GietzenerZamilienbMer Nummer 97 Da Da Da Wiegenlied. Volksweise. droben auf dem Berge wehet der Wind, sitzet Maria |t: ein Soldat sitzt da i, was sie bewegt; er ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger - montnMtt, HLBiwmliw-------------------- BsÄW.W’-'Ö! Und wieget ihr Kind, Sie wieget's mit ihrer schneeweißen Hand, Dazu braucht sie kein Wiegenband. Heimkehr aus Aegypten. Legende von Karl Nötiger. Ift toumä’tort ,"«* «'«»K» g-'-mm«: H-r-de- MMUMZZ-M bleibt uns noch etwas zu tun im Lande Kanaan. ch ... (>^ SiMWE-LL-S-- sah die Geburt, ich habe dirs anvertraut; in der Stille ast?■■■»" ÄwÄS s Sann mmmt sie den Korb und geht, den Männern zu essen zu bringen. 3U 9^en, in dem Gott brannte. Der Gedanke bcrocak mao wohl außerhalb des Weges sein, den wir nehmen^mMen f9m^h &X M,* ‘i'JW k-lch-»' 6» * Ä «X üntXl führt?, r . ’ V ba Maria ihn ansieht wie eine lebendige Bitte W M-! -X'riX ?--? MaX* ,,,n' u’&’ÄfiÄ NSLtz &* “?er bas ebene Land bewegen. Sie übernachten bei einem und er gibt ihnen und dem Kinde Milch. Des Hirten Blick liegt lange auf dem Kmde, wahrend es aus dem Holzbecher trinkt. 8 0C °Uf bem swhst du? fragt Maria leise den Hirten. Er schaut sie verwirrt an und antwortet ebenso leise: Nun, eben die Augen. Und? fragt Maria Sternen ^rin'^ "w Ohr und sagt: Einen samtblauen Himmel mit SÖWMÄ&WSSX iX“""'* ““ri“ 5».™ ?"^rn Morgen sagt der Hirte: Warum zieht ihr abseits des sj„„end JCin ?°licht und seinen Bart auf die Brust, wie Um Win™ n uebt r-r bas ^l'cht, Zeigt: Dorthin ... geht! bräunt Berkam?"^ f'C Mt dem Berge. Da ist der Dornbusch. Ver- denn es Iff hnA Schwarzgraues Gestrüpp. Er ist traurig anzusehen; blühen feilten %2nHn, iU,9rM blC %\ba Dornsträucher grünen und weiß stand Mer n r spncht zum Kinde, erklärt es ihm: Der Ahne, Mose Er allein 'sah Gott ^lmli^Cr 6tim,ne unb M Zum erstenmal Gott. Strauchs SaTer^ “Ä U,nb Iärf)s? bann- f(u« »nd innig: der dürre vollendet Maria ~ S8ert,rannte von der glühenden Gegenwart Gottes, von^Blatterw^Dnnn"m°nd^ ®r ni die ä ’KSSÄäMS s« ®tawäXn, ’S* SSBÄS Sas Sinh aber sagt: Zeig mir den Brunnen, mein Vater! MM $ uAb« SÄ b“" - «■"«* Haben wir nicht einen Gott, Kind? sagt Maria Nun alln mnr wr »"- trennen? - Dann kommt' mit in !n?ines Baiers Haİ'dort^zu Taften, sagt das Mädchen entschlossen und ahnet hochcmf in der Erwartung, ob sie es tun werden. Jetzt steht Jesus vor ihr, hält eine Blume in der Hand, schaut auf und sagt nichts — hält die Blume nur so hin ... Man steht im Kreis, das Mädchen neigt das Gesicht aufs Kinderhaupt. Stille wölbt blau über allen. * An einem Nachmittag find sie in Nazareth. Josef sperrt das leere Haus auf, Wind fährt hinein ... Das Kind läuft durch die Stuben, wieder nach draußen, schaut Josef zu, der den Esel einstellt, steht wieder bei der Mutter, die auspackt, ordnet, säubert und ein Mahl zu richten beginnt. Nun sind wir daheim, hier bleiben wir, sagt sie. Daheim, sagt das Kind. Wo waren wir nicht daheim?! Aber hier wollen wir bleiben. Wehe, mein Garten, sagt Maria. Im Unkraut kannst du, Kind, dich verstecken. — Morgen beginnen wir mit dem Bestellen, sagt Josef. Wir wollen sehen, was das Jahr noch wachsen mag. Möge Arbeit ins Haus kommen, sagt Maria, auf daß du in der Werkstatt schaffen kannst. Aber sie lächeln dabei, denn sie weiß, sie wird kommen, die Arbeit. Maria weiß viel, wie sollte sie nicht glaubend sein. Aber einmal, am Abend, zittert's noch in ihr nach: das Gewissen, das Große, das Heilige und das Schreckliche und die Jahre der Ber- bonnung im fremden Land. Sie stehn am Bette des Kindes und sehn es schlafen. Es hebt sich von ihrem Herzen wie ein letzter Seufzer — Josef versteht es ohne Worte, der Mann mit dem gütigen Herzen! Jetzt kommen die Jahre der Stille, sagt er. Und des Wachsens und der Reise für ihn und — es, sagt Maria. Josef versteht sie. Weihnacht. Von Gertrud A u l i ch. Diese Nacht ist eine große Gnade, Da wir klein und lächelnd wie ein Kind, Aus des Wunders heimatlichem Pfade In den Himmel wandernd, selig sind. Diese Nacht hat heilige Gewalten, Die an unfern Herzen reiften und Uns aus allen Toden neugestalten Bis in unsres Wesens tiefsten Grund. Diese Nacht ist eine dunkle Stille, Die mit grellen Donnern zu uns spricht Als Gesetz und Kraft und Tat und Wille Und ein menschgewordenes Gesicht. Diese Nacht... O grofte Nacht der Liebe, O Geheimnis, ganz von Licht erhellt! Daft es ewig Weihnacht in uns bliebe, Offenbarte Gott sich aller Welt! Eine Weihnachtsgeschichte. Von Kasimir Edschmid. (Nachdruck verboten.) Ein junger Dichter, der das Glück hatte, aus einer wohlhabenden Familie zu stammen, deren Tradition und Neigung es ihm sehr leicht gemacht hatte, die Kultur seiner Zeit und die der vergangenen Epochen in sich aufzunehmen, erhob sich von seinem Tisch. Der junge Mann nahm den Hörer und bestellte sich ein Eisenbahnbillett. Sein Gesicht, das weder müde noch frisch war, trug jenen Zug, den junge Leute haben, die nach außen eine Abwehr zur Schau tragen, die man vor dem Kriege Blasiertheit und nach dem Kriege Snobismus nannte. Diesen Leuten ist es im Lebensanfang zu leicht gemacht, und ihre noble Umgebung macht sie zu Schauspielern einer Gleichgültigkeit gegen das Leben, die sie gar nicht besitzen. Trotzdem scheinen sie, selbst wenn sie ein reiches Gefühlsleben haben, immer darauf bedacht zu fein, es zu unterschlagen. In der Tat, die Deutschen, welche am innigsten veranlagt sind, zeigen sich immer als Feinde jener Sentimentalität, die einer der schönsten deutschen Züge ist. Der junge Dichter, Klaus R., welcher den Namen eines alten Kauf- mannsgefchlechtes trug, entfernte sich von feiner Familie und feiner Stadt, da er mit höchstem Unwillen jene Verbrüderungsstimmung feiner Verwandtschaft und feiner Kreife floh, welche Mitte Dezember die Welt zu ergreifen scheint. Er fuhr nach München und ins Gebirge. Einer jener seltenen Winter, die den Dezember manchmal wie ein Wolfrudel überfallen, hatte die bayerischen Alpen in einen weißen Bann gelegt, der tief in die Täler reichte. Achthundert Meter ist noch keine Höhe für Schnee, aber das hier seltene Weiß schien ewig liegenzubleiben. Von Tegernsee bis Parten- kirchen war die Welt von einer Märchenstimmung erfaßt, welche der gefrorene pulvrige Schnee erzeugt und welchen die Bäume und Wälder unterstützten, die im Rauhreif wie Glas aussahen. Diese glühend weißen Gebirge und die verzauberten Bäume im Brand einer unaufhörlich rot über den fast italienisch blauen Himmel wandernden Sonne machen jedes Herz voll Glücksgefühl. Klaus R. nahm die Natur mit jener Wollust hin, die ein Sportsmann hinter der Freude verbirgt, die eine vollkommene Beherrschung der Bobsleighs und Skier erzeugt. Es fehlte ihm völlig die Natürlichkeit, fein Gefühl zu äußern, obwohl er, braun gebrannt und sich als großer Skispringer erweisend, hätte sagen können, was er gewollt hätte, und man hätte ihn bewundert. Auf den Touren verliebte er sich in eine baltische Baroneß, Clara v. B. Der Reiz dieses Mädchens bestand in einer Natürlichkeit, die beispiellos war. Diese Freiheit der Manieren setzte eine unendlich gute Erziehung voraus. Das Mädchen wirkte in einem Maße verblüffend, wie sie schön und reich war. Sie war ein Stück Natur und beantwortete jede Bewerbung des Dichters mit einer Ironie, welche fast hochmütig schien. Das Mädchen stellte jenen ausgezeichneten Raffetyp dar, der sich über alles luftig zu machen bereit ist, aber ein Herz besitzt, das demütig und innig ist. Vor Weihnachten machen die Hotels große Bemühungen, Weihnachten zu feiern. Christbäume und elektrische Lichter genügen dazu nicht. Klaus R., dessen Bücher einen kühnen und pathetischen, aber auch scharfen Geist verrieten, floh auf das Kreuzeck, wo ein kleines Hotel, das eigentlich eine Hütte ist, das wahre Dorado der Sportsleute in der Nähe des allzu versnobten Garmisch darstellt. Die Baroneß sollte mit Schwester und Schwager ebenfalls kommen. Am Tage, ehe Kl. R. auf das vierzehnhundert Meter hohe Kreuzeck stieg, hatte er die Baroneß nach München begleitet, bie einen kleinen, selbst abgeschnittenen Tannenbaum im Münchener Bahnhof einer Freundin in das Gepäcknetz legte, die nach Nizza fuhr. „Aber es gibt", sagte Klaus, „auch an der Riviera Tannenbäume!" „Tannenbäume?", sagte das schlanke Mädchen, die ihn ansah mit höchstem Erstaunen. „Es gibt tausend Nadelbäume", sagte sie langsam, „aber es gibt dort keinen Tannenbaum." Sie strich über den kleinen unscheinbaren Baum, dessen Nadeln weder glänzten noch breit und üppig waren. In der Bewegung stak der Reiz einer Natur, die eigenwillig genug ist, alles zu lieben, was ihr gefällt, auch das arm- feligfte. Der junge Mann kam in die Verlegenheit, einer Szene beizuwohnen, die er seither entsetzlich gefunden hatte, vor der er aber jetzt voll Bewunderung und Erstaunen stand. Es gibt Momente, die Kleinigkeiten sind, aber ein Leben zu ändern vermögen. Ms am Tage vor Weihnachtsabend der Schneesturm einsetzte, ließ er sich gegen Abend am Telephon das Garmischer Hotel geben. Er war von einer seltsamen Unruhe erfüllt. Die Baroneß war mit ihren Leuten nicht gekommen. Er hörte eine Nachricht, die ihn zittern ließ. Baroneß Clara v. B. hatte eine Tour nach Tirol unternommen und von Leermoos aus, der wie ein Baum in die Höhe wachsenden Zugspitze gegenüber, einen Aufstieg gemacht. Beim Abfahren war sie über einen stachen Stein gefahren und hatte sich das Knie verletzt. Sie lag in Baerwank in einem Bauernhaus, in einem Zimmer, das nicht einmal einen Ofen befaß. Diese alltägliche Geschichte veranlaßte Klaus R. die Nacht wie im Fieber zu liegen. Er öffnete jede Stunde das Fenster und hörte den Schneefturm ein Geheul ausstoßen, das ihn mit Hoffnungslosigkeit erfüllte. Am Morgen machte er sich fertig, nach Garmisch hinunterzufahren, was wahnsinnig war. Nur die Phantasie eines Skiläufers, der die Terrains kennt und weiß, wie irrsinnig schwierig es ist, bei normalen Verhältnissen auf dieser Strecke durch Wälder und Abhänge die Richtung zu behalten, vermag zu beurteilen, baß er die Leistung eines Athleten vollbrachte. Mittags kam er unten an, vor Erschöpfung zitternd. Er fuhr mit der Bahn nach Leermoos. Dort kaufte er etwas, was ihn erröten machte. Tatsächlich bedeutete dieser Kauf für ihn etwas, was jein Leben fortan bestimmte. Der Gedanke dazu war ihm auf eine Weise gekommen, die ihn gleichzeitig erglühen und ironisch lächeln ließ. Beim Ausstieg nach Baerwank kam er in die Dunkelheit. Keine Verzweislung der Welt ist furchtbarer als diejenige eines Mannes, der im Schnee ermüdet und seine Kräfte verliert. Im Schneesturm nachts sich verirren, grenzt an das Höllischste, was ein Mann erleiden kann. Ein Schnee- sturm mit Nebel gehört zu den Rauschgiften, die einen Mann zu einer Memme verwandeln. Um acht Uhr sah der junge Mann Lichter. Er kam bei den paar Hütten von Baerwank an als ein fast Besinnungsloser. Das zweite Haus, das er traf, war bas Bauernhaus, in bem bie Baroneß lag, bie nur eine Schwester bei sich hatte. Klaus B. trat bei ber Baroneß ein wie ein großes herrliches Gespenst, von Eis und Schnee zugewachsen, wie ein Baum, die Haare zu Eiszapfen verwandelt, mit Augen, bie schon in Ohnmacht waren. Er sank sofort auf ben Boben unb verlor bie Besinnung. Zwei Stunden später faß er, mit allen Muskeln noch zitternd, am Bett ber Baroneß, beren miserable Laune einer großen Helligkeit gewichen war, bie ihr Gesicht erfüllte. Was ber junge Mann vollbracht hatte, war eine Heldentat, rein sportlich fast Wahnsinn. Die Frauen find feit den Turnieren des Mittelalters bie einzige Anerkennung der wahren Heldentat geblieben. Es begeisterte sie. „Aber", fragte sie, „warum haben Sie ben Aufstieg von Leermoos noch in ber Dunkelheit heute gemacht, wo es Ihr Leben bedeuten konnte? Wenn Sie", sagte sie seltsam lächelnd, „morgen früh aufgeftiegen wären, so hätte es m ch ebenso gefreut und ich hätte mir nachträglich keine Sorgen machen müssen." „Tun Sie bas?" fragte ber junge Mann mit einer ernsten Betonung, „aber , fuhr er fort, indem er sich umsah, „dann hätte ich Ihnen keinen Tannenbaum heute bringen können, obwohl ich einsehe, baß ich besser einen Ofen heraufgebracht hätte." Er zog aus bem Rucksack einen Baum, ber so hoch war wie drei Fäuste, aber doch zwei ober drei Kerzen zu tragen vermochte. Die Bewegung, mit welcher der junge Mann sein Geschenk herauszog, war von einer jungenhaften Bescheidenheit. Als später durch den Sturm eine schwach vernehmbare Weihnachtsglocke wimmerte, freuten sich drei Menschen wie die Kinder darüber, von denen einer nie mehr im Leben geglaubt hätte, daß er anderes als Mißbehagen dabei empfinden würde. Er hörte die Glocken jetzt mit einer Freude an, die zeigte, daß er jene innere Freiheit gefunden hatte, bie ihm erlaubte, groß zu empfinben, was er voll der falschen Eitelkeit der Welt von sich ferngehalten hatte. „Sie haben wegen eines Tannenbaums Ihr Leben aufs Spiel gefetzt", sagte die Baroneß mit tiefen Augen. „Ich bin bestimmt jetzt sehr glücklich darüber", sagte der junge Mann, ber bie Hand, die ihm gereicht war, nicht wieder losließ, „keinen Ofen heraufgebracht zu haben." Auf seinem Gesicht war ber letzte Ausdruck des Spottes verschwunden, er hatte bie überlegene Heiterkeit, die auch Parzivol zu einem Helden und einem Kind zugleich machte, was die vollkommenste Mischung ist, die ein deutscher Mensch erreichen kann. „Es ist kalt", sagte die Baroneß, „aber die Lichter sind herrlich." Das Mädchen hatte den Schein der Kerzen in den Augen, die so stark waren wie drei Streichhölzer, aber alles Licht der Welt zu tragen schienen, das in zwei Menschenherzen Platz haben kann. Weihnachten — auch in Straßburg! Bon Helene Schede. (Nachdruck verboten.) Uralle Weihnacht, voll Innigkeit und Poesie, strahlt über der alten Soldatenstadt. Der laute Hufschlag des Tages erstirbt in geheimnisumsponnenen Adoentabenden. Opposition und Politik verstummen. Aus hellen Kinderstuben steigen die Lieder der stillen, heiligen Nacht und geben friedliche Antwort auf die heißumstrittene Sprachensrage. Auf dem Broglieplatz ist der Christkindelsmarkt aufgeschlagen. Ein vom Duft der Tannen, Kerzen und Honigkuchen erfülltes Paradies, in dem die Straßburger das Nörgeln, Kritisieren und Disputieren vergessen und die eigene, sorglose Kindheit wiedersinden. Dicht aneinander schmiegen sich die niedern Bretterbuden. In zwei langen Reihen laufen sie an hell erleuchteten Cafes, schmalen, gotischen Giebelhäusern und französischen Rotsandsteinpalästen vorbei, an diesen Bauten aus verschiedenen Zeitaltern, die im Zusammenfließen zweier Kulturen ein wundersam harmonisches Bild ergeben. Zwischen den Ständen liegt dunkel und schwer, wie im Flußbett festgehalten, die sammetweiche Nacht. Im Schein von gelben, unruhoollen Flammen funkeln vielzackige Sterne, glitzern die Eiszapfen und gläsernen Kugeln. An roher Holzwand schimmert in Locken und langen Strähnen das Engelshaar. Kinderaugen leuchten. Erwartungsfrohe Hände strecken sich nach den Auslagen, den Spielwaren, Hampelmännern, Teddybären und Trachten- plippen mit ihren schwarzen Elsässer-Schleifen und golddurchwirkten Miedern und Schürzen. In kleinen Krippen harren die Hirten und Weisen, lächelt über dem rosigen Jesusknäblein die Madonna im blauen, sternenbesäten Mantel. Alles ist so billig, daß auch die Aermsten, deren Hände nicht im wärmenden Pelzmuff stecken, sich etwas von der Freude mit nach Hause nehmen können. Verführerisch locken die Zuckerstände. Geradezu unwiderstehlich sind die grünen und roten „Suxons", die „Chiques" aus braunem Malzzucker, die „Papillotes“ in ihrer bunten Umhüllung. Ohne Rücksicht auf weltgeschichtliche Geschehnisse, tragen die prächtigen Lebkuchenherzen mit heiterer Selbstverständlichkeit ihre goldumrahmten Bilder und Sinnsprüche aus der Biedermeierzeit. Wie bequem haben es doch die Burschen! Alle Glut und Sehnsucht des Herzens, die Treuschwüre und Liebesbeteuerun- aen liegen in diesem braunen, honigsüßen Teig, gehen den unfehlbaren Weg durch den Magen der Erkorenen. Alle Widerstände räumt das „Zuckerdings" aus dem Weg: „Grethel, wenn m'r g'hiroth {in. Na Ham' m'r noch ken Hüs — No schlüpfe m'r in de Henkelkorb Un lüeje owwe-n-erllsi" Hunderte von Tannen schließen einen Wall um die kleine Budenwelt. Große, mit weit ausladenden Fittichen, und kleine, die man bequem unter dem Arm tragen kann. Büsche von Mistel schimmern silbrig grün, und aus den Stechpalmen funkeln die roten Beerenaugen. Es duftet nach Heimat und Hochwald. Längst versunkene Bilder tun sich von weißen Sonntagen auf verschneiten Wasgauhöhen, wo von Halde zu Halde das Ski-Heil erscholl, in den Forsthäusern die Holzscheite im Ofen prasselten, die Klampfe zu tönen begann, und das alte „Kirschewosser" wie Feuer durch die Adern floß. Jetzt sind die Rufe aus junger, deutscher Kehle verstummt. Aber der Zauber des Christkindelsmarkts ist geblieben und leuchtet hell über der wunderschönen Stadt. * „Ebbs güets un e bissel viel!" ist immer noch der Wahlspruch des Steckelburjers, jenes wohlachtbaren kleinen Bourgeois, der in „rangierten" Verhältnissen lebt, ein gut gehendes Geschäft betreibt, wenn er Nationalist ist, einen gepflegten Henri-IV.-Bart trägt und sich im übrigen seine Freuden aus dem sichern Diesseits holt, ohne sich viel Kopfzerbrechen über die Probleme des Jenseits zu machen. Zu seinen Aemtern gehört alljährlich der Einkauf der „Foie gras" bei seinem Pastetenbäcker und der Weihnachtsgans auf dem Alten Markt. Dieser Platz ist einer der eigenartigsten und charakteristischsten im alten Straßburg. In einem genau abgezirkelten Viereck stehen die Häuser, alle ein bißchen windschief, schmalbrüstig, mit lustigen Giebeln, auf und ab kletternden, durch die Jahrhunderte etwas asthmatisch gewordenen Dächern, runden Torbogen über ausgetretenen Schwellen, blinzelnden Fensteraugen, aus den Gelenken gehobenen, grünen Läden, Geflügelhandlungen, Töpferständen mit buntem, elsässischem Bauerngeschirr, versteckten Weinkneipen, wo der beste „Neue" und der „Federwysse" fließen — das alles überragt von der hohen, steilen, neugierig in das Treiben blickenden Münsterspitze. Auf langen, aneinandergereihten Holztischen liegen Heerscharen von Weihnachtsgänsen. Einen oder zwei Sommer lang hat sie das kurz- geschürzte, durch Postkarten, Reiseandenken, Wandt.eller, Tafelgeschirr bekannte — in Wahrheit aber durchaus unsentimentale — Gänseliesel auf die Weide geführt, und willig sind sie ihrem Lockruf „Wulli-wulli- wulli" gefolgt. Dann wurden sie in enge Käfige gesperrt und mit goldgelben Maiskörnern gemästet. Jetzt werden die Tiere feilgeboten. Sorgsam gerupfte, prächtige, schneeweiße, in Fett gebettete Gänse, von denen die leichtesten zehn Pfund, die schwersten etwa zwanzig wiegen. Vorsichtig befühlt, beklopft der Bourgeois die glänzenden Leiber dieser harnen. Er ist auf seiner Hut! Die gewiegteste Bäuerin wird ihm nicht eine alte für eine junge ausschwatzen, auch nicht eine, die nicht kernig ist, deren Schmalz in der Pfanne, ohne Gehalt, wie Wasser „üsenonber- blodert". Endlich ist die Wahl getroffen. Ein paar Franken sind heruntergehandelt, und befriedigt zieht „Monsieur" durch den lichterglänzenden Abend nach Haus. Hier steht „Madame" schon angriffsbereit. Sie wälzt riesige, 597 Seiten schwere Folianten, um nach bewährten Rezepten die köstlichen Geflügelfareen aus Kastanien, Trüffeln, Lebern und zahllosen, sorgsam abgewogenen Gewürzen zu bereiten. Wesentlich einfacher gestaltet sich das Besorgen der Pastete, die zum Festessen gehört, wie das pralle Bäuchlein zum einkausenden Bourgeois. Die Geschäfte der berühmten Pastetenbäcker liegen im Schatten des Münsters, ganz nah dem Goethehaus, in den fadendünnen Gäßchen, die eilfertig vom Dom zu den stillen Wassern hinunterlaufen. In einer Kleinstadtwelt, zwischen Krämer- und Bäckerlädchen, spielenden Kindern, in den Auslagen sanft schlummernden Katern, leuchtet hell und festlich ein Schaufenster auf. Im Schmuck von Kerzen, bunten Bändern und Tannengrün sind die Wunder der Pastetenkunst ausgebreitet. Nur die Wahl macht Qual. Gänselebern in allen erdenklichen Zubereitungen, Umhüllungen, Zusammensetzungen locken zum Kauf. Rosig zarte Gebilde mit verführerischen Trüsfelaugen schimmern aus durchsichtigem Fleischgelee, sind in Fett und schneeweißen Speckstreisen gebettet, verbergen sich in golbnen Rüstungen aus Blätterteig, werden als Pains, Galantines, Aspics, Pasteten, Parfaits verkauft, ober in bemalten Terrinen aus Steingut und Porzellan, die nur beim Deffnen ihre Geheimnisse preisgeben. Das schwierige Problem des Schenkens hat Close, der berühmte Erfinder der Eänfeleberpastete, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein für allemal für Straßburg gelöst. Man wird mit einer Sänfelcber unweigerlich das Richtige treffen und damit den eingefleischten Junggesellen ebenso erfreuen, wie die verwöhnte Dame des Hauses. » „Wo geh m’r onne?" Ueberall ist es schön in dem adventfrohen, lichtfunkelnden Straßburg. Jede Straße, auch das Höllfeger-, das Sünden-, bas Jungferngäffel und dort, „Wo der Fuchs den Enten predigt", hat ihren brennenden Tannenbaum. Vom Münster läuten die Glocken. „Bim- bam-Glockenfchwang!" Holen die Freude vom Himmel herunter. Auf dem Kleberplatz spielt eine Kapelle. Irgendein wehmütiges Lied. Wie müde Blätter fallen die Noten in den winterkalten Abend. In den Gasthöfen und kleinen, berühmten Weinkneipen — „Zum Hühnerloch" — „Zum blauen Kaspar" — „Zum Lohkäs" — sie heißen Gottlob immer noch so! — hat man sich zum Fest gerichtet. In allen einheimischen Blättern laben bie Wirte in großen, lotfenben Inseraten zum Besuch ihrer „gfitzti Säälele" ein. Mit betn Wort „gfitzt" hat der Elsässer alles zum Ausdruck gebracht, was schön, schick, gemütlich ist; kein noch so eifriger Nationalist könnte dafür eine französische Uedersetzung finden. Sogar und ausgerechnet das Restaurant Oiseau de France verspricht — oh, Tragikomik der Geschichte! — seinen Gästen „« gfitztes Wynnele, e güeti elsässische Bürjerskich und beschte Fritüre!" Im Pflanzbad, an den Ufern der schäumenden Jll, wo einst die Gerber ihre Felle lohten und zum Trocknen in durchbrochenen, rings um den obersten Stockwerk laufenden Holzgalerien aufhängten, gibt es nach alter Hebet» lieferung die „sinschte Matelote", köstliche Gerichte aus zusammengekochten Süßwasserfischen. Den echten Bllrespeck und in Brotteig gebackenen „Bürejambon" muß der eingesessene Steckelburjer vor den Toren der Stadt in einem Dorfgasthaus verzehren. Und wenn er noch ein Dutzend in Schmalz gebackener „Kiachla" vertilgt hat „het er g’effe", und diese genießerische Freude kann ihm keine Politik der Welt rauben! Oer Schlund. Roman von Alfted Bock. (Schluß.) Der Frühling ging hin, der Sommer kam mit beißen, trocknen Tagen. Die kleinen Mühlen in der Provinz hatten sich zusammengeschlossen, der übermächtigen Konkurrenz der Großmühlen zu begegnen. Die Gründung einer Genossenschaft wurde geplant. Der Neumüller nahm mit Ernst und Heberlegung an der vielversprechenden Bewegung teil. Er besuchte die Versammlungen in der Stadt. Bei solcher Gelegenheit war's, daß er vor feinen Berufsgenossen bas Wort ergriff. Mitten in feiner Rebe begann er plötzlich zu lallen, fein Gesicht verzerrte sich, und et stürzte zu Boden. Die Nächstsitzenden sprangen bei. Ein Arzt ward gerufen. Ehe der kam, hatte der Tod dem Neumüller die Augen geschlossen. Sogleich ward die Versammlung aufgehoben. Zwei Männer übernahmen es, der Müllersfrau die Trauerbotschaft zu überbringen. Eine Zeitlang schien's, als ob die Wecklersanna von der Last ihres Unglücks überwältigt würde. Schlaflos brachte sie die Nächte zu. Ihr müder Blick glitt teilnahmslos über Menschen und Singe hin. Kaum, daß sie sich entschließen konnte, das Allerdringendste zu tun. Die sie mit nichtssagenden Worten trösten wollten, wehrte sie ab. Der Emsigkeit ihrer Dienstleute dankte fie’s, daß der Betrieb der Mühle keine Unterbrechung erfuhr. Allmählich aber lichtete sich die Wolke, die über der jäh Verwitweten hing. Ihr Schicksal bös aufrasfen, die Zeit verunnutzen, hieß das nicht, sich bas Pfund zum Zentner machen? Worum ging es denn? Nicht, daß sie während an ihr Unglück dachte, sondern daß sie auf dem Platz, dahin sie gestellt war, ihre Schuldigkeit tat. Und trug sie nicht ein Kind unterm Herzen? Wie wollte sie dem die Muttertreue halten, wenn sie die Herrschaft nicht über sich gewann? So ermannte sie sich. Die Perftnsterung wich. Ruhe und Festigkeit kehrten zu ihr zurück. Sie nahm das Geschäft in die Hand, mühte sich nicht umsonst, |a sie sah ihre Erwartungen übertroffen, ohne daß ihr Grundsatz, sich ehrlich zu nähren, erschüttert ward. Sm November verkündete ein Maurer aus Mainzlar, der auf der Neumühle das Auszugshäuschen instand zu setzen hatte, im Preußischen sei Revolution ausgebrochen, alles gehe drunter und drüber. Die Meldung rief im Dorf zunächst keine besondere Erregung hervor. „Kiel und SSeriin" hieß es, „sind weit vom Schuß!" Als aber die Alarmnachrichten sich überstürzten, wurde das Kehr-mich-an-nichts der dicken Bauern auf eine harte Probe gestellt. Im Gasthaus „Zur Stadt Marburg" hielt Krepanski, der Schieß- budenmann, eine flammende Rede. „Wir lagen an Ketten. Wir haben sie zerrissen. Wir sind frei! Wir wollen das Volk lebendig machen. Wir müssen hart wie Stein sein, daß wir net mehr in die alte Knechtschaft fallen. Hoch der freie Volksstaat Hessen!" Vor dem Backhaus standen dicke und mittelschlägige Bauern in Gruppen. Sie hatten die Köpfe erhoben, ihre Stimmen schwirrten laut durcheinander. „Wann sie in der Stadt auch unter sich rumoren, wen suggeln sie aus? Uns Bauersleut." „Paßt emal acht, die blasen und behalten das Mehl im Maul!" „Schlimmer wie schlimm kann's net werden. Aber wann die Lauf' in Grind kommen, tun sie wühlen." „Sie wollen den Fürsten die Jahrgelder nehmen und dademit die Kriegskosten bezahlen." „Wann's wahr ist, daß sie den Standesherren die Grundstücke versteigern, müssen wir das Prä bebet haben. Wir lassen keinen Aus- fändigen dran!" „No, und wann sie uns' Aecker teilen?" „Muhkalb, die kochen auch mit Wasser." „Ich will von dem Bettelpack hüben und drüben nix wissen!" „Ich geh bei die Sozze, weil ich bene Hunbsfötter vom Kommunal- verbanb emal auf ben Kamm steigen will." „Wann sie uns bas Geld abschätzen, die Aecker können sie uns net nehmen." „Das mein ich auch. Zuletzt machen wir die Winterbirnen ab." „Wie sie's anstellen, ist's nix nutz." „Ihr ballatscht als von eitern Lappali. Daß das Mordgeschäft nu aufhören soll, dadevon schwätzt ihr kein Wort!" „Du Spritzer hast leicht maulfertig sein. Du hast deine Schulden ab- bezahlt!" „Was ist dann mit der ganzen Revolution? Klauenseuch' tut uns mehr ausmachen!" „'s muß anderster werden, das ist klar. Wer hat dann die Beamten erhalten? Wir!" „'s mag brennen und toben, die Beamten haben ihre gemütliche Arbeit und machen sich die Kleider net schmutzig. Das geht von unten bis oben herauf" „Ich will den Fall annehmen, wir hätten den Krieg gewonnen. Wie war's dann da? Wir hätten vor jedem Polizist ftillftehen müssen. Etz sollen die dran glauben, die uns hereingelackt haben!" „Groß Getrommel und steckt nix dahinter. Wir Bauersleut müssen nach wie vor die Faulenzer versollerieren!" „Ich hab Sorg', daß wir russische Zuständ kriegen. Der Feind kommt ins Land. Unser Herrgott hält über uns Gericht. Die Kirch ist leer. Die Menschen Haden ihren Glauben verloren!" Suppes; der Schuster, der eben aus der Stadt zurückgekommen war, gesellte sich hinzu. Man merkte, er hatte sich die Nase begossen, „Ihr hätt' nur die Menschen kreischen hören sollen", rief er rülpsend. „Da war einer, der tat bet Sonn und Mond schwören, jeder kann künstig essen und trinken, soviel als er bei sich packt. Und die Kinder kriegen ihr Branntweinbrotchen von Obrigkeits wegen. Und im Brachmonat soll das Korn so hoch stehn, daß sich ein Esel brüt versteckeln kann. Unb ihr sollt goldene Mistgabeln kriegen. Gelle, da reiht ihr die Gurgeln auf! Und von Berlin ist eine Depesch' kommen. Dabenach wirb alles geteilt. Man muß aber die Augen offen halten, sonst wirb man übers Ohr gehauen. Euch Spitzbuben brennt alleweil schon der Hut!" Einer gab dem Schuster einen Stoß, daß er der Länge nach hinplumpste „Saufeul, ich schmier dir das Maul mit Dreck!" Der Suppes stellte sich mühsam wieder auf die Beine und torkelte fluchend fort. Die Männer, mit roten Köpfen und hochgezogenen Schultern, verhandelten weiter. Erst als die Nacht hereinbrach, gingen sie auseinander. 13. Das deutsche Kriegsvolk flutete zurück. Ein Heidenspektakel übertäubte Stadt unb Lanb. In ben Dorfgassen war ein Kreischen und Knallen, ein Gäulsgetrappel und Wiehern, daß den Bauern bie Ohren gellten und das Vieh in ben Ställen unruhig warb. „So stell ich mir in ber Höll ben Jahrmarkt vor!" rief ber Mal- theis Fink seinem Nachbar, bent Melchior Velten, zu. Der gab zurück: „Man mutz etzt achtpassen, sonst tritt man bem Deubel hier unten schon auf den Kopf!" Eine Einquartierung folgte ber andern. Dem Sandhannes feine Frau mutete einem bayerischen Unteroffizier zu, im Kuhstall zu schlafen. Das wies ber Mann mit Entrüstung zurück. Die Eulerskett beherbergte ihn unb bewirtete ihn mit guter Kost. Die am meisten zusamrnen- gewuchert hatten, gaben ben Solbaten bie schlechtesten Quartiere. Feldgraue, bie bei bieten Bauern untergebracht waren, bettelten in ber Nachbarschaft Brot. Auf einer Haltestelle ber nahen Eisenbahn warb ein Militärzug mit Lebensrnitteln ausgeraubt. Soldaten halfen dabei. Plünderer, die sich bestialisch betrunken hatten, lagen in ben Ackerfurchen wie Leichen. Auch ber Speckmichel, ber in seinem Fahrwasser war, hatte Heeresgut erbeutet, wollte es nächtens in Sicherheit dringen. Sein Sohn, ber Lipps, faßte ihn ab. Der Vater stand seinem Fleisch und Blut gegenüber, haßerfüllt, lauernd, die Finger wie zum Kampf gekrallt Der Lipps packte den Alten mit eisernem Griff, zwang ihn, die gestohlenen Mäntel fahren zu lassen, und lieferte sie der Behörde ab. Die Soldaten hatten Musik mitgebracht. In allen Wirtshäusern wurde getanzt. Die Mädchen waren außer Rand und Band. Den ledigen Burschen fielen die besten Quartiere zu. Allenthalben sah man Pärchen, die sich eng aneinanderschmiegten. Die Trommershäusern am Vach hatte ihre Tochter, die Marielies, abends eingesperrt. Die Inhaftierte sprang zum Fenster heraus und rief ihrer entsetzten Mutter zu: „Vier Jahr chatt' ich mit keinem Bursch net zu tun, bin schier zwatzelig worden. Alleweil sind sie wieder da. Ich will auch mein Vergnügen haben!" Hui! war sie fort. Früh um sechs kam sie arg verstruwwelt heim. Auf ben Höfen ging scheinbar alles ben gewohnten Gang. Im stillen hatten bie bieten Bauern bereits ihren Plan gemacht. Dauerten die Zwangsgesetze fort, gingen sie zur Weidewirtschaft über und zogen nur soviel Frucht, wie sie für ihre Lebsucht brauchten. Jetzt war goldene Solberknochenwinterzett, unb bie Kuchenesser sparten bas Brot. Inmitten bes geräuschvollen Treibens, das auch die Mühle erfüllte, wurde die Wecklersanna von einem Bübchen entbunden. „'s ist ein dick' Mobbelchen", rief die Hebamme, „unb feinem Vater aus bem Gesicht geschnitten!" Die Kinbbetterin fühlte sich so kräftig, bah sie nach sieden Tagen aufstehn burfte. Die Bekannten erschienen, ihre Glückwünsche barzu- bringen unb bas Psannstielchen zu begucken. Meister Möckel legte ein Gesangbuch auf bie Wiege unb sprach: „Sein heiliger Engel sei mit bir, baß ber böse Feinb keine Macht an bir finbef" Die Eulerskett bot sich zur Patenschaft an unb warf ein Geldstück in das Babewännchen. Am Taustag richtete bie Wecklersanna für ben Schmieb unb ihre alte Hauswirtin ein bescheidenes Essen. Die Artillerie, die fast drei Wochen im Dorf gelegen hatte, war eben abgezogen. Infanteristen belegten bie Quartiere. Auf bem Mühlhof hatte ein Solbat mit einem Kameraden Streit bekommen und hielt ihm bie Faust unter bie Nase. „Satansknochen", hallte es herauf, „ich schlag bir ins Kreuz, baß bu bas Unglück kriegst!" „Das ist die Taufmusik", sprach ber Schmieb und legte bie Stirn in finstre Falten. „Man darf sich net wundern, daß die Menschen so roh geworden sind. Sie haben's draußen net besser vor sich gesehn. Und haben Würmer im Gewissen!" „Sie Artilleristen, die ich letzt im Quartier halt'", sagte die Wecklersanna, „das waren feine Leut. Was sie von Lebensmittel bei sich hatten, haben sie mit uns geteilt. Und waren friedfertig und verträglich." Ser Schmieb nahm bebächtig einen Schluck Apfelwein. „Da hast bu Glück gehabt. Ich halt' ein' Sergeant. Der kam nachts kanonenvoll heim unb Hal seine Club verramischierl, baß nix heil geblieben ist. Meinem Bebunk nach roirb's net ehnber besser, bis bie Franzosen Orbnung schaffen." Die Eulerskett richtete sich auf. „Das möchl ich net erleben, Möckel. 's ist net auf bich gerietst', wann ich's sag. Die Drücker unb bie Reklamierten maulieren be mehrst unb reißen alles grausam herunter. Die sinb bas Totschießen net wert, bie muß man verachten!" „Eins tut’s mehr wie bas anbre spüren", erhob bie Wecklersanna ihre Stimme, „aber bas Unglück geht uns all' über die Haut. Man soll's mit Händ' und Füß' anpacken, net mit dem Maul." Sem Schmied sanken die Mundwinkel herab. „Net, daß ich bas Letzte ins Grasluch binben möchl, aber ich laß mit net weiß für schwarz vormachen. Wann eins wider mich spricht: .Himmel und Erd sind gegen uns. Wer soll uns helfen?' Sann sag ich: .Hat unser Herrgott die Menschen geheißen, krumme Furchen zu ziehen unb sich wie bie Wölf zu zerfressen?' Das tun sie aus sich selbst heraus. Alleweil ist unser Herrgott bebet unb fegt bie Well mit bem großen Besen aus. Was he vorhat, gehl über mein' Verflanb. Ich seh kein Licht in ber Finsternis leuchten. Daß wir in bem Unglück stecken, ist unferm Herrgott seine Gerechtigkeit!" , Meister Möckel leerte fein Glas, klopfte seine Pfeife aus unb ging. Auch bie Eulerskett entfernte sich. Dfe Wecklersanna nahm ihr Bübchen aus ber Wiege unb legte es an bie Brust. Sann trat sie ans offene Fenster. Ein erquickliches Lüftchen wehte herein. Rings auf ben Gewannen, die der Purpur des finkenden Tages überglühte, waren bie Alten verschwunben, die Jungen, noch im Sol- datenrock, führten wieder den Pflug. Das Zackern kostete Schweiß. Sie plackten sich gern. Heimaterde! Was konnte besser sein? Und wie sie schürzten! Das halle Saft und Kraft! Sie waren mit dem Boden verkoppelt. Niemand schleppte den Grund ihnen fort. An den Jungen rankte bie Hoffnung hinauf. HÜ! Har! Hott!" scholl es von ben Gewannen. Wie man den Acker bebaute, fo trug er Frucht. Der Pflug war's, der bie Well er- hielt Frei sollte ber Bauer auf seiner Scholle fein, sollte bem Ganzen dienen. Was gebot bie Stunde? Warten lernen. Der Meister Meckel sah zu schwarz. Ging's tief hinein, ging's auch tief heraus. Einmal lief sich das Unglück bie Beine müb. Wenn eins sie fragte: „Wer soll uns helfen?" würbe sie sprechen: „Wir müssen uns selber helfen. Müssen treu unb stark sein. Mussen schanzen unb schaffen!" . . _______________________ Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühl'fche Univerfitäts^Buch- unb «Steinbruderei, R. Lange, (Sieben.