Eichener KmiilieiüMer ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Mv Sreitag, den lr. Januar Kummer 5 Winterreise. Von Friedrich Hebbel. Wie durch so manchen Ort Bin ich nun schon gekommen, Und hab aus keinem fort Ein freundlich Bild genommen. Man prüft am fremden Gast Den Mantel und den Kragen, Mit Blicken, welche fast Die Liebe untersagen. Der Gruß trägt so die Spur Gleichgültig-offner Kälte, Daß ich ihn ungern nur Mit meinem Dank vergelte. Und weil sie in der Brust Mir nicht die Flamme nähren, So muß sie ohne Lust Sich in sich selbst verzehren. Da ruf ich aus mit Schmerz, Indem ich fürbaß wandre: Man hat nur dann ein Herz, Wenn man es hat für andre. Leben und Tod eines Neichen. Von Anton Schnack. Er hieß Alexander Kobosky und war an dem Abend, wo ihn das Schicksal furchtbarer als jemals an seine große Vergangenheit erinnerte, ein alter zusammengefallener Mann von siebzig Jahren, in einen schäbigen blauen Anzug gekleidet, von dem die Knöpfe zum großen Teil herunter- geriffen waren. Seine Wohnung war ein Zimmer in der Rue de ia Croquette, in das kein Licht fiel und das am frühen Morgen so dunkel und traurig roar wie in der Abenddämmerung. Dieser Mann hatte anderes gesehen. Er war ein großer Herr, die Grafenkrone war in seine Wäsche gestickt. Sein Amt war bedeutend und voll Einfluß; denn er war der allesvermögende Zeremonienmeister des letzten russischen Zaren. .In Wolhynien rauschten ihm riesige Wälder. In der Krim hatte er Landgüter, die bis ans Meer hinunterreichten und schön waren wie Paradiese. Im Ural besaß er Bergwerke, in denen Hunderte von Muschiks arbeiteten. Er hatte violette und erdbeerrote Seidengewänder getragen, menn er den Diners profitierte, die ihn zu einem russischen Lukullus machten. Dieser Mann, vom Schicksal nach Paris in irgendein unterirdisches Loch getrieben, dachte oftmals an die Herrlichkeiten des zugrunde gegangenen Petersburg, wo der Sänger Schaljapin von ihm begönnert wurde und wo er den kleinen elfenbeinernen Fuß der Karsawina geküßt hatte, als sie bei ihm ihre wunderbaren vogelhasten Tänze durch die Säle trug. Er war den ganzen Vormittag in Paris herumgelausen, am Nachmittag sah er mit Emigranten in einem kleinen billigen Cafe auf dem Montmartre und nun war er müde und erschöpft zurückgekehrt. Er wunderte sich über die geheimnisvolle Kraft, die ihn am Leben erhielt. Sie bewirkte es, daß alles, Vergangenheit und Gegenwart, zu einem einzigen Traumbild Zusammenstoß und ihm die Wirklichkeit, die grausam gegen ihn wütete, verwischte. Er hatte sich auf sein kaltes und graues Eisenbett gesetzt, da er keinen Stuhl im Zimmer hatte, in irgendeiner Zimmerecke nagte ein Tier, die Luft in seinem Verschlag war dick und roch nach alter Wäsche und faulem Essen. Dieser reiche Mann, Graf Kobosky, Mann, der Menschen beglücken und vernichten konnte, war in das Land der Armut eingetreten, aus dem fein Engel und kein Weg, keine Zeit und keine Umstürzung ihn mehr zu führen schien. Es klopfte an diesem Abend an der wurmstichigen Türe, die nicht zu verriegeln und nicht zu verschließen war und nur noch mit einer Angel im Rahmen hielt. Zaghaft stand er auf, flüsterte sein Herein und öffnete selbst. Vor ihm stand eine ältere Frau, unerkennbar fast, bis er die heruntergebrannte Kerze entzündete, die auf dem breibeinigen Tische feines Zimmers stand. „Was wünscht Madame?", sprach er sie an, „ich glaube, Madame, hat sich in meiner Türe geirrt!" Aber die Frau, die gekleidet war wie eine französische Kleinbürgerin, schwarz und unauffällig, schüttelte den Kopf, „ich bin Frau Ingres aus Beaurivage; früher hieß ich Louise Schiut und war, wenn sich Euere Exzellenz noch erinnern wollen, Kammerzofe der Gräfin Kobosky, meiner gnädigen Herrin." Es entstand eine Stille zwischen den beiden, die ganz aus den geheimen und verschütteten Kammern der Herzen kam. Der alte Mann lächelte vor sich hin mit dem matten glanzlosen Lächeln einer aufwachen- den Erinnerung, die durch die Schmerzen und Brände der Trauer gezogen ist. Es dauerte lange, bis er aus dem riesigen und phantastischen Bild seiner Vergangenheit das kleine Stück Louise Schiut herausgelöst hatte. Ach, ja: Louise Schiut, eine fahlblonde hübsche Baltin, 1900 war es ober 1905, vielleicht auch einige Jahre später; doch er erinnerte sich. Es war zum Lachen; dieser Frau, die jetzt vor ihm stand, bieder, ein wenig bedrückt und alt, hatte er manchesmal in die runden Arme gekniffen, wenn sie aus den Gemächern seiner Frau kam und er gerade dahin wollte. Ja, ja, es stimmte, eines Tages mußte diese Louise unter die Haube gebracht werden; es fand sich der französische Kammerdiener Pierre des Fürsten Muschkin zum Heiraten bereit. Er, Graf Kobosky, hatte dem Paar tausend Rubel geschenkt, damit sie heiraten konnten. Sie zogen nach Paris. Auch Louise Ingres lächelte; der Graf, den sie früher als einen großen eleganten Herrn gesehen hatte, mit der Schnur seiner Orden, halbgötter- haft über ihr stehend, getrennt von ihr durch unüberbrückbare Abstände, war heute klein, bescheiden, gebrochen und müde und ihr, der Frau aus dem Volke, nicht mehr weiter entfernt als der abgenutzte Nagel an irgendeinem ihrer Finger. Sie sah nur noch den Menschen, der einsam war und verwahrlost, herabgesunken aus seiner göttlichen Höhe in die Tiefe der Armut und des Schmutzes. Auch sie erinnerte sich an die hinuntergesunkene Zeit des Glanzes und der Pracht, an den herrlichen Wirbel der Feste, an die Stimme der Gräfin, an ihre Schultern und noch an manches ihrer Kleider. Wie eine schimmernde Blase stieg dies alles aus dem Grund der Erlebnisse herauf, hier vor ihr stand der ehemalige funkelnde Kavalier, der einmal ihr Gebieter gewesen war. Und sie erzählte dem alten Mann, der sich wieder auf den Rand des Eisenbettes gesetzt hatte und sie ebenfalls sich darauffetzen hieß: „Pierre, mein Mann, ist gestorben; kurz nach dem Weltkrieg, beim Pflücken der Aepfel bekam er eine Lungenentzündung, von der er sich langsam erholte. Aber kaum konnte er den Fuß recken, da mußte er schon wieder in den ©arten gehen, er hat gegraben und die Rosenstöcke eingeschlagen. Es war nicht gut, zwei Tage darauf ist er gestorben. Und seitdem lebe ich allein in meinem Häuschen in Beaurivage; es ist klein, aber hell und viel zu viel Platz für mich allein. Und ich möchte Sie, Exzellenz, wenn Sie es gestatten, einlaben zu mir zu kommen, ba ich gehört habe, daß Ihr Leben nicht mehr das ist, was es einst war. Es ist besser, wenn ein Mann im Hause ist. Denken Sie: fünf Fenster haben eine schöne Morgensonne; Ihr Zimmer, das ich schon gerichtet habe, geht auf den Obstgarten und wenn die Pfirsiche und Aprikosen blühen." Der alte Mann faßte ihren Arm an und unterbrach sie; denn es schien ihm undenkbar, Gast einer früheren Dienerin zu sein, obwohl alles, was ihn einst zum Herrn machte, hinweggefegt war. „Geliebte Louise," stotterte er leise zwischen seinen Zähnen hervor, „lassen Sie mich hier in der Armut und Lichtlosigkeit meines Zimmers, bas der Raum meines zweiten Lebens geworben ist, eines Daseins, das wie durch Jahrtausende von der Schönheit und dem Glück meines ersten Lebens geschieden ist. Ich bin arm. Ich bin ärmer als arm. Ich habe nur noch die Hoffnungslosigkeit und die Nähe des Todes, der jeden Tag zu mir fjerantreten kann." Aber die ehemalige Zofe und jetzige Witwe des Kammerdieners Pierre nahm die zitternde Exzellenz am Arm und sagte nur: „Kommen Sie!" In diesem Augenblicke fühlte Kobosky noch einmal die riesenhafte Veränderung der Welt, in die ihn die Faust der Bolschewisten gestoßen hatte. In dem Erscheinen de.r einstigen Dienerin sah er wieder das spukhafte und gestorbene Panorama seiner Vergangenheit, jenen herrlichen Wirbel von Festen, Abenteuern, Liebschasten, Würden, Jntriguen, an denen sein ganzes Herz hing. Will sie, die Zeugin seiner Bedeutung und Herrlichkeit, ihn in diese Welt wieder zurückbringen? Der alte Mann, der allmächtige Zeremonienmeister des Zaren zitterte bis in das Herz hinein, das sonst nie gezittert hatte. Sein Kopf, der müde und vergilbt war wie der Kopf eines alten Sumpfvogels, war von den vielen Entbehrungen der Flucht und des Exils weiß und verhärmt geworden. Bild für Bild stieg ihm aus der zusammengebrochenen Welt seiner Erinnerungen auf, Seifenblasen eines zurückgelassenen Lebens, das vor der Grausamkeit des gegenwärtigen keine Bedeutung mehr hatte und nicht einmal mehr wahrscheinlich schien. Er sah sich an: vor sich stand er als siebzigjähriger Mann, elende Schuhe, verwahrloste Kleider, zermürbtes Hemd, kein Schmuck; nichts im Besitz als Träume. Der ärmste Pariser Straßenvagabund hatte noch Hoffnungen. Um ihn war alles dunkel. Die Treppe, die sie hinaufgingen, hatte jenen knarrenden traurigen Klang, der um alle Dinge der Armseligkeit liegt. Ihm schien der letzte Tritt aus das uralte, von den Würmern zerstochene Holz als ein Schritt in das Licht, in dem er einst wandelte, und das er wieder zu sehen glaubte, aber es war nichts anderes als eine neue Fratze des Schicksals. Es hatte feine grausamen, furchtbaren Krallen in die Schultern dieses Mannes geschlagen und wollte feine Zerstückelung bis zum letzten. Kobosky, der nun draußen war in dem Garten von Beaurivage, den er am Morgen durch eine zierliche grüne Tür betrat, fühlte nichts von dem Schatten, der drohend über ihm hing. Er tat so wie alle alten Männer tun, war zaghaft und bedächtig, war bescheiden und nahm alle Dinge hin als wären es wunderbare Geschenke, die ihm gegeben würden. Er liebte das kleine Haus mit dem Spalier, die Vogel, die hinein- und hinausflogen, den Wind, der darum pkiff, das Obst, das an den Zweigen hing, die Blumen, die in den Beeten standen. Rührend und über alles Maß zärtlich war die Zuneigung feiner Gastgeberin. . m a In der Mitte des Gartens sprang aus grauen Tuffsteinen em Wasserstrahl empor: Kobosky liebte dieses Wasser, das jenseits von Gut und Böse die ewige Gegenwart für ihn zu fein schien. Es wurde Sommer. Die Sterne standen feurig und glühend in den Nächten. Die beiden Alten sahen unter dem großen Maulbeerbaum: eine abklingende Melodie vom Leben; Bruder und Schwester fast geworden unter dem unbegreiflichen Lauf und Sturm des Schicksals. Sie vertrieben sich, kleine Gesellschaften gebend, mit Bridge und Schachspielen die frühen Herbstabende, die über die Seine mit schleifenden und nassen Nebeln kamen. Im Winter besuchte er manches Mal mit Frau Louise die Rue de Martyrs, wo sich in einem kleinen Saal die russischen Emigranten von Paris trafen, als ein Bruchstück jenes Petersburg, das einmal eine glänzende und elegante Hofgesellschaft war, bestehend aus Fürsten, Gräfinnen, Baronessen, berühmten Wissenschaftlern, Modeärzten, Diplomaten und Offizieren. Aber heute waren sie Chaufseure, Empfangsdamen, Kellnerinnen, Diener, Modistinnen, Sänger in Kabaretts, Gespenster einer großen Vergangenheit, hinuntergestoßen von der unerklärlichen Gewalt des Lebens, das niemals sichere Grundlagen bietet. Exzellenz und Kammerzofe waren nicht mehr zu unterscheiden: er war heruntergestiegen und s i e war hinaufgewachsen: im Alleingültigen, im Menschlichen, trafen sie sich. Der Einsturz einer Welt hatte die Anschauungen verändert: Madame wurde seinesgleichen und so behandelt, als wäre sie eine erlauchte Dame von je und je gewesen. Aber es gibt Stürze, die nicht aufzuhalten sind, mit grausamer Verbissenheit wälzt sich das Unerklärliche über ein Schicksal bis es nicht mehr sichtbar ist. Die gespenstischen Hände, die den Grasen Kobosky aus den Festsälen des Lebens gestoßen hatten, stießen weiter zu und zertrümmerten auch das sanfte und glückliche Idyll seines Alters. Nach einem Abendspaziergang legte sich Madame Ingres zu Bett, Fieber durchraste ihren Körper, und der Arzt, der eine heftige und besorgniserregende Angina feststellte, ordnete die Ueberführung in ein Krankenhaus an. Für Kobosky gab es nichts Heiligeres und (Beliebteres als diese kleine zusammengehutzelte Frau, mit der ihn nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit verband. Er erbat sich von den Aerzten die Erlaubnis, an ihrem Bette sitzen zu dürfen. So saß er nun Tag für Tag am Bette der Kranken, die immer weniger und verfallender wurde. Er sah sie an mit der unsäglichen Trauer des Einsamen, er streichelte die Decke oft unablässig, da er ihre Hand nicht berühren durfte. Er ließ sich von den Schwestern, die mit ihm Mitleid und vor ihm Ehrfurcht zugleich hatten, Essen zustecken, ein Stück Zucker oder Schokolade, eine Tasse Suppe oder Tee; des Abends jedoch mußte er sich entfernen. In den Gärten und Anlagen, die um die Krankenstation herumwuchfen, fand er eine Bank, die unter einem großen gewölbten Rhododendronstrauch gestellt war. Dort legte er sich jeden Abend zum Schlafen nieder. Das Haus in Beaurivage betrat er nicht mehr. Es war am fünften Morgen, als er wieder beim Pförtner des Krankenhauses klingelte: „Exzellenz," sagte die kleine Schwester an der Türe, „Madame Ingres ist heute nacht gestorben. Ich bemitleide Sie." Nichts ging auf feinem Gesicht vor. Er dankte leise für die Teilnahme, er zuckte mit keiner Muskel, und keine Träne tarn aus seinem Auge. „Ich bitte um eine Gunst: darf ich die tote Madame Ingres noch einmal sehen?" Der leitende Arzt bewilligte den Wunsch. Kobosky trat an das Bett heran, man zog das Leintuch von ihrem Gesicht und er schaute wie aus Ewigkeiten her auf die Tote, die nicht anders ausfah wie sie als Lebende war; dann beugte er sich nieder und küßte sie leise und gütig auf die blutleeren Lippen. Er stellte sich wieder auf, betete ein paar Worte und machte das griechische Kreuz über sie. Die ihm zusahen, waren ergriffen. Dann ging er weg, dankte leist mit dem Kopse, und seine Gestalt streckte sich, als wäre sie von einem großen und unabänderlichen Willen durchglüht. Er ging die Treppen hinunter und suchte in den Anlagen die Bank, die in den letzten Tagen sein Bett war. Er hatte in der Tasche einen kleinen Revolver mit drei Kugeln, die er sich für fein letztes Geld von dem ehemaligen Obersten eines sibirischen Schützenregimentes gekauft hatte. Als er faß, knarrte ein weißer Kinderwagen vorüber, in dem ein kleines Mädchen war, vor sich hinlallte und in die Händchen klatschte. Das sinn- lofe Leben hatte ihm noch Akteure bestellt, die zu dem großen Trauerspiel noch Beifall klatschen mußten. Kobosky setzte den Revolver auf die nackte Haut, dahinter sein Herz schlug. Es knallte breit und laut, so daß die Vögel, von dem Schuß erschreckt, aus den Büschen fliegen. Als die Leute tarnen, war er schon umgefunten. In dünnen Tropfen sickerte Blut über die Vankritzen in den Sand. Er lebte noch ein paar Minuten. Es war neun Uhr vormittags. Die Parkwächter kamen, entfernten die Bank und warfen Sand auf die SSlutfpuren. In den Pyrenäen. Von Hans Siemsen. Ich kannte die Pyrenäen bisher hauptsächlich aus einem Gedicht von Fräulein Droste-Hülshoff, Münster in Westfalen, altes Fräulein. Und Deutschlands größte Dichterin. Das ist aber etwas lange her. „Loup garou" hieß das Gedicht und handelte von einem Gespenst, einem Werwolf, der den bösen Menschen, den Tyrannen und grausamen Geizhälsen auf der Landstraße zwischen den einsamen Bergdörfern nachts auflauerte — sie hatten den Weg verfehlt, die Nacht hatte sie überrascht, und er biß ihnen die Kehle durch! Wunderschön und schauerlich war das, sehr kalt, ehr winterlich — es schien mir durchaus den Pyrenäen ähnlich. Ist das eine Fahrerei, bis man hier herauf kommt! Frankfurt, Straßburg, Belfort, Lyon, Tarraseon, Nimes, Gelte, Narbonne, Perpignan. Dann kommt eine Kleinbahn, da muß man noch einmal nm- fteigen, und dann kennt man überhaupt keinen Ort mehr, durch den man kommt. Oder kennen Sie Ria, Santo, Cftavar? Font-Romeu? Font- Romeu ist ein sehr bekannter internationaler Höhenkurort, achtzehnhundert Meter hoch. Hier liegt ein Riefenhotel, ein riesengroßes überlebensgroßes, ungeheuer prächtiges Grandhotel, de gründ Luxe. Jeder Komfort der Neuzeit. 300 Betten. In Worten: dreihundert Betten. Es ist zur Zeit geschloffen! Keine Saison! Dann können wir also wieder nach Haust fahren? Nein. Hinter dem „Grandhotel" im Walde liegt noch ein — na, eine Art Hotel. Es ist keine Eremitage in unserem Sinne, aber es heißt so. Es ist oder war in der Hauptfach« erst mal eine Kapelle mit einem Muttergottesbild. Immerhin kein alltäglicher Anfang für ein Hotel. Weil vor vielen hundert Jahren schon viele Pilger hier herauf gewandert sind, die abends nicht mehr nach Haufe konnten, hat man vor vielen hundert Jahren ein Logierhaus neben die Kapelle gebaut und, weil dann noch mehr Pilger kamen, noch ein Logierhaus und noch eins und immer noch eins. Wie Ställe stehen sie um die Kapelle. Die zahllosen kleinen Logierzimmer sind so klein und so kahl und kalt und steinern wie die Zellen in einem Kloster oder einem Gefängnis. Aber das letzte Logierhaus, das noch nicht mal fünfzig Jahre alt ist, bat Zentralheizung. Und da wohnen mir nun. Wie in einem richtigen Hotel. „Wir", das ist die Hotel-Familie und ich. Ich bin hier der einzige Saft. Nicht doch! Ein Priester ist gekommen, aber der Priester ist kein Priester, sondern der Oekonom von einer großen katholischen Erziehungsanstalt in Perpignan, er trägt Priesterkleidung, er ist eine Art weltlicher Kirchenbeamter. „Abbe" sagen die Leute von ihm, und er versorgt die große katholische Anstalt in Perpignan mit Kartoffeln und Brot und Kohlen und was man sonst so braucht zum Leben. Na, der „Abbe" scheint da ganz nett verdient zu haben, denn nun gehört ihm die ganze „Eremitage", die Kapelle und die Logierhäuser, die heilige Quelle und die Zentralheizung, alles gehört ihm. In das „Hotel" hat er als Wirt seinen Bruder gesetzt. Er, der „Abbe", kommt nur selten hierher aus Perpignan und sieht nach dem Rechten. Augenblicklich ist er da, und da leben wir nun folgendermaßen in unserem „Hotel": Ich bin der Gast, ich habe weiter nichts zu tun. Der Abbe sieht nach dem Rechten. Er läuft mit einem großen, riefengroßen Schlüssel und schließt die Kapelle auf, kommt auch eine alte Frau, und kauft eine große Kerze, die wird vor das Mutter- gottesbilb geklebt und angezündet. „Haben Sie die Kerze gesehen?" sagt der Abbe zu mir, und dann gehen wir in die Kapelle und er zeigt mir die Kerze. Er muß aber auch nachsehen, ob noch genug Kohlen da sind? Und Kartoffeln? Kartoffeln sind hier selten und eine Delikatesse. Und was ist mit den vielen kleinen Zellen in den Logierhäusern, in denen jetzt niemand logiert? Er schließt die Türen auf und guckt hinein und reißt *f>ie Fenster auf und guckt hinaus. Und was ist mit der Zentralheizung? Aber da darf er nicht ran, obwohl er der Besitzer ist! Die Zentralheizung ist das Ressort seines Bruders, des Wirts. Niemand außer ihm darf da ran! Die Zentralheizung ist ein großer eiserner Ofen, der steht im Gastzimmer und hat viele Riegel und Hebel und Ventile und ein Thermometer. Und der Wirt steht am Ofen und macht die eine Tür auf und die andere zu, und mit dem einen Hebel macht er fo und mit dem anderen fo — und wenn er abends auf das Thermometer guckt und an den Hebeln herumarbeitet, dann sieht er aus wie ein höherer Kapitän, der unser kleines, gut geheiztes Schiff sicher durch Nacht und Unwetter steuert. Frau Wirtin, feine Frau, sie hat sogar einen Bubikopf, eine niedliche, schwarze, kleine Person, mit, leider, furchtbar schlechten Zahnen, aber was erst ihr Sohn für Zähne hat - sie besorgt die Post und schenkt d,e Getränke ein: Kaffee, Kaffee-Kognak, einfach Kognak, Byroh, Pernod, Nicolas, Tog, Suze, Mandarin — alle die unzähligen Aperitifs, die es in Frankreich gibt. — Gisela Werbezirk, die gute, dicke, alte Frau, ist in der Küche tätig. Und ein hübscher, schwarzer Junge von achtzehn, neunzehn Jahren ist der Koch, was sage ich, der Küchenchef. Na", ruft der Abbä, wenn ich vom Essen komme, „haben Sie gut diniert? 'Gefällt Ihnen die französische Küche?" „O ja, die ist ja weltberühmt." „Ja", ruft er (er ruft immer, er spricht nie), „ja, die ist berühmt! Und gut!" „Ja, die ist gut." „Das macht den Menschen fröhlich! — Soll ich sagen: nein? Es ist ja auch wahr, die Küche ist gut. Gebackene Artischockenböden, frische Melonen, richtige, schöne, frische Langusten — wo gibt es bas in einem Landwirtshaus außer in Frankreich? Der Abbe hat längst gesehen, daß ich mir ein Buch genommen habe. Er tut, als hätte er nichts gesehen. „Ich habe da ein paar Bucher nut« gebracht," sagt er so nebenbei. „Ja, ich habe hier schon eins. „211), tote haben schon eins? Ja, die Bücher! Lesen! Das ist etwas Großes! Eine Stunde später: „Haben Sie gelesen? Das sind Bücher, was? Das sind Bücher! Ah, die Bücher!" ruft er und wirft die Arme gen Himmel. Er ist ein Verehrer der Wissenschaften, ein Humanist, ein Mann der Lite- ratur. „Die Abende! Die Abende sind so lang!" sagt er und geht seine Stapelte verschließen. Er hat so vielerlei zu erledigen. Da ist ein Brief gekommen aus Holland von einem Reisebureau, das will wissen, wie und wieso und wie teuer man in seiner „Eremitage" wohnen kann. „Entschuldigen Sie", sagt er und zeigt auf die Rubrik „Second Floor", die er unter anderem ausfüllen soll, „was heißt das? Ohne Bad?" Er hat sich schon was ausgedacht: „Second floor" heißt „ohne Bad", — „Zweite Etage", sage ich. „Ah," ruft er und strahlt über das ganze Gesicht, „zweite Etage! Natürlich! Zweite Etage!" Und er läuft in seinen schwarzen Frauenkleidern zu seiner Schwägerin rind zeigt ihr alles: „Hier, guck mal! Second floor — das heißt zweite Etage." Und dann können sich beide gar nicht genug darüber wundern, daß „Second floor" „zweite Etage" heißt. Sie rufen auch noch den Bruder vom Ofen, um es ihm zu erklären. „Hören Sie mal," nachdem er den Brief beendet hat, „hören Sie mal! Amsterdam? Das liegt nicht in Deutschland? „Nein, das liegt in Holland." „In Holland? Mein Gott, in Holland?" Er kann es gar nicht glauben. „Und Kopenhagen, das liegt auch in Holland!" „Nein, das liegt in Dänemark!" „W o liegt das?" „In Dänemark!" Das bringt ihn nun ganz aus dem Häuschen. Er springt auf und läuft zu seiner Schwägerin. Mit erhobenem Federhalter steht er vor ihr und sagt ganz feierlich „Höre zu! Kopenhagen liegt in Dänemark!" Dann dreht er sich einmal um sich selbst, daß seine schwarzen Röcke fliegen, wirft die Arme gen Himmel und ruft ganz erschüttert von soviel Wissenschaft: „Das ist Geographie!^ Und dann setzt er sich an seinen Brief und schreibt langsam und sorgfältig die Adresse: „Amsterdam in Holland." — „Und Kopenhagen liegt in Dänemark!" muß er dann plötzlich noch einmal ausrufen. Er kann es immer noch nicht fassen und dreht sich aus seinem Stuhl fra- genb' und Anerkennung heischend nach mir um. Aber dann springt er auf und läuft in di« Küche und den Keller und den Kohlenkeller und in seine Kapelle und sieht nach, ob auch alles in Ordnung ist, und seine schwarzen Priesterkleider flattern und fliegen nur so um die Ecken. Alles spielt sich in der Gaststube ab, das ist der einzige Wohnraum im ganzen Haus, sonst gibt es nur Schlafzimmer. Gäste kommen und gehen, Arbeiter, Fuhrleute, Holzfäller, di« über die Landstraße kommen. Alle sprechen katalanisch. Es klingt wie eine Mischung von Spanisch und Französisch. Aber es soll durchaus eigene Sprache sein, klingt schön. Tagsüber scheint di« Sonne, herrlich, so hock) oben, ganz blau ist der Himmel. Aber abends wird es eisig kalt und weht und schneit. „Ca tombe bien!" sagen die Leute, gucken aus dem Fenster und sprechen französisch, weil ich dabei bin. Wir rücken an den Ofen und nun könnte einer den „Lotip garou" erzählen. Statt dessen holt der Abbe sein Grammophon hervor. Und was spielt er? Er spielt: „Ich küsse Ihre Hand, Madame!" Gespielt ä la Jazz von Jack Hylton und seinem Orchester. „Ramona", „Lustige Witwe". Und wo ist der Loup garou? Hören Sie mal, wie der Wind heult! Gehen Sie mal raus in die Nacht! Mit einemmal ist da gar kein Ofen und kein Hotel und kein Grammophon. Sehr dunkel ist es draußen und kalt und der Wind heult über die Berge. Hier gibt es noch Wölfe. So weit ist der Loup garou gar nicht entfernt von der Zentralheizung und der Antenne auf dem Dach. Mode-Instrumente. Wandlungen des Mufikgefchmacks. Bon Dr. Anton Mayer. Als im 16. Jahrhundert die Musik begann, aus einer Wissenschaft, als die sie bis dahin betrachtet worden war, eine Kunst zu werden, und zwar eine nicht zuletzt durch die starken religiösen Bewegungen jener Zeit wirkungsvoll unterstützte, infolgedessen also sehr bald in größtem Maße beliebte Kunst, bildeten sich bald gewisse Vorlieben für einzelne Instrumente aus, nachdem im früheren Mittelalter die Instrumentalmusik noch primitiv und zum größten Teil den fahrenden Sängern überlassen gewesen war. Nun aber wird die „Königin der Instrumente", die Orgel, das erste Modeinstrument, das seine unbeschränkte Herrschaft bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zu bewahren wußte. Gewaltige Orgelspieler, die nach der unumstößlichen Sitte damaliger Zeit zugleich als Komponisten hervortraten, beherrschten die gewaltigen Werke kunstreicher Orgelbauer mit einer für unsere Begriffe wahrscheinlich kaum vorstellbaren Meistersd)aft; wenn auch die besonders im spannunggeladenen Barock hervortretende Sehnsucht nach möglichst umfassender Betätigung auf dem als Beruf gewählten Gebiet (die „Üniversalwissenschastler" wie Leibniz, der in der Tat das Wissen seiner Zeit enzyklopädisch beherrscht, sind ein gutes Beispiel für diesen Drang einer Zeit, die den Mittelpunkt der Welt von der Erde zur Sonne verlegt hatte) den Musikern keine eigentliche Spezialität oder Beschränkung auf eine Disziplin der Musik gestattete, so wurde doch der Orgel gegenüber eine Art Ausnahme gemacht, so daß das Virtuosentum zugleich mit der ersten Jnstrumentalmode seinen Anfang nimmt. Die großen Orgelmeister, wie der Wiener Fro- b erger, unternahmen ausgedehnte Konzertreisen, die sie durch ganz Europa, bis nach Paris und tief nach Italien hineinführten; Wettkämpfe der Virtuosität wurden veranstaltet, deren Sieger sich äußerster Popularität erfreuten, die kunstliebender Fürsten, deren kleine, aber häufig von großem Interesse für alle Dinge der Musik, Architektur und Malerei erfüllten Höfe viel für das ästhetische Leben in Deutschland getanchaben, zogen die preisgekrönten Meister als Dirigenten von Chor und Orchester in ihre Residenzen, wo sie dann beim Gottesdienst die Einwohner und Untertanen mit ihrem Spiel auf dem geliebten Instrument der Zeit zu erfreuen hatten. Johann Sabaftian Bach scheute den weiten Marsch von Thüringen nach Lübeck nicht, um den berühmten Buxtehude spielen zu hören; er war vom Spiel des schon bejahrten Herrn so ergriffen, daß er seinen Urlaub überschritt und nachher von seiner vorgesetzten Behörde in Arnstadt einen gehörigen Rüffel wegen seiner burd) die Begeisterung für das Drgelfpiel verschuldeten Unpünktlichkeit hin» nehmen muhte. Das überschwengliche Zeitalter des Barock, dessen Art durch die weit ausholenden und machtvollen Gebärden der Architekten und Plastik verkörpert wird, konnte kein anderes Instrument als die über alle Höhen und Tiefen, Tonstärken und Klangfarben verfügende Orgel zum Lieb- lingsinstrument erklären. Da aber häufig die einer Epoche folgende Periode schon aus Ueberfättigung und Oppositionsgeist in das gegenteilige Extrem zu verfallen pflegt, so fdjlug die Stimmung in den • Jahren, die dem Barock folgten, vollkommen um. Das Gewaltige wurde zum zierlich Verschnörkelten, die weitausladende Geste zu eleganter Weichheit, der mächtige Klang zu feinem Geklingel, die ehrfurchteinflößende Orgel zur wehmütig klagenden oder schäferhaft säuselnden Flöte. Das Rokoko bevorzugte mit Leidenschaft das zu aller Eleganz, aller Lieblichkeit, aller Schwärmerei fähige Instrument, dem die Größe ganz und gar versagt ist; auch Friedrich von Preußen fand Entspannung von Kriegs- und Regierungssorgen bei den schwebenden Tönen des gut beherrschten Instrumentes. Da es allein für sich nicht lange bestehen konnte, ohne monoton zu werden, nahm es das Spinett, das Zupfklavier, als Begleitungsinstrument auf dem Wege feiner Beliebtheit mit, die aber, so heftig sie auch eine Zeitlang war, dock) nicht allzu lange dauern konnte, da fick) mit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts bereits neue und wiederum ganz und gar anders fließende Strömungen bemerkbar machten, die zum Sturz der graziös verwelkenden Zopfzeit führen sollten: kein Wunder; daß der elegische Flötenklang den aufhorchenden Ohren der Sturm- und Drangzeit nicht mehr genügte. Es ist ganz gewiß kein Zufall, daß damals in der Mannheimer Schule durch S k a m i tz das O r ch e st e r f p i e l in der Form der Sinfonie die absolute Musik eroberte, daß Haydn aus dem Orchester des Fürsten Esterhazy ein vollkommenes Instrument modernen Klanges machte, und bald darauf Mozart, zuerst in der Oper, bann aber auch in der Konzertmusik das Orchester zu neuen und gewaltigen Effekten zu- sammenschweißte. Das Ensemble war Mode; neben ihm konnten natürlich die Violine, die südlich der Alpen die große Mode war und blieb, dort ja aud) ihre besten Verfertiger gefunden hatte, und, immer mehr als Soloinstrument hervortretend, das Cembalo nicht verdängt werden. Man erkannte die großen Möglichkeiten, die im Klavier lagen, wenn auch der Ton der gezupften Saiten noch schwirrte und nicht viel Kraft hatte; indessen hatte es doch vor allen andern Instrumenten, außer der zwar noch verehrten, aber doch mit mehr Scheu als Liebe betrachteten Orgel, die Leichtigkeit der Harmonisierung für sich, war also, recht eigentlich zum Soloinstrument bestimmt. Gröhe Meister, besonders Mozart, hatten gezeigt, was an technischen Ueberraschungen iu diesem Instrument verborgen lag; eifrige Schüler fanden sich, das Soloklavierspiel kam mehr und mehr in Mode und verdrängte sogar die Violine in den Quartettvereinigungen. So konnte es nicht ausbleiben, daß bald bedeutende Verbesserungen erfunden wurden, und die Umwandlung des Zupfklaviers in das Hammerklavier, wie es im großen ganzen heute noch allgemein in Gebrauch ist, dem neuen Instrument feine im Laufe von fünfviertel Jahrhunderten unerfchütterte Machtstellung als beliebtestes Instrument der Haus- und Konzertmusik verschaffte. Es ist fast unmöglich, jetzt noch von einer „Mode" zu sprechen, da das Klavier zur feststehenden Institution geworden ist. Es ist übrigens bei feinem Erscheinen nicht von allen Musikern mit Begeisterung begrüßt worden, da die Härte feines Tones von vielen als störend im Gegensatz zur Weichheit des Cembalo empfunden wurde. Beethoven bekannte sich zu der Neuerung und schrieb die „Sonate für Hammerklavier", welche allerdings mit ihrer grandiosen Wucht für das zarte ältere Geschwister nicht mehr in Frage tarn. Während also das Klavier feine Stellung behielt, tauchten im Laufe des 19. Jahrhunderts noch mehrfad) Modeinstrumente auf, um alsbald neuen Geschmacksrichtungen weichen zu mässen. In der Romantik ist es das Waldhorn, dessen Klang die von Wald- und Mondscheinsentimentalität erfaßten Gemüter zu Tränen rührte; die in den Opern der Zeit an allen möglichen und unmöglichen Stellen herumblasenden Jägerchöre mit Hornbegleituna mögen hierfür die Vorliebe noch gestärkt haben. Ein anderes Blasinstrument aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts konnte sich indessen nicht durchsetzen, obwohl Meyerdeer mit sicherem Theater- und Orchesterblick sogleich seine Klangqualitäten erkannt und die Neuheit in seine Partituren aufgenommen hatte: das Saxophon, das von dem berühmten Instrumentenbauer Sax in Paris damals erfunden worden ist, um hundert Jahre später auf dem Umweg über Amerika und die Jazzkapellen die Welt zu erobern und zum Modeinstrument par excellence zu werden. Es dürfte in der Tat schwierig feim sich seinen modulationsfähigen, zwischen kreischender Grellheit und sanftester Weichheit schwankenden Ton aus unseren der Zerstreuung dienenden Lokalen wegzudenken: es ist so etwas wie ein kleines Symbol für die Umdrehung vieler Begriffe geworden. Aber gerade jetzt, da es Modeinstrument geworden ist, können feines ersten Anwenders, Meyer- beers, Vorschriften nicht befolgt werden: denn es dürfte unweigerlich ein Heiterkeitserfolg erzielt werden, wenn im Krönungsakt des „Propheten" zwölf Saxophone und nod) dazu auf der Bühne geblasen werden ... Auch im modernen Orchester sind Jnstrumentenmoden anzutreffen: nachdem Richard Strauß die gläsern tropfenden C e 1 e st a - Akkorde im „Rosenkavaller" erfunden hatte, glaubten manche junge Komponisten, nicht ohne das fublile Instrument auskommen zu können, auch wenn dies sehr gut der Fall ist. Es ist wenigstens kein störendes Wesen: schlimm dagegen ist die Mode der g e ft o p f t e n Trompeten, ebenfalls aus der Jazzmusik stammend (Wagner hat sie mit größter Vorsicht an wenigen Stellen verwandt), die fid) mit ihrem Gequäk und Gekrächz in allzu viel modernen Partituren breit machen und dem Hörer stark auf di« Nerven fallen können. Hoffen wir, daß diese Mode bald wieder ver- sdzwindet! Carsten Curaior. Novelle von Theodor Storm. (Sortierung.) Voran ging der Vater selbst, wie jetzt der Sohn, im Dreispitz und langem Rockelor, eine gebückte, alte Frau, die Mutter der Verstorbenen, am Arme führend; dann kam ein hoher Baum von unbestimmter Gattung, sonst aber augenscheinlich auf den Spätherbst deutend; denn seine Aeste waren fast entlaubt, und unter dem Glase der Schilderei klebten hier und dort kleine, schwarze Fetzchen, die man mit einiger Phantasie als herabgewehte Blätter erkennen mochte. Dahinter folgte ein etwa vierjähriger Junge, gar munter mit geschwungener Peitsche auf einem Steckenpferde reitend; den Beschluß machten ein stakig aufgeschossenes Mädchen und ein anderer, etwa zehnjähriger Knabe mit einer tellerrunden Mütze, welche beiden, wie es schien, in bewundernder Betrachtung des munteren Steckenreiters, keinen Blick für die Anmut der Abendlandschaft übrighatten. Und doch war hierzu just die rechte Stunde und solches auch in dem Bilde sinnig ausgeführt; denn während im Vordergründe Baum und Menschen aus tiefschwarzem Papier geschnitten waren, zogen sich dahinter, abendliche Ferne andeutend, die Linien einer sanft gehobenen Ebene, aus dunklem und dann aus lichtgrauem Löschpapier gebildet. Das übrige aber hatte die Malerei vollendet; hinter der letzten Ferne ergoß sich durch den ganzen Horizont ein mild leuchtendes Abendrot, das die Schatten der sämtlichen Spaziergänger nur um so schärfer hervortreten ließ; darüber in braunvioletter Dämmerung kam dann die Nacht herab. Das lustige Reiterlein war bald nach Anfertigung des Bildes von den schwarzen Blattern hingerasft, und nur sein Steckenpferdchen hatte noch lange in dem Gehäuse der Wanduhr gestanden, die dem Bilde gegenüber noch jetzt wie damals mit gleichmäßigem Ticktack die fliegende Zeit zu messen suchte. Von den fünf älteren Abendspaziergängern lebten nur noch die beiden älteren Geschwister, wie damals unter demselben Dache und, selbst während der kurzen Ehe des Bruders, ungetrennt. Manchmal, in stiller Abendstunde oder wenn ein Leid sie überfiel, hatten sie — sie wußten selbst kaum wie — sich vor dem Bilde Hand in Hand gefunden und sich der Eltern Tun und Wesen aus der Erinnerung wachgerufen. „Da sind wir übrigen denn noch beisammen," hatte der Vater gesagt, als er das Bild an demselben Stifte an die Wand hing, der es auch noch heute trug; „eure Mutter ist nicht mehr da, dafür ist nun das Abendrot am Himmel"; und dann nach einer Weile, nachdem er den Kindern sein Antlitz abgewendet und einige starke Hammerschläge auf den Stift getan: „Auch von den Toten bleibt auf Erden noch ein Schein zurück; und die Nachgelassenen sollen nicht vergessen, daß sie in seinem Lichte stehen, damit ste sich Hände und Antlitz rein erhalten." Tante Brigitte, die als alte Jungfer von etwas seufzender Gemütsart war und es liebte, mit völliger Uneigennützigkeit Luftschlösser in die Vergangenheit hineinzubauen, pflegte nach solchen Erinnerungen, auf den Schatten des kleinen Steckenreiters deutend, wohl hinzuzusetzen: „Ja, Carsten, wenn nur unser Bruder Peter noch am Leben wäre! Meinst du nicht auch, daß er von uns dreien doch der Klügste war?" Und das Gespräch der Geschwister mochte dann etwa folgenden Verlauf nehmen. „Wie meinst du das, Brigitte?" entgegnete der Bruder. „Er starb ja schon in seinem fünften Jahre." „Freilich starb er leiderdessen, Carsten; aber du weißt doch, wie unsere große, gelbbunte Henne immer ihre Eier hinter dem Aschberg weglegte! Er war erst vier Jahre alt, aber er war schon klüger als die Henne; er ließ sie erst ihre Eier legen, und dann eines schönen Morgens brachte er sein ganzes Schürzchen voll mir in die Küche. Ach, Carsten, des Senators Vater hatte ja zu ihm Gevatter gestanden; er würde gewiß auf die lateinische Schule gekommen sein und nicht wie du bloß beim Rechenmeister." Und der lebende Bruder ließ sich eine solche Bevorzugung des früh Verstorbenen allzeit gern gefallen.-- Das Zimmer mit seinem alten Geräte und seinen alten Erinnerungen war noch immer leer, obgleich nur die vor dem Hause stehende Lindenreihe die Strahlen der schon hoch gestiegenen Mittagssonne abhielt. Der weiße Seesand, womit Anna vor ihrem Gange nach dem Rathause die Dielen bestreut hatte, zeigte noch fast keine Fußspur, und die alte Wanduhr tickte in der Einsamkeit so laut, als wolle sie ihren Herrn an die gewohnte Arbeit rufen. Da endlich schellte die Haustürglocke, und Anna, die oben harrend in ihrer Kammer saß, hörte den Schritt ihres Pflegevaters, der gleich darauf unten in dem Wohnzimmer verschwand. Noch eine kleine Weile, dann richtete sie sich zu raschem Entschluß auf, drückte noch ein paarmal mit einem feuchten Tuch auf ihre Augen und ging ins Unterhaus hinab. Als sie das Wohnzimmer betrat, sah sie ihren Pflegevater noch mit Hut und Stock in der Hand stehen, fast als müsse er sich erst besinnen, was er in seinen eigenen Wänden jetzt beginnen solle. Eine Furcht befiel das Mädchen; es kam ihr vor, als fei er auf einmal unsäglich alt geworden. Gern wäre sie unbemerkt wieder fortgeschlichen; aber sie hatte ja keine Zeit zu verlieren. „Ohm!" sagte sie leise. Der Ton ihrer Stimme machte ihn fast zusammenschrecken; als er aber das Mädchen vor sich stehen sah, trat ein freundliches Licht in seine Augen. „Was willst du von mir, mein Kind?" sagte er mllde. „Ohm!" — nur zögernd brachte sie es heraus. „Ich bin doch mündig; ich möchte etwas von meinem Vermögen haben; ich brauche es ganz notwendig." „Jetzt schon, Anna? Das geht ja schnell." „Nicht viel, Ohm; das heißt, ich habe ja noch so viel mehr; nur etwa hundert Taler!" Sie schwieg; und der alte Mann sah eine Weile stumm auf sie herab. „Und wozu wolltest du das viele Geld gebrauchen?" fragte er bann. Ein flehender Blick traf ihn aus ihren Augen; sie murmelte etwas, das er nicht verstand. Er faßte ihre Hand. „So sag' es doch nur laut, mein Kind!" „Ich wollte es nicht für mich", erwiderte sie zögernd. „Nicht für dich, für wen denn anders?" Sie hob wie ein bittendes Kind beide Hände gegen ihn auf. „Laß mich's nicht sagen, Ohm! O, ich muß, ich muh es aber haben!" „Und nicht für dich, Anna?" —.Wie in plötzlichem Verständnis ließ er die Augen auf ihr ruhen. „Wenn du es für Heinrich wolltest, — da ind wir beide schon zu spät gekommen." „O nein, Ohm! o nein!" Und sie schlang ihre Arme um den Hals des alten Mannes. „Doch, Kind! Was meinst du, daß Herr Jaspers mir anders zu erzählen hatte? Schon gestern war der Senator von allem unterrichtet." „Aber wenn doch Heinrich ihm das Geld nun bringt?" „Ich habe es ihm selber bringen wollen; aber er wollte weder mein Geld noch meinen Sohn. Und was das letzte anbelangt, — ich konnte nichts dawider sagen." „Ach, Ohm, was wird mit ihm geschehen?" „Mit ihm, Anna? Er wird mit Schande das ehrenwerte Haus verlassen." Als sie erschreckt das reine Antlitz zu dem ihres Pflegevaters emporhob, blickte ihr daraus ein Gram entgegen, wie sie ihn nie in einem Men- fchenangesichte noch gesehen hatte. „Ohm, Ohm!" rief sie. „Was aber habt denn Ihr verbrochen?' Und aus den jungfräulichen Augen brach ein so mütterliches Erbarmen, daß der alte Mann den grauen Kopf auf ihren Nacken senkte. Dann aber, sich wieder aufrichtend und die Hand auf ihren blonden Scheitel legend, sprach er ruhig: „Ich, Anna, bin fein Vater. Geh nun und rufe mir meinen Sohn!" Auch dieser Tag verging. Nach dem schweren Vormittag eine Mittagsund später ebenso eine Abendmahlzeit, bei der die Speisen, fast wie sie aufgetragen, wieder abgetragen wurden; dazwischen ein nicht endenwollender Nachmittag, währenddessen Heinrich, durch den überlegenen Willen des Vaters gezwungen, noch einmal zum Senator mußte und von dem entlassen wurde. — Auch dieser Tage war endlich nun vergangen und die Nacht gekommen. Nur der Hausherr wanderte noch unten im Zimmer auf und ab; mitunter blieb er vor dem Bilde mit den Familienschatten stehen, bald aber strich er mit der Hand über die Stirn, und setzte sein unruhiges Wandern fort. Daß Anna in raschem, jugendlichem Entschlüsse ebenfalls bei dem Senator gewesen war, davon hatte er ebensowenig etwas erfahren, als daß dieser ihr gegenüber nur kaum, aber schließlich dennoch seine Unerbittlichkeit behauptet hatte. Die kleine Schirmlampe, welche auf dem Arbeitstische brannte, beleuchtete zwei Briese, der eine nach Kiel, der andere nach Hamburg adressiert; denn für Heinrich mußten auswärts neue Wege aufgesucht werden. nommen hatte." (Fortsetzung folgt.) Carsten war ans Fenster getreten und blickte in die mondhelle Nacht hinaus; es war so still, daß er weit unten das Rinnenwasser in den Hafen strömen hörte, mitunter ein mattes Flattern in den Wimpeln der Halligschiffe. Jenseits des Hafens zog sich der Seedeich wie eine schimmernde Nebelbank; wie oft an der Hand seines Vaters war er als Knabe dort hinausgewandert, um ihre derzeit erworbene Fenne zu besichtigen! Carsten wandte sich langsam um; dort lagen die beiden Briefe auf seinem Arbeitstische; er hatte ja jetzt selber einen Sohn. In der Tiefe des Zimmers waren die Glastüren des Alkovens, wie jeden Abend, von Anna offengefteUt, und die abgedeckten Kissen des darin- stehenden Bettes schienen den an gute Bürgerszeit Gewöhnten einzuladen, dem Überlangen Tag ein Ende zu machen. Er nahm auch seine glotze, silberne Taschenuhr aus dem Gehäuse und zog sie auf. „Mitternacht!" sagte er, indem er in den Alkoven trat. Als er aber, wie er zu tun pflegte, die Uhr am Vettpfosten aufhängen wollte, hatte die stählerne Kette sich in einen goldenen Ring verhäkelt, den er am kleinen Finger trug, daß dieser herabgerissen wurde und klirrend auf dem Boden fortrollte. Mit fast jugendlicher Raschheit bückte sich der alte Mann danach, und als der Ring wieder in seiner Hand war, trat er in das Zimmer zurück und hielt ihn sorgsam unter den Schirm der Lampe. Seine Augen schienen nicht los zu 'können von dem Weibernamen, der auf der inneren Seite eingegraben war; aber aus feinem Munde brach ein Stöhnen, wie um Erlösung flehend. _ . , „ Da hörte er auf dem Flur die Stiegen der Treppe krachen. Er machte eine hastige Bewegung, als wollte er den Ring an den Finger stecke», als eine Hand sich sanft auf seinen Arm legte. „Bruder Carsten," sagte eine alte Schwester, die in ihrem Nachtgewande zu ihm eingetreten war, ,ich hörte dich hier unten wandern; willst du noch nicht zur Ruhe gehen?" Er sah ihr wie erwägend in die Augen. „Es gibt Gedanken, Brigitte, die uns keine Ruhe gönnen, die immer wieder ins Gehirn steigen, weil sie nie herausgelassen werden." Die alte Jungfrau blickte ihren Bruder völlig ratlos an. „Ach, Carsten, sagte sie, „ich bin eine alte, einfältige Person! Wäre unser Bruder Peter nur am Leben geblieben; vielleicht wäre er jetzt unser Pastor und hatte unseren Heinrich getauft und konfirmiert; der hätte gewiß auch heute Rat ^“öklkidjt, Brigitte," erwiderte der Bruder sanft; „vielleicht auch hätten wir uns nicht so ganz verstanden; du aber lebst und bist meine alte, treue Schwester." ....... Ja ja, Carsten, leider Gottes! Wir beide sind allem noch übrig. Er hatte ihre Hand gefaßt. „Brigitte," sagte er hastig, „sahst du, wie blaß der Junge heute abend war, als er in seine Kammer hmausgmg k Noch nimmer hat er seiner Mutter so geglichen; so sah Juliane in ihren letzten Tagen aus, als schon der Tod die irdischen Gedanken von ihr ge= Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche UnivcrfitätL-Duch- und Sieindruckerei, R. Lange, Gießen.