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Von Marianne von Willem«r. Ach, um dein« feuchten Schwingen, West, wie sehr ich dich beneide, Denn du kannst ihm Kunde bringen Was ich durch die Trennung leide! Die Bewegung deiner Flügel Weckt im Busen stilles Sehnen, Blumen, Auen, Wald und Hügel Stehn bei deinem Hauch in Tränen. Doch dein mildes sanftes Wehen Kühlt die wunden Augenlider; Ach, für Leid müht ich vergehen. Hofft ich nicht, wir sehn uns wieder. Geh denn hin zu meinem Lieben, Spreche sanft zu seinem Herzen; Doch vermeid ihn zu betrüben Und verschweig ihm meine Schmerzen. Sag ihm nur, doch sag's bescheiden. Seine Liebe sei mein Leben, Freudiges Gefühl von beiden Wird mir sein« Nähe geben. Ein schlichtes Herz. Erzählung von Gustave F l a u b e r t. Ein halbes Jahrhundert lang beneideten die Pont-l'Eveguer Bürgerinnen Frau Aubain um ihre Magd Felicitas. Für hundert Franken im Jahr besorgte sie Küche und Haus, nähte, wusch, plättete, verstand ein Pferd zu schirren, Geflügel zu mästen, Butter zu bereiten und blieb ihrer Herrin treu — welche keineswegs eine an* genehme.Frau war. Frau Aubain hatte einen hübschen Jungen ohne Vermögen geheiratet, der zu Anfang des Jahres 1809 starb und ihr zwei sehr kleine Kinder und eine Unmenge Schulden hinterließ. Da verkaufte sie ihren Grundbesitz außer den Pachtgütern Toucques und Gefässes, deren Einkünfte im höchsten Fall auf 5000 Franken stiegen, und verließ ihr Haus in Saint* Melaine, um fortan ein anderes, weniger kostspieliges zu bewohnen, das ihren Vorfahren gehört hatte und hinter den Markthallen stand. Dieses mit Schiefer gedeckte Haus lag zwischen einem Durchgang und einer Gasse, welche auf den Fluß mündete. Es hatte innen ungleiche Dielenhöhen, worüber man stolperte. Ein schmaler Trcppenflur trennte die Küche von dem „Saal", in dem sich Frau Aubain, in einem Korbstuhl am Fenster sitzend, den ganzen Tag über aufhielt. Vor der weihgestrichenen Wandtäfelung standen in einer Reihe acht Mahagonistühle. Ein altes Klavier trug, unter einem Barometer, einen pyramidenförmigen Aufbau von Kasten und Schachteln. Zwei bestickte Lehnsessel standen zu Seiten des Kamins, der aus gelbem Marmor und im Stil Ludwigs.XV. gehalten war. Die Uhr in der Mitte stellte einen Vestatempel dar — und das ganze Zimmer roch etwas schimmelig, da die Diele niedriger lag als der Garten. _ Im ersten Stock befand sich zunächst die Stube der „gnädigen Frau". Sie war sehr groß und mit einer blaßblumigen Tapete ausgeklebt, barg das Bildnis des „gnädigen Herrn" in Stutzertracht, und war mit einem kleinen Zimmer verbunden, in dem zwei Kinderbettchen ohne Matratzen standen. Dahinter kam die Gute Stube, welche immer verschlossen blieb und mit überzogenen Möbeln angefüllt war. Dann führte ein Gang zu einem Studierzimmer; hier tagen Bücher und Papierstöße auf den Ouer- brettern einer Bibliothek, deren drei Seiten einen großen Schreibtisch aus schwarzem Holz umgaben. Die beiden Rückwände verschwanden unter Federzeichnungen, Gouache-Landschaften und Stichen von Audran, Er- innerungen einer besseren Zeit und eines verblaßten Prunkes. Im dritten Stock erhellte eine Dachluke die Kammer der Felicitas, welche den Aus* blick auf die Wiesen hatte. Sie stand mit Tagesanbruch auf, um die Messe nicht zu versäumen und arbeitete ohne Unterbrechung bis zum 2(benb; dann, wenn das Gssen beendet, das Geschirr abgeräumt und die Haustür gut verschlossen war, verscharrte sie die Glut unter der Asche und schlief mit ihrem Rosenkranz in der Hand vor dem Herde ein. Niemand zeigte bei der Arbeit mehr Eifer als sie. Die Sauberkeit und der Glanz ihrer Pfannen brachte alle anderen Mägde zur Verzweiflung. Sie war haushälterisch, aß lang* sam und sammelte mit der Hand die Krümchen ihres Brotes vom Tisch — eines Brotes von zwölf Pfund, das eigens für sie gebacken wurde und zwanzig Tage vorhielt. In jeglicher Jahreszeit trug sie ein Tuch aus indischem Kattun, das mit einer Nadel im Rücken befestigt wurde, eine Haube, die ihre Haare verbarg, graue Strümpfe, einen roten Unterrock und über ihrer Jacke eine Latzschürze wie die Krankenschwestern. Ihr Gesicht war mager und ihre Stimme spitz. Mit fünfundzwanzig Jahren hielt man sie für vierzig. Von den Fünfzigern an kennzeichnete sie gar kein Alter mehr — und da sie immer schweigsam war, den Rumpf gerade hielt und abgemessene Gebärden machte, erschien sie wie eine Frau aus Holz, die auf eine automatische Weise funktionierte. Sie hatte so gut wie jede andere ihre Liebesgeschichte gehabt. Ihr Vater, ein Maurer, war von einem Gerüst gestürzt und dabei umgekommen, Dann starb ihre Mutter, ihre Schwestern zerstreuten sich, sie selber nahm ein Landwirt zu sich und ließ sie, als sie noch ganz klein war, die Kühe hüten. Sie fröstelte unter Lumpen, trank, auf dem Boden liegend, das Wasser der Pfützen, wurde um nichts geschlagen und zuletzt wegen eines Diebstahls von dreißig Hellern, den sie nicht begangen hatte, fortgejagt. Sie verdingte sich in einem anderen Pachthof, wurde dort Viehmagd, und da sie dem Gutsherrn gefiel, waren ihre Genossinnen eifersüchtig auf sie. Eines Abends im Monat August (sie war damals achtzehn Jahre alt) nahmen sie sie auf die Kirchweih nach Colleville mit. Sie wurde sofort schwindlig, betäubt von dem Lärm der Spielleute, von den Lichtern in den Bäumen, den bunten Trachten, den Spitzen, den Goldkreuzen und der ganzen wild durcheinander wirbelnden Menschenmenge. Sie hielt sich bescheiden abseits, als etn junger Mann von anständigem Aussehen, welcher, die beiden Ellenbogen auf eine Karrendeichsel gestemmt, feine Pfeife geraucht hatte, auf sie zutrat und sie zum Tanz aufforderte. Er bezahlte Most, Kaffee, Kuchen und ein Halstuch für sie und bot ihr an, sie zurückzugeleiten. An einem anderen Abend wollte sie auf dem Wege nach Beaumont an einem großen, langsam fahrenden Heuwagen vorbeigehen. Als sie die Räder streifte, erkannte sie Theodor wieder. Er sprach sogleich von der Ernte und den angesehenen Bürgern der Gemeinde, denn sein Vater hatte unterdessen Colleville verlassen, um den Pachthof Des Ecots zu übernehmen, so daß sie jetzt Nachbarn waren. „Oh!" sagte sie. Er fügte hinzu, daß man ihn verheiraten wolle. Schließlich habe er es ja nicht so eilig und würde auf eine Frau nach seinem Geschmack warten. Sie senkte den Kopf. Da fragte er sie, ob denn sie nicht auch ans Heiraten dächte? Sie erwiderte lächelnd, es fei schlecht zu spotten. — „Aber nein, ich schwöre Ihnen", und er umfaßte mit feiner linken Hand ihren Leib; sie ging nun, von feiner Umarmung gestützt und ihre Schritte verlangsamten sich. Der Wind war weich, die Sterne blinkten, das mächtige Heufuder schwankte vor ihnen, und die vier Pferde wirbelten mit scharrenden Füßen den Staub auf. Dann brgen sie ohne Zuruf nach rechts ein. Er umarmte sie noch einmal. Sie verschwand im Dunkeln. In der folgenden Woche erlangte Theodor ein Stelldichein nach dem anderen von ihr. Sehr bald gestand er bann etwas Unangenehmes: feine Eltern hatten ihm im letzten Jahre einen Ersatzmann gekauft, aber den einen ober den anderen Tag konnte man ihn doch nehmen. Der Gedanke, dienen zu müssen, entsetzte ihn. Diese Feigheit nahm Felicitas für ein Zeichen seiner Zärtlichkeit; die ihre verdoppelte sich dadurch. Sie stahl sich in der Nacht hinaus, und wenn sie den Ort des Stelldicheins erreicht hatte, folterte Theodor sie mit seinen Bangen und Aengsten. Endlich kündigte er ihr an, daß er selbst auf die Präfektur gehen wolle, um Erkundigungen einzuziehen, und baß er sie ihr am nächsten Sonntag zwischen elf Uhr und Mitternacht mitteilen würde. Als die Stunde gekommen war, lief sie dem Liebsten entgegen. Anstatt seiner traf sie einen seiner Freunde an. Er teilte ihr mit, daß sie Theodor nicht Wiedersehen dürfe. Um sich vor der Aushebung zu sichern, habe er eine alte, sehr reiche Frau, Frau Lehoussais aus Toucgues, geheiratet. Das war ein maßloser Schmerz für sie. Sie warf sich zu Boden, schrie, rief den lieben Gott an und jammerte ganz allein im Felde bis zum Sonnenaufgang. Dann ging sie auf den Guishos zurück, kündigte den Dienst auf und band am Ende des Monats, nachdem sie ihre Löhnung empfangen hatte, ihr weniges Gepäck in ein Taschentuch und begab sich nach Pont-l'EvLque. Vor dem Gasthause ging sie eine Bürgersfrau in einer Witwenhaube an, und es traf sich, daß diese gerade eine Köchin suchte. Das junge Mädchen konnte ja nicht viel, schien aber so guten Willen und so wenige Ansprüche zu haben, daß Frau Aubain schließlich sagte: Krau Aubain sprang in den Graben hinunter, hob zuerst Paul her- über dann Virginie, fiel bei dem Versuch, die Böschung zu erklimmen, mehrere Male hin und brachte es endlich mit verdoppeltem Mute fert.g. Der Stier hatte Felicitas an ein Gatter gedrängt, sein Geifer spritzte ihr ins Gesicht, noch eine Sekunde, und er spießte sie aus. Sie hatte Zelt, sich zwischen zwei Latten hindurch zu drängen, das mächtige Tier blieb ganz verwundert stehen. _ . ... r, ,, Dieses Ereignis bildete während mehrerer Jahre einen Gesprächsstoff in Pont - l'Eoeque. Felicitas fand keinen Grund zum Stolz darin, da sie nicht einmal ahnte, daß sie etwas Heldenhaftes getan hatte. Virginie beschäftigte sie ausschließlich — das Kind war infolge ihres Schreckens in einen nervösen Zustand geraten, und Herr Poupart, der Arzt, riet die Seebäder von Trouville an. . Sie wurden in jener Zeit noch kaum besucht. Frau Aubain holte Erkundigungen ein, zog Bourais zu Rate und machte Vorbereitungen wie für eine lange Reise. . • Ihre Koffer gingen am Abend vorher in der Karre Liebards ab. Am anderen Morgen kam er selber mit zwei Pferden, deren eines einen Frauensattel mit einer Sammetlehne trug; auf dem Rücken des zwecken bildete ein gerollter Mantel eine Art Sitz. Frau Aubain stieg auf, hinter ihr belud sich Felicitas mit Virginie, und Paul setzte sich auf den Esel des Herrn Lechaptois, der ihn unter der Bedingung äußerster Vorsicht geborgt hatte. . . Der Weg war so schlecht, daß seine acht Kilometer zwei Stunden er- forderten, löie Pferde versanken bis an die Knie im Schmutz, machten plötzliche Bewegungen mit den Hanken, um wieder heraus zu gelangen, oder sie stolperten auch über die Fahrgleise, und zu anderen Malen mußten sie springen. An gewissen Orten blieb die Stute Liöbards plötzlich stehen. Er wartete geduldig, bis sie sich wieder in Gang setzte, sprach von den Personen, deren Felder an den Weg grenzten, und knüpfte moralische Betrachtungen an ihre Geschichte. So sagte er mitten in Toucques, als man unter Fenstern vorbeiritt, die mit Kapuzinerkresse bewachsen waren, achselzuckend: „Hier wohnt eine Frau Lehousfais, welche, anstatt einen jungen Mann zu nehmen"... Das übrige hörte Felicitas nickt, die Pferde trabten, der Esel galoppierte; sie schlugen einen schmalen Pfad ein, em Gattertor öffnete sich, zwei Knaben erschienen, und man stieg vor dem Misthaufen dicht an der Schwell« der Tür ab. Mutter Liebard erschöpfte sich beim Anblick ihrer Herrin in Kundgebungen der Freude. Sie tischte ihr ein Frühstück auf, das aus Lendenbraten, Kaldaunen, Rotwurst, Hühnerfrikaffee, schäumendem Most, einem Obstkuchen und Rumpflaumen bestand, und begleitete das Gan.ze mit Artigkeiten für die gnädige Frau, die sich ja bei bester Gesundheit zu befinden scheine, für das gnädige Fräulein, das „prächtig" aussehe, für Herrn Paul, der erstaunlich „angenommen" habe, und vergaß dabei bie verstorbenen Großeltern nicht, welche die Liöbards noch gekannt hatten, da sie seit mehreren Geschlechtern in Diensten der Familie standen. (Fortsetzung folgt.) Götz mit der eisernen Zum 450. Geburtsjahr des Ritters Göh von Berlichingen. Don Rudolf Lindemann. Schwer und grau hielt der Aschermittwoch des Jahres 1525 seinen Einzug in die Stadt Landshut. Von den Türmen der St. Jodocus- kirche, der Spital- und Martinskirche riefen die Glocken zur Frühmesse, ihr wuchtiger Sang rüttelte an Fenstern und Türen und weckte die Säumigen: „Kommt... kommt... tut Buße... Buße! .ilnb aus den verschlafenen, geduckten Häusern, aus den stmckrcheu Gebäuden der Ratsherren und reichen Kausleuw folgten dre Burg» mit ihren Hausfrauen, mit Kindern und Gesinde dem ma.Menden Ruf, beugten in den Kirchen ihre Häupter, und die Prrester streuten die geweihte Asche über sie. .. , 3n der Herberge zum roten Ochsen stand um dtese Stunde des Herbergswirtes Söhnchen Hänsli vor dem Lager des schwer schlaten- den Junkers Götz von Berlichingen und mühte sich vergebens, mir seinem dünnen Stimmchen das grollende Schnarchen des Schlepers zu übertönen. „Herr Junker... Herr Junker... es ist einer kommen aus Dürnberg mit Botschaft an Euch!" Allein das zarte Rufen verschlug nichts Der Derlichinger lag in seinem Morgentraum wie ein Klotz und sein Schnarchen fuhr wie der Laut einer Baumsäge auf und ab, auf und ab. < Der Hänsli wußte sich schier keinen Rat mehr. Wie sehr er auch den Junker anrief, zwickte, stieß und puffte, der Schlafende rucke nur ein wenig, wälzte sich zur Seite und blteb auch fürder |.ot- Da überfiel den Knaben der Zorn. War es auch nur ein kindischer Zorn, so brachte er ihm doch flink den in der Ecke stehmrden Wafter- trug in die Hände und verlieh ihm Kraft genug, den Inhalt sprudelns gegen Hals, Racken und Rücken des Berlichingers zu scyleudern, der augenblicks mit einem kräftigen Fluch auffuhr, als hätte ihn em Kartätschenkugel getroffen. „Teufel auch, Hänsli..prustete er und schüttelte die breiten Schultern, von denen die Tropfen wie ein Regen stoben, .was schtm dich, einen Kriegsmann mit gemeinem Wo hr unsanft aufzustö-en Der Bub stampfte trotzig mit dem Fuß aif. „Wenn s mt not war, ich Hütt' Euch schlafen lassen bis an den längsten Tag. Aber unten in der Herberg wartet ein Bote aus Dürnberg auf Euch, hat einen Packen mitgebracht und sagt, es wär' die eiserne Faust darin, o« Ihr bei seinem Meister bestellt hättet." Da war der Junker mit einem Satz aus dem Bett, fuhr in o Strümpfe und Hosen und achtete nicht einmal des nassen Hemo«» mehr, das ihm auf dem Rücken klebte. . ri.f „Bring ihn herauf, Hänsli, und eine Kanne Wein dazu, er, „das ist gute Botschaft." , e „Werdet Ihr dann wieder eine Hand haben? fragte der nn I neugierig und schielte nach dem verbundenen Armstumpf des '>muc , Meinetwegen, ich nehme Sie." . . Eine Stunde später hatte sich Felicitas häuslich bet ihr nieder- Anfangs lebte sie unter einem gewissen Zagen, welches ihr »die Art des Hauses" verursachte und die Erinnerurg an den „gnädigen Herrn , die über allem schwebte. Paul und Virginie, das eine sieben Jahre alt, das andere kaum vier, schienen ihr aus einem kostbaren Stoffe gebildet zu sein; sie trug sie wie ein Pferd auf ihrem Rücken, und Frau Aubain mußte ihr verbieten, sie in jeder Minute zu küssen, was sie tief krankte. Dennoch suhlte sie sich glücklich. Die Sanftheit der Umgebung hatte ihre An allen^Donnerstagen kamen Stammgäste eine Partie Boston spie- lcn. Felicitas legte schon vorher die Karten und die Fußwarmer zurech.. Sie kamen pünktlich um acht Uhr und brachen auf, ehe es e.f schlug. An jedem Montagmorgen legte der Trödler, der in dem Durchgang wohnte, seinen alten Kram aus dem Boden aus.. Dann erfüllte sich die Stadt mit einem Stimmengesumm, in das sich Pferdewiehern, Lammer- blöken Schweinegrunzen und das harte Rattern der Karren auf dem Steinpftaster nuschle. Gegen Mittag, wenn der Markt am vollsten war, sah man einen alten, hochgewachsenen Bauern mit einer Hakennase, die Mütze im Genick, auf der Schwelle erscheinen, er hieß Robelm und war der Pächter von Gesässes. Etwas später erschien Liebard, der Pachter von Toucques, er war klein, rot, seist und trug eine graue Weste und mit Sporen bewaffnete Stulpenstiefel. Alle beide boten ihrer Gutsherrin Hühner und Käse an. Felicitas vereitelte jedesmal ihre kleinen Trügereien, und sie gingen voller Achtung fiir,4u unbestimmten Zeiten empfing Frau Aubain den Besuch des Marquis von Gremanville, eines ihrer Onkel, der fein Vermögen durchgebracht hatte und in Falaise auf dem letzten Winkel seiner Guter lebte. Er stellte sich immer um die Frühstücksstunde ein, begleitet von einem scheußlichen Pudel, dessen Pfoten alle Möbel beschmutzten. Trotz seines Bemühens, jo ganz als ein Edelmann zu erscheinen, daß er sogar >edes- mal seinen Hut lüftete, wenn er „mein Vater selig sagte, schenkte er sich doch, von der Gewohnheit beherrscht, ein Glas um das andere ein und gab dazu schlüpfrige Redensarten zum besten. Felicitas drängte ihn hofucy hinaus: „Sie haben genug, Herr von Gremanville! Auf em anderes Mal!" Und sie verschloß die Tür. ~ c Mit Vergnügen öffnete sie sie vor Herrn Bourais, einem ehemaligen Advokaten. Seine weiße Halsbinde und seine Glatze, feine Hemd krause, sein weiter, brauner Gehrock, seine Art, mit gebogenem Arm zu schnupfen, tum fein ganzes Individuum riefen in ihr jene Aufregung hervor, in welche uns der Anblick außerordentlicher Menschen versetzt. Da er die Güter der „gnädigen Frau" verwaltete, schloß er sich stundenlang mit ihr in das Arbeitszimmer des „gnädigen cherrn ein, fürchtete stets, sich blohzustellen, hatte eine unbegrenzte Achtung vor dem Richtetstand und bildete sich ein, lateinisch zu können. Um die Kinder auf eine angenehme Weise zu untersten, machte er ihnen ein Geographiebuch mit Stichen zum Geschenk. Sie stellten verschiedene Szenen der Welt dar, sederngeschmückte Menschenfresjer, einen Affen, der eine Beduinendame in die Wüste entführt, einen Haifisch, den man harpuniert, und was dergleichen mehr ist. Paul erklärte Felicitas diese Bilder. Darin bestand sogar ihre gesamte wissenschaftliche Ausbildung. Die der Kinder wurde von Guyot besorgt, einem armen Teufel, der auf dem Rathause angestellt und um seiner schönen Hände willen berühmt war und jein Messer an seinen Stiefeln weifte Bei schönem Wetter begab man sich schon frühmorgens nach dem Gut ^Der Hof war abschüssig, das Haus stand in der Mitte, und im fernen schimmerte das Meer wie ein grauer Streifen. Felicitas holte aus ihrem Handkorb kalte Fleischschnitten hervor, und man frühstückte in einem Zimmer, das an die Molkerei stieß. Dieses Zimmer war das einzige Ueberbleibjel eines jetzt verschwundenen Lust- sitzes. Die zerfetzte Tapete an den Wänden flatterte im Äutze. Frau Aubain senkte, von Erinnerungen Überwältigt, ihr Haupt, die Kinder wagten nicht mehr zu sprechen. „Ader so spielt doch", sagte sie; sie machten sich aus dem Staube. . ....... s. Paul kletterte in die Scheune, fing Vögel, warf Steine flach über ben Teich, so daß sie vom Wasser abfprangen, ober klopfte mit einem Stock an bie großen Fässer, bie wie Trommeln tönten. Virginie fütterte die Kaninchen ober rannte fort, um Kornblumen zu pflücken, unb bie Schnelligkeit ihrer Beine deckte ihre gestickten Unter« Höschen bloß. Eines Abends im Herbste kehrte man über bie Weiden zurück. Der Mond erhellte mit seinem ersten Viertel einen Teil des Himmels, und ein Rebel schwebte wie ein Band über den Windungen der Toucques. Rinder lagen im Gras und sahen den vier vorübergehenden Menschen ruhig nach. Auf dem dritten Weideplatz erhoben sich einige und stellten sich in die Runde vor sie, „Fürchtet nichts", sagte Felicitas, und eine Art Bänkelsängerlied summend, strich sie dem zunächststehenden liebkosend über den Rücken, es drehte sich halb um, die anderen ahmten ihm nach. Als sie aber über die folgende Wiese geschritten waren, erhob sich ein mächtiges Brüllen. Es war ein Stier, den der Rebel verbarg. Er bewegte sich auf die beiden Frauen zu. Frau Aubain wollte laufen. „Rein, nein, nicht so schnell." Dennoch beschleunigten sie ihren Gang, und sie hörten hinter sich ein dumpfes Schnauben, das näher kam. Seine Hufe schlugen wie Hämmer auf das Gras der Wiese. Jetzt galoppierte er. Felicitas drehte sich um und riß mit beiden Händen Erdklumpen aus, die sie ihm ins Gesicht schleuderte. Er senkte die Schnauze, schüttelte die Hörner und bebte, fürchterlich brüllend, vor Wut. Frau Aubain versuchte am Ende der Wiese, außer sich vor Angst, mit ihren beiden Kleinen über die hohe Einfassung zu gelangen. Felicitas wich immer schrittweise vor dem Stier zurück und warf unaufhörlich Rasenstücke, die ihn blind machten; währenddessen rief sie: „Eilt euch! Eilt euch!" iaul herklimmen, ite fertig. t spritzte atte Zeit, iier blieb rächsstoff in, da sie lge ihres pari, der holte Ernzen rote s ab. Am tes einen 3 zweiten uf, hinter i Esel des irsicht ge- anden er- , machten gelangen, den muß- 5 plötzlich prach von moralische :ques, als ’n waren, tatt einen >ie Pferde ) ein, ein vor dem in Knnd- s Lendenost, einem lan^e mit mdheit zu ssehe, für dabei die nt hatten, aden. en. >05 feinen Jodocus- ur Frnh- tnb weckte stattlichen ie 'Bürger lohnenden r streuten tunde des c schlasen- bens, mit Schläfers t kommen Inger lag fuhr tote yr er auch nde ruckte ■ tot. . kindischer n Wasser- sprudelnd adern, der ■ ihn eine ne breiten vas schiert zustören?^ : not wär, Der unten hat einen forrin, die ahr in die n Hemöe» >azu," tief her Knabe s Junkers. „Jawohl, eine Hand aus Eisen, eine schwere Faust, die jeder Feind und Pfeffersack mehr fürchten soll als die gesunde," poltert« Der Berlichinger und drängte den Jungen zur Tür hinaus. ©3 ging aus Mittag zu, als der Nürnberger Bote die Stiege von Les Junkers Kammer zur unteren Herberge wieder herabkam und an dem wartenden Hänsli vorüberschwankte. Husch, war er auch schon oben, der Bub, und steckte den blonden Kops durch die Türspalte. „Dars ich die Hand nit einmal anschauen, Herr Junker?" fragte er, und als der Berlichinger ihm winkte, stand er auch schon mit drei Sprüngen neben ihm. „Da ist sie... schau her! Eine seine Faust, eine gewichtige Faust, wenn ich mit der gesunden Hand die Finger zusammenbiege. Wird manchen Schädel zu Brei schlagen, so Hoss' ich!" Der Berlichinger lachte dröhnend und hieb die Faust auf die Fensterbank, daß das Hotz splitterte. Hänslis Augen funkelten vor Erregung. Das war etwas, das hatte nicht ein jeder! „Ist besser fast als die gesunde, nit?" fragte er eifrig. „Besser nit, aber ein guter Behelf, und will's Gott, so werde ich mit ihr im Felde soviel ausrichten wie ein gesunder Mensch." Die kleinen Finger des Knaben glitten über das kalte Eisen und probierten den Mechanismus der beweglichen Gelenke. In seinen Augen brannte eine Bitte, die sich jedoch nicht hervorwagte. Aber Der Berlichinger schien sie zu ahnen, war ja selbst einmal ein Bub gewesen, der jedent Ding aus Eisen nachgespürt und nicht eher geruht Hatte, bis er es selbst in den Händen hielt. „Willst sie einmal auf- zieheit, die Hand?" fragte er freundlich und war schon dabei, die Haltegurten zu lösen. Bebend vor Erregung streckte ihm Hänsli den Arm entgegen. Steif stand er, mit zusammengeprehten Lippen und verhaltenem Atem, als sich nun das eiserne Ding weit bis über den Ellenbogen hinaus über seine Hand schob. Die senkte sich von dem Gewicht bedrückt rasch hinab und über die Lippen des Knaben fuhr ein kleiner Schreckensruf. „Schwer... wie?" lachte der Junker. „Ich halt's schon noch aus," sagte der Junge keck, aber der Arm zitterte ihm doch gewaltig und heimlich war er froh, als ihm der Berlichinger die Hand wieder abnahm. „Was werdet Ihr nun tun, Herr Junker? Ihr seid doch jetzt -gesund und habt lang genug in unserer Stadt krank gelegen?" fragte er. „Aun die Hand ankommen ist, hält's mich auch nit länger hier. Morgen in der Früh will ich Heimreiten, gen Jagsthausen und im nächsten Strauß die Faust probieren. Hänsli." Doch der Junge hatte noch etwas auf dem Herzen. „Ihr habt mir doch etwas versprochen, Herr Lunker..." Der Berlichinger wußte nichts mehr davon. „Was war's denn, Hänsli?" Zutraulich kam der Bub näher. „Ms Ihr am Sonntag nach St. Lakobstag, — Ihr wißt, das war der Tag. da Ihr im Heer Eures Herrn Markgrafen von Brandenburg vor unserer Stadt lagt und verwundet wurdet, — spät am Abend von einem alten Landsknecht in unsere Herberge gebracht wurdet, da sagte mir der Vater, daß Ihr durch eine Feldschlangenkugel der Llnsrigen die Hand verloren hättet. Monatelang lagt Ihr dann in Schmerzen und das Wundfieber riß Euch hin und her, daß wir dachten, Ihr machtet es nicht mehr lange. Ms es Euch aber besser ging und ich Euch eines Tages besuchen durfte, gabt Ihr mir das Versprechen, ehe Ihr von hier fortginget, mir zu erzählen, wie es war, als Euch die Hand abgerissen wurde. Wißt Lhr's nit mehr?" Der Berlichinger erinnerte sich nun und war sofort bereit, sein Versprechen einzulösen. „Ja... setz' dich her, Hänsli," sagte er und drückte den Knaben auf einen Schemel. And nun erzählte er, wie er und die Seinen vor Landshut scharmützelten und wie die von Landshut und Nürnberg ihm so nah gekommen seien, daß ihn die Lust gepackt hätte, feinen Spieß mit einem von ihnen zu zerbrechen. Wie er noch ausgeschaut Habe, um seinen Vorteil zu ersehen, wäre plötzlich ein Geschütz 'brühen losgegangen und eine Feldschlange hätte ihm den Schwertknopf entzweigeschossen, daß die Hälfte davon in den Arm fuhr und drei Armschienen zerbrach. „Das war ein gewaltiger Stotz, Hänsli, und es wundert mich heut' noch, daß er mich nicht vom Pferd gezogen hat. Auch dachte ich, Datz mir der Arm davon hinten und vorn zerschmettert fein müsse, wie ich es mir aber anschaue, sah ich, daß es nur die Hand war. die noch an einem Stück Haut hing. Da tat ich eben, als wäre nichts darum, wandte den Gaul allgemach um und kam ungefangen von den Feinden fort zu meinem Hausen. Unterwegs nun lief mir ein alter Landsknecht in den Weg, den bat ich zu bleiben und mir beizustehen. Der war es auch, der mir einen Arzt holte und mich nach Landshut brachte. Siehst du wohl, Hänsli, so kann's einem gehen in Krieg und Fehde, aber schlimmer als das war der Gedanke, fortan ein Krüppel zu sein, und oft bat ich Gott in meiner langen Krankheit, daß er mich dahinfahren lasse, nun ich zum Kriegsmann nicht mehr taugen sollte. Allein der Herr hat Nch meiner erbarmt und gab mir die Erinnerung an einen tapferen Kriegsknecht, der Köchle heißen hat und der auch nicht mehr denn eine Hand besessen unb dennoch gegen den Feind im Feld ebensoviel ausgerichtet haben sollte wie ein anderer. Daran tröstete ich mich, und als ich gesünder ward und mit Bitten zu Gott nicht nachlieh, kam mir auch der Gedanke, datz ich mir wohl eine eiserne Hand als Behelf anfertigen lassen könnte. Ich tat's, und nun, Hänsli, mag Fir6> . allmächtige und ewige Gott seine Hilfe und Gnade verleihen tn Krieg, Fehden und Händeln, denn wenn ich auch zwölf Hände hätte Herrgott wollte mir nicht wohl, so wäre doch alles umsonst, vo Bub, und nun geh' hinunter zum Vater und sag. datz er dem Ber- ucymger das Essen richte, er habe einen gewaltigen Hunger." Allerlei Sonderlinge. Von Carl Georg von Maaßen. Leute, die abseits vom breiten Strome der Menschheit ein ausschließlich auf sich selbst gestelltes Dasein führen, die aus irgendeinem Grunde weder die Leiden noch die Freuden ihrer Mitbürger teilen wollen und ihnen nach Möglichkeit aus dem Wege gehen, müssen sich damit abfinden, als Sonderlinge ober gar — falls sie allzu ungewöhnliche Manieren an den Tag legen — als Narren bezeichnet zu werden. Wollte sich jedoch einer ihrer Beurteiler der Mühe unterziehen, den Ursachen ihres seltsamen Betragens nachzuspüren, so würde er wahrscheinlich in sehr vielen Fällen ihre Abkehr von den Interessen der Allgemeinheit ganz verständlich finden. Vor allem könnte er feststellen, daß es niemals niedrige Seelen, häufig genug Menschen edler Denkungsart sind, die durch irgendeinen Stoß des Schicksals in ihre Weltabgeschiedenheit getrieben wurden, um hier von einem Glück träumen zu können, das ihnen das Leben versagt hatte. Träumen denn nicht so unendlich viele Menschen von einer fernen Insel, auf der sie einsam ein verschwiegenes, nur ihnen allein gehöriges . Glück genießen? Die Welt lacht über die närrisch verliebte Art, mit der Hunde- und Katzenfreunde ihre vierbeinigen Genossen behandeln, und über deren häufig genug zu hörenden Ausspruch, daß Ihnen die Tiere lieber seien als ihre Mitmenschen — aber sie denkt nicht daran, wie viele Enttäuschungen, wie viel Kummer jene Menschen zu dieser Tierfreundschaft getrieben haben. Selbst der große Friedrich, dem die halbe Welt an- betenb zu Füßen lag, äußerte den Wunsch, bei seinen Hunden begraben zu werden, weil er die Menschen, „diese mechante Rasse", gründlich verachtete. Von allen Nationen haben die Engländer das größte Kontingent an sonderbaren Eigenbrödlern und schnurrigen Käuzen gestellt. Die Engländer, diese stolzeste, in sich selbst gefestigtste Nation der Welt! Man könnte ein dickes Werk über englische Sonderlinge schreiben. Wir wollen hier nur ein paar besonders bemerkenswerte Muster aus der großen Sdyar derer herausholen, die sich aus Menschenhaß in die Einsamkeit zurückzogen. Noch die allerneueste Zeit bescherte uns ein sehr Merkwürdiges in dem Multimillionär Bayard Brown. Unglückliche Liebe veranlaßte den bereits Reununddreißigjährigen, seine Mitmenschen zu fliehen. Trotz seines Reichtums vermochte er die Geliebte feines Herzens nicht zu gewinnen. In tiefe Schwermut versunken, kaufte er im Jahre 1890 eine kostbare Jacht, die er bis zu seinem Tode, im Jahre 1926, nicht mehr verließ. Sechsunddreißig Jahre hindurch lag fein Schiff ruhig in einem kleinen englischen Hafen, und abgesehen von der Bedienungsmannschaft ließ Brown kein menschliches Wesen an Bord. Ausnahmsweise gestattete er einmal seiner Schwester eine Unterredung von fünf Minuten an Bord, aber ihr Versuch, ihn der Welt wiederzugewinnen, scheiterte kläglich. Von dem Tage an stand ein Matrose als Posten vor seiner Kabine, um jedem Menschen, wer es auch sein mochte, den Eintritt zu verwehren. Er stand dort bis zu jenem Tage, da man den einsamen Greis tot auf seinem Lager fand. Unter dem Bette lag ein zerschnittenes Oelgemälde, das ein schönes junges Mädchen darstellte. Vor einigen Jahren zog sich ein Mitglied der weltbekannten Familie Vanderbilt in ein pennsylvanisches Berghäuschen zurück. Der junge Mann lebte ohne jede Bedienung und besorgte alle Geschäfte seines kleinen Haushalts selbst. Er tut es heute noch. — Ebenso haust ein Sohn des Millionärs Ä l w a r d auf einem Felseneiland an der Küste von Connecticut. Seine einzige Zerstreuung ist der Fischfang. Ein neckisches Wechselspiel zwischen Einsiedlertum und Geselligkeit treibt ein Londoner, der in abgelegener Gegend ein geräumiges Haus besitzt. Er benutzt aber nur zwei Zimmer darin und läßt all die vielen anderen leer stehen. Seine zwei Zimmer liegen übereinander. Er bewohnt aber nur das im ersten Stock gelegene, das im Erdgeschoß befindliche hat fein Diener inne. Von ihm läßt er sich das Esten durch ein Loch in der Zimmerdecke hinaufreichen, obwohl eine Treppe vorhanden ist. Zweimal in der Woche verläßt er seine Behausung, gekleidet wie ein Vagabund, aber nicht ettra durch die Tür, sondern durch das Fenster vermittelst einer Strickleiter. Auf der nächsten Eisenbahnstation hat er eine kleine Kammer gemietet. Hier vertauscht er seine zerlumpte Kleidung mit einem eleganten Smoking und läßt sich dann per Auto nach einem vornehmen Londoner Klubhaus fahren. Mit dem ersten Morgenzug kehrt er wieder zu jener Station zurück, wo er sich des Smokings entledigt und die zerrissenen Kleidungsstücke anzieht, um auf demselben Wege, den er bei seinem Auszug gewählt hatte, in sein Zimmer zu gelangen. Diese modernen Weltflüchtigen haben eine lange Ahnenreihe. Zu Ausgang des Mittelalters gab es in London einen Ritter Egmont. Er lebte, seinem Reichtum entsprechend, im größten Luxus, in fröhlichster Geselligkeit. Da las er einmal, daß Reinlichkeit ein Mittel sei, bas Leben zu verlängern. Nun verzichtete er auf all seine bisherigen Freuden, zog sich zurück unb widmete sich ausschließlich der Körperpflege. Er badete bre'mal am Tage, wechselte viermal täglich Wäsche unb Kleider, wohnte täglich in einem anderen Hause — denn er besaß deren einunddreißig — nahm künstliche Luftbäder, schützte sich mit Gazeschleiern gegen Staub, genoß alle Getränke durch ein golbenes Röhrchen, spülte sich bei der Mahlzeit nach jedem einzelnen Gang den Mund, desinfizierte jedes Buch, das er las, mit Rauch, gab aus Furcht vor Ansteckung keinem Menfck)en die Hand unb starb trotz all feiner Vorsichtsmaßregeln schon im Alter von fünfzig Jahren. Ganz besonders reich an sonderbaren Heiligen zeigt sich bas England des 18. Jahrhunderts. Einzelne von diesen, wie z. B. der durch seine Tollheiten geradezu berühmt gewordene Geizhals John-El wes, verdienen Monographien. Aber es gibt übergenug andere, die schnell vergessen wurden und doch nicht weniger merkwürdig waren. Da lebte um das Jahr 1776 ein Engländer, dem das Mädchen seiner Wahl einen Korb gegeben hatte. Er nahm sich dies vermeintliche Malheur fo zu Herzen, daß er beschloß, nie das Tageslicht wieder zu sehen. Er floh auf seinen Landsitz zu Aorkshire und ließ sofort alle Fenster des Hauses zumauern, damit kein Lichtstrahl mehr eindringen konnte. Am Tage schlief er. Sobald aber die Nacht einbrach, stand er auf, speiste und ging danach im Park spazieren, wo er sein« Fasanen und andere Tiere fütterte Sobald der Tag heraufdäinmerte, zog er sich in sein Haus zurück und legte sich zu Bett. Auf solche Art lebte er sieben Jahre lang, gab den größten Teil [einer Einkünfte den Bedürftigen und starb im Jahre 1783, erst 46 Jahre alt. Erwähnenswert ist auch ein gewisser Welby, der über ein Einkommen von tausend Pfund Sterling im Jahre verfügte. Die Hinterhältigkeit seiner Mitmenschen veranlaßte ihn, sich aus ihrem Dunstkreis zurückzuziehen. Er wurde zum Einsiedler, und zwar mitten in der Großstadt. In Grubstreet hatte er ein Haus, das er vor allen Besuchern verschloß. Nur eine betagte Magd sorgte für seine Bedürfnisse, die bescheiden genug waren. Er aß weder Fleisch noch Fisch, auch trank er keinen Wein. So wenig er für sich selbst beanspruchte, so freigebig war er gegen die Armen. Nur einen einzigen Luxus gestattete er sich: Bücher. Er kaufte alles, was gedruckt wurde, theologische Schriften ausgenommen. Niemals duldete er den Besuch seiner Verwandten, weder Bruder noch Schwester, nicht einmal seine eigene Tochter wollte er sehen. Alle Dinge, die ihn in Verkehr mit den Menschen brachten, erledigte er schriftlich. So lebte er vierundvierzig Jahre hindurch und starb im Alter von 84 Jahren. Um das Jahr 1820 herum starb in einem kleinen Orte unweit den Stadt Dort ein Mann namens Lumley Lei tle well. Auch er war nach einer froh verlebten Jugend plötzlich ein Einsiedler geworden. Man weiß nicht, aus welchetn Grunde. Auch er zog sich in ein kleines Landhaus zurück und verschloß Tür und Fenster hermetisch gegen die Außenwelt. Hinter dem Hause lag ein großer, völlig verwilderter Garten, den zwei mächtige Doggen, ein Zebra, einige Rehe und ein paar Füchse, die alle in bester Kameradschaft miteinander lebten, bevölkerten. Ihr Gebieter, der sie ganz zahm gemacht hatte, konnte, da das Haustor vernagelt war, nur vermittelst einer Strickleiter zu ihnen gelangen. In der üppigen Wildnis dieses Gartens ging er den ganzen Tag über spazieren, las oder fütterte seine Tiere. Er trug eine gigantische Mütze aus Biberfell auf dem Kopfe und Sandalen an den Füßen. Eine schwere Decke hing ihm über die Schultern, Hosen trug er keine. Das Innere seiner Behausung war gänzlich ohne Möbel. Er schlief im Winkel auf einem Heuhaufen. Niemals machte er sich Feuer, und seine einzige Nahrung bestand aus Aepfeln, die er in seinem Garten pflückte. Er starb mitten unter seinen Tieren, die ein herzzerreißendes Geheul erhoben, als sie sich ihres Herrn beraubt sahen. Nachbarn fanden ihn im Garten liegend, zu einem Skelett abgemagert. Seine ehemaligen Freunde versicherten, daß dieser Unglückliche in seiner Jugend ein lebensfroher Mensch gewesen sei, ausgezeichnet durch ritterliche Manieren und eine außerordentliche Beleseril)eit. In seinem Hause fand man noch die Werke Vlatos, Lackes, Roüsseaus, chemische und alchimistische Bücher Unti die Bibel. Die Reihe ähnlich gearteter Weltflüchtlinge ließe sich ins Unendliche verlängern, aber wie schon die von uns gegebenen Beispiele beweisen, zeigen alle eine gewisse Uebereinstimmung miteinander, unti man hat den Eindruck, als ob ihnen allen ein bestimmtes Muster zum Vorbild gedient hätte. Allerdings ist wohl auch die Ursache allen Menschenhasses immer die gleiche: übelbclohnte Zuneigung, schlechtvergoltene Aufopferung. Obenan stehen Treulosigkeit der Geliebten, Falschheit der Freunde, Habsucht der Verwandten. Ein rührendes Moment findet sich in all diesen grotesken Schildereien: die Liebe, die jene Unglücklichen vergebens unter den Menschen gesucht hatten, ging in ihnen selbst nicht zugrunde, sondern lebte weiter, allerdings versteckt hinter einer Maske von tollster Bizarrerie. Amerikanische Luftfahrt. Don Dipl.-Jng. St. Arthur Hamm. Es ist eine wenig bekannte unti nach weniger geglaubte Tatsache, daß bis vor kurzer Zeit die Vereinigten Staaten in der Entwicklung des Luftverkehrs erheblich hinter Europa unti namentlich Deutschland zurückgeblieben waren. Das ist an sich so wenig wahrscheinlich, weil sicherlich die Derkehrsbeziehungen unti somit auch das Derkehrs- bedürfnis zwischen Neuhork unti San Franzisko weit enger unti dichter sind als etwa zwischen den ziemlich gleich weit entfernten Städten Moskau unti Madrid. Trotz alledem bleibt die Tatsache bestehen. Im Grunde genommen fingen die Amerikaner erst vor etwa zwei Jahren an, hier hellsichtiger zu werden, damals als der jetzige Präsident und damalige Präsidentschaftskandidat Herbert Hoover seine Südamerikareise machte, auf der er stärkstes Interesse für alle Luftfahrtfragen zeigte. Kurz vor dieser Reise hatte auch die Internationale Luftfahrtkonferenz in Washington stattgefunden und ziemlich gleichzeitig die große amerikanische Luftfahrtausstellung in Chikago, die erste ihrer Art, die beide auch sehr dazu beitrugen, das Interesse der amerikanischen Oeffentlichkeit zu wecken. Das war nun freilich dringend notig, wenn Amerika in Luftfahrtfragen nicht vollkommen in den Hintergrund treten wollte. Als die Amerikaner sich endlich anschickten, ihre Einstellung zu ändern, taten sie das auch sogleich mit dem typischen amerikanischen Schwünge, unti heute ist es schon so weit, daß jeder dritte Amerikaner in irgendeiner Form an der Zivil-Luftfahrt persönlich beteiligt ist, sei es als Besitzer von Aktien irgendeiner Dcr- kehrsunternehmung, sei es als Aktionär einer Flugzeugfabrik oder endlich als selbständiger Flieger, denn die amerikanische Industrie liefert Flugzeuge bereits von 700 Dollar an und — wie sich drüben von selbst versteht — natürlich auf Abzahlung. Obgleich die Vereinigten Staaten neben dem entwaffneten Deutschland der einzige Staat waren, in dem die Herstellung von Flugzeugen für Frietienszwecke die für Kriegszwecke in jeder Hinsicht weit übertraf, diente dort bis vor zwei Jahren das Flugzeug lediglich der Fracht- und Postbefvrderung, der Personenverkehr trat ganz in den Hintergrund. 3m Laufe des ganzen Jahres 1928 wurden nicht mehr als 35 000 Fluggäste befördert, denen eine Menge von 2,5 Millionen Kilogramm an Luftpost gegenüberstand. Seitdem hat die Umstellung auf den Personenluftverkehr nach europäischem Muster eingesetzt und vollzieht sich nun mit Riesenschritten. Die Wenge der hergestellten Flugzeuge ist von 1919 bis 1927 auf das Achtfache gestiegen, davon waren 1926 nur 53,5 v. H. Handelsflugzeuge, 1927 über 70 v. H. Allein die Steigerung in der Herstellung von Großflugzeugen im Jahre 1927 gegenüber 1926 machte 160 v. H. aus, und diese Entwicklung hat sich im 3ahre 1928 in gleicher Weise fortgesetzt. Die Ausfuhr hat gleichfalls zugenommen, wenngleich sie noch verhältnismäßig unbedeutend ist. 3n den ersten acht Monaten des 3ahres 1928 wurden an das Ausland 118 Flugzeuge verkauft, die einen Wert von 1,3 Millionen Dollar darstellten, die entsprechenden Zahlen des Jab-'-s 1927 waren hingegen nur 63 Stück mit einem Werte von 0,85 Millionen Dollar. Hinsichtlich der Versorgung mit Motoren har übrigens die amerikanische Flugezugindustrie bis vor kurzem unter ganz besonderen Bedingungen gestanden, die die technische Entwicklung merklich beeinflußt haben. Dis zum vorigen Jahre waren nämlich noch Motoren aus Heeresbeständen verfügbar, deren die Hee---sleitung im Kriege über 5000 Stück zu Schulzwecken bestellt hatte. Sie wurden nach dem Kriege an die Flugzeugfabriken zu einem Diercel des Herstellungspreises abgegeben, und die Konstrukteure bemühten sich nun, das Menschenmögliche aus den Flugzeugen mit den vorhandenen Motoren herauszuholen. Natürlich hatte das zur Folge, daß die Entwicklung des amerikanischen Flugzeugmotorenbaues vollkommen zurücktrat und auch die des Flugzeugbaues in falsche Bahnen gelenkt wurde. 3m 3ahre 1927 zählten die Vereinigten Staaten nahezu 1600 eingerichtete Flugplätze, und es wurden für die Zwecke der Handelsluft- fahrt 5700 Flugzeuge neu eingestellt. Die Zahl der 3nhaber von Zivilflugzeugführerscheinen war etwa gleich groß, aber die der Besucher von Fliegerschulen doppelt so groß, ein Zeichen, mit welcher stürmischen Gewalt die Entwicklung inzwischen eingesetzt hatte. 3m Laufe dieses 3ahres soll nun die Länge des Luftverkehrsnetzes auf 80 000 Kilometer gebracht werden, und zwar geht man bemerkenswerterweise gleich daran, den Rachtluftverkehr auszubauen, der in Europa erst anfängt sich einzuführen. Nachtverkehr ist die Vvrbe- itiingung der Rentabilität langer Strecken, denn wenn der Reisende gezwungen ist, ein oder mehrmals unterwegs zu übernachten, wird die Reise für ihn so teuer und zugleich f!o lang, daß, sie gegenüber, dem Eisenbahnverkehr keinen Vorteil mehr bietet. 3n Europa gibt es begreiflicher Weise nur wenig Strecken, auf denen sich ein Nachtverkehr lohnt, in Amerika von Ost nach West und Nord nach Süd viel mehr. Er verlangt aber eingehende Vorbereitungen, beleuchtete Wegzeichen für den Führer, Leuchttürme auf den Flugplätzen und ähnliches mehr. Dadurch wird er recht kostspielig. Nachdem die Amerikaner nun einmal auf den Geschmack gekommen waren, begnügten sie sich nicht mehr mit dem binnenläntiischen Verkehr, sondern streckten ihre Fühler weit über den Konttnent aus, unti schon sind sowohl Kanada wie vor allem Mittel- unti Südamerika in das nordamerikanische Verkehrsnetz einbezogen. Wenn es auch keinen europäischen Einfluß auszuschalten gilt, so seht sich doch die Monroetioktrin insoweit durch, als ihre veränderte Form lautet: Amerika den Nordamerikanern. Bis vor kurzem war der südliche Endpunkt des Luftverkehrsnetzes noch Key-West auf Florida, von wo nur ein kurzes, ausschließlich dem Postverkehr dienendes Stück nach Kuba weiterführte. Jetzt hat das bekannte Luxusbad Miami Key-West erseht, es ist ein Riesen-Luxusflugplatz mit allen erdenklichen Bequemlichkeiten für die Reisenden errichtet worden, unti es werden seit diesem Sommer von Dort aus regelmäßige Fahrten über die Anttllen bis nach der Ostküste Südamerikas ausgeführt. Hier werden sowohl Post wie Fahrgäste mitgenommen, und Buenos Aires wie Rio de Janeiro sind heute von Neuhork aus in ebensoviel Tagen erreichbar wie noch voriges Jahr in Wochen. Andere Verbindungen führen zu der wichtigen amerikanischen Einflußsphäre am Panamakanal, nach Mexiko und am Stillen Ozean nach Vancouver. Man hat aber noch viel weitergehende Pläne in Arbeit. Wie das Postministerium vor kurzem bekanntgab, werden gegenwärtig Pläne bearbeitet, die darauf abzielen, eine durchgehende Verbindung von Montreal bis Buenos Aires zu schaffen. Selbst über die Anden, nach Santiago de Chile soll der Luftverkehr sich künftighin erstrecken. Die technische Möglichkeit steht außer Zweifel, auch die wirtschaftliche Tragbarkeit dürfte gegeben fein, und so werden bald alle wichtigen Punkte des ganzen Kontinents durch Luftverkehrslinien untereinander verbunden sein. Der amerikanischen Außenpolitik sowie der Ausdehnung des Handels kommt das natürlich in erhev- lichem Maße zugute, bezweifeln kann man nur, ob die Südamerikaner damit so restlos einverstanden sind, denn deren Liebe zu erwerben, haben die tatkräftigen Bewohner des nördlichen Teiles des Konttnents bisher kaum verstanden. Trotz aller Fortschritte, die gemacht worden sind, steckt die amerikanische Luftfahrt technisch gegenüber Deutschland z. B. noch geradezu in den Kinderschuhen. An Größe erreichen auch die größten Ameri- kaner nicht den Dornier Superwal, den Rohrbach-Romar oder Junkers 024, ganz zu schweigen vom O 38 oder gar dem Do X. Gegenwärtig baut zwar Fokker ein Flugzeug für 32 Fluggäste, aber sonst ist alles, was man vorfindet, nur mit viel älteren deutschen Modellen zu vergleichen. Auch die Bauweise der Flugzeuge selbst ist vielfach veraltet. Die Ganzmetallbauart, die Junkers mit so viel Erfolg em- : geführt hat. ist drüben gar nicht zu finden, ein Mischüau aus Holz unti Metallteilen, diese günstigstenfalls in Form von hochwertigen i Stahlrohren, ist alles, was der amerikanische Flugzeugbau aufzuweisen hat. Oft werden sogar da, wo eine Einheitlichkeit durchaus möglich | wäre, gemischte Bestandteile nebeneinander gesetzt wie z. B. Holzflügel mit Aluminiumnasen oder Holzholme mit Leichtmetallrippen. Aller- । dings tritt bei größeren Flugzeugen mit mehreren Motoren der Anteil der Metallkonstruktionen schon mehr hervor. .. | Trotz dieser und mancher anderen Mängel muß man feststellen, daß ’ in den letzten zwei Jahren die Tätigkeit auf dem Gebiete des Flug- ; wesens außerordentlich lebhaft gewesen ist. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrio t. — Druck und V erlag: Drühl'fche Univ er sitäts-Buch-und Steindrucker ei, R. Lange, Gießen.