Jahrgang (950 Montag, den 20. Januar Kummer 6 SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Corinna. Von Eduard M ö r i k e. Wir sahn dich im geschwisterlichen Reigen Boll Anmut, Blume unter Blumen, schweben, Im Lächeln blühete die Seele dir. Ganz eines mit der sichtbaren Gestalt — Sie muht' es nicht —, heraus aufs Angesicht Ui.schuld'ge Freude, dem Beschauer fast So innig fühlbar wie der Tänzerin! O wessen ganzes Sein und Leben doch Sich so bewegte durch des Jahres Kreis In holdem Gleichmaß jeglichem Moment, Sich selber so zu seliger Genüge Uni) alle Welt zu letzen, zu erbäu'n! Oer Baum. Erzählung von Catherine G o d w i n. Droben im fünften Stock wohnte ein älterer Herr. Er war Privat- gelehrter. Er hatte Bücher geschrieben, die von einsichtigen Professoren besonders gewertet, vom breiten Publikum jedoch nicht recht verstanden wurden. Seine Verleger wußten: er war «in gescheiter Kopf, aber sie bemerkten, daß seine Bücher in Vergessenheit gerieten und allmählich vergaßen sie auch ihn. Der Herr im fünften Stock hatte sich immer einsiedlerischer zurückgezogen. Er schrieb an einem großen Werk kulturhistorischer Vergleiche. Er lebte in versunkener Vergangenheit: sein eifriges Studium ließ ihn zuweilen die geschichtlichen Ereignisie der eigenen Epoche vergessen. Oft, wenn der Abend über die Dächer der Großstadt sank, erhob sich der Emsige erst von seinem Schreibtisch: dann trat er hinaus auf den schmalen Balkon und schaute sinnend in den Wipfel des mächtigen Baumes, der in einem großen, modern ausgebauten Hof einsam zwischen den Steinmauern stand und mit seiner Krone die hohen Dächer noch überragte. Oh, wie harte dieser Wunderbaum vor Jahren geblüht! Ja, wundersame Blütendolden trug er, die in heißen Sommernächten einen betäubenden Duft ausströmten. Aber in den letzten Jahren waren die Blüten ausgeblieben: einige Aeste ragten kahl und blätterlos, und endlich wurden ihm die großen Zweige amputiert. 9lun stand er als Torso und wehrte sich seines bedrohten Lebens. Denn drunten ward für den neuen Häuferbefitz der Hof frisch asphaltiert und nur ein kleines Erdrondell verblieb dem Baum: seine mächtigen Wurzeln mußten unter Stein und Asphalt ersticken, er konnte die nötige Nahrung nicht mehr in die verzweigten.Aeste treib.n. Nicht nur die Aeste des Baumes, auch die Behausung des Gelehrten wurde kahler: von den Kunstwerken vergangener Studienreisen mußte er sich trennen. Er opferte willig, um sein Werk zu vollenden. Und stets in der Arbeitspause galt seine Erholung dem Anblick des Baumes — noch stand er aufrecht, dem Drucke trotzend, noch reckte er stolz seine Krone empor! Allmählich ward ^er Baum dem Einsamen zum Symbol, sah er sich dort wie in einem Spiegel, erkannte er in ihm sein eigenes Schicksal. Drunten rollten die Tage weiter, brachten Veränderung. Brachten dem reichen Kunsthändler, der gegenüber drei Etagen bewohnte, zwei neue Automobile und eine neue Loggia. Nun erklang in die einstige Stille das lebhafte Ankurbeln der Motore, das lustige Pfeifen der Chauffeure und das vergnügte Kichern der Dienst- mägde. Der Winter nahte. Der hohe Baum hatte alle Blätter verloren. Durch die Balkontür pfiff der Wind und spielte in den ergrauenden Haaren des emsigen Gelehrten. Er versenkte sich, wie oftmals in ferne Zeiten. Doch immer wieder schreckten ihn die lauten Hupentöne aus dem Hofe auf und erinnerten ihn an das übertriebene Tempo der Gegenwart. Der Gelehrte hustete. Seine Brust begann zu schmerzen. Der Arzt nötigte den Erschöpften zu einer Fahrt in den Süden. Um seines Werkes willen beschloß der Bedrängte, seinen letzten Wertbesitz, eine prächtige Bronzebüste, zu veräußern, die sein edles, schmales Gelehrtengesicht in jungen Jahren darstellte. Aber auch die südliche Sonne wollte ihn nicht ernennen. Er war beunruhigt und sehnte sich nach seinem heimatlichen Zimmer mit dem Blick auf den Baum, fern über di« Dächer, wo die Türme und Kuppeln der Kirchen seine Freunde waren. Als er heimkam, erschrak er heftig: er starrte auf den Baum. Man hatte die letzten kraftlosen Zweige amputiert — nur zwei mächtige Aeste ragten noch wie zwei Arme klagend empor. Zuweilen beim Schreiben befiel den Gelehrten jetzt ein Schwindel- gefühl, und die Buchstaben schwankten auf dem Papier. Vielleicht brachte der Frühling ihm neue Kräfte...? Er spähte zum Fenster, er wartete —: würde der Baum neue Blätter tragen? Ja — der Gelehrte atmete auf: die ersten Blätter keimten, und zwar sproßten sie nur droben in der Spitze. Der Baum trieb nun alle Kraft empor in die Krone. Eines Abends spürte der Gelehrte einen seltsam vertrauten Duft. Er suchte bebend das Fernglas hervor, — traute er seinen Blicken? Er erkannte hoch droben wieder die ersten Blütendolden. Und nun flog auch seine Feder wieder emsig über das Papier, nun begann er erneut zu hoffen. War es nicht auch feine Aufgabe, alle Kräfte zu sammeln, zu einer Höchstleistung zu steigern? Unermüdlich gemahnten die Turmuhren an den raschen Ablauf der Zeit. Wie rasselten drunten die Automobile, wie schneidig fuhr der reiche Kunsthändler an dem wappenverzierten Portal des einstigen Palais vor, wie barsch erklangen seine Befehle! Zuweilen war in der Hand des Gelehrten wieder ein Zittern, leise zitterten auch im abendlichen Winde die Blätter und Blütendolden des Baumes, dann begann der Gelehrte an sich selbst zu zweifeln und cm seiner Kraft das ersehnte Werk zu vollenden. Sonne brütete. — Ach, der Baum dürstete. Früher hatte der Hausmeister an warmen Sommerabenden den Rasen um den Baum gegossen. Jetzt schaute er zuweilen kritisch an dem Riesenstamm empor ... der war ja doch nichts mehr wert, da lohnte die Mühe nicht mehr — der war reif gefällt zu werden. Der Gelehrte fühlte Trockenheit in seiner Kehl«: er wagte den Arzt nicht zu konsultieren. Fieber pochte in seinen Schläfen: er preßte du Stirne an die Fensterscheiben und schaute hinüber auf seinen Baum... Es wurde Herbst, schon rieselten wieder die Blätter. Kahler war die Wohnung und der Gelehrte fröstelte in seinem letzten, fadenscheinigen Anzug. Drunten aber stand der Hausmeister im Hof, blickte kritisch an dem hohen Stamm empor, tauschte mit dem robusten Chauffeur seine Meinung aus. Der zuckte abfällig die Achseln. Der Gelehrte sah auf den Robusten herab, als habe ein Richter nun den Stab über ihm gebrochen. Mit bebenden Knien trat er inq. Zimmer zurück, das Fieber löste in dieser Nacht Wahnvorstellungen in ihm aus: strauchelnd erhob er sich und umklammerte fein Manuskript, als suche er an den vielen dürren Blättern Halt. Wie das Papier knisterte! — Doch vergebens versuchte der Fiebernde seine eigene Schrift zu entziffern, sein schmerzendes Gehirn nahm den Sinn der Buchstaben nicht mehr auf, — er taumelte zum Lager zurück: Angst und Oual durchbebte seinen Traum. Bei heraufsteigender Dämmerung, aber weckte den Gelehrten der Ton einer krächzenden Säge. Er lauschte und fühlte dieses gnadenlose Sägen, als bräche es ihn selbst entzwei. Nun wankte er zum Fenster. Drunten im Hof stand ein kleiner, dicker Mann, der erteilte sachkundig feine Aufträge. Die Zigarre hing ihm im Mundwinkel, das Band an seinem Hut war fettig, er sah subaltern und wichtig aus. Der Hausmeister und die Köchin von drüben waren gleichfalls zur Stelle: Arbeiter gruben um den Stamm, als schaufelten sie ein Grab. Sie hieben mit den Aexten in die Wurzeln und legten den Baum im Erdreich blos. Wie das Holz splitterte, wie es zäh war und sich wehrte! Der Gelehrte am Fenster zitterte nicht mehr. Er wußte, sein Schicksal mar beschlossen. Er stand, ohne sich zu regen. Und reglos stand drunten der Baum. Nun begannen zwei Arbeiter die Säge anzusetzen. Es dämmerte, als noch immer das krächzende Geräusch der Säge das angespannte Gehör des fieberhaft Lauschenden traf. Drunten lief der kleine dicke Mann mit der Zigarre irh Mundwinkel wichtig auf und nieder; gebietend spreizte er den kurzen Arm und bellte seine Befehle. Senn, falls der Baum nicht genau durch die Mitte der Toreinfahrt auf die Straße stürzte, dann zerschlug er womöglich die teuere Steinmauer, die der Kunsthändler hatte neu bauen lassen. Zuweilen setzten die Arbeiter aufschnaubend aus — blickten mißtrauisch fragend empor, strebten schutzsuchend zur Seite. Aber der Riese rührte sich noch immer nicht. Doch jetzt winkte der kleine Mann und schrie laut, man solle an den Stricken ziehen. Nun regte sich auch der Gelehrte im fünften Stock, als würde er vorangezogen; seine hagere Gestalt trat auf den Balkon, er hob den Ann, so wie der Baum seinen letzten Ast ohnmächtig in die Höhe reckt«, — nun neigte sich der Baum — neigte sich der Gelehrte — und dann stürzte ächzend der Baum. Im Moment des Sturzes aber hatte feine Krone den Balkon des fünften Stockwerkes vom Nachbarhaus gestreift, und unter dieser Krone sank die hagere Gestalt des Gelehrten auf das Pflaster der Straße und die letzten Blätter und Blüten des Baumes deckten den Verunglückten zu. Die Kenntnis der erzeugt rind Arbeit leistet und damit schon das verdient. Von einer Ausführung weiß man aber Aeoirpile ging von den Griechen auf die Römer über: auch Vitruv spricht ausführlich von ihr. Daß man auch in späteren Seiten des römischen Imperiums die Spannkraft des Wasserdampfes kannte, geht aus einer merkwürdigen Geschichte hervor, di« uns Agathias übermittelt hat: Zwischen 553 und 557 legte der Mechaniker A n t h e m t u s aus Trolles eine sonderbare „Maschine" in seinem Hause an, lediglich, um seinen Nachbar, den Redner Zeno, mit dem er in Feindschaft lebte, zu ärgern. Im Keller seines Hauses errichtete er meh- rere große Dampfkessel, von denen versteckte Röhren oder Lederschläuche bis in die Balken und Decken des Nachbarhauses geleitet wurden. Wurde nun Dampf entwickelt, so entstand im Hause des Zeno eine heftige Erschütterung, so daß alle Bewohner von Schrecken erfüllt und die Götter anrufend auf die Straße stürzten. Anthemius aber neckte sie mit der Frage, was sie von dem „Erdbeben" dächten. n "rdo da Vinci, der natürlich die Aeolipile und den Püste- rich (Dampstlaser) kannte, stellte bereits Versuch« über Verdampsting an, „um eine Regel darüber aufzustellen, um wieviel das Wasser wächst, sich m Dampf verwandelt". Er skizziert auch um 1495 ein s snpsgeschutz, das er „Erzdonnerer" nennt, und mit dem er, wie er sagt, eure Kugel von 1 Talent Gewicht auf eine Entfernung von 6 Sta- konen. Andere Skizzen, die um 1500 entstanden sind, Qnn er '7nia6e 3U einer Kolbendampfmaschine erkennen, wie sie erst rund Jahre spater Denis Papin praktisch ausgeführt hat. Leonardo ist der deshalb ebenso wenig als der Erfinder der Dampfmaschine anzu- sehen wie Salomon de Caus, der 1615 einen sehr einfachen Apparat Fragen wir nach den frühesten Spuren des Wissens um die Dampf- kraft, so gelangen wir in die Antike. Wir kennen die pneumatischen Svie- lereien der antiken Physiker. Wie mögen sie darauf gekommen sein? Ja w,e kommt Überhaupt eine Erfindung zustande? James Watt, so heißt t?'als Knabe beobachtet, wie der Dampf eines Teekessels den Deckel hob. Das soll ihn auf den Gedanken gebracht haben, eine Dampf- zu bauen Etwas ganz Aehnliches wird von seinem Vorgänger, dem Marquis o Worcester, erzählt. Nun, das ist eine Legende, wie sie sich oft um bedeutende Männer, um große Erfindungen oder Taten gesponnen haben. Es steht damit ebenso wie mit dem berühmten Apfel ^r Newton auf die Nase fiel und ihn zum Nachdenken über das Gravitationsgesetz anregte. Aber solche anekdotische Versinnbildlichung erfinderischer Intuition birgt einen richtigen Kern: aus der Beobachtung unscheinbarer Vorgänge des Alltagslebens kann der erfinderische Kopf der immer die Frage „warum?" parat hat, Anregung schöpfen. Die Dampfapparate der klassischen Antike sind sicherlich auf derartige Beob- achtungen zuruckzuführen, und die Anekdote von Watt könnte ebenso gut a.uf PH > l o n von Byzanz passen. Dieser entwarf um 230 vor Ehr. u. a ein Raucherbecken mit Dampfgebläse und Automaten mit Dampfpfeifen. Das antike Dampfgebläse, Aeolipila genannt, ist eine mit feiner Oeff- nung Ersehene Metallkugel, die mit Wasser gefüllt und ins Feuer gelegt wird. Dann entweicht der Dampf zischend aus dem Loch. Heron von Alexandria (um 200 nach Ehr.) hat in seinem Aeolsball dieses Prinzip schon zur Konstruktion einer kleinen Dampfturbine angewendet, indem er die Metallkugel drehbar aufhängte und den Dampf 'durch zwei umgebogene Röhrchen entweichen lieh. Durch Rückstoßwirkung geriet dann die Kugel in Drehung. Und wenn anno 1629 der Ingenieur Giovanni Brau c a den Dampfstrahl aus einem „Püsterich" zum Antrieb einer kleinen Stampfe auf ein Schaufelrad wirken läßt, so ist er eigentlich gegen Heron noch um keinen Schritt weiter gekommen — nur daß seine Vorrichtung Energie -.....-1 —*■ «'-«--■* - " - - - ■■ -- - Prädikat „Maschine" bei Branca nichts. Seltsame Stunde ans See. Von Werner Schulz- Oliva. Das Meer ist Unendlichkeit geworden. Von Morgen zu Abend geht «s, und wieder von Abend zu Morgen. Nun sind wir eine eigene kleine Elt zwischen den Welten, treibendes Schicksal im Wellenwandern des Ozeans. Wir haben aufgehört, die Tage zu zählen, wir sind ohne Beziehungen zu dem Rhythmus der Menschen, die hinter diesem Meer find. Alles Laute ist von uns abgefallen, alles Gehegte unserer Stunden ist uns fremd geworden. Wir können es uns nicht mehr vorstellen, daß es Menschen gibt, die Nerven haben. Wir haben keine Nerven mehr. Wir haben das irgend- l9IC vergessen, wie wir vergessen haben, ob gestern ein Dienstag oder etn Mittwoch oder ein Freitag war. Wir denken auch nicht darüber nach. Wir nehmen auch nicht den Kalender und rechnen daran herum Es genügt uns, daß die Sonne scheint, diese glückliche Sonne über blauem Meer. Cs genügt uns, daß der Himmel weit ist und blau wie das Meer Niemand könnte sagen, ob der Himmel sich im Meer spiegele oder das Meer im Himmel. Alle Grenzen sind gelöscht. Die Zeit steht still oder ist gestorben. Immer könnten wir so in die Zeitlosigkeit hineinträumen Wir mögen nicht daran denken, daß einmal ein Tag kommen wird an dem dies alles nicht mehr um uns ist, das Meer, der Himmel die Zeitlosigkeit, diese blaue glückliche Einsamkeit zwischen den Welten . Als wir ausstanden, schien die Sonne auf dem Wasser zu schwimmen wie ein großer brennender Ball. Nun ist sie hoch über uns. Wir haben ihren Weg nicht gesehen, wir liegen in Deckstühlen und verlieren uns weit über uns hinaus. Wir möchten lesen, aber die Bücher werden nichtssagend oder^erschernen uns fremd. Wir möchten Briefe schreiben, aber wir haben >zurcht, daß unsere stillen, guten Gedanken scheu würden vor der harten Form, die das Wort ihnen gibt. Das Schiff hat ein ruhiges weiches Wiegen, in das wir hinemträu- men wie Kinder, die in den Schlaf wollen. Es ist eigentlich feine Senkung, dieses Wiegen, wenn man darauf achten würde Mre es sicher fort. So sanft und ohne Wirklichkeit ist es. ’ SBir liegen in den Deckstühlen: das taten wir gestern und werden es morgen wieder tun. Es ist nichts vorhanden, was uns daraus vertreiben wurde Manchmal springen draußen im Meer die Delphine. Dann sprüht das Wasser silbern um ihren Leib. In langer Reihe ziehen sie mit uns Sorglos ,st ihr immer gleiches Spiel. Als wir sie zum erstenmal sahen, sind wir an die Reeling gesprungen und haben die Ferngläser gezückt *2* lrMe T s^u vertraute Weggenossen. Das Erregende ihres ersten Anblicks ff vergessen in der großen Friedlichkeit unserer Fahrt. GAllschas.tszrmmer ist die Gramola angestellt worden. Nun kommen d-e Klange über das Deck geflattert und schwenken wie kleine bunte Fahnen m das Meer hinaus. „Wenn der weiße Flieder"... Aber die Snlle des JRceres ift ftarfer als das Lied. Und wir träumen weiter. Auf dem Bootsdeck ist ein Planschbecken gezimmert worden. Ein festes Holzgerust mit Segeltuch ausgelegt. Unaufhörlich wird frisches Wasser hineingepumpt. Wir baden zwei-, drei-, viermal nacheinander. Ganz salzig sind wir allmählich davon geworden. Mit dem Pumpenschlauch machen wir Dusche, spielen Feuerwehr und treiben allerlei Unfug"’ Wir x r v m. unsren Jahren zurückgeschvaubt worden auch ohne Steinach ^dstnd w,e losgelassene Kinder, denen die Aufficht fehlt. Irgend jemand spielt Klabautermann und wird getaucht. Nachher liegen wir wieder in Usmb J,'rbr. zwffchen Schlaf und Wachsein in jenem Dämmern beispiellosen 2ßot)[&efinbens. Wenn das Signal zum Lunch kommt fühlt man sich in der Ruhe gestört und möchte liegenbleiben. Aber schließlich geht man doch zum Essen. Schon weil die anderen es auch tun. Die tun es aber auch nur wieder der anderen wegen. So bleibt man im Kreis Hm und wieder fahrt die Taillenfurcht in ein paar allzu Bedenkliche. Dann muß gearbeitet werden, um die schlanke Linie zu halten ober wiederherzustellen. Das Schuffleboard kommt zu seinem Recht. Oder das Jninumcrjen. Aber dann ist wieder die große Müdigkeit des Meeres, die eigentlich gar keine Müdigkeit ist. Und man träumt sich wieder in die Unendlichkeit hmaus. Vielleicht streicht weit hinten am Himmelsrand die schwache Silhouette eines fremden Schiffes. Kam es entgegen, hat es gleichen Weg? Niemand weiß das. Aber es ist eine kleine eigene Welt wie wir, die dort über die Raume treibt. Schicksal wie wir, weitab von den vielen Menschen m Städten und Landern. Unsere Gedanken gehen langsam mit dem fremden Schiff von dem wir nichts wissen. Und dann sind wir wieder «6At erltfn# ®ulten 'nit Palmen und weißen Häusern oder in Sternen« nachten unter dunklem Himmel. . ®m Pagel, der sich in den Ozean verflog, fand unser Schiff Nun AE. er auf Deck und ruft einen müden, klagenden Ruf. Er hat alle Furcht verloren Man sieht, wie er atmet. Wir sind irn Kreis darum niemand geht naher, um ihn nicht aufzujagen. Das ganze Deck ist feinet- fÄ i>sen Bootsmann, der nach hinten will lassen wir nicht durch Nun wird der kleine verflogene Bursche bei uns bleiben bis er hinter dem Dunst des Horizonts Land weiß, das wir nicht erkennen er"mohnt^ Cr “nS ooranfliegen zu Blumen und Blüten, zwischen denen »n®Jer tst über den Himmel gewandert. Der Tag stirbt in nahes »urttel. Feme schmale rosa Streifen schmalen am Himmelsrand. In amu klarem durchsichtigen Pastell. Strich bei Strich. Nun löst sich bas Roia x ° kleine gehauchte Wolke schwimmt mit Rosen- fege(n aus bem Jbenb hervor, das Blau bes Meeres wirb still und bat große Sanftheit^ In wiegenben Wellentälern ist ber Widerschein der oerghmmenben Sonne. -wioericyem öer ,, Mit tiefen schwarzen Schatten streicht die Nacht aus dem Kreis ber Schlag di? Stimde W*‘ Schiffsuhr mit kleinern hellem i Ste®, W Ser ^nd ist wie eine stille blaffe @onM über^uns I Die Wellen vorne am Bug haben eine gleichmäßige Melodie, die jedes j Denken dämpft. Die Sterne blühen immer tiefer und voller. Wenn man hn* "och lange nach. Das ist sehr seltsam. Man ein Matrose feine Mundharmonika vorgeholt Ann geht sein unbebeutenbes Lieb in die Nacht und füllt sie mit erre- genbem Älang. ^>er Schein ber Bordlichter läuft neben uns in starren unk^greiflichen Verzerrungen durch die Wellen. ' x„, W^me steigt vom Wasser auf und wird zu weichem Wind Sanft^it unsere Stirne streicht. Warum sagt jetzt niemand ein lau^s Wort. Warum wird die Stunde jetzt zu unerhörter Feierlichkeit» Das Matrosenlied unten verrinnt ins Weite. Wir sind sehr klein vor ^Endlichkeit und begreifen es ohne Furcht, unsere Erkenntnis nimmt uns die Wesenhaftigkeit. Wir fließen aus dem Chaos unserer menschlichen Verwirrung m die große ewige Ordnung aller Dinge. Und wissen, daß dies so sein muß. Eine fremde unirdische Erfüllung geht durch die Stunde W,r begreifen, daß wir ein Nichts sind und weniger als das wir Men- Ao"' ober ww empfinden, daß großes geheimnisvolles Leben um uns ist und seltsam ,n uns strömt. Das Erlebnis der Unendlichkeit steht auf Urewig rinnt die Zeit durch die feierliche Nacht. 1 '' -Aus den Kuchertagen der Dampfmaschine. Von Carl Graf von Klin ck o wstr oem. K930 können wir das 300jährige Jubiläum des ersten ^ntents auf eine Dampfmaschine feiern. Das klingt sehr befremdlich Überbauvt ♦ Dampfmaschine, so lernt man (wenn man es überhaupt lernt), beginnt doch erst mit James Watt ober allenfalls mit xtn‘ Davib Ramsey tatsächlich am 21. Ja- 1~30 ixis englische Patent Nr. 50 für eine Vorrichtung, um „Wasser burch Feuer aus tiefen Bergwerken zu heben". Mit biefen wenigen Mosten ist aber auch alles erschöpft, was wir van biefer Erfinbung F,r‘€r ?”ien englischen Patente haben keine Beschreibungen Das Patent bleibt uns daher eben|o rätselhaft wie eine Bemerkung in 1^9 hD Bergpredigers Johann Matthesius „Bergpostille" von V ns gelegentlich davon spricht, daß man „Wasser mit Feuer heben ““■i^r^t "lelleicht Herr Ramsey einfach diese Worte von Matthesius zum Patent angemeldet? Uchre'bt um „Wasser mit Hilf« des Feuers höher zu treiben, als das Wasser steht, oder John Bat« (1634) und Jakob Dobrzenski aus Prag (1657), die über Andeutungen nicht hinauskommen. De Laus erkennt aber und spricht es zum erstenmal klar aus, daß Wasserdampf eva- porlertes Wasser sei, das sich bei Abkühlung wieder in dieselbe Menge flüssigen Wassers zurückverwandle, woraus man ' es durch Erhitzung gewonnen habe. Auch Giovanni Baptista Porta hatte schon 1601 Ber- uch« zur quantitativen Bestimmung, in wieviel Dampf eine bestimmte Menge Wasser sich auflose, angestellt. . »Du weißt Brigitte, der französische Kaperkapitän, den die andern den „schonen Teufel" nannten — wenn ich jezuweilen in den Saal hin- guckte, nnmer war sie mit ihm am Tanzen. Als es gegen drei Uhr und der Saal schon halb geleert war, stand sie neben ihm am Schenktzsch beide m,t einem vollen Glas Champagner in der Hand. Ich sah, wie sie rasch atmete, und wie seine Worte, die ich nicht »erstehen konnte, einmal über das andere ein liegendes Rot über ihr blasses Gesicht jagten; sie selber sagte nichts, sie stand nur stumm vor ihm; aber als beide jetzt das Glas I . L'ppen hoben, sah ich, wie ihre Augen ineinander gingen. — 3d) sah das ages „te ein Bild, als sei es hundert Meilen von mir; dann aber plötzlich überfiel es mich, daß jenes schöne Weib dort mir gehöre, I .» fic mein Weib sei; und dann trat ich zu ihnen und zwang sie mit mir nach Hause zu gehen." a a 1 ' 11 « Ackte, als habe er die Grenze seiner Erzählung erreicht; seine Brust hob fick) mühsam, sein hageres Gesicht war gerötet. Aber er war nock nicht zu Ende; nur blickte er nicht wie vorhin zur Schwester hinab, er sprack) über ihren Kopf weg in die leere Luft. J m »Un? a/s wir dann in unserer Kammer waren, als sie mir keinen Blick gönnte, sondern wie zornig Gürtel und Mieder von sich warf und als sie dann mit einem Ruck den Kamm aus ihren Haaren riß daß es wie eine goldene Nut über ihre Hüften stürzte - es ist nicht immer, wie es sein sollte Schwester — denn was mich hätte von ihr stoßen iollen, — ich glaube fast, daß es mich nur mehr betörte." B Die Schwester legte sanft die Hand auf seinen Arm. „Laß das Gespenst in seiner Gruft, Bruder; laß sie, sie gehörte nicht zu uns " Er artete nicht darauf. „So" — sprach er weiter — „hatte ich nimmer sie gesehen; nicht >n unserer kurzen Ehe und auch im Brautstande nicht. Aber es war nicht die Schönheit, die unser Herrgott ihr gegeben hatte, es war die böse Lust, die sie so schön mackste, die noch in ihren Augen Und so w.e an jenem Abend und in jener Nacht war es noch Tod- Ä mnr- bis nur ein halbes Jahr vor ihrem Tode übrig war, — als alle diese Fremden unsere Stadt verließen." "$9U«nr Rarsten," sagte Brigitte wieder, „hast du nicht neues Leid Wenn du schwach warst gegen dein Weib, weil du sie lieber S'L?5», »? *?.aI — ichon bald ein Menschenleben darüber hm, was gualst du dich noch jetzt damit'" l^Jetzt, Brigitte? Ja, warum sprech' ich denn dies alles jetzt zu dir? War sie mein Eheweib in jener Zeit, wo ihre Sinne von leichtfertigen Gedanken tmimelten, die nichts mit mir gemein hatten? — Und doch — aus dieser Ehe wurde jener arme Junge dort geboren. Meinst du" — "I'd er bückte sich hinab zum Ohr der Schwester — „daß die Stunde gleich sei, in der unter des allweisen Gottes Zulassung ein Menschenleben ™2ch sage dir, ein jeder Mensch bringt sein en, fertig mit sich aus die Welt, und alle, in die Jahrhunderte hinauf, -£™„£lncn ~ropj.enJ« fe”lerm Blute gaben, haben ihren Teil daran." Draußen vom Kirchturm schlug es eins. „Stell' es dem lieben Gott anheim, Bruder, sagte Brigitte; „ich versteh' das nicht, was aus deinen ßWtir" b*I hm Ä derumgeht; ich weiß nur, daß der Junge, leider Gottes, nach der Mutter eingeschlagen ist." Carsten fühlte wohl, daß er eigentlich nur mit sich selbst aesprochen habe und daß er nach wie vor mit sich allein sei. „Geh schlafen meine gute, alte Schwester," sagte er und drängte sie sanft auf den Flur hinaus; „ich will es auch versuchen." u v ’ Auf der untersten Treppenstiege, wo Brigitte es zuvor gelassen hatte, ein ßid)t nut langer Schnuppe. Sie blickte noch einmal mit festae- schlossenen Lippen und gefalteten Händen den Bruder an; dann nickte sie ihm zu und ging mit dem Lichte in das Oberhaus hinauf. Aber Carsten dachte nicht an Schlaf; nur allein 'hatte er wieder fein wollen Roch einmal nahm er den kleinen Ring und hielt ihn vor fich- durch den engen Rahmen sah er, wie tief in der Vergangenheit, die Luft- gestalt des schonen Weibes, deren außer ihm kein Mensch auf Erden noch gedachte Ein seliges Selbstvergessen lag auf seinem Antlitz; dann aber zuckte plötzlich ein Schmerz darüber hin: sie schien so gar verlassen ihm I gelang, eine wirtschaftlich brauchbar« Betriebsmaschine zu bauen blieb ^mi? lkechnnen lassen. 3citaltm. Dieser hervorragende Physiker, durch seinen Dampf- rochwps noch heute allgemein bekannt, war einen anderen Weg gegangen. Er kannte die grundlegenden Arbeiten von Torricelli, Guericke! ro1" °9.1 «■ Er kam, so merkwürdig das zunächst klingen mag, über die Zur Dampfmaschine. Im Jahre 1673 hatte er in Paris als n. l X Ehristian Huygens dessen Versuche geleitet, eine Schieh- r •J?t2?lonsJ!la^lne äu bauen — das war der Grundgedanke der !" "0>pWnschen Gasmaschine. Zylinder und Kolben bildeten die Haupt- | 1 estandteile dieser Maschine. Aber sie war lebensgesährlich! Diese Ersah- I i “ i°ratc.Dble. Beobachtungen an seinem 1681 erfundenen Dampfkoch- | i •t\,FsPin^u 5'uer neuartigen Konstruktion der Dampfmaschine, ir |e-5 den Gasdruck durch Dampfdruck ersetzte: er baute die erste I h<°1o„nÖTP^T’d>’n<;' wren Beschreibung er 1690 veröffentlichte und deren erstes Exemplar er 1698 zu Kastel baute. ; Entwicklung über Papin, Newcomen zu James Watt, ! 0 sten Reformator der Dampfmaschine, gehört nicht mehr in das । Jtapttei der tastenden Vorversuche. Seitdem cs um 1711 Newcomen , Mann geworden. (Fortsetzung folgt.) - Druck und Derlag: Brühl'fche Universitäts-Buch, und SteindruSerei, A. Lange, Gießen. Verantwortlich: Dr. Kans Thyriot. mC ’-L 3“5lein, nein, mein Kind; das muh ich ganz allein." Mit diesen Worten nahm er sein Bambusrohr aus dem Uhrgehäuse und ging hinaus. Das Postgebäude lag derzeit hoch oben in der Norderstraße; aber es war völlig windstill; ein leichter Frostschnee sank ebenmäßig herab. Carsten schritt rüstig vorwärts, ohne rechts oder links zu sehen; als er jedoch fast sein Ziel erreicht hatte, hörte er sich plötzlich angerufen: „He, Freundchen, Freundchen, nehmt mich mit!" Und Herrn Jaspers' selbst in der Dunkelheit nicht zu verkennende Gestalt schritt aus einer Nebenstraße, munter mit dem Schnupftuche winkend, auf ihn zu. „Merk's schon/ sagte er, „Ihr wollt Euren Heinrich von der Post holen? Hab' nur gehört, soll ein Staatskerl geworden fein, der junge Schwerenöter!" „Aber," sagte Carsten, indem er längere Schritte machte, denen der andere, mit beiden Armen schaukelnd, nachzukommen strebte, „ich dächte, Jaspers, Ihr hättet niemanden zu erwarten!" „Nein, Gott sei Dank, Carsten! Nein, niemanden! Aber — zum Henker, Ihr braucht nicht so zu rennen! — man muß doch sehen, was zum lieben Fest für Gäste kommen." Sie waren an einer Straßenecke in der Nähe des Posthauses angelangt, wo sich bereits eine Anzahl Menschen angesammelt hatte, um die Ankunft der Post hier abzuwarten, als Herr Jaspers von einem vorüber- gehenden Amtsschreiber angerufen wurde. „Hort Ihr nicht, Jaspers? Der Mann wünscht Euch zu sprechen , sagte Carsten, der eben aus der Tiefe der Straße das Rummeln eines schweren Wagens heraufkommen hörte. . Aber der andere stand wie gemauert. „Ei, Gott bewahre, Carsten! Laßt den Hasenfuß laufen! Ich bleibe bei Euch, Freundchen; wer weiß, was noch paffieren kann! Ihr kennt doch die Geschichte von dem tflens- burger Kandidaten, der feine Liebste aus der Kutsche heben wollte, und dem ein schwarzer Negerjunge auf den Nacken f prang!" ,Ich kenne alle (Eure Geschichten, Jaspers," erwiderte Carsten unge- duld'ig; „aber wenn Jhr's denn wissen wollt, ich wünsche meinen Sohn allein zu empfangen; ich brauche Euch nicht dabei!" Herrn Jaspers' unerschütterliche Antwort wurde von Peitschenknall und dem schmetternden Klange eines Posthorns übertönt; und gleich darauf rollte auch der schwerfällige Wagen vor die Tür des Pofthaufes, in den matten Schein, den die darüber befindliche Laterne auf die leicht beschneite Straße hinauswarf. Dann fprang der Postillon Dom !Bod, vom Schirrmeister wurde die Wagentür aufgeriffen, und di« Leute drängten fich herzu, um die Fahrgäste ausftelgen zu sehen. Carsten war etwas zurück im Schatten der Mauer stehengeblieben. Da er von hoher Statur war, so konnte «rauch von hieraus die m Mantel und Pelze vermummten Gestalten, welche eine nach der anderen aus dem Wagenkasten aus die Straße traten, deutlich genug erkennen. „Niemand mehr darin?" frag der Schirrmeister. „Nein, nein!" tönte es von mehreren Seiten; und die Wagentur mürbe 3 ^Carsten umklammerte die Krücke feines Stockes und stützte sich darauf' sein Heinrich war nicht gekommen. — Er blickte uue abwesend auf die dampfenden Pferde, die auf dem Pflaster scharrten und thrrenb ihre Mefsingbehänge schüttelten, und wollte sich endlich schon zum Gehen wen- den, als er bemerkte, daß er hier nicht der einzige Getauschte se,. Eine junge Dirne hatte sich an den Postillon herangemacht, der eben die Decken über feine Pferde warf, und schien ihn mit aufgeregten Fragen zu de- drängen. „Ja, jo, Mamsellchen," hörte er diesen antworten, „es tarnt noch immer sein; es kommt noch eine Beichmse. Nack, eine Beichaise!" Carsten wiederholte die Worte unwillkürlich; ein "tiefer Atemzug entrang sich seiner Brust. Der Postillon war ihm be- fannt- er hätte ihn fragen können: „Sitzt denn mein Heinrich mit darin. Aber er vermochte sich nicht vom Fleck zu rühren; mit geschlosseneri Lip- pen stand er und sah bald darauf den Wagen fortfahren und b tfte auf die teeren Geleise, die in dem Schnee er ennbar waren, auf welche le,s und unaufhallsam neuer Schnee herabsank und sie bald bedeckte. Um ihn her war es ganz still geworden; selbst Herr Jaspers schien verschwunden: das Mädchen hatte sich schweigend neben >hn gestellt, d,e Arme in ihr Umschlagetuch gewickelt. Mitunter klingelte eine .-.^Nolle, bann sangen die Kinderstimmen: „Vom Himmel hoch, da komm' ich her! Die kleinen Weihnachtsbettler mit ihrem tröstlichen Berkundigungsliede M-ru-dM.- nocb einmal knallte die Peitsche und schmetterte das Posthorn, und letzt rollte die verheißene Beichaise in den Laternenschein des Posthauses hinein. Und ehe noch die Pferde zum Stehen gebracht waren, sah Casten die Gestalt eines hohen Mannes behende aus dem Wagen fprmgen unb gegen sich herankommen. „Heinrich!" rief er und stürzt« vorwarts^daß er fast gestrauchelt wäre: aber der Manu wandt« sich zu dem Mädchens« letzt mit einem Freudenschrei an seinem Halse hmg. — „Ich dachte schon, du wärst nicht mehr glommen!" - „Ich? Nicht kommen am Weihnachts- o^Carsten blickte den beiden nach, wie sie durch den fallenden Schnee Arm in Arm di« Straß« hinab gingen ;als ers'chumwandte, mar auch her Dlati vor dem Hau e leer, wo vorhin die Chai e gehalten hatte. „Er ist nicht g"kommm er wird kraift geworden fein", sagte er halblaut zu fni) ^Aber eine breite Hand auf feinen Arm, „Oho, Freundchen! sprach dicht neben ihm Herrn Jaspers' wohlbekannte 'stimme, „dacht« ch's nicht daß Ihr Euch Grillen fangen wurdet! Krank meint Ihr? Nein Carsten das laßt Euch den heiligen Abend nicht verderben. Ihr wißt doch, in Hamburg gibfs ganz andere Weihnachten für die ,ung«n Dur- fchen als in Eurem alten Urgroßvaterhause an der Twiete. Aber seht Ihr, war's nicht hübsch, daß ich Euch warten half? Da habt Ihr doch Gesell- schäft auf dem Rückweg!" „ « ' Herrn Jaspers' Stimme hatte einen fast zärtlichen Ausdruck angenommen; aber Carsten horte nicht daraus. Auch auf dem Rückwege ließ er Herrn Jaspers ungestört an feiner Seite traben; er war em geduldiger hort unten. - Als er sich auf richtete, steckte er den Ring au feinen Finger; und es geschah das mit einer feierlichen Innigkeit, als wolle er die Tote sich noch einmal und fester als zuvor im Leben aiwermahlen, so wie sie einst aemeien wim in ihrer Schönheit und in ihrer Schwache und nut bei färg«n 5be,b“e fie\inft für ihn gehegt hatte. D°nn schritt er zur Tur und horchte auf den Flur hinaus; als alles ruhig blieb, ging er gur Treppe und stieg behutsam zur Kammer seines Sohnes hinauf. (Er fanb ben jungen Menschen ruhig atmend und m tiefem Schlafe, obgleich bar Mond fein volles Licht über das unter dem Fenster stehende Bett ausgoß. Bei dem gelockten, lichtbraunen Haar, das sich seidenweich an die Schläfen legte, hätte man bas hübsche, blosse LWlitz bes Schlafenben für das eines Weibes halten können. Carsten war dicht herangetreten; ein leises Zittern lief durch seinen Körper. „Juliane!" sagte er. „Dein Sohn! Auch er wird mir das Herz zerreißen!" Und gleich daraus: „Mein Herr und Gott, ich will ja leiden für mein Kind, nur laß ihn nicht verlorengehen!" Bei diesen unwillkürlich laut gesprochenen Worten schlug der Schlafende die Augen auf; feine Seele aber mochte schlummernd in den Schrecknissen des vergangenen Tages fortgeträumt haben; denn als er plützttcy in der Nacht die brennenden Augen und den zitternd über ihn erhobenen Arm des alten Mannes erblickte, stieß er einen Schrei aus, als ob er den Todesstoß von feines Vaters Hand erwarte; bann aber streckte er flehend beide Arme zu ihm auf. Und mit einem Laut, als müsse es ihm die Brust zersprengen: „Mein Kind, mein einziges Kind!" brach der Baier an dem Bette des verbrecherischen Sohnes zusammen. Durch einen Freund in Hamburg hatte Carstens es möglich gemacht, feinen Sohn dort in einem kleineren Geschäfte unterzubringen. Indessen war trotz der Achtung, der er sich erfreute, dies (Ereignis feines Hauses schonungslos genug in der kleinen Stadt besprochen, freilich bet dieser Ge- leoenheit auch das Gedächtnis der armen Juliane nicht eben sanft aus ihrer Gruft hervorgeholt worden. Nur Carstens selbst erfuhr nicht davon. Als er eines Tages aus einem befreundeten Bürgerhause auffallend gedrückt nach Hous gekommen war, fragte Brigitte ihn besorgt: „Was ist dir, Carsten? Du hast doch nichts Schlimmes über unseren Heinrich gehört?" — „Schlimmes?" erwiderte der Bruder; „o nein, Brigitte; man hat, Seit er fort ist, auch nicht einmal feinen Namen gegen mich genannt" — Und mit gesenktem Haupte ging er an feinen Arbeitstisch. Briefe von Heinrich kamen selten, und oftmals forderten sie Geld, da mit dem geringen Gehalte sich dort nicht auskommen lasse. — Sonst ging bas Leben feinen stillen Gang; der alte Birnbaum im Hofe halle wieder einmal geblüht und bann zur rechten Zeit unb zur Freude ber Nachbarkinder feine Frucht getragen. Besonderes war nicht vorgefallen, wenn nicht, daß Anna den Heiratsantrag eines wohlstehenden jungen Bürgers ab gelehnt hatte; sie war keine von den Naturen, die durch ihr Blut der Ehe zugetrieben werden; sie hatte ihre alten Pflegeelfern noch nicht verlassen wollen. Als aber kurz vor Weihnachten Carstens seinem Sohne den plötzlich eingetroffenen Tod des Senators gemeldet hatte, erfolgte in einigen Tagen schon eine Antwort, worin Heinrich feinen Besuch zum Weihnachtsabend ansagte. (Eine Geldforderung enthielt der Bries nicht; nicht einmal die Reisekosten hatte er fich ausgebeten. Es war doch eine Freudenbotschaft, die sofort im Hause verkündigt wurde. Und wie eine glückliche Unruhe kam es über alle, da nun das Fest heranrückte; die Händedrücke, die Carsten im Vorbeigehen mit seiner alten Schwester zu wechseln pflegte, wurden inniger; mitunter haschte er sich die geschäftige Pflegetochter, hielt sie einen Augenblick an beiden Händen und sah ihr zärtlich in die heiteren Augen. Endlich war der Nachmittag des heiligen Abends herangekommen. Im Hause hatte eine erwartungsvolle Tätigkeit gewaltet; doch bald schien alles zum Empfange des Christkinds und des Gastes vorbereitet. Vom Arbeitstische der heute von allen Rechnungs- und Kontobüchern entlastet war, blinkte auf schneeweißem Damast das Teegeschirr mit goldenen Sternchen, während daneben die frischgebackeneri Weihnachtskuchen dufteten. Der Tur gegenüber auf der Kommode war Heinrichs Bescherung von den Frauen ausgebreitet: ein Dutzend Strümpfe aus feinster Zephirwolle, woran die sorgsame Tante das ganze Jahr gestrickt hatte; daneben von Annas, auberen Händen eine reichgesfickte Atlasweste unb eine grünseidene Börse, durch deren Maschen die von Carsten gespendeten Dukaten blinkten. Dieser selbst ging eben in den Keller, um aus seinem bescheidenen Vorrat zwei ganz besondere Flaschen heraufzuholen, die er vorzeiten von einem dankbaren Schutzbefohlenen zum Geschenk erhalten hatte; es sollte heute einmal nichts gespart werden. Statt feiner trat Tante Brigitte herein, zwei blankpolierte Leuchter in den Händen, auf denen schneeweiße russische Lichte in ebenso weihen Papiermanschetten steckten, denn schon war die Dämmerung des heiligen Abends hereingebrochen; draußen zogen schon die Scharen der kleinen Weihnachtsbettler, und ihr Gesang tönte durch die Straßen: „Vom Himmel hoch, da komm' ich her." Als Carsten wieder eintrat, brannten auch die Lichter schon; die Stube sah ganz' festlich aus. Die alten Geschwister wandten die Gesichter gegeneinander und blickten sich herzlich an. „Es wird auch Zett, Carsten!" sagte Brigitte; „die Post pflegt immer schon um vier zu kommen." , . ,, ... . Carsten nickte, und nachdem er noch eilig feine Flaschen hinter dem warmen Ofen aufgepflanzt hatte, langte er mit zitternder Hand seinen Hut vom Türhaken. „Soll ich nicht mit Euch, Ohm?" rief Anna; „hier ist für mich nichts