MeßenerZamilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zreitag, den lZ.Iuni Jahrgang 1930 Nummer 45 Wiesenglück. Von Adolf Georg Bartels. Auf einer Wiese zu liegen, 3m hohen Gras, Welch himmlisches Vergnügen, Welch Götterspaß? Die Blumen und die Bienen Und das kleine Getier, Die müssen mir alle dienen Und gehören mir. Ich brauche meine Hände Bloß auszustrecken. Um Länder ohne Ende Rings zu bedecken. Der Maulwurfshügel am Rande, Von oben ein Zwerg, Der ist in meinem Lande Der allerhöchste Berg, Und die Gräser sind die Bäume 3n meinem Wald, Der ist wie meine Träume So ururatt. Der Himmel ist so Ment, So hoch und so weit. Als gäb es gar kein Grau Und keine Zeit. Und aus dem Himmel regnet Eine Flut von Licht, Vom lieben Gott gesegnet. In mein Gesicht. Seitjames Abenteuer eines Engländers. Bon Hilaire B e l l o c. Diese Geschichte wurde erzählt im „Weißen Roß" von Storrington, einer kleinen Stadt in Sussex. Drei Männer unterhielten sich. Zuerst hatten sie von der Schulvorlage gesprochen, waren von da auf die Parlamentswahien gekommen, von da Mf eine Diskussion, ob di« Menschen unter dem einen Regierungssystem glücklicher seien als unter dem andern, von da auf die Macht des Geistes - auf die Allmacht des Geistes — und von da auf die Wirklichkeit der Erfahrung. Alle diefe Dinge wurden diskutiert im „Weißen Roß" zu vtorrington, als einer von den Männern sagte: „Ich will euch etwas erzählen, das mir einmal passiert ist." Er sann eine kleine Weile und fügte dann hinzu: „Das passierte vor Mi Donnerstagen." Und ohne den anderen Zeit zur Besinnung zu geben, lcS*e er plötzlich rapid los. „Ihr werdet euch noch erinnern, wie heiß es war vor drei Donnerstagen. Ich wanderte auf dem Wege von Thakeham hierher, und als ich zu "M dichten kleinen Wäldchen bei Roundabout kam, war ich so bedrückt ?on der Hitze, daß ich zu schlafen gedachte. Ich ging also in das Wäldchen, l09 eine kleine Weile, den Kopf auf der Hand, und blickte auf die tief- Wolken, die voll von Donner im Westen hingen. Und dann war ’ eingeschlafen. Das war gegen drei Uhr nachmittags. ß A wißt, es gibt «in Stadium zwischen Schlafen und Wachen, wo der Mit sehr bewußt ist — nicht allein seiner eigenen Existenz, sondern auch Swneneindruckes (3.33. äußerst empfindlich gegen Geräusche) —, ?wn aber dennoch sich zu keiner Bewegung entschließen kann und £Lle*n anderen fest zu schlafen scheint. Ich war plötzlich aus meinem ftin x r’n eben diesen Zustand geraten, als ich feststellte, daß ich nicht mehr mnh,, la$' ®5 war ein regelmäßiges Auf- und Abschwingen unter mir, taVt? wein Kopf bald viel höher als meine Füße stieg, bald wieder tinin.to1: nit$ ganz) auf die gleiche Höhe mit ihnen zurücksank. Für ieinprt.’*!uten (es können auch Sekunden gewesen sein) spürte ich darob et Neugierde, denn ich hatte ganz vergessen, wo ich war, — bis mich eine leichte Uebelkeit ankam. Es war nichts Schlimmes, denn ich bin das Meer gewöhnt, aber es genügte, mich zu beunruhigen. In,dem Augenblick nun, als ich meine rechte Hand unbehaglich ausstreckt« (wie- wöhl meine Lider noch geschlossen waren), fühlte ich irgend etwas Feuchtes, Rauhes unter meinen Fingern. Lässig streckte ich meine andere Hand aus; sie kam auf kaltes Eisen. Run riß ich meine Augen weit auf und fühlte im selben Moment eine scharfe Brise auf dem Gesicht und sprühende Gischttropfen. Ich hatte meine Augen bei jenem Punkte der Schwingung geöffnet, wo mein Körper nahezu horizontal lag. Darum konnte ich, als ich so lag, nichts als blauen Himmel sehen, sehr blauen und klaren Himmel, mit einem Wind, der durch ihn hinstrich, und zwei treibenden Wolken, di« ganz weiß waren. Es war kühles Wetter. Plötzlich, als die Schwingung wieder nach unten ging und mein Kopf hochkam, sah ich einen sprudelnden Gürtel von brauner und weißer See, wie sie gegen Ende einer Sturmbrise rollt, und sah mit dem gleichen Augenblick (wiewohl ich den Kopf, aus irgendeinem Grund, kaum bewegen konnte) daß rund um mich her ein Schiffsverdeck war und daß die Holzverschanzung kaum ein Pard von meinen Füßen stand. Auch konnte ich einen Hügelsaum von Säcken zu beiden Seiten vor mir sehen, und als ich eine Hand leicht rührte, fühlte ich unter meinem Kopf einen Wirrwarr von Seilen. Die ganze Zeit über roch und fühlte ich die salzige Feuchtigkeit, womit meine Kleider über- sprllht waren. Die Schwingung war ganz regelmäßig. Ich hatte jetzt jenen sprudelnden Schaumgürtel zum dritten Male erblickt und etwa die Zeit vor mich hingestarrt, in der ein Wrack abrollt, hochgeht und wieder abrollt ins Wellental, als ich irgendwo hinter mir, rechter Hand, eine laute Explosion hörte, die mein Verdeck zittern machte — worauf sogleich das Rumpeln von schweren kleinen Rädern zu hören war. Zwei Männer, die ich nicht sehen konnte, riefen jetzt zugleich irgendetwas auf Franzö- sifch, doch mit einer Aussprache, di« ich noch nicht gehört hatte, und irgend jemad ganz weit weg antwortete oder kommandierte ihnen in einer völlig anderen Sprache, die mir ein wenig wie Wälisch klang, nur etwas trauriger. Ihr müßt wissen, daß dieser Kanonenschuß abgefeuert wurde, als wir uns gerade gegen den Horizont zu überlegten, und als das Deck, auf dem ich lag, dann wieder fast ins Wagrechte zurückging und den Freibord meines Schiffsrumpfes gut überm Wasser zeigte: da kam sogleich jenes Rollen der kleinen schweren Räder, was wohl hieß, daß sie einen Zwölfpfünder «inholten, um ihn neu zu laden. Währenddem hört« man hinter diesen klaren, benachbarten Geräuschen ein lautes und konfuses Gewirr von Schreien, Kommandos und dem Gerenne nackter Füße — was alles übertönt wurde von der See, die langsam an uns andröhnte: denn das Schiff schien keine Fahrt zu haben. Ihr könnt euch denken, wie hartnäckig ich versuchte, meinen Kopf hochzuheben, denn die ganze Sache war mir so frisch und neu und fremd wie nur irgendetwas, doch als ich mich dazu anstrenge, fühlte ich einen so scharfen Schmerz bei der Halsbewegung, daß ich mein Kinn wieder in seine ursprüngliche verkrampft« Lage auf der Brust zurücksinken ließ. Bei diesem Tun spürte ich den unmißverständlichen Schmerz, die leichte Spannungsmilderung und zugleich das wann« Tröpfeln auf der Haut — was alles bedeutet, daß man eine Wunde geöffnet hat; und so wahr lebte ich mich in jenem neuen Leben, daß ich mich noch erinnere, wie ich bei mir dachte: „Verdammt! Hab ich diese Wunde wieder aufgerissen." Hinter mir feuerte wiederum die Kanone, und zwar jetzt mit einer leichten Richtungsänderung, denn das Ricochet prallte noch in meinem Gesichtskreise auf einen großen brechenden Wellenkainm in etwa 400 Parbs Entfernung — unmittelbar worauf ich, näher bei, das Vorrücken eines Schiffes beobachten konnte. Zwei feiner Masten standen, der dritte war heruntergefchofsen; doch schien di« Takelage nur wenig beschädigt und man sah kaum ein paar Schußlöcher in der geblühten Leinwand. Trotz des Verlustes vom Besanmast ging das Schiff hübsch stark geneigt unter Winde, und da sein Großsegel natürlich hin war, so trug es die englischen Farben an einem Signal-Fall des Hauptmastes. Wie es jetzt in dem Wellengürtel vorwärts- gtitt (den ich bei jedem Rollen wieder in Sicht bekam), halle man glauben können, daß es ein verklärtes Schiff fei, denn seine Segel waren nicht schmutzigtrüb, sondern voll von der Glorie des Sonnenuntergangs, dessen Farben ich nun zum erstenmal hier auf der Leinwand Widerscheinen sah. Das Schiff war kaum auf gleiche Höhe mit uns gekommen, als es ein wenig abdreht« — und unmittelbar darauf sah ich Feuerblitze da und dort, vom Verdeck, wie von der oberen Schießpfortenreihe gleich darunter. Seine unteren Bordluken waren geschlossen. Es hat die Sache in seinem Logbuch wahrscheinlich als Breitseite verzeichnet, aber ich kann hier bezeugen (falls man des Schiffes Namen je erfahren sollte), daß es schwer verwundet war trotz all seiner Staats» toilett«, denn diese Breitseite war ziemlich auseinandergerenkt. Kaum hatte der Pulverrauch seine untere Takelage vernebelt, und bevor noch die Brise ihn wegblasen konnte, hörte ich zwei dumpf« Detonationen, auf tzeren eine die Schanzverkleidung hier sich langsam nach innen neigte und dann krachend herunterkam zu meinen Füßen. Da war nur wenig Antwort von unserer Seite. Es kam da eine Menge Geschrei, sowohl von hinterwärts, als auch von dem, was, nach der Bewegung des Schiffes zu urteilen, der vordere Teil fein muhte, aber kein Geschütz wurde abgefeuert und es war auch kein klares Kommando zu unterscheiden. Das Schiff vor uns, das erst ein wenig in den Wind gegangen war, glitt jetzt wieder vor, und ich wußte, daß es sich zu einem neuen Feuer- «ngriff anschickte. Er kam, und als ich seine Wirkung abwartete, so knallte eine unermeßlich lautere Explosion rund um mich her, welche die ganze Luft zerriß und verdunkelte, und mich selber in eine momentane Ueber- lebendigkeit schüttelte, die zugleich völlige Verwirrung war. Ich dachte irgendwie an meine Wunde und richtete mich mit Gewaltanstrengung halb auf; doch als ich es tat, immer noch völlig blind oder, wie mir schien, in undurchdringlicher Dunkelheit, so wußte ich, daß ich sie wiederum aufgerissen hatte. Wo vorhin ein Tröpfeln gewesen, dort sühlte ich nun einen Strom von Blut; und jene furchtbare Schwäche befiel mich und jenes Entgleiten des Bewußtseins, die von einem plötzlichen Blutverlust herrühren. Ich öffnete die Augen mit dem Blick, den Menschen in Verzweiflung um sich werfen, und sah wiederum klar di« Baumäste, die Gewitterwolken, und den heißen Himmel von Sussex. Für eine kleine Weile fühlte ich noch die Müdigkeit, welche, vielleicht, bloß die Müdigkeit meines Schlafes war. Sie verging, ich stand auf und schritt aus und kam in diese Stadt. Was macht ihr nun aus diesem Erlebnis?" Als er diese Frage getan, verharrte er eine Zeitlang in Schweigen. Er bekam keine Antwort. Dann setzte er hinzu: „Das war so wirklich, wie nur irgendeine Wirklichkeit, die ich erlebt habe." Sein Antlitz und sein Ton, als er so sprach, waren Ton und Antlitz eines Menschen, der sich an etwas kürzlich Geschehenes, Klares, Bestimmtes erinnert; und sicherlich war, was ihm zugestoßen, dieses, daß auf ihm die Zeit sich überejnandergestürzt hatte ... er war an Bord des „Jacobib" gewesen, gerade am Schluß des Gefechtes vom 1. Juni 1794. (Berechtigte Ueberfetzung von Sigismund v. Ra deck!.) Kaiser-, Zar und Max Meinhardt. Ein selbsterlebkes Vorspiel zum Weltkriege. Von Professor Georg Fuchs. Max Reinhardts Bühnenjubiläum mag daran erinnern, daß der frühere Kaiser Wilhelm II. eine unüberwindliche Abneigung gegen Reinhardt zeigte und ihn nach Möglichkeit vermied. In München aber wäre es um ein Haar geschehen, daß der Kaiser in einer Weise mit Reinhardt zusammengekommen wäre, die es unmöglich gemacht hätte, diesem anders als höchst anerkennend gegenüberzutreten. In den Jahren 1909 bis 1911, welche ja auch die eigentlichen Geburtsjahre des Weltkrieges gewesen sind, kam Reinhardt allsommerlich nach München, um die Festspiele im Künstler-Theater und die Monumentalaufführungen in der Volksfestspiel- Halle zu leiten. Da beide Institutionen von mir ins Leben gerufen waren und ich mit Reinhardt im künstlerischen Betriebe derselben ständig zu- sammenwirkte, so kam es, daß ich eines Tages vor eine höchste Stelle der königlich bayerischen Hofhaltung in die Residenz berufen wurde. Dort ließ man mich bei allen Göttern, bei den oberen, wie bei den unteren schwören, gegen keine Menschenseele etwas von dem verlauten zu lassen, was man nun mit mir besprechen wolle! Nämlich: im Spätsommer werde der Besuch des Kaisers erwartet und es bestehe die Absicht zu dessen Ehren ein großes Künstler- und Gartenfest mit Theater im Nymphenburger Parke zu veranstalten. Alles müsse mittun, um nicht nur dem naifer, fonbern aller Welt zu zeigen, was die Kunststadt München be- deute. Ich sollte sofort Vorschläge machen und insbesondere auch mit Reinhardt sprechen, ob er mit seinem, ohnedies hier im Künstlertheater tätigen Ensemble eine Festaufführung auf einem von Emanuel Seidel zu errichtenden Parkthcater inszenieren könne. Es sollte dabei auch die Garnison Mitwirken, und zwar sollten die Regimenter die Anfahrtsallee und das weite Rund vor dem Schlöffe mit Fackelträgern besetzen und ebenso die Parkwege bis zu der Stelle, wo die Bühne aufqeschlaqen fern werde. Pioniere sollten die von unseren nahmhaftesten Künstlern herrlich geschmückten Prunkbarken und Gondeln steuern, auf denen Gruppen der schönsten Frauen und Mädchen in wundervollen Gewändern beim Klang eines Waldorchesters und feierlicher Chorgesänge zur Ausführung heranfahren würden; worauf ich vorschlug, auch die Darsteller auf einer Prachtgaleere über den Teich bei der Amalien-Burq heranseqeln ' Olsen und die Galeere selbst am Schlüsse in einem Riesenseuerwerk aufzulosen in der Art, wie man im Barockzeitalter am spanischen Hofe die pompösen Parktheateraufführungen abzuschließen pflegte, zu welchen t^ilderon einige seiner schönsten Phantasmagorien gedichtet hat. Man schärfte mir aber em, allen Leuten, mit denen ich insgeheim wegen dieses Planes Fühlung nehmen werde, unbedingte Verschwiegenheit aufzuerlegen; denn es wäre von Berlin aus vertraulich mitgeteilt worden daß « Außenpolitische Lage sehr gespannt sei, insbesondere das Verhältnis zu Rußland, und daß man sich deshalb vorbehalten müsse, in letzter Stunde nod; abzusagen. Damit das aber keine Beunruhigung Hervorrufe, so dürfte der geplante Besuch zunächst unter keinen Umständen bekannt werden. Die Münchener haben auch in der Tat nie etwas davon erfahren welch eine festliche Kunsttat ihnen damals zugedacht war; denn noch hatte nicht das geringste geschehen können, als man von hoher Stelle aus unter rn!?9eJer Vertraulichkeit davon verständigte, daß der Kaiserbesuch "’T st?"f'uden werde; der Monarch müsse ein Ostseefahrt unternehmen abzuwe'nden^ ^aren Zusammentreffen, um eine drohende Kriegsgefahr -wer anderen Seite hin hatte diese Idee ihre zeit- politischen Hintergründe. Es ist bekannt, daß der Kaiser in seiner Abneigung gegen Reinhardt niemals eine von dessen Aufführungen besucht hat, obwohl seine Söhne, namentlich der Kronprinz Wilhelm und Prft- August Wilhelm mit Reinhardt befreundet waren und dem Kaiser wiederholt nahelegten, fein Vorurteil fallen zu taffen. Denn es war wirklich nur ein Vorurteil, was den Monarchen in diesem Falle zu seiner schrosftn Haltung verleitete, die ihm in weiten Kreisen der Intellektuellen ganz unnötig sehr viele Antipathien erweckt hat. Die Abneigung galt nämlich eigentlich gar nicht Reinhardt persönlich, sondern dem Berliner Deutschen Theater. Als Brahm noch dessen Direktor war, hatte er gegen den ausgesprochenen Willen des Kaisers die Aufführung von Gerhart Hauptmanns „Webern" von den Behörden geradezu ertrotzt. Darüber war der Monarch derart empört, daß er sich verschwur, niemals mehr in feinem Leben das Deutsche Theater zu betreten! Als nun Reinhardt, der mit dieser Sache nicht das Geringste zu tun gehabt, der Nachfolger Brahms in der Leitung des Deutschen Theaters wurde, blieb der Kaiser auch ihm gegenüber bei seinem Vorsatze, und da die Presse ihn oftmals deshalb angriff, so entwickelte sich daraus auch eine Abneigung gegen Reinhardt. — Was nun, wenn Reinhardt die grandiose Festaufführung im Nymphenburger Parke geleitet und dafür — was ich im Hinblick auf bie Opfer, die Reinhardt für die Aufführungen im Münchener Künstler- Theater gebracht, dringend erhoffte, — eine Auszeichnung erhalten hätte und dem Kaiser vorgestellt worden wäre? — Gelinder Angstschweiß zeigte sich auf den Stirnen der höfischen Diplomatie, als ich dies heikle Problem anschnitt. Ich glaube, man war froh, daß die hochpolitische Ostseesahrt - bekanntlich einer der letzten Versuche des Kaisers, die zum Ausbruch des Weltkrieges hintreibende Entwicklung aufzuhalten — der Notwendigkeit enthob, es lösen zu müssen. Damit wir nun nicht ganz umsonst uns in solch barocken Wunderträumen gewiegt hätten, lud uns nun Emanuel von Seidel nach Murnau, um in seinem Parke den „Sommernachtstraum" aufzuführen. Das sollte nun erst recht ein königlich-phantastisches Hof- und Künftlersest im Sinne der großen Barock-Epoche werden, und zwar zu Ehren der Königin der Belgier, der Schwägerin des Kronprinzen Rupprecht, und der inzwischen hochbetagt verstorbenen Königin von Neapel, einer geborenen bayerischen Herzogin, die sich in den italienischen Revolutionswirren der vorigen Jahrhundertmitte als „Heldin von Gaeta" Ruhm erworben hatte. Auch andere Mitglieder des Hauses Wittelsbach, der Hofgesellschaft und vor allem die Elite der in den Kriegs- und Umsturzzeiten untergegangenen künstlerischen Gesellschaft Münchens waren unter den Gästen, denen Meister Seidel im Bunde mit Meister Reinhardt ein unvergleichliches Fest bereitete, ein Fest auch insofern, als die künstlerische Gesellschaft des damaligen München selbst das Festlichste bei solchen Anlässen darstellte durch die Fülle schöner Frauen und interessanter Männer sowie durch den erlesenen Geschmack in der Pracht des Kostüms und des Dekors. Man muß erlebt haben, was Reinhardt aus diesem kostbaren Material in einer märchenhaften Umwelt am Fuße einer schneeig schimmernden Hochgebirgskette zwischen Hainen und Weihern, auf verschwiegenen Waldwiesen und dunklen Teichen zu formen wußte, um zu ahnen, was das eigentlich Geniale in Reinhart ist: die Bühne des geistigen Lebensrausches, die Bühne der künstlerischen Lebenserfüllung, für welche jetzt auch in der Nachkriegsmenschheit das Verlangen immer stärker zu erwachen scheint. So wurde denn damals auf dem gastlichen Landsitze Seidels die hier versammelte künstlerische und Hofgesellschaft selbst zum atheniensischen Theseushose, als damals in Murnau, während letzte Abendröte einen geheimnisvollen Schimmer über den Heimgarten und den Herzogstand breitete, die Elfenkönigin auf einem schneeweißen Einhorn, geführt von einem weißbärtigen Riefen, zwischen bekränzten Fackelträgern durch ein alles Barockportal in den Zauberwald des Parkes einritt, um auf phantastischen Felsensteigen zwischen brausenden Wasserfällen jene Waldwiese zu erreichen, wo der Mitsommernachtstraum schon von der Natur selbst geträumt wurde. Es bedurfte nur des Zauberstabes und des Zauberwortes, um ihn in die Sichtbarkeit hervorzurufen. Stardirigenten. Von Dr. Anton Mayer. Die Persönlichkeit des Orchesterleiters steht seit einiger Zeit im Mittelpunkt des musikalischen Interesses; eine große Anzahl kunstsreu- diger Menschen richten ihren Opern- und Konzertbesuch nicht mehr, wie es früher geschah, nach den auftretenden Sängern oder spielende» Virtuosen, sondern nach dem Dirigenten ein, von dessen StabsühnW sie sich besondere Offenbarungen, nicht eben selten wohl auch aufregend Sensationen versprechen. ., Diese Erscheinung hat ihren speziellen Grund in der Komplizier heil, zu der sich das Orchester im Laufe der letzten hundert Jahre em= wickelt hat; im letzten Jahrzehnt des neunzehnten und in der erst Zeit des zwanzigsten Jahrhunderts hat diese Entwicklung das schneM Tempo eingeschlagen. Wagners Partituren mit Ausnahme „Tristan" bieten, was die Zahl und Verwendung der Instrumente nn- geht, noch ein verhältnismäßig einfaches Bild; so weift z. B. das „Meisten singer"-Orchester unter Hinzufügung von Baßtuba, Harfe und Iriiw die Zusammensetzung des Orchesters auf, das Beethoven im letzm Satz der fünften Symphonie verwendet. Aber schon bei RuU" Strauß verschiebt sich die Verwendung der Instrumente, neue ® . stellten, anders gestimmte Klarinetten, das Heckelphon* und die Cem treten auf, die Möglichkeiten der Farbenmischung im Klang w1' immer größere, Komponisten wie Mahler und Schillings spw" das vielmaschige Gewebe der Partitur immer weiter, bis schließlny den letzten Jahren durch die Einführung der Jazzinstrumenie ihrem Zupf- und Schlagzeug eine ganze neue Kategorie im ernstM großen Orchester erscheint, die bis dahin auf Cafes und Kabaretts « Negerdarbietungen beschränkt geblieben war. Cs ist also nicht M wundern, wenn das Publikum, von dem Glanz, der Neuheit, Prunk und dem Abwechslungsreichtum der heutigen Orchesterklange i * Bariton-Oboe. Sinn tui gc: un Sc we der Pa der M rar titu am We bra befi »er! zu Dir eine fach nem und Diri mad Epo Lag, Tai Part oder gesp> wese eine kalisc »uni A der den i Harm der ' jensei Auge allein zu n kenne treibu Klane Nuan Klarh grade als ft gesühi probt mit t Streit nach der S genüg noch in dii wird gelegt W auf a gewest fannt ftnters geruht der (5 Vayre Ali “agn nafür( Moza, Kapell Weifen »Triste Zu lös für di Seine die S( genten • Sri zart, Stäbti Iprochi der G Wähler Furt kiassisel ®er n Kräfte besucht > Prinz wieder- wirklich chrosjen w ganz nämlich eutschen en aus- Haupt- war der t seinem der mit Brahms ser auch als des- >n Rein- t'ung im ’ aus die Künstler- ten hätte ätz zeigte Problem efahrt - >ruch des »endigkeit Wunder- Murnau, Das sollte im Sinne nigin der nzwischen ayerischen : vorigen itte. 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Aeußerlich wäre somit die überragende Stellung des Dirigenten unserer Tage ganz berechtigt; wir dürfen aber nicht vergessen, daß die Schwierigkeit eines Orchesterstückes oder eines musikdramatischen Bühnenwerkes nicht nur von der Kompliziertheit seiner Instrumentierung und der Anzahl der mitwirkenden Musiker abhängt. Es gibt ganz einfache Partituren, wenigstens solche, die ganz einfach aussehen, und trotzdem zu den gefürchtetsten Aufgaben des Kapellmeisters gehören. Die Opern Mozarts, hauptsächlich „Don Giovanni" und „Cosi fan tutte", rangieren, obgleich jeder auch nur einigermaßen geübte Laie ihre Partituren ohne große Mühe zu lesen vermag, unter die Musikdramen, welche am meisten vom Orchefterleiter verlangen; denn hier müssen die inneren Werte der Musik mit sehr viel einfacheren Mitteln zum Ausdruck gebracht werden als bei einem, schon durch die Vielheit seiner Klänge bestehenden Werke. Mit Beethovens und Bachs Schöpfungen »erhält es sich nicht anders, so daß also die 'Fähigkeit, moderne Werke zu dirigieren, noch keine ausreichende Prüfung für die Begabung eines Dirigenten zu bilden vermag. Diese Erkenntnis hat sich denn auch bei einem großen Teil des Publikums Bahn gebrochen, und die alten, vielfach bis zum Ueberdruß abgespielten Werke haben neuen Glanz und neues Aussehen gewonnen, wenn einer der Lieblinge des Konzertsaals und der Opernbühne seine Kräfte an ihnen zeigte. Die Technik der Dirigenten ist natürlich mit den umfangreicheren Aufgaben ebenso gewachsen, wie die Technik der Pianisten, denen die Schwierigkeiten der Epoche vor 50 Jahren gar nichts bedeuten; vielmehr sind sie in der Lage, technische Wunder zu vollführen, an die zur Zeit Liszts oder T a u s i g s noch niemand zu denken gewagt hätte. So waren denn auch Partituren wie Alban B e r gs „Wozzek", M i l h a u d s „Columbus" ober Kreneks „Orestes" — ohne daß hier gerade von ihrer Qualität gesprochen werden soll, früher nicht zu denken und zu dirigieren gewesen; da Technik aber immer etwas Erlernbares ist, wenn anders eine dahingehende Begabung vorhanden, so sollte diese Seite der musikalischen Betätigung niemals allzuhoch bewertet werden, so viel Bewunderung sie auch wert ist. An der Spitze der modernen Dirigenten steht Arturo T o s c a n i n i, der nach seinen beispiellosen Berliner Erfolgen vom letzten Jahr zu den diesjährigen Festspielen mit seinem Orchester, den Neuyorker Philharmonikern, aus 'Amerika herüberkam. Er gehört dem Verband« der Mailänder Scala an, hält sich aber jedes Jahr einige Monate jenseits des Ozeans auf. Er ist ein Gedächtnisphänomen, da ihn ein Augenleiden zwingt, alles auswendig zu dirigieren; es ist schwer, sich allein von der Gewaltigkeit der mnemotechnischen Leistung ein Bild zu machen. Seine Interpretation von Werken, die jeder genau zu kennen glaubt, wie etwa des „Troubadours", bedeutet ohne jede lieber« treibung eine Offenbarung, da sich das Bild der von ihm geleiteten Klangkörper, fei es Chor ober Orchester, in ganz neuen Farben, Nuancen und Tönen vor den Ohren der Zuhörer aufbaut. Durchsichtige Klarheit, architektonischer Aufbau, feinste Schattierungen aller Stärkegrade und besonders eben jene der genialen Intuition entspringende und als solche mit Worten nicht näher zu fassende Verinnerlichung der auf- gesührten Werke bilden die charakteristischen Elemente seiner Kunst; er probt zwar nach allem, was von seiner Arbeitsmethode bekannt ist, mit völliger Rücksichtslosigkeit, ohne Zeit und Kräfte zu scheuen; das Erreichte ist denn aber auch unübertrefflich. Man erzählt sich, daß er nach der ersten Aufführung der neu einstudierten „Meistersinger" in der Skala die Oper vom Spielplan absetzte, weil sie ihm noch nicht genügend gut durchgearbeitet schien und, ehe er sie wieder aufführte, noch weitere drei Wochen Proben abhielt. Er wird zum ersten Male in diesem Jahr einige Werke der Bayreuther Festspiele dirigieren, es wird mit Spannung erwartet, wie er sich in den durch Tradition festgelegten Rahmen der Aufführung fügen wird. Wagner ist übrigens, als er infolge der Mißerfolge feiner Opern Geld auf andere Weise verdienen mußte, eine Zeitlang reisender Dirigent gewesen; obwohl bai^ats ber Begriff bes „Stardirigenten" noch unbekannt war, ist er als einer ber genialsten Orchesterleiter aller Zeiten Interpret vieler Werke gewesen, bie, für uns unvorstellbarer^veise, lange gerutjt hatten, wie z. B. ber neunten Sinfonie; er leitete sie zur Feier der Grundsteinlegung des Festspielhauses im alten Rokokotheater zu Bayreuth. Als Komponist und Dirigent in gleicher Weise ausgezeichnet ist Wagners großer Verehrer Richard Strauß, der, moderne Werke natürlich in der Vollendung beherrschend, eine besondere Qualität als Mozartbirigent hat, wie er während seiner Berliner und Wiener Rapellmeisterzeit sowie anläßlich der Salzburger Festspiele oft zu be- «ns-n Gelegenheit hatte. Aus feinem Munde weiß ich, daß er den ,,-triftan" für die vielleicht schwierigste Aufgabe Hält, die ein Dirigent 3u lösen haben kann, und daß er feine Interpretation ber „Elektra" mr die vollkommenste ansieht, welche biesem Werk zuteil werben kann, ^eine große Leichtigkeit unb sein Talent, am Cembalo ober Klavier on Seccorezitation älterer Opern zu begleiten, finb als besondere Diri- gententugenben hervorzuheben. ' Bmno Walter finbet seine Höhepunkte wohl ebenfalls bei Mo- L"ri, mssen „Entführung" er vor einigen Jahren in ber Berliner ,Oper ganz meisterhaft leitete; feine Liebe gehört in ausge« iprottjener Weise ber Oper, also ben drei größten Musikdramatikern Mozart, Wagner unb Verbi, bei benen er sich c> wer fühlt als bei ben ganz Mobernen. Im Gegensatz zu ihm ist klniur h 9 r e r ausgesprochener Konzertbirigent; seine Wiedergabe nennt » Eerke (als berühmte Glanzleistung sei hier Beethovens Fünfte 61 r n -Un^ Döberner Kompositionen, wie bes „Sacre du Printemps" Der „ ® - s-1kys, finb in ber Tat von hinreißendem Schwung getragen. Sräf. s Junge Star bes Dirigentenpultes scheint in letzter Zeit feine 1 Oer Oper in fteigenbem Maße widmen zu wollen.' Wasser oder Kohle? Zur Weltkrafttagung Berlin 1930. Bon Dr. H. Schmidt-Stölting. Warum müht sich die Menschheit fortgesetzt, die Kohle aus dem Berg Zu holen, um ihren Bedarf an Kraft, Wärme und Licht, kurzum a« Energie damit zu befriedigen? Jahraus, jahrein fließt doch das Wasser zu Tale, völlig kostenlos wird es von den Sonnenstrahlen wieder hinanf- befördert, und es ist längst erwiesen, daß man auch daraus Energie gewinnen kann. Je allgemeiner das Interesse für kraftwirtschaftliche Dinge in allen Ländern wird, desto häufiger wird so gefragt, und um so leb« Hafter werden die Wünsche, das stürzende Wasser zur Kraftgewinnung nutzbar zu machen und die Menschheit „vom Sklavenjoch bes Kohlenbergbaues zu befreien". Es ist ein recht verlockender Gedanke, von ben bisherigen Ansätzen aus allmählich ganze Länder und schließlich Erdteile mit einem Retz von elektrischen Leitungen zu Überziehen, das aus Wasserkräften gespeist wirb und unseren Motoren die Betriebskraft, unseren Wohnungen Heizung und Beleuchtung zuführt, während die Sonne umsonst dauernd die Mischer und die Flußläufe auffüllt und nur ein paar Mann zur Beaufsichtigung der fast selbständig laufenden Krafwerke nötig sind. Allein, so sauer wir unser Brot erarbeiten müssen, obwohl die Sonne der schwarzen Ackerkrume weißes Weizenkorn auch umsonst entlockt, so ist auch der Weg vom rauschenden Wasserfall zur leuchtenden Lampe und zum dahineilenden Schnellbahnwagen durch eine Kette recht verwickelter Anlagen gekennzeichnet, die erst einmal erstellt und dann verzinst und instand gehallen sein wollen. Bedenkt man, baß nicht immer gerade Hochwasser herrscht, wenn — an langen Winternachmittagen — Städte und Fabriken gleichzeitig ben meisten Strom fordern, daß das Wasser aber munter zu Tale brauft, auch wenn etwa am Sonntag niemand seine Kraft haben will, so kommt man auf ben schwierigsten Punkt in der Wasserkraftwirtschaft. Denn die Kohle kann man jederzeit, ganz nach Bedarf, zutage fördern; man kann durch Mehreinftellung von Arbeitskräften und durch Maschinen die Erzeugung in weiten Grenzen heben, wenn sich Absatzmöglichkeit bietet, und man kann die geförderte Koh.le lange Zeit hindurch ohne nennenswerte Verluste an Heizwert lagern, auf die Halde schütten, wenn ber Absatz stockt. Anders bei ber Wasserkraft. Das Wasser drängt zu Tal, wie die Natur es will. Bald spendet eine Regenzeit gewaltige Kraftmengen, bie unmöglich verbraucht werden können, wenn sie sich zufällig gerade bieten; bald taut bie sengende Sommersonne die Gletscher ab und läßt die Fluten unausnutzbar zu Tak stürzen. Dafür aber treten Zeiten des Niedrigwassers der Dürre, des Einfrierens ein, die jede Kraftentnahme aus den Flüssen versagen, und zwar häufig dann, wenn sie das an das Kraftwerk angefchloffene Abnehmernetz am nötigsten braucht. In diesem Falle gibt es nur einen Ausweg, das Aufftellen von Turbinen und Stromerzeugern zur Wafserkraftausnutzung überhaupt lohnend zu machen: Man muß das Wasser, wenn es sich bietet, aufstauen können, bis es gebraucht wird. Dies erfordert je nach der Lage des Werkes, ben Wetter- und Bodenverhältnissen sowie nach der Größe der Bedarss- fchwankungen Stauweiher, Seen oder gar riesige Talsperren. Nicht nur der Bau, schon der Geländeerwerb hierfür, bie Enteignung oft hochwertigen Kulturlandes, in erster Linie sogar der teuersten Wohngrundstücke, die dem Wasserlauf am nächsten zu liegen pflegen, binden so gewaltige Geldmittel, daß di« Maschinenanlagen und die ganzen Kosten des Betriebes, wie Aufwendungen für die Bedienung und die Unterhaltung, die Verwaltungskosten, ja selbst das sehr kostspielige Hochspannungs- verteilungsnetz dagegen gering erscheinen. Vollends schwierig wird die Sache, wenn zur Erzielung der nötigen Fallhöhe und einer hinreichenden verfügbaren Wassermenge ganze Talmulden durch eine Sperrmauer abgeschlossen und überstaut werden müssen, wobei womöglich Ortschaften zu überfluten und oberhalb der Staugrenze neu anzufiedeln find. Der Zinsendienst spielt daher in der jährlichen Betriebsrechnung der Wasserkraftwerke bie entscheidende Rolle. Man kann für mittlere Werke jährlich etwa 10 bis 15 v. H. der Anlagekosten hierfür anfetzen. So erklärt es sich, daß für die Kosten der Wasserkraft ein weiter Spielraum gegeben ist, der auch vom Zinsfuß in hohem Grade abhängig ist. Der gewonnene Strom muß im allgemeinen höchstens zum Preise der Kohlenkraft abgegeben werden können, da sonst deren Wettbewerb die Wasserkraft ausschlöße und den Ausbau verböte. Einen schwierigen Stand hat die Wasserkraft daher in ben kohlenreichen Bezirken, wo die Kilowattstunde Wärmekraft nicht mit Beförderungskosten für den Heizstoff belastet ist. Bei Strompreisen unter 20 Pfennig im Ruhrgebiet und in den englischen Kohlenbezirken lassen sich die dortigen Niederdruckwasserkräfte nicht aus- nutzen, da die Berzinsung ihrer ungeheuren Ausbaukosten teuerer würde. Wo jedoch Kohle teuer ist, wie in der Schweiz, in Norwegen oder in Italien, klettert die Wasserkraft im Preise keineswegs nach. Erhellt schon aus Vorstehendem, daß die Wasserkraftwerke unter örtlich ganz verschiedenen Verhältnissen arbeiten müssen, da die Niederdruckkräfte in den regenreichen Winterwochen am meisten Wasser haben und Strom liefern können, während bie Hochdruckkräfte im Gebirge im Sommer am ergiebigsten sind, so ist es verständlich, daß ein Zusammenschluß und ein Ausgleich im größten Stil vorgenommen werden muß, der auch vor Landesgrenzen nicht halt machen darf. Stromaustauschabkommen zwischen verschiedenen Staaten sind daher heute keine Seltenheit mehr. Aber mehr noch, ein Austausch der Erfahrungen aller Länder ist auf kaum einem Gebiet so wichtig, wie hierin, da ja die Erfahrungen überall noch nicht vierzig Jahre zurückreichen. Das haben denn auch die weltwirtschaftlichen Führer aller Kulturstaaten erkannt, und es war ein Zeichen der wiederkehrenden Wirtschaftseinsicht, als im Jahre 1924 in London die erste Weltkrafttagung zusam- menfrat und auf dem Gebiet der planmäßigen Bewirtschaftung der Kraftvorräte der Erde grundlegende Arbeit leistete. Sie tritt nun nach einigen Zwifchentagungen in diesem Jahre wieder zusammen; und zwar hat man Deutschland mit feinen hochentwickelten Krafterzeugungsanlagen als Treffpunkt und Berlin als Tagungsort gewählt. Oie schwarze Spinne. Erzählung von Jeremias G o t t h e l f. (Fortsetzung.) Er sei fertig, sagte er endlich, ein bekümmert Weib harre, und über ihm sei eine grauenvolle Untat, und zwischen das Weib und die Untat müßte er stehen mit heiligen Waffen, darum sollten sie nicht säumen, sondern kommen, droben werde wohl noch etwas sein für den, der den Durst hier unten nicht gelöscht. Da sprach Hans, des harrenden Weibes Mann, es eile nicht so sehr, bei seinem Weibe gehe jede Sache schwer. Und alsobald flammte ein Blitz in die Stube, daß alle geblendet waren, und ein Donner brach los überm Hause, daß jeder Posten am Haus, jedes Glied im Hause bebte. Da sprach der Sigrist, als er seinen Segenspruch vollendet: .Hört, wie es macht draußen, und der Himmel hat selbst bestätigt, was Hans gesagt, daß wir warten sollen, und was nütze es, wenn wir gingen, lebendig kämen wir doch nimmer hinauf, und er selbst hat ja gesagt, daß es bei seinem Weibe nicht solche Eile habe.' Und allerdings stürmte ein Gewitter daher, wie man in Menschengedenken nicht oft erlebt. Aus allen Schlünden und Gründen stürmte es heran, stürmte von allen Seiten, von allen Winden getrieben über Sumis- wald zusammen, und jede Wolke ward zum Kriegsheer, und eine Wolke stürmte an die andere, eine Wolke wollte der anderen Leben, und eine Wolkenschlacht begann, und das Gewitter stund, und Blitz auf Blitz ward entbunden, und Blitz auf Blitz schlug zur Erde nieder, als ob sie sich einen Durchgang bahnen wollten durch der Erde Mitte auf der Erde andere Seite. Ohne Unterlaß brüllte der Donner, zornesvoll heulte der Sturm, geborsten war der Wolken Schoß, Fluten stürzten nieder. Als so plötzlich und gewaltig die Wolkenschlacht losbrach, da hatte der.Priester dem Sigristen nicht geantwortet, aber sich nicht niedergesetzt, und ein immer steigendes Bangen ergriff ihn, ein Drang kam ihn an, sich hinaus- zustürzen in der Elemente Toben, aber seiner Gefährten wegen zauderte er. Da ward ihm, als höre er durch des Donners schreckliche Stimme eines Weibes markdurchschneidenden Weheruf. Da ward ihm plötzlich der Donner zu Gottes schrecklichem Scheltwort seiner Säumnis, er machte sich auf, was auch die beiden anderen sagen mochten. Er schritt, gefaßt auf alles, hinaus in die feurigen Wetter, in des Sturmes Wut, der Wolken Fluten; langsam, unwillig kamen die beiden ihm nach. Es sauste und brauste und tosete, als sollten diese Töne zusammenschmelzen zur letzten Posaune, die der Welten Untergang verkündet, und feurige Garben fielen über das Dorf, als sollte jede Hütte aufflammen; aber der Diener dessen, der dem Donner seine Stimme gibt und den Blitz zu seinem Knechte hat, hat sich vor diesem Mitknecht des gleichen Herren nicht zu fürchten, und wer auf Gottes wegen geht, kann getrost Gottes Wettern das Seine überlassen. Darum schritt der Priester unerschrocken durch die Wetter dem Kirchstalden zu, die geweihten heiligen Waffen trug er bei sich, und bei Gott war sein Herz. Aber nicht in gleichem Mute folgten ihm die anderen, denn nicht am gleichen Orte mar ihr Herz; sie wollten nicht den Kirchstalden ab, nicht in solchem Wetter, nicht in später Nacht, und Hans hatte noch einen besonderen Grund, warum er nicht wollte. Sie baten den Priester, umzukehren, auf anderen Wegen zu gehen, Hans wußte nähere, der Sigrist bessere, beide warnten vor den Wassern im Tale der aufgeschwollenen Grüne. Aber der Priester hörte nicht, achtete ihre Rede nicht; von einem wunderbaren Drange getrieben,,eilte er auf den Flügeln des Gebetes dem Kirchstalden zu, sein Fuß stieß an keinen Stein, sein Auge ward durch keinen Blitz geblendet; bebend und weit hinter ihm, gedeckt, wie sie meinten, durch bas Heiligste, das der Priester selbst trug, folgten Hans und der Sigrist ihm nach. Als sie aber hinauskämen vor das Dorf, wo ins Tal hinunter der Stalden sich senkt, da steht der Priester plötzlich still und schirmt mit der Hand die Äugen. Unterhalb der Kapelle schimmert in des Blitzes Schein eine rote Feder, und des Priesters scharfes Auge sieht aus grünem Hage hervorragen ein schwarzes Haupt, und auf diesem schwankt die rote Feder. Und wie er noch länger schaut, sieht er am jenseitigen Abhange in schnellstem Laufe, wie gejagt von des Windes wildestem Stoße, daher- fllegen eine wilde Gestalt dem dunkeln Haupte zu, auf dem einer Fahne gleich die rote Feder schwankte. Da loderte im Priester auf der heilige Kampfesdrang, der, sobald sie den Bösen ahnen, über die kömmt, die gottgeweihten Herzens sind, wie der Trieb über das Samenkorn kömmt, wenn das Leben in uns dringt, wie er in die Blume dringt, wenn sie sich entfalten soll, wie er über den Helden kömmt, wenn sein Feind das Schwert erhebt. Und wie der Lechzende in des Stromes kühle Flut, wie der Held der Schlacht, stürzte der Priester den Stalden nieder, stürzte zum kühnsten Kampf, drang zwischen den Grünen und Christine, die eben das Kindlein in des anderen Arme legen wollte, mitten hinein, schmetterte zwischen sie die drei höchsten heiligen Namen, hält das Heiligste dem Grünen ans Gesicht, sprengt heiliges Wasser über das Kind und trifft Christine zugleich. Da fährt mit fürchterlichem Wehgeheul der Grüne von dannen, wie. ein glutroter Streifen zuckt er dahin, bis die Erde ihn verschlingt; vom geweihten Wasser berührt, schrumpft mit entsetzlichem Zischen Christine zusammen, wie Wolle im Feuer, wie Kalk im Wasser, schrumpft zischend, flammensprühend zusammen bis auf die schwarze, grauenvolle Spinne in ihrem Gesichte, schrumpft mit dieser zusammen, zischt in diese hinein, und diese sitzt nun giftstrotzend, trotzig mitten auf dem Kinde, und sprüht aus ihren Augen zornige Blitze dem Priester entgegen. Dieser sprengt ihr Weihwasser entgegen, es zischt wie auf heißem Steine gewöhnliches Wasser; immer größer wird die Spinne, streckt immer weiter ihre schwarzen Beine aus über das Kind, glotzt immer giftiger den Priester an; da faßt dieser in feiterigem Glaubensmut nach ihr mit kühner Hand. Es ist, als wenn er griffe in glühende Stacheln hinein, aber unerschüttert greift er fest, schleudert das Ungeziefer weg, faßt das Kind und eilt mit ihm sonder Weile der Mutter zu. Verantwortlich: Dr. Sans Thyrivt. — Druck und Derlag: Brühl Und wie sein Kampf zu Ende wär, stillte sich auch der Kampf der Wolken, sie eilten wieder in ihre dunkeln Kammern; bald flimmerte in stillem Sternenlicht das Tal, in dem kurz zuvor die wildeste Schlackt ae« tobet und fast atemlos ereilte der Priester das Haus, in welches an Mutter und Kind die Freveltat begangen worden. Dort war die Mutter noch ohnmächtig, mit dem gellenden Schrei hatte sie ihr Leben fortgesendet; neben ihr saß betend die Alte, sie traute noch auf Gott, daß er mächtiger sei als der Teufel böse. Mit dem Kinde brachte der Priester der Mutter auch das Leben zurück. Als sie erwachend das Kindlein wiedersah, durchfloß sie eine Wonne, wie sie nur die Engel im Himmel kennen, und auf der Mutter Armen taufte der Priester das Kind sm Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes' und jetzt war es entrissen des Teufels Gewalt auf immer, bis es sich' ihm freiwillig übergeben wollte. Aber vor dem hütete es Gott in dessen Gewalt jetzt seine Seele übergeben worden, während der Leib von der Spinne vergiftet blieb. Bald schied seine Seele wieder, und wie mit Brandflecken war das Leibchen gezeichnet. Die arme Mutter weinte wohl, aber wo jeder Teil wieder dahin gehet, wo er hingehöret, zu Gott die Seele, zur Erde der Leib, da findet sich der Trost ein, früher dem, später jenem. Sobald der Priester sein heilig Amt verrichtet hatte, begann er ein seltsam Jucken zu fühlen in Hand und Arm, womit er die Spinne weq- geschleudert. Kleine schwarze Flecken sah er auf der Hand, sichtbarlich wurden sie größer und schwollen auf, Todesschauer rieselte ihm durchs Herz. Er segnete die Weiber und eilte heim, die heiligen Waffen wollte er als getreuer Streiter wieder dahin bringen, wo sie hingehörten, damit sie einem anderen nach ihm zur Hand seien. Hoch auf schwoll der 2(rm schwarze Beulen quollen immer höher auf, er kämpfte mit des Todes Mattigkeit, aber er erlag ihr nicht. Als er an den Kirchstalden kam, da sah er Hans, den gottvergessenen Vater, von dem man nicht wußte, wo er geblieben, mitten im Wege auf dem Rücken liegen. Hochgeschwollen und brandschwarz war sein Gesicht, und mitten auf demselben saß groß und schwarz und grausig die Spinne. Als der Pfarrer kam, blähte sie sich auf, giftig bäumten sich die Haare auf ihrem Rücken, giftig und sprühend glotzten ihre Augen ihn an, sie tat wie die Katze, wenn sie sich rüstet zu einem Sprung in ihres Todesfeindes Gesicht. Da begann der Priester einen guten Spruch und hob die heiligen Waffen, und die Spinne schrak zusammen, kroch langbeinig vom schwarzen Gesichte, verlor sich in zischendem Grase. Darauf ging der Pfarrer vollends heim, stellte das Ällerheiligste an feinen Ort, und während wilde Schmerzen den Leib zum Tode rissen, harrte in süßem Frieden seine Seele ihres Gottes, für den sie recht gestritten in kühnem Gotteskampfe, und lange ließ Gott sie nicht harren. Aber solch süßer Friede, der still des Herren harrt, war hinten im Tale, war oben auf den Bergen nicht. Von dem Augenblicke an, als Christine mit dem geraubten Kinde den Berg hinuntergefahren war dem Teufel zu, war heilloser Schreck in alle Herzen gefahren. Während dem fürchterlichen Ungewitter' bebten die Menschen in den Schrecken des Todes, denn ihre Herzen wußten wohl, wenn Gottes Hand vernichtend über sie komme, so sei es mehr als wohlverdient. Als das Gewitter Darüber war, lief die Kunde von Haus zu Haus, wie der Pfarrer das Kindlein zurückgebracht und getauft, aber kein Hans, keine Christine gesehen worden. Der grauende Morgen fand lauter bleiche Gesichter, und die schöne Sonne färbte sie nicht, denn alle wußten wohl, daß nun erst das Schrecklichste kommen werde. Da hörte man, daß mit schwarzen Beulen der Pfarrer gestorben, man fand Hans mit schrecklichem Gesichte, und von der gräßlichen Spinne, in die Christine verwandelt worden, hörte man seltsam verwirrte Worte. Es war ein schöner Erntetag, aber keine Hand rührte sich zur Arbeit; die Leute liefen zusammen, wie man es pflegt am Tage nach dem Tage, an welchem ein großes Unglück begegnet ist. Sie fühlten erst jetzt in ihren bebenden Seelen so recht, was es heiße, von irdischer Not und Plage mit einer unsterblichen Seele sich loskaufen zu wollen, fühlten, daß ein Gott im Himmel sei, der alles Unrecht, das armen Kindern, die sich nicht wehren können, angetan wird, fürchterlick räche. So stunden sie bebend zusammen und jammerten, und wer b* den anderen war, der durfte nicht mehr heim, und doch war Zank und Streit unter ihnen< und einer gab dem anderen schuld, und jeder wollte abgemahnet und geroarnet haben, und jeder hatte nichts darwider, daß Strafe die Schuldigen treffe, sich und sein Haus wollte aber jeder ohne Strafe. Und wenn sie in diesem schrecklichen Harren und Streiten ein neu unschuldig Opfer gewußt hätten, es wäre keiner gewesen, der nicht an demselben gefrevelt, in der Hoffnung, sich selbst zu retten. Da schrie mitten im Haufen einer entsetzlich auf, es war ihm, als sei er in einen glühenden Dorn getreten, als nagle man mit glühendem Nagel den Fuß an den Boden, als ströme Feuer durch das Mark seiner Gebeine. Der Haufe fuhr auseinander, und alle Augen sahen nach dein Fuße, gegen den die Hand des Schreienden fuhr. Auf dem Fuße aber saß schwarz und groß die Spinne und glotzte giftig und schadenfroh in die Runde. Da starrte allen zuerst das Blut in den Adern, der Atem in der Brust, der Blick im Auge, und ruhig und schadenfroh glotzte die Spinne umher, und der Fuß ward schwarz, und im Leibe war's, als kämpft zischend und wütend Feuer mit Wasser; die Angst sprengte die Fesstln des Schreckens, der Haufe stob auseinander. Aber in wunderbarer Schnelle hatte die Spinne ihren ersten Sitz verlassen und kroch diesem über den Fuß und jenem an die Ferse, und Glut fuhr durch ihren Leib, und ihr gräßlich Geschrei jagte die Fliehenden noch heftiger. o» Windeseile, in Todesschrecken, wie das gespenstige Wild vor der wilden Jagd, stoben sie ihren Hütten zu, und jeder meinte hinter sich die Spinne, verrammelte die Türe und hörte doch nicht auf zu beben in unsäglicher Angst. ______________________________(Fortsetzung folgt.)________ 'sche LlniversitSts-Duch- und Steindruckerei. Ä. Lange, Giehe«.