SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Glehener Anzeiger Jahrgang 1950 ~ Freitag, den ^.August Nummer 62 Ritt im Mondenschein. Von Ludwig Achim von Arnim. Herz zum Herzen ist nicht weit Unter lichten Sternen, Und das Äug', von Tau geweiht. Blickt zu lieben Fernen; Unterm Hufschlag klingt di« Welt, Und di« Himmel schweigen, Zwischen beiden mit gesellt Will der Mond sich zeigen. Zeigt sich heut in roter Glut An dem Erdenrande, Gleich als ob mit heißem Blut Er auf Erden lande, Doch nun flieht er scheu empor, Glänzt in reinem Lichte, Und ich scheue mich auch vor Seinem Angesichte. — Robespierres Diktatur. Von Professor Dr. A. Wahl *. Mit der Hinrichtung Heberts war Robespierre siegreich der Gefahr entgangen, von einem noch extremeren und wilderen Terroristen überflügelt und vernichtet zu werden. Zum ersten Male seit 1789 hatte nicht der Rabiateste gesiegt. Nun beschloß er, seine Diktatur dadurch zu begründen, daß er seinen letzten Nebenbuhler Danton, den nunmehr „Rechtsstehenden", umbrachte. Der bildet« jetzt vor allem deswegen für ihn eine Gefahr, weil er Mild« predigte und dadurch vielleicht plötzlich wieder eine große Macht werden konnte, da die Schreckensherrschaft natürlich längst dem stärksten Widerwillen begegnete. In seiner taktisch geschickten Weise ließ Robespierre zuerst einig« einflußreiche Freunde Dantons, darunter ein Mitglied des Wohlfahrtsausschußes, verhaften, dann durch St.Jufte eine an Verleumdungen reiche Anklageschrift gegen Danton, Desmoulins u. a. verfassen, und sie daraufhin ins Gefängnis werfen. Auch ihr Prozeß strotzt« von Rechtsbrüchen. Man hatte sich den grausamen Witz geleistet, Danton zu beschuldigen, die Monarchie wieder Herstellen zu wollen. Am 5. April 1794 wurde er mit vier seiner Genossen guillotiniert. Er hatte durch feine Haltung in den letzten Monaten seines Lebens etwas von dem Pielen und Schweren, das er verbrochen hatte, wieder gutgemacht. Es war sicher ehrlich, wenn er meinte, er wolle lieber guillotiniert werden als weiter guillotinieren. Er hat auch gesagt, er habe die Menschheit satt. Wie sollte ein- Mann, der sich noch einen Rest von gesundem Gefühl bewahrt hatte, im damaligen Frankreich anders empfinden? Robespierre war Diktator. In erster Linie infolge seiner Beherrschung des Wohlfahrtsausschusses, des Konvents und des Jakobinerklubs. Nach dem Sturze Heberts hatte er aber auch auf das Rathaus seine Anhänger gebracht. Wie ist es diesem Manne gelungen, Alleinherrscher von Frankreich, wenn auch nur auf ein paar Monate, zu werden? Wirklich gewissermaßen von selber, weil er, der „zum Henker gewordene Schulmeister", der am meisten charakteristische Vertreter des Geistes der Zeit gewesen wäre? Das hat bekanntlich Taine gemeint. So rational pflegt es indessen in der Weltgeschichte doch nicht zuzugehen. Robespierre ist emporgekommen sicher in erster Linie, weil er politisch und besonders taktisch höher begabt war als die Mehrzahl der Rivalen. Er hatte ferner ein feines Gefühl dafür, daß Frankreich nicht gegen die Religion regiert werden könne. Er war meistens maßvoll, wenn über Berfolgungsdekrete hegen die Kirche beraten wurde. Er legte istehrfach in den verschiedenen Nationalversammlungen ein eindrucksvolles Bekenntnis seines Glaubens on einen, die Geschicke der Menschen leitenden Gott ab. Er widerstand dem Gedanken des Kultus der Vernunft. Und zwar das alles, ohne daß er Wt der Religion irgendwie zugänglich gewesen wäre. Gerade in dieser Haltung zeigte er sich als ein Taktiker, der seine Genossen überragte. Es m auch ganz deutlich, daß er Sinn für das Regieren an sich hatte. Immer wieder fordert er Einheitlichkeit und Kraft der staatlichen Aktion, so ganz im Gegensatz zu den Ideen von 1789. „ * Durch Abdruck dieses Kapitels machen wir unser« Leser empfehlend aus Professor Wahls soeben erschienene „Geschichte der Fran- °,o n s ch e n Revolution" aufmerksam, die viele bisher nicht beachtete Zusammenhänge und Jdeenoerbindungen beleuchtet und die Revolütions- °eu so in neuem Lichte zeigt. (Verlag von Quelle 8- Meyer in Leipzig. E Sammlung Wissenschaft und Bildung. Geb. 1,80 Mark.) Allein, daß auch er als Politiker völlig unzureichend war, sollten die vier Monate seiner Diktatur beweisen. In der auswärtigen Politik hatte er keinen leitenden Gedanken. Er rang völlig vergeblich mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die wiederum reiche Ernte von 1794 fand feine Schnitter. Längst war in Paris das Fleisch rationiert. Vor den Bäckerläden stand man Queue, wie in Deutschland im Weltkriege. Wie hier wurden Höchstpreise festgesetzt mit denselben Folgen: die Waren verschwanden, konnten aber hinten herum für exorbitante Preise erlangt werden. Und keine Härte, keine Hinrichtung von Ertappten verhinderte derartigen Schleichhandel. Der Diktator verwendete allzu viel Zeit auf das völlig hoffnungslose Unternehmen, durch Feste und leer-demonstrative Maßnahmen republikanischen Geist zu erzeugen. Was bedeutete derlei gegenüber der Tatsache, daß diese zu liebende Republik täglich in ungeheurem Umfange das Blut Unschuldiger vergoß? Denn die Diktatur Robespierre brachte nicht etwa eine Milderung, sondern eine Verschärfung des Schreckens. Schließlich wurde im Juni die Einrichtung der Verteidigung und des Zeugenbeweises vor dem Revolutionstribunal grauenhafterweise abgeschafft. Die Mordmaschine arbeitete jetzt noch schneller. Vom März bis zum Anfang Juni wurden in Paris allein — von der Provinz kann hier nicht die Rede fein — doch „nur" 1200 Menschen umgebracht. Im Juni und Juli aber bis zum Sturz Robespierres 1350. Meist Unschuldige, selbst nach den grausamen Auffassungen des eigenen revolutionären Rechtes. Leute, die auf Grund irgendeiner elenden Denunziation verhaftet worden waren, verleumdet von irgendeinem Menschen, der sie los sein wollte. Oder solche, di« gelegentlich ein unvorsichtiges Wort gesprochen, oder einen Bries geschrieben hatten, in dem sich eine Kritik gegen die blutigen Tyrannen Frankreichs sand. Darunter auch Männer, die sich gerade um die Revolution die höchsten Verdienste erworben hatten. Wer einmal im Gefängnis saß, war fast unfehlbar verloren. Rach ein paar Wochen oder Monaten mußte er neuen Opfern Platz machen — indem er das Blutgerüst bestieg. Es ist beinahe unbegreiflich, daß ein verhältnismäßig kluger Mann wie Robespierre nicht gesehen hat, daß eine derartige Regierungsweise seinen Untergang mit Notwendigkeit in sich trug. Gewiß, er war nicht unbedroht. Seine eigene große Beliebtheit, di« er neben seinen Phrasen und Selbstanpreisungen, vor allem seiner tatsächlich vorhandenen Unbestechlichkeit verdankte, hatte durch die Ermordung Dantons bei vielen, gerade der Extremen, doch einen schweren Stoß erlitten. Denn Danton mit seiner brutalen und dann wieder jovialen Art lag im Grunde dem französischen Volke weit mehr, als der dürre und dürftige Robespierre. Ader trotzdem: die sofortig« Beendigung der Schreckensherrschaft, nachdem er unbestrittener Diktator Frankreichs geworden war, wäre zweifellos die richtige Politik gewesen. Gewiß war auch sie gewagt. Aber welcher Weg war damals nicht gefährlich? Mit diesen Betrachtungen ist schon die Frage nach den Gründen von Robespierres Sturz gestellt. Der letzte und wichtigste bleibt die Fortdauer der Schreckensherrschaft, die zur Vernichtung ihres Hauptträgers führen mußte Dazu kam, daß die Vorwände immer mehr dahin schwanden, unter denen dieses groteske Regierungssystem aufrecht erhalten wurde. Von diesen war einer die Gefahr, di« dem Leben der „Guten", der „Patrioten von den „Faktiösen" drohen sollte. Diese Gefahr, bis dahin zeitweise wirk- lich vorhanden, war nach der Vernichtung der Hebertisten beseitigt. Oder vielmehr, die Gefahr, die über dem Leben fast jedes Bürgers schwebte, qinq von bei an von dem Manne aus, bet fid) als bas fiaupt ber „Guten zu bezeichnen pflegte. — Der weitaus wichtigste Vorwand für die Schreckensherrschaft aber war die auswärtige Lage gewesen und die Wahrscheinlichkeit, daß der Feind nach Paris einbringe und dort em entsetzliches Strafgericht vollziehe. Um den äußeren Feind besagen zu können müsse man ben inneren erschrecken und vernichten, dieser schon alte Satz mußte immer wieder herhalten. Nur inmitten einer Angstpsychose konnte so etwas, wie die Schreckensherrschaft, aufrecht erhalten bleiben. Nun fiel aber seit der Errichtung der Schreckensherrschaft in immer wachsendem Maße jeder wirkliche Grund zur Angst von dem Landesfeind fort. Dazu kam weiteres. Robespierre war emporgekommen durch Schlauheit und Verschlagenheit, nicht aber durch die Wucht seiner Persönlichkeit. Seine Reden waren zwar fanatisch, und selbst der Klang seiner ©Umme hatte etwas Ausreizendes. Aber er sprach zu lang, mit zu vielen Wieder- Holungen, ja häufig langweilig und jedenfalls nicht so, daß er die Massen des Pariser Pöbels hinreißen konnte, wie es der brutale Danton ober ber gemeine Hebert vermocht hatten. Jebensfalls sollte es sich Herausstellen, baß biete Masten nicht mehr in berselben Weise funktionierten, wie mehrer« Jahre lang. Von allen den genannten Ursachen seines Sturzes aber blieb zweifellos die am stärksten wirkende die Methode des Schreckens an sich, die zum Rückschlag, zur Tat aus bem Mut der Verzweiflung heraus führen mußte. Der Diktator scheint biefe letztere Tatsache selbst empfunden zu haben. Aber er handelte nicht entschlossen genug dementsprechend. Er hatte nam- lich noch einen Pfeil in seinem Köcher, auf den er hoffte, ein Mittel, bas Wn die Alleinherrschaft in aller Form verschaffen sollte, worauf er dann unzweifelhaft den Schrecken abgebaut hätte. Dieses Mittel lag auf dem Gebiet der Religionspolitik, m der er fo ganz andere Ideen vertrat als weitaus die meisten seiner Genossen von der Bergpartei. Nach einer Rede, für die er rauschenden Beifall erntete, wurde ein Dekret eingebracht und angenommen, wonach das französische Volk das Dasein eines höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele anerkannte. Zugleich wurde verfügt, daß an den Dekadentagen, die an die Stelle der Sonntage getreten waren, Feste gefeiert werden sollten, die allen möglichen Abstrakten, der Jugend, dem Menschengeschlecht, der Elternliebe, dem Unglück, der Keuschheit, dem Ackerbau usw. zu widmen waren. Diese letzteren Vorschläge waren freilich leer und hohl. Die Kernbestimmungen des Dekrets bedeuteten dagegen sehr viel, daß nämlich der Kultus der Vernunft beseitigt sei und daß nicht jede Art der Betätigung der christlichen Religion in Zukunft zum Tode führen könne. Es ist kein Zweifel, daß Robespierre durch dieses Dekret seine Stellung entschieden befestigt hat. Einen Monat darauf, am 8. Juni 1794, fand mit dem hohlen Pomp der Zeit, nach den Entwürfen des eigentlichen Revolutionsmalers, des Schreckensmannes David, das Fest des höchsten Wesens statt. Robespierre der damals gerade Präsident d-s Konvents war, trat bei dieser Gelegenheit in einer Art von Doppelstellung als Oberpriester und Staatsoberhaupt auf. Er wurde vom Volke stürmisch begrüßt. Dieser Tage stellte zweifellos den Höhepunkt seines Lebens dar. Und doch hat er die größte Bedeutung für feinen Sturz, nämlich durch das, was der Diktator an ihm versäumte. Dieses Fest bot eine herrliche Gelegenheit, den Schrecken abzubauen. Wie leicht konnte ein derartiger Schritt bei der Feier des höchsten Wesens motiviert werden, ohne daß fein Urheber des „Moderantismus" bezichtigt wurde. Robes- pierre beschritt aber den entgegengesetzten Weg: er mordete in Zukunft noch schneller. Auch mancher von den farblosen Männern der Ebene wurde jetzt geköpft. Aber das war zu viel. Durch diese rasenden Untaten rief der Diktator den Mut der Verzweiflung gegen sich auf. Es entstand eine Art Verschwörung zur eigenen Rettung und zur Vernichtung Robespierres, was dasselbe war. Sein Sturz war nur noch das Werk weniger Tage. Oie Hosen des Robespierre. Von Hermann Linden. An diesem Nachmittag war der Konvent nicht stark besucht; drei Urteile waren nur vorgesehen. Das war zu wenig für die verwöhnten Pariser. Einige Jakobiner lagen auf den Bänken der Galerie, schief die Mützen auf dem Kopf, die Zähne mit Apfelessen beschäftigt; Kokotten, die den Nachmittag nicht besser verbringen konnten, liehen ihre Seidenbeine herunterbaumeln. Dagegen war der Wohlfahrtsausschuß vollzählig versammelt. „Madame Fifo!" rief der Ausrufer mit schnarrender Stimme. Das war die erste Angeklagte dieses Nachmittages, die Frau eines Pariser Bankiers, die aristokratische Liebesbeziehungen bezichtigt wurde. Als die Türe von draußen geöffnet wurde, senkten die beiden Saalwachen die Bajonetten, als näherte sich ein gefährliches Tier. An den Händen gefesselt wurde die Angeklagte hereingesührt. Sie war nicht mehr ganz jung, dreißig etwa, blaß und ungepflegt, wie eine Gefangene eben nicht anders aussehen kann, doch ging von ihr etwas aus, dem man sich nicht entziehen konnte; ein etwas zerschlissener Zauber, könnte man sagen. Robespierre und Danton, die links an einem Seitentische saßen und mit der Unterzeichnung von Edikten beschäftigt waren, nahmen von dem Eintritt der Angeklagten keinerlei Notiz. Der Verhandlungsführer, ein Kerl mit martialischen Gesichtszügen, der in früheren Zeiten Schafzüchter in der Provence gewesen war, es jetzt zu Amt und Würden gebracht, begann schnell und geschäftig die Vorfragen des Verhörs. „Angelique Fifo?" „Ja." „Gattin des Bankiers Fifo? „Ja." „Sie haben den Grafen ßagrace beherbergt, obwohl Sie wußten, daß er ein Feind des Volkes ist?" „Es ist richtig." „Antworten Sie nicht so monoton! Spuren von Reue wären angebrachter! Uebrigens" — der Sprechende wandte sich zu den beiden immer noch unbeteiligt bleibenden, schreibenden Häuptern — „die Angeklagte hat Personalien, Tat..." Er stockte. Schwieg. Danton hatte etwas Parfümartiges im Raum gerochen. Da gewahrte er die Frau mit den gefesselten Händen. „Sagten Sie etwas, Sötain?" „Das ist Angelique Fifo", erwiderte der Ankläger behend, „Gattin des Bankiers Fifo. Sie hat den Grafen ßagrace verborgen. Tat und Personalien sind eingestanden. Ich lasse sofort das Urteil schreiben." „Sachte, sagte" — wehrte Danton ab — „noch ist das nicht so einfach, wie es dir erscheint, mon eher." Ein langer Blick des Revolutionärs fiel auf die dreißigjährige Frau. Die stand da, gleichgültig und müde gegen das, was ihr widerfuhr; sie trug noch die Hausrobe, in der man sie drei Tage vorher morgens aus ihren Räumen geholt, purpurrote, zerknitterte Seide. An den Schultern waren die Tragbänder zerrissen und Danton, der zeitlebens nicht nur eines, sondern zwei Augen auf die Frauen geworfen hatte, sah, daß die Schultern der Angeklagten von ungewöhnlich schöner Wölbung waren. Die Frau spürte den Blick des Mannes. Sie streckte sich. Eine evahafte Regung schüttete ihr einen Tropfen Hoffnung ins Herz, wobei sie vergaß, daß sie auf einem Platze stand, auf dem es keine Hoffnungen geben darf. Und wieder wurden dieselben Fragen an sie gestellt; diesmal aber »on einer musikalischeren Stimme, von einer Stimme, die Menschen, Tiere und Steine bezaubert hatte. „Angelique Fifo heißen Sie, Madame?" „Sa. Monsieur Danton* erwiderte We Frau rascher und lebhafter als zuvor. „Gattin des Bankiers Fifo?" „Ja, Monsieur Danton." „Sie sind angeklagt, den Grafen ßagrace beschützt zu haben? Peinlich, peinlich, sehr peinlich, Madame. Wußten Sie das nicht, daß ßagrace ein Mitglied des Wohlfahrtsausschusses erstochen hat und feit acht Tagen überall gesucht wird in Paris?" „Sch wußte das", sagte die Frau und senkte den Kopf. „Peinlich, peinlich, peinlich" — murmelte der Revolutionär — „Sie sind noch sehr jung und Sie sind auch sehr hübsch. Aber auf solchen Dingen steht der Tod. Unsere Gesetze sind lakonisch." „Ich konnte nicht anders", sagte die Angeklagte und warf den Kops empor, „er war doch mein Gatte." ,,31)r Gatte?" rief Danton überrascht, „ich denke Fifo?" „Mein erster Gatte. Der Bankier ist mein zweiter." „Ah, das verändert die Tatsachen ja ganz kolossal!" „Seit wann sind sentimentale Motive Entschuldigungen für Staatsverbrechen?" jagte da- die eiskalte Stimme Robespierres, der soeben seine Unterschriften beendigt und die letzten Worte mit angehört hatte. „Sn Frankreich ist die ßiebe immer als größtes Ideal gehegt worden. Alle Traditionen mögen wir stürzen, nur diese nicht!" lenkte Danton entschlossen ein. „Du wirst immer ein Schürzennarr bleiben, Danton — und das Vaterland wird darunter leiden!" In diesem Augenblick hob Robespierre sein ßorgnon, um die Angeklagte genauer zu betrachten. Ehe Danton dieser Anzüglichkeit eine Er- widerung geben konnte, verschlug ihm die seltsame Veränderung in Robespierres Gesicht die Rede. Dieses Gesicht sah zwar niemals aus, als rolle Blut unter seiner Haut, gelb und papieren sah es immer aus, wie Pergament; jetzt aber schien es ßeichenblässe zu überziehen. Dantons Blick flog von Robespierre zu der Angeklagten. Und hier sah er das zweite, leichenblasse Gesicht. Und nun kamen einige Reden, die der Umgebung nicht ganz verständlich waren. „Bürgerin", hörte man die kalte, spitze Stimme des Diktators, „erheben Sie Anspruch auf eine Revision Ihres Prozesses? Soweit es mir bekannt ist, haben Sie Ihre Tat gestanden und auf Befchützung eines Royalisten steht unvermeidlich der Tod. Und ganz besonders in Ihrem Spezialjalle, wo es sich um den Mörder eines unserer Freunde handelt. Eine solche Revision hätte gar keinen Zweck und daß die Motive, die Danton zu Ihrer Verteidigung einwarf, bei Ihnen vollkommen außer Betracht kommen, das — das wissen Sie doch selbst sehr genau, nicht wahr, Bürgerin Fifo?" Angelique Fifo sah Robespierre steif und fassungslos an. Ihre Augen glitten über feine schwarzen Sammethosen hin und der Diktator, der die Beine übereinandergeschlagen dasaß, rückte etwas nervös auf feinem Stuhle hin und her, als er diesen Blick gewahrte. „Fifo ... Fifo ... Fifo ..." murmelte Danton ständig vor sich hin. „Wo habe ich den Namen nur gelesen —?" Und er fing an, unter feinen Papieren hin und her zu kramen. Endlich sagte die Frau mit einem tiefen Atemzug: „Sie ... Sie sind der junge Advokat von damals? ..." und die Hände angstvoll geballt ans Kinn haltend: „Oh, oh, oh!" Danton fragte: „Sag, Robespierre, kennt ihr euch? Scheinbar, wie?' Die fünf Finger der rechten Hand des tugendhaften Fanatikers griffen in feine Halskrause und nestelten verlegen daran herum. Darauf sagte er (aut: „Die Vermutung, die mein Freund Danton soeben hier laut werden ließ, ist richtig. Als ich vor einigen Jahren hierher nach Paris kam, führte mich ein Bekannter ein im Haufe der Gräfin ßagrace. Ilm die Sitten des Adels damals bereits zu studieren, willigte ich ein; jedoch fand ich in dem Haufe der Gräfin ein solches lockeres Treiben, dem Schilderung ich mir erlasse, daß ich es bald wieder verließ. Der Gro war damals überhaupt nicht in Frankreich und die Gräfin hatte mit anderen Kavalieren fo viel zu tun, daß ich" — ein höhnischer Seitenblick zu Danton — „heute wohl behaupten kann, daß die Liebe der Gräfin nicht allzu groß gewesen fein muß. Nicht wahr, Madame Mw — er verbeugte sich mit einer ironischen Galanterie — „die Bürgerin i|t nie sehr wählerisch gewesen in ihrem Leben?" Madame Fifo antwortete kein Wort. Sie sah immer nur diefen dünnen, mageren Menschen an, der da oben mit böse lächelnden äugen auf dem Richterstuhle sah: sie dachte wohl einen Augenblick daran, M Leuten hier allen zu erzählen, w i e Robespierre damals ihr Haus m- laffen hatte; doch gab sie es auf, denn wer — außer Danton vielleicht-y hätte es gewagt, über jemanden zu lachen, der die Macht über Leven und Tod besaß?" . Robespierre aber saß mit erregt spielenden Fingern oben an leine Tisch, die kalten Mörderaugen auf jene Frau gerichtet, der einzigen, der er sich jemals in seinem Leben genähert hatte und die ihn au I eine furchtbar lächerliche Wtzise zum Teufel gejagt hatte; er aber »u sie jetzt zu einem anderen Teufel jagen. Und noch einmal zogen Ereignisse von damals an ihm vorüber, während die Federn " Schreiber das Todesurteil kratzten. .. Q „i Ein Bekannter hatte ihn, als er noch nicht dieser zugeknöpfte ö geroejen war, mit in das Haus der Gräfin geschleift. Er trug Pa ' > schlicht wie er war, die langen Beinkleider der Sansculotten, die p tatens. Die Gräsin kokettierte sehr stark mit ihm, da man ihn einen i begabten Menschen nannte; schließlich verlockte sie ihn dazu, sich / Schlasgemächer zu begeben, forderte ihn auf, sich einstweilen S kleiden, sie täme nach. Man beobachtete ihn durch das Sd)luyeuo), Schlafpulver, das die Gräfin ihm in einem Weinglas zugefuyi f wirkte rajch, er schlief ein, man stahl ihm die Hose. Als er aut i war es Morgen; er fand sich allein, besann sich, wurde finster v klingelte, befahl seine Kleider und da vermißte man feine H r- ganzen Hause war sie nirgends zu sinden. Die Gräsin war ausg i / Man bot ihm andere an. Aber es waren natürlich nur SUuej diesem der da Paris dieserhi die Ge treu w bestieg nach H Ausstei glaubte hat ihn nur bei Wirkliä Anblick „Sa - „we „Ge „FH ist der hat! Ri Franke, imstand Frau - „Gei Tischpla schluckt Da worden weiterer Ansehen sucht ni zwei Tc Sie Robespi ton sie noch bei dem Koi Ein sprach u wollen, i ein Mäd ihr ®efi willen. 1 fei auch stäher b mitunter mit Schi so was Sanz Ha Hugo Ibilbc g.; sich über ,Es ij wenn m möchte st leben gli unb rnor In di er viellei lein eig« eine hetz ihm feste cr sich si °l'-sgerüf Meide wissen u ter als Pein- tagrace Tagen - „Sie solchen n Kops Staaten seine worden. Danton mb das e Ange- eine Er- cung in aus, als ter aus, Inb hier anz oer> ors, „er- t es mir ng eines n Ihrem handelt, stive, die :n außer au, nicht re Augen r, der die if seinem sich hin. ter seinen Sie sind ll geballt ar, wie?' :s griffen aus sagte hier laut ich Paris race. Um in; jedoch >n, dessen Der ®ra hatte mit r Selten- Liebe der me Fis»' rgerin ist ur diesen en Auge» aran, den )aus ver- elleicht - icr Leben in seinem einzigen, ;n aus 1° er würde zogen di« bern »et i damals, die W -inen sem h in ii)te zu enb Hoch, hrt I)» msw°G vor Wut, Hose. 9® t,ie(em Hause. Wie der Adel sie trug. Aber wie konnte er, Robespierre, der das Volk erläsen wollte, in den Kleidern der Vornehmen sich in MMS sehen lassen? Das hätte man nun gar zu gerne gesehen und nur dieserhalb war das Ganze inszeniert. Aber Robespierre war das, was die Geschichte von ihm behauptet, einer, der seinen Idealen niemals untreu wurde und er lieh eine Droschke kommen an bas Haus ber Gräfin, bestieg sie in seinen wollenen Unterhosen, fuhr bleich vor Demütigung vach Hause unb viele Leute hatten ihn auf dieser Fahrt, beim Ein- und Aussteigen besonbers, mit brüllenbem Gelächter überschüttet. Aber er glaubte, von keinem Bekannten gesehen worben zu sein — jedenfalls tat ihm gegenüber niemals jemand davon gesprochen; das geschah aber- nur deshalb, weil bereits einige Tage darauf seine Karriere begann; in Wirklichkeit hatten alle seine Bekannten Spalier gebildet, um diesen Anblick zu haben. „Sagen Sie noch, Bürgerin", — begann Robespierre noch einmal __ 'was wollte eigentlich der Graf von Ihnen?" „Geld", sagte Madame Fifo. „Fifo, ja Fifo, aber natürlich, Fifo" — schrie da Danton — „das m der Bankier, der dem Tribunal eine so große Zuwendung gemacht hall Robespierre! Fiso! Weißt du denn gar nicht mehr? Eine Million Franken hat der wackere Mann für das Vaterland gestiftet und wir sind imstande und schicken feine Frau — unb sogar noch so eine reizende Fwu — auf bas Schassot. Die Hänbe frei, sage ich--!!!" „Gebulb, Gebulb, nicht so hastig" — Robespierre trommelte auf ber Tischplatte, er machte ein Gesicht, als hätte er Salz unb Zitronen verschluckt — „wenn es so ist, müssen wir die Angelegenheit vertagen!" Da der Graf ßagrace bereits schon einen Tag vorher hingerichtet worden war, der Bankier bereit war, der neuen Verfassung mit einigen weiteren Millionen unter die Arme zu greifen und Robespierre um des Ansehens feiner Gerechtigkeit willen die persönlichen Motive seiner Rachsucht nicht auf die Waagschale legen durste, ward Angelique Fiso nach zwei Tagen auf Dantons Betreiben ihrer Haft entsetzt. Sie soll ihm vieles, gewährt haben, aber was zwischen ihr unb Robespierre damals gewesen ist, das gab sie niemals preis, so sehr Danton sie auch danach gefragt. Manchmal in schlaflosen Rächten spürte sie noch den Todesschweiß von neuem im Gesicht wie damals, als sie vor dem Konvent in die böse lächelnden Augen des Robespierre sehen mußte. Wir Mütter. Bon Ilse Franke. Ihr fremden Mütter, meine Schwestern alle, Ich liebe Euch! Uns hat das gleiche Leid, Das gleiche Glück zum heiligen Dienst geweiht. Es wölbt sich über uns die Kuppelhalle Des Himmelsdoms. Die Erde ist der Raum, Wo unser Glück im kleinen Kreis sich gründet, Wo unsres Schicksals voller Kranz sich rünbet Und unser Haus erfüllt den liebsten Traum; Den Traum, der Leben wird in reinster Fülle, Das Ich erlöst und goldne Ernten reift, Der kühn unb selig die Gestirne streift. Dem sich auch Tiefen zeigen ohne Hülle. Wer hat der Qualen tiefste so erfahren. Die sich im Grund der Liebe offenbaren. Wie nur die Fran, die ihr umhegtes Leben Der dunklen Urkraft opfernd hin-gegeben! Ihr Mütter, meine Schwestern, seht, wir tragen Das schwerste, schönste Los; laßt uns nicht klagen! Wer weiß wie wir, was tiefstes Beten heißt! Wer kennt wie mir die Erde unb den Geist! Mathilde Möhring. Roman von Theobor Fontane. (Sortierung.) Ein Mädchen müsse freilich auf sich halten im Leben und Gespräch und in Theaterstücken und dürfe nicht alles sehen und hören wollen, denn gerade die Neugier sei ja der erste Versucher gewesen, aber ein Mädchen müsse sich auch vor Prüderie zu wahren wissen, wenn ihr ihr Gefühl sage, selbst das Stärkste stehe hier um einer großen Sache willen. Unb bas sei nicht bloß in Theaterstücken unb Romanen so, das sei auch schon so beim Lernen und im Konsirmandenunterricht. Sie habe früher bei Pastor Kleinschmidt aus der Bibel vorlesen müssen, da wären mitunter furchtbare Worte vorgekommen, und sie denke noch bisweilen mit Schrecken daran zurück. Aber immer, wenn sie gemerkt habe, daß so was komme, dann habe sie sich zusammengenommen und bie Worte Sons klar und deutlich und mit voller Betonung ausgesprochen. Hugo nickte nur und fand bestätigt, was Doktor Pirubaum eben über Ibilbe gesagt hatte. Wie richtig, wie gescheut war das alles! Und er freute pH über ihre tapferen und aufgeklärten Ansichten. -Es ist ein merkwürdiges Mädchens grübelte er, «nicht eigentlich schön, wenn man sie nicht zufällig im Protti sieht, aber klug und tapfer, ich mochte sagen, ein echtes, deutsches Mädchen, charaktervoll, ein Wesen, das leben glücklich machen muh, und von einer großen Innerlichkeit, geistig 'm» moralisch.' , 5n dieser Richtung gingen von Stund an Hugos Gedanken, und als er vielleicht zwei Wochen vor Weihnachten, Mitte Dezember, wieder in f'N eigenes Zimmer hinüberquartiert wurde, was der alten Möhring eine heimliche Genugtuung verursachte, hatte sich bie Ueberzeugung bei *Jeft8e(ett, baß Thilde ganz die Frau sei, die für ihn passe. So gewiß r i,tv für einen ästhetisch fühlenden und mit einer latenten Dichterkrast husteten Menschen hielt, so war er im Leben selbst doch von großer Midenheit, beinah zaghaft, und hatte kein rechtes Vertrauen zu feinem «'!!en unb Können. „Ich bin ein unnützer Brotesser", hatte er zu Rybinski gesagt, der ihn lachend mit ber Versicherung getröstet hatte: „Dann gerade schmeckt's am besten". Unb diese Beurteilung seiner selbst war richtig, und weil sie richtig war, war auch das richtig, daß Thilde sür ihn passe. Sie hatte gerade das, was ihm fehlte, war quick, findig, praktisch. Er wollte sich noch vor Weihnachten ihres Jaworts versichern. Daß ihm das nicht versagt würde, davon hielt er sich überzeugt. Denn schließlich war er doch immer ein Bürgermeistersohn, während Thilde — so viel sah er wohl — auf Geburtsstolz verzichten muhte. „Fräulein Thilde", sagte er, als sie gleich am ersten Abend seiner, Wiederumquartierung ihm den Tee brachte und kleingeschnittenen Schinken und Butterbrot, „Fräulein Thilde, Sie sind immer gleich gegen mich in Ihrer Güte, und weil Sie glauben, es würde mir alles noch schwer, so haben Sie auch den Schinken schon zerschnitten. Sie haben mich gepflegt und verwöhnt und mir all die Wochen über erst gezeigt, wie glücklich man im Leben sein kann. Eine liebevolle Hand ist das, was man im Leben am meisten braucht. Aber setzen Sie das Teezeug erst hin... Und nun geben Sie mir Ihre liebe kleine Hand, denn es ist eine kleine Hand, unb treten Sie hierher mit mir ans Fenster und sehen Sie mit mir auf bas Bild da, bas Gewölk, das am Mond vorüberzieht und sich wieder aushellt im Vorüberziehen. Es läßt sich vielleicht ausdeuten, aber ich mag es nicht, und auch ohne das, nur angesichts dieses Bildes frage ich Sie, ob ich Ihre liebe kleine Hand auch noch weiter behalten darf, lange noch — ein Leben lang." Sie gab nicht unmittelbar Antwort und beschäftigte sich vielmehr damit, das Rouleau herunterzulassen. Dann faßte sie ihn sachte beim Arm, führte ihn vom Fenster weg bis an das hochlehnige Sofa zurück und sagte, während sie sich auf bie anbere Seite bes Tisches stellte unb beide Hände auf die Kante legte: „Sie sind noch so angegriffen, ich höre es an Ihrer Stimme, in der noch die Krankheit zittert, und daran, bah Sie gerade den Mond in unser Gespräch gezogen haben... Ach, Herr Großmann, der Mond ist nichts für Sie, Sie brauchen Sonne... Sonne gibt mehr Kraft." „Das mag schon sein, aber das ist keine Antwort, Fräulein Thilde. Sie sollen ja nur ,ja‘ oder ,nein‘ sagen." „Run denn — also ja. Trotzdem es noch lange dauern wird, bis es dahin kommen kann..." „Auf dem alten Weg, ja. Aber es gibt auch neue Wege." Sie lächelte fragend: „Rybinski-Wege?" Hugo schwieg, weil sie seine Gedanken erraten hatte. „Nein, Hugo, davon darfst du nicht reden, dann nehme ich mein ,Ja' gleich wieder zurück. Ich will nicht in der Welt herumziehen unb bir die Königsmäntel zurechtschneidern. Ich bin für's Ernste, sür's Hergebrachte und auch für Religion, nicht bloß für Standesamt. Alles, meine ich, muß seinen Zweck haben. Ich rechne darauf, daß du mir durch Arbeit den Beweis deiner Liebe gibst. Erst das Examen. Das andere findet sich. Dafür will ich schon sorgen... Aber nun komm, daß wir's Mutter sagen. Oder nein, heute lieber nicht. Du bist noch nicht fest genug auf den Füßen, ich werde es ihr selbst sagen, heute abend im Bett, unb morgen früh kommst bu bann. Ob sie sich freut, weiß ich nicht, aber ,ja‘ wird sie schon sagen." Sie stellte bie kleine Teekanne vor ihn hin, und was sonst auf dem Tablett stand. Und als sie alle geordnet und die Decke geradegezupft hatte, nahm sie das Tablett unter den linken Arm, bückte sich zu ihm herab und gab ihm einen Kuß auf bie Stirn. Er wollte sie, vielleicht in unklarer Vorstellung von Bräutigamsrecht unb -pflicht, festhalten unb einen Sturm auf ihre schmalen Lippen versuchen, aber sie entwand sich ihm sonst. An ber Türe legte sie den Zeigefinger an die Sippen und nickte ihm nochmals zu. * Das geplante Bettgespräch hatte stattgefunden und war unter Vermeidung aller Umschweife mit dem Satz begonnen worden: „Mutter, weiht du was?" „Was denn, Thilde?" „Ich habe mich mit ihm verlobt." Die Alte richtete sich auf wie ein Gespenst, sah Thilde an und sagte dann: „Jott, was soll nu aus mir werden." „Gar nichts, Mutter, du bleibst, was du bist, und ein Esser is weniger. Und wenn du was brauchst, bann schick' ich es bir." „Ja, kann er denn — hat er denn was?" „Noch nicht, Mutter. Aber wenn ich ihn bloß erst habe, so richttg verlobt vor Gott und den Menschen, dann wird er schon werden. Er sieht ja doch aus wie auf der Kanzel, und so einer kommt immer an. Ich werde ihn schon anbringen." „Und wirklich verlobt und nicht bloß so gesagt, unb nachher sitzt du da, wie so ganz, ganz arme und unglückliche Mädchen dasitzen..." „Mutter, was du nur immer denkst! Vater hat doch gesagt: ,Thilde, halte dich propper*, und hab ich etwa nicht? Und nu kommst bu immer mit solchen Geschichten. Ober benkst du wirklich, dah ich so dumm bin? Er wollte mir schon einen Kuh geben und war sehr stürmisch, weil er noch krank is, aber ich habe ihn in seine Schranken zurückgewiesen." „Das is recht, Thildchen. Und wann denkst du denn, daß es ins Blatt kommt, ober soll es ganz stille unb verborgen bleiben? Es is doch immer bester, andere wissen es auch. Dann geniert er sich mehr, wenn er sich vielleicht noch anders besinnt." „Ach, anders besinnt. Er darf sich nicht anders besinnen, und er wird auch nicht, und er will auch nicht. Er wird nu morgen früh bei dir anfragen, und da mußt du was Gutes sagen und nicht so klein und ängsttich sein, und er muh sehen, bah wir nicht auf ihn gewartet haben. „Ja, ba hast bu recht, aber was soll ich sagen? Du mußt mir was zurechtmachen, was paßt." „Das geht nicht, Mutter. Dann verschnappst du dich und sagst es an der unrichtigen Stelle." „Ja, bas is möglich. Na, denn werb' ich bloß sagen: ,Gott sei mit dir'. ,Das is geiiug, aber bu barstst ihn nicht gleich ,bu‘ nennen. ,Du< kommt erft wenn es bringeftanben hat unb wir richtig Verlobung gefeiert haben. Ich bente so Heiligabenb. Unterm Christbaum, bas hab ich mir immer Blick in die Zukunft gestattet sein. Es lebe das Brautpaar, Schriftlritung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerci, R. Lange in ®*{ * Rybinski uia aim taj gewünscht Das hak dann so seinen Schick und is auch so n bißchen wie kirchliche Handlung. Und is schon so'n Vorgeschmack, das heißt, ich meine von der Trauung, denn bei dir muß man sich immer vorsichtig ausdrücken, du denkst gleich..." , Am nächsten Morgen hielt Hugo richtig um Thildens Hand an, und die Alte agte gar nichts, sondern nickte nur immer und streichelte seine Hand. Das war auch das Allerbeste. Dann zog sich Hugo wieder in sein Zimmer zurück, und er sah nun Thilde fast weniger als sonst. Wenn es irgend ging, wurde die Runtschen vorgeschoben. Allerdings war dies mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft, weil gerade sogenanntes Matschwetter war was die Runtschen in ihrer Erscheinung auf das niedrigste Maß des Möglichen herabdrückte. Für eine reine Schürze war zwar immer gesorgt, und den Kiepenhut, mit dem sie verwachsen war, mußte sie abnehmen, aber man konnte nicht sagen, daß das viel half. Ganz im Gegenteil, weil die Mannsstiefel, die die Runtschen bei solchem Wetter trug, m einem beleidigenden Gegensatz zu der weißen Schürze standen. All das entging Thilden nicht, aber sie hatte nicht Zeit, sich mit diesen verhältnismäßig geringfügigen Dingen zu beschäftigen, da die heranrückende Verlobung unter dem Christbaum (es waren nur noch vier Tage) sie ganz in Anspruch nahm. Eine kleine Gesellschaft sollte gegeben werden, aber wie sie zusammensetzen? Einen Augenblick war an «schnitzens und auch an Frau Leutnant Petermann nebenan gedacht worden, deren Mann schon 1849 im badischen Aufstand gefallen war. Aber Thilde lieh beide Pläne wieder fallen. Schnitzens waren zu reich und konnten denken, man wolle etwas von ihnen oder wolle sich mit ihnen wichtig tun, und so stand es doch noch lange nicht. Und die Petermann war wohl arm genug, aber sie hatte so etwas Schnippisches und sprach so gebildet, weil sie früher Schneiderin gewesen war, was nun keiner merken sollte. . Kurzum Thilde sah ein, daß aus dem Kreise eigener Bekanntschaft niemand recht zu wählen sei, und einigte sich in einem Gespräch mit Hugo dahin, daß nur ein Vetter Hugos, ein sonderbares altes Genie, das zwischen Maurerpolier und Architekt stand und seit einundzwanzig Iahten der Freund einer Witwe war (ein Umstand, der über sein Leben entschieden hatte), geladen werden sollte. Dieser auf geistig« Getränke gestellte Vetter von dem Hugo zu kalauern pflegte, daß seine Verwandtschaft zu Karoline Pichler näher sei als zu den Großmanns, paßte gut, weil er fein Spielverderber war. Außerdem muhte natürlich Rybinski geladen werden Gegen zehn wollte dann Thilde — dies war ein von ihr gestell- tes frühere Beschlüsse halb aufhebendes Amendement — zu Schnitzens runtergehen und sich als Braut vorstellen und daran die bescheidene Frage knüpfen, ob Herr Rat und Frau Rätin vielleicht auch eine Viertelstunde ihnen schenken und sich von ihrem Glück überzeugen wollten. An der Ausführung dieses letzteren Planes war der alten Möhring beinah mehr gelegen als an der Verlobung selbst. Ein Wirt blieb doch immer die Hauptsache. Das mit dem Bräutigam konnte doch am Ende nichts fein aber das mit Schnitzens, das war immer was. Das Billett an Rybinski schrieb natürlich Hugo. Rybinski kam und sagte zu, vorausgesetzt, daß er seine Braut mitbringen dürfe. „Deine Braut?" wunderte sich Hugo; „bist du denn verlobt? O ja, schon seit meinem Debüt, und wir sind sehr daccord. Aber natürlich kann so was auch wieder zurückgehen, und wenn du mal so was hören solltest..." . Ach so ich verstehe schon. Ich darf sie doch als deine Braut vorstellen?" „Ich muß sogar sehr darum bitten. Der Vierundzwanzigste kam und ging. Die Verlobung war proklamiert worden, und die sechs Menschen, aus denen die ganze Gesellschaft bestand, waren ausnahmslos sehr vergnügt gewesen. Eine halbe Stunde lang sogar Schultze, der auf Thildens Aufforderung in einer gewissen Paschalaune, sein Volk beglückend, in der kleinen Möhringschen Wohnung erschienen war: zurückhaltend in bezug auf alles, was an Speise und Trank aufgetragen wurde, aber desto intimer mit Rybinskis Braut. Rybinski selbst lachte dazu, versicherte dann und mann, daß er sich mit dem Rechnungsrat über das Schnupftuch schießen müsse, weil ihm ein derartiger Eingriff in geheiligte Rechte überhaupt noch nicht vorgekommen sei, und versprach schließlich, beim Rat und der Rätin seine Visite zu machen, spätestens zu Neujahr, aber ohne Braut. „Man kann doch nicht wissen, wie sich die Frau Rätin dazu stellt , flüsterte er seinem neuen Freunde zu. Und Schultze zwinkerte. Den Toast auf das Brautpaar brachte der Vetter Architekt aus. Man werde nicht überrascht fein, wenn er seinerseits als ein Mann des Baus auch die Ehe, als deren Vorkammer die Verlobung anzusehen sei, wenn er auch die Ehe als einen Bau betrachte. „Das Fundament, meine Herrschaften, ist die Liebe. Daß wir diese hier haben, ist erwiesen, und der Mörtel, der bis in alle Ewigkeit den Bau zusammenhält, das ist die Treue." Schultze nickte, Rybinski rief „Bravo!" und drohte feiner neben Schultze stehenden Braut mit dem Finger, worauf er mit der geballten Faust eine Stichbewegung machte, als müsse Schultze erdolcht auf dem Platze bleiben. Der Vetter Architekt aber fuhr fort: „Der Mörtel, sage ich. Aber auch der beftgefügte Bau, bei den Erschütterungen, die das Leben mit sich bringt, bedarf noch der Stützen und Klammern, und diese Klammern und Stützen, das sind die Freunde, das sind wir. Auch Putz und Schmuck hat ein gutes Haus, und in seine Nischen sehen wir gern allerhand liebe, kleine Gestalten gestellt, ,Puttst sagen die Italiener, Putten sagen wir selbst. Ich weiß, ich greife vor, aber in dieser heiteren Stunde wird auch ein heiterer Blick in die Zukunft gestattet sein. Es lebe das Brautpaar, es lebe das Haus, das di« Ehe bedeutet, es lebe die Zukunst, es leben die Putten!" umarmte den Redner und sprach etwas von dem geheimnis- . , »i«, -ßunqDßag; uachjncyvao usuzrogsöuv asq uspoa Quickborn: ein Schlag mit dem Pegasushuf, und die Quelle springe. „Gesegnet die, die diesen Huf besitzen!" Erst gegen Mitternacht ging man auseinander, und die Tochter bet alten Runtschen, eine schmucke Person, die an einen Bahnhofsgepäckträger verheiratet war und die schon beim Mantelabnehmen und dann beim Mohnpielenpräsentieren die Bedienung gemacht hatte, begleitete die Herr, schäften hinunter. Selbst Schultze nützte seine Sonderstellung nicht aus und gab ihr, als er auf dem ersten Treppenabsatz in feine Wohnung ab schwenkte, ein Trinkgeld. Alle benahmen sich in dieser Beziehung s«h, anständig, und oben angekommen, teilten die alte und die junge Runtschen die Beute, was wieder von der jungen Runtschen sehr anständig mar. Die Alte war aber über die ganze Aushilfe sehr verstimmt und fd)iej mit dieser Hälfte nicht zufrieden zu fein, die eben nur die Hälfte und nicht das Ganze war. „Du hast es doch nicht so nötig, Ulrike", sagte sie. „Ja, Mutter, du kannst doch nicht runterleuchten mit dein eines Auge. Erst fällst du, und dann fallen im Dunkeln die andern auch. Du vergihi immer das mit das eine Auge. Und manche graulen sich auch. Und w« denkst du bloß! Glaubst du denn, daß der alte Schultze sich so honorig gemacht hätte, wenn du runtergeleuchtet hättest? Ich sage dir, der sicht sich seine Leute ordentlich an." Mutter und Tochter sahen noch lange in ihrem Bette auf. Es gab viel zu sprechen. Für die Alte war Schultze die Hauptperson, er hast doch feiner gewirkt als die andern, und man hätte doch merken können: der hat's. „Es gibt einem doch fo ein Gefühl, un das hat er." „Ach Mutter, du verstehst ja so was nicht. Schultze war der einzige, der in die Gesellschaft nicht paßte. Von uns will ich nicht reden, aber bie andern! Ja, das waren ja lauter feine Herren, alle studiert und Kuns! dazu. Der Vetter auch, denn wer so etwas baut, das is auch ne Kunst. Und nur von Putten hält' er nicht reden sollen. Aber daran siehst du es gerade: seine Leute, die sind so, die behandeln all so was spielerig und lassen immer — wie unser Doktor Stubbe sagte — den rechten Eins! vermissen. Aber es kommt doch immer so was raus, was nicht jeher sagen kann... Und nu Schultze! Ja, du mein Gott, wenn er nicht si sonderbares Zeug zu Rybinskis Braut gesagt hätte, so hätte er so gut wie gar nichts gesagt. Und dann war es auch nicht fein, daß er gar nichts nahm, und is bloß Tuerei. Sehr viel Gutes kriegt er unten auch nicht Aber du hast fein« großen Manfchettenknöpfe immer angesehen und dir zwei Steine vorn im Schemisett, und weil er Wirt is, so denkst du, es mar was Feines. Ich habe ihn auch nur raufgeholt, weil du doch nii mit ihm auskommen mußt, wenn ich mal weggehe." „Na, wann denkst du denn?" „Ich denke mir, so zu Johanni." „Hat er denn schon was?" „Nein, noch nicht Mutter. Aber ich werde es nu in die Hand nehme«. Morgen und übermorgen sind Feiertage, da kommt keine Zeitung, aber den dritten Feiertag abends, da steht es drin. Und Verlobung haben mit nu gehabt, und nu is die Reihe an mir." Die alte Runtschen hatte sich schließlich beruhigt und gab zu, bof Ulrike sehr anständig gehandelt habe. Sie hätte ihr ja auch gar nichts geben oder wenigstens mogeln können, aber daran war gar nichl z« denken, dazu war es viel zu viel. ,Ueberhaupt, es is eigentlich ein gutes Kind, un bloß daß sie sich ein bißchen ziert und mit die Augen so schmeißt. Na, jung is sie und dazu die schönen blonden Haare. Runtsch war schwarz, und ich erst recht. Eil ^»eßen mich immer die Schwarze. Es muß aber doch so Bestimme; gewesen sein/ In dieser Richtung gingen die Gedanken der alten Fvau, das Ben söhnliche herrscht« vor, aber wenn sie auch verbittert gewesen wäre, (i hätte diese Verbitterung nicht anhalten können, weil sie vom frühe« Morgen des andern Tages an ein Gegenstand besonderer Aufmerksam!«! im ganzen übrigen Haus und der Nachbarschaft war. Jeder wollte Mi wissen, und wohin sie kam, wollte man hören, wie die Verlobung gewest wäre. Zu begreifen war es ja eigentlich nicht, darin waren alle einig. Solch feiner Herr und ein Studierter und nu diese Thilde mit ihm gelben Teint. Und des Morgens müßte sie reinmachen und ausgießen uni nun doch Braut, und ehe Gott den Schaden besieht, steht sie da mit Atlas und Myrte. So hieß es bei den Portiersleuten und namentlich " Keller nebenan, wo sie Sellerie, Petroleum und Semmel zum Sw stück einholte. Zuletzt kam sie zu Frau Leutnant Petermann, und hier erst, m« diese wegen eines Unfalls am Abend vorher noch im Beit lag, blühte P Weizen. „ „Jott, Frau Leutnant, Sie liefen noch? Was is denn los? „Ach, Runtschen, jetzt geht es ja wieder, aber bis vier habe ich » Auge zugetan. Solch furchtbare Schmerzen... Der halbe Backzahn i|> weg." „Na, aber wie denn?" „ „Ja, wie das so geht. Da hatte ich mir nun das Bäumchen angM und fein Bild darunter gestellt und wollte feine Briefe nochmal lest das heißt, bloß die ersten, wo er noch wie rapplig war. (Er war so.) als ich da nun fitze und lese und mir den Teller ranrütfe und zu knaM anfange, erst ein kleines Marzipanherz und dann eine Pfeffernutz ™ dann ein Stück Steinpflaster, da beiß ich in das Steinpflaster rem, 8® an eine Mandelstelle, und da sitzt nu gerade ein Stück. Mandelschale, man ja nicht sehen kann ,weil alles die gleiche Farbe hat, und wen scharf zubiß war der halbe Zahn weg." „Und mit runterjeschluckt?" „Nein, fo weit kam es gar nicht. Ein Glück, daß ich warm« II im Ofen hatte. Da habe ich dann gespült und gespült, und nun P” , sich beruhigt. Aber nun sagen Sie, Runtschen, wie war es eist» ' Setzen Sie sich auf den Rohrstuhl, aber nicht zu nah da neben den ein bißchen Wärme wird er wohl noch haben." (Fortsetzung folgt.) ____,