SiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang {930 Zreitag, den {8. Juli Nummer 55 Clara Viebig. Zu ihrem 70. Geburtstage. Von Hans Sturm. Vor siebenzig Jahren wurde Clara Viebig, die heute zu den bekanntesten Erzählerinnen gehört, als Tochter eines protestantischen Psarrers in Trier geboren und war schon als Kind eigenwillig und eigenstrebig. Das schöne Wort „Freiheit ist der Zweck des Zwanges" galt damals, wenigstens in der Erziehung, noch nichts, und so ist es nicht verwunderlich, wenn das junge Mädchen nicht selten mit ihrer strengen Mutter in Mißhelligkeiten geriet. In einem ihrer ersten Romane, den „Dilettanten des Lebens", der vie leigenes Erleben spiegelt, sagt die Dichterin von ihrer Mutter: „Wir waren oft uneins; sie gehörte noch ganz zum alten Schlag, sie hatte noch keine Ohren für den damals lauter und lauter werdenden Ruf der Jugend nach eigenen Rechten; für sie gab es noch kein Recht der Kinder, nur ein Recht der Eltern, nämlich das Recht, ihre Kinder ganz dem eigenen Geschmack, den eigenen Ideen ffach zu erziehen. Es kam mir hart an, meine Wünsche und mein Wollen über Bord zu werfen: Die Mutter war die Stärkere, ich habe mich allezeit beugen müssen. In dieser zarten Frau steckte eine Kraft, eine Un- beugsamkeit, deren eiserner Disziplin sich die große Tochter einfach fügen mußte. Erst in reiferen Jahren habe ich erkannt, was ich dieser seltenen brau zu danken habe." Dieses Bekenntnis gipfelt in dem Satz: „Meiner Kutter verdanke ich letzten Endes alles!" und wirft helles Licht auf den lunftlerifchen Entwicklungsgang der Dichterin. Besonders bedeutsam für ihr heute in nahezu dreißig Bänden vor- uegendes Lebenswerk sind ihre Jugendjahre geworden, die sie teils in Trier und in Düsseldorf, teils in Posen, der elterlichen Heimat, verlebte, ^iach einem aufgegebenen Musikstudium begann sie mit etwa vierund- «reißig Jahren ihre ersten Geschichten zu schreiben, deren Motive sie aus Mer nächsten Heimat, der Eifel, nahm. Mit diesem Buche und mit dem bald darauf erschienenen Roman „R h e i n l a n d s t ö ch t e r" *, der ebenfalls in der Eifel spielt, hat Clara Viebig nicht nur ihren Ruhm als Erzählerin begründet, sondern sich gleichzeitig auch das Verdienst er- morben, die Eifel, jenes bis dahin kaum gekannte, aber um so mehr ge- mmahte westdeutsche Bergland in seiner einzigartigen Schönheit er« wollen zu haben. Mit seltener Eindringlichkeit formt sie die herben Reize Landschaft mit ihren Maaren und weiten Ginsterhalden: „... im Wrlld. — Die Wipfel der hohen Tannen stehen in Glut ge- Ä - m'e goldene Tränen sickert Harz am Stamm nieder; auf dem rJV“ber' der sich unter den breiten Behängen durch smaragdgrünes ein re-K än0elt- kühlste Dämmerung. Eidechsen huschen über den Weg, lulst mit klugen Augen vom Ast. Kein Menschenlaut, kein die b?au$' auch kein Vogellied; Singvögel sind selten im Eifelland, nur ..^äfyer mit leuchtend hellblauen Flügelbinden jagen ein« r mit mißtönendem Schrei um die Stämme. rne große Einsamkeit! f)unh«,K"Le.ni3105 scheint der Kunowald ... Buchen, Eichen, Tannen, viel- rhahnge! Bäume, nichts als Bäume — und Hügel, Hügel, rundGchatten im Gommer. Von Theodor Kramer. Wann oft mitten im Sommer, am heißesten Tag, für Sekunden die Wolken die Sonne verbergen, fällt das Grasland zurück aus dem üppigen Schein, die Gebüsche und Brennesseln zittern am Rain, und ein Frösteln kommt her von den finstern Bergen. Das Gehämmer der Spechte erstirbt im Gehölz, hinter Feldmauern weicht das Geläut einer Herde; nun erscheinen, erkaltet, erst Distel und Dorn an das wuchernde Fleisch eines Wachstums verlor'?., schon vom Stengel an stumpf und gesäuert von Erde. Auf die Stacheln der dumpfigen Kletten tritt Seim, den die Kringel der Sonne sonst zitternd verdecken; das Gemäuer verfällt, der Hollunder erblaßt, und die Baumwanzen fallen gleich Schuppen vom Ast, und das Klaubholz wird sichtbar samt Retzen und Zecken Und kein Herbstgrund liegt lebloser da als das Land rings im stumpfen Gewand übersättigter Zellen; nur die Dunstwolken schieben sich zögernd dahin, und die faulige Fläche des Wassers beziehn zwischen Ufergewächsen erschlaffte Libellen. gewölbte Eifelhügel, wie Kuppen auf das Hochplateau gesetzt. Das Auge verliert sich im Gewirr von duftig blauen Schluchten und waldigen Bergrücken, hin und wieder ein Stück Heideland, mit rötlichem Teppich bedeckt. Nichts rührt sich, das Wild hält sich versteckt, die Tannen strecken die breiten Aeste ab, keine Nadel fällt. Horch, eine Kinderstimme! Sie singt: Heija, Bombaija — „Wann annere Könner spiele giehn, Motz ech bei der Wiege stiehn: De Wieg' zieht nor: Rube-de-bub, rube-de-bnb —" Hier sei gleich darauf hingewiesen, daß die Bücher der rheinischen Erzählerin, vor allem die in der Eifel spielenden, eine Fülle volkskundlichen Materials enthalten, daß meines Wissens kaum berücksichtigt worden ist. Es lohnte sich wohl, diese Anregung einmal eingehender nachzuprüfen. Neben der charakteristischen Landschaftsschilderung wirken die markant gezeichneten Gestalten der Dichterin besonders einprägsam, und die vielverschlungenen Schicksalswege packen meist derart, daß man sich ihnen erst nach einiger Zeit entziehen kann. So geht es einem vor allem mit dem um 1900 erschienenen Roman „D a s W e i b e r d o r f", der wegen der wahren und ungeschminkt wiedergegebenen Tatsachen damals ungeheures Aufsehen erregte. Später kam die Viebig nach Berlin und gewann hier nicht nur Einblicke in die vornehmen Gesellschastskreise, sondern auch in die Nöte des arbeitenden Volkes, die sie in mehreren Romanen mit wahrem Mitempfinden festgehalten hat. Der Roman „Das tägliche Brot" schildert das engumzirkt« Leben zweier Hausmädchen mit feinen wechselvollen Begebenheiten; der Roman ,-,T ö ch t e r der H e k u o a", den die Verfasserin selbst und mit vollem Rechte ein Buch unserer Zeit nennt, behandelt die schwierigen Lebensbedingungen der arbeitenden Frauen vor den Toren Berlins. Aehnliche soziale Probleme rollen die Großstadtromane „Das Eisen im Feuer" und „Eine Handvoll Erde" auf. Immer und überall beweistt Clara Viebig ihre gesunde und genaue Lebensbeobachtung und zeigt damit, wie ein Beurteiler einmal schrieb, „deutlich die heute gern beiseite geschobene Wahrheit, daß man eben doch nur Romane schreiben soll, wenn man sich genügend im Leben umgesehen hat und von der Welt und ihrem Treiben wirklich etwas zu berichten weiß". Von den vielen anderen Romanen seien noch zwei besonders erwähnt, nämlich „Die Wacht am Rhein" und „Das schlafende Heer"*. Der erstgenannte ist gewissermaßen ein Dank der Dichterin an Düsseldorf, die schöne Gartenstadt am Rhein, in der sie manche schönen Tage verbracht hat. Die Zeit zwischen 1830 und 1870 wird hier lebendig, und auf ihrem Hintergründe heben sich die feftumriffenen Gestalten kräftig ab. „Das schlafende Heer" befaßt sich mit den Fragen des Ostens, wo die Vorfahren der Dichterin seit mehr als einem Jahrhundert auf der eigenen Scholle sitzen. Die Liebe zu dem Lande ihrer Ahnen, zu den deutschen Bauern, die um ihre Scholle immer wieder kämpfen mußten, hat ihr dieses Buch diktiert, und diese Tatsache leiht dem Werke dauernde Aktualität*. „Sie goldenen Berge"*, einer ihrer letzten Romane, führt wieder in die rheinischen Gaue zurück und behandelt den Kampf der westdeutschen Winzer um das schmale tägliche Brot und ihren Protest gegen die Steuerlasten. Die herrliche Schönheit des weingesegneten Moseltales malt die Dichterin mit wundersamen Worten: „Goldenes Land, man möchte hineinversinken, die Hände sich füllen, goldene Berge, so weit der Blick reicht, goldene Berge am goldenen Fluß — Gold, Gold", und dann fügt sie bitter hinzu, „wer kann hier noch von Armut reden?" Ein Loblied auf den deutschen Wein und auf den sich schwer mühenden deutschen Winzer ist dieses schöne, verstehende Buch, das dem deutschen Wein sicherlich viele neue Freunde gewonnen hat und noch gewinnen wird! Clara Viebigs letzter Roman „Charlotte von Weih" ist das farbige Lebensbild der Geheimrätin Ursinus, von der die Erzählerin als junges Mädchen im „Pitaval" des Willibald Alexis gelesen hatte; erst nach fast fünfzig Jahren ging sie auf Grund reicher Akten- und Archivstudien daran, das merkwürdige, inhaltsreiche Leben dieser seltsamen und vielumstrittenen Frau nachzugestalten. Die noch sehr frische und unermüdlich tätige Siebzigerin verriet mir kürzlich, daß sie einen neuen Roman demnächst abschließe und bereits zwei neue Entwürfe in Arbeit habe. Wer diese fleißige Frau aus einem ihrer vielen Bücher kennt, freut sich auf jede neue Gabe aus ihrer Feder. Ihren 70. Geburtstag wird sie mit den Ihrigen fern von ihrer Arbeitsstätte verbringen, aber Dank und Verehrung werden ihr folgen auch in ihre Festverborgenheit, irgenmo unten im Süden. — * Seinerzeit im „Gießener Anzeiger" erschienen. Margrets Wallfahrt. Novelle von Clara V i e b i g. Oben auf der Eifel wehten schon Herbstwinde. Sie kamen von Norden «nd schnoben daher, eilfertig und gehässig,- sie färbten das magere Gras gelb und zausten die knorrigen Föhren und zitternden Birken. Drunten im sonnigen Moseltal blühten noch die Rosen in den Gärten, gelb, rot und weih, in den kristallklaren Fluh -nickten die obstbeladenen Baume, dre Traube schwoll des köstlichen Geistes voll, Nußbäume und Kastanien sprengten die grüne Hülle ihrer Frucht und ließen den braunen glanzenden Kern zur Erde fallen. Hier oben rochen die Nächte schon nach Winter; die Schlehe hing blau und herb an den dornigen Buschen, kalter Reif versilberte Gräser und Moose und dicker Nebel hockte in den Mulden. Unwirtlich war's, unfreundlich. Die kalte Eifel mit ihren baumlosen Höhen, ihren rotblühenden Heiden und dunklen Maaren, bereitete sich allgemach, ihren gestrengen Herrn, den Winter, zu empfangen. Da wo der Wald zu Ende geht, und nur struppiges Knieholz mehr fortkommt, liegt ein Häuschen an den Felsen geschmiegt, ein armseliges Nest mit tiefhängendem Moosbach, darauf Hauswurz und Fetthenne gedeihen; sogar ein Tannenbäumchen hat sich naseweis und keck dort angesiedelt. Das Türchen ist niedrig, das Fensterchen mit Papier verklebt, aber auf dem grünen Rasenfleck vor der Schwelle weidet eine genügsame weiße Ziege, und ein paar sturmgewohnte Sonnenblumen nicken protzig und gönnerhaft mit den dicken Köpfen. In der einsamen Hütte, der armseligsten weit und breit, wohnt die ehrsame Witfrau Anna Maria Balduin. Sie wohnte drin seit langer Zeit; als junge glückliche Braut war sie vor achtzehn Jahren eingezogen an der Seite des Peter Balduin, des tüchtigsten Holzfällers weit und breit. Fünf Jahre später trug man ihn hinaus, starr und falt, und begrub ihn unten in Kyllburg auf dem kleinen Bergfriedhof. Es war ein böses Jahr; die Kartoffeln mißraten, das Brot unerschwinglich, der Hungertyphus wütete in der armen Eifel, früher Schnee fiel und die gierigen Wölfe schlichen allnächtlich bis an die einsamen Hütten. Im Häuschen der Witwe waren Angst ums tägliche Brot, Kummer um den Verstorbenen, Kälte und Entbehrung zu Gast. Die bleiche Frau sah am Spinnrad und ließ ihre Tränen rinnen, und das Töchterchen, die kleine Margret, hockte daneben, lachte und spielte mit bunten Steinen und begriff nichts von dem Kummer der Mutter. Nun waren Jahre vergangen; das frische Grab eingesunken und Gras darüber gewachsen, wie über die Wunden des Herzens. Die kleine Hütte war baufälliger geworden, und statt der kleinen Margret faß eine große vor der Tür. Sie spann ums liebe Brot für die reichen Bauernfrauen und hatte die Ziege mit einem Strick an ihre große Zehe gebunden; da konnte die grasen und lief doch nicht weg. Margret spann und guckte auch zuweilen halb gedankenlos, halb sehnsüchtig hinauf in den Himmel, der blahblau und unnahbar kühl sich über den nackten Höhen wölbte. — Mit der Mutter stand's schlimm. Sie hatte Gliederweh, lag seit Wochen und Monaten, krummgezogen und steif, in der: wurmstichigen Bettstatt auf den blaugewürfelten groben Kissen, ächzte und stöhnte und konnte kaum die Hand zum Munde heben. ,Et es en bedenkliche Saach'", sagte die kluge Frau aus Kyllburg, die sich auf vieles Bitten und gegen bare fünfzig Pfennig herabließ, zu der armen Hütte heraufzusteigen. Sie nahm das einzige Huhn der Witwe mit hinab und hatte dafür ein wunderwirkendes Tränklein zurückgelassen. Aber das Tränklein tat kein Wunder, die Kranke jammerte noch um vieles mehr und der Totenvogel, das Käuzchen, schrie jede Mitternacht vor'm Hüttenfenster. — Heute war ein besonders schlimmer Tag. Die hübsche Margret saß am Bett und ließ den Kopf hängen. Ihre fleißigen Finger spannen, aber ihre sonst lachenden braunen Augen füllten sich oft jählings mit Tränen. Sie war ein gutes Kind, hatte weiter nichts auf der Welt, als ihre Mutter und ihre siebzehn Jahr; aber auf das bißchen Jugend, da fiel die Sorge um die Mutter wie Hagel im Mai. Es war traurig. Ein Glück, daß es nun an die Hüttentür klopfte und mit Seufzen und Gepuste eine behäbige Bauersfrau sich über die Schwelle schob. „Gelowt fei Jeses Christes!" „In Ewigkeit Aomen!" — Es war die Gevatterin aus Kyllburg, Frau Margareta Rindsfüßer, die Patin der Kleinen. Da kam sie den Berg heraufgeklettert, die gute Seele, und war doch ein bißchen sehr komplett! Und nun packte sie den Korb aus, den sie am Arme trug — Knackwurst, Semmel, Zichorien und ein paar Eier. „Dao, Anna, wat micht Ihr, wie gieht et Eich?" „Schlacht — siehr schlächt!" „Jao, sao", nickte die andre, „ech glauwen et schwer, bat Ihr et net e su lang mieh manchen duht! Gäwt de Hoffnung alb nor uf, bereit Eich zom fäHgen Stürmen!" „Da bau mein Jesses", wimmerte die Kranke, „ech duhn jao e su gären stärwen — et es mer nor om et Margret, et es noach gaor e su Jong!“ „Waohr, waohr", die Gevatterin zwinkerte mit den Augen und schnäuzte sich gewaltig in das rotblaue Sacktuch — „et es Hoard, siehr hanrd, äwer buh es kein Half net mieh. Jao, wann Ihr eroeil zom heiligen Rock erunner naoch Trier manchen funnt, lao kennt Eich geholf gänn —!" „Geholf — zom heiligen Rock!?" Margret hatte mit weit aufgerissenen Augen ber Sprecherin zugehört, nun näherte sie sich und faßte die Gevatterin am Aermel. „Tant, ech bitten Eich eitle Maat, wat es bat met em .heiligen Rock'?" Frau Margareta Rindsfüßer bekreuzte sich fromm. „Bitt for ons, heiliger Rock, for ons on om Dergäwung onfrer Sünd — Mädchen, bau bis e su bomm! Lao unnen je Trier, buh bimmeln be Glocken Sag on Nacht wat je kennen, fe bimmeln, bat be Fischeicher in ber Musel Angst gönn. Mer maant, mer kennt bat Dim-bam hei »wen Heeren. Dn aus ber ganzen Welt kommen se gerennt be Musel eruf, met Kreizcher on Fähncher on grüßen Faohnen, on singen on bäten ben heiligen Rack an. Wat meim Vadder sin Prober sin Sohn es, bän Stabt* feld's Hnnni, bän haot it mer verzollt, bän es fälroer duh gewest. Weil Mn gaor kein Könner krleht, haot hän lao erunner gemaach on haot met feitn Trauring bän heiligen Rock anröhren laoßen — bat hilft! heiligen Duhm zeigt em de hohe Gaastlichkeit, on wün krank es, bän verliert efubaal sin Dnüwelkaat —jao! Dn roän en Kranken derhäin haot on holt ebbes von em met, en Hemd or en Bettduch or fünft ebbes, dem fein Kranker werd gefond!" „Jesses Marial" Die Kleine faltete die Hände. „Modder, ech manchen daorhin!" „Et es gaor e fu weid" — die Kranke seufzte halb angstvoll, halb sehnsüchtig — „ech laoßen dech net, bau bis mein anzig Könd — wannst« za Schnöden kämst, Jeßmarijusep!" „D Modber, laoßt mech boach! Ech sein jao schuns met Beeren bis erunner zor Musel gewest, nau giehn ech Haid noach.ebbes weider; naoch Trier finden ech ganz kommod. Dn wann ech den heiligen Rock vill dausendmaol bitt, bann hilft hän gemäß, on wanneh ech roibber komm', bao seid Ihr gefond — o Modder, die Freid!" Mit ausbrechenbem Jubel umschlang das Mädchen die Kranke. Cs preßte feine blühende Wange an die bleiche, abgezehrte. — „Moicher, faot neift, ech giehn zom heiligen Rock — morgen!" „Anna laoßt bat Margret giehn in Gottes Naomen; on be heilig« Songfrau fei met em", sagte die Gevatterin. „Ech kommen derweil ak Däg eruf, on kucken naoch ber Zieg — on naoch Eich!" Gerührt nahm sie Abschied. Der Abend kam, Margret molk die Ziege und kochte die Suppe; bann stand sie am Brunnen und wusch sich und scheuerte sich, als sei acht Tage kein Wasser an ihren jungen Leib gekommen. Blitzeblank und rein, bas konnte der heilige Rock verlangen. Dann kniete sie drinnen in der Stube vor dem Muttergottesbild, bas aus schmalen Goldrähmchen grell und vielfarbig von der getünchten Wand herunterschielte. Lang und innig mar ihr Gebet. Heute betete sie nicht nur bas Vaterunser und ben Englischen Gruß, — die Erwartung, die Spannung, das geheime Sorgen vor dem kommenden Tag drängten ihr eigene Worte auf die Lippen. Todmüde sank Margret auf ihr Lager. Die Hände auf ber Brust gefaltet, atmete sie bald tief und gleichmäßig im süßen Schlaf ber Jugend. Als sie erwachte, graute schon ber Tag und hinter rosigen Wölkchen schien die Sonne den Morgentraum abzuschütteln; es war Zeit zum Aufbruch. Frau Anna weinte, als die Tochter vor ihr stand, fo frisch und rotwangig, das festtäglich schwarze Kleid hochgeschürzt über dem blauen Friesrock, bas winzige goldene Kreuz am schwarzen Schnürchen um den schlanken Hals. In ber Hand hielt sie das Bündel, drinnen der Mutter Hemd, durch das der heilige Rock Wunder wirken sollte, ferner die blank- gewichsten Schuhe und die weißen Strümpfe; die wurden erst angezogen draußen vor dem Tor ber Stabt. Auch bas Geschenk der Pate, die Sonntagsschürze mit ben bunten Blumen, war eingepackt; sie war Margret- bestes Stück, ihr Stolz und ihre Freude, aber für ben heiligen Rock roat nichts zu schade. Zuversichtlich blickten die hellen Mädchenaugen in das Gesicht der Mutter: „Adjö — wann ech widderkomm', seid Ihr gesond!" Noch ein Händedruck, das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust, ein gemurmelter Segenswunsch, ein freundliches Nicken — nun war fit fort, nun stand sie auf der Schwelle und ber erste goldene Sonnenstrahl küßte ihre runden Kinderwangen. So begann Margret's Wallfahrt. — ♦ Die Vögel zwitscherten in den Büschen, Tautröpfiein hingen gleich Diamanten an Blatt und Gras, als sie leichtfüßig den Berg hinunter« sprang. Drüben im Nebel und Morgengrau lag Kyllburg. Die Hahne krähten, aber noch träufelte sich kein Ranch aus den Schornsteinen, die Leute schliefen alle. Ja da war's schön in Kyllburg, da mochte einer wohl hausen! Da war man nicht gar so allein, wie droben auf dem Berg, und bie Mädchen saßen abends in ben Spinnftuben und lachten, jede mit ihrem Schatz. So ein Schatz war doch was Schönes! Wie mocht's nur einem Mädchen zu Mute sein, das einen Schatz hatte? Db sie, bie kleine Margret, wohl auch mal einen bekam? Sicher nicht. „Arme Mädcher kriehn kein Schatz", sagte die Mutter. Hopps, da war ein Stein, da wäre sie beinahe gefallen — bas kam von dem dummen Denken; was ging sie ein Schatz an? Sie war bie arme Margret und ging zum heiligen Rock — punktum. Und nun zog sie den Rosenkranz aus der Tasche und ließ bie kleinen Kügelchen durch ihre Finger rollen, und bie frischen Lippen murmelten emsig ein Vaterunser nach dem anderen dazu. Das kürzt den Weg. Der Wald ward dichter, die krüppligen Föhren und ärmlichen Birken wandelten sich in schlanke Buchen und stattliche Eichen; es sproßte allerhand buntes Vlumengesindel, ein warmer Hauch zog durch die Luft um ein Quellchen rannte eilfertig zu Tal. Ah, hier war's schön! Margret stand still und holte tief Atem, sie war wacker zugeschritten, die Sonne ftano im Mittag. , Bis jetzt war ihr kein Mensch begegnet, mit sich und ihrem EM allein, war sie durch die Welt gewandert, aber nun tönte es aus m Ferne wie summende Stimmen, nur wenige Schritte noch, ber AM hatte ein Ende, und sie stand an ber breiten Landstraße; jenseits M ruhig und schön bie Mosel. Wie ein silbernes Band schlängelte fte R weich und schmiegsam, zwischen den rebenbekränzten Ufern, sanft ftumw ihre Wellen und bie goldene Sonne und ber lachende Himmel guohl< '«nzessr ^flegenginq tote A k it met ! 3m , dän -rhäm ebbes, rachen , halb annste zn bis naoch ck vill iomm’, te. 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Endlos dehnte sich di« Straße, ewig wechselten ein Apfelbaum — ein Birnbaum — hier unb da ein Steinhaufen und ein Meilenzeiger, — oh, wie lange das dauerte! Weit voran waren schon die Wallfahrer, Margret humpelte müde hinterdrein; gern hätte sie auf dem Stein am Wege ausgeruht, aber da verlor sie den Zug aus den Augen, das durfte nicht fein. So zog sie nur ein Stück Brot aus dem Bündel und einen Happen Ziegenkäse; im Weiterschreiten biß sie mit den gesunden Zähnen hinein. — Die Sonne neigte sich zur Rüste, der Abend umwob mit duftigem Schleier Fluß und Tal; nur oben die Gipfel der Berge fchimmerten noch in goldenem Licht und am Himmel umsäumten sich kleine Wolkenkissen mit zartem Rosenrot. Margret's klare Augen blickten müde, langsamer hob sich ihr Fuß. Ach, wer doch ruhen könnte, wie die Vögel, die eben ins Nest schlüpften — da, horch! — surrte nicht ein Ton durch die Luft, tief unb klangvoll, und nun noch einer und noch einer, und trug der Wind nicht andere Stimmen herzu, die fielen ein, seiner und dünner, und umrankten mit zartem Gebimmel den einzigen großen Ton? Die Glocken von Trier! Das müde Kind faltete die Hände, dann eilte es freudig weiter — nun noch um die Biegung der Straße, — da lag das großmächtige Trier, beglänzt vom Abendstrahl, mit seinen grauen Dächern und Türmen, jenseits der Brücke, die sich in steinernem Bogen über den Fluß schwang. Und über die Brücke schob und drängte es. Fußgänger, vereinzelt und zusammengeschart, strebten eilig hinüber, Wagen rasselten in langen Reihen, Fahnen wehten; das war ein Wandern, ein Treiben hinein in die begnadigte Stadt, daß dem einsamen Mädchen das Herz stockte. Nein, da ging sie noch nicht hinein, da blieb sie di« Nacht doch lieber hier, diesseits der Mosel, wo nicht so viele Häuser standen. Ein einzelnes Wirtshaus lag am Weg, da wollte sie einkehren. Ihre Hand tastete nach den wenigen Groschen im Sack, sie hatte ja Geld, sie konnte zahlen; und nun schritt sie näher herzu auf dem kleinen Psad, der seitab zu der Herberge führte. Fast wäre sie wieder umgekehrt, ein wüstes Stimmengewirr tönte ihr entgegen; aus den offenen Fenstern schallte Gesang, Gejohl« und Gelächter. Im Hof stand eine Wagenburg ausgefahren, Aufwärter und Mägde eilten geschäftig hin und her. Schüchtern trat sie in die Tür, niemand kümmert« sich um sie; sie legte ihr Bündel auf das noch unbesetzte Eckchen einer Bank und klemmte sich daneben, die Hand fest auf ihre Habseligkeiten gelegt. Es schwindelte ihr. Was war das für ein Lärmen und Geschrei! Da war kein Plätzchen unbesetzt, jeder trieb, was er wollte; hier spielten ihrer drei Karten, hier zankten zwei und drohten sich mit den Fäusten, hier saßen ein paar und beteten ihren Rosenkranz, dort hatte sich schon einer auf die Streu geworfen und schnarchte laut, da in der Ecke saß di« hübsche Person im roten Unterrock, der Margret auf der Straße begegnet war, und schäkerte mit ein paar Burschen. Ob sie bie mal fragte? Die schien doch recht freundlich. Errötend trat sie näher: „Maacht Ihr aach naoch Trier zorn heiligen Rock?" „Ei jao!" „Bleiwt Ihr de Nacht hei? Ech mochten aach gaor e su gären dao bleiroen" — sie zog ihre Groschen aus der Tasche — „dao, zaohlen kann ech — äroer allein graulen ech e fu!" Die Angeredete hatte erst ruhig zugehört, nun stieß sie einen ihrer Begleiter in die Seite, zwinkerte dem andren zu, und alle drei brachen in ein nicht endenwollendes Gelächter aus. „Sau kannst jao bei mir bleiroen", rief der eine Bursche und zwirbelte den Schnurrbart unternehmend in die Höh, „dann es ’t dir net graulich!" Er wollte Margret umfassen, sie stieß ihn zurück, faßte blitzgeschwind ihr Bündel und war zur Tür hinaus, so flink wie ein Eidechschen. Wie gepeitscht rannte fie von dannen; erst, als sie eine weite Strecke fort war unb der Lärm des Wirtshauses längst verklungen, hielt sie hvchatmend inne. — Was nun? Zurück ins Wirtshaus zu den vielen Menschen, in den barm, das Geschrei? Nein, o nein! Weit lieber hier draußen unter Gottes tretcm Himmel, wo die Sterne glei freundlichen Augen herunterglitzerten und bie Grillen im Grase traulich zirpten. Da stand hinter den Büschen «ne niedrige Strohhütte, die gehörte wohl dem Obstpächter,der von hier "us [eine Bäume bewachte. Ob jemand drinen war? Vorsichtig guckte Margret hinein, die Hütte war leer und halb verfallen; mit einem Seufzer ^"Erleichterung kroch sie unter das niedrige Dach. Sie langte ihr letztes tutt Brot vor, und als das verzehrt war, schob sie ihr Bündel als ri Ucter' 'hr Kleid über dem Kopf zusammen und schlief ein. — strahlend und golden stand die Sonne schon am Himmel, als Margret 5 tiefem Schlaf erwachte. Verwirrt schaute sie um sich; wie ein Traum bni s &er gestrige Tag, unb sie selbst kam sich anders vor, wunder- & to ,, und unbekannt. Ja, da lag das großmächtige Trier, da war --loset, da bas Wirtshaus, aus dem fie geflohen, — und sie selbst? onip । AXlr. doch die Margret, die zum heiligen Rock roanbette! Nun opfiiiu, .*'9 schlüpfte sie hinunter zur Mosel hinter bas dichte Weiden- utih m nie!T,nt'fr sah sie; sie streifte das Kleid ab, badete Gesicht, Hals iw«„S--Jn frischen Flut und lieh di« klaren Weilchen über ihre $jQrj»uße rieseln. Ihre langen Zöpfe flocht fie auf unb strählt« sie mit laapn• ’ he hübsch glatt unb gedrechselt hinter den rosigen Ohren ono»’n„nUn1..not^ den silbernen Pseil hindurch, Schuh und Strümpfe ° 7?."' köstliche Schürze vorgebunden — fertig war fit — [thQui 'e Straße entlang zogen die Scharen von Wandrern; mancher uni) len t^k Ilia hinter dem jungen Bauernmädchen drein, das schmuck «itmo™ ■ ri frommen Glauben in den Augen, dem heiligen Rock kte nn*1*?’ t®nr gestern schon Gedränge auf der Brücke, fo roar’s N tausendmal mehr. Wie ein Ameisenhaufen kribbelte und roib bette es, bie Lust erzitterte von dem eintönigen Gemurmel: „Heiliger Rock bitt für uns." Ein« Prozession nach der anderen schob sich über die uralten Steinbogen. „Heiliger Rock bitt für uns", „heiliger Rock bitt für uns!" — Es summt roje ein Bienenschwarm, es wälzt sich durch di« engen Gassen, die in festlichem Schmuck glänzen. Da ist kein Haus, kein Häuschen, och noch niedrig, in dessen Fenstern nicht bunte Teppiche hängen, Fähnchen wehen, Heiligenbilder hinter brennenden Kerzen prangen, andächtige und neugierige Zuschauer sich drängen. Je näher dem Dom, desto größer das Getriebe! Ein ohrenbetäubender Lärm, ein sinnverwirrendes Durcheinander; und durch das Chaos von Farben und Tönen, Staub, Dunst, Betrug und Wahrheit, Glauben und Unglauben, zieht sich wie ein leitender Faden das eintönige Murmeln der Prozessionen, bas dumpfe Läuten der Glocken. Margret war schier betäubt. In einem Bäckerladen hatte sie eine Semmel verzehrt, die freundliche Frau sie zurechtgewiesen; nun stand sie verloren auf der Gasse, ihr Bündel fest unter den Arm gepreßt. (Schluß folgt.) Fahrt nach Trier. Zum deukschen Delphi. Von Dr. H. IReumeiftcr. Es gibt feine Stadt in Deutschland, ja, diesseits der Alpen, die auf so altem Kulturboden steht wie die kleine Stadt Trier. Wer aber weih etwas von ihr? Bestenfalls erinnert man sich der Porta Nigra, jenes riesigen alten Römertores, das mit seiner dunklen Masse wesensfremd unb im Grund unverständlich in unsere Zeit hineinragt. Und doch ruht auch heute noch die südliche der beiden Moselbrücken auf römischen Pfeilern, ragt heute noch, imposant in ihrer kühlen rhythmischen Gliederung, die römische Basilika in voller Höhe über die Stadt, stehen noch heute die großen schönen Ruinen der Kaiserthermen — durch ihre Bogen schimmert von fern bie golbene Mosellandschaft, unverändert, ewig. Und wo man in dem alten Boden den Spaten in die Erde stößt, melden sich die römischen Reste: Paläste mit prächtigen Mosaikfußböden, Villen, Theater, Bäder, Tempel, — man weiß heute genau, wie die alte Römerstadt aussah, die etwa die ersten vier Jahrhunderte n. Ehr. hier herrschte, die der repräsentative Mittelpunkt der ganzen germanischen Besitzungen Roms war und zeitweise größer und bedeutender als Rom selbst gewesen sein soll. Lang« hat man geglaubt, daß Trier, eine Schöpfung des Augustus, auf jungfräulichem Boden errichtet worden fei, daß keine Siedlung einheimischer Völker hier bestanden habe, — wie man überhaupt das einheimische Element, auch der späteren Zeit, die imposanten Reste der mittelalterlichen Bischofsstadt, der heiteren barocken Bürgerstadt, lange über den fremdartigen und lauten Resten der Römer fast vergaß. Daß neben dem römischen Element — auch zur Zeit seiner unumschränktesten Herrschaft — immer doch auch das einheimische und, wie sich zeigen wird, alteingesessene Volk der Treuerer sein eigenes Leben führte, seine eigene selbständig« Kultur bewahrte, das ergaben erst die seit einigen Jahren im Gang befindlichen Grabungen von Prof. Siegfried L o e s ch k e (Trier), die ein ganz großes germanisches Nationalheiligtum zu Tage förderten, und di« — noch nicht abgeschlossen — die interessantesten Aufschlüsse gerade über bie vorrömische Geschichte Triers versprechen. Man weiß, daß das offizielle Heiligtum der Römer, wo die kapitolinisch« Dreiheit Jupiter, Juno, Minerva verehrt wurde, sich mitten im Weichbild der Stadt befand. Ein Tempelbezirk von diesen Ausmaßen, wie ihn Professor Löeschke im A11bachtale bei Trier entdeckte, — einer flachen Talmulde, die sich zuerst außerhalb, später an der Peripherie der römischen Stadtmauer befand — konnte nur di« Bestimmung haben, alle jene Kulte und ihre Sultftätten aufzunehmen, die von Rom zwar geduldet, aber nicht offiziell anerkannt waren. Daß dies vorzüglich die Kulte der Einheimischen gewesen fein werden, diese Annahme ist naheliegend und durch das Ergebnis der Grabung bereits voll bestätigt. Bereits heut« sind etwa 40 Tempel unb Kapellen, größeren unb kleineren Ausmaßes entdeckt worden; sie stammen zwar vorwiegend aus der Zeit der Römer Herrschaft, zeigen aber in ihrem Grundriß nicht den üblichen griechisch-italienischen Tempeltyp (der sich nur einmal findet), sondern verschiedene runde und rechteckige Formen, teils mit einem Säulenumgang oder einem Vorbau, die offensichtlich als traditionell- einheimische Typen anzusprechen sind. Zahlreiche und die verschiedenartigsten Götterbilder bevölkerten einst diesen ausgedehnten Bezirk; auch sie sind vielfach offenbar einheimisch-germanischer Herkunft, fo vor allem bie Naturgottheiten: ein ftiergeftaltiger Wafsergott, die bärengeftaltige Göttin Artio, die Pferdegöttin Epena und eine Unzahl von Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinnen, die unter dem Namen Ritona oder Aveia verehrt wurden. Von ihnen allen fanden sich große, häufig vorzüglich erhaltene Bildwerke; manche lagen noch inmitten ihrer Kapelle, wie sie bei dem Zerstörungsroerk der Christen im vierten Jahrhundert gestürzt worden waren. Auch die Bilder römischer Götter (Diana, Merkur) unb eine besondere Art germanisierter römischer Gottheiten sanden sich — Apollo als Waldgott, ein reitender Jupiter als Wettergott (riesige Reste beweisen, daß er auf hohen Sockeln als Kolofsalstatue im Tempelbezirk thronte); selbst dem Etruskergott Vertumnus war ein Altar geweiht, der beweist, daß diesem noch in historischer Zeit Menschenopfer dargebracht wurden. Eine besondere Stellung unter diesen Götterbildern nimmt bas prachtvolle Relief, die Felsgeburt des Mithras darstellend, ein: es wurde in dem weitläufigen Tempel des Mithras, dem Milhräum gefunden; der Mithras- k i, l t war, wie auch dieser Fund beweist, unter den römischen Soldaten sehr verbreitet, seine Rolle bei der Ausgestaltung des Christentums, das ft.-,,,,.,w-— fv) Mthraskulles völlig miteinschmolz, ist bekannt. verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, H Lange. ] Leckerbissen des Meeres. Von Dr. Anton Mayer. Vielen Binnenländern, die eine Ferienreise an die Meeresküste machen, ist nicht klar, welchen Reichtum an den schönsten Leckerbissen die grünblaue Weit« birgt; wohl ist den meisten Bewohnern der von der Waterkant entfernt liegenden Gegenden eine Anzahl von Fischen bekannt, die, in Eis verpackt, weite Reisen zurückgelegt und ihre Frische in erstaunlicher Weise bewahrt haben, bis sie zum Verkauf gelangen: aber es sind naturgemäß immer wieder dieselben Arten, welche auf dem festen Land allgemeine Verbreitung gefunden haben, nämlich die gut zum Versand geeigneten. Eine Reihe sehr wohlschmeckender Tiere kommt niemals über das engste Küstengebiet heraus, da ihre chemische Zusammensetzung den Einflüssen der Luft nicht lange Widerstand zu leisten vermag. Wieder andere verändern Aussehen und Geschmack durch den Masstnfang, dem sie infolge des chochseefischereibetriebes mit Dampfern ausgesetzt sind, und schließlich verlangen gewisse Zubereitunqsarten, wie das Räuchern, daß man die also behandelten Wesen schnellstens verzehre und möglichst nicht noch auf große Reisen schickt, obgleich eben ein solches Verfahren im Interesse des größten Teiles der Menschen unvermeidlich ist. Einer der beliebtesten und häufigsten Meerbewohner ist der Schellfisch, durch Weiße und Festigkeit des Fleisches besonders ausgezeichnet; grade er aber leidet durch den Massenfang, bei dem er in Netzen gedrückt, dann an Bord des Dampfers tagelang auf Eis gehalten wird und schließlich noch eine langwierige Prozedur des Verkaufs und der Verschickung durchmachen muß. Da er trotz allen diesen ihm nach seinem Tode auferlegten Strapazen immer noch sehr gut schmeckt, gehört kein« große Cin- bildungskraft dazu, um sich vorzustellen, wieviel besser er sein muß, wenn ihm alle die genannten Unannehmlichkeiten erspart bleiben und er als Angel schellfisch genossen werden kann. Allerdings ist es nicht immer möglich, dieses feinste aller Nordseefischgerichte zu bekommen, da der Schellfisch in nicht müheloser und zeitraubender Arbeit vom Boot aus einzeln mit der Angel gefangen und lebend an Land gebracht werdeu muß. Die Helgoländer Fischer fahren manchmal hinaus und angeln ijjn; es ist jedem, der eine wahrhaft köstliche Seespeise kennenzulernen wünschh nur zu raten, sich zu erkundigen, ob oder wann Schellfisch« geangelt werden, und sich gegebenenfalls schleunigst einen reservieren zu lassen, oder, was noch besser ist, mit hinauszufahren. Ein Angelschellfisch nimmt es an Zartheit des Geschmackes, an Feinheit der Fleischkonsistenz mit jedem Ostender Steinbutt auf — ich bekenne für meine Person, daß er mir 'sogar lieber ist als der Turbot. Er wird nur gekocht gegessen; hat man die Möglichkeit, eine wirklich korrekte mehllose Hollandaise, nicht bas übliche gotteslästerliche gelbe Gepansch dieses Namens zu bekommen, st wird man dies« Zusammenstellung der gewöhnlichen Butterbegleitung vorziehen. Ein anderes sehr empfehlenswertes Meertier, das während des Juli und August in riesigen Schwärmen die Nordsee bevölkert, ist bie Makrele, äußerlich durch ihre wundervolle grünblau« Färbung ausgezeichnet. Es ist der beliebteste Sport der Badegäste, vom Segelboot aus Makrelen zu angeln, bei welcher Beschäftigung von Zeit zu Zeit das alte Fischgebet „Fiske biet, Fiske biet, noch is Tid" aufzusagen ist, obgleich auch ohne diese Beschwörungsformel mit Leichtigkeit jedesmal «in reichlicher Fang zu erzielen ist. Die Makrele sollt« nach meinem Dafürhalten nur gebraten, niemals gekocht werden; das sehr wohlschmeckende Fleisch ist ziemlich weich und fällt beim Kochen schnell ganz auseinander. Nachmittags auf den Fang zu gehen und abends die Makrelen zu verspeisen, ist eine sehr angenehme Beschäftigung. Hausfrauen, die während ber Ferien eigene Wirtschaft führen, ist zu raten, sie einzulegen oder auch kalt mit Aspik zu servieren, wozu eine Tartarsauce stets willkommen sein wird. Die Anwohner der Nordsee hegen eine ganz merkwürdige, ja völlig unverständliche Verachtung für eins der geschmackreichsten Meertiere, bas sich in anderen Ländern einer hohen Wertschätzung erfreut. Ser Taschen krebs, an der Nordsee „Knieper", englisch „erab" genannt (nicht mit „Krabben" zu verwechseln, die englisch „shrimps" heißen) kostet in einem Londoner Fischrestaurant, „dressed", schon zurechtgemacht, serviert 4—7 Shillings; in Helgoland habe ich vor kurzem vier der prächtigsten Exemplare für fünfzig Pfennige erstanden. Die Hummerfischer der roten Insel benutzen die Kniepers als Köder für ihre Körb«, in denen die kostbaren Schalentiere gefangen werden — dann werfen sie sie achtlos fort oder bereiten sie sich selbst^ einmal kaute de mieux — aus keiner Speisekarte sind Taschenkrebse zu finden. Das Fleisch der Scheren ist von zartem nußartigem Wohlgeschmack, das Innere der breiten und flachen Tasche bietet nach Entfernung der schlechten Teile eine Art Püree von vollendeter Pikanterie. Sie werden, wie Hummern, in Salzwasser gekocht und kalt gegesten; ich zieh« sie dem für vornehmer geltenden Scherenträger unbedingt vor, sie sind viel feiner und sozusagen meerwürziger. Eine Sauce, etwa eine Mayonnaise, ist vom Uebel, frische Butter dagegen sehr richtig. Ein wenig englischer Senf ist als Zutat sehr zu empfehlen. Die nach Helgoland kommenden Reisenden können sich den Genuß einer Platte frischer Knieper mühelos verschaffen, wenn sie einem Hummerfischer Auftrag geben, ihnen welche zu besorgen; die Zubereitung übernimmt jedes Restaurant gegen geringes Entgelt. Es ist nur zu hoffen, daß nun yicht etwa infolge allzu großer Nachfrage eine mächtige Kmeper- hausse einsetzt — aber schließlich können viele, bie den exquisiten Genuß dieses Gerichtes nicht kennen, sich eine große kulinarische Freude bereiten. Eines der Tiere, die den Transport nicht vertragen, ist der Rochen, aus der klassischen Dichtung als „greuliche Mißgestalt" bekannt, die man ihm auch nicht absprechen kann. Desto besser ist sein Geschmack beWsstn: das ganz feste, vollkommen grätenlose Fleisch erinnert an Hummerscheren, ist aber noch süßer. Niemand versäume, ihn gekocht mit Petersilien' kartoffeln und gelber Butter zu sich zu nehmen, wenn er erhältlich ist Einige niedliche Spezialitäten, wie der Knurrhahn oder der 6«' Hase, sind als Gesellen kurioser Form des Interesses halber mch"- nehmen; die Finkenwärder Fischer, die mit ihren Booten in der NoM kreuzen, haben manchmal welche gefangen und geben sie gern ab. Zum Frühstück am Meer gehören die geräucherten Fische, die abw eingeliefert werden und am Morgen aus dem Rauchfang kommen; ihn warme Frische, ihr Aroma, ihre sanfte Fettigkeit bilden ein hinreißeM Ensemble. Alle möglichen Meerwesen finden sich hier zusammen: W1, fisch, Kabeljau, Makrelen, Rochen, Schollen, auch Katzenhaie, die germ* recht gut sind — wie alle größeren Fische natürlich in Stücken 3Ubereit • Allerdings ist ihr Fleisch von bedeutend gröberer Art als das der mot rett genannten Arten. Am feinsten sind wohl Makrele und Rochen, auch Schellfisch ist ganz ausgezeichnet; alle aber können den ins Brnnc land verschickten ohne weiteres vorgezogen werden. . ...w Ein Wort noch für die Reifenden, die, wie es jetzt häufiger die Gestade des Mittelmeeres aufsuchen. Cs ist sehr schade, daß v»r appetitlichen Auslagen der „frutta di mare"-Händler von Marseille Neapel und von Venedig bis Brindisi dringend gewarnt werden n hinter den Muscheln, Seeigeln, Krabben und Krebsen lauern andere schöne Dinge. Eine Ausnahme möchte ich — ganz unvermiw Weise — für Venedig gelten lassen; wenigstens ift' mir bort Sommer mit den „gamberetti", den großen Krabben, die kostum i j nie etwas passiert, auch nicht mit „scampi" genannten MeerkrevI aber vor diesen wird neuerdings viel Vorsicht gepredigt, da ®erüv vorgekommen sein soll. Am sichersten ist und bleibt die Lanquj , auf die verschiedenste Weise zubereitet, warm oder kalt, in Ja mit Butter oder Mayonnaise stets viel Vergnügen zu erregen >wl sein wird. _____■ Er war Herzen rüh Aewunderu Doch hatte einem schw ©reifenalter Saiten, doch glocke aus liefen der । Sa muß Lichterglanz stiller Stube Echlaf bunt hosfnungslo Müchwagen gebücktes M muhte, um Frau. Sie u und wurde i den Stuben spränge mar Nun war feinen Kirch Singen war, Irische Erde darunter in >°sen Altersi dessen sich di drängten: da ihm tomr Er suchte npies Leben nicht mehr g, "erschollener »en nassen 9 Wen Bögen d>e Augen gl »»lagen auf.- Nmaufn>ärt ^ücke tanztet Mach in de l°°l mit Tör SfPftegten Le haufging tr Gelände ,lc Krawatte '>»» ttinbgefd ' danach 3U d°uszuschcei > über Mthalb '»leeren R< E» war m 9’“9et aus d Nicht nur Tempel und Götterbilder übersäten einst dieses Heiligtum. Außer ihnen fanden sich eine Reihe von Einrichtungen (Aquädukte, Brun- nenhäuschen), die der Herbeiführung und Fassung des zu kultischen Zwecken gebrauchten Wassers dienten. Breite Straßen durchzogen das Tempelfeld; vielfach liegen deren mehrere übereinander: in fruhronuscher, spätrömischer, fränkischer, ja mittelalterlicher Zeit wurde eine über die andere gebaut ober ausgebaut. Unter dem Mithräum fand sich em älteres Gebäude, dessen halbkreisförmig angeorbnete Steinreihen (auf manchen Plätzen sind noch die Namen des Besitzers, d. h. „Abonnenten eingegraben) auf ein frühes Theater schließen lassen, ein zweites Theater wurde in den letzten Tagen an der südlichen Grenze des —empelfeldes angeschnitten; vermutlich dienten sie beide wie alle primitiven Theater zu kultischen Zwecken. Auch Reste von Wohnhäusern, vielleicht Pnester- wohnungen, fanden sich, und im Norden und im Westen ber gesamten Grabung entdeckte man die Abschluhmauern mit einer vorgelagerten Man kann sich, selbst mit der größten Phantasie, kaum vorstellen, welch einen imposanten Anblick diese riesig ausgedehnte Tempelstadt, mit - ihrer Unzahl von Gebäuden, von Säulenhallen, von Götterbildern großen und größten Ausmaßes (meist standen sie frei oder vor ihren Heiligtümern), geboten haben muß. Dabei haben wir bisher fast nur van den Resten ber römischen Zeit — also aus bem 1. bis 4. Jahrhundert n. Ehr. — gesprochen. Gleichzeitig hat der Tempelbezirk aber nicht nur diese außerordentlich räumliche Breite, sondern auch eine geschichtliche Tiefe, die man in diesem Ausmaß bisher überhaupt noch nicht kannte. Daß man bereits in den vier Jahrhunderten römischer Zeit auf diesem Gebiet baute, zerstörte, überbaute ober neue in ältere Gebäude einbaute, wurde schon vermerkt (Theater — Mithräum). In den letzten Jahren der Grabung stieß Professor Loeschke durch die Sohle der augustäischen Zeit bis auf den gewachsenen Boden vor und entdeckte hier eine beträchtliche Anzahl prähistorischer Pfostenlöcher — der sichere Beweis, daß auf diesem Bezirk auch bereits in vorrömischer Zeit Bauten, und zwar Holzbauten, bestanden haben. Neben Bauten mit Wohngruben — also Resten von Wohnbauten — entdeckte man (immer aus der Lage der Pfostenlöcher) Bauten, die genau den gleichen Typ der Steintempel aus römischer Zeit zeigen: ein Beweis dafür, daß hier vor der steinernen Tempelstadt zu römischer Zeit eine hölzerne Tempelstadt der Einheimischen stand, von der die erstere eine größere und prächtigere Nachahmung gewesen sein mag. Man fand Tonscherben aus der Latenezeit, aber auch Bronzemesser, die unzweifelhaft der Hallstattzeit (1000 v.Ehr.) angehören, und sogar Steinbeile der jüngeren Steinzeit. Die Annahme, daß hier schon mehr als 1000 Jahre v. Ehr. ein einheimisches Volk seine Betstätte hatte, ist also durchaus nicht aus der Luft gegriffen. — Wie aber war es in nachrömischer Zeit, nachdem im Jahre 337 die Christen die ganz« Tempelstadt zerstört und ihre prächtigen Götterbilder erbarmungslos zerschlagen hatten, so daß nur ein Rest von ihnen auf uns kam? Frühe fränkische Straßen und auch Häuser, überbaut und eingebaut in die römischen Reste, sprechen von einer weiteren Benutzung der Tempelstadt auch in fränkischer Zeit. Tongeräte aus christlicher Zeit fanden sich, eine Brosche in Kreuzform, päpstliche Bleimarken aus dem 11. und 14. Jahrhundert. Eine christliche Kapelle wurde bisher noch nicht nachgewiesen, aber wer sagt, ob nicht auch sie noch diesem unerschöpflichen 'Gelände abgewonnen wird? Zeigt doch das Volk stets eine besondere Anhänglichkeit an Stätten, die ihm einmal heilig waren; seine Unbefangenheit verehrt in dem Nacheinander verschiedener Götter den einen unbegreiflichen Gott. — Sicher ist eines, und das ist das Faszinierende und schlechterdings Unvergleichliche dieser Ausgrabung: auf dem Gelände im Altbachtal hat mehr als zweitausend Jahre lang eine kontinuierliche (vielleicht immer zu kultischen Zwecken benutzte) Siedlung gestanden. Mehr als zweitausend Jahre lang haben an dieser Stätte Menschen gegraben, geformt, gebaut, zerstört und von neuem angefangen; sie haben bas Frühere verworfen und doch benutzt — im geistigen und materialem Sinn« — nirgends zeigt sich so deutlich wie hier, daß die Geschichte der Menschheit nur kontinuierlich fein kann oder gar ist.