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So sollst du sein: Wie ein Kind, Das aus Tag und Dacht, Sonne, Degen und Wind Sich ein Spielzeug macht! II. Was uns nottut? - O, im harten Ringen Mit dem Heer von kleinen Alltagsdingen Offne Augen und geschärfte Klingen.— And zur Dacht, wenn mit verbrannten Schwingen Auf die Walstatt müder Abend sinkt, Schlaf ins Herz, das Grauen zu bezwingen And aus Träumen ein befreites Singen In den Tag, der sich aus uns vollbringt, And den Mut zum Wunsch: wenn nichts verbliebe, Dur das eine retten: Liebe, Liebe! Hella. Von Hans Franck. An einem fahlen Februarmorgen des Jahres 1887 fuhr der Schlächtermeister Samuel Serrahn aus Crivitz in Mecklenburg wie tagtäglich mit feinem gelbgestrichenen Einkaufswagen über Land. In der Deichsel des propperen Gefährtes lief Hella. Das war eine siebenjährige Golbfuchs- ftute. Die hatte der Crivitzer Schlächtermeister selber gezogen. Kopf und Fesseln adlig wie bei einem Vollblut. Wäre sie hinten nicht ein ganz klein wenig abgefallen, so wenig, daß nur die gewiegtesten Kenner es gewahrten — Hella hätte von allen landwirtschaftlichen Ausstellungen den ersten Preis heimgebracht und sich nicht bei einer mit dem zweiten begnügen müssen. Obendrein war sie nicht etwa eine sanfte Schönheit. Sondern klug wie keines der vielen hundert Pferde, die durch den Stall Samuel Serrahns gewechselt ober darin zu eigenem Gebrauch gestanden hatten. Zaum und Zügel — für Hella eigentlich eine überflüssige Erhebung. Ein Wort, ein Schnalzen mit der Zunge, ein Kopfnicken — Hella verstand. Ja, oftmals genügte ein Gedanke, daß sie tat, was ihr Herr wollte. So spannte denn auch Samuel Serrahn während der acht- 3er Jahre allmorgentlich selber Hella vor den Wagen. Die andern erbe mochte seinetwegen Geselle ober Lehrling aus dem Stall holen, in den Stall bringen unb versorgen. Hella strängte Samuel Serrahn selber an und ab. Hella striegelte unb roiemerte Samuel Serrahn selber. Hella maß Samuel Serrahn Hafer, Heu und Wasser selber zu. Er würde bas auch bann getan haben, wenn Hella nicht jeden andern, der sich ihr im Stall auf mehr als Meterlänge zu nahen wagte, mit Keile bedroht hätte, auch seine Tochter und seinen Sohn; obwohl sie zu ihm selber fromm tat wie eine Schnucke. Denn Hella war nicht nur ein besseres Pferd als andere Pferde. Hella war ein wissendes Wesen! Wie ungezählte Tage vordem durchjagte der Schlächtermeister Samuel serrahn auch an dem fahlen Februarmorgen des Jahres 1887 mit Hella ben Bahlenhiischener Forst, trabte an der Rebenwiese, dem Hirschtanz, der Triangel, der Twehle vorüber, querte bei der Kreuzschleuse den Störkanal unb lieh Hella selbst im Friebrichsmoorer Forst nicht zum Schritt abstoppen. Denn er hatte noch eine weite Rundfahrt durch die Dörfer am Rand der Lewitz vor sich. Als Samuel Serrahn zum Wulsshorst kam, stand ein Handwerks- Arsche in der linken Wagenspur. Der bat mit gezogenem Hut: „Bißchen miisahren!" Samuel Serrahn sagte in solchem Fall niemals Nein. Es- war langweilig, Tag für Tag von früh bis spät allein auf dem Bock 3U sitzen. Auch konnte man im Gespräch mit ben Leuten vieles erkunden, was einem später zu Nutzen wurde. Besonders wenn der Mitfahrenbe tem Mecklenburger war, fonbern von weither seines Weges kam. An öicsem Morgen aber schüttelte Samuel Serrahn seinen Kopf, wollte Hella zurufen: „Rechts raus!" das Radgeleife verlassen unb an dem Bettler vorüberjagen. Doch der trat zwischen die beiden Wagenspuren, stellte sich so unmittelbar vor die Deichsel hin, daß er von dem Schlächtermeister Überfahren wäre, wenn Hella nicht, ehe ihr Herr an der Leine ruckte, auf eigenes Geheiß gestanden hätte. „Weiter! lieber mich weg!" rief der Handwerksbursche zum Bock hinauf. „Füße kaputt. Kann nicht mehr tippeln. Bißchen mitfahren. Bitte." Samuel Serrahn dachte: Peitsche quer durch die Fratze! Dann springt der krächzende Kerl schon belseit. Aber der Crivitzer Schlächtermeister folgte nicht dieser Stimme seines Herzens, sondern dem Anruf seines Verstandes. Der höhnte: Bist -bu ein altes Weib, bas sich vor einem humpelnden Handwerksburschen fürchtet? Er nickte also dem ums Mitfahren Bettelnden Gewähr zu. Der Handwerksbursche wollte an Samuel Serrahn vorbeigehen, um hinten aufzusteigen. „Nein!" rief der Schlächtermeister ihn an. „Hier!" und er knöpfte seinem Fahrgast den Knieschlag des Wagensitzes auf. Denn so viele Wanderer Samuel Serrahn von der Landstraße auf« sammelte und durch die meilenweiten Wälder mitfahren ließ — alle mußten neben ihm sitzen. Daß einer hinter ihm auf dem Kälberkaften Platz nahm, duldete er um keinen Preis. War der Platz an seiner Seite besetzt, bann war er ben Wegbettlern gegenüber ebenso hartherzig im Abweisen, wie anbernfalls gutmütig im Ja-sagen. Der Hanbwerks- bursche begann von neuem zu bitten: „Im Stroh liegen. Schlafen. Müde, sehr müde. Sauber bahinten. Sauberer als manches Herbergsbett." Das stimmte. Jeben abend wurde das Innere des Wagens gewaschen, daß nicht ein Krümel des Tierschmutzes zurückblieb. Jeden Morgen wurde ein frisches Bund Stroh auf feinem Boden ausgebreitet, als ob es Zweibeiner statt Vierbeiner einzukaufen gelte. Der arme Bursche hat Recht, dachte Samuel Serrahn. Also denn in Gottes Namen hinten! Er rief dem Handwerksburschen zu: „Einen Augenblick Geduld!" unb knüpfte ben Knieschlag feines Sitzes roieber zu. In diesem Augenblick sah Hella nach ihrem Herrn um. Sie bat: Nicht tun. Samuel Serrahn verstand sie. Aber er schüttelte den Kopf und antwortete dem bittenden Blick mit seinen Blicken: „Sein Sorge, Hella! Ich passe schon auf!" Dann öffnete Samuel Serrahn das Vorhängeschloß des Deckelgatters über dem Kälberkasten, klappte den Hinterwagen auf, kommandierte: „Hopp!" unb erstaunlich: der müde Handwerksbursche hatte im Nu das Innere des Wagens erklettert. Der Schlächtermeister klappte das Deckelgatter über seinem Weggenossen zu und schob das Vorhängeschloß sorgsam wieder durch die Krampe. Der Handwerksbursche kümmerte sich nicht darum. Er schnallte sein blauschwarzes Bündel vom Rücken und streckte alle Viere in das saubere Stroh des Wagens aus. Hatte offenbar nur den einen Wunsch: auszuschlafen, stellte Samuel Serrahn fest und steckte die Schlüssel in das Vorhängeschloß, um den Kälberkaften abzuschließen. Schalt sich aber im nächsten Augenblick: Waschweib! Vieh einschließen — ja! Einen Menschen, einen schlafenden Menschen — nein! Samuel Serrahn zog also den Schlüssel aus dem Vorhängeschloß, ohne ihn um- gedreht zu haben, steckte ihn in die Tasche, und weiter ging die Fahrt durch den Wald. Immer wieder wollte Hella vom Trab in den Galopp hinüberspringen. Der Schlächtermeister mußte sie zuletzt mit Gewalt zum Trab zurückreißen. „Ruhig, Hella!" mahnte er. „Beim Galopp kann der da hinten nicht schlafen!" Einmal konnte der Dahinjagende trotz seines erneuten: „Waschweib!" der Versuchung nicht widerstehen, nach dem im Stroh Ausgestreckten umzublicken. Doch der offenbar Todmüde lag im Kälberkaften und schlief. Plötzlich aber — neben dem Gansacker, der ehedem freies Feld gewesen sein mochte, jetzt aber dicht bewaldet war wie der Wulsshorst — plötzlich — der Handwerksbursche mußte heimlich seine Finger durch bas Gatter geschoben unb bas unverschlossene Vorhängeschloß aus ber Krampe entfernt haben — plötzlich klappte der Deckel des Kälberkastens auf unb ehe Samuel Serrahn sich herumreißen unb bie Peitsche zur Abwehr heben konnte, sauste ein Hammerschlag in seinen Schäbel, baß ihm bie Sinne vergingen. Als ber Schlächtermeister Samuel Serrahn roieber zu sehen vermochte, erkannte er: Wagen noch auf der Stelle, wo der Halunke heimtückisch zugeschlagen hatte. Geld fort. Ununterbrochen rann das Blut. Heber sein Gesicht, feinen Hals, seine Gewandung. Was tun? Nach Crivitz zurückjagen? Ehe er dort ankam, war es aus mit ihm. Nach Friedrichshagen weiterjagen? War näher. Viel näher. Vielleicht erreichte er es noch lebend. Aber selbst wenn er atmend dort ankam, würde er den Dörflern unter den Händen verbluten. Einen Arzt! Doch wie einen Arzt in den Wald schaffen! Hella blickte ihren Herrn an. Ja, einen Arzt! Und Ruhe! Ruhe die einzige Rettung. Und der Arzt! Aber wie einen Arzt wissen lassen: Im Friedrichsmoorer Forst, wenige Meilen hinter dem Wulsshorst, ist ein überfallener Mann am Verbluten. Wer soll dem Arzt sagen: Kommen, sonst stirbt der Schlächtermeister Samuel Serrahn! Ich! gab Hella ihrem Herrn zur Antwort. Und Samuel Serrahn verstand. Er kletterte vom Wagen herunter, zog seinen blutbesudelten Mantel aus und legte ihn auf den Rücken seines Pferdes. Damit der Mantel unterwegs nicht heruntersiel, schob er den Ring, in welchen der Aufsatzzügel eingehakt war, durch eines der Knopflöcher. Dann wollte er die Hand erheben und, was er noch niemals Hella angetan hatte, in diesem Augenblick doch tun: der Stute einen Schlag hintend.avf klatschen. Aber dazu reichte die Kraft des Blutenden nicht mehr. N>:c noch zum Wort langte es. Zum: „Galopp, Hella!" Schon sprang de. Fuchs mit einem mächtigen Satz an. „Falsch!" schrie Samuel Serrahn. „Nicht nach Fried- richsmoor! Nach Haus! Umdrehn! Nach Haus!" Das war Frevel. Denn Hella bog bereits aus dem Weg. Sie umkreiste den Wankenden und raste gestreckten Galopps davon, rannte nach Haus. „Hella" — bat Samuel Serrahn ihr seinen Frevel ab und schleppte sich in den Weggraben. Dort hatte er nur noch soviel Kraft, beim Hinfallen zu verhüten, daß sein blutender Kopf nach unten zu liegen kam. In Bahlenhüschen wollte ein Taglöhner Hella in den Zügel fallen. Sie riß ihn um, daß er die Fäuste hinter ihr ballte und, statt in den Wald zum Holzschlagen zu gehen, nach Hause humpelte. In Göhren lief ein halbes Dutzend Männer zusammen, um Hella, die offenbar scheu geworden und ihren Herrn aus dem Wagen geworfen hatte, anzuhalten. Sie raste in die Menschen hinein, daß sie fluchend auseinanderstoben. In Settin schob man einen Wagen quer über die Straße und brachte sich im letzten Augenblick hinter den Häusern in Sicherheit. Hella sprang über die Deichsel hinweg. Der Schlachterwagen zerschellte an dem klobigen Gutswagen. Hella fiel. Aber ehe die Leute herbeigelaufen kamen, war sie aufgesprungen. Nur noch zwei Deichselstümpfe hinter sich, rannte Hella weiter. Rannte in einer halben Stunde die anderthalb Meilen bis Crivitz zurück. Vor dem Schlachterhause stand Hella, Wieherte, schrie, daß die Menschen aus den Häusern stürzten. Die Frau des Schlächtermeisters erkannte an dem blutigen Mantel, was geschehen war. Sie spannte Hella vor einen andern Wagen und jagte bald darauf — den Arzt zur Seite — durch Settin, Göhren, Bahlenhüschen, durch den Bahlenhüschener Forst, an der Rebenwiese, der Triangel vorbei über die Kreuzschleuse in den Friedrichsmoorer Forst. Nicht nötig, am Zügel zu rucken, mit der Zunge zu schnalzen. Hella rannte, was ihre Kräfte hergaben. Als man am Wulfshorst vorbei zu der Stelle neben dem Gansacker gekommen war, wo eine Blutlache am Wege schrie: „Hier!" stand Hella ohne Anruf still. Man fand Samuel Serrahn unter Gebüsch im . Weggraben. Er war noch am Leben. Und der Arzt tat an ihm, was nur er tun konnte. Oft und oft hat der Crivitzer Doktor dem genesenen Crivitzer Schlächtermeister geschworen: Zehn Minuten später, ein anderer Mensch als ein Arzt — vorbei auf für immer! Verblutet! Rief der Doktor ihn mit solchen Worten an, gedachte Samuel Serrahn ohne Anruf des tückischen Handwerksburschen, dessen man trotz alles Suchens nicht habhaft geworden war, dann trat er — gleichviel wo immer er sich befand, im Stall, im Wald, auf der Landstraße, unter Menschen — zu Hella hin, legte seinen Kopf an ihren Kopf und streichelte sie wie eine Geliebte. Zwischen Himmel und Erde. Von Richard Huelsenbeck. Ich traf gestern Dr. Robert Kleinschmidt, der als Mitglied einer englisch-amerikanischen Expedition versucht hatte, den Mount Everest zu besteigen. Er erzählte mir einige sehr interessante Einzelheiten; er wies auf den religiösen Fanatismus der Tibetaner hin und sagte, es herrsche dort am Fuß des Gaurisankarmassivs eine Feindschaft gegen das Europäer- tum, von dem man sich hier keine Vorstellung machen könne. „Ich hatte", sagte der Forscher, „in der Nähe der heiligen Stadt Lhasa einen Diener gemietet, der mir anfänglich sehr zutraulich und willig, später sehr verdächtig vorkam. Ich beobachtete ihn mißtrauisch, konnte ihn aber nicht entlassen, da eine solche Wandlung bei der allgemeinen Spannung als offener Feindseligkeitsakt ausgelegt worden wäre. Der Mann hieß Pa, er war von mittlerer Größe und hatte wirres schwarzes Haar, das ihm in einer für europäische Gemüter schreckenerregender Weise über die Stirn in die Augen fiel. Pa war bekleidet mit einem alten Uakfell, in dem es von Ungeziefer wimmelte; täglich rieb er sich Gesicht, Hände und Oberkörper mit ranziger Butter ab. Die Beine wusch er nie, so daß sie mit Schmutzborken bedeckt, ein Bild des Elends und des Ekels darboten. Pa verrichtete täglich religiöse Uebungen, aber so heimlich, daß seine Abwesenheit allein uns daran erinnerte, was vor sich ging. Pa hatte großes Interesse für die Erzeugnisse europäisch-amerikanischer Technik; er betrachtete lange und staunend die Kompasse, Sextanten, Höhenmesser, die photographischen Apparate und, nicht zu vergessen, die Autos. Einmal erwischten wir ihn, wie er die Haube eines Motors entfernt hatte und in Andacht versunken die Zylinder anglotzte, die ihm wie Arme und Beine eines fremden Gottes vorgekommen sein mögen. Aber das Pa auch hassen konnte, begriffen wir, als wir, aufgeschreckt durch ein spechtartig klopfendes Geräusch, einen im Lager wohlbekannten Mann Mr. Fleetwoods Spiegelreflexkamera zerhacken sahen. Sie können sich vorstellen, daß es nicht angenehm war, sich von einem mit so verschiedenen Eigenschaften ausgestatteten Diener bis in die kleinsten Einzelheiten des täglichen Lebens beobachten zu lassen. Wie oft bin ich nachts, wenn ich auf meinem Zeltbett lag, urplötzlich aufgewacht, erschreckt, in Schweiß gebadet; ich glaubte, eine Fratze zu sehen. Das Gesicht, das sich über mich beugte. Ich vermutete diesen Menschen zwischen den Falten meiner Kleider, hinter jeder Kiste. Wenn er dann wirklich eintrat, um in jener unterwürfigen Weise, die aus Achtung und Verachtung gemischt ist und nur von Asiaten geübt werden kann, meine Sachen ordnete, mir den Kaffee reichte oder eine Zigarre in Brand steckte, wurde ich von kühler Ruhe erfüllt. Die Strapazen der Reise hatten meine Nerven angegriffen; ich wußte es, ohne etwas dagegen tun zu können. Im Gegenteil: die größte Belastung unseres seelischen und körperlichen Menschen stand noch vor uns. Seit Wochen war der Horizont ausgefüllt von der Kulisse der Berge, an denen wir unsere Fähigkeiten erproben wollten. Genaue Beobachtung Pas hatte die Ueberzeugung in mir wachsen lassen, daß er seine ganze Abneigung gegen uns zurückhielt, bis sich ihm eines Tages eine Gelegenheit bieten würde, die das Risiko, gegen so mächtig und gefährlich ausgestattete Europäer vorzugehen, auch lohnend erscheinen ließ. Man muhte auf der Hut sein. Sooft ich mit Mr. Fleetwood oder mit Lange, dem Leiter der Unternehmung sprach, bekam ich schallendes Gelächter oder Vorwürfe zu hören, sie besagten, ich hätte mich damals, als Pa die Kamera zerschlug, nicht gegen seine Bestrafung und Entlassung sträuben sollen. Lange war ein gewiegter Asienkenner; aber in Tibet befand er sich zum erstenmal. Da er den Charakter dieser Halbwilden nicht so wie ich beurteilen konnte und da er keine Vorstellung von ihrem tiefgewurzelten religiösen Fanatismus besaß, konnte ich ihm seine Vorwürfe nicht Übelnehmen. Wir lebten seit einigen Wochen auf den Vorhöhen des Mount Everest, denen die leider so elend zugrunde gegangene Expedition Roh den Namen „Weißes Plateau" gegeben hat, weil sich hier einige salzseeartige Gebilde befinden, die in der Dämmerung wie Silber leuchten. Unsere nächstliegende Aufgabe bestand in der Errichtung von Proviantstationen, auf die wir uns bei der Besteigung des Gipfels stützen wollten. Zu gleicher Zeit aber wollten wir einige Eingeborene als Bergsteiger ausbilden; sie sollten Fleetwood, Lange und mich beim letzten Angriff auf die Mount-Everest-Höhe, so weit es ging, begleiten und uns unsere Aus- rüstungs- und Ersatzstücke nachtragen. Wir hielten eine eingehende Musterung unter den Leuten ab und sonderten alle aus, die wegen ihrer körperlichen Beschaffenheit von vornherein nicht in Frage kamen. Vollkommene Schwindelfreiheit war natürlich unerläßliche Bedingung. Alle Eigenschaften mußten erprobt und mühsam nachgewiesen werden, da wir uns selbstverständlich auf die Behauptungen der Tibetaner nicht ohne weiteres verlassen konnten; zumal, wenn man bedenkt, daß bei solchen Unternehmungen ein Fehltritt genügt, die ganze Gesellschaft ins Verderben zu stürzen. Merkwürdigerweise blieb trotz meines inneren Widerstandes als kräftigster und geschicktester Anwärter mein Deiner Pa übrig; mit großem Redeschwall erklärte er, er würde uns ewig dankbar sein, wenn wir ihn mitnähmen. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß die Tibetaner den Mount Everest als Gottheit verehren und eine Besteigung dieses Berges als schwere Sünde betrachten. Infolge des Einflusses von Mr. Lange hatten mir aber — trotz meiner Einwände — beschlossen, auf die religiösen Widerstände der Eingeborenen nicht einzugehen, indem wir der Ansicht waren, daß die Tibetaner in gemeinsamer Gefahr keine Dummheiten machen würden. Das war falsch, wie sich sogleich Herausstellen wird. Wir waren schon sechs Stunden gestiegen; die Proviantstation Nr. 2 lag senkrecht unter uns, vielleicht fünfhundert Meter tiefer, so dah man sie mit einem geschickten Steinwurf hätte treffen können. Es war eine Art letzter Vorübung, die wir abhielten; wir gedachten bis zur Proviantstation Nr. 1 zu klettern; das bedeutete weitere dreistündige Anstrengung, eingeschlossen die gefahrvolle Umkletterung des „Einhornfelsen". Die Platzverteilung hatte sich im Verlaufe des Aufstieges folgendermaßen fast von selbst geregelt: zuerst ging Lange, dann kam Pa, der einen schweren Sauerstoffapparat trug, dann ich, dann Fleetwood. Wir vier waren durch ein Seil verbunden. Hinter Fleetwood trotteten sehr ermüdet zwei tibetanische Gehilfen, die ebenfalls unter sich geseilt waren. Als wir das Einhorn, eine zackig aus dem Massiv herausragende Granitspitze, umkletterten, mußten wir die SeilUng zwischen Lange, Pa, Fleetwood und mir lösen. Lange band sich an Fleetwood und ich mußte mich Pa anvertrauen, der seinen Apparat bett nachfolgenden Dienern überließ. Wir waren übereingekommen, diese Leute, die offensichtlich der Anstrengung nicht mehr gewachsen waren, vor der Einhornspitze in einer Talmulde zurückzulassen. Es gibt am Einhorn eine sehr gefährliche Stelle, wo man tatsächlich zwischen Himmel und Erde schwebt und ganz auf die Kraft des Begleiters angewiesen ist; da immer nur einer sich auf einer festen Felsstufe befinden kann. Ich sagte Ihnen, daß meine Nerven nicht mehr ganz auf der Höhe waren; nur hierdurch kann ich mir mein Ausgleiten erklären; es war, als hätte mir jemand einen Schlag gegen die Beine versetzt. Ich glitt auf dem Geröll aus und im nächsten Augenblick hing ich über der unendlichen Tiefe. Man kann schwer schildern, von welchen Gedanken man in solcher Lage erfüllt ist. Wahrscheinlich ist man von gar nichts erfüllt. Man hat nicht einmal Angst; es ist so, als wäre man schon einen Schritt über das Leben selbst hinausgegangen. Man ist an dem Dasein, das man schon halb fortgeworfen zu haben glaubt, nicht mehr interessiert. In meinem Fall kam aber etwas hinzu, was meine Aufmerksamkeit aufs höchste erregte. Ich suhlte, wie Pa sich mit dem Seil zu tun machte, jedoch nicht so wie einer, der versucht, Gestürzte emporzuziehen, sondern als wolle er das Seil durchschneiden. In meiner Angst rief ich aus vollem Hals, ich schrie hoch und gellend, so laut, daß ich hoffte, Lange und Fleetwood würden es hören. Nichtsdestoweniger wurde die Tätigkeit an meinem Seil fortgesetzt und ich fürchtete, jeden Augenblick abzustürzen. Pa, dachte ich, glaubt nun endlich den Augenblick gefunden zu haben, wo er sich an einem verhaßten Vertreter der Zivilisation rächen kann. Das Seil zitterte. So muß einem Verurteilten zumute fein, der unter dem Fallbeil liegt und das Herabsausen des Beiles erwartet. Ich erwartete das Ende, ja ich wünschte es herbei. Ich sehnte mich nach Ruhe; es war mir, als hatte ich schon ein Menschenalter am Strick gebaumelt. Wie das geendet hat? Nun, daß es nicht schlecht geendet hat, sehen Sie ja. Ich bin fest von der. verbrecherischen Absicht Pas überzeugt gewesen und bin es noch heute, obwohl das Seil bei genauer Untersuchung keine Veränderungen aufwies. Es ist möglich, daß die Umkehr Fleetwoods, der meinen Schrei hörte, den Tibetaner gehindert hat. Möglich btew auch, daß ihn selbst im letzten Moment der Mut zu so ungeheuerliche Tat verließ. Genug, ich wurde gerettet. Ich habe bann Pa unter eine Vorwand entlassen; es haben sich für unsere Expedition daraus manche - lei Nachteile ergeben; aber es ist hier nicht der Ort, dies zu erzähl Ich werde später darauf zurückkommen." Au der bi bevor, wirb f auf un ort un dies di unb_ar zu Sa die M das sck 700 M sachlich, Stadt i ■ in eine: Brasilic lind ui Luis [ionenft nicht sic Der falsches Hügel ls man di oon erf dennoch unb rin Reichtui: sie sind zahl feil noch wi haben il diese Ba auch nu Mischlin! in der D oom alt Spelunki ftiibten c Sie S bleiben s lichten n sieht mar von Rio daß er feinem G haben, u liegt die Bßlich i mitten ir man sie ftabt in 1 überlebte fürchten, lichen (Si: d» Sani: die Met Mücken i Käufer if: «ne Fest Hingen n Strafje a fordern. ( der romai Verloren i man in t Ahner. 2 iWrcicf 5n der 'j Wanke F Ichr eure; «onlevard blendet. D im Botani erit . 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Wer fie besucht hat, wirb sie nicht vergessen. In einer unbeschreiblich schönen Bucht liegt Rio auf unb zwischen ben Bergen, von bizarren Gipfeln umrahmt, ein Badeort und ein Hafenplatz, ein Geschäftszentrum, eine Spielhölle, ein Paradies der schönen Frauen — ein Mikrokosmos, der die Sinne beschäftigt, unb an dem ganz Brasilien mit inniger Liebe hängt. Welcher Unterschied zu S a o Paulo, der weiter südlich liegenden Kaffeestadt, die nun auch bie Millionengrenze erreicht hat, unb der es bestimmt zu fein scheint, das schöne Rio zu überflügeln. Sao Paulo liegt im Hügelland, über 700 Meter hoch. Das kühlere Klima schuf einen kühleren Menschenschlag, sachlich, nüchtern, fast nordamerikanisch. Wie Chikago ist Sao Paulo eine Stadt des Geschäftes, die sich in beängstigender Geschwindigkeit entwickelt, in einem Jahrzehnt ihre Einwohnerzahl nahezu verdoppelt hat — unb in Brasilien fast so unbeliebt ist, wie man an Rio mit heißer Liebe hängt, llnb um diese beiden Städte geht nun in diesen Tagen der brasilianische Bürgerkrieg. Fast das ganze Land ist von der Regierung abgefallen, aber Rio unb Sao Paulo stehen noch zum Präsidenten Washington Luis und seinem Nachfolger Julio Prestes. Ohne diese beiden Millionenstädte zwischen dem Urwald und dem Meer kann die Revolution nicht siegen. Darum muh dort der Entscheidungskampf beginnen. Der europäische Besucher, der Rio de Janeiro besichtigt, erhält oft ein falsches Bild von dieser Stadt. Auf einem mächtigen Felsbrocken, dem Hügel Providentia, kleben die „Vogelnester" des Lumpenproletariats, wie man diese Bevölkerung in Deutschland nennen würde. Es sind Hütten von erschreckender Armseligkeit, schief aneinander geklebt, malerisch unb dennoch furchtbar anzusehen. Dieser Hügel liegt mitten in ber Stadt, unb ringsum erheben sich die Prachtbauten des alten unb des neuen Reichtums. Kein Wunder, daß solche Gegensätze Eindruck machen! Aber sie sind dennoch nicht charakteristisch für Rio de Janeiro, das die Mehrzahl seiner Elendsguartiere schonungslos ausgerottet hat und heute nur noch wenige „Sehenswürdigkeiten" dieser Art besitzt. Alle Großstädte haben ihre Unterwelt, und es ist ein billiges Vergnügen, in Rio gerade diese Baracken für etwas Besonderes zu erklären. Gewiß ist es ängstlich, auch nur am Tage diesen Hügel zu erklimmen unb zwischen Negern, Mischlingen und heruntergekommenen Weißen Studien zu machen, und in ber Nacht ist es zweifellos lebensgefährlich. Aber dasselbe kann man mm alten Hafenviertel in Marseille, von mancher Ecke Neapels, von Spelunken im Londoner Osten sagen — von Nordamerikas Millionenstädten ganz zu schweigen. Die Schönheit dieser Stadt, die übrigens nicht mehr lange Metropole bleiben soll, da man eine neue Hauptstadt im Innern des Landes errichten will, ist schwer zu beschreiben. Von jeder Straße, von jedem Platz sieht man die Berge der Umgegend, den „Zuckerhut", der ein Wahrzeichen non Rio ist, unb ben „Corcovado", von dem bie Brasilianer behaupten, daß er der Schauplatz eines religiösen Mysteriums gewesen sei. Von einem Gipfel soll der Teufel dem Heiland die Schönheit der Welt gezeigt haben, um ihn in Versuchung zu führen — und unbeschreiblich herrlich liegt bie Welt tatsächlich diesem Berg zu Füßen. Rios Straßen versinken ploßlich in Schluchten, zwängen sich durch Tunnel, führen an einen See mitten in der Stadt, zeigen alle Wunder der Natur vereint, ohne daß man sie auf mühseligen Reisen zusammensuchen muß. Eine Millionen- tabt in solcher Umgebung: das ist Romantik genug, man braucht nicht überlebte Kontraste hinzuzufllgen, sich nicht vor dem Gelben Fieber zu fürchten, das einst Brasiliens Küsten entvölkerte unb heute, von gelegentlichen Einschleppungen abgesehen, aus Rio vertrieben ist. 4000 Beamte der Sanitätspolizei kriechen in alle Winkel der Stadt, in die Höfe und die Keller der Häuser, um zu verhindern, daß sich im stehenden Wasser Mücken entwickeln, bie bas Fieber verbreiten. Diese Untersuchung der Häuser ist keine Kleinigkeit. Denn der Brasilianer hütet fein Haus wie iiue Festung, und wer nachts in eine dieser häuslichen Burgen ein« bringen wollte, ohne sich vorher durch Händeklatschen und Rufen von der Strafte aus angemeldet zu haben, würde damit bas Schicksal heraus- forbern. Es gibt Dolche, Revolver und Gewehre in Brasilien! Das ist « romantische Rest dieses Landes, in dessen Innern man ohne Massen Moren ist. Nicht weit von Rio beginnen die Urwälder, und je weiter An in den Kontinent einbringt, um so unzivilisierter werden die Ve- Ahner. Aber in Rio selbst herrscht Eleganz. Das kulturelle Vorbild ist Frankreich, die Sitten und die Moden werden aus Paris eingeführt. M ber Prachtstraße der Stadt, der Avenida Rio Braneo, sieht man Wfante Frauen in französischen Toiletten, und auch sonst ist das Bild W europäisch, denn bie Autos jagen sich in dichten Reihen wie auf ben Mlevards, unb am Adenb wird das Auge von der Lichtreklame geblendet. Doch in den schönen Villen der Wohnviertel stehen Palmen, und ® -botanischen Garten gibt es eine mächtige Allee von Königspalmen, die «ran erinnern, auf welchem Breitengrad man sich befindet. Das Schlagwort von Rio de Janeiro ist „Paciencia", und das be« k! a : Geduld. In allen Ländern der Welt zeichnet sich die Beamtenschaft Mch große Ruhe und Geduld aus, aber in Brasilien wird diese bureau- Nchsche Eigenschaft durch Liebenswürdigkeit gemildert; wer in einem Ezimwer warten muß, Stunden, Tage oder Wochen, kann sich im Ab- m e°n halben Stunden immer wieder an einer freundlich gereichten »Ile Kaffee erfreuen. Paciencia ist auch die Losung der übrigen Be- Min von Rio, sogar der Geschäftsleute, wenn es ihnen auch nicht ?. »gt, soviel Geduld wie die Beamten zu entwickeln. Aber Paciencia L ?,n Zauberwort in Sao Paulo. Dort wird gebaut, niedergerissen, (Lp gebaut, dort gehören die Geschäfte den Nordamerikanern, den Hub r? äen Deutschen, wenn auch in der Bevölkerung Italiener link fretOnuPt frühere Bewohner der Mittelmeerländer in der Ueberzähl itann , 0 Paulo herrscht Betriebsamkeit, Machtwille, Ausdehnungs- Diese Stadt, die mitten in den größten Kasfeeplantagen der Welt siegt, hat es verstanden, bisher dem ganzen Land ihren Willen aufzu» drücken, und die Revolution richtet sich nicht zuletzt auch gegen die Hegemonie von Sao Paulo. Dort liegt das wirtschaftliche Schwergewicht des Landes, der Kaffeehandel, und bie Präsidenten von Sao Paulo haben bisher die größte Aussicht gehabt, Präsidenten von Brasilien zu werden. Die schwere Kaffeekrise hat die Machtstellung der Kaffeeherren untergraben. In der letzten Zeit ist sogar der Häuserbau ins Stocken geraten. Wandert man durch die Stadt, so empfindet man sie zwangsläufig als ein unfertiges Gebilde. Sao Paulo ist sprunghaft entstanden und nicht nach einem einheitlichen Plan errichtet worden. Architektonisch erinnert der Ort an alle Stile der zivilisierten Welt. Die Italiener haben Häuser gebaut, wie man sie in Rom und Neapel sieht, die Gebäude der Deutschen könnten in Berlin oder Hamburg stehen, die Spanier haben bie Eigenart ihrer Halbinsel beibehalten, unb die Nordamerikaner bauen Wolkenkratzer wie in Neuyork oder Boston. Auch sonst ist es in Sao Paulo, das eine starke deutsche Kolonie besitzt, nicht gelungen, die Bevölkerung zu einem einheitlichen Typ, zum Brasilianer, zusammenzuschmelzen. Die Einwanderer behalten die Fühlung mit ihrer ursprünglichen Heimat, und sogar die zweite Generation sühlt sich dem Ursprungsland noch verbunden. Sao Paulo ist kein schöner Ort. Aber man spürt, daß seine Bevölkerung unternehmenden Geist besitzt. Von dort wandern die Abenteurer in das Land, um nach Diamanten, nach Petroleumguellen, nach Mineralschätzen zu suchen. Auf den Straßen und in den Kaffeehäusern dieser neuen Millionenstadt kann man alles kaufen: große Ländereien, Kaffeeplantagen, Zuckerplantagen, Petroleumguellen. Und wie es bei einem so lebhaften Handel im halbkolonialen Gebiet nun einmal ist: man kann auch entsprechend betrogen werden. Es ist in dieser Kaffeestadt viel von dem Geist der spanischen und portugiesischen Eroberer lebendig geblieben, die einst durch ganz Südamerika Raubzüge unternahmen, aber auch gewillt waren, Kulturarbeit zu leisten. Die Oase in dieser Steinwüste ist die Villenstadt Hygienopolis, wo die reichen Handelsherren und Grundbesitzer ihren Wohnsitz ausgeschlagen haben. In diesem Ort, der an Süditalien erinnert, läßt es sich leben. Und wenn man es in Sao Paulo überhaupt nicht mehr aushält: in zwölf Stunden führt der Schnellzug aus dem Hochland hinunter nach Rio, der schönsten Stadt der Wett. Dunkle Blätter. Aus dem Taschenbuch eines deutschen Ingenieurs. Von Max E y t ft. (Fortsetzung.) Allahu! Mit dem Gefühl, für heute genug erlebt unb gehört zu haben, ließ ich ben Vorhang meines Zeltes fallen und suchte bei Streichholzbeleuchtung in dem aufgerissenen Kaffer nach Papierlaterne, Drahtstift unb Bindfaden, Dinge, bie ich auf allen meinen Kreuz- unb Querfahrten mit« zuführen gelernt hatte. Der Drahtstift wurde kunstgerecht durch bie Leinwand des Zeltbachs gesteckt, Bindfaden unb Laterne daran befestigt, und bald erstrahlte bas Innere meiner Behausung in bem milden, dem sehr milden Licht einer Kerze, welches durch das geölte unb teilweise bemalte Papier des „Fanns" drang und wie in einer gotischen Kirche da und dort einen grünen ober roten Streifen auf das Chaos warf, das mich umgab. Noch wenigen Minuten jedoch hatte alles leidliche Form unb Gestalt angenommen und sah fogar wohnlich aus für ägyptische Begriffe. Luxuriös stand das frischgemachte Bett auf der Binsenmatte, die ich Halim verdankte, der Kaffer bildete einen vortrefflichen Salon-, Eß- und Waschtisch, der Rest der Reisesäcke und Kamelstaschen lag aufgeschichtet im Hintergründe, und der Glanzpunkt der Einrichtung, der Schaukelstuhl, lud zu üppigem Lebensgenuß ein. Ein leises Summen entlang dem Zeltdachs mahnte mich allerdings an die Möglichkeit kommender Leiden, und ich begann über einen Plan nachzudenken, wie ich mein Moskitonetz befestigen und ordnungsgemäß aufhängen könnte. Weitere Drahtstifte durchbohrten das Zeltdach. Aber es gelang nicht sofort. Wenn das Netz an einem Ende glücklich befestigt war, kam es am andern, wie von Geisterhänden bewegt, graziös wieder herunter, und die kleinen Teufel, die es umschwärmten, um sich beizeiten auf der richtigen Seite des verhaßten Gewebes zu befinden, schienen laut und vergnügt zu zischen. Doch Ungeduld half nicht weiter. Ich wußte, daß meine Seelenruhe für die nächsten sechs Stunden an diesem Netze hing, zog meinen Rock aus und begann die Arbeit von neuem. Während ich, nicht ohne Lebensgefahr auf dem Schaukelstuhl stehend, neue Befestigungspunkte über meinem Kopf konstruierte, fühlte ich, daß der Zettoorhang sich bewegte, unb hörte ein schweres, stöhnendes „Uff!" hinter mir. Es klang düster, gespenstisch, fast nicht menschlich. Der harte, heiße Tag und die grusliche Geschichte von Abbas hatten meinen sonst nicht leicht erregbaren Nerven vielleicht über Gebühr zu gesetzt. Oder war es die Sumpffieberluft, an ber es in Kaffr-Schech nicht fehlte? Es rieselte mir kalt ben Rücken herauf, während ein heißer Lufthauch über meine feuchte Stirne zog. „Uff!!" stöhnte es wieder, tiefer, herzbeklemmender als zuvor. Ich sprang mit einem kühnen Satz vom Schaukelstuhl, auf die Gefahr hin, auf der Nase zu landen. Ein langes Gespenst stand im Zelt, in einen weißen Kaftan gehüllt, der auf dem Boden schleifte, und keuchte zum drittenmal „Uff!" Aber es war nicht mehr gefährlich; es war Raines Bey. „Basch- mahandi", begann er mit schmerzlicher Heftigkeit flüsternd, „hast du Wein mitgebracht? Ich verdurste." Wie bas Tirolerdeutsch kennt das Arabische kein „Sie". Wenn Rames Französisch mit mir sprach, lieft er es an Höflichkeit nicht fehlen. Sooft ihn aber etwas tief bewegte, fiel er hilflos in die Landessprache zurück, in der wir uns selbstverständlich duzten. „Wein, o Bey?" antwortete ich erleichtert und ebenfalls flüsternd, denn es war nicht nötig, das Lager zu alarmieren, wenn es sich hierum handelte. „Wein stichst du? Bist du ein Gläubiger, o Rames?" M „Ich verdurste", versicherte der Bey und deutete mit dem Daumen vorwurfsvoll über die Schulter. „So ist er nun einmal. Hast du in Schubra jemals mit ihm gegessen, ohne daß er dir Wein vorsetzte? Und in Wien und in Paris gewöhnte er mich förmlich daran. Soll man jetzt in dieser trockenen Wüstenluft zugrunde gehen? Ich bitte dich bei dem Allbarmherzigen, gib mir einen Schluck Wein!" „Heute, o Bey, in der heiligen Nacht des Verhängnisses!" „Die Stunde ist vorüber; der Lotosbaum ist geschüttelt. Liegt mein Blatt am Boden, so hilft alles nichts mehr", belehrte mich Rames. „Und wenn du keinen Wein hier hast und kein Erbarmen, so fällt es noch nachträglich zur Erde. Suche! Oeffne deinen Koffer! Der Allgütige wird dich segnen." „Bist du des Kuckucks? Wenn man dich erwischt!" mahnte ich mit einiger Besorgnis. ,,Wir sind auf Reisen — ich bin krank; und mehr als all das: die Tore der Buße stehen dem Gläubigen offen zu jeder Zeit. Vorläufig aber muß ich etwas zu trinken haben." Ein Lichtstrahl erhellte sein Gesicht. Er hatte sich selbst an den Koffer gemacht und eine der zwei Flaschen Ungarwein gefunden, die in einem Winkel desselben geborgen lagen. Aus der unerschöpflichen Tiefe seiner Beinkleider erschien mit erstaunlicher Geschwindigkeit ein Korkzieher. Die Szene war mir weder überraschend noch neu. Rames Bey war kein Fanatiker seines Glaubens und hatte nicht zum erstenmal Trost und Stärkung bei mir gesucht, wenn ihm sein Adiutantendienst zu trocken oder zu heiß wurde. „Gut!" sagte ich, brachte eine Teetasse und ein Weinglas hervor und wandelte den Koffer wieder in einen Tisch um. „Setze dich, Rames. Ich bin gern« bereit, wenn es dein Gewissen erlaubt, ein Gläschen mit dir zu trinken. Es war heute staubig und schwül genug. Setze dich!" Er betrachtete den Schaukelstuhl mit mißtrauischer Miene. Dann warf er sich dröhnend auf mein Bett, griff nach der Teetasse und schlürfte das verbotene Getränk mit unendlichem Behagen. „Gut, sehr gut", schmunzelte er mit dem Gesicht eines Schuljungen, der Aepfel stiehlt. „Warum ließ Allah Reben wachsen und will sie seinen Gläubigen entziehen? Sind wir Narren oder Wachabilen? Wer weiß, ob unsre Schriftgelehrten den Koran richtig verstehen. Er gibt uns die Wahrheit, aber wir müssen sie deuten. — Schenke mir noch ein wenig ein, mein Bruder!" Für einen Riesen wie Rames Bey war eine Teetasse Ungarwein allerdings keine Böllerei. Ich füllte seine Tasse und mein Glas wieder und setzte mich in den Schaukelstuhl, während sich Rames zurllcklegte, wie wenn er die Nacht trinkend bei mir zuzubringen gedächte. Sein Gesicht wurde ernst, wie es gewöhnlich war. „Du hast heute mehr gehört, als der Prinz den Fremden zu erzählen liebt", sagte er nachdenklich, „aber doch nur die Hälfte." „Willst du mir die andre Hälfte erzählen?" fragte ich mit erwachender yieuQwiT. „Willst du mir noch ein klein wenig Wein geben, mein Bester?" frcflte er. Ich füllte seine Tasse zum drittenmal. Die Flasche war schon über halb leer. Er warf einen prüfenden Blick auf ihren Inhalt. „Setze dich näher zu mir", sagte er. „Es geht nicht, von diesen Dingen laut zu sprechen. 0 Allah, wie bist du gütig in allem, was du geschaffen hast!" Damit setzte er die dritte Tasse an den Mund, warf sich auf das Bett zurück, sah mit starren Augen an die Zeltdecke und begann zu erzählen, einförmig, flüsternd, wie wenn er aus einem Buche läse. Ich saß in dem Schaukelstuhl, mit gespannter Aufmerksamkeit lauschend. Es war nicht leicht, ihn zu verstehen, und es ist nicht unmöglich, daß ich ihn da und dort mißverstanden habe. Aber ganz unmöglich ist es, in seiner Sprache wiederzugeben, was er mir mitteilte, den düsteren Zauber dieser fremden Welt hervorzurufen, die in fast unartikulierten Lauten in jener Nacht mich umspann. Er sprach meist Französisch, das Französisch eines ägyptischen Mamelucken. Dazwischen, wenn er in Eifer geriet, kamen lange arabische Sätze, dann türkische Worte und hier und da ein Ausruf, fremd und wild, der im Kaukasus verstanden worden wäre. Ich suche zu geben, was vom Wesentlichen seiner Erzählung mir in der Erinnerung haftet, und übersetze, so gut es geht, was unübersetzbar bleiben wird. Denn was auch die Gelehrten schreiben mögen, der Westen und der Osten sprechen keine Sprache, die beide verstehen. „Sie kennen die Geschichte Mohammed Alis", begann er, „des großen Vizekönigs, des Vaters unsers Herrn, wie er klein nach Aegypten kam, ein großes Reich eroberte und die Welt bis gen Stambul erschütterte. Doch als er starb, hinterließ er nichts als ein erschöpftes Land. So war es mit allem, was er besessen hatte; — nach dem Willen Gottes. Von der Schar seiner Kinder lebten mir noch sieben, fünf Söhne und zwei Töchter. Dazu war der älteste, Ibrahim, der gewaltige Feldherr, nicht sein Sohn. Das wußte alle Welt, wenn man es auch nicht zu hören liebt. Denn unser heutiger Vizekönig, Ismael Pascha, ist dessen Sohn. Ibrahim aber war nur der Stiefsohn des großen Paschas und hat nicht einen Tropfen vom Blute Mohammed Alis in feinen Adern. Ebensowenig hat Ismael. Aber Gott gibt di« Macht, wem er will. Mohammed Ali, Friede sei mit ihm, litt nicht an einem allzu weichen Herzen. Aber er liebte Tussun, seinen ältesten eignen Sohn, wie er keinen andern geliebt hat. Dies war sehr merkwürdig, denn Tussun war sanft, griff lieber nach Büchern als nach dem Schwert und konnte seinen Feinden nichts zuleide tun. Trotzdem war er tapfer, wenn es seine Pflicht gebot, und focht in Syrien und Arabien gleich jedem andern wackeren Moslim. Ob er an der Pest starb, wie die einen glauben, die erzählen, daß er von einer schönen Griechin nicht lassen wollte, die sterbend in seinen Armen lag, oder an einem Trünke Scherbel, der allzu süß war, das weiß nur Gott und Ibrahim Pascha, sein Stiefbruder, der ihn haßte. Niemand wagte, dem Vater die Nachricht vom Tode seines Lieblings zu bringen. So legten sie die Leiche vor das Schlafgemach des Vizekönigs, Verantwortlich: Dr. HanS Thhrivt. — Druck und Verlag: Drühl'jche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. N. Lange, Gietzen. Jed Lido i ©efiefjt Gondel Liese C ihrer S Ton eil Den Gar spazien Hand s austreti Pietro, Unb Lächeln, schwarz Der Glasser ein gro Er wai edel wi haar b haut. I nach ui gab, oh ein Me rasen g Generai buum t schien, Rem da er deren 3 La mar gekleidet ihn lebe Sänge r Venezia Hon, jh Venedig Mitbürg schnob, liebte in Tizian | cignorii er zuwe greiflich. „ An Zrmz r Gemach, baut, en [reisruni der drei beginnen Srande. Die'f Der •»ar der so daß er sie finden mußte, wenn er des Morgens aus dem Harim trat. Der starke, trotzige Mann, der nichts geliebt zu haben schien als (eine Macht, brach zusammen wie ein Weib. Selbst die, die ihm den Schrecken bereitet und den Toten vor seine Tür gelegt hatten, entgingen der Strafe. Er selbst wurde fünf Tage lang von niemand gesehen. Dann kam er wieder zum Vorschein, ruhig und finster wie die Mitternacht, und befahl, den kleinen Sohn Tussuns aus dem verwaisten Harim seines Sohnes in das des Großvaters zu bringen. Das war Abbas, der Knabe, der Abbas Pascha wurde. Aber auch eine Tochter hatte der große Vizekönig, die er liebte: Zohra. Ganz Kairo spricht heute noch nur flüsternd von ihr, denn sie wurde Zohra Pascha. Sie war im Alter von Abbas, vielleicht um ein Jahr jünger, und das Spielzeug ihres Vaters. Sie allein durste ihn am Barte zausen und tanzte für ihn wie eine kleine Gazije, daß ihm die Tränen des Lachens in die Augen traten. Aber das war es nicht, weshalb er sie liebte. Aus ihren blitzenden, kohlschwarzen Augen sah der Vater, wie bei keinem einer Kinder. Sie war eine Königin von fünf Jahren und herrschte in ihrem kleinen Kreise mit einem Willen von Eisen. Sie war ein Engel, wenn sie lächelte, aber wenn der Zorn sie beherrschte, war sie eine kleine Teufelin. Beides freute ihren Vater. So hatte er sein eisernes Regiment am Nil aufgerichtet, obgleich Tausende sich gegen ihn erhoben hatten. Er wußte, wenn er sie spielen sah, daß sein Ebenbild in dem Mädchen lebte, und er liebte sich selbst in dem Kinde. Abbas sollte ihr Gespiele (ein. Die beiden Kinder waren noch klein genug, um auf ein paar Jahre zusammen erzogen zu werden, und der Pascha wollte sich in den Mußestunden an ihrem Geplauder vergnügen. Aber es ging nicht gut. Abbas war nicht wie fein Vater; er war ein böser, herrischer Junge von klein an. Auch bei ihm zeigte sich der Geist des Großvaters: fein Stolz, feine Herrschsucht, sein Eigenwille, aber nicht die Klugheit und die Selbstbeherrschung, die die Größten groß macht. Schon nach wenigen Tagen maßen sich die Kinder mit feindlichen Blicken. ,Jch bin ein Mann', sagte der Junge und ballte die Faust, wenn man ihm sein liebstes Spielzeug, seinen Dolch entwand, .du bist nur ein Mädchen.' .Ich bin seine Tochter', schrie Zohra, blau vor Zorn, ,bu bist nur der Junge meines Bruders!' Mohammed Ali hatte es leichter gefunden, der alten Mameluckenfürsten Herr zu werden, als diese zwei kleinen Feuerteufel zu regieren. Die gemeinsame Erziehung kam zu einem raschen Abschluß, als eines Tages in den Gärten zu Roda Abbas der Prinzessin das stolze Näschen blutig geschlagen und sie dem Prinzen die Haarlocke ausgerissen hatte, die auf seinem glattrasierten Köpfchen prangte. Beide bluteten, und aus zwei gellenden Kinderkehlen schrie das vergossene Prinzenblut gen Himmel. Diener und Dienerinnen, welche die Katastrophe nicht verhindert hatten, erhielten gebührend die Bastonade. Der kleine Prinz wurde mit einem französischen und einem arabischen Lehrxr nach der Militärschule zu Santa verbannt, mit der Weisung, sich am Hofe nicht mehr zu zeigen, bis er lesen und schreiben gelernt habe, wogegen er sich bis jetzt beharrlich gesträubt hatte. Die Prinzessin erhielt eine englisch-französische Gouvernante, die in Paris gesunden worden war. Tatsächlich war Miß O'Donald eine Irländerin, sonst hätte der Pascha sie wohl nicht berufen, denn die Engländer waren nicht seine Freunde, und es wäre klüger gewesen, er hätte sich auch vor den Iren besser gehütet; sich und seine Tochter. Die Europäerin war ein wunderliches Wesen, klug und verschlagen, aber voll Lebenslust und Neugier und Abenteuer. Damals waren noch wenige Frauen des Westens in unsere Harims gedrungen. Sie glaubte, die Geschichten ans Tausendundeine Nacht ließen sich weiterspinnen in unsern Tagen. Manchen Bey und manchen kleinen Pascha führte sie an der Nase herum und merkte kaum, wie gefährlich dies ist. Davon erzählen die alten Mamelucken noch, die zu jener Zeit am Hose dienten. Die Prinzessin aber wuchs heran, und bald wußte man nicht mehr, wer die Erziehung leitete, die Gouvernante aus Irland oder die kleine Fürstin des Nils. Es war eine Freundschaft! Nur die alten Damen des Harims ärgerten sich und murrten, und die jungen schalten und flüsterten, und schon längst hätte es einen großen Ausruhr gegeben, wenn nicht Zohra ihrem alternden Vater alles vom Munde geküßt hätte, wie ihr bunter Kakadu den Zucker aus ihrem Munde nahm. Viele liebten sie, trotz allem. Sie konnten nicht anders, so schön war sie geworden. Damals war mein Herr, Halim Pascha, ein kleines Kind, ihr jüngstes Brüderchen. Sie scherzte und spielte mit ihm, und er hielt sie für einen Engel des Paradieses. So kam es, daß er noch heute nichts davon Horen kann, was man von ihr erzählt, obgleich sie hinging, von wo kein Wiederkehren ist. Nicht ihr Leib. Der Allbarmherzige sei ihr gnädig. Er wech, ob ihre Feuerseele Ruhe gesunden hat. Die ist dahin für immer. So verflossen acht Jahre. Abdas hatte lesen und schreiben gelernt und war längst wieder in Kairo. Auch hatte er jetzt sein eigenes Haus uno Harim und war schlau genug, die Gunst seines Großvaters, der ihn m kindischen Liebesbeweisen Überhäufte, so rasch nicht wieder aufs Spiel zu setzen. Es rächt sich alte Härte. Der große Mann brauchte ein wenig Liebe in seinen letzten Jahren und wußte nicht, wo er sie suchen |oute- Da ereignete sich etwas Entsetzliches, von dem nur wenige Mameluac und Eunuchen so viel erfahren haben wie ich. Denn damals i“)01’,. hörte ich zu Abbas' Haufe, und da ich ein allzu kleiner Junge afljtw niemand darauf, daß ich mehr hörte, als gut für mich gewesen ist. Es war das Fest der Hassanen, an dem sich Tausende in der Mosche des heiligen Märtyrers Hussein versammeln, um vor dem Schrein beten, in dem der Kopf des Helden Allahs begraben liegt. 23e(on » kommen Frauen. Das ist eine alte Sitte, wie du weißt, denn ou v sicher das Heiligtum auch besucht, obgleich du dich noch weigerst, Propheten zu segnen. — Gib mir noch etwas Wein, o Bruder. Aue schichte macht mir warm; Uff!" (Fortsetzung folgt.) __