SießenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang MV Montag, den 17.November Nummer 89 An den Mond. Von I. W. von Goethe. Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz; Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild lieber mein Geschick. Jeden Nachklang fühlt mein Herz Froh und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud' und Schmerz In der Einsamkeit. Fließe, fließe lieber Fluß! Nimmer werd' ich froh, So verrauschte Scherz und Kuß, Und die Treue so. Ich besaß es doch einmal. Was so köstlich ist! Daß man doch zu seiner Qual Nimmer es vergißt! Rausche, Fluß, das Tal entlang. Ohne Rast und Ruh, Rausche, flüstre meinem Sang Melodien zu. Wenn du in der Winternacht Wütend überschwillst, Oder um die Frühlingspracht Junger Knospen quillst. Selig, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt, Einen Freund am Busen hält Und mit dem genießt, Was, von Menschen nicht gewußt Oder nicht bedacht. Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht. Als Student auf deutschem Schicksalsboden. Von Albert Erich Schmidt, Gießen. (Schluß.) II*. In der deutschbaltischen Arbeitszentrale zu Riga hängt eine Karte, auf der alle Orte Lettlands eingezeichnet find, in denen Deutsche wohnen. Seien es auch nur einer oder zwei, die Zahl steht in den Ringen. Von Zeit zu Zeit unternehmen der Leiter der Kolonistenabteilung, der Jugendfürsorge usw. Inspektionsreisen auf das Land. An einer solchen nahm ich im März 1929 teil. Wir fuhren nach T u ck u m, einem wahren Zentrum deutscher Nöt. Mittelpunkt des Deutschtums ist der Schuldirektor, der vor seiner Verwundung in der „Schlacht'' bei Wenden — gemeint ist der hinterlistige Raubüberfall der Letten und Esten auf die mit ihnen verbündete Baltische Landeswehr zum Dank dafür, daß diese ihnen die Bolschewiken aus dem Lande vertrieben hatte — ein schneidiger Ka- vallerieosfizier gewesen war. Er zeigte uns Zeichenmappen aus seinen Reiterjahren und schenkte uns eine Lithographie von dem deutschen Hel- denfriedhof, der — hier besonders schön — auf dem Südende einer gewaltigen Moräne gelegen ist. Die weißen Umfassungssteine sieht man schon vom Städtchen aus leuchten. Auf jener lichten und luftigen Höhe stehen die kleinen steinernen Kreuze in langen Reihen und ausgcrichtet wie auf dem Kasernenhof nebeneinander. Unwillkürlich fiel es uns ein: in gleichem Schritt und Tritt ... . Äußer den Kirchen ragen nur zwei Gebäude über die kleinen Holzhäuser empor. Einmal die jetzige deutsche Schule. Sie war noch ein Privathaus, als die Enteignungsgeißel gegen die Balten tobte. Der Besitzer sägte kurz entschlossen sämtliche Balken durch. Daraufhin wurde sein Eigentum gelassen. — Das Rathaus steht auf einem historischen Platz, denn hier ist 1905 die lettische Revolution — das Präludium der darauf folgenden russischen — ausgebrochen, die Hunderten von deutschen * Vgl. den ersten Teil in Nr. 88 vom 14. November. Grundbesitzcrfamilien den Tod oder doch die Vernichtung ihres Eigentums gebracht hat. Wir fuhren nach Kandau, wo wir von Kolonisten erwartet wurden, die uns mit ihren Schlitten nach dem Restgut des Barons K. bringen sollten. — Bei Dunkelheit kommen wir vor dem Herrenhaus an und werden von den Hofhunden recht unfreundlich empfangen. Dann betreten wir das langgedchnte, aber wohl einstöckige Gebäude. Aber warum ist nur alles so schwach beleuchtet? Ach so, hier draußen gibt es noch kein elektrisches Licht. Der junge Baron, eine achtunggebietende Gestalt, hilft uns mit wenig Worten zurecht. Dann sitzen wir zusammen zu Tisch. Auch jetzt werden nicht viel Worte gewechselt. Es ist fast peinlich. Die alte Dame, die noch hinzutzekommen ist, die Mutter dieses Prachtmenschen, der mir jetzt gegenübersitzt, fördert auch nicht recht die Unterhaltung, denn sie ist schwerhörig und wer ihr etwas sagen will, muß ihr geradezu ins Ohr schreien. Aber wozu auch sich unterhalten? Wer in solchem Kreise sitzt, weiß ja schon alles, was hier gesagt werden könnte. Nur einmal an diesem Abend kommt die Unterhaltung einen Augenblick lang in Fluß. Die alte Dame fragt, ob es auch wirklich einwandfrei feststehe, daß die Deutschen eher in diesem Teile Kurlands gewesen seien als die Letten. Man merkt es der Frage an: in einsamen Stunden hat diese deutsche Frau mit dem Gedanken gerungen, ob sie dem Volk, das ihr all dies unsagbare Leid zugefügt hat, nicht doch irgendwie Unrecht tue, wenn sie die fürchterlichste Anklage wider es erhebe. Welch ein Geist beherrschte dieses Haus! Die Mutter: „Die Letten haben uns gesagt, es ginge uns nicht eher besser, bis wir uns auch als Letten fühlen wollten. Aber wir können doch nicht die Gottesgabe unseres Volkstums verleugnen." Als wir uns verabschiedeten: „Es tut mir leid, daß Sie schon weiter wollen. Gäste sind uns Kurländern ein Ge» schenk." Der Sohn: „Und wenn sie uns nur einen Hektar ließen, wir würden von diesem Boden nicht weichen." Das alles ohne Emphase, in der Unterhaltung schlicht dahingesprochene Worte. Auch das letzte. Denn praktisch macht es keinen Unterschied aus, ob man dem deutschen Baron fünfzig oder nur einen Hektar läßt. Das eine wie das andere reicht nicht dazu aus, daß er die in ihm angelegten Kräfte entfalten, feine Lebensaufgabe erfüllen könnte. Die ihm zugemutete Beschränkung seines Tätigkeitskreises läßt ihn langsam verkümmern. Anderntags sammelten wir die deutsche Bauernjugend in die Schule. Der junge Baron, der Jugendpsarrer aus Riga, wir zwei Studenten und diese Bauernjungen und -mädels fühlten uns als Schicksalsgenossen. Der Baron als der Leiter des Bauernjugendvereins (!) sorgt dafür, daß diese jungen Menschen dem Deutschtum nicht verloren gehen, so wie die Baronin die Beraterin der Bäuerinnen ist. Dabei drängt sich keiner der beiden Teile dem anderen auf. Man hat Vertrauen zueinander. Als wir den vereisten Pappelweg, der zur Schule führte, wieder herunterglitten, teilte uns der Baron freudestrahlend mit, daß die zwei nettesten und offenbar auch intelligentesten Bauernkinder, mit denen zusammen gewesen waren, sich feit einigen Tagen „versprochen" hätten. Und dann standen wir eine endlos lange Zeit im freien Feld und warteten auf den Schlitten, der uns zurückbringen sollte. Das erste Schmelzwasser rieselte uns über die Füße, wir hatten Hunger, und es war überhaupt trostlos öde und grenzenlos einfam, wohin man auch blickte. „In einer solchen Nacht", meinte der Pfarrer, „erstürmten die lettischen Schützenregimenter drunten bei Mitau im Schutze weißer Mäntel die deutschen Stellungen und richteten in bekannter Grausamkeit ein furchtbares Blutbad an." Aber er fand jetzt kein Echo. Dann hörte ich ihn ganz unvermittelt an den Baron die Frage richten: .Kennen Sie eigentlich das Gefühl der Furcht?" Ich war ordentlich erschrocken und weiß jetzt noch nicht, was der Baron geantwortet hat. Aber wie konnte man denn auch nur so etwas fragen ?! Dieser Mensch, der hier überhaupt der einzige feste Punkt in der Landschaft war, in der sonst alles in schmutzigem kaltem Grau verschwamm, dieser Mensch mit diesem ungeheuerlichen Schicksal, wie sollte der auch nur noch einen Augenblick dort unbeweglich aufrecht stehen können, wenn er wüßte, was wir Menschenkinder mit den viel sensibleren Nerven Angst oder Furcht heißen? Mir trat der einzelne Grabstein inmitten des Tuckumer Heldenfriedhofs vor das geistige Auge. Da standen die Namen von fünf Heykings darauf, die von den Bolschewiken ermordet worden waren, dann kamen der Vater und der Bruder unseres Barons und dann noch elf andere Namen. Rein, auch die Baronin hatte darum keine Furcht, weil sie jetzt ständig eine Schußwaffe bei sich führte! Sie hatte ja ganz recht, wenn sie allgemein mißtrauisch war. „Einen Jungen hätte ich nicht zu verlieren brauchen. Aber in Deutschland wußte man offenbar nicht, daß es auch Deutsch-Russen gab. Sonst hätte man doch wohl eher die Grenze gesperrt, als der Krieg ausgebrochen war. So aber mußte bei meinem Sohn in dem Widerstreit zwischen Pflicht und Gefühl die Pflicht den Ausschlag geben. Denn schließlich war er ja auch noch russischer Offizier. Er ist dann gleich anfangs in den Karpathen gefallen." Das war für uns Reichsdeutsche nicht angenehm zu hören gewesen. Am anderen Morgen brachen mir auf. „Schon' mir die Pferde", hatte die Baronin ihrem Sohn noch nachgerufen. Es war in der Tat die letzte Schlittenfahrt vor der Schneeschmelze. Und doch die. schönste, die ich mitgemacht habe. Je näher mir dem Meere kamen, desto unbeständiger rnurde die Witterung. Eben mar noch Sonnenschein, gleich darauf verdeckten dicke Nebelschmaden jede Sicht. So ging es in aufregendem Wechsel meiter. Hier und da stießen mir auf eine einsame knorrige Eiche. Nur die Nordspitze Kurlands kennt einige Exemplare dieses im Baltikum sonst ungewöhnlichen Baumes. Unser Baron mar aufgeschlossener als sonst. Einmal knallte hinter uns ein Schuß. Als mir erschreckt herumfuhren, klang uns fein schallendes Lachen entgegen. Der Raubvogel freilich mar auch nicht getroffen. Nur noch einmal rnurde der Baron sehr ernst: Als mir an einer Lichtung vorüberkamen, rno er als sechzehnjähriger Junge der Füsilierung seiner Tante hatte beirnohnen und ihr ein Grab schaufeln müssen. — Am späten Nachmittag kamen mir in Taljen an. Neue Menschen mit den alten NötenI Daß es aber doch neue Menschen mar en, das roirtte im Augenblick irgendwie befreiend. * Ostern 1929. Die Düna ist trotz ihrer Ein-Kilometer-Breite noch immer völlig vereist. Zahlreiche parallele und sich kreuzende Silberstreifen, die von den Stoßschlitten und den sie schiebenden Schlittschuhläufern geglätteten Verbindungsrnege zrnischen beiden Ufern, führen der Stadtverwaltung anschaulich vor Augen, wo neue Brückenbauten am notwendigsten wären. In den Zeitungen steht immer noch nicht, wann der Schiffsverkehr voraussichtlich wieder ausgenommen werden kann. Und dazu rückt der Semesterbeginn in Deutschland in immer bedenklichere Nähe. Es heißt sich jetzt entscheiden. Nun, wenn der finnische Meerbusen gar nicht mehr auftauen will, so ist es halt nichts mit dem so sorgfältig vorbereiteten Abstecher nach Helsingfors! Wir werden uns dann in Estland dafür um so gründlicher schadlos halten. — Die ersten hundert Kilometer Bahnfahrt liegen hinter uns: Wenden. Cesis nennens die Letten. Wer kennt in Deutschland auch nur den Namen dieses Städtchens, des livländischen Marienburg? Hier wartete der letzte große Heermeister des Deutschen Ordens, Walter von Plettenberg, in großer Sorge auf die Antwort, die ihm das heilige Römische Reich auf seinen Hilferuf hin geben würde. Aber Karl V. hatte andere Sorgen. So stand Zar Iwan der Schreckliche eines Tages vor den Mauern; traf er doch dahinter keine Verzweifelten an: auf freien, mutigen Entschluß hin sprengten sich alle Männer und Frauen, die in das feste Schloß geflüchtet waren, samt diesem vor den Augen der erstaunten Russen in die Luft, nachdem sie zuvor noch einmal gemeinsam das Abendmahl gefeiert hatten. Zweihundert Kilometer: Walk, die Stadt der alten livländischen Landtage und heute lettifch-estnischer Grenzort. Quer über die Straßen stehen die rotweißroten und blauschwarzweißen Schlagbäume. Um den Reisenden deutlich zu machen, daß sie sich an einer Landesgrenze befinden, hat der Zug sieben Stunden Aufenthalt, bevor er mit einem Aufgebot von Zoll- und Polizeiorganen die paar hundert Meter von Valka nach Valga hinübersährt. Hier steigt man um, und gleich darauf rattert es in Richtung Dorpat los — mit Brennschieferheizung. Diesen ihren „nationalen" Brennstoff verdanken die Esten deutschen Ingenieuren, die während der Okkupationszeit die Ausbeutung der Gruden bei Kochtel in Angriff nahmen und dort noch heute zum Teil beschäftigt sind. — Wir sehen uns nun im Wagen um — und erschrecken. Diese Mongolengesichter! Es war geradezu beängstigend, in welche Umgebung wir uns ganz plötzlich versetzt sanden. Mit ständig wachsendem Erstaunen flüsterten wir uns jede Neuentdeckung zu. Unsere Aufgeregtheit mußte ordentlich aufsallen. Aber was konnten wir auch dafür, daß der Schaffner, der sich uns langsam näherte, diese typischen «Schlitzaugen besaß, daß bei jenem dort die vorstehenden Backenknochen und die Fellmütze über den Ohren ein ganz eigenartiges Profil ergaben und ich den Kerl in der Ecke als eine Figur aus dem Film „Sturm über Asten" wiederzuerkennen meinte. Dazu dieser immer drückender werdende, schwer auf den Sinnen lastende Oelgeruch. Solch tolles Milieu hatten wir uns am Morgen noch nicht träumen lassen. Draußen hatte sich indessen auch manches geändert. Die Landschaft kam mir jetzt viel freundlicher — skandinavischer, möchte ich sagen — vor. Die Tannenbestände traten den lichten Birkenwäldern gegenüber stark zurück. — Aber was scherte mich jetzt im Grunde genommen die ganze Umgebung drinnen und draußen? Meine Spannung war ja auf ganz etwas anderes gerichtet: Dorpat, du Stadt meiner Sehnsucht von weit her, jetzt endlich sehe ich dich! Aber wirst du auch meinen lebhaften Vorstellungen entsprechen? Ich wurde zufriedengestellt: doch wenigstens einen Abglanz jener alten glücklichen Zeit, von der ich seit langem so manche trauliche Geschichte kannte, durfte ich schauen. Wo steht das Wohnhaus Ludwig Schwabes, von dem er so reizend zu erzählen weiß, wo lebten und wirkten der Chirurg von Bergmann, die Anatomen von Baer und Räuber, die Theologen von Dettingen, Reinhold Seeberg und Adolf Har- nack? Wie im Rausch stürmte ich durch die Straßen zur blendend weihen säulengeschmückten Universität, deren erster Kurator Goethes Jugendfreund Maximilian Klinger gewesen war, auf den Somberg, dessen sonst ausgebrannte Kathedrale in ihrem Dftteil die Universitätsbibliothek birgt, hinüber zu der durch ihr großes Teleskop einst so berühmten Sternwarte und dann wieder hinab an den schiffbaren Embach, der so manche verschwiegene Mondscheinpartie gesehen hat. Dorpat, du deutscheste Stadt des Baltenlandes! Ressource, Muße, „Novum" (der Mensur- und Kneiport), was erzählen alle diese Namen! CasS Wattmann, unentbehrlich zu gemütvollen Stunden. Woran sollte es noch fehlen, damit die ganze besinnliche Atmosphäre der kleinen deutschen Universitätsstadt hergestellt werde? Ich hatte übergroßes Glück: Einen „Völkerkommersch" der deutschen Korporationen, nein, aller irgendwie zum akademischen Leben in Beziehung stehender „Dörptscher" — und das sind so ziemlich alle —, wie er in den letzten zehn Unglücksjahren nicht mehr stattgefunden hatte, durfte ich in all seiner bunten Bewegtheit miterleben. Und das Finale: Nächtlich bei niederrieselndem Schnee wandere ich mit einem der wenigen heute noch beamteten deutschen Professoren über den Domberg und durch die umliegenden Straßen. Jedes Haus hat feine Geschichte, und sie entrollt sich mir in lebendigen Farben. Schmerzlich nur, daß eben alles Geschichte ist. — Und dann Reval. Das nordische Nürnberg heißt es nicht mit Unrecht. Baron Stahl führte uns an zwei Vormittagen durch die historische Stadt. Vor dem Schwarzhäupterhaus, dem einzigen Gildengebäude, das man den Eigentümern gelassen, machen mir halt. „Beachten Sie doch die Wappen der vier Hansaniederlassungen London, Bergen, Wisby auf Gotland und Nischni-Nowgorod", sagt unser Führer mit bitterer Ironie. — Auch Reval hat seinen „Dom", von dem aus es gewohnt ist, die Gesetze seiner Gebieter entgegenzunehmen. Von stolzer, weithin vom Meer aus sichtbarer Höhe flattert heute die estnische, wie vordem die russische, schwedische, deutsche und dänische Flagge. Auf engem Raum drängen sich hier das gewaltige Ordensschloh, der in seiner Geschichte mit dem Schicksal der estländisch-deutschen Ritterschaft eng verbundene Dom und die mit fünf vergoldeten Zwiebeln gekrönte russische Kathedrale zusammen. Den Esten „blieb also nichts anderes übrig", als Schloß und Dom zu enteignen und eine bis jetzt zwar noch ausgeblichene Gelegenheit abzuwarten, um die Kathedrale niederzureißen, damit ihrem Staatspräsidenten nicht länger „die Aussicht versperrt wird". Zwischen zwei Privathäusern hindurch hat man hier einen unvergleichlich schönen Ausblick auf die See. Wenn einem nur solch ein Erlebnis nicht gleich wieder durch bittere historische Reminiszenzen vergällt werden würde! „Sie wissen, auf dieser Reede ... Drüben in den finnischen Schären fand am 25. Juli 1905 Jene trotz aller augenblicklichen Erleichterung in ihrem Endeffekt doch so grausam ergebnislose Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus statt." Mit Revaler Mädels fuhren wir zum Rusfolkadenkmal hinaus. Puh, diese Kälte! „Aber Sie dürfen auch nicht vergessen, daß Sie 450 Kilometer Bahnfahrt hinter sich haben." Hinter dieser Ciswüste liegt also Helsing- fors. Nur vier Stunden Dampferfahrt weit. Schade. — Aber dieser bronzenen Engel am Strand, wo deutet er hin? Ein Erinnerungsmai für ein im Frieden gesunkenes russisches Kriegsschiff. „Das Vaterland vergißt euch nicht." Aber wenn sich das Vaterland selber vergessen hat?! Je besser es uns in Reval gefiel, desto mehr bedrückte uns die Sorge um unsere nächste Zukunft. Da nämlich der Grenzbehörde unglücklicherweise ihr Verlangen, unseren Reisepaß mit einem neuerlichen Sichtvermerk zu verzieren, nicht erfüllt worden war, waren wir nun unserer Pässe beraubt, standen unter Polizeiaufsicht, ja, unsere Anwesenheit war aus diesem Anlaß durch eine Notiz unter der Rubrik „Schicksal und Verbrechen" für uns kostenlos in der Tagespresse betanntgegeben worden. Als wir „Bolschewiken" oder „Kokainschmuggler" dann schließlich frei- gegeben waren, stand unser Entschluß fest, nun erst recht auch einmal an die russische Grenze zu fahren. Gegen Mitternacht trafen wir auf dem Bahnhof ein. Tallin—-Lenin- grab (Reval-Petersburg würden wir sagen) stand an den Wagen. — Bei Nacht reift man im Osten auch in der Holzklafse bequem. Ueber den Sitzplätzen ist ein weiteres Brett angebracht, das man dann allgemein heraufklappt und so reine Schlafwagenzüge schafft. Für mich freilich gab es die ersehnte Ruhe zunächst noch nicht. „Wollen Sie wirklich nach Rußland reifen?" Nun ja, diese Frage ist verständlich. Aber ich bin doch zu sehr vorsichtig gemacht, um mich mit diesem weltfremden Menschen da in eine Unterhaltung einzulassen, wie er wohl gern möchte. Dis Taps also heißt es sich den Schlaf aus den Augen reiben. Endlich kommen wir dort an. Aber ich muh meinen interessierten Reisegenossen erst mehrmals daran erinnern, daß er hier zu Hause ist. Erst als der Zug schon wieder im Anfahren ist, springt er heraus. Die Unterhaltung von ein paar estnischen Bauern in ihrer wohlklingenden Sprache macht mich wach. „Gibt es draußen was Neues? „Schnee", kommt es von dem Brett gegenüber zurück. Ein Blick auf die Karte. Nein, hier kann auch wirklich nichts zu sehen sein. Nach Taps kommt noch Wesenberg und bann nichts mehr. — Dann aber wird es Zeit Noch einmal habe ich einem prüfenden Augenpaar zu begegnen. Ader auf die ganze lange, mir natürlich unverständliche Frage des estnischen Militärs habe ich nur das eine Wort „Narva". Und dann sind wir da. „Komm' hierher, hier sieht man bereits alles!" In der Tat schoben sich jetzt die beiden Burgen vor dem frostroten Morgenhimmel und hinter einer vollkommen niedergebrannten Stadt in die Höhe. Hier hatte her Krieg erst 1920 geendet. In der Neujahrsnacht war das letzte schwere Bombardement über der unglücklichen Grenzstadt niedergegangen. Narva! Viel wäre zu erzählen; aber das alles würde ja nur verhindern, daß der Blick auf dies eine große Erlebnis konzentriert werden kann, das jeden Besucher für die Stunden feines Aufenthaltes ganz gefangen nimmt: Auf {teilen Userrändern, getrennt durch die tief ins Gestein sich wühlende und in wilden Strudeln herabsturzende Narowa, stehen sie sich dräuend gegenüber — die Hermannseste uno Iwangorod. Sie atmen das Leben zweier verschiedener Welten, oen, wenn auch auf engem Raum, stolz in die Höhe strebenden germanischen Geist und die im Bewußtsein unendlicher Weite schwer und breit über die Ebene hingelagerte slawische Seele. Hier hat bas Abendland seine endgültige Grenze. — Hinauf auf den Turm! Hinter Iwangorod eine pch ins Unendliche verlierende gerade Linie — die Straße nach St. steter - bürg. Alles andere geht in der monotonen Einsamkeit der an dem unklaren Horizont mit dem Himmelsgrau verschmelzenden ewigen Schneefläche verloren. — Wie aus unsagbar weiter Ferne tritt es jetzt wieoer in mein Bewußtsein ein: jenes erste Erlebnis der nordischen Ebene m dem schweren Ernst der märkischen Landschaft. Vielmals verstärkt, wie zu einer gewaltigen Symphonie rauscht es jetzt empor, um bei dem Gedanken an Walter Flexens einsames Grab drüben auf Oesel doch roteo in die schlichten alten Verse auszuklingen, die mir der hämmernde NYM mus des Zuges, der mich vor dreiviertel Jahren durch Thüringen i wärts führte, nicht aus den Ohren kommen lieh: „Nach Ostland wollen wir reiten. Nach Ostland wollen wir gehn, Wohl über die grüne Heiden, Da werden wir besser uns stehn!" Als ich mich endlich von diesem Ausblick abzuwenden vermag, sehe ich, daß der begleitende Militär schon ungeduldig geworden ist. Mit rückwärts gewandtem Blick steige ich die zahlreichen Stufen zur Altstadt empor. Was aber in aller Welt ist das plötzlich für eine Beleuchtung? Den frühen Hereinbruch der Nacht anzumelden, ist der Abendhimmel bis zum Zemt hinauf in blutiges Rot getaucht. Eine Drohung Rußlands an den Westen? Oer Dichter und das Erlebnis. Ein unbekanntes Gespräch Goethes mit Eckermann. Von Paul Ernst. Das Buch „Erdachte Gespräche" von Paul Ernst, das bei Georg Müller in München erscheint, führt die bedeutendsten Gestalten der Weltgeschichte in Gesprächen über die wesentlichen Probleme vor. Davon geben wir mit Erlaubnis des Verlags hier eine Probe. Den 29. Februar 1824. Heute traf ich Goethe in seinem Arbeitszimmer in verdrießlicher Laune auf- und abgehend. Im Fensterbrett lag ein Merkchen, auf welches er stumm mit dem Finger deutete. Ich betrachtete es und fand, daß es eine Untersuchung eines jungen Gelehrten über die Sesenheimer Erlebnisse Goethes und die Persönlichkeit der Friederike Brion enthielt. „Das hat man nun davon", sagte er, „wenn man den Philistern sein Herz aufschließt. Ich habe immer viel und leidenschaftlich erlebt. In meiner Jugend schrieb ich den .Weither' und gab freilich in dem Merkchen viel zu viel von meinem persönlichen Empfinden, denn in der Jugend kann man das Zufällige und Notwendige in seiner Persönlichkeit noch nicht genügend voneinanderhalten. Da haben sie sich verwundert, daß ich mich nicht auch totgeschossen habe, wie der Narr. Als die .Iphigenie' gedruckt war, da fand das Publikum das Werk kalt und blutleer, denn inzwischen hatte ich gelernt, ideale Charaktere zu gestalten, die man denn zwar nicht an den Biertischen der Männer oder in den Kaffeezirkeln des Frauenzimmers findet. Dieses Werk kalt, das aus der leidenschaftlichsten Liebe geflossen ist die ich je gehabt habe! Freilich habe ich das nicht mehr erzählt, daß Iphigenie mir Fenstervorhänge gehäkelt hat, oder daß ich Iphigenien einen Napfkuchen geschickt habe. Noch heute, wo meine Liebe längst vergangen ist, werde ich bis ins Innerste erschüttert, wenn ich das Stück nur in die Hand nehme; ich mag es nicht mehr lesen, ich mag solche Erschütterungen nicht!" Ich hatte Goethe noch nie so erregt gesehen, und ich erschrak vor dem Blitzen seiner Augen. „Was hat der Mensch in meinem Leben zu schnüffeln! Das ist eine Frechheit, eine Achtungslosigkeit, wie sie nur die Deutschen haben. Und dabei meint er mich noch gar zu ehren! Er hat mir seine Schrift selber geschickt." Ich wagte ihm einzuwerfen, daß der Grund vielleicht in dem Bemühen zu suchen sei, das geheimnisvolle Wirken der Phantasie zu erkennen. „In solchem Bemühen finde ich eben den deutschen Spießbürger, der niemals eine Ahnung davon verspüren wird, was Dichtung ist. Diesen Mangel nennt er dann wissenschaftlichen Sinn. Wenn ich meine Schriften durchsehe, so kenne ich für meine eigene Person natürlich ganz genau die Beziehungen zu meinen persönlichen Erlebnissen; aber da man nie ein Erlebnis in seiner törichten Wirklichkeit darstellen kann, so bedeutet das Einzelne, welches die nächste Veranlassung der Dichtung war, in den meisten Fällen sehr wenig. Durch einen als Dichter bewußt lebenden Menschen wird es überhaupt schon gedichtet, wenn es erlebt wird, wird in einer bestimmten zweckmäßigen Veränderung aufgenommen, von welcher der Philister naturgemäß schon gar nichts ahnen kann. Wenn dieser einfältige Gelehrte weiß, daß ich an einem Abend aus meinem Gartenhaus ging, daß Nebel war, und der Mond in einer gewissen Höhe stand, da hat er das Erlebnis für meine Verse .Füllest wieder Busch und Tal'. Was nützt ihm denn das? Ich kann das erleben, daß ein Gedicht entsteht, und er nicht. Wenn er Goethe wäre, so könnte er es erleben, aber dann hätte er Wichtigeres zu tun, als anderer Leute Privatangelegenheiten zu durchwühlen. Was hat dieser Mensch über Friederike Brion geschrieben? Es ist schändlich." Goethes Stimme stockte, und seine Augen füllten sich mit Tränen. „3d) schäme mich nicht, ich alter Mann, daß ich meine, wenn ich an die Zeit in Sesenheim denke. Friederike soll nach mir noch einen anderen Mann geliebt haben; der Mensch hat die alten Kirchenbücher durchsucht und behauptet, sie habe noch ein uneheliches Kind gehabt. Wenn das wahr ist, !° will ich mich freuen, daß sie noch einmal in ihrem Leben das große Glück empunben hat, daß sie einmal das Allerhöchste empfand, das eine tfrau empfinden kann: ein Kind von einem geliebten Mann zu pflegen. Weshalb muß das in die Oeffentlichkeit gezerrt werden, weshalb muß Ifder gemeine Mensch nun sagen können: sie war ja auch so eine, wie wir [mb! Weshalb? Weil sie ein paar Monate mit mir glücklich war, unb weil '4 Tor biesern elenben Volk Schönes zu schenken dachte, wenn ich von unserem Jugenbglück erzählte, das so kurz währte, wie ein solches Glück eben währen kann, wenn nicht der Ueberdruß und die Gleichgültigkeit kommen sollen. Weiß dieses Volk denn, wie teuer unsereins solche Monate bezahlt? Ein Weib ist ein bewegliches Wesen, ein liebendes Weib ist in hohem Maße bas Geschöpf bes Geliebten, unb je bebeutenber der Geliebte in desto höherem Maße ist sie das: ist es doch die höchste Seligkeit des Mannes, sich selbst in der Geliebten wieberzufinden. Unb wenn noch irgend «was Jrbisches, Frembes da sein sollte: auch bas verschwindet in der r*1» • un®' b*e der Liebende von der Geliebten hat. Was ist die Wirk- unscP.alter Mann weiß sehr wohl, bah Frieberike nur an Töpfe no Strickstrümpfe gedacht hätte, wenn sie so einen Philister geliebt hätte, ^az war sie in Wirklichkeit vor meiner Liebe, nach ihr? Ich wünsche der Guten alles Gute, alles Schöne: aber was sie vorher und nachher war, was geht mich das an? Als ich sie lieote, da war sie mein Gedicht." Jetzt rollten ihm große Tränen die Wange hinab. „Nun wird ein anderer Mensch kommen und nochmals schnüffeln und nachweisen, daß der Erste unrecht hatte, und daß Friederike nur mich geliebt hat. Oh, welche Schande, welche Schande! Ich habe mich immer nach der Natur gesehnt, mein ganzes Leben, hier hatte ich sie, hier hielt ich sie. Weshalb muß mir auch das beschmutzt werden durch die menschliche Gemeinheit. — Schweigen Sie, es ist nicht Dummheit, es ist Gemeinheit, welche den tiefsten Grund in der Seele des Philisters ausmacht. Hatte ich nicht auf den Titel meines Buches gesetzt, daß es Wahrheit und Dichtung enthielt — nun muß dieses Pack kommen und s e i n e Wahrheit darstellen, sein Philistertum und seine Gemeinheit. Wie beneide ich Schiller! Er hatte den Hochmut, mit dem man diese Kanaille behandeln muß, von seinem Erleben werden die Leute nichts in feinen Schriften aufspüren." Der Schlund. Roman von Alsted Bock. (Forlsegung.) Ich kenne manchen, der lieber hungert, als daß er hamstert. Alle Achtung vor so einem Mann! Wer macht denn bei uns jetzt die großen Zechen? Die besseren Leute? Gott bewahre! Grüne Jungen, die in den Munitionsfabriken haarsträubend viel Geld verdienen. Natürlich bringen sie ausgewachsene Mädels mit, die sich schämen sollten, mit den Lausejungen zu verkehren. Daß einer an einem Abend drei-, vierhundert Mark draufgehen läßt, ist keine Seltenheit. Ich hab es mit angesehen, wie so ein Lapps einen Zweimarkschein als Fidibus für seine Zigarette benutzte. Zehn Mark Trinkgeld — bah! eine Kleinigkeit! Na ja, man nimmt’s, aber s geht einem gegen die Ehre. Wohin führen die Zustände? Zum Verfall. Wir werden den Kladderadatsch noch erleben!" „Die Väter von den Rotzjungen stehn im Feld", sagte der Speckmichel, „die Mütter haben kein Nummero. Freilich darf man die Bürschi net all über ein' Kamm scheren. Ich kenn hier zwei — ’s sind Brüder — die gehn nach Wetzlar in die Munitionsfabrik. Unb geben kein' Nickel zuviel aus. Und haben ein’ Haufen Geld auf der Kaff'!" Der Oberkellner hob die Hand. „Das müssen weiße Raben sein!" Draußen wurde laut ans Hoftor gepocht. Der Speckmichel erblaßte. „Kreuzsakrament, der Gendarm!" stieß er heraus. Sogleich wurden die Lichter in der Scheune gelöscht. Der Bauer ging, das Hoftor zu öffnen. All die Zeit hatte er Glück gehabt. Jetzt fiel er herein. Donnerschlag noch emal! Das kostete ein Heidengeld! Er schloß auf. Vor ihm stand sein Sohn, der Lipps, ein breitschulteriger Artillerist. „Gu'n Abend, Vater!" 1 Der Speckmichel riß die Augen auf. „Brammenot, der Lipps! Ei, wo kommst du bann her?" „Direkt aus bem Selb!" „Unb bist gesund?" „No, wie man’s nimmt. Ich bin gestürzt unb hab mir bas Knie verrenkt. Ich schnapp. Sie haben mich heimgeschickt. Sie können mich net mehr brauchen!" „Gott sei Dank!" rief ber Speckmichel. „Wann bas beine Mutter bock) erlebt Hütt'!" Der Lipps trat in ben Hof. Er hinkte beträchtlich. „Willst du dann noch was essen?" fragte der Bauer. „Nee, ich hab in der Stadt gessen", antwortete ber Soldat. „So! Ich schätz, du bist müb." „Das tut die Aufregung." „Was macht bann die Scheck?" „Eine Zeitlang dachte man, sie ging kaputt. Sie hat's aber durchge- riffen unb hat etz einen ewigen Hunger." „Das ist mir lieb." Der Speckmichel wies auf bas Wohnhaus. „Deine Stub ist parat. Ich hab noch was in ber Scheuer zu richten." Der Lipps zog bie Brauen hoch. „Mitten in ber Nacht?" „Jawohl! Geh mit, ba wirst bu’s gewahr!" Der Bauer schritt voran unb steckte in ber Scheune wieder die Kerzen an. Betroffen erblickte der Lipps am Krummholz bas geschlachtete Schwein, bie Schüsseln voll Blut unb das Schlachtgerät. Der Metzger unb ber Oberkellner kamen aus bem Hintergrund. Ohne auf ihre Begrüßung ein Wort zu erwidern, maß sie der Heimgekehrte von Kopf bis zu Fuß und verließ mit finstrem Gesicht ben Raum. In ben nächsten Tagen hielt der Lipps auf dem väterlichen Hof Umschau. Nachdem er sich über den Schleichhandel, wie er hier blühte, genugsam unterrichtet hatte, trat er vor ben Vater unb sprach: „Wie bie Vagabunden sst schwarz machen unb beschuppen, hab ich brauß' erlebt. Unb hab gedacht: was mich net brennt, lösch ich net. Gegen die Nixnutzigkeit da kommt auch feine an. Hier bin ich bebei interessiert. Ihr schmeißt euch selber auf Maul. Das Felb hat Augen, unb die Hecken haben Ohren. Wann sie Euch langen, spaziert Ihr ins Kittchen!" Der Speckmichel knarpelte mit den Zähnen. „Bang machen gilt net! Bild dir net ein, wie du bie Sach bekart'st, wär's- recht. Sie wollen's in ber Stabt net anbers haben. Der Bauer wird geschnellt und schnellt wieder. läufig Mark haben sie mir für mein’ Fuchs geben. Dreitausig Mark muß ich für ben neuen Gaul auf bie Zünbpsann legen. Wo ist ba bie Gerechtigkeit? Vieh aufziehen, Weizen - Druck und Verlag: Brühl'fche UniversitätS^Vuch-. und Steindruckerei. Jt. Lange, Gießen. Verantwortlich: vr. HanS Thyriot. Nach schweren Kämpfen liegen wir nun im Ruhequartier. Es ist ein großes Dorf. Nur wenige Häuser sind zerschossen. Ich bin mit zwei Kameraden bei einem echten, rechten Bauer untergekommen. Er ist ein bißchen ein Trämpler, aber sonst ein stiller, braver Mann. Er hatte ein drei Wochen altes Kalb. Das fing an zu husten. Er machte nicht viel daraus. Da ging auch bei seinen zwei Kühen das Keuchen los. Unser Veterinär untersuchte die Tiere und sagte, es wäre Lungenseuche. Und da ist zuerst das Kalh gestochen und vergraben worden und hernach auch die zwei Kühe. Der Bauer hatte kein Stück Anspannvieh mehr. Es war aber die Ausstellzeit für die Wintersaaf, und der Dung mußte auf die Felder gefahren werden. Dem Mann seine Not war groß. Da haben sich die Nachbarn für ihn zusammengetan, haben den Dung hinausgeschasst und haben auch dem Mann seine Aecker bestellt. Das habe ich gesehen und habe gedacht, es gibt auch unter den Franzosen gute Menschen. Wir liegen jetzt so weit zurück, daß wir von Kanonendonner und Maschinengewehrfeuer wenig hören. Nun muß ich Dir sagen, daß der Zimemrmannshermann durch eine Mine im Schützengraben schwer verwundet ist. Denke Dir, eine alte Frau hat mir die Karten gelegt. Sie sagt, ich täte gesund bleiben. Ich habe eine große Sehnsucht nach Haus. Von meinem Fenster sehe ich einen Acker, er geht sacht in die Höhe, akkurat wie bet uns der hohe Rain. Hast Du wieder den Pferch gepachtet? Den sauren Aeckern tut's doch helfen. Ich klage nicht, wenn auch die Verpflegung gar oft zu wünschen übrig läßt. Mein Korporalschaftsführer Schröder spricht gut fran- zösisch. Er ist bei einem reichen Bauer im Quartier. Der hat einen Bruder im Ort. Zwischen den zwei ist Feindschaft. Wie die Eltern starben, sind sie wegen der Erbschaft hintereinandergekommen. Es ist also auch hier so: ob Geschwister sich gern haben, erfährt man erst, wenn sie das elterliche Vermögen teilen. Wir haben bei der Kompanie einen Gemeinschaftsmann. Weißt Du, einen von denen, wie sie in Beuern und Hossehausen wohnen. Und der lamentiert und spricht, daß er als Christ an den Kriegsgreueln nicht teilnehmen darf. Und da ist unser Feldgeistlicher bei ihn gegangen und hat gesprochen, wofür wir kämpften, das wäre unserm Herrgott seine Sache, er hätte den Fahneneid geschworen und müßte Gehorsam leisten.. Die Unschuldigen, die der Ärieg in Elend und Tod stürzte, wären gewiß zu bedauern. Wir müßten aber unferm Herrgott vertrauen, daß er alles zum Besten leitet und, wenn es Zeit ist, den Krieg beendet. Darauf hat der Gemeinfchaftsmann gesprochen: ,Wie stimmt Christus mit Belial? Herr Pfarrer, Sie haben einen langen Text, aber Sie haben ein andres Christentum als Christus!' Jetzt in der Ruhestellung freut man sich über jede Blume und über ein bißchen Grün. Zu Haus hat man darauf nicht Obacht gegeben und hat doch auch aus zwei Augen geguckt und ist auf zwei Beinen gegangen. Liebe Mutter, glaubst Du, daß wir uns Wiedersehen? Ich glaube fest daran. Wenn ich in den Stall komme, dreht der Mohr den Kopf nach mir herum. Das soll eine Freude geben. Es grüßt Dein treuer Sohn Renner. Das las die Eulerskett ihrem Pflegling vor. Und sie erzählte von ihrem Sohn. Sein Sinn ruhte nicht. Die Arbeitsader hatte er von seinem Vater geerbt. In der Erntezeit sah er richtig abgegualt aus Er nahm s so wichtig, als wenn er dreimal zu schneiden hatte. Stellte sich ein Taglöhner beim Dreschen ungeschickt an, wollte der Henner aus dem Häuschen fahren. Er war Überhaupt ein Brausekopf, der leicht etwas auf die Spitze trieb. War aber die Hitze verflogen, war er sanft rote ein Canum dien, daß man ihn um den kleinen Finger wickeln konnte Sein bester Freund war der Linkersseppel, des Wagnermeisters Jüngster, der hatte auch draußen sein Leben lassen müssen. Wenn die Landwirtschaft ruhte, las der Henner seiner Mutter vor. Die Bücher holte er aus der Stabt. Er las ein Buch mehrmal, glaubte nicht ohne werteres, roas da gedruckt stand, sondern führte feine eigene Meinung ins Feld. Es war eine Lust, ihm zuzuhören. All ihre Hoffnungen hatte die Eulerskett auf ihren Sohn gefetzt. Die hatte fein Tod nun zunichte gemacht. Der Paul Herwig war mäuschenstill, nahm jedes Wort in sich auf. Nachts warf er sich unruhig in feinem Bett hin und her. Ihm träumte, er war im fernen Frankreich auf einer fruchtbaren Ebene. 2wei Bauern pflügten benachbarte Aecker. Er grüßte sie freundlich, sie würdigten ihn keines Blicks. Da trat ein Jäger an feine Seite und sprach: „Das sind die feindlichen Brüder. Früher hatten sie ein Herz unb einen Sinn, letzt lieben sie sich wie Messerspitzen!" Er schritt mit dem Jager weiter. Sie tarnen über weite Wiesen. Darauf blühten Hahnenfuß und Löwenzahn. Allmählich erftarben die bunten Farben. Das Land wurue burrr unob. Ein atembeengender Dunst hüllte die Wandernden em. Vor .sich sahen sie Erdwall an Erdwall, Grube an Grube. Kanonen unb Haubitzen streck en ihre schwarzen Hälse bem Feind entgegen. In der Ferne Uesen eolbakii wie Ameisen hin und her. Weiter ging’s, immer weiter. Salven krackt n Hinter einer Deckung kam ein junger Soldat hervor. Er hatte em Bin mensträußchen an seinen Helm gesteckt. Und er sprach: ,Mun gehtlos! Ich habe große Sehnsucht nach heim. Glaubt ihr,,daß ich weine Mutter wieberseh? Ich glaub fest daran!" Kaum daß er s gefprodjen, traf d)n ein Kopfschuß, unb er schlug hin. Der Jäger fang mit einer traurigen Stimme: „Die Brüder, dickst gesät, liegen wie gemäht! Paul Herwig erwachte. In seine Kammer schien die helle Sonne Roch ganz benommen stand er auf. kleidete sich an und ging an Arbeit" Er reinigte, wie er jeden Morgen tat, Hof und Stall, ^.ann begab er sich zum Lehrer. Der war gerade beim Frühstück. „Herr Lehrer", hob der Paul an, „ich bin der Tante Eulerskett großen Dank schuldig. Ich möchte ihr eine Freude wachen- Ich weiß, wo sie ° ° Briese von ihrem Henner aufgehoben hat. Die mochte ich in «m sch Buch schreiben. Das möchte ich ihr zum Geburtstag schenken. Wollen b>e wohl so freundlich sein und mir ein Album besorgen? „Herzlich gern, mein Sohn!" Am selben Tag ging der Lehrer in die Stadt, ein hübsches Geden - buch für den Paiil Herwig zu kaufen. Der schrieb nun in aller Stil Brief um Bries des Gefallenen sauber ab unb brachte em Geschenk o Pflegemutter an ihrem Geburtstag bar. Da schloß sie ihn in ihre unb küßte ihn. ... . Was die schlichte Bauersfrau verständig und gütig in bas cmp anglW Gemüt des Stabtiungen pflanzte, trieb Blüten »nb Fruchte. Wenn eines Tags von ihr schied, wenn ihn weitab vom Dorf bas Leben bei v Hand nahm, die Eulerskett, bas fühlte er, würde er nie vergeßen. (Fortsetzung folgt.) _____________. tauen können sie net. Früher haben sie den Bauersmann nst äftemterf. Alleweil, wo sie sich net mehr steif fressen können, bringen sie's fertig, daß sie mit uns schmusen und tragen die hohe Preise aufs Land. Ein Narr, wer's net herauslausen tut’" „Der Bauersmann lebt vom eigenen Schmalz und das ist fein Stolz!" sagte der Lipps, den Hals reckend. „He hat's net nötig, daß er einem den Berzel schmiert. He braucht aber auch fein’ zu beschummeln. Ihr macht eine ganze Leier her Bei mir, Vater, verfangt das net. Was Ihr Euch einbrockt, eßt Ihr aus. Ich duld den Beschores net auf bem Hof. Hört Ihr net babemtt auf, zeig ich Euch an!" Der Speckmichel spie Feuer. „Hund, verfluchter!" schrie er, die Arme erhebend, „das tränt ich dir ein!" Er wandte dem Lipps den Rücken. — Ein paar Tage lang sprach der Bauer kein Wort mit seinem Sohn. Dessen Drohung aber ging ihm nach. Der Lipps war schon flügge gewesen, eh er Federn hatte. Den Selbmältigen hatte der Vater zu wenig abgehauen. Ehrfurcht vor dem Alter kannte der Garstvogel nicht. Der Krieg hatte ihn völlig rebellisch gemacht. Der Ritz war da. Es verschlug dem Rüpel nichts, er ging ans Gericht und zeigte den eignen Vater an. Da mußte man sich salvieren. Der Speckmichel brach sein Schweigen. „Horch zu, Lipps", sprach er kurzatmig. „Daß ich's war, der dir den Schrupper gemacht hat, das ist bei dir ausgetan. Jeder ist, wie ihn unser Herrgott gemacht hat. Da ist nix dran zu ändern. Und jeder macht’s nach seinem Kopf. Ich hab mir's überlegt. Net, daß ich ins Heu vor dir kriech Gott bewahr! Aber ich mag kein' Ausstoß. Du hast die Aelte, ich geb dir das Werk. Das heißt: 's wird reine Rechnung gemacht. Ich behalt soviel, daß ich leben kann!" Der Lipps war's zufrieden unb übernahm den Hof. Beim Ackerbau, bei der Viehzucht zog er aus allen Fortschritten Nutzen. Sein Werk paßte er der Kriegszeit an und hielt ohne Wank an den Verordnungen fest. Der Speckmichel saß nun als Auszügler da, hatte jede Woche sieben Feiertage. Das ging ihm wider den Strich. Mit einer alten Gewohnheit, bedachte er, soll man net brechen. Er kaufte in den Ortschaften Lebensmittel auf, hatte feine Abnehmer in der Stadt und trieb außer dem Haus den Schleichhandel weiter. • Der Verlust ihres Sohnes hatte die Eulerskett, der Wecklersanna Hauswirtin, nickst hart unb murrsinnig gemacht. Am Wohl und Wehe andrer teilzunehmen, war ihr ein Trost und eine Beruhigung. Aus Dortmund war ihr ein blahwcmgiger, nervöser Junge, Paul Herwig, in Pflege gegeben worben. Er war der Sohn eines Schauspielers, der im Krieg sein Leben eingebüßt hatte. Auch die Mutter war gestorben. Das arme Bürschchen, das in der Familie eines Dortmunder Agenten untergebracht worden war, hatte dort trübe Jahre durchlebt. Der Pflegevater, der sich auf- bties und den Ehrenmann spielte, verjubelte, was er verdiente. Seine Frau mußte die Kosten des Haushalts mit einem kleinen Zuschuß ihrer Eltern und Arbeiten für ein Damenkleidergeschäst bestreiten. Der Pflegling über das Geschrei unb Geschirnps der Eheleute entsetzt, floh auf die Straße. Das Taschengeld, das er von seinem Vormund bekam, trug er ins Kino, wo er in atemloser Erregung den Vorführungen folgte. Bem • überreizten, durch klägliche Kost geschwächten Jungen erwirkte der Arzt den Landaufenthalt. In der ersten Zeit war er so abgemattet, daß er, wiewohl guten Willens, nicht die leichteste Arbeit verrichten konnte. Unter der sorgsamen Pflege der Eulerskett erholte er sich. Den Verwahrlosten gewöhnte sie an Ordnung unb Reinlichkeit. Er wollte nun auch tätig und seiner Pflegerin behilflich sein. Dazu hatte er Gelegenheit. Er schasste im Garten und im Feld, zeigte sich geschickt und anstellig. Die Bewegung in der freien Luft stählte seinen Körper, die geregelte Beschäftigung gab ihm neuen Lebensmut. Die Bäurin erwarb des Stadtjungen Vertrauen, daß er ihr fein Herz aufschloß. Sein Vater hatte einer wandernden Schauspielertruppe angehört. Als Bub von zehn Jahren hatte der Paul den Vater in Soest auf der Bühne gesehen. Der Künstler gab einen Rauber- bauptmann und wurde laut beklatscht. „Wer das Theater einmal anrührt", pflegte der Vater Herwig zu sagen, „der kommt nicht mehr davon los!" Auch Frau Herwig war jahrelang am Schauspielhaus in Dortmund angestellt, bis ein Lungenleiden sie zwang, ihrer Buhnentätigkeit zu entsagen. In dem Paul pulste Theaterblut. Sein Vormund wünschte, er solle den Beruf des Kaufmanns wählen, er war dagegen entschlossen, Schauspieler zu werben. Wenn er abenbs bei der Tante Eulerskett saß, wurde die Erinnerung an das Kino in ihm wach. Platte Späße, Albernheiten hatten ihn kalt gelassen, wohl aber hatten Kriminalbramen, Verbrecherszenen, ganz besonders die Streifzüge der Geheimpolizisten gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Was er gesehen, trug er der Pflegemutter so lebendig vor, daß diese eine Gänsehaut überlief. Sie war einmal gegen Abend in der Kreisstadt gewesen, hatte beobachtet, wie sick) die Menschen ins Lichtspielhaus drängten. Daß die Stabtleute jetzt in der Kriegszeit, da die Soldaten in den Schützengräben lagen, da die Welt von Blut triefte, bem Vergnügen nachjagten, das begriff sie nicht. Dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, suchte st- b n letzten Brief hervor, den ihr Sohn, der Henner, acht Tage vor seinem Tob aus dem Feld an sie geschrieben hatte. Sie las ihn ihrem Pflegling vor. „Liebe Mutter!