Siehener Knnilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang zyZ« Montag, den st.Zuni Nummer ^6 Kleine Stadt vom Zugfenster aus. Bon Anton Schnack. Ach, wie wäre ich vielleicht glücklich, hier zu sein! Es ist Sommer: an meinem Haufe blühte der Wein. Das Haus ist zweistöckig und trüge die Nummer zehn. Manchmal käme ein Nachbar vorbei und bliebe plaudernd steh'n. Ich hätte von meinem Baier statt Anruhe ein gutes Geschäft geerbt: Da würden Lohe gemahlen und Rinöerhäute gegerbt. And am Abend zog' ich befriedigt den Arbeitsrock mir aus And die Sonne beglühte golden die Fenster an meinem Haus. Aeber mir hoch zu Häupten hat sich der Abendhimmel besternt, And der O-Zug nach München hat sich schon weit ins blaue Dunkel entfernt. Ich wäre vielleicht vierzig und gewählt zum Geineinderat. Meine Lieblingsspeise ist Bratwurst mit gelbem Kartoffelsalat. Mich grüßten Briefträger und Buben, der Hausierer mit Schnürsenkelsack, Der Metzger Pframer besonders: »Guten Morgen wünsch' ich, Herr Schnack." And bin ich int Herrenstübl vom Wirtshaus zum „Goldnen Stern", Kommt die rundbufige Wirtin selber: „Was hätt' Herr Gemeinderat gern?" Da hätte ich neben Herrn Doktor und Amtsrat einen muffigen Stammtischsitz. And hörte zum dreißigsten Male den gleichen, eindeutigen Witz. And als Kritiker des Jphöfener Boten für Stadt und mainisches Land, Wäre ich weithin als kunstverständig und musikfördernd bekannt. Denn umsonst blies ich nicht „Guter Mond" auf der Großvaterflöte, Und umsonst hätte ich nicht im Schrank einen in Schweinsleder gebundenen Goethe. So verliefe mein Leben: bedächtig, würdig, eintönig und kaum. Eines Tages, gealtert, früg' ich mich ängstlich: „War es gelebt oder Traum?" And es käme die Zeit, wo ich vor detit D-3ug nach München bliebe steh'n: „Ach, mit ihm fahren dahin und verreisen auf Aimmerwiederseh'n!" Doch es bliebe als Schlußpunkt jener plumpe Marmorstein: „Hier ruht f 1972 Herr Anton Schnack, Gemeinderat. Gott möge ihm gnädig sein..." Flachskopf wir! es nicht gewesen sein. Bon Ernest E l a e s. 2m 2nsel°Verlag zu Leipzig ist soeben ein Buch erschienen, worin sich ein neuer Lausbub den Lesern vvrstellt. Er heißt Flachskopf und stammt aus Flandern. Ernest Claes hat diese „Geschichte einer sieghaften Jugend", wie Felix Timmermans sie in seinem Vorwort zu deut Buche genannt hat, geschrieben. „Wir lieben Flachsköpf", sagt er, „roeil wir uns selbst darin wiedecfinden. Ja, so etwas haben wir auch gemacht oder wünschen es gemacht zu haben." Felix Timmermans hat auch die reizenden Bilder gezeichnet. Wir geben im folgenden eine Probe des prächtigen Buches. (192.) Das gemeinsame Frühstück war für Flachskopf und seinen freien W mit großen Gefahren verbunden. Bur um ihn zu ärgern, hätte a» sagen können: „.Unser Flachskopf könnte hier mal helfen oder da «was machen", und Vater und Mutter waren stets bereit, dieser beizupflichten. Deshalb hatte Flachskopf seine „Biblische «esHichte" neben seiner Tasse aufgeschlagen, und während des Essens -erachtete er mit der größten Aufmerksamkeit „Daniel in der Lö- mmgrube". Sein Vater kam gewöhnlich nicht zum Frühstück, weil er 'küh aufstand und später Kaffee trank als die andern. Aber horten sie ihn plötzlich durch die Hintertür heveinstürmen. ^issm?^ verdammt! die Birne auf dem kleinen Bäumchen ange- Däutnchen war erst voriges Jahr gepflanzt, kam aus Ton- tntn hr verrann fahre ich:,der Reisende, hin und zurück. Ich erlebe Niemals ei der größten Reize des Reisens: das sehnsüchtige ®rtoartcttoer _ Denn selbst ber Kaufmann, der meinen Kaffee,braucht, gesteht es n Unb sogar, wenn er froh ist, meine Dohnen gekauft zu Haven, ru so, als mühte ich froh sein, meine Ware losgeworden zu fein, wenn er überzeugt ist, daß er so günstig wie noch me getauft pm, nimmt er sich so, als hätte er mich aus purer persönlicher «yceun und Sympathie „etwas verdteneii Taffen". So gestaltet sich der i«« bar nüchterne Verkauf eines Sacks Kafseebohnen zu einem o [idjen Krieg mit allen seinen Phasen und Merkmalen: Defensive des Kindes, maskiertes Heransschleichen des Angreifers, plötzliche Offen- toe Erstürmung der Hindernisse, leider auch Rückzug und sogar dtastrophale Flucht. Die Schrecken des Krieges beginnen Montag. Hm acht Llhr früh Wrt der Zug. Alle Reisenden fahren Montag früh. Es ist ein großer Lärm im Waggon. Ein Reisender — mir gegenüber — sucht Anknüpfungspuickte. Alle konventionellen Redensarten verzögern und enthüllen schließlich die Frage: „Wen haben Sie?" Er will nur Diff en, ob ich in seiner Branche reise. Tue ich es, so bin ich sein Gegner und hinter dem persönlichen Mitgefühl, das wir für einander empfinden, lauert die Furcht vor dem Konkurrenten. Dann fragt er «ich, wo ich aussteige: Ich fahre nach A. Er fährt nach K. Aber manchmal treffen wir uns in A. bei derselben Kundschaft. Sv ist einmal. Und auch! dann verstehen wir uns und jeder von uns respektiert denjenigen, der früher da war. Es gibt alte Reifende im Zug, die feit 20 und mehr Kahren immer dieselbe „Tour nehmend. Man erkennt sie daran, daß sie im Fahrplan heimisch sind, wie im Coupe und, daß sie alle Delegraphen- stangen und Bahnsignale und die Äähe einer bestimmen Station an den vorüberhuschenden Umrissen eines Dahnwächters kennen. Sie haben viel Gleichartiges erlebt urrd sie erzählen immer dasselbe. Vor ollem täuschen sie sich selbst über die näheren Umstände ihrer Tätig- idt. Sie kennen doch Kurz in Bi" sagt einer. „Dort bin ich wie ein Kind im Haus. Ich komm' hin und der alte Kurz sagt: Setzen Sie sich, Herr Kanner! Wollen Sie einen Tee? Was macht Khre Frau? — Selbstverständlich — wenn man zwanzig Kahre reift. Fürs Ab- hausieren bin ich zu alt!" Indessen weih ich, daß der Empfang nicht so freundlich sein kann, wie er geschildert wurde. Aber ich nicke und bestätige durch äußere Zeichen des Vertrauens, daß ich dem Alten glaube. Gr ist keineswegs wie ein Kind im Haus, der Alte, Und zwanzig Kahre glaubt er selbst an seine DeliAlHeit bei den Kundschaften. And nur so wird ihm seine langjährige Tätigkeit möglich. Ho tröstet er sich darüber, daß Küngere vielleicht acht Ordres !m Tag bringen. Sie reisen in Kaffee. Er in Beliebtheit- Ich weih, daß es zu viele Reisende gibt und zu wenig Kaufleute in der Provinz. Da lebt in R. der Kaufmann Rudolf Lang, den ich besuche. Er besitzt einen kleinen, unscheinbaren Laden. Aber die räumlichen Ausmaße des Geschäfts sind keineswegs maßgebend für die Leistungsfähigkeit eines Kaufmanns. Rudolf Lang ist groß und stark und pflegt seinen blonden Schnurrbart zu Repräsentationszwecken. Er gehört zu jenen Kundschaften, die grundsätzlich nichts brauchten. Wan muh wissen, daß ich kleingewachsen und glattrastert bin ustd daß ich in Gegenwart des Kaufmanns Lang sehr bescheiden aussehe und meine angeborene Zaghafttgkeit vor gepflegten Schnurrbärten mir mühevoll bekämpfen kann. Wenn mich Rudolf Lana antreten sicht, hebt er beide Hände mit auswärtsgekehrten Handfmchen hoch und macht verneinende Bewegungen mit dem Kopfe. „Richts zu machen!" sagt Lang mit der festen Stimme eines entschlossenen, kräftigen Mannes. Es ist brei Uhr nachmittags und ich weiß, daß heute schon vier, fünf Reisende dagewesen sind. Dennoch trete ich näher. „Kch habe noch Khren Guatemala vom letzten Kahr", sagt Lang. »24 kann nichts brauchen! Wirklich nichts!" Und er bedient seine Kundschaften weiter, während ich eine Schublade mit der Aufschrift ,,Zimt" betrachte. Dann geht die Tür, es ist kein Fremder mehr im Laden —nur Lang und ich. Und ich sage es so nebenbei: „Schade, Chatte so einen guten Santos!" „Kann nichts brauchen", sagt Lang und betrachtet einen seiner großen starken Fingernägel, die wie Schildpatt gemacht sind. Und während ich meine Tasche an mich nehme und mich scheinbar zum Gehen anschicke, ziehe ich wie von ungefähr ein Säckchen aus dem Rock und schütte seinen Inhalt spielerisch verträumt auf meine flache Hand. Und das ist meine ■Rettung. Denn der Kaufmann Lang sieht schielend auf meine Hand. «®ey n Sie", — sage ich — „diesen Kaffee würde inan für keinen Guatemala halten. Aber die Qualität ist hochfein. Und ich glaube, die hatten schon solche Kaffees." „Zeigen Sie her!" sagt der Kauf- '"unu Lang. Und ich offne meine Handtasche. Lind ich lange nach dem Notizbuch insgeheim. .Und, wenn der Kaufmann Lang nur zwei vacke kaufen will, weiß ich, daß er mit Leichtigkeit vier kaufen kann, und er tut es auch. Aber der Typus Lang ist nicht der schlimmste. Da lebt in D. ein Kaufmann,, der die Welt gesehen hat und durchaus unnachgiebig ist und der mir mit einer so sanften Höflichkeit entgegenkommt, daß ich wehrlos werde. Der Kaufmann sagt: „Es ist schade, verehrter Herr!" And er bedauert die Unmöglichkeit eines Geschäftes, als wäre e r der »eisende. Er. besitzt die Konsequenz der höflichen Unnachgiebigkeit, tzier versagt jeder Trick. Hier sagt der Kaufmann: „Versetzen Sie W M meine Lage! Kch habe Ware für sechs Monate! — Kommen 0,e w mein Magazin!" Und so suggestiv ist fein Wesen, so über» Mgend sein Argument, daß ich mich wirklich in seine Lage versetze. And während ich noch mit krampfhafter Schnelligkeit nach einem rettenden Einfall suche, hat sich der Kaufmann schon abschiednehmend vernergt. Und ich fahre zum Kaufmann Reininger nach P., dem ich vollkommen gewachsen bin. Denn der Kaufmann Reininger ist zugänglich, jedem Wort und. wenn nicht zufällig vor mir jemand dagewesen ist — selbst wenn W persona grata ist, ist man nicht allein —, bin ich sicher, hier, n ix, wenigstens vier Säcke anzubringen. Der Kaufmann Reininger agt einen kleinen altmodischen Spitzbart, er ist schwach und selbst n temer automatischen Abwehr liegt eine Aufforderung zum An- , Nuch ichu Kdeal ist der „restlose" Verkauf seines gesamter V ^lllrin, wie anders klingt es, wenn er sagt: „Ich habe oh?* , Dielleicht das nächstem al!" Und diese ganz unbestimmt Hoffnung auf ein ferneres nächstes Mal ist mir ein lur gegenwärtige Möglichkeiten. Kch. sage: „So einen Por- Sie noch nicht gesehen!" und gebe ihm Gelegenheit, auch "los und Minas zu sehen. Und sagt er: „Weil Sie es sind, will ich emen Sack kaufen" — so einigen wir uns schließlich auf fünf. Und jetzt tritt die Rotwendigkeit em, schnell vom Medergang der Moral zu sprechen. Vom Steigen der Fettpreise. Von der Ausbreitung der Kinos selbst in solchen Restern. Rur nicht von Kaffe«! Denn so schwach der Kaufmann Reininger ist, er könnte doch plötzlich zur Besinnung kommen. Er könnte bedauern Und er soll sich im Augenblick lieber für die Kinoprogramme interessieren. Und er interessiert sich wirklich. Und so, zwischen der Hoffnung, beim Unzugänglichen etwas ab» zusetzen, den Rachgiebigen noch schwächer zu machen — und der Enttäuschung, bei diesem zu spät zu kommen, bei jenem schon einen schnelleren Konkurrenten anzu treffen, vergeht meine Woche. Zwischen Kyritz, Vlumau, Radlersheim, Romberg, Karwitz und Pleschin geht mein Leben sechs Tage lang. Am Sonntag weih ich, bah das Reisen in Kaffee mühevoll ist und Talent erfordert. Aber hi den kleinen Orten, bei den kleinen Leuten — und wenn sie mich auch nicht erwarten — verbreite ich eine leise Ahnung von Ländern, aus denen meine Sorten stammen: Kava, Ceylon, Sumatra, Salvador. Montag früh werde ich über Blum au nach Kyritz fahren." — Die schwarze Spinne. Erzählung von Jeremias Gott Helf. (Fortsetzung.) Und einen Tag war die Spinne verschwunden, kein neues Todes- geschrei hörte man, die Leute mußten die verrammelten Häuser verlassen, mußten Speise suchen fürs Vieh und sich, sie taten es mit Todesangst. Denn wo war jetzt die Spinne, und konnte sie nicht hier sein und unversehens auf den Fuß sich setzen? Und wer am vorsichtigsten niedertrat und mit den Augen am schärfften spähte, der sah die Spinne plötzlich sitzend auf Hand oder Fuß, sie lief ihm übers Gesicht, saß schwaiz und groß ihm auf der Nase, und glotzte ihm in die Augen, feurige Stacheln wühlten sich in fein Geheim der Brand der Hölle schlug über ihm zusammen, bis der Tod ihn streckte. So war die Spinne bald nirgends, bald hier, bald dort, bald im Tale unten, bald auf den Bergen oben; sie zischte durchs Gras, sie fiel von der Decke, sie tauchte aus dem Boden auf. Am hellen Mittage, wenn die Leute um ihr Habermus saßen, erschien sie glotzend unten am Tisch, und ehe die Menschen den Schrecken gesprengt, war sie allen über die Hände gelaufen, saß oben am Tisch auf des Hausvaters Haupte und glotzte über den Tisch, die schwarz werdenden Hände weg. Sie fiel des Nachts den Leuten ins Gesicht, begegnete ihnen im Walde, suchte sic heim im Stalle. Die Menschen konnten -sie nicht meiden, sie war nirgends und allenthalben, konnten im Wachen vor ihr sich nicht schützen, waren schlafend vor ihr nicht sicher. Wenn sie am sichersten sich wähnten unterm freien Himmel, auf eines Baumes Gipfel, so kroch Feuer ihnen den Rücken auf, der Spinne feurige Füße fühlten sie im Nacken, sie glotzte ihnen über die Achsel. Das Kind in der Wiege, den Greis auf dem Sterbebette schonte sie nicht; es war ein Sterben, wie man noch von keinem wußte, und das Sterben daran war schrecklicher, als man es je erfahren, und schrecklicher noch als das Sterben war die namenlose Angst vor der Spinne, die allenthalben war und nirgends, die, wenn man am sichersten sich wähnte, einem todbringend plötzlich in die Augen glotzte. Die Kunde von diesem Schrecken war natürlich alsobald ins Schloß gedrungen und hatte auch dorthin Schreck und Streit gebracht soweit W bei den Regeln des Ordens stattfinden konnte. Dem von Stoffeln machte es bange, daß auch fic ebenso heimgesucht werden möchten wie früher ihr Vieh, und der verstorbene Priester hatte manches geäußert, welches ihm jetzt die Seele aufrührte. Er hatte ihm manchmal gesagt, daß alles Leid, welches er den Bauern antue, auf ihn zurückfahre, aber er hatte es nie geglaubt, weil er meinte, Gott werde einen Unterschied zu machen wissen zwischen einem Ritter und einem Bauer, hätte er sie doch sonst nicht so verschieden erschaffen. Aber jetzt ward ihm doch angst, es gehe nach des Priesters Wort, gab harte Worte feinen Rittern und meinte, es tarne jetzt schwere Strafe ihrer leichtfertigen Worte wegen. Die Ritter aber wollten auch nicht schuld sein, und einer schob es dem anderen zu, und wenn's auch keiner sagte, so meinten’s doch alle, das gehe eigentlich nur den von Stoffeln an, denn wenn man es recht nehme, so sei der an allem schuld. Und neben diesem sahen sie einen jungen Polenritter an, der hakte eigentlich die meisten leichtfertigen Worte über das Schloß gesprochen und den von Stoffeln am meisten gereizt zum neuen Bau und vermessenen Schattengänge. Der war mach sehr jung, aber der wildeste von allen, und wenn's eine vermessene Tat gatt, so war er voran; er war wie ein Heide und fürchtete weder Gott noch Teufel. Der merkte wohl, was die anderen meinten, aber ihm nicht sagen durften, merkte auch ihre heimliche Angst. Darum höhnte er sie und sagte, wenn sie vor einer Spinne sich fürchteten, was sie dann gegen Drachen machen wollten? Dann wappnete er sich gut und ritt ins Tal hinauf, sich vermessend, nicht zurückkehren zu wollen, bis sein Roß die Spinne zertreten, seine Faust sie zerdrückt. Wilde Hunde sprangen um ihp her, der Falke sah ihm auf der Faust, am Sattel hing die ßange, luftig bäumte sich das Pferd; halb. schadenfroh, halb ängstlich sah man chjr aus dem Schlosse reiten und gedachte der nächtlichen Wache auf Bär- Hegen, wo die Kraft der weltlichen Waffen gegen diesen Feind so schlecht sich bewährt hatte. Er ritt am Saume eines Tannenwaldes dem nächsten Gehöfte zu, scharfen Auges spähend um und über sich. Als er das Haus erblickte, Leute darum, rief er den Hunden, machte das Haupt des Falken frei, lose klirrte in der Scheide der Dolch. Wie der Falke die geblendeten Augen zum Ritter kehrte, feines Winkes gewärtig, prallte er ab der Faust und schoß in die Luft, die hergesprungenen Hunde heulten auf und suchten mit dem Schweife zwischen den Beinen das Wette. Vergebens ritt und rief der Ritter, feine Tiere fah er nicht wieder. Da ritt er den Menschen zu, wollte Kunde einziehen, sie stunden ihm, bis er nahe Zahrgc 'S zu Was kLeranlwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Univerf itLts^Duch- und Steindruckerei, Jt Lange, Atemzuge geendet. Im Schlosse blieben nur wenige Diener verschont, die nie Hohn mit den Bauern getrieben: sie erzählten, wie schrecklich es gegangen. Das Gefühl, daß den Rittern ihr Recht geschehen, tröstete aber die Bauern nicht, der Schreck ward immer größer, gräßlicher. Mancher sucht- ; fliehen. Die einen wollten das Tal verlassen, aber gerade die fielen der Spinne zu. Auf dem Wege fand man ihre Leichname. Andere flohen auf die hohen Berge, aber droben vor ihnen war die Spinne, und wenn fle sich gerettet 'glaubten, so saß ihnen die Spinne im Nacken oder im Gesicht. Das Untier ward immer boshaster, immer teuflischer. Es überraschte nicht mehr unerwartet, brannte nicht mehr unversehens den Tod ein, es saß vor dem Menschen im Grase, hing über ihm am Baume, glotzte giftig ihn an. Dann floh der Mensch, so weit seine Füße ihn trugen, und stund er atemlos stille, so saß die Spinne vor ihm und glotzte giftig ihn an. Floh er abermals, und mußte er aberinals die Schritte hemmen, so saß sie wieder vor ihm, und konnte er nicht mehr fliehen, dann erst kroch sie langsam an ihn heran und gab ihm den Tod. Da versuchte wohl mancher in der Verzweiflung Widerstand, und ob die Spinne nicht zu töten sei, warf zentnerige Steine auf sie, wenn sie vor ihm im Grase saß, schlug mit Keulen, mit Beilen nach ihr; aber alles umsonst, der schwerste Stein erdrückte sie nicht, das schärfste Beil verletzte sie nicht, unversehens saß sie dem Menschen im Gesicht, unversehrt kroch sie an ihn heran. Flucht, Widerstand, alles war eitel. Da ging alles Hoffen aus, und Verzweiflung füllte das Tal, faß auf den Bergen. Ein einziges f)aU5 hatte das Untier bis dahin.verschont und war nie in demselben erschienen: es war das Haus, in welchem Christine gewohnt, aus welchem sie das Kindlern geraubet. Ihren eigenen Mann hatte sie auf einsamer Weide angefallen, dort fand man seinen Leichnam gräßlich zugerichtet wie keinen anderen, seine Züge zerrissen in unaussprechlichem Schmerze: an ihm hatte sie ihren gräßlichsten Zorn ausgelassen, das gräßlichste Wiedersehen dem Ehemanne bereitet. Aber Am näi «e vierhui Augsburg M evangel "«treten sc -vtrb mehrt «füllt sein. Maubensbe ’n der Ges Mr allgen "Eg, den ton 1517 f 0 Die beul Äthers, utont geqe tung berti b« 1517 f, ^loßkirch «»e neue i «weckte in 'n vierzehn Au^ wie es zuging, hat niemand gesehen. Zum Hause war sie noch nicht gekommen: ob sie es bis zuletzt sparen wollte, oder ob sie sich scheute davor, das erriet man nicht. Aber nicht weniger als an anderen Orten war die Angst eingekehrt. Das fromme Weibchen war genesen, und es zagte nicht für sich, aber fast sehr um sein treues Bübchen und dessen Schwesterchen und wachte über sie Tag und Nacht, und die treue Großmutter teilte seine Sorgen und Wachen. Und gemeinsam beteten sie zu Gott, daß er ihnen ihre Augen offen halten möchte zur Wache, daß er sie erleuchten und stärken möchte zur Rettung der unschuldigen Kindlein. Oft war es ihnen, wenn sie so wachten lange Nächte durch, als sähen sie die Spinne glimmen und glitzern in dunkelm Winkel, als glotzte sie zum Fenster herein: dann ward ihre Angst groß, denn sie wußten keinen Rat, wie vor der Spinne die Kindlein schützen, und um so brünstiger baten sie Gott um seinen Rat und Beistand. Sie hatten Merlei Massen zur Hand gelegt, aber wie sie hörten, daß der Stein seine Schwere, das Beil seine Schärfe verliere, sie wieder beiseite gelegt. Da tarn es der Mutter immer deutlicher vor,-immer lebendiger in den Sinn: wenn jemand es wagen würde, die Spinne mit der Hand zu fassen, so vermöchte man sie zu überwältigen. Sie hörte auch von Leuten, die, als der Stein nichts hals, mit der Hand sie zu erdrücken versuchten, allein vergeblich. Ein gräßlicher Glutstrom, der durch Hand und Arm zuckte, tilgte jede Kraft und brachte den Tod ins Herz. Es kam ihr auch vor, zu erdrücken vermöchte sie die Spinne nicht, aber sie erfassen dürfte ste wohl, und so viel Kraft würde ihr Gott verleihen, dieselbe irgendwohin W tun, sie unschädlich zu machen. Sie hatte schon oft gehört, wie kundige Männer Geister eingesperrt hätten in ein Loch in Felsen oder Holz, kam. Da schreien sie gräßlich auf und flohen in Wald und Schlucht, denn auf des Ritters Helm saß schwarz, in übernatürlicher Grüße die Spinne und glotzte giftig und schadenfroh ins Land. Was er suchte, das trug der Ritter und wußte es nicht; in glühendem Zorne rief und ritt er den Menschen nach, rief immer wütender, ritt immer toller, brüllte immer entsetzlicher, bis er und sein Roß über eine Fluh hinab zu Tale stürzten. Dort fand man Helm und Leib, und durch den Helm hindurch hatten die Füße der Spinne sich gebrannt, dem Ritter bis ins Gehirn hinein, den schrecklichsten Brand ihm dort entzündet, bis er den Tod gefunden. , , Da kehrte der Schreck erst recht ein ins Schloß; sie schlossen sich ein und fühlten sich doch nicht sicher, sie suchten nach, geistigen Waffen, fanden aber lange niemand, der sie zu führen wußte und zu ftihren wagte. Endlich ließ sich ein ferner Pfasfe locken mit Geld und Wort: er kam und wollte ausziehen mit heiligem Wasser und heiligen Sprüchen gegen den bösen Feind. Dazu aber stärkte er sich nicht mit Gebet und Fasten, sondern er tafelte des Morgens früh mit den Rittern und zählte die Becher nicht und lebte wohl an Hirsch und Bär. Dazwischen redete er viel von seinen geistigen Heldentaten und die Ritter von ihren weltlichen, und die Becher zählte man sich nicht nach, und die Spinne vergaß man. Da löschte auf einmal alles Leben aus, die Hände hielten erstarrt Becher oder Gabel, der Mund blieb offen, stier waren die Augen auf einen Punkt gerichtet, nur der von Stoffeln trank den Becher leer und erzählte von einer Heldentat im Heidenlande. Aber auf feinem Kopfe saß groß die Spinne und glotzte um den Rittertisch, aber der Ritter suhlte sie nicht. Da begann die Glut zu strömen durch Gehirn und Blut, gräßlich schrie er auf, fuhr mit der Hand nach dem Kopfe, aber die Spinne war nicht mehr dort, war in ihrer schrecklichen Schnelle den Rittern allen über ihre Gesichter gelaufen, keiner konnte es wehren; einer nach dem anderen schrie auf, von Glut verzehrt, und von des Pfaffen Glatze nieder glotzte sie in den Greuel hinein, und mit dem Becher, der nicht aus seiner Hand wollte, wollte der Pfaffe den Brand loschen, der loderte vom Kopfe herab durch Mark und Bein. Aber der Waffe trotzte die Spinne und glotzte von ihrem Throne herab in den Greuel, bis der letzte Ritter den letzten Schrei ausgestoßen, am letzten welches sie mit einem Nagel zugeschlagen, und solange den niemand ausziehe, müsse der Geist gebannt im Loche fein. Gleiches zu versuchen drängte der Geist ste immer mehr. Sie bohu, ein Loch in das Bystal, das ihr am nächsten lag zur rechten Hand, me,2 sie bei der Wiege saß, rüstete einen Zapfen, der scharf ins Loch'pM, weihte ihn mit geheiligtem Wasser, legte einen Hammer zurecht M betete nun Tag und Nacht zu Gott um Kraft zur Tat. Mer manchmal war das Fleisch stärker als der Geist, und schwerer Schlaf drückte ihr hu Augen zu, dann sah sie im Traume die Spinne, glotzend auf jh^ Bübchens goldenen Locken, dann fuhr sie aus dem Traume, fuhr na* des Bübchens Locken. Dort aber war keine Spinne, ein Lächeln saß feinem Gesichtchen, wie Kindlein lächeln, wenn sie ihren Engel M Traume sehen; der Muttek aber glitzerten in allen Ecken der Spinn, giftige Augen, und auf lange wich der Schlaf vor ihr. So hatte sie auch einmal nach strengem Wachen der Schlaf üben wültigt, und dicht umnachtete er sie. Da war es ihr, als stürze dek fromme Priester, der in der Rettung ihres Kindleins gtzftorben, herbei aus weiten Räumen und rufe aus der Ferne her: ,Weib/wache auf, bet Feind ist da!' Dreimal rief er so, und erst beim drittenmal rang sie to los aus des Schlafes engen Banden; aber wie fle die schweren Auge^ über mühsam hob, sah sie langsam, gistgefchwollen die Spinne schreiten übers Bettlein hinauf, dem Gesichte ihres Bübchens zu. Da dachte sie an Gott und griff mit rascher Hand die Spinne. Da fuhren FeuersirSme von derselben aus, der treuen Mutter durch Hand und Arm bis im Herz hinein, aber Muttertreue und Mutterliebe drückten die Hand ihr zu, und zum Aushalten gab Gott die Kraft. Unter tausendfachen Tod», schmerzen drückte sie mit der einen Hand die Spinne ins bereitete Loch, mit der anderen den Zapfen davor und schlug mit dem Hammer ihn fest Drinnen sauste und brauste es, wie wenn mit dem Meere die Wirbel winde streiten, das Haus wankte in feinen Grundfesten, aber fest faß iw Zapfen, gefangen blieb die Spinne. Die treue Mutter aber freute sich noch, daß sie ihre Kindlein gerettet, dankte Gott für seine Gnade, dm starb sie auch den gleichen Tod wie alle, aber ihre Muttertreue löscht, die Schmerzen aus, und die Engel geleiteten ihre Seele zu Gottes Thron, wo alle Helden sind, die ihr Leven eingesetzt für andere, die für Gott und die Ihren alles gewagt. Nun war der schwarze Tod zu Ende. Ruhe und Leben kehrte ins Tal zurück. Die schwarze Spinne ward nicht mehr gesehen zur selben Zech denn sie saß in jenem Loche gefangen, wo sie jetzt noch sitzt." „Was, dort im schwarzen Holz?" schrie die Gotte und fuhr eines Satzes vom Boden auf, als ob sie in einem Ameisenhaufen gesessen wäre. An jenem Holze war sie gesessen in der Stube. Und jetzt brannte sie ihr Rücken, sie drehte sich, sie schaute hinter sich, fuhr mit der Hand auf unb ab und kam nicht aus der Angst, die schwarze Spinne sitze ihr im Nacken. Auch den anderen waren die Herzen zugeklemmt, als der Großvater schwieg. Es war ein großes Schweigen über sie gekommen. Spott inoitye niemand wagen, der Sache beistimmen auch nicht gern; es hörte jeder lieber auf das erste Wort des anderen, um darnach die eigene Rede richten zu können, so verfehlt man sich am wenigsten. Da tarn die Heb amme, die schon mehrere Male gerufen hatte, ohne Antwort zu befoiiv men, hergelaufen, ihr Gesicht brannte hochrot, es war, als ob die Spinne auf demselben herumgekrochen wäre. Sie begann $u schmälen, daß nie mand kommen wolle, wie laut sie auch rufe: Das sei ihr dach auch eine wunderliche Sache: wenn man gekochet habe, so wolle niemand z» Tisch, und wenn dann alles nicht mehr gut sei, so solle sie schuld fein « allem, sie wisse rvohl, wie es gehe. So fettes Fleisch, wie drinnen siehe, könne niemand mehr essen, wenn es kalt geworden; dazu sei es noch gar ungesund. Run. kamen die Leute wohl, aber gar langsam, und keines wollte das erste bei der Türe sein, der Großvater mußte der erste sein. Es war diesmal nicht sowohl die Übliche Sitte, nicht den Schein hahen zu wollen, als möge man nicht warten, bis man zum Essen komme; es war das Zöger«, das alle befällt, wenn sie am Eingang stehen eines schauerlichen Ort«, und doch war drinnen nichts Schauerliches. Hell glänzten auf dem Tische, frisch gefüllt, die schönen Weinflaschen, zwei glänzende Schinken prangte«, gewaltige Kalbs- und Schafbraten dampften; frische Züpfen tagen bnjw schon, Teller mit Toteren (Torten), Teller mit dreierlei Köchle ne wäre« dazwischen gezwängt, und auch die Kännchen mit dem süßen Tee fehlte» nicht. So war's ein schönes Schauen, und doch achteten sie alle desseim wenig, aber alle sahen sich um mit ängstlichen Augen, ob nicht die Spimf aus irgendeiner Ecke glitzere oder gar vom prangenden Schinken iM sie anglotze mit ihren giftigen Augen. Man fah sie nirgends, und W machte niemand die üblichen Komplimente: was man doch sinne,« so viel aufzustellen, wer das doch affen solle, man habe bereits mehr«« zuviel, sondern alle drängten sich an die unteren Ecken des aw’i niemand wollte hinauf. Umsonst mahnte man die Gäste nach oben und zeigte auf die M» Plätze, sie stunden unten wie angenagelt; vergebens schenkte dec KM bettimann ein und rief, sie sollten doch kommen und Gesundheit mnW es sei eingeschenkt. Da nahm derselbe die Gotte beim Arme unb W „Sei du das Witzigste und gib das Exempel!" Aber mit aller Kraft. ® die war nicht klein, sperrte sich die Gotte und rief: „Nicht um tw Pfund sitze ich mehr da oben! Es gramfeü mir den Rücken auf unb m der, als führe man mir mit Nesseln daran herum. Und säße ich dorr dem Bystal, so fühlte ich die schreckliche Spinne sonder Unterla» Nacken." „Daran bist du schuld, Großvater", sagte die Grosirm'« „warum bringst du solche Dinge aufs Tapet! So etwas trägt HE '« nichts mehr ab und kann dem ganzen Haufe schaden. Und wenn einn Kinder aus der Schule kommen und meinen und klagen, die anoe Kinder hielten ihnen vor, ihre Großmutter sei eine Hexe getvefen uno Bystal gebannt, so hast du es dann." (Fortsetzung folgt.)