch den Mutigsten mutlos zu machen, und im nächsten Jahr hatten wir alle etwas anderes zu tun, als verborgene 33ei(= NM zu suchen. Das dramaturgische Bureau ist die Stätte der enttäuschten Hoffnungen. -0a läuft einer viele Wochen umher und verkündet allen Bekannten: „Ich yav« da und dort ein Stück liegen." Hat er viel Phantasie und starkes Mltungsbedürfnis, erklärt er auch wohl: „Ich habe Verbindung mit Rein- E; er wird nächstens ein Stück von mir aufführen." Aber eines Tages ®'.r® "•<* Hoffnung stumm. Er bekam keine Antwort, und der Mut , "Mite; oder das Manuskript kam zurück mit dem vorgedruckten Zettel, 5V! o es trostreich heißt, daß eine Annahme „zur Zeit" unmöglich sei. Ii° Ete behandeln das Theater als literarische Prllfungsanstalt, und oürr »•! n natürlich alle, den großen Wurf getan zu haben. Die Gleich- nfJJi l gegen den Einlauf erklärt sich, wenn man erst seine Fülle zu ffnnb ^en "erwäg. Bei der Bühn«, zu der ich im Angestelltenverhältnis waren in zwanzig Jahren 13 000 Manuskripte eingegangen; das sind 65 0 Stücke pro Jahr. Dehnt man dieses Verhältnis auf die übrigen Theater aus, so kann man wohl sagen, daß jeder fünfte Mann in Deutschland «in „Dramatiker" ist oder die Ambition hat, ein Dramatiker zu sein. Anfangs ist wohl jeder Dramaturg dem Eingang gegenüber optimistisch, und er möchte den neuen Shakespeare finden. Aber bas verliert sich, und er wird gefühllos. Einmal wollte ich eine Statistik aufnehmen über Alter und Beruf der Leute, di« die Stücke versaßt haben; es wär« sehr lehrreich gewesen. Jedenfalls ist kein Beruf von der Ansteckung durch die dramatisch« Krankheit ausgeschlossen, weder der Gymnasiast, noch der Professor, weder die Arbeiterfrau, noch der Kaufmann. Einmal, da ich eben mit meiner Tätigkeit begonnen hatte, verlangte einer sein Stück zurück; da mich der Zufall in die Näh« der angegebenen Wohnung führte, nahm ich das Manuskript unter den Arm, um es seinem Eigentümer auf dem schnellsten Weg« zurück zu erstatten. Ich sand den Mann nach einigem Suchen als Gehilfen in einem Friseurladen. Ein andermal kam ein Drama „Wilhelm II.". Die Verfasserin war eine Arbeiterfrau aus Westfalen. Sie hatte augenscheinlich das in ihrer Heimat angeblich so verbreitete „zweite Gesicht"; denn sie schrieb, daß sie das Stück im „medialen Zustand" empfangen habe. Reizend waren die eingestreuten Kostümbilder, u. a. die Kaiserin im rüschenbesetzten, streng bürgerlich geschlossenen Kleid. Ein Arbeiter, der im Junggesellenheim in Moabit wohnte, hatte ein Kriegsdrama in Versen, „Himmel und Hölle", eingesandt. Auf dem Schlachtfeld von Cambrai trafen die himmlischen und höllischen Heerscharen in blutiger Schlacht zum entscheidenden Ringen um den Besitz der Welt aufeinander. Nach ein paar Wochen verlangte der Autor, der inzwischen in den Lungenheilstätten Beelitz gelandet war, sein Opus zurück: er müsse es an Hindenburg schicken, um noch Einiges über Tannenberg zu erfahren. O göttliches Licht der Inspiration! O herrliche Naivität der Stückeschreiber! Wie alle Berufsschichten vertreten find, so auch in den Werken alle Schichten der Weltgeschichte von Gilgamesch und Echnaton bis Ludendorff, Lenin und Stresemann, und kein Winkelproblem des modernen Lebens wird ausgelassen. Das Entzückendste aber sind die Begleitbriefe, di« den Manuskripten einliegen. Ein junges Mädchen aus der Eifel sendet das Stück ihres Bräutigams, eines angehenden Philologen, und sie erzählt ihren Lebensromon: der nette junge Mann brauchte Geld zum Studium, und er müsse sich einer Begüterten zuwenden, wenn die Aufführung feines Werkes nicht Hilfe bringe. Einer hat in „fortlaufenden Versen" ein Stück mit politischen Ideen geschrieben, und «in ehemaliger Ministerpräsident hatte auf das Manuskript di« Worte gesetzt: „Im Interesse eines dauernden Völkerfriedens wünsche ich diesem Werk, das geeignet ist, die Völker mit hohen Idealen zu erfüllen, einen weit verbreiteten Erfolg." Am besten gefiel mir jedoch jener Mann, der sein Lustspiel einen „ungeschlachteten Riesen" nannte, von wegbahnender Bedeutung der „Minna von Barnhelm", der von den vier großen 8-Dramatikem redete, womit er Sophokles Shakespeare, Schiller und — sich selber meinte, von der Mystik der beiden Mondhälften, die im lateinischen 8 zur Erscheinung komme, und der versicherte, daß er „die starke Gewißheit innerlich erlebt habe, daß er inspiriert werde, in den gebundenen Strahlen des Pentagramms schaffe, unter magischen Einwirkungen des ab- und zunehmenden Mondes". Natürlich verlangte er auch den großen Magier unter den Regisseuren für die Inszenierung seines Stückes! Manchmal kommen auch die Dichter persönlich. Fast bescheiden und ängstlich tun sie im Anfang. Aber das verliert sich, und wenn man ihnen unverhohlen die Wahrheit über ihre dramatische Produktion sagt, regt sich der Größenwahn des Genies, und man bekommt sehr artige Grobheiten zu hören. Einer aber sagte sich von vornherein: „Nur die Lumpe sind bescheiden." Wie ein Gott aus der Wolke stand er eines Tages da. Er stellte sich nicht vor, weigerte sich überhaupt, seinen Namen zu nennen, und fragte in einer Weise, die eigentlich keinen Widerspruch duldet«, und die schon Befehl war, ob ich in einer Stunde ein Stück lesen könne. In ungarisch gefärbtem Deutsch erklärte er: „Heute kennen mich die Größten in Europa; bald wird mich die Welt kennen." Ich bin dennoch nicht auf den Schmus hineingefallen. Ein Kapitel für sich sind die Dauergäste, die man nie los wird. Eine österreichische Adlige, die auf einem Gut« wohl zuviel übrige Zeit hatte, schickte jeden zweiten Monat ein Drama. Einmal las ich ein paar der Stücke und sandte sie mit ehrlich vernichtender Kritik zurück. Sie schrieb «inen ebenso ehrlich entrüsteten Brief, in dem sie von der Nafeweisheit eines jungen Mannes sprach. Da ich doch schon über vierzig war, brauchte ich mir das nicht gefallen zu lassen. Ich antwortete entsprechend; aber die Dame war ich los. Einer meiner liebsten Gäste war ein Herr B.; war ein neuer Mann bei uns eingezogen, gleich war er mit mehreren Stücken zur Stelle. Nach jedem Durchfall kam eins seiner vergilbten Manuskripte, mit einem Brief, der uns allemal sagte, was wir wieder versehen hätten, und wie wir uns schädigten, wenn mir nicht endlich, nach .... zig Jahren, ihm und seiner Dichtung „sein Recht" gäben. Er kämpfte mit Verbissenheit, und eigentlich tat mir der alte, elende Mann in seinem verfärbten Mantel von einst kokettem Zuschnitt leid. Bei feinen Einsendungen bediente er sich des berühmten Dilettantentricks, um sich zu versichern, daß die Stücke wirklich gelesen worden seien: er klebte die Blätter leicht zusammen, kniffte sie ein, und was solcher Scherz« mehr sind. Sein „Recht" wurde ihm doch nicht! Nachdem ich hinter feine (nicht mit Unrecht) mißtrauische Methode gekommen war, mußte mein junger Mann erst jedes Stück des Herrn B. sorgfältig durchlesen, bevor es auf das Regal gestellt wurde, auf dem es schon fo oft gestanden hatte. Manch« gutherzigen Leute beschuldigen die Theater, daß sie in ihren dramaturgischen Bureaus Werke der Genies verkommen lassen, und sie weisen, um ihre Behauptung zu erhärten, auf jenes frühe Jambendrama Gerhart Hauptmanns hin, das im Königlichen Schauspielhaus verlorenging. Ich glaube nicht an die unbekannten Genies; eher an die nicht verstandenen. Jene Leute weiser Rede aber sollte man samt den „Dramatikern" einige Jahre Dienst in einem dramaturgischen Bureau tun lassen; es könnte nur zu ihrem Heile (ein! Eisland. Roman einer Expedition. Von Hellmuth Unger. Copyright by Carl Schünemann, Bremen. (Fortsetzung.) Cap Sabine. Wie ein Trugbild weicht es immer von neuem vor den greifenden Blicken zurück. ~ . .... Rice stolpert und bricht in die Knie. Jens schreckt zusammen und hall an. Bückt sich hilssbereit. Da sieht er das verzerrte Gesicht des Gefährten, tief in der Pelz- kutte versteckt. Langsam löst er ihm die Riemen von den Schultern. George'versucht zu lächeln, um den Eskimo zu täuschen. „Müde?" „Ein wenig " ,, Ixus Edvard steht neben dem Gestürzten wie ein plumper Pfahl. Unbeweglich. Er überlegt, ob es nicht günstiger wäre, noch eine Strecke weiter zu trotten und dann erst Rast zu machen. Bedachtsam in seiner ruhigen Art schätzt er die Entfernung. • . Hjce belauert seine Blicke und in seinen Augen flackert eine Flamme von Haß. Ist der andere zäher als er? Wie mitleidig er ihn ansah! Nein, er will kein Mitleid. Er ist keine Memme, die man bedauert. Er empfindet in diesem Augenblick wie ein Boxer, den ein schwächerer Gegner durch einen Zufallstreffer niederschlug. Der am Boden Kauernde spürt genau, wie ihm die Kraft in die Fäuste zurückströmt. Er möchte aufjpringen und zuschlagen, doch das Blut In den Adern ist wie Blei. Das Hirn kommandiert, aber die Muskeln gehorchen nicht. Alles versinkt in nebelhaftes Grau, wird schemenhaft und gestaltlos. Jetzt begreift der Eskimo die nahe, unerwartete Gefahr. Seine Haltung wird lauernd. In unbewußter Abwehr wartet er, was geschehen wird. Wie ein Tier wittert er eine Bedrohung. Ich muß ihn niederichlagen, denkt der arme, verwirrte Rice, aber ich bin sa viel, viel zu müde. Viel ... zu müde. Die kleine Flamme erlischt. Ruhe will ich haben und Schlaf. Ja und etwas zu essen. Em paar Bissen aufgeweichtes Brot mit Pcmmikan. Nicht mehr. Oder nur einige Züge aus der Tabakspfeife. Wenn Jens doch endlich den Kochapparat anzünden wollte. Nur fein Trotz verrät noch müde Drohung. „Laufweiter, wenn du noch kannst. Ich bleibe." Der Eskimo nickt. Jetzt hat George Tränen in den Augen. Er schämt sich seiner Hmter- hältigkeit und möchte dem Kameraden etwas Gutes sagen. „Setz dich auch her, Jens!" Jens steht noch immer reglos. Seine Aufmerksamkeit ist abgelenkt und spannt sich ein. Seine Hände zittern ein wenig. Dort drüben, unfern, zieht sich an der Eisküste ein schmaler Streifen offenen Wassers entlang. Und der Eskimo hat dort etwas entdeckt, das ihn in taumelnde Erregung versetzt. Er wartet. Zuerst glaubt er, daß er sich täuschte. Dann aber halten seine falkenscharfen Augen einen dunklen Tierkörper im Blickfeld. Langsam hebt er die Hand. „Da!" „Was?" Rice tastet seinen Blicken nach. „Was siehst du denn?" Sekunden. Endlos. „Jetzt wieder!" Der Sergeant stemmt sich mit den Ellenbogen auf. „Ein Seehund! ..." „Ei" ...?" t ’ Wie eine Glutwelle überströmt es den Erschöpften. Gibt es das denn wirklich noch in dieser schweigenden Einsamkeit? Ein Tier? Ein Tier! Warmes, frisches Fleisch? „Jens! Mein Gott!" Rice kriecht zum Schlitten und greift nach der Flinte. Jens warnt ihn mit kurzem Zuruf. Es ist wie der Schrei eines Raubvogels. „Nicht schießen!" „Willst du ihn etwa lebend fangen, wie?" „Er taucht sonst unter und kommt nicht wieder herauf." Jens spricht ein gebrochenes Englisch mit Slangworten vermischt, wie er es von der Mannschaft in Fort Conger lernte. Er wiederholt in der eigenen Sprache, deren Sinn der Amerikaner leicht errät. Oh, Jens weiß genau, was er will. Er ist der beste Jäger unter Greelys Leuten und auf Seehundfang versteht er sich wie keiner. Sein Eisstock hat eine scharfe Spitze mit Widerhaken, die in seiner Hand eine gefährliche Waffe darstellt. Wenn man einige der langen Lederriemen am Söhaft befestigt und abrollen läßt, hat man eine Harpune. Fieberhaft rasch knotet Jens Riemen an Riemen. Seine blauen Augen haben einen dunklen, tierhaften Glanz bekommen. Jetzt ist er fertig. Rice hat ihm wortlos geholfen. Beobachtet ihn und bleibt zurück. Aus Knien und Unterarmen kriechend schleicht sich Jens an die Beute heran, wartet geduckt hinter einem niederen Schneehügel und gleitet geräuschlos weiter. Rice hockt mit entsicherter Büchse beim Schlitten. Alle Mattigkeit ist vorbei. Wie könnte man jetzt auch daran denken! Einen Seehund haben sie entdeckt, durch einen unerhörten Zufall des Glücks. Wäre er hier nicht zusammengeb rochen, hätten sie das Wild nicht gesehen. Wären stumpfsinnig an ihm vorübergetrottet. Einen Seehund! Ihr wißt wohl nicht, was das für einen Mann in Cisland bedeutet! Ihr könnt es gar nicht begreifen. Wochenlang haben die Kameraden in Camp Clay vergeblich irgendein Tier zu jagen versucht. In schmalen Eislöchern fingen sie nicht mehr als ein Krabben. Und jetzt... Ein Seehund! Rice wartet noch, bis Jens das offene Wasser erreicht hat, dann läuft er ihm in weitem Umbogen nach, um zu helfen. Der Seehund muß, wenn er wieder auftaucht, zwischen die beiden Jäger kommen. Nur so kann er ihnen nicht entgehn. Wie ein schlafender Wolf liegt Jens am Stellrand des Ufers und wartet. Dort, wo der Kopf des Tieres zuletzt sichtbar war, hat sich die Oberfläche des Wassers schon wieder mit einer dünnen Eisdecke überzogen. Jens zählt laut vor sich hin. Er weiß genau, wie lange es das Tier unter Wasser aushalteu kann. Heute erscheint ihm jede Sekunde unermeßlich. Da splittert es vor ihm auf. Ein triefender Kopf mit strotzenden Barthaaren steigt empor, schwarzglänzend wie Samt. Zwei große Kirschaugen glotzen in hilfloser Neugier, ohne jede Furcht, hinüber zu dem dunklen Pelzbündel, in das plötzlich Bewegung kommt. Die Harpune saust dem Seal in den Specknacken, auf den Punkt genau. Und das Eiswasjer färbt sich rot. Sergeant Rice liegt dem Eskimo schräg gegenüber auf einem Vorsprung und verfolgt den Wurf mit fiebernden Blicken. Oh, Jens hat einen trefflichen Plan, der bis ins kleinste überlegt ist. Jetzt läuft er zurück, bis sich der Riemen strafft und nicht mehr nachgibt. An einem Eisblvck findet er Halt. Hier klammert sich der Jäger an. Das schwerverwundete Tier ist geschmeidig in die Tiefe geflüchtet, und wenn jetzt der Riemen reißt, ist es für die beiden Männer verloren. Es kommt nicht wieder herauf. Aber das Leder ist zäh wie eine Stahliroffe. Jens spürt es, wird sicher und ruhig. Mit allen Kräften stemmt er sich gegen den Block, um nicht mitgerissen zu werden. Lockerer wird die Leine. Die Kraft des Seals läßt nach. Er muß wieder Luft schöpfen. „Paß auf!" Der Eskimo zieht die schlappende Leine an sich und wickelt sie auf. Ein Schuß peitscht ihm entgegen. Der Sergeant hat gut getroffen. Träge, bauchoben schwimmt das verendete Tier. Die beiden Männer ziehn es mit aller Vorsicht aufs Eis herauf. Edvard vergißt vor Freßgier alle Vorsicht, packt den Seehund an den fettigen Flossen und bricht ihn mit seinem gröntänber Messer auf. In langen durstigen Zügen trink! er aus der Schlagader das heiße, quellende Blut, reißt Speckfetzen von der Innenfläche der Haut und verschlingt sie in rohen Streifen, die er vor den Lippen abtrennt. Auch Rice ist von dem süßlichen Blutgeruch roie berauscht, wirft sich neben den Eskimo nieder und sättigt sich, bis ihm der Magen schmerzt. . r. . , lieber Jens Edvards rundem Gesicht liegt ein irrsinniges Lächeln. Trunken stiert er ins Wesenlose. Das ist kein Mensch, denkt Rice. Das ist ein Raubtier! Dreiundzwanzig Männer erwarten in Camp Clay die Rückkehr der beiden Gefährten. Dreiundzwanzig im Stich gelassene, zermürbte Manner, die noch immer nicht glauben wollen, daß sie verloren sind, wenn Sergeant Rice und Jens Edvard ohne gute Nachricht vom Cap zuruik- kornmen. So abgestumpft ist noch keiner, daß er sich nicht trübe Gedanken macht und mit dem Tode sich beschäftigte, aber Leutnant ©reell) hat ihnen wieder Mut gemacht. Es ist ja unmöglich, daß man sie in der Heimat vergessen hat und nicht alles versucht, sie zu retten. Vor zwei Jahren, fast auf den Tag und die Siunde genau — sind es wirklich erst zwei Jahre? — brachte der Dampfer „Proteus" sie von Amerika als Expeditionsmannschaft zur Lady Franklin Bay. Dr. Pavy, der Arzt behauptete, daß es am 7. Juli gewesen sei. Dr. Pavy hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, das nicht unter all den Schrecknissen gelitten hat. Und außerdem hat er wie der Kommandeur genau Tagebuch ge- K. Kleinste Nichtigkeiten hat er aufnotiert, wohl aus tiattgeroeile, bisher halte er in seinem Berufe nicht viel zu schassen. Dr. Pnoy zählt auch die Ortsnamen her von damals, die den andern längst ins Dunkel entglitten sind. Am 14. Juni 1881 Abfahrt von Baltimore, am 7. Juli von Upernivik. An den Berry Inseln vorbei zum Cap York, ourt) die Melville Bay zum Fort Langer. Der Kongreß in Washington hntie beschlossen, in Grinnelland eine Hilfsstation einzurichten, die in den ersten Jahren auch wissenschaftlichen Forfchungen zu dienen hatte Alle Teilnehmer dieser milltärischen Expedition, die im nächsten Sommer von einer neuen Mannschaft ab gelöst werden sollten, waren Freiwillige. In Upernivik waren die beiden Eskimos Christiansen um Jens Edvard an Bord gekommen, um die Expedition mit ihren Ersay- rungen zu unterstützen. Bor zwei Jahren! Vor langer Zeit. Was war das: Zeit? Zeit ist ein stumpfer Begriff, der jede Bedeutung verloren hat. Die Sonne geht auf und es wird Tag. Mit Dienst mit Arbeit, fnit Erholung sind die Stunden ausgefullt. Es wird Iben und Nacht. Nach nie überdachten Naturgesetzen erfüllt sich der AVI« dieser Stunden, und der Mensch ist eingegliedert in den großen Rhythms des Geschehens. Redet nicht von Zeit, wenn ihr in Eisland seid! Lcnn die Sonne unter der Horizontlinie verschwindet, bann beginnt eine roie ihr sie euch gar nicht uorftellen könnt, endlos und voll erschrecket Finsternis. Dann zählt einmal und rechnet! Schneidet Kerben ins LW, ehe euch das Gebächtnis trügt! Zeit! Zeit! Wenn das Licht wiedc kommt, ist Frühling. Aber was man hier fchon Frühling heißt! . Damals hatte niemand den Schrecken eines Polarwinters Keiner hatte ihn vorher erlebt. Und was bedeutete ein kurzes Jahr oben in Eisland! Ein Erlebnis, von dem sich gut erzählen ließ, we man erst wieder daheim war. (Fortsetzung folgt.) _ Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'jche LlniverfitätS-Duch. undSteindruckerei.D. Lange,Gieb-m