GiehenerKmilieubMer Hummer 98 y,-.21"1 nächsten Tage standen die beiden Männer frübaeitio nuf -n»r fu fron',atte heilig, seine Kuh zu melken und ^e Ällchln die Meikrei n^E^^en, und der andere fand wohl, daß es sich nicht !o recht (drift? ÜKTiÄ T «“!»* ™« ■ WM fjrf»,,9*,(93e;tig fcns H^u-chcn. Der Kätner sperrte die Tür au und Dank schönen? Behüt ?er TOnnn mit ber Mausefalle sagte deren 'Lite von dannen "' """ b°mit wanderte jeder nach einer -r. im Snon®if®(aS mEALöfen ^aLr^^^^"b dazumal ÄtaUb' 6er °u- den bestäLg" d7Lr7llL^ Es ist ein Ros entsprungen. Volksweise. Cs ist ein Ros entsprungen Aus einer Wurzel zart. Als uns die Alten sungen. Von Jesse kam die Art Und hat ein Blümlein bracht Mitten im kalten Winter Wohl zu der halben Nacht. Das Röslein, das ich meine. Davon Esaias sagt. Hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd: Aus Gottes ewgem Rat Hat sie ein Kind geboren, Wohl zu der halben Nacht. Oie Mausefalle. Eine Weihnachksgeschichke. Von Selma Lagerlöf. Copyright 1930 by I. L A. Wien. Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger einer an- ffMKMMUZM »££ »"««SÄ brh?rfr ,mu6te wohl ein mißtrauisches Gesicht aemackt , bl-3 bor*e' denn der Alte sprang gleich auf qira -um ms ss ssääS E fe’Sr in “£ B*m“ 6,1 au9™' E- bebeuangsooU und ft«!,- wenig erhellte. So erblickte er, als er e7es dunttsn 3aftem e,n “5ä ■ä’-s* !*■ und warteten darauf, daß das Eilen dasi7^Frea Schmelzschmiede »g8! schaufeln oder um mit einem langen Nsenlni/k- in hben ^enrachen zu Hemd und ein Paar Holzpantinen.^ als «" langes •ÄÄ «s » ttlSUSZf ein ffiQn7mrN?^ ^ner erst merkten, daß als er dicht vor ihnen ftand b *“ b,£ 6d)miebe gekommen war, MZWZWWPW ... N, WWm I H.üslerer wieder vor"dkm*?nt- b" Zerlumpt, ! Er ging nur zum Fenster aerklovkt- d'neinzukommen. i hmem und erfaßte den Beutel m7 dem ^e-ben, f‘erfte bie H°"d R^rHFr« »'S i» £%Ä"Ä’ L"-L"L8*6" $ . im Mund." ' b f man cinen ganz bitteren Geschmack l7».»r» den s-dn-lm. sich auf einsamen Seitenwegen durckid?/Mn^"straßevermelden und er in einen anderen Telles Lande? kam. mu6te’ bis ^7» «glich- Brot d-ule« | X“ " ”"r 6“ ®'“> »«« £« »iÄmu'sTÄ -- l. kommen war. Freilick veriudite <». hu n amcrn . Ib< ,n bcn er da ge- Richtung zu wandern, aber d e Pfads schlänaellen' fi* h"er ^stimmten hatte beinahe das Gefühl bah ?r M 9 f n b,n und her. Er und überhaupt nicht vom Fleck kam $ nUr nnfls im Kreise drehte ”a,b f* «*«. dunkel, und nun begann. eine"ÄaL7a"^dN ^N-nMUhr' S & Sschi arfil >z "7'ch HZ',. « dl-Erd- »««,. Zweifel möglich. Er setzte sich auf' Äffe5JÄ war kein er. „Hier müssen Leute in d?r Nähe"stin." ^ Fabr-kshammer", sagte L°u?nachz°uwa?E M 9Cb°‘ feiner [^tcn Kräfte und begann dem Am Weihnachtsmorgen betrachtete er lange das kostbare Gebetbuch, sein« Hand ruhte auf dem weichen Samt und versuchte, sich ein Mutter« streicheln vorzutäuschen. Es verging in neuem Drängen seines Wesens. Dann stand er vor dem Spiegel, die knotigen Hande versuchten, einen kunstvollen Schlips zu binden, mit wildem Eifer bürstete er Hut und Mantel, dann schlug er das Buch in zartes Seidenpapier und trug es durch die heimlich geschäftigten Gassen. Sein Herz pochte, seine Rippen bebten... Das stete, leise Lachen, das dem Fräulein Gasteigerer eigen war, ver« wirrte ihn heute so, daß er keinen klaren Satz formen konnte. Er stammelte etwas vom heutigen Fest, vom Alleinsein, von der Mutter, die eine aar so gute Frau gewesen sei und daß sie gar dem Fraulein Mizzi ein bisserl ähnlich geschaut habe, sie hätte nämlich ebenso lieb gelacht, und daß sie immer aus dem schönen Gebetbuch gebetet hatte, das er von ihr geerbt hätte, und daß er's deswegen in keinen besseren Händen wutzt, wie in denen vom Fräulein Mizzi und daß er, und daß er —. JJitt zitternden Fingern enthüllte er das Päckchen, die Seide rauschte zu Loden, wortlos hielt er das Buch dem Mädchen entgegen. Die Mizzi Gastei- gerer stand einen Augenblick sprachlos, mit großen Augen und leicht geöffnetem Munde, dann aber brach's plötz,ch hemmungslos aus ihr- „A Betbüchel schenkt er mir! hat man schon so was g hort! A Betbuchei, jessas na! A Betbüchel!" _ ,. , Wild prallte ihr Lachen gegen Bruckners Stirne, stieß ihn vor Brust und Herz, daß er langsam zurückwich, und dann, die Finger um das arme Buch gekrallt, als sei es sein letzter Halt, die Treppe mederkroch, ins Freie taumelte, in den letzten Tageslärm. . ., Anton Bruckner war lange durch die Gassen geirrt, es war schon dunkel, als er heimkam. Die Haushälterin zündete eben die Kerzen an dem kleinen Bäumchen an, das sie ihm auf den Tisch gestellt !)ane. wartete, er sprach kein Wort. Da ging sie kopsschüttelnd und grollend in ihre Kammer zurück. -le sich von den Füßen trennen und den weiteren Dienst versagen wollten. m „ Auch wandten sie weiter kein Mitleid an ihn. Wenn em Mann, der nicht mehr als vierzig zu fein scheint und dazu groß und gut gebaut ist, sich durchbettelt, anstatt seine Hände zur Arbeit zu gebrauchen, so geschieht ihm schon ganz recht. Keiner von ihnen dankte für den Gruß des Man- j nes, und auf feine Frage, ob es erlaubt sei, ein bißchen zu bleiben und | sich zu wärmen, erwiderte der Schmiedemeister nur mit dem allerherab- I lassendsten Nicken. I Es half nicht viel, daß der Wandersmann das Bündel Mausefallen, I die über seiner linken Schulter hingen, höher auf die breite Brust hinauf- | schob, so als rückte er einen Ordensstern zurecht, nein, die Schmiede I wollten durchaus nicht begreifen, daß er etwas anderes als ein gewöhn- I licher Bettler rohr, und ließen sich nicht herab, ihm ein Wort zu schenken. | Der Mausefallenhändler verhielt sich ebenfalls still. Worauf es ihm ankam, war ja nicht zu schwatzen, sondern in der Schmiede zu bleiben, I um sich zu wärmen. , „ _ I Aber damals wurde das Werk Ramsjö von einem prächtigen Besitzer I geleitet, der keinen höheren Ehrgeiz hatte, als wirklich gutes Eisen auf | den Markt zu bringen, und Tag und Nacht darüber wachte, daß ine I Arbeit in dem Werk auf die beste Weife verrichtet wurde. Und der kam I gerade jetzt auf einer feiner gewöhnlichen Nachtrunden in die Schmiede. 1 Das erste, was er fah, war natürlich der hochgewachfene Landstreicher, I der sich so nahe am Ofen niedergehockt hatte, daß der Dampf von feinen I durchnäßten Lumpen aufstieg. Und er warf ihm nicht nur einen gleichgültigen Blick zu wie die I Schmiede, sondern ging dicht an ihn heran und betrachtete ihn prüfend. I Und plötzlich riß er ihm den Schlapphut vom Kopse, um ihn besser | betrachten zu können und in die Augen zu sehen. „Aber das bist d» ja selbst, Niels Olof!" rief er. „Wie du aus- I siehst!" m Der mit den Mausefallen hatte den Gutsherrn von Ramsjo nie tm I Leben gesehen und wußte nicht einmal, wie er hieß. Aber er sagte sich I sofort, daß, wenn dieser feine Herr glaubte, er sei ein alter Bekannter, I er ihm vielleicht ein paar Kronen schenken würde, und darum wollte er I ihn nicht gleich aus feinem Irrtum reißen. „Ja, mit mir ist's bergab gegangen, weih Gott", sagte er. „Du hättest eben nie deinen Abschied vom Regiment nehmen sollen", I sagte der Gutsherr. „Das war der ganze Fehler. Wenn ich nur noch aktiv gewesen wär«, hätte das nie geschehen dürfen. Aber jetzt kommst du na- I türlich mit zu mir nach Hause?" Aber in den Herrenhof mitzukommen und dort als alter Regiments- 1 tamerab des Besitzers empfangen zu werden, das war nicht so recht nach I dem Geschmack des Mausefalle'nhändlers. „Aber nein, aber nein", sagte er und sah gewaltig erschrocken aus. I „Das geht nicht..." , „ , Als der ändere sah, daß er sich so zierte, begann er hellauf zu lachen. „Du darfst nicht glauben, daß es bei mir daheim so hochherrlich zugeht, daß du dich da nicht zeigen kannst", sagte er. „Elisabeth ist tot, das hast du vielleicht gehört, die Jungens sind im Ausland, und so Hausen nur 1 ich und meine älteste Tochter auf dem Herrenhof. Wir haben uns gerade darüber beklagt, daß wir in den Feiertagen so ganz allein sein werden. Komm' jetzt, dann wird wenigstens den Weihnachtsspeisen mehr Ehre I angetan werden!" Aber der Fremde sagte nein, nein, nein, und als der Gutsherr beharrte, schien er drauf und dran, die Flucht zu ergreifen. Da sah der Gutsherr, daß da nichts zu machen war. Mir scheint, Rittmeister von Stahle will heute nacht lieber bei dir bleiben, Stjörnström, als zu mir kommen", sagte er zu dem Schmiede- meister, „da muß du ihm schon Nachtlogis geben." Damit ging er, leise lachend, feiner Wege, und die Schmiede, die ihn kannten, wußten wohl, daß er noch nicht fein letztes Wort gesprochen ' Es dauerte auch nicht mehr als eine halbe Stunde, als sie das Rollen von Wagenrädern hörten und ein neuer Gast zur Tür hereinkam. Aber diesmal war es nicht der Hüttenherr selbst, der kam, sondern er hatte seine Tochter ausgesandt, offenbar in der Erwartung, daß ihre Ueber- redungskunst größer sein würde. Sie kam herein, von einem Bedienten gefolgt, der einen großen Herrenpelz trug. Sie war durchaus nicht schön, | sie sah unansehnlich und scheu aus, und ihr Blick war ernst und melancholisch. In der Schmiede sah es ungefähr so aus wie zuvor. Der Schmiedemeister und der Gehilfe saßen noch auf ihrer Bank und im Ofen knisterte und brannte es. Der Fremde hatte sich auf dem Boden ausgestreckt. Er lag da, einen Eisenklumpen unter dem Kopf, den Hut über dem Gesicht. Sowie die Gutsbesitzerstochter ihn erblickthatte, ging sie auf ihn zu und hob den Hut von feinem Gesicht. Der Mann war wohl einer von jenen, die es gewohnt sind, nur mit einem Auge zu schlafen, er war augenblicklich wach und stand sofort vor ihr. • .Ich heiße Eola Willmanson", sagte das junge Mädchen, „Mein Vater sagte, daß der Herr Rittmeister heute nacht hier in der Schmiede schlafen soll, und da bat ich ihn, hersahren und den Herrn Rittmeister mit zu uns nach Hause bringen zu dürfen. Es tut mir so leib, daß der Herr Rittmeister es so schwer hat. Mein Vater sagte, daß der Herr Rittmeister das Regiment wegen Gewissensskrupeln verlassen hat." Sie heftete ihren tiefen Blick mit mitleidiger Bewunderung auf ihn. Und der zerlumpte Kerl dachte bei sich selbst, daß wenn die feinen Herrschaften sich soviel Mühe machten, damit er zu ihnen käme, es wohl undankbar von ihm wäre, sich weiter zu spreizen. Es konnte ja ganz schön sein, einmal im Leben in einem Herrschastsbett zu schlafen. (Schluß folgt.) Anion Bruckners Weihnachksgaöe. Copyright 1930 by I.L. A. Wien. Erzählung von Robert H o h l b a u m. Als Anton Bruckner das Fräulein Mizzi Gasteigerer zum ersten Male gesehen hatte, war die Luft von Fliederduft erfüllt gewesen, des Abends hatten trunkene Schmetterlinge feine Arbeitslampe umtaumelt, und bald war das ganze Land ährenblond und blütenblau geworden, wie des Fräuleins Gasteigerer Haar und Augen. Und das war eben die Zeit gewesen, da er am Scherzo seiner neuen Symphonie schuf. Im Vorfrühling hatte er’s begonnen. Aber da wollte es nicht vorwärts. Ost war wohl mit dem rätselhaften Wind ein Motiv von ihm aufgeklungen, aber es war mit jenem ungebannt oerflattert. Ein unbestimmtes schwankendes Sehnen hatte von Bruckners Herzen Besitz ergriffen, das ihm unheimlich wurde, davor er Furcht empfand, als stamme es vom Teufel. Und öfter als sonst hatte er in diesen wankelmütigen Tagen nach dem Gebetbuch gegriffen. Das war aus schönem schwarzen Sammet, die Ecken waren mit Silber beschlagen und in der Mitte des Einbandes sunkelte gar ein goldenes Kreuz. Aber das Schönste daran war doch: es stammte von der Mutter. Manchmal, wenn er über den weichen Samt strich, war ihm, als rühre ihn eine gute Frauenhand. Das schien ihm dann oft wie ein Märchen. Denn seit die Mutter tot war, hatte niemand mehr die arbeitsharten Kanten seiner Stirne zu glätten versucht. An dem Tage aber, da er das Fräulein Mizzi Gasteigerer gesehen, war das alles anders geworden. Sein Herz pochte zwar laut und stark, aber es schwankte nicht mehr, das unbestimmte Sehnen, das den Bauernsprossen krank gemacht, wich einem recht bestimmten, wenn auch fürs erste ihm unbewußten Verlangen, und, was das Wichtigste war, davor alles andere verstummen mußte. Die Motive des Scherzos, die ihn einen ganzen Vorfrühling genarrt hatten, tarnen wieder, duckten sich demütig vor ihm wie Hunde, daß er sie fasten konnte nach feinem Willen. Und dann hüllt ihn die Arbeit ein, wie ein Aehrenraufchen und Som- merwind. Wollte sie stocken, dann faß er eine halbe Stunde neben der Mizzi Gasteigerer, sprach lustige Dinge oder schwieg und atmete ihre Nähe wie Wiesenduft. Und war dann wieder voll Schaffensglück, daß alsbald die Notenköpfe unter feinen Fingern hervorwimmelten wie Blumen aus des Herrgotts Hand. Es kam ihm gar nicht zu Sinn, daß er noch nie so wenig an den Herrgott gedacht hatte wie in diesen Tagen. Als er sein letztes, größtes Werk mit ihm begonnen, war hin und wieder, wenn er sich dem Ewigen in tiefer Demut nahe fühlte, der schwindelnd kühne Gedanke in ihm erwacht, Gott dieses Werk zu widmen, als fein getreuestes Kind. Daran dachte er jetzt kaum mehr. Ja, in Ruhepausen, die wie Augenblicke zitternder Wiesenstille in dem bewegten Windesatmen seines beglückten Schaffens ruhten, fiel es ihm manchmal ein, daß es recht schön und eigentlich nur eine Pflicht der Dankbarkeit wäre, dieses Werk dem Fräulein Mizzi Gasteigerer zu Füßen zu legen. Sein klingender Sommerwind hielt dem Herbstfall, dem ersten Sturm und Schneefall stand, und an einem stillen Abende konnte er die letzte Note des Scherzos schreiben. Er war am nächsten Morgen schon zu dem Fräulein Gasteigerer gelaufen, ihr diese Freudenbotschaft mitzuteilen; sie hatte daftir ihr stetes Lachen gehabt, das er als Zeugnis ihrer Mitfreude entgegennahm. Weil er so schön im Zuge war, wollte er allsogleich mit der Arbeit am Adagio beginnen. Er nahm seine alten Entwürfe vor, sie waren ihm fremd. Kein Widerklang in seinem Herzen, aber auch nichts ! Neues blühte daraus. Leer und still war es in ihm. Nun kehrte er wieder zu Gott zurück und betete. Aber er wuchs nicht in der Zwiesprache, er wurde klein, und Gott wich immer ferner zurück in den Sternenhimmel. Denn auch der war ihm ferne und fremd geworden. Früher oftmals hatten feine Klänge ihn aufwärts getragen, und Klang und Glanz waren eins geworden, er wußte nicht mehr, umwogte ihn die Fülle feiner Akkorde ober das Sternenmeer. Heute hastete er an der Erde wie all die Tausende um ihn. Da tarn eine seltsame Furcht über ihn. Er blickte in das Lichterspiel. Es gaukelte vor seinen Blicken, verwirrte und ängstigte ihn. Aus den Lichtgarben schnellten die Motive seines Scherzos, verschlangen sich und umtanzten ihn, verloren Rhythmus und Klang und gellten in einem Lachen aus. Das der Mizzi Gasteigerer war's. Und die Lichter waren ihre höhnischen Augen. Anton Bruckner verlöschte die Kerzen. Dunkel und Schweigen... Eiskalt kroch es aufwärts zu Bruckners Herzen; höher, höher — schnürte seine Kehle, wollte sein Auge umschatten. Mit letzter Kraft trat er ans Fenster. Ungeheuer türmte sich der Sternenhimmel. Wie oft hatte er aus ihm Kraft geholt für sein höchstes Wollen, mit ihm Zwiesprach gehalten, mit ihm, dem Mittler, der Gott zunächst war. Seine reichste Offenbarung für die Erdgebannten. Heute schwieg Gott, kalt glänzten die Sterne, ohne Halt und Maß der unendliche Raum. Warum, warum? Ungestümer wuchs die Frage des Einsamen, rüttelte an den Toren des Himmels, umfing Gottes Knie mit heißer Sehnsucht. Und nun klang die Antwort aus eisiger Ferne: Weil du mich verraten hast, weil du dein Himmlisches der Erde verkaufen wolltest! Bruckners Haupt sank nieder in tiefster Erschütterung. Wie lange hatte er Gottes Stimme nicht gehört! Gottes Stimme, die ihn gerufen hatte zu ihrem Dienst, der fein Glück und Halt gewesen im Wirrsal fremden Lebens. Diesen Dienst hatte er verlassen. Wollte er beides? Gottes Segen und der Erde Glück? Tiefer sank das schuldige Haupt, in bitterer Reue schlug das Herz. Da tönte abermals die Stimme über ihm. Schüchtern hob er das Haupt. Lauter sprach die Stimme. Aber sie war sanft. Und nun klang ein Widerhall in feinem Herzen. Klänge waren's, so machtvoll und groß, wie er sie nie gehört... Ein großer Weihnachtsbaum war der Sternenhimmel, die sammetweiche Hand der Nacht strich über Bruckners Stirn und Herz. Und unter ihm versank die kleine Erde, die nichts mehr war, als ein verwehendes Lachen im unendlichen Raum... Weihnachten deutscher Dichter. Zusammengestellt von Dr. Erich Ienisch. Frau Rat Goethe an ihren Sohn. 23. Dezember 1806. Lieber Sohn! Alles was ich Dir zu Gefallen tun kann, geschieht gern und macht mir selbst Freude — aber eine solche infame Mordmaschine zu kaufen — (eine kleine Guillotine als Spielzeug für den Enkel August) das tue ich um keinen Preis — wäre ich Obrigkeit, die Verfertiger hätten an Halseisen gemußt — und die Maschine hätte ich durch den Schinder öffentlich verbrennen lassen — was! die Jugend mit so etwas Abscheuliches spielen zu lassen — ihnen Mord und Blutvergießen als einen Zeitvertreib in die Hände geben — nein, da wird nichts draus! Aus von Hovens* Autobiographie. Weihnachten 1793. Gewöhnlich war Schiller ernst, und so betraf auch unsere Unterhaltung meistens ernste Gegenstände. Aber er konnte auch, besonders wenn er sich ganz wohl befand, heiter, lustig, ja selbst kindisch sein. Er war schon im Herbst in Ludwigsburg angekommen, und seine Frau hatte noch lange bis zu ihrer Entbindung. Aber er freute sich auf Weihnachten, als ob er schon ein Kind hätte, welchem er den heiligen Christ bescheren lassen könne. Am Weihnachtsabend kam ich zu ihm, und was sah ich da? Einen mächtig großen, von einiger Menge kleiner Wachskerzen beleuchteten und mit vergoldeten Rüssen, Psefserküchlein und allerlei kleinem Zuckerwerk aufgeputzten Weihnachtsbaum. Vor ihm faß Schiller ganz allein, den Baum mit heiter lächelnder Miene anschauend und von seinen Früchten herunternaschend. Verwundert über den unerwarteten Anblick, fragte ich, ihn, was er da mache? „Ich erinnere mich meiner Kindheit", erwiderte er, „und freue mich, die Freude meines künftigen Sohnes zu antizipieren. Der Mensch ist nur einmal in seinem Leben Kind, und er muß es bleiben, bis er seine Kindheit auf ein anderes fortgeerbt hat." Jean Paul an Karoline Mayer**. Weihnachten 1800. Ich schwimme ja in deinen Gaben, wahrlich du übertäubst mich durch deine Ströme. Ich kann dir nicht sagen, wie mich deine d i ch t e r i sch- blühende Weste — da ich allein dieses Kleidermittel st ück an mir liebe — bezaubert hat. Die neue Ober-Weste ziehe ich heute, aber als einen Ornat an, der Handschuhe verlangt — auch die neue Unterweste; die alte gehört so nicht in deine Hände... Habe tausend Dank, du Ueberfließendel Ich gab dir noch so wenig, oft hält der Mann das Fordern für Geben. Adio carrissima! Du Arbeitsame, zu sehr Fleißige für deinen Paul. Christiane an Goethe. 21. Dezember 1803. Ich schreibe dir nur mit «in paar Worten, daß ich sehr beschäftigt bin wegen Fest und backen; und wegen deiner Ankunft habe heute sehr viel eingekaust und erwarte dich Sonnabend bei Zeiten mit großem Vergnügen und Freude. Und ich hosfe, du sollst alles finden, wie du wünschest. Jtzo lebe wohl. Viele herzliche Grüße von der kleinen Brand, die den ganzen Morgen hier sitzt und näht. Lebe recht wohl und gedenke mein. C.V. Karl von Schiller über seinen Vater. Weihnachten 1804. Lebhaft erinnere ich mich des Christabends. Mein seliger Vater war gerade etwas wohler und trennte sich vor Freude von der Bescherung, * Friedrich von Hoven, ein Jugendfreund Schillers von der Karls- schule her. ** Seine Braut. • ' N namentlich hatte er eine große Freude an meiner kleinen Schwester Emilie, die ein halbes Jahr alt war und, als mein Vater sie auf den Arm nehmend um den mit vielen Lichtern brennenden Christbaum herum trug, durch ihre ausgestreckten Aermchen und Jauchzen ihre Freude darüber ausdrückte. Wer hätte damals daran gedacht, daß dies des Vaters letzter Christtag wäre. Marie Frisch* an Gottfried Keller. Wien, 17. Dezember 1875. Liebster Herr Stadtschreiber! Sie haben schon einmal die Bemerkung gemacht, daß unsere gegenseitigen Weihnachtsgeschenke immer kleiner und blässer werden; aber das hat weiter nichts zu bedeuten — nicht wahr? Ich wünsche mir heuer zum Christkinde! von Ihnen einen Brief, das können und werden Sie leisten, bei meinem Zorn! Beiliegendes Bildchen soll Ihnen zeigen, wie ich meine Zeit gut angewendet habe, wie wohl es kaum einen Begriff davon gibt, was für ein allerliebstes Kerlchen der Kleine ist. Er steht hier aus wie ein Mops, dem man den Knochen genommen hat, in Wahrheit aber gleicht er dem Jefuskindlein, wie es gewiß gewesen sein mutz an Liebreiz, Güte und Weisheit. „So was sagt jede von dem ihren" denken Sie sich... Keller an Marie Frisch. Zürich, 20. Dezember 1875. . Höchst verehrungswürdige Frau Professorin und Mama! Ich beglückwünsche Sie nachträglich noch eifrig wegen Ihres Söhnleins in der Hoffnung, es stehe noch alles gut mit demselben, die Gesundheit vortrefflich, die Schönheit unvergleichlich, die Gescheitheit über jeden Vergleich erhaben. Um aber auf dem Pfade der Tugend eine rechtzeitige Einwirkung zu erzielen und das junge Männlein zu einem männlich tüchtigen Kumpan heranbilden zu helfen, übersende ich Ihnen hiermit ein erstes Trink- geschirrchen; er wird es freilich noch nicht regieren können. Bis dahin aber müssen wir einen Notbehelf erfinden. Dazu dienen die Basler Leckerei. Sie in altem Rotwein einweichen, ein Lutschbeutel (schweizerisch: Nüggi) packen und auf diese Weise dem Sprößling ins Mäulchen stecken müssen, damit er sich an den Wein gewöhnt. Hiermit wünsche ich Euch insgesamt fröhliche Weihnacht... Storm an Keller. Hademarschen-Hanerau, 22. Dezember 1882. Da bin ich, lieber Freund, um Ihnen, so gut es durch so viel Ferne geschehen kann, zu dem mir ewig jungen Kindheitsfeste die Hand zu schütteln. Unten spielt meine Jüngste allerlei süße Melodien, und im ganzen Hause weihnachtet es sehr. Zwei Tage lang nichts als Kisten gepackt und Pakete gemacht und Weihnachtsbriefe an Alt und Jung in alle Welt gesendet; ich habe diesmal nur meine zwei Jüngsten, die Gertrud und Dodo, zu Haus, und morgen kommt aus Varel noch mein Musikus, das heißt Musiklehrer. Aber die breitästige zwölf Fuß hohe Tanne steht schon im großen Zimmer, an den letzten Abenden ist fleißige Hausarbeit gehalten: der goldene Märchenzweig, dito die Traubenbüschel des Erlensamens und große Fichtenzapfen, an denen diesmal lebensgroße Kreuzschnäbel von Papiermache sich anklammern werden, während zwei desgleichen Rotkehlchen neben ihrem Nest mit Eiern im Tannengrün sitzen, feine, weiße Netze, deren Inhalt sorgsam in Gold- und andere nach Lichtfarben gewählte Papiere gewickelt ist, alles liegt parat, und morgen helfe ich den Baum schmücken. — Wenn dann aber am Weihnachtsabend die Lichter brennen und die Kinder ihr Weihnachtslied anstimmen, dann überfällt's mich doch: Wo sind sie alle, die sich einst mit mir gefreut? Antwort: wo auch ich bald sein werde. Und das Geschick deiner Lieben? — Ein ewiges Dunkel für dich. Eiserne Weihnachten. Von Walther Harich. Nein, nie wieder habe ich den Weihnachtszauber so gespürt wie in den ersten Kriegsjahren. Das ist nun ein Dutzend Jahre und länger her, und doch steht einem jeder einzelne Augenblick jener Tage noch deutlich vor Augen. Mit allem ist es so. Der Krieg ist doch der große Einschnitt in unser aller Leben. Aus jener Zeit weiß man alles, und dann kommt das große Kuddelmuddel der Nachkriegsjahre, mit dem man es nicht mehr so genau nimmt. Wenn man damals gewußt hätte, daß man noch einmal, noch dreimal und vielleicht fünfzigmal durch friedliche Weihimchtsstratzen gehen würde, mit strahlenden Christbäumen und vielen, vielen schonen Dingen, und in Ruhe seine Weihnachtsgans verzehren würde, und keine Ordonnanz darf ins Zimmer treten und schnarren: „In einer halben Stunde steht die Batterie marschbereit ..." Und kein eiserner Gruß kommt von jenseits des Grabens mit Heulen und Geschmetter herüber. Und wenn man das Fenster aufmacht, hört man nur Glockenläuten und nicht das Gebell der Maschinengewehre und nicht das Tack—tack der Infanterie, und man sieht Frauen in schönen Kleidern und spielende Kinder. Wenn man das alles gewußt hätte, dann — hätte man noch immer nicht gewußt, daß „das alles lange, lange nicht so schön ist, wie wir es damals träumten, daß die Wirklichkeit im Leben nie so schön sein kann wie der Traum. Damals aber waren wir über alle Wirklichkeit hinaus, schon jenseits der Grenzen, und die Wirklichkeit, nach der wir uns bangten, gab es gar nicht. Es hätte sie wohl geben können und sogar geben müssen. Doch davon später! Im allgemeinen war es so: Einmal kamen wir damals in einem polnischen Schloß zu liegen, in seidenen Betten und — konnten die ganze Nacht nicht schlafen, wälzten uns und bangten uns nach unseren verdreckten Decken. Das war unser Verhältnis zum friedlichen Leben und seinen seidenen Betten damals. Wir Idioten! * Marie Exner, später Gemahlin des Professors Anton von Frisch in Wien, mit dem Dichter befreundet. Wenige Tage vor Weihnachten 1914 waren wir über Lodz — o blutige Tage von Brzeziny! — zur Rawka vorgestoßen. Damals gerade erstarrte der Bewegungskrieg in den Schützengräben. Aber wir wußten es noch nicht, glaubten uns noch immer in Bewegung. Fuhren jeden Morgen vor Hell gleit mit der Batterie in unsere Feuerstellung und fuhren abends bei Dunkelheit wieder zurück in unser sog. Quartier, was ein zusammengeschossenes Dorf hinter der Front war. Erst später lernten wir, uns diesen mühseligen Weg ersparen, und blieben gleich vorne wohnen. Am Tage vor Weihnachten kam schon allerhand Weihnachtspost an. Mein Gott, was schrieb man damals für Briefe! Wie in der seligen Zeit der Romantik war es. Drei, vier Briefe am Tag war gar nichts. Mit allen Menschen korrespondierte man, hauptsächlich mit hübschen Mädchen, die damals überhaupt keinen anderen Dasemszweck zu haben schienen, als mit uns draußen Briefe zu wechseln. Es war ihr Beruf, Briefe zu schicken und womöglich Bilder beizufügen. Am Nachmittag wußten wir, daß heute Heiligabend sein wird. Zum Unglück lag das Weihnachtsfest der Russen anderthalb Wochen später. Wir trauten ihnen nicht, ob sie uns nicht mit Gegenangriffen ärgern würden, aber in unserem Abschnitt verhielten sie sich Gott sei Dank ruhig und vernünftig. Einige tausend Mütter, Frauen, Bräute weniger brauchten sich die Augen auszuweinen, oder sie kamen doch erst später an die Reihe. Wir lagen hinter den weißbeschneiten Hügeln, zwischen Haubitzen und Geschoßkörben, und lasen Briefe. Unser Hauptmann war von einigen Tagen am Bein verwundet worden. Aber er trennte sich nicht von der Batterie, sondern lag hinten in einem Dorfe, um sich auszukurieren, und humpelte manchmal an einem Stock durch die Quartiere. Im allgemeinen fanden wir diese Besuche ziemlich lästig. Aber heute, wußten wir, bereitete er uns hinten ein Weihnachtsfest vor, hatte schon eine alte Scheune gefunden und ausgeschmückt. Tannenbäume brauchte man nicht erst beim Händler zu kaufen. Man ging mit der Axt in den Wald und hatte genug. Heute würden wir wirklich etwas von unserem humpelnden Hauptmann haben. Wir freuten uns schon darauf. Freuten uns? Aber das war so fern. Weihnachten im Felde, das war ein so ungewohnter, fast literarisch gewordener Klang- Na schließlich, dachten wir, weshalb soll man nicht auch einmal ein Weihnachtsfest im Felde erleben? Hätten wir gewußt, daß es noch drei Weihnachtsfeste im Felde geben würde, wir hätten es erstens nicht geglaubt und zweckens uns alle aufgehängt. Ich glaube wirklich, wir hätten uns alle, ohne viel zu sprechen, aufgehängt. Am Nachmittag kam unser Regimentskommandeur mit einem General an unsere Feuerstellung. Sie kannten mich beide noch vom Frieden her persönlich und forderten mich auf, mit ihnen nach vorn auf die Beobachtung zu gehen. Die Infanterie hatte in den Mittagsstunden die Hälfte eines großen, langgestreckten Dorfes gestürmt. Das Dorf befchrieb einen Halbkreis, lag wie eine Mondsichel im weißen Felde. Die eine Hälfte des Halbkreises war in unserer Hand, in der anderen Hälfte lagen noch die Russen. Die Häuser waren ziemlich zusammengeschossen. Es war ein ungemütliches Quartier, aber unsere Leute und auch die Russen mußten sich schließlich hier für die Nacht einrichten. Dazu brauchte man in erster Linie Stroh. Ohne Stroh hatte der ganze Krieg nämlich keinen Zweck. Aber woher Stroh nehmen? Da lag eine riesenhafte Stroh- ober Getreidemiete (Getreide war uns damals ja fast ebenso lieb wie Stroh!) mitten im Felde, zwischen den beiden Flügeln des langgestreckten Dorfes, gleich weck von uns und den Russen. Dieses Stroh brauchien wir, und die Russen brauchten es auch. Schließlich war Weihnachten. Vielleicht vertrauten die paar kühnen Infanteristen darauf, die sich erst langsam über das weiße Feld als schwarze Scherenschnitte vorwagten, halb gedeckt durch den riesigen Strohhaufen. Der Russe hätte sie einfach abschießen können, aber er schoß sie nicht ab, sondern auch von russischer Seite kamen jetzt einige besonders Kühne über das Feld geschlichen, halb gedeckt durch den großen Hausen, und dann zog sich langsam von beiden Seiten je ein schwarzer Strich hin zu der Miete, und die Leute hatten nicht einmal ihre Gewehre mitgenommen, sondern gingen unbewaffnet, um desto mehr Stroh raffen zu können, und andere gingen, fast in wandelnde Strohhaufen verwandelt, auf dem schwarzen Strich wieder zurück, um die köstliche Beute zu bergen. Immer breiter wurde dieser schwarze Strich, immer kleiner die Miete. Wir sahen beklommen zu. Noch brauchten sich die Feinde gegenseitig nicht zu bemerken. Natürlich bemerkten sie sich, aber sie brauchten es nicht. Wie aber, wenn der Häufe zusammenschmolz und sie sich ins Gesicht sahen? „Das Weiße des Auges" sagt man vom Feinde. Und der Haufen schmolz zusammen und von beiden Seiten rafften noch immer die Leute für ihres gebrechlichen und gefährdeten Körpers Notdurft, für ein weiches ober nur trockenes Lager wenigstens in der Weihnacht. Und nun war von dem ganzen großen Haufen nichts mehr übrig. Noch immer taten die gegenseitigen Feinde, als ob sie sich nicht sähen, obwohl sie schon ohne Verhau und überhaupt irgendein Hindernis unmittelbar neben einander arbeiteten. Jetzt mußte eine Katastrophe kommen. Im nächsten Augenblick mußten Kugeln zischen, Verwundete aufschreien. Ein Deutscher raffte gerade einem Russen noch vor der Nase den letzten Arm voll fort. Und der, ein riesiger Kerl, holte aus und versetzte dem eilenden Deutschen einen Tritt in den Rücken (damals hieß der untere Rücken noch anders), fo daß er einige Schritte im Laufschritt zurücklegte. Und dann — es war schon dunkler geworden — zuckelten die letzten Schatten von dem einstmaligen Haufen fort und verschwanden zwischen den ein« geschneiten Hütten, und das eingefchlasene Tack—tack der Flinten lebte wieder auf, und die schweren Brummer zogen wieder wie Schwäne hoch in der Luft ihre Plätscherbahn. Aber es war doch eine Art, eine sehr blasse und kränkliche Art von Weihnachtsstimmung in dem umtnmpften Dorfe gewesen, und wir alle, die wir dcm schmelzenden Strohhaufen zu- schauten, hatten sie empfunden, und die schwarzen Scherenschnitte der Dcrstichen und Russen hatten aus sie sogar vertraut. Eine Stunde später bekam ich den Auftrag, von der Batterie ins „Quartier", ober was wir so nannten, zurückzureiten, um irgend etwas Verantwortlich: L>r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl auszurichten, und ich ritt mit meinem Burschen durch den sinkenden Abend und die steigende Nacht. Ich besinne mich noch genau, daß ich meinen hohen ostpreußischen Schimmel, den „Schiachtesel", ritt, und mein Bursche mein zweites Pferd, einen kleinen dunklen Panse, den Purr- Hengst". Nach diesen beiden Pferden teile ich heute noch die Menschen ''Schl°chtesel und „Purrhengste" ein. Die Schlachtesel sind die großen, stattllchen, stolzen Menschen, die „Purrhengste" die freundlich molligen. Die Schlachtesel machen mehr her im Leben, aber die Purrhengste sind die Netteren. Wir ritten den verschneiten Weg entlang, zwischen den verkrüppelten Weidenbaumen, durch die elenden Stümpfe der Dörfer und Gutshofe die nur noch van Katzen und Hunden bewohnt waren. Und nun kam'das erste Dorf, das noch einigermaßen erhalten war und wo es sogar noch Einwohner gab, die sich mit den Soldaten in den kärglichen Raum teilen mußten. Man hatte schon das Fest im Herzen, und die erhaltenen Briefe rumorten wieder im Kopfe. Die heißen Wünsche stiegen auf, die aus der Heimat zu uns strömten und von uns zur Heimat. Tannenbäume mit Sidjtern blinkten durch die Fenster. Hier feierte der kleine Trupp der Feldküchenfahrer in einem Zimmer, und hier lag eine kleine ver- schneite Feldtelephonstation und hatte den Lichterbaum in der Ecke stehen. Wie auf weihnachtlichen Kitschkarten flutete schweres gelbes Licht unter weißbelasteten Dächern hervor. Mundharmonikas spielten die alten kind- ließen Lieder von dem Christkind und dem Weihnachtsmann und dem trauten hochheiligen Paar. Dazwischen ging die ganze schwere unbarmherzige Maschine des Krieges weiter. Meldereiter trabten über die sieglosen Wege, Kolonnen geisterten mit nickenden Pferdeköpfen vorüber, Stäbe kamen nach vorn geritten und verschwanden in der Dunkelheit. Dazu fiel es noch immer in großen weichen Flocken hernieder wie himmlischer Segen, aus liebenden Händen hernieder gestreut. Unser Hauptmann hatte eine alte leere Scheune als Festsaal her- gerichtet. Nie wieder im Leden habe ich solche Pracht gesehen. Gibt es sonst noch so hohe Hallen, daß sich die Blicke oben in Rauchschwaden verlieren? Daß trotz einiger hundert brennender Kerzen noch ganze Ecken im Dunkel liegen wie unheimliche Tiere? Dazu die Pracht der langen Tafeln, aus Brettern am Nachm.ttag zusammengeschlagen, und die Nägel wird man nachher wieder sorglich herausziehen, weil sie kostbares Gut sind. Wir geben sie nicht für goldene Nägel her. Und auf diesen Tafeln sind für 180 Menschen Geschenke gerichtet. Damals strömte es noch aus der Heimat von Wein- und Kognakkisten, von Schokolade und Pulswärmern und wollenen Hemden. Und ein riesiger Hausen von Post liegt da, die nachher verteilt werden wird. Hei, was hat die Heimat zu diesem ersten Weihnachtsfest im Felde allein an Post hinausgeschickt. Es war, als hätte ein Organisator angeordnet: „Rasch, rasch! Für zehn Millionen Soldaten brauche ich 60 Millionen Briefe und womöglich Päckchen, und mindestens zwanzig Millionen Liebesbriefe!" Und sie waren beschafft worden. Es war, als hätte die Heimat gesagt: „Wenn nun schon einmal der Krieg über das Fest hinaus dauert, bann sollen unsere Helben draußen nicht darben!" Ach, wenn sie gewußt hätten, daß es nun noch dreimal wiederkommen würde, und fast noch viertesmal wieder. Aber damals wußte es niemand auf der ganzen Welt. Man konnte es sich nicht vorstellen. Ein paar hunderttausend Menschen und mal ein Weihnachts- feft mußte freilich dem Moloch, der immer wieder von Zeit zu Zeit fein Maul aufreißt, schon opfern. Ader gleich viereinhalb Jahre und zehn Millionen Tote? Niemand konnte es glauben. Sie hatten geschickt und geschickt. Was alles hatten sie geschickt. Viel zuviel! Was lag noch wochenlang nachher alles an Wollsachen herum, die man nicht gleich gebrauchen und nicht mitschleppen konnte! Und doch viel zu wenig, um den Qualschrei für den einen Abend zu ersticken. Da standen wir alle herum, die ganze Batterie, und der Hauptmann las aus einer Bibel — Gott weiß, wo er die her hatte! — das Weihnachtsevangelium vor. Konnte es möglich fein, daß dieser Krieg nun noch weiter ging? Wo doch der Hauptmann in voller Uniform und mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust vorlas: „Und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!" Wir standen herum und hörten zu, und als die frohe Botschaft erklang von dem Frie- den auf Erden, da fingen w!r alle an zu meinen, ob jung ober a(L Und wir mußten doch nicht im geringsten, was uns alles noch bevorstand in Mazedonien und an der Beresina und in Flandern und bet Verdun und am Chemin des Dames. Wenn mir aber mieber einmal Frieden haben werden, fo schwuren wir uns, dann soll das eine Seligkeit und eine Liede aller für alle geben. Dann sollen böse Gedanken und Wünsche keinen Raum mehr in unseren Herzen haben. Dann werden wir mild und beglückt sein und uns allein schon darüber freuen, daß niemand uns bas Dach über dem Kops ober den Unterstand zerschießen kann. Denn mir wissen jetzt, baß der Mensch eine armselige Kreatur ist und jeder allein schon deswegen geliebt werden müßte, weil er in dieses schwere Erdenschicksal verfangen ist. So schwuren mir uns. Ach Freunde! bann ist es alles anders gekommen. Was verstanden wir draußen denn eigentlich schon vom Leben und seinen Gesetzen. Ja, von den ewigen Gesetzen des Lebens und des Todes, da verstanden mir freilich ein wenig. Aber alles andere hatten mir ja vergessen, und alles andere verstanden die, die zuhause geblieben waren, viel besser als wir. Wir hatten keine Zeit gehabt, unsere Gedanken in Wirtschaftsordnungen und politische Programme umzugießen. Wir dachten nicht daran, daß man zunächst einmal eine Arbeitsstelle mit auskömmlichem Gehalt haben müsse. Und als mir zurückkamen, waren wir auch schon viel zu müde, und viel zu viele von uns waren tot, und so mußten wir erst langsam das Leben, dieses geordnete und in Kategorien etngeteilte Leben, wieder verstehen lernen, was nicht ganz leicht war, und so verflog das heilige Feuer, und das Leben wurde nicht ganz so selig, wie wir es uns damals erträumt hatten. Das ist sehr schade, denn unser. Traum war über alle Begriffe herrlich, und es läge nur an uns, ihn ein wenig wirklicher zu machen. Und jedes Jahr unter dem Tannenbaum sollten wir es uns von neuem vornehmen. 'fche Univerjitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.