Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Jahrgang MV Mitag, den März Nummer 2\ Vorfrühling. Von Paul Heyse. Stürme brausten über Nacht, Und die kahlen Wipfel troffen. Frühe war mein Herz erwacht. Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen. Horch, ein traut gefchwätz'ger Ton Dringt zu mir vom Wald hernieder. Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder? Dort am Weg der weiße Streif — Zweifelnd frag ich mein Gemüter Jst's ein später Winterreif, Oder erste Schlehenblüte? Oer Dichter Paul Heyse. Iu feinem 100. Geburtstage. Von Geheimrat Prof. Dr. Oskar Watzel, Bonn. Nachdruck verboten. Die Jahrhundertfeier von Paul Heyses Geburtstag fällt nicht auf eine Augenblick, der sich viel um den einst Hochberühmten und Hochgeschätzten kümmert. Vor einem halben Jahrhundert war Heyse in einer Zeit reichentwickelter Novellenkunst ein anerkannter Führer, als Schaffender wie als lehrender Wegweiser. Er galt für den größten Novellisten der Deutschen: seine Lehre von der Novelle, die sogenannte „Falken- t h e o r i«" — sie stützt sich auf Boccaccios Novelle vom Falken —, schien den Nagel auf den Kopf zu treffen. Gegen das Ende des Jahrhunderts hin begann die Abkehr von Heyse sich einzustellen und durchzusetzen. Bis heute wirkt sich das aus. Vor etwa einem Jahrzehnt meinte ein junger Forscher, der früh dahinging, der Tag fei gekommen, Heyse wieder zu neuem Leben zu wecken. Er legte Briefe Heyses vor und fügte ihnen sorgsame Erklärungen an. Sie sind wichtige Zeugnisse für Entwicklung und Wesen deutschen Dichtens, aber sie haben den Novellisten Heyse uns kaum nähergerückt, noch weniger den Dramatiker, nicht einmal den feinfühligen Lyriker. Dennoch war ein gut Stück Undank beteiligt, als die Jugend am Ausgang des Jahrhunderts über Heyse den Stab zu brechen anfing. Was oft geschieht, geschah auch da. Man verurteilt den Ervssner einer Bahn, auf der man selbst sich bewegt, verurteilt ihn, weil man auf dieser Bahn ein paar Schritte weitergekammen ist, macht ihm zum Vorwurf, daß er nicht gleich weit vordringt, übersieht indes, daß es schwerer war, die neue Richtung zu beginnen, als hinterdrein sie noch grundsätzlicher durchzuführen. Einer der nächstliegenden Belege für solches Schicksal ist Hein e. Ihn entwerteten am liebsten seine unmittelbaren Nachfolger. Hieß es eines Tages, Heine nehme Seelenvorgänge zu sehr in Bausch und Bogen, reiche nicht von fern heran an jüngere Fähigkeit, die feinsten Abschattungen von Seelenzuständen zu erfassen so kam der Vorwurf aus dem Munde von Dichtern, die zunächst von Heine gelernt hatten, versteckte oder auch gern verhüllte Seelenregungen aufzudecken. Sie hatten gegen Heine nur das ein« auszuspielen, daß — wie man das nannte — er nicht ganz so „differenziert" sei wie sie selbst. (Jetzt ist die hochgestiegene Differenziertheit der Menschen von etwa 1900 den meisten unwichtg geworden; freilich kommt das nicht Heine zugute, dem Ahnherrn der Ueberdifferenzierten.) „Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?" Fausts Frage wurde um 1900 von deutschen Dichtern ständig wiederholt, vor allem von Hofmannsthal und Schnitzler, überhaupt von den Wienern. Soeben erwog Heinz Mertens in einer tiefdringenden Arbeit die Vorliebe der Wiener Dichter aus der Umwelt Hofmannsthal für den unheldenhaften oder vielmehr passiven Menschen. Ueberkultivierte sind hier willensschwach geworden, sind nur noch von ihren Stimmungen abhängig. Jeder Eindruck kann ihr Handeln bestimmen und umstimmen, soweit bei derartig leidendem Verhalten noch von Handeln überhaupt die Rede sein darf. Che noch ein einziger dieser Wiener ein Werk veröffentlicht hatte, warf ein fachkundiger Erforscher von Dichtung — er war auch Oesterreicher — den Novellen Heyses vor, die Luft, die in ihnen ihre linden, lauen Wellen schlage, sei zu schwül, zu drückend. Augenblickliche Schwäche entscheide das Geschick, nicht nur der Sturm leidenschaftlichen Gefühls. Die Helden würden von Stimmungen getragen, sie hätten keinen festen, durchgreifenden Willen. Unmännlich nannte er sie. Dies Urteil zeugt für den nahen Zusammenhang, der zwischen Heyse und den späteren Dichtern besteht. Nur noch unmännlicher wurde bei ihnen der Mann. Stärker spricht bei Heyse noch die Stimme des Bluts. Leidenschaft fordert ihr Recht, überzeugt, daß jedes Verzichten nur Unheil bringe. Heilig ist für Heyse der angeborene Instinkt. Ihn im Dienst eines allgemein bindenden sittlichen Gebots einschränken, macht nach Heyses Ueberzeugung nur unglücklich. So stark spricht das Blut kaum noch bei den jüngeren Wienern; sie sind zu sehr gewöhnt, ihr Innenleben zu zerdeuten und zu zerfasern, ihr Instinkt ist gebrochen. Das gilt auch von ihren Menschen. An dieser wichtigen Stelle mag ihnen Heyse wie der Anwalt einer überwundenen Welt erschienen fein. Aber ihnen noch ist wichtiges Lebensziel, sich auszuleben. Was aber war djes „Sich-ausleben" anderes als ein bewußter Kampf gegen Selbstüberwindung und für die Wünsche der Triebe, der Kampf, der bei Heyse stets ausgefochten wird? Was im Blut liegt wirkt sich bei Heyse wie ein unüberwindliches Schicksal aus. Ist es Zufall, daß Heyse ungefähr zu der Zeit zu veröffentlichen beginnt, als auf deutscher Erde der Materialismus feine entscheidenden Siege erficht? Wirklich ist Heyse einer der frühesten deutschen Dichter, die dem Geist und der Fähigkeit, sich selbst zu bestimmen, sein Recht nehmen und es der Materie übergeben. Seine nächsten Altersgenossen und Freunde tun das noch nicht: Keller nicht und auch nicht Storm, am wenigsten Raabe. Gesehen vom Blickpunkt des Materialismus, der fortan — wenn auch unter wechselnden Namen — die Dichtung des Jahrhunderts, nicht bloß die deutsche, bedingen und bestimmen sollte? ist Heyse damals der modernste Dichtex. Auch von dieser Seite nimmt er vorweg, was die Wiener nur weitersühren. Mit dem Materialismus stimmt er überein in der Abkehr von einer Sittlichkeit, wie sie von Kant vertreten worden war. Dann in dem Aufruf zu Sittenfreiheit und zu Lockerung der Ehebande. Sein Roman „Im Paradiese" von 1875 bekämpft in solchem Sinne die bestehenden Zustände. Endlich nimmt sein etwas älterer Roman „Die Kinder der Welt" religiöse Gebundenheit aufs Korn und möchte in ihr ganz materialistisch nur „traditionellen Schlendrian" entdecken. Wie stark Heyse dem Materialismus zuneigt, wie willig er dessen Geschäft treibt, wird leicht übersehen. Er gilt als Dichter von edler, kunstvoll gezügelter Gebärde, als Träger eines Formwillens, der sich nach Goethes Vorbild an der klassischen Antike geschult hat. Materialisttsche Dichtung nimmt meist ungefügere Gebärden auf, hat vor allem eine unverkennbare Neigung zum Häßlichen. Das erwies sich noch zur Zeit der großen Erfolge Heyses, als der deutsche Naturalismus sich an Zola zu bilden anschickte. Heyses unentwegter Schönheitskult ließ damals vergessen, wieweit er schon demselben Materialismus sich ergeben hatte, dem, wie Zola, die deutschen Naturalisten huldigten. Tatsächlich blieb Heyse an der Stelle stehen, die schon von Heine erreicht worden war. Auch Heine wollte Schönheit mit materialistischer Weltbewertung verknüpfen. Als Heine gegen den Spiritualismus des Christentums, aber auch Kants, den Sensualismus der Antike ausspielte, gegen Nazarenismus den Hellenismus, wollte auch er eine neue Welk des Schönen anbahnen. Er stützt« sich dabei auf die Weltanschauung des frühen deutschen Materialismus. Noch drang er nicht so weit vor wie Heyse, tat später sogar ein paar Schritte zurück. Doch was ihm vorschwebte, die Wiedererweckung antiker Freude an sinnebannender Schönheit, trägt auch Heyses Dichten. Am greifbarsten erweist sich das an Heyses bezeichnendster, vielleicht auch bester Leistung, an der Novelle „Der letzte Zentaur". Heyses erste Premiere. Von Alfred Richard Meyer. Cs war der 14. Mai 1854. Im Hause des Universitätsprofessors, Mitglieds des Senats der Kunstakademie, Vortragenden Rats im Kultusministerium, Franz Kugler, in der unteren Berliner Friedrichstraße, unweit vom Belle-Alliance-Platz, flammten Kerzen in allen Räumen und ließen die Kopie des heiligen Franziskus von Murillo über dem Klavier heller aufleuchten, von dem leise Klänge den Polterabend des jungen Dichters Paul Heyse einleiteten, der des Hauses Tochter Margarete morgen als Gattin heimführen würde, des Kammergerichtsrats Hitzig Enkelin, der unser Poet allhier schon vor Jahren sein Märchen von Fedelint und Funzifudelchen erzählt hatte. Alle neun Musen schienen das Glück des jungen Paares segnen zu wollen. Die Einzelanreden an das Brautpaar waren verklungen. Verzitternder Gläserhall lag noch in der Luft. Da ertönte hinter einer primitiv auf- gebauten und durch dichte Vorhänge geheimnisvoll abgeschlossenen Bühne ein wiederholtes Klingelzeichen. Schnell setzte man die Stühle zum Parkett zusammen, vorne dem jungen Paar die Ehrensessel reservierend. Daß sich inzwischen ein paar der berühmtesten Gäste davongemacht hatten, fiel niemandem auf. Was es geben würde? Ein richtiges Theaterstück! Gewiß war es extra für den heutigen Abend geschrieben und würbe die Hauptüberraschung bringen. Ruhig! Und schon teilte sich der Vorhang beim letzten Klingeln über einer Szene, die in einem bürgerlichen Wohnzimmer zu spielen schien. Seltsam! persönliche Erinnerungen an Paul Heyse. Don Alfred Bock. verneigte sich Geibel und bahnte dem vierundzwanzigjährigen Kollegen und jungen Ehemann damit den sorgenfreien Weg zu Deutschlands schönster und unvergessener Novellenkunst. Das einstige Brotstudium der Philologie trug so hundertfältig prächtigere Früchte dank einen königlichen Mäzenatentum, das uns heute schon so legendär erscheinen will wie die Tatsache, daß wir des 100. Geburtstages von Paul Heyse in verehnings- voller Dankbarkeit zu gedenken haben. „Meine L e o p a r d i - Uebersetzung liegt weit zuruck. Ich weiß, daß es eine schwere Arbeit war, denn es handelte sich J)arum, eine Sprache -u finden, die dem tiefen Denker angemessen war. 5 'ha habe eine Ueberfülle von Ideen, darum lege ich als alter Mann die "Feder nicht aus der Hand. Freilich beschleicht einen die Furcht, man "’^Meiiw GZundhell" ist eine sehr gute^ Ich schlase wie ein Kind. Das starke Gewitter gestern Nacht habe ich nur w,e aus weiter F-rne 0Cf)3m April 1906 hatte ich von Venedig aus an Heyse nach Gardone geschrieben, ob ihm mein Besuch genehm fei. Umgehend kam die -Antwort, daß er mich erwarte. Heyse bewohnte die dick)t am See ge leqene Villa Annina. Abends gegen sechs Uhr ging ich zu ihm. 0 „Meine Produktion hat seither gestockt begann er, »weil ich bei meiner Frau Krankenpfleger war. Sie ist seit Monaten lewend und erträgt große Schmerzen. Das wirst einen Schmten auf unser Fami lienleben. Ich habe dabei die Verpflichtung gesiihlt, mich gesund zu erhalten und bin es auch. Ich habe meine„,?uegeze,chnete Konstitution von meiner Mutter, die selbst eine unverwüstliche Gesundheit besaß. Das Gespräch wandte sich dem literarischen Geb et.zu. Jan » Novellenstoffe im Kops haben", sagte Heyse, „dabei eine weittragende Romanidee rate ich entschieden, den Roman zu beginnen, ber em Erfolges sicherer ist als die Novelle. Es wundert michgar nicht, daßCie von Ihren Auslandreifen keine Stoffe mitbringen. Wer kann sich den« vermessen, als Durchreisender in fremdes Volkstum, gar '" die Seelen der Menschen zu bringen? Meine italienischen Novellen gebe ich gm preis Wirklich echt sind F ö r k e l s italienische Novellen. Uebrigens lebe ich solange hier, daß ich Land und Leute doch em wenig tennen- i gelernt habe. Meine Dramen arbeite ich ost um. Ich denke dabei a eine gute Geige, die erst schön klingt, wenn sie ein paarmal zusammen geschlagen und repariert ist Ich bin überzeugt, daß viele meiner Prosa arbeiten untergehen werde», daß aber meine Theaterstücke auf d-« Bühnen zu neuem Leben erwachen Gegenwärtig sind d e Herren Nea listen am Ruder, das besagt nichts. Es. wird eine Zeit kommen, Die meine Dramen wieder zu Ehren bringt." h£>rrefbe „Von jungen Jahren an bin ich in meiner Weltanschauung berfe» geblieben. Feuerbach und Spinoza sind meine *9* Es war nie meine Art, über die uns gesteckten Grenzen hinaus strevn zu wollen. In mir wohnt eine große Ruhe, die sich auch ohne Unsterb lichkellsglaube»e bewahrt.^ eine verbindliche Art den Menschen gegenüber. Im übrigen gehört sie zu den besten. Die SymbolPe beweguiig ist eine vorübergehende, sie ist schon tot. Ungern tourbe ich Ihren Arbeiten das hessische Element vermissen. Es gibt ihnen et Besonderes, Eigenartiges, was mir äußerst sympathisch ist. I * Dem Münchener Generalmusikdirektor, einem geborenen Gießener. Im Spätsommer 1905 war's, daß ich Paul H e y f e in München zum erstenmal besuchte. Mit sünfundsiebzig Jahren machte er den Eindruck eines Fünfzigers. Sein Gesicht war noch völlig faltenlos, die tiefblauen Augen strahlten ein lebhaftes Feuer, Freundlichkeit prägte sich in seinen Zügen aus. Er empfing mich in seiner Villa in der Lmsenstraße. ' 9 Ich war oft der Gast Carl Alexanders in Weimar , sagte er im Lauf der Unterhaltung. „Das Ideal des Großherzogs war — es blieb aber unerfüllt — einen neuen Dichterkreis um sich zu scharen, rote weiland sein Großvater Carl August. Einmal redete er mir eine gute Stunde lang zm meinen Wohnsitz nach Weimar zu verlegen. Ich lehnte ab. Ich hatte mich in der Enge des Weimarer Hosledens nicht roohlgesuhlt. Dort ist sich alles Tag um Tag nah, zu nah. Es werden an den einzelnen große Anspruä)e gestellt und der Gedanke, aus meiner Arbeit heraus nachmittags nach Ettersburg ober Belvedere an dos Hoflager befohlen zu werden war mir unbehaglich. Es geht nichts über die künstlerische Freiheit, die ich hier ge- nÜ|*c?tfam’roar” cs* mir’ mit Hermann von L i n g g ergangen. Produzierte er ein schönes Gedicht, so schrieb ich ihm begeistert. Er aber he> e für mich nie ein anerkennendes Wort. Das kam daher, weil er auf meine günstige materielle Sage mit eifersüchtigen Augen blickte, wahrend es ihm selbst nicht zum besten ging. Jetzt besorge ich eine Auswahl seiner Gedachte und habe meine Not, unter vielen Plattheiten Perlen zu einem Band aus sieben Bänden herauszufischen. ßingg verosfentlichte aus Not Gedickte die künstlerisch von ihm nicht zu verantworten waren. Ehe ich eine Arbeit niederschreibe, steht sie völlig fertig> vor meinem inneren Auge. Oft ringe ich zwei Jahre mit einem Stoff. Ist alles durchdacht geht die Niederschrift sehr rasch vonstatten. Meine Romane- und Novellenstoffe erzähle ich niemand. Das wurde mir den Dust wegnehmen. Anders halte ich es mit den Dramen, die ich gern mit meinen Freunden I bespreche? Hier hat man bei den Ausführungen nut einem vielköpfigen Publikum zu rechnen. In der Epik wende ich mich an ben emzelnen Leier und kann ganz meinem Eigensten und innersten folgen. Ich sprach mit Hermann Levi* einmal davon, wie sich ® c e 4 $ ? u c " f L-Moll-Snmphonie auf die bekannten vier Schlage aufbaue, aber aus uier geniale Schläge. So kann aus einem bedeutenden Motiv ein ganzes Bucl/entstehen.)Freilich kommt es darauf an, wie das Motiv angepackt Mn noch leltfom« muldcn bk zwd M>»|ch-N b- o»l dn Sz-N- Zb7l ‘’V«l)'rdCPjtun 1*3LUan1 ftiriu SioU Aller chlimmsten von ihnen habe man gar einen Preis ausgefetzt, um feinen ^anderen als den böfen Räuber Borfcht handle es sich. Der Mann und Gatte - ach, das war doch n^rnand anderes als , Freund Fritz Eggers, mit dem Paul Heyse »n Revolutlonsfahr mit Flinte und Schleppsäbel, eine Feder im grünen ,Schlapphut, 'M Studentenkorps mitmarschiert war und die Nachte un Schweizerfaal de I Schlosses Pbomit verbracht hatte, ganz unblutige Verse zu schm'eden oder auch politisch-patriotische Klänge, die dann, zustunmen mit denAutoren <-Er,Zt, crualer L K Aegidy, Bernhard Endrulat, als „Fünf- I Pebn neue deutsche Lieder" im Drucke erschienen. Fritz Eggers der nun auf der Bühne so tat, als ob er mit jener grau, einer Tante der ’Braut Margarete verheiratet wäre und Angst vor Räubergesindel habe. I Eine ganz witz- und reizlose Szene - mußte fiefy ber junge ^«utigam aefteben die — man konnte ja abwarten — vielleicht doch noch recht gewaltsam in irgendeinen Zusammenhang nut dem bislang so harmonisch verlaufenen Polterabend gebracht wurde. Warum lachte man denn da hinten im Parkett immer so unterdrückt — wo es doch bei Gott gar nichts zu lachen gab! Etwas unmutig sah sich Paul urn.^ Aber die Braut zupfte ^ihn leise am Aermel, die Aufmerksamkeit lieber wieder der Bühne zuzuwenben. ., „ I Da hatte sich ein seltsames Geräusch bemerkbar gemacht. Woher kam es? Das schienen auch Eggers und Frau, die so Nachdenklichen, nich zu wissen und noch nicht einmal zu ahnen. Ja — da war ja noch jemand auf ber Bühne, den man bislang gar nicht bemerkt hatte^ Ein Kind im schottisch-karierten Kinderröckchen, mit einem grell bemalten Pferdchen spielend. Dieses Pferd aus Holz — sa, das kannte Paulche» __weil er früher schon damit gespielt hatte und doch nicht recht daran I alauben wollte daß ihm dieses Tier schon srüh so etwas rote em Pegasus werden sollte! Woher tarn das Geräusch? Seltsam! Und wer war das Kind? Nein — das konnte doch nicht gut möglich sein! Aus dem winzigen Teppich spielte kein anderer als der als Kind verkleidete Adolf Menzel, der Äaler ber „Tafelrunde Friedrichs II. in Sanssouci" und des „Flötenkonzertes" daselbst, er ber gerade die Folge Aus König Friedrichs Zeit" dem Leipziger Holzschneider Kretzfch- mar übersandt hatte und an 600 - sechshundert! - kolorierten Lithographien Die Armee Friedrichs des Großen in ihrer Uniformierung arbeitete, von denen ein Gesamtexemplar weit über fünfhundert Taler kosten sollte! Menzel — hier Pferdchen spielend und „Dado! rufend, ab ganz langsam — aha, also daher kam das rätselhafte Geräusch! — unter dem Biedermeiersofa ein gewaltiger roter Haarbusch herDorgetrodjenp tarn ber dem Freunde Wilhelm L ü b k e aus Dortmund gehörte, der war damals noch Philologe und erst allmählich zum Kunsthistorlschen hin- übcrschwenkend, was er bisher nur mit einer Schrift über bte mit eb | elterliche Kunst in Westfalen bewies, aber gleichzeitig letzt hier auch kein anderer als ber gefürchtete und gesuchte Räuber Borscht, der kniend und händeringend das Ehepaar bat, ihn nicht zu "erraten, sondern ihn schweigend fliehen zu laffen. »Dada! meckerte noch einmal das Kind Menzel und zeigte stolz auf fein Pferdchen. Ja, tneCMti würben großmütig genug fein und Gnade vor Recht ergehen lassen. Und da fiel auch schon ber Vorhang. Lauter Beifall donnerte aus dem Parkett auf. Nur das junge Paar sah sich kopfschüttelnd au. Oder — täuschte sich Paul nicht? Lies da seiner lieben Margarete nicht cm spöttisches Lachen um die feinen, fest zufammengekmfsenen Lippen? Da aber ertönte das Klingelzeichen schon wieder — 3um zweiten und letzten Akt, der nur eine Fortsetzung des Unheimlichen bringen sollte. Da war wieder das Ehepaar und führte sein schon damals ach so berühmtes Kind Adolf an der Hand. Die Umgebung rmgs -das soll e ein Wald sein? Die Herrschaften sagten es wenigstens und wollten gar nicht damit einverstanden sein, daß Adolfchen hier Blumen suche. Denn man hatte sich im Walde verirrt! Wovon man freilich dem ahnungslosen Kindchen nichts verraten durfte. „Blumen! triumphierte das lustig durch die Gegend und fing erst mörderisch an zu schreien, als von links und rechts einige sehr verdächtige Gesellen mit rußgeschwärzten Gesichtern auftauchten und die Eltern barsch aufforderten, sich schleunigst aller Geldbörsen und auch der kostbaren Ooerkleider zu entledigen. „Wird's bald!" bornierte eine martialische Stimme die baß Erschrockenen an, die sich bleich in ihr Schicksal fanden und der häßlichen Aufforderung schnellstens nachzukommen suchten. Wie der böse Borfcht vorhin auf ben Knien, fo flehten sie jetzt viel einbringlicher um Gnade. Aber der dunkle, einsame Wald ringsum schien alle Hilferufe unbarmherzig zu verschlucken. Die Räuber blieben bei ihrem Verlangen, so sehr auch Klein-Adolf jetzt in das Jammern miteinftinimte. Da aber — betrat noch einer die Szene! Einer mit einem gewaltigen roten L-chopf: Wilhelm Lübke und Borscht zugleich! Woher kam er? Aus einem mit einer Decke verhangenen Kleiderschrank, der das dichteste Dickicht vorzustellen hatte ,^)alt!" schmetterte er durch seine Stimme und durch das Feuer seiner bezwingenden Augen die schnöden Gesellen nieder. „Hall! Und dann richtete er die zitternden Knienden artig und hilfsbereit auf: „Beruhigen Sie fich bitte! Ich bin es —I Borscht! Der dankbare Räuber! Wie das Stück sich denn auch „Der dankbare Räuber' betitelte, das damit beendet war und das — o, oh, jetzt dämmerte es Paul- chen dunkel, nicht ganz so dunkel, wie ihn eben noch das wilde Walddickicht angegraut hatte! — sein eigenes dramatisches Erstlingswerk war, daß er, ein Zwölfjähriger, einst in ein kleines Oktav-Schulheft geschrieben hatte — ganze sechs Seiten lang, von der Mutter liebevoll ausbewahrt und nun zur Uraufführung gebracht und dem unbändigen Gelächter der Polterabend-Gesellschaft des Sohnes ausgeliefert — ein Lacherfolg, rote er dem später so berühmten und gar als ersten deutschen Dichter mit dem Nobelpreis Ausgezeichneten nie roieder zuteil werden sollte, ihm, der nur wenige Monate später, nachdem die Cholera ihr Wüten in München endlich einstellte, befrackt und fchwarzkravattiert, wie es bei den Symposien Usus war, vom Hofmarschall Baron von Z o l l e r dem König Max II. vorgestellt und durch ein königliches Ehrengehalt ausgezeichnet „Ich lese täglich meine Zeitung. Auch um Politik muß sich der Dichte i .it kümmern, als er weih, was um ihn herum vorgeht. Politisch mitzuraten ist bedenklich. Wir haben es an Spielhagen erlebt, der jetzt schon bei Lebzeiten tot ist." „F r c y t a g wird in den „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" und in seinen „Journalisten" weiterleben. Seine „Fabier" sind ein weit besseres Stück, aber die „Journalisten" dienen dem Geschmack des Publikums, worauf es am Ende ankommt. Uebcrhaupt ist es doch der Stoss, der darüber entscheidet, ob ein Werk Dauer haben soll." Besuch am 8. September 1906 in München. „Seit wir uns in Gar- doiis zuletzt gesehen, habe ich viel durchgemacht. Das Magenübel meiner Frau will nicht weichen. Ich selbst habe mir in St. Moritz einen Bronchialkatarrh geholt. Schade, daß Sie nicht hier in München wohnen, wir könnten dann öfter unsere Gedanken austauschen. Ich will mit meinen jüngeren Kollegen die Fühlung nicht verlieren." Wir sprachen über Gottfried Keller. „Er war rauh und abweisend," sagte Heyse, „nur da, wo er sich zudringliche, ihm unsympathische Menschen vom Leibe halten wollte. Mir war er ein lieber Freund und gegen meine Damen von einer Zartheit, die ich ihm nicht zugetraut hätte." „Ich gebe demnächst einen neuen Band Novellen bei Cotta heraus und ein neuer Roman beschäftigt mich. Literarische Bewegungen habe ich in meinem Leben so viele mitgemacht und wieder verschwinden sehen, daß ich an ihre Dauer nicht glaube. Was hat denn Dauer? Wo Lebens- gefühl dahintersteckt und ein großer Mensch. Die Tendenz schadet, sie muß von großen Gesichtspunkten ausgehen und sich mit fern wirkenden Ereignissen verknüpfen." „Die Jungen legen mich zum alten Eisen. Wer sein Verhältnis zu mir gefunden hat, behält es pietätvoll bei. Die Mehrheit der jungen Literaten wundert sich sehr, daß ich immer noch aus dem Plan erscheine." „Ebers schrieb bei jedem Buch an fünfzig Rezensenten und forderte sie auf, über ihn zu berichten. Ich habe mich nie um Rezensenten in meinem Leben gekümmert. Meine „Kinder der Welt" werden bleiben, denn sie erleben immer neue Auslagen." Besuch am 6. November 1911. Wir reden über Keller. „Daß meine Tochter einmal in Zürich tüchtig Bier trank, hat ihr Keller so hoch an- gerechnct, daß er in seinen Briefen stets nach meiner trinkfesten Tochter fragte." „Meine Frau ist eben dabei, meine sechzigjährige Korrespondenz zu ordnen, die nach meinen Tod herausgegeben werden soll. Ich selbst kann die Sichtung nicht übernehmen, da zu viel wehmütige Erinnerungen in mir wachgerufen werden, wenn ich die Briefe der Abgeschiedenen sehe und lese." „In München gibt es keinen Pöbel, und jeder genießt die Freiheit, zu tun und zu lassen was er will. König Max rief fast jede Woche einen Kreis von Gelehrten und Künstlern, die ihm Vorträge halten mußten. Er war unablässig bemüht, den Kreis seines Wissens zu erweitern. (Seibel hat sich hier durchaus akklimatisiert. Auch Liebig gehörte zu unserer Runde." Heyse zeigte mir L e n b a ch sche Gemälde, auch einen wundervollen Böcklin, den ihm der Meister selbst geschenkt hatte. Ich entdeckte ein interessantes Bild C h a m i s s o s, das der Dichter Robert R e i n i ck gemalt hat. „Ich gehe jetzt an die Redaktion meiner Jugenderinnerungen", fuhr Heyse fort. „Als ich sie in Druck gab, war ich eben von schwerer Lungenentzündung genesen und sah nichts mehr durch, was ich nun nachhole." „Ich als Berliner habe mich hier in München schnell heimisch gefühlt. Das ungezwungene Leben, das Zurücktreten des Kastengeistes, die Freiheit, die jedem hier gewährt wird zu leben wie er will, das alles läßt Berlin vermissen. München hat eine alte Kultur, hat eine eigene Atmosphäre und umgängliche Menschen. In Berlin gibt es ein tüchtiges Kleinbürgertum, das in München fehlt. Die Unterhaltung, die meine alte Mutter mit ihrem Berliner Kutscher führte, wäre hier unmöglich. Eben weiß hier niemand, was es heißt „zu Muttern gehen", denn der Münchner bevorzugt vor dem Heim das Wirtshaus." Ich habe Heyses Worte so hingeschrieben, wie sie sich meinen Auszeichnungen gemäß zwanglos aus unseren Gesprächen ergaben. Seit dem Winter 1911 habe ich den Dichter nicht mehr gesehen, wohl aber öfter Nachricht von ihm erhalten, die von seinem wechselnden Befinden Kunde gab. Heyses letzter Brief an mich, datiert vom 4. Juni 1913, lautet wie folgt: Lieber Verehrtester! Ihre warmen Wort haben mir sehr wohlgetan. Ich fange endlich an, für Lebensfreunden wieder Sinn zu haben und keine bestätigt mich in der Erkenntnis, daß es der Mühe wert war, noch einmal ans Licht des Tages zurückzukehren, mehr und erquickender, als der Blick in Freundesaugen und der Druck von Freundeshänden. Ich hatte, nachdem die Hauptnöte überstanden waren, noch ein lästiges Nachspiel, Gicht und Vrouchialkatarrh, durchzumachen. Nun fühle ich mich in allen Hauptsachen frischer und kräftiger als vor der Erkrankung bis auf die geistige Regsamkeit, die nut zu etwas literarischem Handwerk, Uebersetzen italienischer Märchen und alter Komödien aus dem Cinquecento ausreicht. Doch ist das ja sehr vorteilhaft, weil kein seniler Trieb mich zu unzulänglicher Produktion verführt. Meine Frau ist von ihrer Kur in Baden bei Zürich seit zehn Tagen zurückgekehrt, hossentlich re bene gesta, was bie Nachwirkung beweisen soll. Ich aber kann meine vortreffliche „Schwester" noch immer nicht ganz entbehren, da ich durch Pflege von kundiger «eite verwöhnt bin. Auss Land, nach meinem lieben Bayrischen Gmein, wage ich mich nicht, ehe ich vor Rückfällen sicher bin und auf einen warmen Sommer rechnen kann. Doch in meinem Gärtchen läßt sich's wohl aushalten. Seien Sie herzlichst gegrüßt, werter Freund, und bleiben Sie hold und treu Ihrem uralten Paul Heyse. Karl Stieler sagt einmal von Heyse: „Man Ist nie eine Stunde chn ihn: zusammen, ohne daß man etwas fürs Leben mitnimmt." Wenn einer die Wahrheit dieser Worte empsunden hat, bin ich es. Ich habe Ule 311 denen gehört, die Über den „viekschreibenden Heyse" die Achsel gezuckt haben. Ich bin mir immer bewußt gewesen, was wir Jüngeren ihm zu verdanken haben. Seine Werke, insoweit sie überhaupt noch gelesen werden, erscheinen unserem jungen Geschlecht blaßblütig, sind der Jetztzeit fremd geworden. Dessen ungeachtet muh daraus hingedeutet werden, daß Heyse die Novelle zu einem hohen Grad künstlerischer Gestaltung brachte. Auch daß er sich als glänzender Uebersetzer italienischer Dichter bewährte, bleibt sein unbestreitbares Verdienst. In seinem Leben regierte das Glück. Vielleicht, daß es durch seine lange Dauer ein wenig von seinem Glanz verlor. In Heyses „Buch der Freundschaft" heißt es: „Was man in Wahrheit Liebe und Freundschaft nennt, muß auf einem Grund wurzeln, der mit dem Verstand nichts gemein hat, auf einem dunklen unerforschlichen und unergründlichen Zug der Natur." Die Wort« formulieren das Problem, von dem die meisten Schriften Heyses handeln. Nicht das seine Phantasie an die Tiefen des Unermeßlichen rührt, ober in seinen Werken waltet reine Menschlichkeit, heiliger Ernst. Und das Beste zuletzt: Heyse war ein ganzer Mann, der dem Finsteren, Verrosteten und Veralteten gegenüber das Recht der freien Persönlichkeit verkündet hat. Gemüt und Tonart. Von Dr. Anton Maye r. Viele Menschen, die den Steuerungen der bildenden Kunst und der Literatur gegenüber nicht eben allzuviel empfinden, geben sich rückhaltslos den Eindrücken der Tonkunst hin; sie fühlen sich freudig oder traurig und folgen, vielleicht ohne sich Rechenschaft zu geben, dem Ausdruckswillen des Tonsetzers, der ihnen eine Lösung ihres Innern ermöglicht. Es handelt sich nicht etwa nur um Opernmusik, die durch das Hilfsmittel der szenisck)en Handlung, des dramatischen Ablaufs der Geschehnisse auch dem musikalisch weniger geübten Ohre eine starke Stütze bietet; auch die sogenannte „absolute" oder reine Instrumental-Musik ist sehr wohl in der Lage, durch ihren Stimmungsgehalt den in der Tonkunst Unbewanderten fortzureißen: Melodie und Rhythmus spielen dabei die größte Rolle. Wenn wir von einer in den letzten Jahren gepflegten, jetzt bereits im wörtlichsten Sinne wieder im Slbtlingen befindlichen Komponierweift, der sogenannten „atonalen" oder, was dasselbe bedeutet, „polytonalen" Manier absehen, so werden Melodie und Rhythmus von den Tonarten getragen, in denen die jeweiligen Stücke geschrieben sind. Es ist nun ganz und gar nicht gleichgültig, welche von diesen Tonarten grade gehört wird; der Hörer braucht sich ihrer nicht bewußt zu werden, und wird in starker Weise von ihr geführt und bestimmt, etwa wie wenn jemand in Gedanken verloren einen Sonnenuntergang betrachtet, der die verschiedensten Gefühle zu erwecken im Stande ist, ohne sich mit Klarheit und Ueberlegung die Grundfarben der Himmels, ein tiefes Gelb, ein zartes Rosa, ein sacht aussteigendes Grün vor seine körperlichen Augen zu führen, da er mit denen der Seele genießt. Aehnlich verhalt es sich mit den Tonarten, deren psychische Werte nicht mit den leiblichen, sondern den seelischen Ohren vernommen werden. Es ist hier nicht der Ort, die sehr komplizierte Entstehung der Tonarten zu erörtern und ihr Verhältnis zueinander wissenschaftlich zu untersuchen. Nehmen wir also, ohne lange Vorstudien zu machen, ihre Vielheit als gegeben an, und betrachten wir ihre Charaktere, die für das musikliebende, aber nicht musikgelehrte Publikum von Wichtigkeit sind. Der erste und einfachste Unterschied, den auch der Laie sofort zu hören im Stande ist, dürfte der zwischen Dur und Moll fein. Nur soviel fei zum theoretischen Verständnis des Unterschiedes beider Arten gesagt, daß beim Grundakkord der Molltonart die Terz um einen halben Ton erniedrigt wird, also zur kleinen Terz wird; d. h. also z. B. für die Tonart C-Moll die Folge C-Es-G, während die Dur-Tonart C-E-G bringt. F-Moll: F-As-C, F-Dur: F-A-C und fo fort. Was hat es mit diesem Unterschied in Hinsicht auf den Ausdruck auf sich? Die Molltonart ist das Symbol für Trübes, Trauriges, Melancholisches, Weiches — wenigstens für unser modernes Empfinden; im 17. Jahrhundert mar es noch nicht ausschließlich so. Damals bedeutete die Molltonart, und zwar besonders G-Moll, auch Zärtlichkeit, Hlngegebensein; infolgedesftn wurden die Liebeslieder in Moll geschrieben, da den damaligen Menschen das Schmachten und Sehnen des unglücklichen Liebhabers, die verhaltene ßeb denschaft einer liebenden Frau nur durch die gedämpfte Stimmung der Molltonart wiedergegeben zu werden schien. Auch die Einstellung der Antike war, wie aus" der uns überlieferten griechischen Musiktheorie hervorgeht. eine andere zu dem, was wir heute mit Moll bezeichnen würden: ganz stimmt der Vergleich nicht, da die Tonfolge der Alten eine andere als die unserige war" Immerhin können wir die „dorische" Tonart der Grieck;en etma nrit unserem A-Moll identifizieren; Plato, der in seinem Buch „Der Staat" genaue Anweisungen über die Frage gibt, welche Tonarten zu empfehlen und welche zu verbieten feien, kommt zu dem Schluß, daß die dorische die Gemüter der Jünglinge infolge ihrer herben Trotzigkeit stärke, mährend die „lydische" in ihrer Weichheit (etwa E-Dur) die Herzen widerstandslos und schlapp mache — eine Stelle von großer Bedeutung für die Erkenntnis der ungeheueren griechischen Musikalität: denn wie sollte der Philosoph sonst zu solchen Vorschriften kommen, wenn die Einflüsse der Tonarten auf die Seelen der Griechen nicht in der Tat viel stärker gewesen wären, als sie es jemals in irgendwelchen anderen Zeiten und Ländern gewesen sind! Empfinden wir also Moll heute im allgemeinen als tragisch, die Tonart der Trauermärsche oder wenigstens melancholisch, so hat es doch geniale Komponisten gegeben, welche den Moll-Charaker zu andern verstanden, wie z. V. Beethoven in seinem hinreißenden Scherzo der neunten Sinfonie, in dem die Tonart D-Moll, die im ersten Satze von wilder und düsterer Zerrisfenheit ist, einen spöttisch-verwegenen Charakter bekommt, wie denn manchmal sogar eine diabolische Lustigkeit in Molltonarten zu finden ist. Caspars H-Moll-Lied im ersten Akt des „Freischütz" mit dem Plccolopsiss atmet in der Tat eine gewisse packende Verruchtheit, die uns mehr zu fesseln im Stande ist als Maxons etwas larmoyante Dur-Schwärmerei für Agathe. Wie überall, so gibt es auch hier eine ganze Menge Uebergänge und Grenzgebiete, so daß der Charakter einer Tonart im Laufe eines Stückes als wechselnder Ausdruck des Inhal- les veränderk werden Tann; Mozart ist ein besonders gutes Beispiel für eine so subtile Art der Tonartoerwendung, die besonders in den Mittelsätzen seiner Klavierkonzerte (etwa der A-Dur und des großen Es-Dnr) zu Tage tritt und ganz besonders meisterhaft im Duellterzett des ersten Aktes im „Don Giovanni" gehandhabt wird, da sich der Ausdruck des F-Moll von plötzlichem verzweifeltem Schmerz zu feierlicher Erhabenheit des Ewigen wandelt. G-Moll hatte für Mozart immer etwas Besonderes zu bedeuten; eine der schönsten Sinfonien und einige der schönsten Gesänge seiner Opern („Entführung", „Zauberflöte") stehen in dieser Tonart, die mit eigentümlichem Nachdruck aus seinen Werken hervorklingt. Es gibt eine ganze Menge Menschen, welche die Tonarten heraus- hören können; aber auch dieser Fähigkeit werden fast alle Musikalischen bestimmte Empfindungen assoziieren. Allerdings sind diese Dinge sehr individuell und nur mit großer Vorsicht auszusprechen, aber es lassen sich vielleicht doch einige allgemein gültige Bezeichnungen für den Charakter der Tonarten aufrecht halten. So hat C-Dur etwas sehr Strahlendes, Helles, auch Majestätisch-Pompöses im Klang, wie es in den „Meistersingern", der richtigen C-Dur-Oper, klar hervortritt; dem Aus- druck der Freude, der sicheren und gefestigten Heiterkeit, den besonders das Vorspiel und der Schluß des Ganzen, Sachsens Anrede und der letzte Chor „Ehrt Eure deutschen Meister", trägt, kann sich wohl niemand entziehen. Wie anders wirkt dagegen die gleichsam benachbarte Tonart Des- Dur, deren feierliche und überweltliche Klänge im „Ring", als Träger des Walhall-Motives eine wichtige Rolle spielen. Wiederum ganz anders scheint D-Dur, heiter und lieblich, wie geschaffen zu einer Romantik des Waldes, naturhaft und lebendig, während Cs-Dur schmetternde Kampfes- weisen birgt und nicht ohne Härten ist. Den größten Gegensatz bildet wiederum die Nachbarin, E-Dur, die weichste, anschmiegsamste unter den Tonarten; F-Dur dagegen ist wieder heiter und angenehm, Widerpart zu F-Moll, der herbsten, kantigsten der Moll-Serie. G-Dur klingt im Charakter ein wenig an C-Dur an, A-Dur, die Lohengrin-Tonart, hat ausgesprochen heldenhaften, lichten Klang, während As-Dur wieder sehr weich, schwimmend und As-Moll von großer Düsternis umgeben ist. H-Dur ist, ebenso wie B-Dur, für mein Empfinden nicht sehr charakteristisch, dagegen H-Moll von großer Verve und eben jener vorhin erwähnten teuflischen Lustigkeit, —'Mendelssohn liebte die Tonart für seine Capriccios. Wie gesagt: alles das ist schwer für aller Ohren zugänglich zu machen, wag aber doch als Erklärung dienen, warum Menschen unbewußt vom Geiste der Musik in die Regionen des Künstlerischen geführt werden. Oie Hinterlassenschaft. Von Fedor von Zabeltitz. Vor 66 Jahren scheiterte der kleine holländische Handelsdampfer „Hend- drik Sluytermann" im Südchinesischen Meer. Der größt« Teil der Besatzung konnte gerettet werden, unter den wenigen Passagieren stand nur ein einziger auf der Verlustliste: ein junger Kaufmann, der nach Singapore wollte, Herr Wilhelm Müller aus Berlin. Alle Nachforschungen nach ihm blieben vergeblich, man nahm an, daß er ertrunken sei. Etwa 52 Jahre später erhielt ein anderer dieses Namens, der Doktor Wilhelm Müller, Zoologe von Beruf, dank irgendwelcher guter Beziehungen einen Posten als erster Assistent am Sarawak-Museum in Kuching auf der Insel Borneo. Darauf hatte er nur gewartet, denn seine Spezialität waren gewisse Klein- und Strahltiere, Würmer, Zoophyten und derlei Viehzeug, das es gerade da unten in der Südsee in den seltsamsten Exemplaren gab. Natürlich ließ die alte Mutter des jungen Gelehrten ihren Einzigen ungern so weit fort, aber ein kleiner Trost fand sich doch dabei. „Willichen", sagte sie, „bei Borneo in der Gegend ist ja damals das Schisf gescheitert, mit dem Vaters ältester Bruder zugrunde ging. Gott, das ist endlos lange her, aber vielleicht erkundigst du dich doch mal nach der Geschichte, es wäre ja nicht unmöglich, daß sich da noch irgend etwas von der Hinterlassenschaft Onkel Wilhelms gefunden hat..." Natürlich versprach das der Doktor, um es bald wieder zu vergessen — er hatte auch wahrhaftig mehr zu tun, als der zweifelhaften Erbschaft eines vor einem Halden Jahrhundert verschollenen Onkels nachzuforschen, denn die Ordnung eines für die wissenschaftliche Forschung zwar recht bedeutsamen, aber arg vernachlässigten Museums auf diesem weltverlasse- nen Stück Erde nahm ihn stark in Anspruch. Nun geschah es eines Tages, daß ein malaiischer Fischer ihm einen Korb voll Korallenpolypen anbot, in denen es auch von allerlei winzigen Lebewesen, eig.nartigen Schnecken und Würmern wimmelte, die das Interesse des Doktors Müller lebhaft erregten. Der Fischer hatte seine Beute auf einer Koralleninsel gesammelt, die — wohl nach dem Namen ihres Entdeckers — als „Douglas-Croß" auf den Seekarten eingetragen, doch fönst so gut wie unbekannt war. Selbstverständlich beschloß der eifrige junge Gelehrte sofort, das Inselchen einmal persönlich in Augenschein zu nehmen, obwohl ihn der Fischer ängstlich davor warnte, weil dort „die bösen Geister schrien". Die malaiischen Geister kannte Müller indes schon zur Genüge, sie schreckten ihn nicht. Er rüstete «in seefestes Boot aus, versah sich mit einer kleinen Mannschaft und den nötigen Lebensrnitteln und machte sich auf die Reife. Nach zwei Tagen ruhiger Fahrt erreichte man den Atoll, ein flaches Gelände, im Innern uneben aufsteigend, mit Buschwerk und Wald bewachsen und anscheinend reich von Vögeln bevölkert. Man sand einen guten Anlegeplatz, ging an Land und suchte zunächst am Rande des ziemlich lichten Urwaldes einen geeigneten Flecken, um dort ein« Rasthüite anzulegen. Und da kam es zu einer ersten Ueberrafchung, die den Gelehrten wie gebannt auf den Kalkstein fesselte. Aus dem Walde schrie ihm nämlich eine kreischende Stimme entgegen: „Komm ran, Kümmeltürke!" Müller war In der Tat förmlich gelähmt stehengeblieben. Es war doch einfach unmöglich, daß sich zwischen den starkstämmigen Bäumen, des sonst von keiner Menschenseele bewohnten Eilands, ein lebendiger Berliner versteckt hielt. Denn die Stimme klang durchaus berlinisch und noch verstärkter in dem zweiten gellenden Zuruf: „Oller Düffel!" Aber In dem Augenblick, da Müller dieses Schmeichelwort vernahm, wußte er auch Bescheid. Ein Schwarm von Vögeln huschte in den Baumwipscln auf, zwischen rebhuhnartigen Tauben und metallisch schimmernden Sonnenvögeln, eine ganze Schar von meist grasgrünen, roten und blauen Papageien, die wild durcheinander schrien und schwatzten — jawohl, schwatzten, und zwar in deutschen Lauten. Es mußte also notwendig auf diesem kaum 40 Meter hohen, von Mangrovenwäldern und Korallenkalk umsäumten Inselchen ein Deutscher leben, der den Sittichen die heimische Sprache beigebracht hatte. Die Malaien waren bei dem wilden Geschrei ausgekratzt, aber Müller holte sie schleunigst zurück. Es galt vor allem eine genaue Durchsuchung der Insel nach dem geheimnisvollen Landsmann. Da fand Müller zwar, eine reiche Ausbeute an Schnecken, Spinnen und Kerbtieren und beim Eintritt der Ebbe auf dem entblößten Riff auch herrliche Korallenbildungen, aber keinen Menschen, nicht einmal eine menschliche ©pur. Und doch mußte hier ein Mensch, ein Deutscher, ein Berliner gelebt haben, und sicher jahrelang, denn wenn die Papageien auch gut entwickelte Sinnes- Werkzeuge, ein ungewöhnliches Gedächtnis und lebhaftes Nachahmungs- talent besitzen, so hatten doch immerhin die „Lehrstunden" geraume Zeit beanspruchen müssen. Der junge Mann hatte sich für einige Tage in feiner Hütte leidlich wohnlich eingerichtet und konnte die Vögel gut beobachten und behorchen. Es waren Papageien von mittlerer Größe, wie man sie auf den Südsee- infein vielfach findet, etwas schlank, mit kräftigem Schnabel und sehr schönem, meist einfarbigen Gefieder. Sie waren seltsam zahm, sahen reihenweise auf den Bäumen rings um die Hütte und ließen unermüdlich ihre Stimmen erschallen, mißtönend, doch immer mit deutschen Redebrocken von ausgesprochen berlinischer Prägung vermischt. Zuweilen glaubte der aufmerksam Lauschende auch ein nachgeahmtes Taubengurren zu vernehmen, und einmal hörte er ganz deutlich sogar singende Laute. Das war an einem Vormittag, da hatte ein niedlicher buntgefiebeter Sott mit pflaumenblauer Kehle und zinnoberroter Brust es sich auf einer Kokospalme bequem gemacht, schaute zu, wie der junge Herr frühstückte, wippte auf und ab und Hub auf einmal mit biegsamer Stimme zu singen an: „Mutter, der Mann mit’n Kooks ist da!" Das fang er — recht klar und deutlich, das Wort „Kooks" in einem grellen Schrillaut, doch auch verständlich. Man begreift, daß es dem ersten Assistenten des Sarawak-Museums beinahe ein wenig hinwirblig! wurde. Da saß er nun vor seinem Feuerchen, und ein verzauberter Piepmatz sang ihm einen alten Berliner Schmarren vor. Ja, natürlich — bet Doktor entsann sich, daß er den Schmarren einmal in einer Revue beim Vortrag einer Anzahl von Kabarettliedern gehört hatte, wie sie in bet Berliner Tingeltangeln der siebziger Jahre beliebt gewesen waren..,! Doktor Müller versank in Sinnen und schreckte von neuem auf, suhij förmlich in die Höhe, denn nachdem der liebenswürdige Papagei das Lied vom „Mann mit dem Kooks" ohne Aufforderung wiederholt hatte, retfit er den blauen Hals und rief schallend: „Morjen, Herr Müller!" Dann flatterte er davon zu seinen zeternden Geosscn — der jäh aufgesprungen! Mensch mochte ihn verscheucht haben, aber vom höchsten Gipfel der Pnt men begrüßte er ihn noch einmal mit einem „Morsen, Herr Müller!" Jetzt jagte Herrn Müller eine plötzliche Erinnerung durch das Hirn. Es war zweifellos, daß der Unbekannte, der die Jnfelpapageien unter' feine Erziehung genommen, den gleichen Namen getragen hatte, wie et — ja, konnte denn das nicht der verschollene, angeblich ertrunkene On!ck Wilhelm gewesen sein? War es so ganz unmöglich, daß der Oheim beim) Schiffsuntergang schwimmend hatte das Inselchen erreichen können? Hin war er freilich ab geschnitten von der Welt geblieben, denn zwischen bit Riffe wagten sich weder Dampfer noch Segler. Er hatte sich indes «o« dem, was Meer, Kokospalmen und Bufchfrüchte ihm boten, ganz gut ernähren können, vielleicht Jahrzehnte hindurch, bis er als alter Manu, in irgendeinem Urwaldwinkel friedfertig gestorben war, oder bis ihn eines Tages auf der Jagd nach Fischen und Schildkröten das Wasser verschlangen hatte. Und um sich die Langeweile zu vertreiben, hatte er die gelehrigen Papageien berlinisch sprechen gelehrt — und ein Vogel hatte dem anderen die Menschentaut« von Spree und Panke abgelernt, so daß W schließlich die ganze Gesellschaft im Dialektklang von Berlin O unb b unterhalten konnte. _yä| Für den Doktor Müller war die Sachlage geklärt. Aber für alle FW ging er doch noch einmal mit feinen Leuten auf die Suche, wiederum ob® etwas zu finden, was das Geheimnis von Douglas-Croß hätte restlos lös» können. Damit mußte der Neffe sich zufrieden geben, wenn in ihm die Gewißheit lebte, daß der Verschwundene auf diesem einsamen Ai«, vielleicht in hohem Alter, den Tod gesunden — und vielleicht sogar, oh® bis zum letzten Atemzug den gefunden Berliner Humor zu verlieren, b» er nun feinen Vögeln vererbt hatte. I Zu der reichen Ausbeute, die Doktor Müller nach Kuching mitnahm, gehörte auch der hübsche gesprächige Lori, der das Kookslicd so im fingen konnte. Den hatte er fangen lassen, aber nicht für fein Museum- der Papagei wurde vielmehr in seiner Amtswohnung untergebracht, um zwar in einem schönen großen Bauer, in dem er sein Bebauen fand, u lernte auch noch mehr, er lernte: „Morsen, Mutter Müller!" gleich zwanzigmal hintereinander, und der gute Sohn freute sich, daß u seiner alten Dame in dem freundlichen Tierchen wenigstens ein sprechen!«! Stück von der Hinterlassenschaft des armen Onkel Wilhelm mitbring» konnte... * Diese immerhin etwas merkwürdige Geschichte wurde mir (in ibr(* Grundzügen) auf einem Lloyddampfer zwischen Penang und Sumatra * einem deutschen Pflanzer erzählt, und zwar mit einem so tiefernst»! Gesicht, daß man Unrecht getan hätte, ihm ohne weiteres den Elan.) zu versagen. Es war aber bei Windstärke Neun. Das muß berückstaM werden. Derantwörtlich: Dr. Hans'Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch-- und Steindruckeret, A. Lange, Oiefl^ ö Iahrg $s ist Wäller, o sich restlos über Eisll Landkarte unersorfch Niemands pafinabet Norden g wir Erde Manch Menschen Gürtel voi Schnee no uerfjungeri Sonnensch wißenden ist es. Manchi in metallei sie im Eis Wie nenm Triumphes flattert bai ®in ganze- 3n der leit und z "Usfehn wi Niemandsl Namen oe: Die Me mshen bäu ichlagt sie 9rat und z< Stille v Unb da öfögeln ü! oline Ende. Marsch!! blocke krallt mit. Wie ei °°?r er stö Psc.l durch f[e|n« Flag Zeht, ai Wie bie "sich Südei ®irb er fli 3U begreife Morgen, Mert und 3urü