SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Montag, den |5. September Hummer Am Schraubstock. Von Max E y t f). Backen aus Eisen, Packt, bis ihr brecht! Zähne, die beißen, Halten nicht schlecht. Härte den Meißel, Halte ihn scharf, Schleife ihn öfter. Als er's bedarf. Fasse den Hammer Am Ende des Stiels, Freu dich am Takte Des klingenden Spiels. Drücke drauf! 's ist um die Feile nicht schad'. Was du auch tun magst, Feile gerat)! — Hart ist das Eisen, Härter der Stahl,_ Am härtsten di« Stunden Gar manches Mal. Tropft von der Stirne Schwarz dir der »schweiß. Wird es dem Hammer, Der Feile zu heiß. Kannst du nicht biegen Stahl oder Guß, Will dir nicht brechen, Was brechen muß, Bist du nur selber Nicht daran schuld: Wahre dir, wahre Mut und Geduld! Dunkle Blätter. Aus dem Taschenbuch eines deulschen Ingenieure. Von Max E y t h. Die folgenden Kapitel bilden einen selbständigen, in sich geschlossenen Abschnitt des bei der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin, erschienenen Buches „Hinter Pflug u n d S ch r a u b st o ck", das neben dem „Schneider von Ulm" den schwäbischen Dichter-Ingenieur Max Eyth vor allem bekannt gemacht hat. Das Jagdschloß. Dunkle Blätter aus den alten Zeiten des Papyrus wie aus den neuen des Papiers gibt es genug in diesem sonnigen Lande, doch liegen sie nicht am Wege der Herdenreisenden von Stangen und Cook. Im grellen Licht, das selbst die Wüste ausstrahlt, gehen die meisten achtlos au ihnen vorüber. Natürlich! Man kommt nicht nach Aegypten, um dunkle Blätter zu betrachten. So muß ich wohl ausführlich erzählen, wie $ dazu kam, eines der dunkelsten so nahe zu streifen, daß es mir auf «'ochen den ägyptischen Sonnenschein verleidete. Die überaus sach- und landeskundigen Herdenreisenden würden mir sonst kaum glauben. Sie hatten nichts dergleichen bemerkt. Es war alles so hell, so klar, so durchsichtig unter dem blauleuchtenden Himmel, di« Fellachin, ein mit dem Wenigsten zufriedenes, lärinendes, malerisch zerlumptes Völkchen, und die Paschas so komisch! wenn sie auch nicht immer ganz so gesittet und liebenswürdig sein mochten wie wir selbst, sobald mir auf Reisen sind. Das wenigstens war der Eindruck, den die Mehrzahl der eingeborenen oberen zehn Zehner von Alexandrien und Kairo gegen die Mitte der iochziger Jahre auf uns machte. . Das Schicksal gestattete mir jedoch nicht, meine Beobachtungen auf di« Merweltsstraß« der hereinbrechenden Touristenflut zu beschränken. Ich l*Qt eines Tages, zum Beispiel, in einem Brunnenschacht zu Terranis bei Damiette, den Kopf und ein ängstlich flackerndes Oellämpchen in dem Agen Dentilkasten einer hundertachtzigpferdigen Dampfpumps alten Schlages, die sich seit einigen Tagen hartnäckig geweigert hatte, die umfegenden Reisfelder mit dem nötigen Trinkwasser zu versorgen. Es war 2 «Mr turmhohen Wasserhebemaschinen, wie sie in Bergwerken üblich l no und von englischen Ingenieuren und Agenten zum Beginn der landwirtschaftlichen Entwicklung neuen Stils gut genug für Aegypten gehalten wurden. Das drei Zentner schwere messingen« Säugventil, einer großen Glocke ähnlich, hing provisorisch an einer Kette, welche kunstvoll in einen Baststrick überging, der über eine Seilscheibe am Dach des Ma- fchinenhauses lief. Am andern Ende des Seiles hingen fünf Fellachin und gaben sich den Anschein, ein« qualvoll schwere Last emporzuziehen. Auf dem Zylinderdeckel, zwei Stockwerke über mir, saß mit gekreuzten Beinen, behaglich wie ein Pascha der alten Schule, mein Dragoman Abu-Sa und übersetzte brüllend die englischen Kommandoworte, di« aus der dunkeln Tiefe zu ihm heraufdrangen, in verständliches Fellaharabisch, worauf die fünf Mann lebenden Gegengewichts nicht ohne häufige Anrufung Allahs und feines Propheten den Strick anzogen oder nachließen. Ich atmete erleichtert auf, trotz der scheinbar unerquicklichen Umgebung von Nilschlamm, triefendem Wasser und ägyptischer Finsternis, in der ich wie ein Molch herumkroch. Die Ursache des Jammers, der mich Hals über Kopf von Kairo hierher, nach der nördlichsten Besitzung Halim Paschas, gesprengt hatte — damals eine Reise von zwei Tagen trotz aller Beförderungsmittel, die mir zur Verfügung standen —, war endlich nach mehrtägigem Suchen gefunden. Ein großer Fisch hatte ein Loch int Saugkorb der Rohrleitung benutzt und sich in feiner Neugierde bis zum ersten Ventil der Pumpe durchgearbeitet. Dort war er zwischen Ventil und Vertilführung mit abgeschnittenem Kopf und auch sonst lebensgefährlich verletzt stecken geblieben. Nach dieser Heldentat, die das Ventil an dem unberufenen Eindringling verübt hatte, weigerte es sich, seins gewöhnliche Alltagsarbeit weiter zu verrichten, so daß die große Pumpe stöhnend und ächzend, pustend und gurgelnd seit fünf Tagen aufgehört hatte, Wasser zu geben. Manchmal, je nachdem der tote Fisch sich in dem Ventilkasten drehte, stieg plötzlich das Wasser im Druckrohr mächtig und hoffnungsvoll empor; dann aber, mit einem alles erschütternden Knall in den untersten Tiefen des Schachtes, lief das kostbare Naß zischend und sprudelnd wieder davon. Es ist nicht immer ganz einfach, derartige faule Fische in dem Riesenleib einer Dampfpumpe sofort zu entdecken, namentlich ehe man weiß, ob sie überhaupt vorhanden sind. Deshalb war ich nach meiner Entdeckung in der heften Stimmung. Die Reisernte von Terranis brauchte nicht verloren zu fein. Es handelte sich jetzt bloß darum, den kopflosen Fisch aus dem Ventil herauszubekommen und ihn, soweit die Fellachin damit zu tun hatten, zu verspeisen. War dies geschehen, so mußte di« Pumpe wieder ihre viereinhalb Tonnen Wasser in der Sekunde speien wie zuvor. Ich beleuchtet« das Ungetüm von allen Seiten. Es stak fest zwischen Ventil und Bentilführung und sah mit seinen zerfetzten Flossen kläglich, säst mitieiderregend aus. „Das kann schließlich jedem passieren!" dachte ich, mit dem Kopf unter der hängenden Glocke, „zum Beispiel auch mir, wenn Abu-Sa ein falsches Kommando gibt und die drei Zentner Messing auf mich herunterkämen." Ich getraute mir deshalb nicht einmal „Festhalten!" hinaufzuschreien. Wie leicht konnte das Wort mißverstanden oder falsch übersetzt werden; und dann wäre der Fisch nicht schlimmer daran gewesen als ich und die wertvolle Reisernte sicherlich verdurstet. Und wirklich: oben schien plötzlich eine große Bewegung auszubrechen: rasche Tritt«, einzelne Ruse, verwirrtes Schreien. Der tote Fisch begann zu zittern, und das Ventil tat einen Ruck. Ich bin nie aus einem Ventil- taften so schnell herausgekommen wie damals. Sobald ich aber bemerkte, daß all meine Gliedmaßen noch aneinander hingen und mir nichts fehlte, bemächtigt« fick meiner ein heiliger Zorn, der wohl jeden erfaßt, dem aus Versehen der Kopf abgeschnitten zu werden drohte. Das Gefühl der Dankbarkeit gegen «ine gütige Vorsehung verslüchtet sich in solch kritischen Augenblicken vielleicht allzu rasch. Ich flog die Leiter hinaus, um mich auszusprechen. Dazu kam es allerdings nicht. Man wird innerlich ruhiger, wenn man an einer senkrechten Leiter von fünfundzwanzig Sprossen sehr rasch emporklettert. Und bann sah ich sofort, daß sich etwas Außerordentliches ereignet haben muhte. Abu-Sa hatte feinen beherrschenden Sitz auf dem Zylinderdeckel verlassen. Nur noch zwei der Fellachin hingen gewissenhaft, aber jammernd an dem Strick, jeden Augenblick gewärtig, von dem schwebenden Ventil in die Lust gehoben zu werden. Die andern drei hatten sich in harmloser Neugier zu der Gruppe gesellt, die in der Mitte des Maschinenhauses den aufgeregt keuchenden Nasir — den Gutsverwalter — von Terranis, den majestätischen Scheck) «l Beled — den Dorfschulzen —, und einen Mamelucken Halim Paschas* umgab, dessen dampfendes Pferd zwischen den Eseln der beiden Würdenträger vor dec Türe stand. Achmed «( Soyer, „der kleine Achmed", ein mir wohlbekannter Sein» biener Halims, ber in Schubra für bie Tschibuks seines Herrn verantwortlich war, schien etwas erstaunt, benn er hatte mich noch nie in einem Ueberjug von Nilschlamm gesehen, wie ich ihn aus bem Schacht heraufbrachte. 'Doch zog er sofort ein kleines Billett aus der Brusttasche seines * Halim Pascha, Onkel bes damaligen Vizekönigs. Stambukrockes** und überreichte es mir mit der Feierlichkeit, zu der ihn ein Ritt von zwölf Stunden berechtigte. Es wnr ein Briefchen m den mir bereits wohlbekannten Krähenfüßen des Paschas, der sich auf einer Jagdrundreise befand und gestern in Kassr-Schech, fünsundsiebzig Kilometer westlich von Terranis, angekommen war. Er schrieb: , Haben Sie die Güte, mit dem Mamelucken Achmed hierher zu kommen. Der Nasir von Terranis hat Befehl, Ihnen Pferde zu geben. Ich habe auf dem Schutthügel der altgriechischen Stadt Sackra bei Kassr-Schech einen wundervollen Platz für mein gußeisernes Jagdschloß gefunden. Vor meiner Abreise von hier möchte ich mit Ihnen die Grundmauern des Gebäudes festlegen, auch andres besprechen. Bitte ohne Verzug zu kommen. Halim." . Kein Wunder, daß die Bevölkerung des Bezirks tn einiger Aufregung war und von allen Seiten herbeiströmte. Schon waren die Fenster des Maschinenhauses mit Zuschauern besetzt, die still, aber mit weitaufgerissenen Augen die Nasen gegen die Scheiben druckten, wo diese noch nicht zerbrochen waren. Ein so unmittelbarer Befehl Effendinis war in Terranis nichts Alltägliches. Da mußte man mindestens wissen, um was es sich eigentlich handle. Zwanzig Hände fütterten und tränkten das Pferd des Mamelucken, Jusef den Chalil, der wackere Maschinenwärter der verunglückten Pumpe, kochte unter seinem Dampfkessel eiligst Kaffee, und Nasir und Schech el Beled wetteiferten in guten Ratschlägen, wie ich am besten und schnellstens nach Kassr-Schech kommen könne. Das war nun der dritte wundervolle Platz, den mein derzeitiger Herr und Gebieter für sein eisernes Jagdschloß gefunden hatte. Ungefähr vor Jahresfrist wurde ein junger französischer Giehereibesitzer durch ein Brustleiden nach Aegypten geführt. Dieser Herr benutzte eine frühere, oberflächliche Berührung mit dem ägyptischen Prinzen in der Ecole Centrale zu Paris zu, dem künftigen Vizekönig seine Aufwartung zu machen. Halim erinnerte sich seiner kurzen Pariser Studentenzeit immer gerne, und seine Bekannten, auch die entferntesten, aus jenen Tagen waren eines gastfreundlichen Empsangs sicher. So kam es, daß nach einem heiteren Frühstück ä la frangaise in den Gärten zu Schubra, bei dem die Gebote des Korans nicht buchstäblich gehalten worden waren, der Gießereibesitzer Seine Hoheit von der Notwendigkeit eines gußeisernen Jagdschlosses überzeugt hatte, das nach einer kunstvoll aquarellierten Zeichnung in der Tat recht hübsch aussah und, versicherte der Brustkranke, für tropische Ameisen — die es in Aegypten nicht gibt — völlig unzerstörbar war. Zuerst, als das Gebäude nach acht Monaten in drei Nilbooten von Alexandrien heraufgesegelt kam, sollte es in der Nähe von Heliopolis aufgestellt werden und als Ausgangspunkt der in der dortigen Gegend häufig veranstalteten Gazellenjagden dienen. Doch noch ehe ich mit dem Ausladen der Nilboote bei Schubra beginnen konnte, hatte Halim den zweiten wundervollen Platz am andern Ufer, zehn Stunden flußabwärts bei Thalia, gefunden. Die Feluken wendeten deshalb ihre Schnäbel wieder nach Norden, woher sie gekommen waren, und die zahllosen Säulen und Konsolen, Blechwände und Zinkdachplatten lagen seit einigen Wochen in halbzerbrochenen Riesenkisten unterhalb Kaliubs am Nilufer im Sand und warteten auf mich und ihre Zusammensetzung. Nun also schien der dritte wundervolle Platz am entgegengesetzten Ende des Deltas entdeckt worden zu sein, so daß das Jagdschloß einer abermaligen und, wie ich mit Besorgnis überlegte, diesmal sehr schwierigen Wanderung entgegensah. Doch war ich zum Glück schon ein wenig daran gewöhnt, technische Aufgaben im Stil von Tausendundeine Nacht zu behandeln, und ließ mich nicht mehr so schnell verblüffen. Das französische Billett des Paschas, welches der gelehrte Schreiber des Dorfschulzen mit hoffnungslosem Kopfschütteln betrachtete und auf das ich von Zeit zu Zeit mit drohendem Finger hinwies, versetzte männig- lich in fieberhafte Tätigkeit. Selbst mein fetter, schläsriger Abu-Sa, dem der zeitweise Abschied von der behaglichen Dahabia, dem Nilboot, in dem wir in Terranis hausten, besonders sauer fiel, lieh sich durch wenige ermunternde Rippenstöße zu ungewohntem Uebersetzungseifer aufstacheln. In einer Stunde waren zwei Pferde, zwei Kamele und ein Esel zur Stelle. Mit angstvoller Miene fragte jetzt der Nasir, seiner Reisfelder gedenkend, was ums Himmels willen aus der Pumpe werden solle. Der Maschinist Jusef, ein herzensguter Kerl, der sich zu jeder Arbeit willig zeigte, die er auf morgen verschieben konnte, schlug zuerst vor, zu warten, bis ich wieder zurückgekommen sei. Dagegen protestierte der Nasir mit allen Zeichen leidenschaftlicher Empörung, so daß der eingeschüchterte Mechanikus die Hoffnung durchblicken ließ, den Fisch mit Gottes Hilfe selbst schon morgen herauszuziehen. Ich erklärte ihm, so gut es ging, wie er sich dabei zu verhalten habe, wie er den Ventilsitz und die Führung des Ventils säuberlich reinigen und den Ventilkastendeckel wieder anschrauben müsse, und empfahl der ganzen Gesellschaft schließlich große Vorsicht. Diese versprachen sie alle laut und einmütig, und ich glaubte, soweit ich meine Leute kannte, nie weniger Grund gehabt zu haben, an einem Versprechen zu zweifeln. Ob sie überhaupt den Versuch machen würden, das Ventil von den störenden Fischgräten und -schuppen zu befreien, war eine ganz andre Frage. In einer weiteren Stunde hatte ich meine Kleider gewechselt, einen Koffer gepackt, mein Bett samt einer eisernen Bettstätte auf den Rücken des einen Kamels geladen, Abu-Sas und meines Kochs wunderliches Reisegepäck auf dem Rücken des zweiten festbinden sehen und ein halbes Dutzend Eier gefrühstückt. Dann setzte die Karawane in einem bedenklich bresthaften Kahn unter vielem Geschrei der Leute und heftigem Widerstand der Kamele glücklich über den Nil. Am andern Ufer erst machte man sich eigentlich reisefertig: ich und Achmed el Soyer zu Pferd, der Koch au: dem Küchen- und Gepäckskamel in fröhlichster Stimmung die Situation beherrschend, Abu-Sa in meinem Namen, wenn auch ohne Auftrag, jedermann beschimpfend, auf dem Kreuz des Esels, wie und wo der eingeborene Aegypter zu fitzen pflegt. Der allzu rasche Aufbruch hatte ihn tief verstimmt; in dieser Weise konnte man unmöglich weiterleben! Zwei ** Der Stambulrock ist ein einfacher Gehrock aus leichter schwarzer Seide, mit einreihigen Knöpfen; in Aegypten das übliche Kleidungsstück von Beamten und höheren Dienern, die keine Militäruniform tragen. Kamelstreiber und ein Sais liefen nebenher und versuchten von Zeit zu Zeit mit Hilfe eines hinten zufällig herabhängenden Stricks das zweite Kamel und mein Bett zu besteigen, was jedoch Abu-Sa mit gebührender Entrüstung und unerwartetem Schicklichkeitsgefühl zu verhindern wußte. So zogen wir gegen zehn Uhr über die ersten besten Kleestoppeln querfeldein gen Westen, in den glühenden Tag hinein. Es war mir nichts Ungewohntes mehr, eine solche Wanderung durch die grüne Deltaebene mit ihrem stillen Blühen und Sprossen, Reifen und Welken; über die saftig dunkeln Kleefelder, die endlosen Flächen, die der etwas kümmerliche Weizen bedeckt, dyrch die am Horizont zusammenlaufenden Staudenreihen der Baumwolle. Von Zeit zu Zeit unterbricht eine kleine Erhöhung die Einförmigkeit des Bildes. Es sind die Lehmmauern eines Fellahdorfes mit seinen viereckigen, gradlinig abgedachten Häusern, seinem kleinen krummen Minarett, seiner Sykomore oder der spärlichen Palmengruppe und einem halbvertrockneten Teich. Da und dort taucht ein höherer Hügel auf, der in dieser Ebene vom fernen Horizont her ganz gewaltig dreinschaut und die begrabenen Trümmer einer Stadt aus der Zeit der Ptolemäer oder selbst des ältesten Aegyptens andeutet. Bei dem Ritt von Ost nach West, beinahe an der Grenze des bebauten Landes, wo dieses in die brackigen Sumpfflächen des Burlossees und des nahen Meeresufers übergeht, unterbricht den einförmigen Reitpfad nicht selten ein halbvertrockneter Kanal, ein fast versandeter Nilarm. Die Kamele gurgeln grämlich, wenn sie unsicheren Schrittes an der Böschung der zerfallenden Dämme hinabgleiten. „Man sauft nicht schon wieder", scheinen sie ärgerlich zu bemerken, „wenn man kaum vier Stunden lang in der angenehm brennenden Sonne spazieren gegangen ist." Die Pferde, bis an den Bauch in dem lauen, gelbbraunen Wasser versinkend, machen dagegen trotz des heftigen Widerstandes ihrer Reiter Versuche, ein gründlicheres Bad zu nehmen, während der sich verzweifelnd sträubende Esel von Abu-Sa hinten ins Wasser geschoben werden muh, sich dann aber plötzlich, laut schreiend vor Freude über das köstliche Naß, auf den Rücken legt und alle vier Beine dankbar gen Himmel streckt. All das gibt eine willkommene Veranlassung zu einer kurzen Rast im Schatten der einsamen Sykomore, welche die Furt bezeichnet, oder bei der kleinen Grabmoschee eines Dorfheiligen, die der stillen, unabsehbaren Fläche einen hübschen Vordergrund verschafft. Und dann geht es wieder weiter; Kleefelder, Weizenfelder, Baumwollfelder ohne End«. Ein solcher Ritt, wenn er auch nur zehn Stunden währt, gibt Zeit, an mancherlei zu denken; zum Beispiel an die Frage, wo man herkomme und wo man hingehe. Ich war nun zwei Jahre in Aegypten und hatte begonnen, mich in Land und Leute einzuleben. Die erste neugierige Freude des Daseins hatte sich gelegt und auch vieles Unangenehme seinen Stachel verloren. Selbst die Moskitos fingen an, mich als Landsmann zu betrachten und nach ihrer Art etwas milder zu behandeln. Mein Arbeitsfeld als Ingenieur Halim Paschas hatte sich ausgedehnt, wie ich es kaum für möglich gehalten hätte. Der während der letzten Jahre ungemein ergiebige Baumwollbau hatte mächtig dazu beigetragen, die ausgedehnten Landstrecken, die Halim als jüngster Sohn Mohammed Alis geerbt hatte, in einer bisher ungekannten Weise unter Kultur zu bringen. Der erste ägyptische Dampfpflug, den ich infolge einer glücklichen Vereinigung von Umständen vor dem Untergang retten konnte, hatte andre rasch nachgezogen, so daß ich in Schubra eine sörmliche Schule für arabische Damps- pflüger im Gang erhalten mußte. In Terranis, in Thalia, in El Mutana und namentlich in Kassr-Schech dampfte als den altägyptischen Zinken, nie etwas andres kennengelernt hatten als den altägyptischen Zinken, der auch in den Grabkammern von Memphis und Theben zu sehen ist. Dann waren an all diesen Punkten, mit Ausnahme von Kassr-Schech, große Pumpwerke zur Bewässerung der Güter errichtet worden oder im Bau begriffen und gossen zu jeder Jahreszeit Ströme von Wasser über die zum erstenmal tiefgepflügten Felder. Es war ein emsiges, hoffnungsvolles Treiben von einem Ende des Landes zum andern. Doch war es unter der heißen Sonne warme Arbeit, auf dem alten Boden einer neuen Welt zum Aufkeimen zu verhelfen, und manches Pflänzchen ging dabei zugrunde. Ich selbst war manchmal nicht weit davon. (Fortsetzung folgt.) Herbstbeginn. Von Hermann Hesse. Es war ein schöner, glänzender Hochsommer hier im Süden der Alpen, und seit zwei Wochen habe ich jeden Tag eine heimliche Angst um sein Ende gespürt, die ich als Beigabe und geheime stärkste Würze alles Schönen kenne. Vor allem fürchtete ich jedes leiseste Anzeichen eines Gewitters, denn von der Mitte des August an kann jedes Gewitter leicht ausarten, kann tagelang dauern, und dann ist es zu Ende mit dem Sommer, selbst wqpn das Wetter sich wieder erholt. Gerade hier im Süden ist es beinahe die Regel, das dem Hochsommer durch ein solches Gewitter das Genick gebrochen wird, daß er rasch, lodernd und zucken» erlöschen und sterben muh. Dann, wenn die tagelangen wilden Zuckungen eines solchen Gewitters am Himmel vorüber sind, wenn die tausend Blitze, die unendlichen Donnerkonzerte, das wilde rasende Sichergietzen der lauen Regenstöme verrauscht und vergangen sind, blickt eines Morgens oder Nachmittags aus dem verkochenden Gewölk ein kühler, sanfter Himmel, von seligster Farbe, alles voll Herbst, und die Schatten in ne Landschaft sind ein wenig schärfer und schwärzer, haben an Farbe verloren und an Umriß gewonnen, so wie ein Fünfzigjähriger, der gestern noch rüstig und frisch aussah, nach einer Krankheit, nach einem nach einer Enttäuschung plötzlich das Gesicht voll kleiner Fäden und > allen Falten die kleinen Zeichen der Verwitterung sitzen hat. 5urawa ist solch letztes Sommergewitter, und grauenvoll der Todeskampf Sommers, sein wilder Widerwille gegen das Sterbenmüssen, seine schmerzliche Wut, fein Umsichschlagen und Bäumen, das doch alles vergeblich ist und nach einigem Toben hilflos erlöschen muß. Dieses Jahr scheint der Hochsommer nicht jenes wilde, dramaill e Ende zu nehmen (obwohl es noch immer möglich ist), er scheint diesmal o janften [o char »erc u Abend Abendr Las E langsar unendli seinen drei S dichten noch gl am Lek der Hi jveicher jeder $ düng d Abstufu sahrcn und S sinnlich Hebung währen heit be: Landsch rasch 3 empfan anjchwe Wasser bewahr zeit fini schieden zum Fr Rosenrc von Lu liche Sc mers t> wogen und Lei Wie bei der mir die die Wal und Eri mer sich den Jai gegen t Kuhle d Und mi des Leb zärtliche lächelnd schöpft ! des Sie Mancher mancher ist imnu zu inter beginnt beinah r den wir Diese Tr spiele w und bett uns zitü Scho die Berc ncn Töt wieder ; Badenaä ßhen un heimkeh zu irger zerbrach »der flie schen zu ihre $e: sich anst Man, Winter werden, jungen l Humen »och bev °>nst süß gelernt Drauben wond nt -iwd doch eit zu zweite >ebüh- inbern >ppeln durch n und ie der nmen- rbricht Lehm- echten er der 1 und Hori- einer yptens ze des mrlos- unigen indeter tes an t nicht rrt vier langen Wasser Reiter eifelnd muh, - Naß, rft. 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In tausend seinen Wellen macht dieser Kampf sich spürbar, wenn man zwei oder 6rei Stunden nach Sonnenuntergang unterwegs ist. Dann sitzt in jedem dichten Walde, in jedem Gebüsch, in jedem Hohlweg die Tageswärme noch gesammelt und verkrochen, hält sich die ganze Nacht hindurch zäh am Leben, sucht jeden Hohlraum, jeden Windschutz auf. An der Abendseite 6er Hügel sind zu diesen Stunden die Wälder lauter große Wärmespeicher, rundum benagt von der Nachtkühle, und jede Bodensenkung, jeder Bachlauf nicht bloß, nein auch jede Art und Dichtigkeit der Bewaldung drückt sich dem Wandernden genau und unendlich deutlich in den Abstufungen der Wärme aus. Genau so wie ein Skiläufer beim Durchfahren eines Berggeländes die ganze Bildung des Landes, jede Hebung und Senkung, jede Längs- und Seitenrippe der Gebirgsstruktur rein sinnlich in seinen wiegenden Knien spüren kann, so daß er nach einiger Uebung aus diesem Knie-Gefühl das gesamte Bild eines Berghanges während der Abfahrt ablesen kann, so lese ich hier in der tiefen Dunkelheit der mondlosen Nacht aus den zarten Wärmewellen das Bild der Landschaft ab. Ich trete in einen Wald, schon nach drei Schritten von einer rasch zunehmenden Wärmeflut wie von einem sanft glühenden Ofen empfangen, ich finde diese Wärme mit der Dichtigkeit des Waldes anschwellen und abnehmen; jeder leere Bachlauf, der zwar längst kein Wasser mehr, aber doch in der Erde noch einen Rest von Feuchtigkeit bewahrt hat, kündigt sich durch ausstrahlende Kühle an. Zu jeder Jahreszeit sind ja die Temperaturen verschiedener Punkte eines Geländes verschieden, aber nur in diesen Tagen des Uebergangs vom Hochsommer zum Fruhherbst spürt man sie so stark und deutlich. Wie im Winter das Rosenrot der kahlen Berge, wie im Frühling die strotzende Feuchtigkeit von Luft und Pflanzenwuchs, wie beim ersten Sommerbeginn das nächtliche Schwärmen der Glühwürmer, so gehört gegen das Ende des Sommers dies merkwürdige nächtliche Gehen durch die wechselnden Wärmewogen zu den sinnlichen Erlebnissen, die am stärksten auf Stimmung und Lebensgefllhl wirken. Wie doch gestern Nacht, als ich vom Waldkeller nach Hause ging, dort bei der Mündung des Hohlweges gegen den Friedhof von Sant' Abbendie mir die feuchte Kühle der Wiesen und des Seetals entgegenschlug! Wie die Waldwärme zurückblieb und sich scheu unter den Akazien, Kastanien und Erlen verkroch! Wie der Wald sich gegen den Herbst, wie der Sommer sich gegen das Sterbenmüssen wehrte! So wehrt sich der Mensch in den Jahren, wo sein Sommer sinkt, gegen das Welken unb‘ Sterben, gegen die andringende Kühle des Weltraums, gegen die andringende Kühle der Vereinsamung, gegen die zunehmende Kuhle im eigenen Blut. Und mit erneuter Innigkeit gibt er sich den kleinen Spielen und Klängen des Lebens hin, den tausend holden Schönheiten seiner Oberfläche, den zärtlichen Farbenschauern, den huschenden Wolkenschatten, klammert sich lächelnd und angstvoll an das Vergänglichste, sieht seinem Sterben zu, schöpst Angst und schöpft Trost daraus, und lernt schaudernd die Kunst des Sterbenkönnens. Hier liegt die Grenze zwischen Jugend und Alter. Atoncher hat sie schon mit vierzig Jahren oder früher überschritten, mancher spürt sie erst spät in den Fünfzigern oder Sechzigern. Aber es ist immer dasselbe: statt der Lebenskunst beginnt jene andere Kunst uns ju interessieren, statt der Bildung und Verfeinerung unsrer Persönlichkeit beginnt deren Abbau und Auflösung uns zu beschäftigen, und plötzlich, beinah von einem Tag auf den andern, empfinden wir uns alt, empfinden wir die Gedanken, Interessen und Gefühle der Jugend als fremd. Diese Tage des Uebergangs find es, in welchen solche kleine zarte Schauspiele wie das Verglühen und Hinsterben eines Sommers uns ergreifen und bewegen können, uns das Herz mit Staunen und Schaudern erfüllen, uns zittern und lächeln machen. Schon hat auch der Wald das Grün von gestern nicht mehr. Und die Berge haben gegen Abend das Violett, und der Himmel die smaragdenen Töne, die zum Herbst hinüber führen. Was bann? Dann wirb es wieder zu Cnbe sein mit den Abenden in Grotte, und zu Ende mit den aadenachmittagen am See von Agne, und zu Ende mit dem Draußen- hyen und Malen unter den Kastanienbäumen. Wohl dem, der bann eine Uennkehr zu geliebter unb sinnvoller Arbeit, zu geliebten Menschen, zu irgendeiner Heimat hat! Wer das nicht hat, wem diese Illusionen zerbrochen sind, der kriecht alsdann vor der beginnenden Kälte ins Bett "der flieht auf Reifen, und sieht als Wanderer hier und dort den Men- jchen zu, welche Heimat haben, welche Gemeinschaft haben, welche an ij)te Berufe und Tätigkeiten glauben, sieht ihnen zu, wie sie arbeiten, R anstrengen unb mühen. Manche guten Dinge stehen uns noch bevor, ehe es wieder in den -hinter hinein geht. Die bläulichen Trauben werden weich und süß werden die jungen Burschen werden bei der Ernte fingen, und die !, U«n Mädchen in ihren farbigen Kopftüchern werden wie schöne Feld- *™1en im vergilbenden Reblaub stehen. Manche gute Dinge stehen uns "V bevor, unb manches, was uns heute noch bitter erscheint, wirb uns n(*‘ luB munben, wenn wir erst bie Kunst bes Sterbens besser werden » lernt haben. Einstweilen warten wir noch auf das Reifwerben der nrnns en' QUf 6,(15 SaUen ber Kastanien, unb hoffen, ben nächsten Voll- I-J1? "°ch ZU genießen, und werden zwar zusehends alt, sehen aber den 0 Oorv noch recht weit in der Ferne stehen. Wie ein Dichter gesagt hat: Herrlich ist für alte Leute Ofen unb Burgunber rot, Unb zuletzt ein fünfter Tob — Aber später, noch nicht heute! Oie Mestiburschen fangen! kirmessreuden im Elsaß. Von Helene Schede. ,®er --Hous im Schnakeloch", ber ewig unzufriedene, nörgelnde Elsässer, hat endlich „wos er will". Landauf und landab feiert er bis “ef m den September hinein die Feste ber heimatlichen Schutzpatrone, bie Kilbe ober bie Mest, wie man sie bort zu ßanbe nennt. Er ist in verwandelt. Alles Harte unb Unfrohe fällt von ihm ab. Mitsamt ber eigensinnigen, vierkantigen Stirn taucht er in die Freude £>es,/Jugendlicks unter. Nichts anderes vermag ihn mehr zu fesseln. Die wirtschaftlichen Probleme überläßt er dem grünen Tisch, und selbst der brodelnde politische Hexenkessel füllt sich für ihn mit süßem, jungem Zf,em. Die Mesti, die aus dein deutschen Mittelalter stammt, ist im Elsaß das große Volksvergnügen. Kein Krieg, kein Umsturz hat sie zum Wanken gebracht. , kleinen Städte und Dörfer haben sich festlich geschmückt. Girlanden schlingen sich quer über die Straße und von einem Fachwerkhaus zum anbern. Fahnen unb Wimpeln wehen. Kränze hängen zum Willkommen über ben Türen unb traulichen Fenstern. Aus versteckten Gärten leuchten bie Lampions wie bicke, reife Melonen. In ben Gasthäusern buffet es nadj protzelnben „Kiachla", unb ber „Kirwestrauh" aus glutroten Astern über bem Schilb labt zu fröhlichem Verweilen. Vereine mit Musik unb aufgerollten Fahnen ziehen im Gold des Spatsommermorgens durch die friedlichen Ortschaften. Glocken läuten bns Blau vom Himmel herunter. Jung und alt drängt sich auf die Straßen. Unter der Trachtenhaube mit ihren seltsam schwermütigen schwarzen Bändern lachen frische, von der Erntesonne gebräunte Gesichter. Sie bunten Röcke, die schweren, seidenen Schürzen und kostbaren gestickten Mieder leuchten. Kleine Mädchen, die die ganze lange Nacht mit sest- gewickelten „Papillotes" geschlafen haben, tragen stolz ihre Locken, ihre himmelblauen Schleifen unb schön gestärkten weißen Spitzenkleiber. Von nah unb fern, unter Hott unb Hü mit laubgeschmückten Leiterwagen, auf- und abhumpelnden „Calechen", vorsintflutlichen, auf hohen Radern fitzenden Gespannen kommen die Freunde unb Verwanbien zum Kilbensonntag ins Dorf gefahren. Die reichen, angesehenen Bauern laben Zur Mesti, wie zu einer Hochzeit ober Taufe ein. Die alten Kirchen- orbnungen strotzen von Ermahnungen gegen bas „maßlose Fressen und Saufen", das bei diesen Festen immer noch die Hauptsache bildet. Aus mächtigen, mehrere Liter fassenden Staraffen fließen ber Weiße unb ber Rote. In ben verschiebensten Gängen werben bie Lieblingsgerichte ber Bauern aufgetragen: Suppe mit Rindfleisch, Fleischknöpfle in weißer Sauce, schlachtschusseln, Hasenpfeffer und natürlich Kaffee mit Milch und Bergen von-goldbraunen Kiachla und mandelbespicktem Gugelhopf. Am Nachmittag tobt und lärmt auf dem Kilbenplatz eine jubelnd bewegte Jahrmarktswelt. Es find immer noch dieselben perlenglitzernden märchenhaft beleuchteten Karussells, die Schaukeln und Schaubuden aus der eigenen Kindheit. Nichts hat sich geändert. In beruhigender, alle sprachlichen unb politischen Gegensätze freunblich überbrückender Harmonie klingt es wie ehedem: „Wos wünscht sich bie Mobom? Achetez nehme Sie sich's mit!" Ober vor den Zelten mit ben Feuerfressem unb Schlangenbeschwörern: „Olles nin spaziert, ihr hohe Herre; entrez, entrez Messieurs, Mesdames!" Die Kinber belagern bie Zuckerstände. Da locken bie bernsteinfarbenen „Chiques" aus Malzzucker, die in allen Farbtönen schillernden Sirupstangen, die weißgepuderten „Nonettes de Dijon". Daneben prangen in allen Größen die Lebkuchenherzen, weiße, braune, köstlich verzierte, mit Bildern im Biedermeierstil und allerhand Sprüchen und Liebesbeteuerungen. Früher erhielt ber Bürgermeister zur Ehre des Tages einen fein überzuckerten, mit sinnreichen Arabesken geschmückten Riesenlebkuchen, ber nicht selten bie ganze Tischplatte bebeette, unb an dem sich seine vielköpfige Familie tagelang gütlich tun kannte. Heute ist man sparsamer unb praktischer geworben unb begnügt sich bamit, seinem Mäbchen ein süßes, honigbraunes Herz zu schenken. In manchen Gegenben, besonders am Kochersberg, dem gesegneten Landstrich um Brurnath und Hochfelden, leben mit der Mesti allerhand alte Sitten und Gebräuche wieder auf. Zwar hat sich auch dort schon vieles abgeschliffen. Es gibt keine regelrechten Umzüge mehr mit Bändern, Sträußen, Mestisternen am Hut, mit Zinnkaraffen und darüber gestülpten Weingläsern, keine Serenaden vor den Häusern der Honoratioren, die für die Ehrung reichlich Wein und Geld spenden mußten. Die Vortänze um den buntbeflaggten, mit Gaben behangenen Mestibaum, das Stangenklettern am geglätteten, mit Seife eingeschmierten Stamm sind abgeschafft. Aber es geht doch noch lustig genug zu. .Hemdärmelig, mit weißen „Mestisürtücheln" ziehen die Mestiburschen am Spätnachmittag von einem Hof zum andern, trinken, lachen, scherzen, holen sich ihre Maiden, bis die ganze Dorsjugend dem Zuge folgt. Mit Musik geht es zum Festplatz, wo unter dem Laubdach der Bäume ober in einer Scheune ber Tanzboben errichtet worben ist. Der Wirt zapft bie Fässer an. Die Musik beginnt zu spielen unb nun wird getanzt unb getrunken, was ber Beutel hält unb die Beine hergeben. Den Höhepunkt des Abends bringt in manchen Ortschaften noch immer der „Gullertanz", der früher auf jeder Bauernhochzeit getanzt werden mußte. In der Mitte des Tanzbodens hängt von der Decke ein gemästeter, mit vielen flatternden Bändern geschmückter „Guller". Neben dem Hahn ist ein Licht angebracht, durch dessen Wachskörper eine mit einer Bleikugel beschwerte dünne Schnur läuft. Im flackernden Schein dieser Kerze tanzen die Paare. Wie roter Mohn flammen die Röcke der Mädchen, phantastisch schillern die bunten, seidenen Schürzen. Ein Strauß wandert von Hand zu Hand. Immer leidenschaftlicher, reißender wird bie Musik. Ermunternde Zurufe aus bem Zuschauerkreis schwirren burdjeinanber. Schneller unb schneller kreisen bie Paare, bis plötzlich die Kerze erlisdft. Die Flamme hat den Faden erreicht, leise klirrend fällt bie Bleikugel auf ben Holzboden. Wer in diesem Augenblick die Blumen in ber Hand hält, ist „d'r Hahn im Korb". Der Guller gehört ihm. Noblesse oblige. Iah am Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Briihl'sche Universitäts^Buch. und Steindruckerei. X. Lange, @’e&cl1 der den Don Carlos' Großmama. Von Carry Brachvogel. Auf den ersten Blick zwar scheint Isabella von Portugal der Welserin zu gleichen, so wie wir sie aus dem bekannten Tizianportrüt kennen. Eine zierliche Gestalt im schweren Samtkleid, eine langgefingerte beringte Hand, die mit den Gehängseln einer goldenen Halskette spielt, — ein mit steifen Bandschlupfen und Reiherstutz geschmücktes Köpfchen, das bis über die Ohren in der spanischen Halskrause versinkt. Sobald man aber länger und schärfer'zusieht, begreift man, daß die Wesensart der Portugiesin ganz anders beharrend gewesen sein muß als die der Augsburgerin, die ihrs Rubensschönheit unbedenklich zu einem schlanken, nachdenklichen, italienischen Fräulein ummalen ließ. Rassenmüßig mag ja die Königstochter vom Vajo dem Manne aus dem Friaul nähergestanden haben als die Deutsche, aber darum ging es ihnen wohl wie dem Wassermann und der Nixe: sie kannten sich viel zu gut. Jedenfalls so gut, daß die Portugiesin auf der Hut war vor dem genialen Hexenmeister und sich nur zum Schein jene Aehnlichkeit gefallen ließ, die alle Kinder eines künstlerischen Vaters tragen. Ernsthaft und dennoch ein weniK spöttisch scheint sie über Genie, Kaiserkrone und Grüftestaub zu triumphieren mit der lockenden Rätselfrage ihrer angedeuteten Züge ... Ihr Vater war Manuel der Große, der mit Hilfe genialer Entdecker und Eroberer Portugals Stellung als Weltmacht begründete. Als der Vater starb, blieb die junge Isabella mit ihrer Stiefmutter am Hofe des neuen Königs, ihres Bruders. An Freiern dürfte es der Königstochter und -Schwester nicht gefehlt haben, und im Jahre 1525 warb denn auch der glänzendste Junggeselle Europas um sie: Karl V., der das deutsche Kaiserdiadem und den Königsreif Spaniens auf dem Haupte trug. Von Liebe war selbstverständlich beiderseits nicht die Rede, und auch die in späteren Zeiten geliebten höfischen Märchen vor der tiefen „Herzensneigung" und der wahren „Liebesheirat" scheint man sich geschenkt zu haben. In den Berichten, die der kaiserliche Gesandte Herr Poupet de la Chaux, an Karl sendet, ist sehr viel von Mitgift und Vorrechten die Rede/sehr wenig aber von der Braut, die sie geben und tauschen soll. Uebrigens stellt auch der König von Portugal an Schachergeist seinen Mann, und wenn man die Korrespondenz der beiden Höfe in dieser angeblich zarten Angelegenheit liest, muß man gestehen, daß kein berufsmäßiger Heiratsvermittler sie sachlicher gestaltet hätte. Einmal erwähnt es auch heute. Warum auch nicht? „Der Marie ihr Heimführer von Mesti" bringt seine Maid nicht nur nach Haus, sondern oft auch in sichern Hafen der Ehe. Voi Da ich schrieb liebens Als aber id mithürc und br Stoff r nehmen ruhigen sunden ier Wi bezeuge Ear> einsetzen Bildhaf: spezisisck Der war ger Bekannt Begrüß, vffenhei Das Ne Man schon m sichgekeh Hebe Bhotogr Eindruck größeren Echönhe: r otterteil Echtig, Blidersch 'M) kann nun nid; wh, war Uezwei ■"’ostenq «echten, einer Cx unb eine ’onturier «üttertid "rtverwa deren Ai gestalten, Kswgm »ch ZU di In Augsburg bin ich ihr zuerst begegnet, in der Patrizierstadt Lech, aus der ihr Neffe Ferdinand sich den Welserschen Goldfisch Phi- lippine als Gattin in sein fürstliches Haus holte. In der offiziell berühmten, aber in Wirklichkeit viel zu wenig bekannten Galerie blickt sie von Tizians Hand gebannt, aus dem Dämmer der Jahrhunderte auf uns nieder, jung, verschlossen, königinnenhaft, einen Schatten in den dunklen Augen, um Nasenwinkel und Lippen ein leises Spötterbeben, als freue sie's, jedem Beschauer als reizendes Rätsel entgegenzutreten. Reizendstes Rätsel, das je gemalt wurde, ist diese schöne, kinderschlanke Frau — eines Königs Tochter, eines Kaisers Gemahl und wiederum eines Königs Mutter — so lautlos, nur vom dreifachen Glanz der Männer- kronen bestrahlt, durchs Leben und zu einem frühen Grab gegangen, daß nicht einmal das wichtigtuerische Konversationslexikon ihrer mit ein paar Worten gedenkt. Der mehr oder weniger glückliche Gewinner verzehrt das Federvieh auf dem Tanzboden im Kreis seiner Freunde und hat das Vergnügen, den Wein dazu zu spendieren und zum Schluß die Rechnung zu bezahlen. Die vielbesuchte Mesti in Rappoltsweiler ist nichts anderes als der berühmte deutsche Pfifferstag, der die Spielleute, Gaukler und Pfiffer aus dem Elsaß und den angrenzenden Ländern in dem weingesegneten Städtchen versammelte. Das mißachtete fahrende Volk, das nirgends Wohn- und Bürgerrechte besaß, hatte hier eine Heimat, genoß Würden und Ansehen. Die mächtigen Herren von Rappolstein, deren Burgen sich in stolzer Unnahbarkeit über der „misera plebs" am Berghang festkrallten, hatten das Königtum über die Pfiffer zu Lehen, und Kaiser Friedrich 111. bestätigte sogar die scherzhafte Krone. Von dem alten Gasthaus zur Sonne ging es in großen Umzügen mit Musik und gestickten Fahnen zur Kirche und nach dem Schloß, um dem Herrscher zu huldigen. Tagelang wurde gefeiert, getafelt, getrunken. In den Tälern schwangen die Glocken, Trommeln schlugen, Preislieder stiegen auf. Heute ist das Pfifferhaus mit dem frommen „Ave Maria gratia plena" verlassen. Di« Burgen blicken aus geborstenen Mauern auf die Stadt herab. Aber die Mesti hat ihren Zauber behalten. Wenn das Feuerwerk in Tausenden von Sternen vom Himmel herabrieselt, die Lampions über dem Tanzboden glühen, die Paare wirbeln, sind di« Menschen wie ausgewechselt. Gläser schlagen aneinander. Der köstliche Rappoltsweiler Wein leuchtet gleich flüssiger Sonne. „Kopfin fiever, Dir- kenbluet, Bebler un Rappschwyrer sin d' ärgscht« Herz- un Wadebrecher", sagt ein alter Spruch, und sie sorgen dafür, daß kein Kopf ganz klar bleibt und aller Griesgram vor dem Glück des Augenblicks verfliegt. Erst, w«nn am Himmel die goldenen Laternen erlöschen, entschließt man sich zum Aufbruch. Als „Kehraus" wird noch von der ganzen Gesellschaft ein schnell gespielter Hoppla getanzt: „Der Kehrus, der Kehrus, die Maide g'höre d'heim, Un wann sie bravi Maidi sin, so gehe sie jetzt d'heim!" Das Heimführen durch den ergrauenden Morgen besorgen di« Burschen. Eng umschlungen, mit heißen Herzen, den Walzertakt noch in den Beinen, wandern di« Paare. So war es vor hundert Jahren, und so ist nur Poupet de la Chaux die heißumhandelte Braut: „et vous cerlyff» sire, que cestoi Chose digne, de vioir que du honneste maisnen de kdjS sennora infante", doch auch dies karge Lob über ihre würdevolle "w tung fließt erst nach der Brautwerbung, als der Bischof von Lamx,» der künftigen Kaiserin verkündete, welches Los ihr gefallen war. (f™ paar Zeilen weiter, offenbar, als die Infantin mit eingelernten {eiet. lichen Worten die Werbung annahm, wird der würdige Heiratsstjstes sogar neckisch: dann aber wendet er sich gleich wieder wichtigeren Dinq.« zu als der Frage, ob Isabella gern oder ungern das Jawort gegeben habe. Handelt es sich doch um den päpstlichen Dispens, der eingeholt werden muß, da die Brautleute Vetter und Base sind ... So zieht denn die junge Isabella zum Palast des Kaisers hin jn dessen Reich die Sonne nicht unterging und über dessen Haus doch ein ig tiefer Schatten lag — der Schatten des Wahnsinns. Seit nahezu zwanzi» Jahren lebte auf dem Schloß von Tordesillas die Mutter des Kaisers Johanna die Wahnsinnige, in unheilbarer geistiger Umnachtung. Cs ljiej' daß der Gram über den Tod des heißgeliebten Gatten, Philipps biä Schönen von Oesterreich, der leidenschaftlichen Spanierin den Verstand geraubt hätte, doch die höfisch-rührende Legende schafft die Tatsache nicht aus der Welt und Geschichte, daß Johanna von Castilien schon vor iijnr Vermählung das war, was man heute mild „geistig abnorm" nennt Nun betrachtete jene Zeit gewiß die erbliche Belastung weniger pG mistisch als wir es heute tun, aber die junge Frau mag doch manchesmal gezittert haben, daß die Irrsinnige ein unheilvolles Vermächtnis an Kinder und Enkel weitergeben könnte ... Isabellas Gesicht sieht bei aller Jugend und Schönheit auch nicht aus, als ob ihr das Leben leicht geworden wäre. Die schmalen dunklen Augen blicken melancholisch, wii bei Menschen, die unter einem stündigen Druck leben, wie bei Jbsenschen Gestalten. Trotz aller Machifülle und allen Glanzes war es gewiß auch kein Kinderspiel, das Weib des fünften Karl zu sein. Nicht immer hob er ja als leutseliger Mäcen einem Tizian den Pinsel auf, der dem Meister entfallen war, nicht alle Tage pumpte er voll vertraulicher Lieber Würdigkeit Augsburgs Großindustrie um beträchtliche Summen an, und sicherlich hat er nicht so hinreißend romantisch und majestätisch ausgi< sehen, wie Tizian ihn auf dem berühmten Reiterbild darstellt. Von einer Mutter schwankenden Geistes geboren, schwächlich und nervös von Soiv stitution, elternlos unter fremden Menschen heranwachsend, als 3üng= ling noch ein Knabe scheinend, und doch schon zwei Kronen auf beut blassen Scheitel tragend, als Vierziger bereits kränkelnd und verdrossen, schien Isabellas Mann durch Geburt, Erziehung und Schicksal vorde- stimmt zu dem Sonderling, als der er sich in den späteren Jahren zeigte. Aull) seine beste Tugend — seine fast übermenschliche Selbstbeherrschung — trug noch einen absonderlichen Zug. Als er die Nachricht vom Sieg von Pavia erhielt, einem der größten, die je erfochten wurden, wurde er aschfahl, sagte kein Wort, stand vorn Mahle auf, bei dem er eben faj und ging wortlos, allein in seine Kapelle. Sehr männlich, sehr christlich mag diese äußerste Selbstzud)t, die jedem Temperamentsausbruch noch Belieben Schweigen gebieten konnte, doch zuweilen hart gewesen sein für eine junge heißblütige Frau, und es wäre interessant zu wissen, ob die beherrschte Kraft, die auch um Isabellas Mund liegt, schon aus Portugal kam oder eheliche Assimilation ist. Während jedoch das Gesicht des Kaisers immer (außer auf geschmeö chelten Bildern) mißtrauisch, verschlossen und unfroh aussieht, blüht um die vollen, zum reizenden Amorbogen geschweiften Lippen der Kaiserin eine entzückende Sinnlichkeit, und man kann sich denken, daß diese Frau berauschte, wenn sie in Liebe lächelte, wenn in diesen melancholischen Augen schmachtende Glut aufzubrennen begann. Zweifelsohne aber haben sie auch geistige Interessen mit ihrem Manne verbunden. Das geistige Hauptinteresse galt damals den religiösen Fragen und es heißt, daß Isabella im leisen Ruf der Ketzerei, das heißt des Luthertums stand. Dies mag bei der Frau eines ultrakatholischen Monarchen seltsam er scheinen, aber Karl schuf eben auch nicht immerfort das Augsburg« Interim. Nicht nur wenn er auf Freite ging, sondern auch in politische« Dingen war er ein kühler Rechner und es gab eine Stunde in feinem Leben, in der er ganz sachlich, ohne Gewissenskonflikte ausrechnei, welche der beiden Konfessionen die beste Gewähr für des Reiches Wohlfahrt böte. Was bei ihm, an den so viel herantrat, nur eine.6 W dauerte, hat sich vielleicht in der Muse des kaiserlichen Frauengemach- zu größerer Beharrlichkeit verdichtet. Vielleicht! Vielleicht hat Schm« Jsabellens gedacht, da er seinem „Don Carlos", ihrem Enkelsohn, de Sehnsucht nack) Gewissensfreiheit lieh. Ob sie glücklich gewesen ist? U" Glück wurde ihr jedenfalls zuteil: sie starb, noch ehe der Gatte sie alter« sah. In fassungslosem Schmerz kniete Star! an der Leiche seiner IW" Frau, wie einst seine Mutter an der Leiche des Mannes gekniet wul Mit ihm knieten und jammerten drei Kinder, unter ihnen der elfja.M Philipp, der später des Don Carlos Vater werden sollte. Des Kaisers Gemüt blieb nach dem Tode seiner schönen yratt lange und schwer umdüstert, daß seine Umgebung sich mit Grauen ui steigender Angst feiner immer noch lebenden, wahnsinnigen Mutier t- innerte. Ihre Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos, denn aller Liebe und Trauer war Karl eben ein Mann. Und nach ™“*nn art tröstete er sich über das blasse Königskind, das er verloren hatte, Busen der rotwangigen Gürtlerstochter von Augsburg, der schönen o bara Blomberg, die ihm den Don Juan d'Austria gebar, der zum -N ' quis Paso Modell gestanden haben soll ... Man weiß, wie start I Leben als kaiserlicher Einsiedler, umschnurrrt von unzähligen ul> ' beschloß. Wenn er vergrübelt ihren Stimmen lauschte, die nur von •« gänglichkeit sprachen, traf vielleicht einmal ein feiner, silbriger Ton I Ohr, der nicht von der Flucht, sondern vom Glück der Stunde erzog > Von der Stunde, da er zum erstenmal das schöne, kluge Mädcheng geküßt hatte, das über Tizian hinaus ein reizendes Rätsel geworden, Jahrhunderte hinweg ein reizendes Rätsel geblieben ist