■erfyfne le kdife lle i)ai, LaiNkgi ar. Gin n feiet; »tsftift« Dingen gegeben ingehch hin, in h ein (o GiehenerKmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zwanzig Kaisers, Es hieß "ps de; Jahrgang 1950 Freitag, den V). September Nummer 12 verstand che nicht Dor ihrer nennt, ier peift; nchesmch htnis an sieht bei ien leicht lisch, wir ibsenschen Um Mitternacht. Von Eduard M ö r i k e. Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand, Ihr Auge sieht die goldne Waage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn; Und kecker rauschen die Quellen hervor. Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr auch fein r hob et t Meister Lieben;; Vom Tage Vom heute gewesenen Tage. Das uralt alte Schlummerlied, an, und ch ausge; Bon einer von Kon; llS Aich; auf dem lerbrojien, al worbe; :en zeigte, herrschnng vom Sieg wurde et eben sich Sie achtet's nicht, sie ist es müd': Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, Der flücht'gen Stunden gleichgeschwung'nes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es singen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage Vom heute gewesenen Tage. Begegnung mit Hans Carossa. Von Dr. Paul Appel. ■iefien. r christlich irurf) nach je(en sein )U wissen, schon iw; geschmei- bliiht um r Kaiserin >iese Fron icholijchen ber haben ls geistige leifet, dnis Ins stand. I ltsam et= Ligsburger Apolitischen litt [eint» lusrechntt, I Reiche» Le Stande Mngemachi I 'Schiller Ilsohn, i® I jft? Ein I sie altern Ier jungen Miet war lelsjäW I 5rau f« Inuen und Kutter et; ■ denn bei ■ Männer^ ■hatte, «"l ■nen M' Inn W’ Mlarl seirr K Uhren, Ivan Ber- |lon sein I erzäM ■icngefi»)' Ken, übv Vor geraumer Zeit las Hans C a r o s f a im Frankfurter Sender. Da ich schon länger den Wunsch hatte, ihn zu sehen und zu sprechen, schrieb ich ihm rasch und bat um eine kurze Unterredung. Er sagte mir liebenswürdig zu. Als ich im Senderaum ankam, hatte die Vorlesung schon begonnen, ober ich konnte in einem Nebenraum, der mit Lautsprecher versehen war, mithüren. Carossa las aus dem Rumänischen Kriegstagebuch und brachte zu Eingang die Geschichte von dem sterbenden Kätzchen. Der Stoff war mir Nicht neu: um so besser konnte ich die Wiedergabe aufnehmen. Ich hörte eine mitteltiese Stimme, die die Sätze in der gleichen ruhigen und glücklichen Ordnung wiedergab, wie ich es beim Lesen empfunden hatte. Es war, als mischte sich in die Rückerinnerung Carossas der Wunsch, 1* gelebten Dinge von neuem zu ordnen, um damit zu bezeugen, baß er ihren Inhalt glaubte. Carossa las nur kurz, nach der Kätzchengeschichte noch Marschnotizen, einsetzend mit dem 1. Dezember 1916, sechs Druckseiten voll wundersamer Bildhaftigkeit, die man immer erwähnen müssen wird, wenn man von spezifischer Schönheit in der neueren Literatur spricht. Der diensttuende Herr wies mich bann nach bem Senderaum. Carossa war gerade im Gespräch mit zwei Damen und einem Herrn, anscheinend Bekannten, die ihn hergeleitet hatten. Er kam heraus, und gleich nach der Begrüfeung fand ich mich, nur wenig unsicher, in einer Atmosphäre von Offenherzigkeit und Entgegenkommen, das so gar nicht akzentuiert war. Das Neutrale dabei war so wohltuend. Man merkt, dafe Carossa Arzt ist, daß er gewohnt ist, anzuhören und schon mit seinem Blick zu raten und zu unterstützen: freilich: das Jn- sichgekehrtsein des Künstlers gibt er dabei wohl nie ganz auf. lieber sein Gesicht im besonderen etwas zu sagen, ist nicht leicht. Die Photographien, die ich vorher kannte, hinterließen mir einen zwiespältigen Eindruck. Ich sah wohl das Arbeitssame, Forschende und Grübelnde einer größeren und ernsten Individualität, auch das Schönheitsheiße und Cchänheitsstarke des großen Künstlers, aber das Lächeln, daß diese Charakterteile im Gesicht in Beziehung hielt, erschien mir abgelöst, eigen* wadjtig, mehr von agressiver Ironie Durchdrungen, als daß es der Widerschein eines einfachen Wissens und einer einfachen Hingabe war. Ach kann diese Meinung, die an sich schon sporadisch und jugendlich war, Wjn nicht mehr aufrechterhalten. Das Gesicht, das ich wirklich vor mir Iw), war schön und reich nur von diesem tragischen Wissen her, das ich gezweifelt hatte. Jede Art von Aufbegehren, Selbstbefriedigung und -utasfenglücf der Seele, die sich früher in diesen Zügen gestritten haben Wechten, auch früherer Jubel, früherer Schmerz, all das Unkontrollierte einer Expansion, die einmal nötig war: all dies war zurückgenommen , ® eingeordnet in eine wissende Mütterlichkeit des Ausdrucks. Ja, so m-u ?rt unb männlich der ganze Kopf zvirkt: sein tiefstes Signum ist lutlerlich. Der ältere Goethe, auch Gerhart Hauptmann zeigen einen ^verwandten Habitus, und man könnte schließen, daß bei Künstlern, Art es ist, das Weltbild nicht nur in rauschhafter Eingebung zu nh«? en' s°"dern ordnend in wissenschaftlicher Art zu durchdringen, der Mbognomische Ausdruck von Heller, selbstbeladener Jünglingsart allmäh- w ZU dienendem, in gewissem Sinn mütterlichen Wesen herüberwechselt. Carossa hatte mir nur eine Viertelstunde zugesagt. Nun bat mich eine der Damen, in deren Haus Carossa Gastfreundschaft genoß, für den Abend in ihr Heim. Bis zum Abendbrot — es war noch eine knappe Stunde —, konnte ich nun mit Carossa in den dunklen Straßen schlendern. Ich sagte ihm, was jeder Jüngere dem Aelteren, den er verehren gelernt hat, sagt. Daß seine Bücher Freunde in Oberhessen hätten, freute ihn. Wir sprachen nichts Spezielles, das das Künstlerische anging. Ich fühlte mich, wie ich mich einem älteren Anverwandten meiner Familie gegenüber fühle und nahm ihn ungewollt zum Beichtiger. Wir gingen zwischen den Menschen hin und her, und er hörte mir zu. Später kaufte er für die Kinderchen seiner Gastgeberin ein paar Süßigkeiten. Ich meinte dabei, wie reich und ungebrochen frisch die Same wirke; da fugte er: ja, die ist noch fromm. Solche Sammelschätze sind ihm auch in seinen Büchern eigen. Hier in dem Fall meinte er: die feine, feste Gestalt, ihr blondes Haar dazu, ihre Gesinnung, das Bewußtsein, sich Grenzen ziehen zu müssen und es zu können, dann ihre Jungmutterart, die die Mädchenart noch transparent durchliefe: das zusammen war „fromm". Am Abend nach Tisch wurde mehr über Literatur gesprochen, und ich hatte Gelegenheit, sein Wesen in lockerer Form zu sehen. Und ich merkte: wie sein Gesicht, trotz der sensiblen Verwandlungen, die sich darin vollzogen, die Norm von innerem Wissen nie weit verließ, so waren auch seine Aeußerungen gestimmt. Nichts Forciertes, nichts Manisches, das sich mit dem Gesprochenen identifizierte. Er hatte Abstand, und er rechnete nur mit dem Kreatürlichen, das er als Arzt und Künstler kannte. Und an dem Maß, mit dem er das Kreatürliche unaufdringlich beschützte, erkannte man, wie weitgehend er sich ihm unterworfen hatte. Die Produktionssucht unserer Zeit erscheint ihm erzwungen. Er könne nicht verstehen, daß man so rasch und in überraschenden Quantitäten schreibe. Er gab dem täglichen Leben das Prae: wenn man Arzt ist, Hut man nicht soviel Zeit übrig. Ab geriegelt, selbst gegen radikalste Erscheinungen, war er aber gar nicht. Deutlich suchte er das Beständige dabei heraus. Von sich selber meinte er: wenn Sie mich doch auch einmal recht durchschimpsen wollten! Mir erschien diese Aeußerung von einer starken Hintergründigkeit. Ich wußte ja, daß man ihn teilweise sehr verehrt, und meinte nun zu erkennen, daß er sich wehrte, menschlich und künstlerisch zu exemplarisch rund genommen zu werden. Eindeutige Verehrung, vielleicht noch stark enthusiastisch gegeben, beweist ja, daß der Verehrer von dem dämonischen Kampf um innere Existenz zu wenig Wissen hat. Carossas Kämpfen und Schaffen kann überhaupt, trotz größter Achtung seiner Leistung, leicht zu niedrig angesetzt werden, weil er sich grundsätzlich von vielen Künstlern unterscheidet. Er bedient sich als Künstler kaum der bedrohlichen Elemente seiner Psyche, geschweige, daß er ihnen zur Verarbeitung in ihr pathologisches Reich folgt. Täte er's, so wäre ein stoffliches Plus vorhanden, ähnlich wie bei Franz Werfel ober Karl Hofer etwa. Das ist aber nicht seine Art: der Arzt, der Wissenschaftler und der Erzieher in ihm schützen ihn vor ängstlicher oder schwelgerischer Ambition. So sieht er denn die menschliche Feindschaft dieses Untergründigen, und weil er es als existent anerkennt, läfet er es abfließen. Das gibt seinen Büchern die kategorische Beschränkung, aber mit dem Zusatz, daß das Kategorische durchdrungen ist mit Vertrauen. Auch in dem Bruchstück aus einem weltlichen Mysterium („Der alte Taschenspieler", „Kunstwort", Januar 1930) ist diese Mischung von Eigen- imperativ und Vertrauen gegeben. Carossa las es uns vor, mit derselben Zurückhaltung wie im Radio, und in der Stimme wieder mit dem gleichen heimlichen Drang zur Reinigung und Rechtfertigung vor sich selbst. Wer aber dächte, daß sich dabei ein Berbrängungsmoment nach bem Dünnblütigen ober gar Asketischen hin eingeschlichen hätte, ber irrt. Die Sprache biefer Verse ist voll, blumig, ruhig unb finnenb in einem, ber Rhythmus fast voll von einer Ueberluft an Wandlung. Nach der Vorlesung verabschiedete ich mich. Wollte ich eben, wo ich mir die drei Stunden Zusammenseins vergegenwärtigt habe, einen Strich unter Carossas künstlerische Existenz ziehen, so könnte ich ihm im ersten Drang einen verlöndlichten Goethe nennen. Doch ein solcher Vergleich und Aphorismus ist zu knapp und daher unrichtig. Es gibt keinen Goethe redivivus. Aber eines ist ihnen ähnlich gegeben: sie erziehen sich selbst in vorbildlichem Maß. Und sie müssen es. Der 28jährige Carossa hat geschrieben: Nicht in ödesten Gründen ' Bist du allein. Schau nur ins Graue hinein. Bald wird sich ein Blick an dem deinen entzünden. Und der 52jährige schreibt heute: Ja, du strebst in dem Sinn, dem ich einzig huldige, Daß aus Täuschungen endlich ein Wahres entspringt. Das Schwert. Don Hans Carossa. Diese Erzählung, ein nachzutragendes Kapitel der „Kindheit" von Carossa, ist dem „Jnselschiff" von Weihnachten 1928 entnommen. Es kamen jetzt öfters wieder Kinder zu Besuch, darunter auch jener schüchterne blonde Mitschüler, der uns nach dem Wettrennen zum heiligen Kriege wider die Knaben der Nachbardörser aufgerufen hatte. Eva mochte ihm von meinem Weihnachtskrippchen erzählt haben, und wenn er nun beinah täglich erschien, so galt dies sichtlich weniger mir als meinem für mich abgetanen Werk. Bor diesem stand er oft betrachtend bis zur Abenddämmerung, und nach und nach entdeckte er alle Einzelheiten und bewunderte sie. Einmal ging er in den Wald und fammelte seltene Moose, farbige Kiesel und leere Schneckenhäuschen, damit ich den Boden, der schon unscheinbar wurde, wiederherstellen könnte. Dies unterließ ich aber, und er selbst wagte nichts zu berühren, obgleich man ihm ansah, wie er mit eigenem Sinn im ganzen lebte und gern dies oder jenes zurechtgerückt hätte. „Eigentlich gehört noch ein Brunnen mit wirklichem Wasser hinein und ganz hinten ein feuerspeiender Berg", äußerte er einmal seufzend, und ich gab ihm recht; er aber hatte wohl mehr als meine bloße Zustimmung erwartet, einsilbig verließ er mich und blieb einen ganzen Tag aus. Als er am übernächsten wiederkam, trug er einen hübschen Säbel an der Seite, dem er aber keinen sonderlichen Wert beizulegen schien; wenigstens redete er von ganz anderen Sachen, und als ich endlich ungeduldig die Waffe näher zu sehen wünschte, erzählte er, sein Vater habe sie im Jahre 70 von einem französischen Offizier erbeutet und ihm zum Nikolaus geschenkt. Viel habe man ihm schon dafür geboten, unter anderem ein ganzes Briefmarkenalbum, aber um keinen Preis der Welt gebe er den Säbel her. Er zeigte den fein gearbeiteten Korbgriff, zog die Scheide ab, gab ihn mir in die Hand, bemerkte, daß ich sehr nobel damit aussähe, und vertraute mir an, daß drunten in unferm Hof ein Schleifstein stünde, daran habe er schon manchmal heimlich die Klinge geschärft, sie schneide wie Gift. Meine Faust hatte kaum den Griff umfchloffen, da ging es wie mit dem Zauberstab: eine Kraft fuhr aus dem Stahl in mich hinein, zugleich eine unendliche Lust, ihn zu zücken und zu schwingen, und ich mußte mich für das unglücklichste Wesen erklären, falls er mir wieder abge- nommen wurde. Der Besitzer sah mir schweigend zu; endlich ließ er mich die Klinge ans Licht halten, sah sich ängstlich um und fragte, ob uns niemand zuhöre. „Da und da und da ist noch Franzofenblut daran", flüsterte er und verzog, leicht schielend, seine sanfte Miene zum Ausdruck unmenschlichen Grauens, während er auf einige bräunliche Stellen wies, die wahrscheinlich. nur harmlose Rostflecken waren, wie denn das zierliche Säbelchen kaum jemals zum Kampf gedient haben mochte. Ich aber glaubte gerne, und die Schauer, die mich nun überliefen, verminderten keineswegs meine Begierde. Plötzlich, mit einem festen Blick, warf er die Maske ab: „Weiht du was? Gib mir das Kripperl, und ich laß dir den Säbel!" Diese unverhvsfte Wunscherfüllung hatte etwas Bedrängendes; ich glaubte mir Bedenkzeit ausbitten zu müssen. Dennach kam der Tausch in wenigen Minuten zustande, und nie glaubte ich einen besseren gemacht zu haben. Den selbstgefertigten kleinen Teufel nur schloß ich noch eilig von dem Handel aus, als der Blonde schon abzubauen begann; ich sagte, der gehöre nicht herein, riß ihn von seinem granitenen Sitz und steckte ihn in die Tasche. -Von diesem Tage an war das Schwert mein Gefährte. Ich schlug einen Nagel in die Bettstatt und hängte es immer vor dem Einschlafen daran, damit ich es am Morgen gleich erfassen konnte. Die Macht- und Wutgefühle, die mich tief durchfluteten, sooft ich es mit allen Kräften schwang, wurden zum süßesten Rauschgift, von dem ich täglich größerer Mengen bedurfte. Ich wünschte mir einen Gegner, und weil keiner zur Hand war, ersann ich feindliche Gewalten, verlieh ihnen Tier- ober Menschengestalt und hieb sie in Stücke. Sonst versöhnlich und lenkbar, suchte ich nunmehr bei Uneinigkeiten mit meinen Besuchern den gütlichen Austrag zu vermeiden, um Gewalt brauchen zu können, woran mich nur die Hausaufsicht hinderte. Bevor aber dieses Fieber zum Siedegrad stieg, schuf es sich selbst eine schmerzhafte Heilung. Wieder einmal befand ich mich allein im Zimmer und köpfte mit wilden Schwüngen viele Feinde, als eben die Mutter, von mir nicht bemerkt, hereinkam. Ehe ich sie halb erblickte, war das Unglück schon geschehen; Blut lief über ihre Hand und befprengte den Boden. Es half nichts, daß ich den Säbel wegwarf und mich schreiend an die Verwundete klammerte, als wäre nicht sie, sondern ich der Hilfe bedürftig; ich erreichte damit nur, daß ich mich selbst mit Blut besudelte und zum ganzen Bewußtsein meiner Missetat brachte. Die Mutter sah bleich aus und fragte, was mir fehle; sie hatte den Vorgang noch nicht begriffen. Hingegen überblickte der Vater, den mein Geschrei herbeirief, die Lage sogleich. Er prüfte die Verletzungen der Finger und führte die Mutter, ohne mich anzusehen, in sein Verordnungszimmer. Ich wurde, als ich folgen wollte, zurückgewiesen. So stand ich denn, fast ohne Gedanken, aber voller Vorwürfe gegen Gottes Unachtsamkeit, der dieses zugelassen hatte. Zwar machten mir die Wunden wenig Sorge; Blutungen aus angestoßener Rase oder geschundenen Knien und Händen gehörten ja zu den Alltäglichkeiten meines freien Lebens in gefunden Tagen; ich wußte, wie schnell dergleichen heilt und wie wenig es die Daseinslust mindert. Furchtbar aber war es dennoch, die eigene Mutter, ob auch nur versehentlich, mit vernichterisch gezückter Waffe getroffen ju haben; die Welt hatte kaum Entschuldigung dafür. Und wenn ich auch nicht ernstlich glaubte, daß mir nach meinem Tode nun die Hand aus dem Grabe hervorwachsen roüriie, j» war es doch peinlich genug, sich jetzt an die schaurige Fabel erinnern zu müssen. Glänzend im Sonnenschein lag neben den Blutstropfen der blanke Stahl auf der Diele, prächtig und fremd; ich sah ein, daß er nicht mehr zu mir gehörte.'Endlich, mit schrecklich weiß vermummter Hand, nach Jodoform duftend, kehrte die Mutter zurück; sie sagte, die Wunde fei gering, der Vater schon besänftigt. Er hatte jedoch sein strengstes Gesicht, als er nachkam. „Her den Säbel!" zürnte er mich an. Ich hob die Waffe auf und überreichte sie ihm, wobei ich mich, wer weiß, aus welcher Geschichtenbuch-Erinnerung heraus, ein wenig verbeugte, was er nicht zu bemerken schien; doch nahm ich gerade noch wahr, daß die Mutter sich schnell zum Fenster drehte, um ein Lächeln zu verbergen. Sie beruhigte mich auch bald wegen zeitlicher und ewiger Folgen des Unfalls; nur wäre sie sich als untüchtige Erzieherin vorgekommen, wenn sie nicht auch dieses Ereignis zum Anlaß genommen hätte, eine., neue Art Beschäftigung für mich zu erfinden. Diese war entsprechend; ich sollte beim nächsten Verbinden der Wunde genau zusehen und es künftig selbst versuchen. Dies geschah, und schon mein erster Verband erwarb sich ein väterliches Lob. Später half Eva mit, und jetzt wurde der Verbandwechsel 3um vergnüglich-festlichen Ereignis eines jeden Abends. Viel zu rasch für uns beide verlief die Heilung, und als an den mütterlichen Fingern wirklich nichts mehr zu bessern war, wickelte ich der Freundin zum Scherz ihr gesunde Hand ein, ein Dienst, den sie mir gerne wieder erwies. Die Mutter, die alles begünstigte, was nach Unterricht aussah, ermunterte uns kräftig, diese Hebungen fortzusetzen, und wir führten sie täglich umständlicher und zärtlicher aus. Eine große, vielleicht ewige Trennung stand uns bevor; niemand sprach davon, aber die Lust um uns war voll von diesem Unabwendbaren, und unwillkürlich begegnete man sich anders als sonst, gedachte auch manches törichten Unrechts, das man einander angetan. Daß ich Eva einmal mit dem Zauberstab geschlagen, sie auch sonst nicht selten erschreckt und geänftigt hatte, dies alles war ja verjährt und verschmerzt; es gab aber auch noch anderes, ganz Heimliches, das abzubitten war. Wie oft, wenn die Augenlider der zarten Gespielin wieder einmal entzündlich gerötet waren, hatte ich sie gehaßt und verflucht, nur weil mich der Anblick dieses Uebels jedesmal so heftig angriff, daß mir wie von zerschnittenen Zwiebeln die eigenen Augen übergingen! Dies und Aehnliches lebte wieder auf; das ganze Wesen drängte zu tätiger Reue, und Eva war viel zu lebensvoll, um nichts davon zu spüren. Wenn wir uns also nun wechselseitig mit immer neuen, dem Vater entwendeten Gazestreifen bald eine Hand, bald einen Fuß, bald Stirn und Augen weih umbanden, so hatte das jedesmal einen besonderen sehr innigen Sinn von Buhe, Verzeihung, Hingabe. Mir war schließlich der ganze Tag nur noch eine Vorfreude auf dieses schweigsame, in Form eines Verbandkurses ablaufende Zwiegespräch, in welchem wir uns immer Größeres zu sagen suchten. Friedrich List. Von Lic. Dr. phil. Heinrich Adolph. (Nachdruck verboten.) Zu dem Buch von K. A. M e i h i n g e r: „Friedrich List, der tragische Deutsch e". Mit acht Bildtascln. 334 S. Paul List Verlag, Leipzig 1930. 5,50 Mark geheftet, 6,50 Mark kartoniert, 8,50 Mark Leinen. (235) Eine der großen Gestalten der deutschen Geschichte, die aus den Dämmerungen halben Vergessenseins wieder in das Scheinwerferlicht einer neuen Liebe und neuen Erkenntnis treten, ist Friedrich Lift. Dieser geniale Mensch gehört zu den prophetischen Naturen und insofern in eine Reihe mit den erlesensten Geistern unserer Nation, mit dem jungen Goethe, Hölderlin, Kleist, Nietzsche. Er ist ein ekstatischer Geist, gespeist mit einer aus der Tiefe seines Wesens immer wieder neu heraufquellenden Lebenssülle, ein Mensch mit Schauungen und Gesichten, der Besessene einer Idee. Eine Sonderstellung nimmt er insofern ein, als er nicht wie der religiöse Ekstatiker vom Unbedingten ergriffen ist, auch nicht wie der Künstler die ihn bedrängende Macht in ästhetischen Gestaltungen zu entladen sucht, sondern technische, wirtschaftliche, national-politische Visionen hat, für deren Verwirklichung er sich einsetzt, für die er fein bürgerliches Dasein, das Ruheglück seiner Familie, sich selbst opfert. Es ist immer das Los der Propheten gewesen, mit der Ordnung um sie her zusarnrnenzustoßen; sie können der Gegenwart nicht genug tun, weil sie einem Zukünftigen verhaftet sind; he leben einem Werdenden, das sie beherrscht und in seinem Dienst verbraucht. So ist auch List, der weithin wirkende Gedanken über den Ausbau und die Ordnung einer deutschen Wirtschastswelt gedacht hat, durch dessen Anstöße ungeheuere Kapitalströme entfesselt worden sinch m seinem Privatleben stets irgendwie zu kurz gekommen und in schseh, ihn zerrüttende Verhältnisse hineingeraten. Nach raschem jugendlichen Aufstieg, der ihn aus den Schreibstuben württembergischer Aemter auf einen nationalökonomischen Katheder der Universität Tübingen suyn, stößt er mit der reaktionären Regierung zusammen und gibt sein Professur auf. Als liberaler Abgeordneter seiner Vaterstadt Reutungen wird er wegen Verächtlichmachung der bestehenden Staatsform verhaftet und wie so mancher schwäbische Kopf von Rang auf den Hoyen- afperg gebracht, aus dessen Festungsmauern ihn die Auswanderung na - Amerika befreit. Dort versucht er sich als Landwirt und Redakteur, i ■” ihn ein Glücksfall eine geldträchtige Kohlenmine entdecken läßt, als v" Großaktionär er zunächst aller materiellen Sorgen ledig ist. ^ber duldet ihn trotz aller bürgerlichen Wohlanfehlichkeit nicht lange in ., Heimat feiner Wahl. Mit unwiderstehlicher Kraft wird er nach Demi - land, dem schicksalhaften Schauplatz feines Wirkens zurückgenssen, die Kette feiner Leiden neu beginnt. Er setzt sich mit unglaumy Energie und instinktsicherem Blick für größte und bedeutsamste Zum i aufgaben ein, streut nach allen Seiten befruchtende Anregungen » findet Beachtung, Ehre, Anerkennung, nur kein Amt und kein gerat n I wirtschc stein H einem Gipfelst Deutsche den enc llnzulöi Frie ökonom Schriste maßen Worten der die Widerst abstrakt er zwis Wirtsch- twkrästk bracht i Weise a tiger al Arbeitsl Haltung abhäng« schützten ration I Menschs glühende die rom heil zus Aber Dämon gestalten jollö hat er Kraft fi scheidend standen, Linie. I die Erki Eisenbak !°lle, land voi Schaffen auf dem erreichen Reden, s bereitet : Einheit, Blut vet angesicht unseren die Bork hat List und dun Dami Umrissen, muß zur üchkeit z seiner L faltigen geschichtli Dasein i dieses Le höltnisse nach der bolische bringen, kreisen (i Substanz gewachst sondern und jeini oerftänbr Deutung °r dem ®enius . Der Ater kein war »orousge lung hat 6o liegt Soltsbud Platz aus Der I d« „schm frosten! ’0s seine Dem °ß der lidie An, gerät nach dem Zusammenbruch seines amerikanischen Unternehmens in wirtschaftliche Not und legt in einem Zustand der Erschöpfung bei Kuf- üein Hand an sich — zwei Jahre vor der Revolution von 1848, die [einem Leben vielleicht den größten Impuls gegeben und ihn auf neue Gipfelhöhen geführt hätte. So wird er mit Recht als der tragische Deutsche bezeichnet. An dem Widerspruch zwischen seiner Sendung und den engen Verhältnissen des vormärzlichen Deutschland, sowie an gewissen Unzulänglichkeiten seiner eigenen Natur ist er zugrunde gegangen. Friedrich List nimmt eine bedeutsame Stellung in der nationalökonomischen Wissenschaft ein. Seine Gedanken hat er in zahlreichen Schriften niedergelegt und zuletzt im „Nationalen System" einigermaßen erschöpfend zusammengefaßt. Wir können hier nur mit ein paar Worten auf sie Hinweisen. List ist der große Gegner von Adam Smith, der die sog. liberale Wirtschaftstheorie begründet hat. Im bewußten Widerspruch zu dieser Schulrichtung, die nach der Weise der Aufklärung abftratte weltbürgerliche Wirtschaftszusammenhänge konstruierte, schiebt er zwischen Individuum und Menschheit die Nation als entscheidenden Wirtschaftsträger ein. Es kommt alles darauf an, daß sämtliche Produktivkräfte des nationalen Organismus entfaltet und in Gleichgewicht gebracht werden, daß z. B. Industrie und Landwirtschaft in der rechten Weise ausgeglichen und auf das gemeinsame Ganze bezogen sind. Wichtiger als der Besitz von Tauschwerten ist die Steigerung der produktiven Arbeitskräfte eines Volkes, die letzten Endes auch von dessen geistiger Haltung, von seiner Verfassung und seinen kulturellen Einrichtungen abhängen. So wächst vor Lists Auge das Bild eines nach außen hin geschützten, im Inneren reichgegliederten und sich organisch durch die Generation hindurch entfaltenden, nationalen Wirtschaftskörpers empor. Das Menschheitsganze hat List darüber nicht vergessen. Er ist bei allem glühenden Patriotismus immer auch Weltbürger geblieben. So schließt er die romantischen und liberalen Bestrebungen seiner Zeit in höherer Einheit zusammen. Aber List ist niemals bloß Theoretiker und Gelehrter gewesen. Sein Dämon treibt ihn zur schöpferischen Tat. Er will Bahn brechen, wirken, gestalten. Er ist einer der frühsten Und wirksamsten Agitatoren des Zollvereins. Der Arbeit für die werdende Zolleinheit des Reichs hat er seine Professur geopfert. Später kämpft er mit hinreißender Kraft für den Ausbau des deutschen Eisenbahnnetzes. Die entscheidende Linie von Leipzig nach Dresden ist auf fein Betreiben entstanden, ebenso die Bahn von Mannheim nach Basel und die Thüringer Linie. In immer neuen Veröffentlichungen sucht er dem deutschen Volk die Erkenntnis von der schlechthin revolutionierenden Bedeutung der Eisenbahn als Transportmittel einzuhämmern. Er kämpft für Schutzzölle, um die englische Wirtschaftssuprematie zu brechen und Deutschland vom Ausland unabhängig zu machen. Im Hintergrund all seines Schassens aber steht der Gedanke an die deutsche Einheit, die er auf dem Wege der technischen und wirtschaftlichen Zusammenfassung zu erreichen sucht. Er sieht, daß das Reich nicht durch Schützenfeste und Reden, sondern nur durch das Geflecht wirtschaftlicher Verbindungen vorbereitet werden könne. Insofern ist er ganz Realist wie Bismarck, der die Einheit, die List durch die Eisenbahnen anbahnen wollte, mit Eisen und Blut verwirklichte. In ihm waren alle die Gedanken lebendig, die heute angesichts des Wunschbildes „Paneuropa" auffteigen. So wie viele in unseren Tagen in der technischen und wirtschaftlichen Wechselbeziehung die Vorbedingung für die „Vereinigten Staaten von Europa" sehen, so Hai List die deutsche Einheit organisieren wollen. Insofern ist er durch Und durch „modern". Damit ist die Wesensgestalt Lists nur mit den allerknappsten Zügen umrissen. Wer sie in ihrer vollen Gewalt und Fülle kennenlernen will, muß zum Buche selbst greifen, das feinen Helden mit stärkster Eindringlichkeit zu uns sprechen läßt. Im Vordergrund steht das Menschliche mit (einer Liebenswürdigkeit, seinem Schwung und leider auch seinem vielfältigen Versagen. Aber es wird überall transparent für die geistes- gkschichtlichen Hintergründe, für die Sinnzusammenhänge, die in diesem Dasein nach Ausdruck verlangten, für die schicksalhafte Notwendigkeit dieses Lebens. Daß dabei helle Schlaglichter auf die gegenwärtigen Verhältnisse fallen und Wegweisungen für die Zukunft gegeben werden, ist "ach dem Gesagten selbstverständlich. Das Buch bemüht sich, die symbolische Führergestalt Friedrich Lists dem deutschen Volke näherzubringen, es will den großen Namen, der bis jetzt doch nur in Fach- Wen lebendig war, dem Bewußtsein der Nation einverleiben und die Cubstanz seines Lebens fruchtbar machen. Dieser Ausgabe zeigt es sich gewachsen, weil es nicht nur auf eindringlicher Sachkenntnis beruht, (ondern aus teilnehmender Liebe geboren ist. Zwischen dem Verfasser Md seinem großen Gegenstand besteht ein geheimes Band inneren Einverständnisses. Vielleicht ist die Darstellung manchmal zu intim und die Deutung zu persönlich. Doch wäre selbst dieser Fehler ein Vorzug, da er dem Buch auf alle Fälle eine große Suggestionskraft verleiht. Der Lenins Lists wird machtvoll beschworen. Er tritt uns körperhaft nah. Der Atem seines Wesens weht uns an. Mit bloß wissenschaftlichen Mit- lcln war dieser Eindruck nicht zu erzielen. Die gelehrte Arbeit ist überall vorausgegangen, aber ihre Spuren sind getilgt. Die Kraft der Darstel- ^"8 hat den Stoff auf eine selten erreichte literarische Höhe gehoben. । hier ein Werk von Rang vor, das alle Eigenschaften hat, ein "lksduch im edelsten Sinne des Wortes zu werden. Es wird sich seinen Mtz aus dem Bücherbrett der Gebildeten erobern. d Der bekannte, mit amerikanischer Großzügigkeit arbeitende Verlag, JiVr-tt on. manchen Großen dem Zeitbewußtsein durch hervorragende eoifentlichungen nahegebracht hat, hat nach Ausstattung und Preis s eine getan, um für das Buch eine machtvolle Resonanz zu wecken. IhAs °mhmmischen Leserkreise ist vielleicht die Nachricht von Wert, n6B j)Crr Verfasser selbst geborener Gießener ist und feine wissenschast- i?ein£e, bis jetzt reifste Schöpfung dar und läßt fein fchrift- i‘euenfd)es Pro^l scharf heraustreten. Dunkle Blätter. Aus dem Taschenbuch eines deutschen Ingenieurs. Von Max E y th. (Fortsetzung.) Was mich auch in den schwersten Tagen munter hielt, war Halim Pascha, der mit der Lebhaftigkeit feines arabischen Blutes das ganz« große Getriebe in Bewegung gesetzt hatte. Man sah ihm an, daß er nur halb Türke war. Manchmal lag wohl ein Zug melancholischen Phlegmas und selbst finsteren Stolzes in seinem dunkeln Gesicht, den er von seinem Vater geerbt haben mochte, dem genialen, rücksichtslosen Despoten, der das heutige Aegypten geschaffen hat. Seine Mutter aber war arabischen Blutes: ein Beduinenmädchen, das der Pascha auf einem Ritt von Suez nach Kairo am Wüstenrande gesehen und mitgenommen hatte. Die Fürstin lebte noch, in dem blauen Palast von Schudra, an der Spitze von Halim Paschas Harim: eine kluge Frau, die trotz der Harimsmauern Erfahrungen aller Art hinter sich hatte und auch am Hofe des regierenden Vizekönigs Ismael, des nachmaligen ersten Khedive, als die allein noch lebende Frau des G.rllnders der Familie und als die Mutter eines künftigen Vizekönigs mit hoher Achtung behandelt wurde. Damals dachte noch niemand außer dem Vizekönig Ismael daran, daß sein Onkel das Recht auf den Thron Aegyptens verlieren werde; am wenigsten Halim selbst, der mit ruhelosem Eifer an der inneren Entwicklung des Landes arbeitete, das er als Halbaraber, mehr als irgendein andres Mitglied der vizeköniglichen Familie das feine, als sein Vaterland ansah. Kassr-Schech war der Mittelpunkt des größten Distriks, den er besaß. Derselbe mochte dreißigtausend Hektar umfassen, auf denen sich gegen zwanzig Fellahdörfer und Weiler befanden. Obgleich ein glänzendes Stück des Deltas, war er nicht ohne Nachteile. Er lag abseits vom Wege und nicht einmal an einem der Hauptarme des Nils. Während des Hochwasserstandes des Stromes führte der sechzig Kilometer lange Kanal von Kafsr- Schech dem Bezirk das erforderliche Wasser zu. Von Februar bis August dagegen lag dieser Kanal trocken. Die nördliche Grenze des Gebiets, die, nur acht Kilometer von Kassr-S'chech entfernt, von Ost nach West läuft, bildeten die Sümpfe des Sees von Burlos, dessen brackige Wasser da und dort aus dem Boden drangen und weite Strecken in eine Salzwüste zu verwandeln drohten, wenn das Nilwasser fehlte, um sie auszulaugen. So kam es, daß der Gau bisher ziemlich vernachlässigt geblieben war und nahezu alles erst geschossen werden muhte, um das großartige Besitztum der Kultur, wie wir sie verstehen, zugänglich zu machen. Im vorigen Jahr hotte ich unter beträchtlichen Schwierigkeiten drei Dampfpflüge an verschiedenen Punkten der Gegend in Tätigkeit gesetzt. Eine Baumwoll- entkörungssabrik war im Bau begriffen, eine Reparaturwerkstätte war aufgestellt. Man überlegte sich die erforderliche Vertiefung des Kanals von Kassr-Schech, eine Trambahn oder die Einrichtung eines Straften« lokomotivverkehrs noch der nächsten Bahnstation, der sechzig Kilometer entfernten Stadt Tanta. Doch das waren Zukunftspläne, wie sie damals zu Dutzenden in der Luft lagen, wo sich Halim Pascha zeigte. Es ist nun Zeit, zur Gegenwart zurückzukehren. Ms die Dämmerung hereinbrach und wir etwa fünfzig Kilometer hinter uns hatten, war mirs, ich gestehe es, nur noch halb wohl im Sattel. Doch die Häusergruppe von > Kassr-Schech und nicht weit davon der hohe Scherbenhügel, den man Sackra nannte, lagen endlich purpurfarbig am verbleichenden Abendhimmel. Wie mir Achmed sagte, hatten Halim und fein Gefolge, einen Kilometer vom Dorf entfernt, am Fuß des Hügels ein kleines Zeltlager aufgeschlagen. Dort konnte ich jedoch auf keine Unterkunft rechnen, da ich kein Zelt bei mir führte. Wir wendeten uns deshalb nach dem Dorf, das in tiefer Nacht erreicht wurde. Es war still wie eine Gräberstadt, als wir vor dem einzigen einstöckigen Hause, der Wohnung des Schech et Beleb, anlangten. Nur draußen vor dem Dorfe bellten die wilden Hunde mit unermüdlichem Eifer zu dem Mond hinauf oder den Schakals entgegen, die einen zweiten magischen Kreis um jede Wohnstätte des Deltas ziehen. Abu-Sa und Achmed begannen zu rufen, was sämtliche Hunde mit maßlosem Zorn erfüllte, während der Schech und seine Familie im süßen Gefühl ungestörter Ruhe weiterschliefen. Nach einiger Zeit schickte ich Abu-Sa, verstärkt durch den Koch, der von seinem Kamel heruntergeklettert war, nach der Rückseite des Hauses, wo sie mit frischem Mut ihr Duett anstimmten, während ich und Achmed von der Vorderseite das unharmonische Bombardement der schweigenden Festung sortsetzten. Und wirklich, unsre gemeinsamen Anstrengungen blieben nicht erfolglos. Nach einer Viertelstunde, während deren sich die zwei Kamele und der Esel bereits im schwarzen Schatten des Hauses zur Nachtruhe niedergelegt hatten, öffnete sich ein kleiner Holzladen im oberen Stockwerk; ein Kopf, in schwarzblaue Schleier gehüllt, zeigte sich mit großer Vorsicht und wollte wissen, ob jemand gerufen hohe. Achmed begann in gereiztem Tone auseinanderzufetzen, daß der Baschmahandi des Efftndini* mit Roß und Reisigen vor der Tür stehe und eine Stube haben müsse, um seine müden Glieder auszustrecken. „Baschmahandi" war mein Ehren- und Amtstitel, heißt Erster Ingenieur, Mechaniker, Müller und allgemeiner „Macher" und wirkte gewöhnlich genügend, um mir jede Haustür zu öffnen. Aber der erboste Mameluck war nicht halb zu Ende, als sich der kleine Laden lautlos wieder schloß und wir der regungslosen, kahlen, mondbeglänzten Hausfront aufs neue hilflos gegenü6erftanben. „Weiterschreien!" kommandierte Achmed ohne Aerger. Es schien alles völlig in Ordnung zu sein. Wir schrieen, und die Hunde, die jetzt schüchtern in das Dorf hereinkamen, um nachzusehen, wer zu nachtschlafender Zeit diesen ungebührlichen Lärm verursache, halfen uns mit ohrenbetäubendem Gebell. Unsre Ausdauer fand ihren Lohn. Nach weniger als einer weiteren Viertelstunde öffnete sich die kleine enge Haustüre gespenstisch, wie von selbst, und nach weiteren fünf Minuten trat ein würdiger Greis in weißem Talar und grünem Turban heraus und hieß uns freundlich willkommen. Achmed erwiderte den Willkomm etwas brüsk, ich machte den „Tejmineh", * Effendi war einer der Titel des Vizekönigs und der Prinzen des vizeköniglichen Hause?. 8en arabischen Gruß, bei dem man mit der rechten Hand zierlich nach dem Baden greift und sie dann auf die Brust und auf die Stirn legt, mit gebührendem Anstand. Dann wurde aufs neu« parlamentiert. Der würdige Greis erklärte: fein Haus fei mein Haus. Mein Eintritt möge gesegnet sein. Nur möchte ich mich noch ein wenig gedulden. Denn die Wohnung sei nur klein, und er sei arm, wie sich beides für einen Schech el Beled gezieme. Man sei im Begriff, das schönste Zimmer für mich auszuräumen. Und schon kam auch ein kleiner pechschwarzer Diener aus der gespenstischen Tür heraus, bracht« Kaffee und breitet« eine Matte auf den Boden, auf der Platz zu nehmen mich der Schech mit feierlich gütiger Handbewegung einlud. Die Verhältnisse begannen sich ein wenig aufzuh«itern. Wir tranken den etwas zweifelhaften, aber heißen Mokka und lebten fühlbar auf. Herauf bestieg Achmed sein Pferd wieder, um nach Halim Paschas Lager zu reiten, und überließ mich und meine Leute unserm Schicksal. Der Schech ergriff nach einiger Zeit meine Hand und führte mich mit der ihm eignen Feierlichkeit nach meinem Schlafgemach. Dann entfernte auch er sich, unverständliche Worte murmelnd, als ob er mich und sich segnete. „Selbst ist der Mann!" dacht« ich mit etwas wehmütiger Betonung, indem ich mich in dem fensterlosen, völlig leeren Rauin umsah, der für mich in der Tat gründlich ausgeräumt worden war. Doch Abu-Sa und der Koch hatten mein Bett rasch aufgeschlagen. Tee wollte ich keinen mehr machen lassen; ein Stück Brot von unnatürlicher Trockenheit, ein paar Scheibchen der rasch auseinandergepackten Salami und zwei Sardinen beschlossen die ernstere Arbeit des Tages. Es war halb elf Uhr und mehr als Schlafenszeit. Halbangekleidet warf ich Mich auf das will- koinmen« Feldbett. Die Nacht fei Schweigen — mit ihrer dumpfen, schwülen Luft in dem Lehmkasten, den mir das Verhängnis zur Wohnung angewiesen hatte, dem durchdringenden Geruch halbgebrannter Ziegel aus Stroh und Nilerde, dem unablässigen Hundegebell, den Moskitos und den Tausenden jener kleinen Freunde des Menschen, die mich freudehüpfend empfingen und unermüdlich festliche Tänze um mich her aufführten. So müde ich war, packte mich manchmal wilde körperliche Verzweiflung, so daß ich oufstand und im mondbeglänzten Hofe «in Viertelstündchen spazieren ging, hilfesuchend zum herrlichen St«rnenhimmel emporblickte, horchte, wie die Hunde weiterbellten, bald zu dritt, bald zu zehn, bald einzeln, und dann wieder, wie auf ein Zeichen, zu fünfzig auf einmal, und zusah, wie der stille Mond langsam, allzu langsam über den Gipfel der Syko- more weazog. Es war mir dabei fast ein Trost, wenn ich von Zeit zu Zeit über Abu-Sa oder den Koch stolperte, die, in Pferdedecken eingehüllt, wie glückliche, unförmig« Massen am Boden lagen und ihren steinharten Schlaf schliefen. Zum Umsinken müde und mit dem festen Vorsatz, ihrem Beispiel zu folgen, auch wenn ich bei lebendigem Leibe gefressen werden sollte, kehrte ich dann für die nächste halbe Stunde in meine Marterkammer zurück. Poeten, die ich kenne, heißen dies mit schwellendem Busen und tief atmend „orientalische Nächte" und dichten volltönende Sonette zu ihr«m Preis! Doch auch diese Nacht hatte ihr Ende. Der Mond versank im Westen wie eine rotglühende Masse geschmolzenen Stahls, und wie ein« hundertmal glühendere Feuerkugel stieg nach kurzer Zeit die Sonne im Osten auf und schoß ihr schimmerndes Licht über die Welt, die fetzt still geworden war, still und glücklich. Denn das entsetzliche Nachtgesindel war eingeschlafen, und der frische Morgenwind, der von der nahen See her wehte, trieb die schweren Dünste der Finsternis lachend vor sich her. Sackra. Hundert Schritte vor seinem Lager erblickte ich ein« Stunde später Halim Pascha, der mir, nur von seinem ständigen Adjutanten Rames Bey begleitet, entgegengeritten kam: ein kleiner, wohlgebauter, sehniger Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, kaum brauner als ein Neapolitaner, mit regelmäßigen, nicht unschönen Zügen und durchdringenden schwarzen Augen, die in ruhigen Augenblicken schwermütig dreinsehen, aber auch ein gewinnendes Lächeln wiederspiegeln konnten. Gewöhnlich drückten sie nervöse Energie aus, was den raschen, unerwarteten Bewegungen des Körpers wohl entsprach. Er ritt einen Rappen, eine Seltenheit bei arabischen Pferden, der seine Last mit sichtlichem Stolze trug, und faß nachlässig im Sattel, wie wenn er auf Pferden zu Haufe wäre. Ich sah ihn zum erstenmal halbtürkisch gekleidet. Die Tracht stand ihm vortrefflich. Er verstand es, den weißen wallenden Mantel auch zu Pferde in einer Weise zu tragen, die jeden Künstler erfreut hätte, und die bunte Kufie, die er um den Tarbusch gewunden hatte, flatterte lustig im Morgenwind. Pferd und Reiter waren fast ein Bild aus dem vorigen Jahrhundert. Das war der Tfcherkesie, der ihm folgte, völlig: ein großer, prächtig gebauter Mann in goldgestickter, grüner, enganliegender Jacke, mit einer roten Schärpe um den Leib, aus der ein mit Edelsteinen besetzter Dolchhandgriff hervorsah. Grün waren auch sein« weiten türkischen Beinkleider, die in prächtigen Falten über die Seiten seines weißen Pferdes herabfielen. Wie der Pascha hatte er ein« bunt« seiden« Kufie über dem Kopf, di« das Gesicht malerisch umrahmt und die ganze Gestalt eigentümlich belebt. Seine blonden Haare waren kurz geschnitten. Di« allzu regelmäßigen Gesichtszüge hätten etwas statuenartig Totes gehabt, wenn nicht zwei dunkelblaue Augen sie eigentümlich belebt hätten. Es fehlten ihm nur die Waffen zu einer prächtigen Gestalt der alten Zeit, in d?r die Mamelucken Könige waren. Doch war alles, was er trug, das elfenbeinern« Zigarettenetui Halims, das während jedes Gesprächs alle drei Minuten in Tätigkeit trat. „Schön, daß Sie hier sind, Herr Cyth", rief mir der Pascha entgegen, „und schad», daß Sie bei dem Schech geschlafen haben. Ich hatte Ihnen ein Zelt neben dem meinen aufschlagen lassen. Achmed ist ein Dummkopf." „Geschlafen habe ich bei dem Schech eigentlich nicht, Hoheit. Doch qino die Nacht auch so vorüber", antwortete ich mit dem sauersüßen Lächeln mit dem man sich kaum überstandener Qualen erinnert. „Aha!" lachte Halim, „Sie sind noch immer nicht an unsre arabische,, Nacht« gewöhnt. Warten Sie, bis Sie tausendundeine hinter sich haben Dann können Sie etwas erzählen." Er drehte fein Pferd. „Gehen wir hinauf!" fuhr er fort. „Ich werde Ihnen den Platz zeiqen Wir können arbeiten, ehe es zu warm wird." In wenigen Minuten waren wir am Fuße des Hügels und stiegen ab. Es war ein riesiger Schutthaufen aus Erde, Scherben, Ziegelsteinen und tausendjährigen Knochen, alles halb zusammengebacken zu einen, schwarzbraunen Konglomerat, in dessen Ritzen und Vertiefungen sich der feine Sand der Wüste, den der Wind hergeweht hatte, in weißen Ader,, und Knollen ablagert«. An einzelnen Stellen lagen Stücke abgebrochener Säulenschäft« oder eine halbzertrümmerte ionische Schnecke, die davon erzählte, daß hier einmal Griechen gehaust hatten. Tiefer im Innern des mächtigen, sechzig Fuß hohen Trümmerhaufens hätte man wohl auch Spuren des alten Aegypten finden können, das an den Ufern des fischreichen Burlossees blühende Städte gebaut hatte. Nicht ohne einig« Mühe in dem losen, zurückweichenden Schutt erreichten wir die Kant« des kleinen Plateaus, aber der Aufstieg, wie Baedeker zu sagen pflegt, war lohnend. Selbst eine Erhöhung von zwanzig Metern kann in einem Landstrich wie der zu unfern Füßen einen Berggipfel vorstellen. So weit das Auge nach Süden, Osten und Westen reicht, bietet sich ihm eine grünblühende Fläche dar: grüner Klee, grüne Baumwollstauden in langen, regelmäßigen Linien, grüner, sprossender Weizen, grüner Mais und da und dort kleine Fleckchen grellgrünen Zuckerrohrs; Grün in allen Tönen, die Gelb, Braun, Rot und Blau in Grün legen können. Dazwischen Dutzende von Fellahdörfchen mit ihren dunkeln Baumgruppen und den kleinen weißschimmernden Minaretts. Da und dort eine Minne Rauchsäule, die kerzengerade gen Himmel steigt, da und dort, solange die Entfernung für das Auge nicht zu groß ist, eine Gruppe von Büffeln, eine Herde von Rindern oder Ziegen, einzelne Esel, spärliche Kamele. Das ganze ist zerschnitten von den dunkleren, nur da und dort ausblitzen- den Linien der Kanäle oder von natürlichen Wasserläufen, unter denen die alte große Nilfurche der Sebenitischen Mündung kaum mehr zu erkennen ist. Der unruhige Strom hat im Laufe der Jahrtausende andre Wege nach dem Meer gefunden. Gegen Norden geht der Ton der ßanb= schäft in Braun und Blau über. Das Schilf und die Sumpflachen Ms Burlossees mit dem tausendfachen Leben feiner Fische und Wasservögel liegen dort, ungestörter, als sie es vor zweitausend Jahren gewesen sein mögen. Denn dieser ganze Landstrich ist vereinsamt und vergessen. Das Leben unsrer Zeit hat sich nach Westen gezogen und blüht in Alexandrien, oder wanderte nach Osten, wo damals di« ersten Hütten der Ingenieure von Port Said und Suez aufgeschlagen wurden. Aber trotzdem war es ein königliches Bild unter dem wolkenlosen Himmelsdom, der sein feuriges Blau über das ganje Rund spannte; und der reine Morgenwind, der den kräftigenden Seegeruch noch nicht ganz verloren hatte, füllte die Brust mit einem Gefühl unvernünftigen, wohligen Stolzes. „Das gehört uns!" dachte ich, wahrseinlich angesteckt von der Nähe Halims, der mit etwas mehr Berechtigung sicherlich dasselbe dachte. Derartige lautlose Gedankenübertragungen kann man in dieser stillen Welt zwischen zwei Wüsten öfter beobachten als in unfern lärmenden Kulturstätten des Westens. „Und das soll nicht umsonst uns gehören!" dachte er weiter. Man sah es deutlich in seinen Augen, während ich halblaut nachbetet«: „Nein, das soll nicht umsonst uns gehören!" wie wenn ein arabischer Ginn! ober ein altgriechischer Dämon mir di« Worte vorgesprochen und mich gezwungen hätte, zu reden. Vielleicht war die schlaflose Nacht ein wenig dabei beteiligt. Halim sah mich etwas verwundert an, schüttelte lächelnd den Kopf und sagte dann laut: „Was sagen Sie dazu? Hier will ich mein Schlößchen haben. Dort drüben" — er wies nach Norden — „sind Tausende von Enten und Schnepfen, und Pelikane und Flamingos, und Millionen von Fische«. Ich werde die Fischerei Ihrer alten Freunde, der Griechen, wieder aufnehmen. Von hier sehe ich meine Baumwolle, so weit man sehen kann, und ein Dutzend Entkörnungsfabriken, und fünfzig von Ihren Dampf- pflügen statt der drei, die jetzt dort unten puffen! — Für ein gutes Fundament soll sofort gesorgt werden. Das Schloß herbeizuschaffen und Wasser und einen kleinen Garten, das ist alles Ihre Sache, Herr Eyth! Wissen Sie was? Wir wollen das ganze ohne Verzug ausstecken, daß Leben in die Geschichte kommt. Morgen soll der Schech von Kassr Leute schicken, die Fundamentgräben auszuheben. — Hast du ein Bandmaß hier, Rames?" Rames Bey griff ohne das geringste Erstaunen über diese, wie mir schien, unerwartete Frage in feine grünen Hosen und brachte das verlangte Bandmaß zum Vorschein. „Aber, Hoheit", wandte ich ein, „wir brauchen hierzu Me Zeichnung, zum mindesten den Grundriß des Gebäudes. Ohne Me richtigen Maß« können wir nichts ausstecken." „Was!" rief er mit einem scharfen Zucken in dem dunkler werdenden Gesicht. „Sie haben den Grundriß nicht hier?" Er war sichtlich unangenehm berührt. „Aber ich konnte unmöglich wissen, Hoheit", antwortete ich, ebenfalls nicht sehr vergnügt, „als ich wegen der großen Pumpe nach.Terrains ging, daß ich die Zeichnung des Jagdschlosses, die feit Wochen in Thema liegt, hier in Kassr-Schech brauchen würde!" Er hörte mich kaum an. „Rames, das Jagdschloß!" sagt« er scharf 3“ seinem Tscherkessen. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS ThyrioK — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitälS^Buch- und Steindruckerei. Ti. 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