SiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang MV Montag, den Januar Nummer < Dom großen Frost Anno 1929. Von Theodor Kramer. Nach Stephanie ist heftiger Schneewind gekommen, hat die Riegel verschneit und die Senke benommen, daß Ne Schilftegel wie der leibhaftige Schnee breit gestanden sind rund um den Neusiedlersee. Und hernach ist das Naß in den Brunnen gefroren, auf der Fahrt haben Schlitten die Kufen verloren; und es haben die ältesten Leute im Land also grimmige Frost' nicht zeitlebens gekannt. Ganz absonderlich hats auf den Höhen gebissen, hat den Knechten beim Schlägern die Lungen zerrissen; vor den Weinkellern hat man gefunden die -Reh mit zerschnittenen Sehnen im glasigen Schnee. Und die Nacht nach dem Lostag ist sternklar geblieben; langer Frost hat das Saatkorn im Boden zerrieben, hat die Reben verbrannt und gespalten zumeist und den See tief von Ufer zu Ufer vereist. Und die Wildenten haben ans Eis ihren Kragen scharf gelegt und nur matt mit den Flügeln geschlagen; wer den Weg nicht gescheut hat und zwiefach Gewand, hat sie korbweis fangen können im Schilf mit der Hand. Oer Nebenmann. Von Paul Alverdes. In einer Herbstnacht des Jahres 1916, während heftiger Angriffe der Verbündeten auf die Stellungen der Deutschen südlich von La B. in Frankreich, befand sich ein kaum dem Knabenalter entwachsener Freiwilliger allein in einem der Unterstände seiner Batterie. Er hatte befehlsgemäß für die Kameraden seines Geschützes draußen, die seit den gleich nach Mittag bei dichtem Nebel unvermutet losgebrochenen Anlaufen marokkanischer und indischer Divisionen ohne Aufhören luden und feuerten, an einem eisernen Oefcl>en Suppe gekocht. Eben war er im Begriffe, mit einem großen Schöpflöffel das dampfende Getränk in die am Boden unter ihm stehenden Feldkessel zu-verteilen, als die Zeltbahnen, die den Eingang schräg über ihm verhängten, auseinandergerissen wurden und ein fremder Soldat die Erdstusen herab stolperte. Es war ein riesenhafter Mensch in einem viel zu engen und zu kurzen Mäntelchen von verwittertem und ausgeblichenem Grau. Sein Tornister war hochbepackt, das Gewehr hing ihm an Tragriemen vor der Brust und um den Nacken hatte er sechs oder sieben prallgefüllte Patronengurte geschlungen, die ihn mit ihrem Gewicht nach vorne zogen. „Da ist er wieder", dachte der Freiwillige verwirrt und bestürzt, denn es war ihm plötzlich, als kenne er dieses Gesicht mit dem strohgelben Kinnbart und dem dichten Haar von gleicher Farbe, das unter dem nach rückwärts geschobenem Helm hervorquoll, seit langem. Von flatterndem und heulendem Eisen gejagt, war er schon einmal und unzählige Male Hand in Hand mit eben diesem Mann über das Nebelfeld der Trichter gerannt oder im nächtlichen Labyrinth der Gräben umhergeirrt. Aber er besann sich vergebens, die heraufbeschworenen Gesichter vertauschten sich, wieder und wieder, andere blickten aus immer anderen her, Bärtige und Unbärtige, Schöne und Verzerrte, doch fand er diesen einen nicht wieder, und nicht, was ihn mit ihm verband. Dies alles währte nur eine Sekunde, dann vergaß er darauf. „Kamerad", sagte der Fremde und nahm den Helm herunter und hielt ihn in der Hand, wie die Bettler den Hut halten, „Kamerad, hier ist es richtig." Er blickte auf die Suppenkessel. „Ja!" schrie der Freiwillige mit einer verzweifelten Lustigkeit und verneigte sich tief, denn eben war es wieder, als verhielte eine der in flachstem Bogen unaufhörlich über die Stellung hinheulenden Schiffsgranaten mitten über dem Unterstand in den Lüften kreisend ihren Lauf, um ihr Ziel desto gewisser, in den Lüften kreisend M finden, — ja, hier fei es richtig, «s wohnten gute Menschen rings umher. Er komme, fuhr der Fremde stockend fort, nachdem er den Einschlag abgewartet hatte, er komme von Urlaub und sei weit gelaufen von der Bahn bis hier her. Er gehöre zur preußischen Landwehr, die dort vorne irgendwo eingesetzt sei. Er suche sein Bataillon. Es hungere ihn. Wortlos reichte ihm der Freiwillige einen der Kessel, den jener, seinen Helm eilig zwischen die Knie klemmend, mit beiden Fäusten an den Mund hob. Ohne abzufetzen, trank er ihn mit langen Schlucken leer, wobei er den Blick nicht von dem Gesicht des Gebers wandte. Dann gab er das Gefäß zurück, wischte sich mit einem inbrünstig gemurmelten „Kamerad" den Bart und sah sich mit einer Art höflicher Aufmerksamkeit im Raume um. Er hatte unter fast weißen buschigen Brauen kleine Augen von sehr hellem Blau, deren suchender und sehr unruhiger Blick aber eher willig als ängstlich zu nennen war. Etwas zaudernd, und mit einem besorgte« Blick nach dem Eingang des Unterstandes, füllte ihm der Junge ben Kessel von neuem; damals begannen die Vorräte knapp zu werden und das unbedenkliche Teilen der Ration mit Angehörigen fremder Truppe« wurde hier und da schon von Vorgesetzten als ein Vergehen gegen die eigenen Kameraden bestraft. Nachdem er sich dann abermals getränkt halte, wollte der Fremde mit einem erlegenen „Denn so mache es gut hier, Kumpel", die Stiegen wieder hinaufzusteigen, doch siel nun dem Freiwilligen eine Schachtel mit Kuchen ein, die ihm eine Verwandte dieser Tage geschickt hatte und die er auf einem Breit zu Häupten seines Schlafplatzes verwahrte. Er rief ihn zurück, trat auf eine Erdstufe vor ihm hin und band ihm das Schä^ telchen mit einer Schnur an den Tragriemen des Tornisters. Der Große hielt still und blickte ihm auf die Hände, wobei er mit herzlichen Seufzern fein Bedauern über die Wegnahme so kostbarer Dinge auszudrücken schien. Plötzlich aber hob er das Gesicht, legte die riesige Hand grüßend an den Helmschirm und verharrte sehr lange so, indem er dem Kleinen mit dem reinsten Ausdruck der bewundernden und entzückten Liebe zulächelte. Dieser errötete langsam über fein ganzes Gesicht und gab ihm das Lächeln zurück. Gleich darauf verschwand der Fremde durch bk Zelttücher. Als eine Weile später der Freiwillige, die mit Tragbügel aneinander gebündelten Feldkessel in beiden Händen ins Freie trat, schauerte eben: wieder ein Gewölk von Schrapnellen und noch eins mit grün funkelnde» Lichtern über die immer noch wie rasend feuernde Batterie hinweg. Set Landwehrmann stand noch im Feuerschatten der Stalltrümmer, unter welchen sich der Unterstand befand, sah kopfschüttelnd zum Himmel auf und seufzte ein bedauerndes „Ach Gott, ach mein Heiland!" nach dem andern. Dann trat er im bleichen Schein der im weiten Halbrund steigenden und fallenden Leuchtkugeln noch einmal vor den Jungen hin, spähte ihm schweigend und kummervoll ins Gesicht, wandte sich fort und setzte sich wankend unter seiner Last im Trab in Bewegung, dorthin, wo kms Feuer der Infanterie nun wilder aufkochte. Nicht lange danach stellt^ da der Angriff zusammengebrochen schien, die Batterie das Schießen ein, und auch der Freiwillige legte sich zu den Kameraden auf die Matratzen. Doch fand er, obwohl er zu Tode erschöpft war, keinen Schlaf; die Erscheinung des fremden Landwehrmanns begann ihn wieder zu beunruhigen; „es geht ihm schlecht", dachte er angstvoll aufhorchend, als verworrener Lärm von den Gräben herüberscholl, „sie bringen ihn um, er hakte ein Gesicht, als müsse er bald sterben, und nun weiß ich auch, woher ich es kannte". Endlich zog er sich, um nichts mehr hören zu müssen, seine dicke, wollene Mütze über die Ohren und schlief auch ein, doch hatte ek einen sonderbaren Traum. Er sah ein riesiges Blachfeld im Morgengrauen, auf dem unzählige Soldaten in grauen Mänteln und grauen Helmen beieinander standen» Es mußte die ganze Armee sein. Sie waren in lauter Kreisen aufgestellt, di« Gesichter einander zugekehrt, wie zum Ringelspiel. Nun schien es zu beginnen, indem sie alle die Hände grüßend an den Helm hoben und sich vor einander verneigten. Sie -sahen alle ganz gleich aus, denn sie hatten einer wie der andere das Gesicht jenes flachsbärtigen Landwehrmanns. Aber plötzlich flammte der Himmel von züngelnden Blitzen, ein ungeheuerer Donnerschlag erschütterte die Luft, und nun stürmten die Soldaten wild durcheinander, ihre Waffen schwingend, und waren im Augenblick verwandelt, jeder in eine andere Gestalt. Zugleich erwachte der Träumende vollends, die Wache brüllte bett Alarmruf, ble Kanoniere stürzten fluchend die Stufen hinauf ins Freitz wo das Krachen von Handgranaten, das Klirren und Rasseln des Infanteriefeuers und das verworrene Geschrei durcheinander befehlender Männerstimmen schon ganz in der Nähe erscholl. Hinter den andern drein an fein Geschütz stolpernd, meinte der Freiwillige über dem Dämmernebel des grauenden Morgens etwas wie Himmelsbläue zu ahnen, „es wird noch einmal schön", dachte er, auch sangen über ihm und ringsum Schwärme von Vögeln. Doch ward er zugleich inne, daß es das Pfeifen und Zwitschern von Gewehrkugeln war, sie strichen dicht und tief über die Mulde dahin; der Wipfel einer Weide, hinter deren Stamm er sich niederwarf, um den Einschlag einer heranziehenden Granate abzuwarten, bestreute ihn mit einem Regen unaufhörlich und lautlos herabsinkender Zweige und Aest«. Zugleich, nicht anders, als fei es längst fo ausgemacht und beschlossen und als habe er nur einstweilen darauf vergessen gehabt, siel ihm ein, daß ja heute sein Sterbetag sei. Er hatte in Wahrheit nicht daran gedacht, sondern dem Segen, mit dem ihn sein Vater beim Abschied aus den Armen gelassen, getrost eine von keiner Kugel überwindliche Stärke zugemessen. Jetzt aber erschien ihm das Sterben hier zwischen den Trümmern des französischen Bauernhofs nicht als die einfache Erfüllung eines vorherbestimmten und nicht weiter bejammernswerten, sondern nur unabänderlichen Geschickes; von da an verbrachte er den Tag in keiner ängstlichen, sondern verwunderten Spannung, wann und wie es sich denn ereignen werde. Allein, während von den Kameraden einer nach dem andern zusammenstürzte und still auf dem Gesicht liegen blieb oder sich mit aufgerissenen Kleidern blutübergossen und wie trunkenen Ganges nach rückwärts davon machte, geschah ihm nichts. Endlich, es ging schon auf den Abend zu, hatte die Batterie sich völlig verschossen, Nachschub blieb aus, und der Rest der Bedienungsmannschaft sammelte sich, eines Befehls zum Verlassen der Stellung oder der Gefangennahme gewärtig, erschöpft in einem der Unterstände. Plötzli während in allernächster Nähe aufprasselndes Gewehrfeuer und das grelle Schreien der erneut angreiscnden Farbigen das unmittelbar bevorstehende Ende anzukündigen- schienen, befiel den Freiwilligen eine wilde Unruhe, die ihn zwang, sich an dem Wachtmeister vorbei, der eben nach den sehn- lichst erwarteten Reserven.ausspähen wollte, ins Freie zu drängen. Da sah er auch schon auf der ein wenig erhöht zur Linken der Batterie hin- zichenden Straße von der Jnfanteriestellung her helmlos, wirres, gelbes Haar tief in die Stirn hängend, einen Mann auf allen Vieren herankriechen, den er sofort zu erkennen vermeinte. Er wollte hinüberspringen, um ihn in Deckung zu ziehen, doch hielt ihn der Wachtmeister, einen Befehl brüllend, am Rocke fest, und in der Tat hatte die Batterie am gleichen Tage mehrere Leute verloren, die auf dieser Straße zurückstrebenden Getroffenen hatten beistehen wollen. Im gleichen Augenblick knickte der Verwundete, der in seiner Bewegung innegehalten hatte und regungslos herüberstarrte, mit den Armen zusammen und rollte auf die Seite. Dann machte er abgewendeten Gesichts mit den Händen eine Bewegung, als verlange ihn sehr zu trinken. Jetzt riß sich der Freiwillige gewaltsam los und setzte hinüber. Doch erkannte er, während er bei ihm niederkniete und den Stöpsel der Flasche, die er vom Gürtel nestelte, mit den Zähnen herausriß, daß er sich getäuscht hatte. Der Verwundete war nicht jener Landwehrmann, er trug die Abzeichen eines fremden Regiments. Als er ihm den Nacken hob und ihm dis Flasche an die Lippen setzte, schüttelte er plötzlich den Kopf und sah ihn traurig und fast verlegen an, als bedauere er sehr, so viel Mühe gemacht zu haben und jetzt nicht einmal mehr trinken zu können. Danach rollte er den Kopf auf die Seite, machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand und lag mit brechenden Äugen still. Fast zugleich fuhr dem Jungen, der sich eben aufrichten wollte, von der Flanke her eine Kugel durch die Kehle, und er stürzte lang über den Toten hin, fast, als wolle er ihn küssen. Dann raffte er sich hoch und taumelte, das herausgerissene Taschentuch vor die Wunde pressend, dem laut scheltenden und jammernden Wachtmeister vor die Füße. Indessen waren durch den wunderbarsten Zufall die blutschlagenden Gefäße des Halses nicht verletzt, oder sie bluteten doch im Augenblick nicht, und so gelangte er, mühselig Atem ziehend und der Stimme fürs Erste völlig beraubt, aber doch lebend und bei einiger Besinnung, noch in derselben Nacht in das nächste Feldlazarett hinter diesem Abschnitt der deutschen Stellungen. Die Aerzte unternahmen sofort einen Eingriff, der ihm das Atmen erleichtern sollte; er gelang mit leidlichem Glück. Als er am Nachmittag des anderen Tages in einem weiten Saal, der in ein Lazarett verwandelten Wagenhalle eines Gutshofes, wie es schien, erwachte, gewahrte er im Bett zu seiner Linken den Landwehrmann. Er erkannte'ihn gleich, obwohl er sehr verändert schien. Man hatte ihm das Haar militärisch geordnet und den Bart gestutzt, offenbar, um ungehindert an eine Wunde gelangen zu können, die er in den Hals oder in den unteren Teil der Kinnbacken empfangen haben mußte. Bon einigen Kissen im Rücken gestützt, saß er aufrecht in seinem Bett, den Hals dick verbunden, und atmete nur mühsam; doch schien er das nicht zu beachten oder verbergen zu wollen, denn er sah unbewegten Gesichtes geradeaus. Sein Auge erschien jetzt fast groß und hatte alle Unruhe völlig verloren. Der Junge klopfte, um sich bemerklich zu machen, mit der Hand an das Holz seiner Bettstatt; nun drehte jener langsam das Antlitz herüber, aber erstaunte nicht, sondern lächelte nur karg und machte dann, indem er die Augenlider niederschlug, eine beruhigende und bejahende Gebärde, als wisse er alles längst, auch das Zukünstige, und als solle der andere ihn nur sorgen und machen lassen. Hierauf wendete er das Gesicht wieder gradaus, legte den Finger an die Lippen und sah klaren und gefaßten Ausdrucks wieder in die Ferne. Der Freiwillige legte sich getröstet zurück und sank bald wieder in tiefen Schlaf, aus dem er erst mitten in der Nacht erwachte. Er hörte nämlich den Nebenmann zu seinem Entsetzen in pfeifenden und immer schnelleren Stößen atmen, meinte auch, im trüben Licht der Nachtlampe die Gestalten der Aerzte um ihn bemüht zu sehen. „Er muh sterben", dachte er, „und ich muß mit ihm dahin, es kann ja nicht anders sein", und jetzt zum ersten Male fiel die Angst vor dem Tod über ihn her. Er zog sich die Decken über den Kopf, um ihn nicht mehr zu hören, nichts mehr zu wissen von alledem, einzuschlafen, sich fortzutraumen mit aller Gewalt; und mußte doch in einer grausigen Neugier wieder und wieder hinüberhorchen. Da begann auch ihm der Atem rasselnd zu gehen, ängstlicher {lotterte sein Herz in der Brust, von Strömen des Schweißes übergossen, richtete er sich empor; mit langen Schlägen begann der Saal um ihn zu schwanken und sich im Kreise vor- und rückwärts zu drehen. Aber ganz plötzlich war es drüben ruhig, das Licht erlosch, die Gestalten entfernten sich, er lauschte: schön und gleichmäßig kam ein Atem daher. „Er hat es überstanden, wir haben es überstanden", dachte der Junge und lachte vor Glück. Er streckte sich aus und schloß die Augen. Halb schon umbämmert, tastete er mit der Hand nach der nackten Brust über dem Herzen. Das Gangwerk klopfte ruhig und stark. Als er am anderen Morgen erwachte, wunderbar gestärkt, kühl von Haut und mit dem gewissen Gefühl der Genesung, sah er, wie zwei Soldaten eine lange vom Kopf bis zu Füßen in das weiße Bettlaken eingebündelte und reglose Gestalt vom Lager neben ihm herunterhoben und hinausschleppten. Er fuhr auf und streckte die Arme aus, seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas rufen, doch kam ihm kein Ton aus der Kehle. Dann saß er lange mit glühenden Augen still. Er begriff, daß er, vielleicht schon sehr bald, nach Hause kommen würde. Als eine Weile darauf der eine der beiden Soldaten zurückkehrte und mit einem Schwamm den Namen und die Regimentsnummer auf der über dem leer gewordenen .Bett befindlichen Tafel zu löschen begann, sank er zurück und legte beide Hände vor das Gesicht. Man brachte ihn später in ein Lazarett nach Deutschland, wo er genesen ist. Gaspard, der Wunderelefant. Von Georg Hirschfeld. Ohne Namen und als einziges Kind wuchs ein kleiner Dickhäuter, Elephas Indiens, bei seiner Mutter auf. Dies bedarf keiner näheren Betrachtung. Mit Schicksal und Charakter eines Elefanten hat der europäische Ruhm nichts gemein. Seine Sprache bleibt den Menschen unbekannt, Kind sein ist hier das Namenlose und Einmalige, Unverkennbare. Die Elefantenmutter spricht diese stumme Sprache. Ihre hellen Trompetenstöße sind nur Signale des Geschlechts und der Warnung. Er blieb also bei seiner Mutter. Auch das ist nichts Ungewöhnliches. Aber er hatte eine besondere Mutter, die einsam leben wollte, eine Kuh, die den Bullen vertrieb. Der andere Bulle, dem sie ihre Zuneigung geschenkt, wurde im Zweikampf von ihrem verschmähten Gatten getötet. Nun zog sie mit dem Sohne allein durch die Wildnis. Er lernte das Leben bei der Herde überhaupt nicht kennen. Er kannte nur die Töne und Erscheinungen des Waldes. Dies wurde die Ursache seiner einzigartigen Musikalität. Eines Morgens stürzte die Mutter neben ihm in eine Fallgrube. Er hatte das Fliehen nur an ihrer Seite gelernt. Jetzt mutzte er stehen bleiben und mit dem kleinen Rüssel den großen, zuckenden Leib betasten. Die Tierhändler aus Europa wagten sich heran und sahen, daß die Vorderbeine der Mutter gebrochen waren. Sie gaben ihr den „Gnadenschuß" und nahmen die Stoßzähne mit. Alles andere hatte keinen Wert. Aber das niedliche Junge, das nicht einmal davonlief, war ein Gewinn. Es wurde zu Schiff gebracht. In Marseille blieb Gaspard, wie man ihn unterwegs getauft hatte, bis er zum Manne wurde. Er war ein sonderbarer Elefant, und man lachte viel über ihn. Er konnte stundenlang in seinem öden Zwinger stehen und mit verzückten Bewegungen den Kopf heben. Dabei blähten sich die kleinen Ohren, und der Rüffel griff zärtlich ins Leere. Was er immer suchte, ergründete man nicht — „es sah nur so aus" —. War es die Mutter? War es die Heimat? Man warf ihm Zucker hin, aber er lieh ihn liegen. Da kam ein neuer Wärter, Ahimba aus Bombay. Dieser Inder verstand Gaspard. Er brachte ihn zunäcksit mit dem Munde auf den rechten Weg. Er ahmte die Stimmen der Dschungel täuschend nach, Bügel, Assen, Raubtiere. Gaspard wurde sehr aufgeregt. Gaspard meinte. „Es sah aber nur so aus." „ , , Die junge Tochter des Tierhändlers schenkte Gaspard eine Drehorgel. Er beroch den stummen Kasten und stellte fest, daß er nichts Eßbares bedeutete. Sein äußerst empfindlicher Rüffel aber beschäftigte sich mit jedem Handgriff. So kam er plötzlich zum Spielen. „Wie er sich freut!" rief Ahimba und tanzte. — „Das hat ihm gefehlt", sagte die Tochter des Tierhändlers gerührt. „Davon hat er mehr als von deinem Pfeifen und Brüllen." _ Dem war aber nicht so. Die Stimme der Wildnis ersetzte ihm die Drehorgel nicht, doch es war wenigstens Musik, und alles, was tönte, hieß Freiheit. Der kluge Gaspard drehte die Orgel immerfort, bas Programm war sehr klein, und man mußte ihm schließlich das schlimme Instrument sortnehmen. Ader nur Ahimba wagte bas. Er gewöhnte Gaspard daran, mit Kunstpausen zu spielen. Die Tochter des Tierhändlers machte einen zweiten Versuch. „Aber Kind", sagte der Vater, „bas ist ja eine Handharmonika — die soll ein Elefant spielen?" — „Seine Füße sinb geschickter als unsere Hande! rief das Mädchen. Anfangs hätte Gaspard das seltsame Ding fast zertreten — sobald es aber seine verborgene Musik enthüllte, konnte er es spielen. Er setzte sich ohne viel Belehrung wie ein Türke nieder und hielt die Harmonika empfindsam zwischen den Vorderfüßen. Es war zum Totlachen, und Gaspard wurde schon in Marseille berühmt. Dennoch verkaufte man ihn bald, als die Tochter des Tierhändlers plötzlich starb, und dem Vater alles gleichgültig wurde. Gaspard machte „Karriere" — er kam nach Paris. Ahimba blieb sein Wärter und war em geschästskluger Inder, der den Engländern large gedient hatte. Er ahnte, was in Paris aus Gaspard zu machen war. Der neue Elefant des Zoologischen Gartens wurde die große Attraktion. Schönheit, Kraft und Talent — man sah ihm sogar einen neuen Tanz von den plumpen Füßen ab. Seltsam nämlich loste jedes Klingen, das Gaspard erzeugte, auch seine eigene Bewegung aus. Er tanzte nicht etwa die trivialen Weisen der Drehorgel und der Harmonika — er phantasierte gleichsam auf ihren Themen, er vertiefte und bereicherte sie. Wahrscheinlich hörte er viel mehr mit seinem inneren Gehör — so urteilten gelehrte Männer, Mitglieder der Academie fran^aise, die sich auch schon für den Wunderelefanten interessierten. Ahimba aber vollendete die „Dressur". Er lehrte Gaspard nicht zuletzt die Trinkgelder einsammeln, die für den Wärter bestimmt waren. Das Füttern brauchte vor Gaspars Käfig nicht verboten zu werden. Er war ein seltsam geistiger und zurückhaltender Elefant. Seine tägliche Ration Heu genügte ihm — alles andere boten Drehorgel und Handharmonika. Ganz Paris drängte sich zu feinem Gitter. Gaspard aber sah nur die Kinder. Die staunende Liebe in diesen Augen war ihm wertvoll und bedeutete eine Verwandtschaft mit seinem ! Gefühl. Kinder waren Menschen — alle anderen Altersstufen übersah 1 Gaspard. Er blieb ihren Wünschen gefügig, er machte sich zum Spiel- zeug egoistischer Zärtlichkeit. Keine Bitte an den gefangenen Stieles war umsonst. Aber die Kinder wußten nicht, daß „Monsieur Gaspard" um eines einzigen größeren Kindes willen ihnen gehorchte. Dem verdankte er Drehorgel und Handharmonika. Es war die junge Tochter des Tierhändlers. Von ihrem Tode wußte er nichts. „Künstler sind Anberechenbar", sagte ein witziger Journalist, als er eines Tages in Paris bekannt wurde, daß Monsieur Gaspard plötzlich nicht mehr spielen wollte. Er stand mit sonderbarem Kopfschütteln im Hintergründe seines Käfigs. Ahimba setzte weder mit Sanftmut noch mit Zorn etwas bei dem riesigen Melancholiker durch. Die Direktion des Zoologischen Gartens beschloß aus ihrer reichen Erfahrung Gaspard zu verheiraten. Das war ein Universalmittel, auch gegen Verstimmungen bei Dickhäutern. Bei Gaspard aber schlug es fehl — es verschlimmerte sogar den Zustand. Man brachte ihm ein sauberes, silbergraues Weibchen aus Siam, aber er starrte es nur traurig an, er gab leise und schmerzliche Trompetentöne von sich. Niemand wußte, was in ihm vorging. Er sah seine Mutter in der Braut, seine unglückliche Mutter sah er in jedem Elefantenweibchen. Nun blieb er noch tiefsinniger im Hintergründe des Käfigs. Bittend drängten sich die kleinen Freunde am Gitter. Zärtlich ermunternde Zurufe: „Monsieur Gaspard! Spielen! Bitte!" wurden laut. Dis Kenner, Zoologen und Tierpsychologen, berieten sich — sie kamen 3u keiner Erklärung. Eines Tages aber ereignete sich ein furchtbarer Zwischenfall: Plötzlich stürmte Gaspard nach vorn, ganz Leben, Kraft und Musik, mit gehobenem Rüssel und flatternden Ohren. Er glaubte zwischen den Kindern die Tochter des Tierhändlers von Marseille entdeckt zu haben. Er hätte „Juliette!" rufen mögen, aber er konnte es nicht, oder vielmehr fein wilder Trompetenton bedeutete dasselbe. Natürlich erregte er nur Entsetzen. Das Gitter schien zu verbrechen, wilde Panik entstand, es gab Arm- und Beinbrüche. „Monsieur Gaspard hat den Verstand verloren", erzählte man traurig lächelnd in Paris. Man schloß ihn von der Außenwelt ab. Das Publikum bekam den Wunderelefanten nicht mehr zu sehen.'Doch das war wieder falsch. Er sah nur noch die graue, kalte Mauer — keine Kinder mehr. Er fühlte zum erstenmal die Grausamkeit des Kerkers und begann zu toben. Umsonst gelang es Ahimba, das geliebte Tier an eine Kette zu legen. Es riß sich los, büßte aber die furchtbare Kraftprobe mit schweren Verletzungen. Nun war es aus mit ihm. Die Zoologen, Tierpsychologen und Mediziner hatten nur noch das Todesurteil. Aber der Vollzug war viel schwieriger, als Fallgruben bauen in der Wildnis. Den Schuß, der zum Ziele führte, wagte niemand. Schließlich entschied man sich zeitgemäß für einen Gasangriff. Man wollte den schleichenden Tod in Gaspards hermetisch verschlossenen Zwinger leiten. Zuvor aber erfüllte man Ahimbas schluchzende Bitte. Man schob dem Elefanten noch einmal die Instrumente hin, die das Mädchen in Marseille ihm geschenkt hatte. Die Drehorgel berührte er nicht, aber die Hand- Harmonika nahm er und spielte sie ein Weilchen, leise, versagend. Ein Boulevardblatt sprach abends von Monsieur Gaspards „Schwanengesang". Dann wurde die Kunst der Chemiker aus ihn losgelassen. Endlich war er ungefährlich. Man studierte den riesigen Kadaver. Doch Ahimba berührte ihn nicht mehr. Er zog mit Drehorgel und Handharmonika davon. Wem sehen wir ähnlich? Geheimnisse der Vererbung. Von Dr. E. Feig e. Es ist fast 1000 zu 1 zu wetten, daß die wenigsten Menschen wissen, wem sie ähnlich sind. Meist wird freilich die Antwort lauten, und sie kann in vielen Fällen richtig sein: den Eltern. Doch schon diese Antwort befriedigt nicht ganz. Es sind ja immer zwei Eltern vorhanden, die sich um den Vorrang streiten ober einander die Schuld zuschreiben. Doch jenseits dieser Fälle liegen die Dinge meist schon hoffnungslos, lieber die großelterliche Generation hinaus reicht die Erinnerung kaum jemals, Bilder find nicht immer vorhanden. Nur der Name gibt äußerlich einen gewissen Anhaltspunkt, der freilich sehr trügerisch sein kann, weil er nur einen Teil der Beziehungen wiedergibt. Dom Naturstandpunkt aus wäre es zweifellos richtiger, die Kinder nach den Familiennamen beider Eltern zu bezeichnen. Doch wir haben das Daterrecht in Europa, auf das jeder Jurist schwört. Der Name ist freilich für die natürlichen Erbbeziehungen im Gegensatz zu der juristisches Meinung nicht immer beweiskräftig, doch das gehört in eine andere Rubrik. Eine Voraussetzung dürfte aber fast allenthalben bekannt sein, nämlich, daß die Kinder in ihren äußeren und inneren Anlagen mit keinem der beiden Eltern völlig identisch sind. Fast immer sind kleine Abweichungen vorhanden, die mehr nach der einen oder anderen Seite schlagen; selbst bei „verblüffender" Aehnlichkeit lassen sich immer einige Züge des anderen Elternteiles wiederfinden. Und sieht man genauer zu, so lassen sich zuweilen auch Aehnlichkeiten mit den Großeltern entdecken, ja es können die Eltern in dieser Beziehung sogar Übersprungen werden. Hier wird die Sache aber schon verwickelter, denn wir haben jeweils zwei Eltern, aber bereits vier Großeltern, acht Urgroßeltern usw., falls keine Heiraten innerhalb der Verwandtschaft stattge'sunden haben, und wer Lust an Rechenkunststücken hat, mag die Zahl seiner Vorfahren noch weiter rückwärts berechnen; beginnen wir mit der elterlichen Generation, die ays zwei Individuen besteht, so muffen wir die Zahl 2 nach rückwärts durch Multiplikation mit sich selbst vervielfältigen. Der Mathematiker würde das einfacher ausdrücken: in jeder Generation weiter rückwärts wird die Potenz der Grundzahl 2 um 1 erhöht, wir müssen beispielsweise in der zehnten Ahnengeneration die Zahl 2 (Eltern) zehnmal mit sich selbst vervielfältigen, um die wirkliche Zahl der Ahnen in dieser Generation zu erhalten. • Man mache die Probe auf dieses Exempel: die Lösung beträgt 1024 Ahnen, die sich an unserer Entstehung beteiligt haben. Forschen wir weiter, so kämen wir bald zu astronomischen Zahlen. Rechnen wir jede Generation mit rund 30 Jahren, so wären wir um das Jahr 1000 unserer Zeitrechnung bei 30 Generationen angelangt. Diese 30 Generationen entsprechen nach unserem Rechenexempel -nicht weniger als 1073 750 Ahnen. Da um jene Zeit die ganze Bevölkerung Deutschlands kaum größer gewesen sein dürfte, kann sich jeder Zeitgenosse als Nachkomme aller Deutschen jener Zeit fühlen. Wir werden freilich sehen, daß die Geschichte einen Haken hat. Zunächst kommt es aber noch besser. Die moderne Vererbungsforschung hak uns gelehrt, daß wir unseren Eltern unter allen Umständen .Ähnlich" sind, auch wenn das äußerlich nicht bemerkbar ist. Teils sichtbar, teils unsichtbar schleppen wir aber die Anlagen beider Eltern mit uns herum, und daraus läßt sich das Rätsel leicht lösen, weshalb die Enkel oft genug Züge ihrer Großeltern tragen. Einzelne von den Eltern übertragene, bei ihnen selbst vielleicht nicht einmal sichtbare Anlagen der Großeltern kommen bei den Kindern wieder zum Vorschein, sie „spalten heraus", wie der Fachmann sagt. Jetzt wird die Sache verhängnisvoll: sollten wir wirklich mit sämtlichen Eigentümlichkeiten jener über eine Million Ahnen aus unserer 30. Ahnengeneration behaftet sein? Wer phantasievoll ist, kann ja noch ein Stück rückwärts gehen und alle großen Männer oder Frauen der Geschichte in seine Ahnengalerie einverleiben lassen, um die Wahrscheinlichkeit der eigenen Genialität zu berechnen. Wir können daraus leicht ermessen, warum die genialen Leute so selten sind. Die Anlagen verteilen sich allzu stark, es bleibt für jeden einzelnen Erdenbürger ja nur ein winziger Bruchteil jener Genialität und, das ist wenigstens ein Trost, auch der Minderwertigkeit übrig. Damit sich zwei Menschen völlig gleichen, müssen sie auch dieselben Anlagen von ihren betreffenden Eltern erhalten. Es verhält sich dabei ähnlich wie bei der Lotterie. Unter jenen 30 Generationen kann ja nur einmal in mehr als über eine Million Fällen der Zufall zur Zufammenführung genau der gleichen Anlagen führen — immer unter der Voraussetzung, daß keine Lerwandtenheiraten Vorgelegen haben. Wenn wir aber die wirkliche Wahrscheinlichkeit, daß wir unseren Ahnen völlig gleichen, beredjnen wollen, müssen mir uns noch vergegenwärtigen, daß jeder Mensch nicht nur aus zwei Erbhälsten, denen seiner Eltern, besteht, sondern daß seine einzelnen Anlagen in der Mehrzahl unabhängig voneinander vererbt werden können. Betrachten wir zwanzig verschiedene solcher Anlagen der vier Großeltern — Haarfarbe, Augen- farbe, Gröhe, Nasenform, musikalische Anlage, Hautbeschaffenheit usw. —, fo können fünf Enkel mit je vier dieser verschiedenen Anlagen versehen sein, sie sind zwar nahe miteinander verwandt, führen vielleicht auch denselben Namen, haben aber vom Standpunkt der Vererbung oder der „Aehnlichkeit" mite'nanber nichts zu tun. Das ist ein sehr extremes Bet- piel, kann aber häufig vorkommen. Wir können jetzt schon leichter ver- tehen, warum.die Menschen selbst einer Stadt ober eines Dorfes sich o sehr unterscheiden, daß es fast ausgeschlossen ist, zwei äußerlich völlig übereinstimmende Leute aufzusinden. Unterscheiden sich die Eltern nur in sechs Merkmalen — in Wirklichkeit sind es viel mehr —, fo können bereits 64 verschiedene „Arten" von Kindern entstehen, falls so kinderreiche Familien überhaupt denkbar wären. Die Kombinationsmöglichkeit der gebildeten Erbanlagen ist noch viel größer, doch wir wollen von weiteren Berechnungen absehen. Es könnte damit vielleicht Schaden angerichtet werden. Von Bedeutung wird diese Frage praktisch ja höchstens bei Pflanzen ober niederen Tieren, die tatsächlich über solche Nachkommenzahlen verfügen können. In Wahrheit ist es ja auch nicht fo schlimm. Trotz dieser astronomischen Zahlen finden wir häufiger Aehnlichkeiten, als oft zu vermuten ist. Selbst „Doppelgänger" sind nicht gar so selten. Ueberlegen wir es uns genau, so ist der Vorrat an verschiedenen Erbanlagen, durch bie sich die Angehörigen eines Volkes ober einer Familiengemeinschaft unterscheiden können, nicht so unendlich groß. Wir müssen daran denken, daß wir alle letzten Endes von Adam und Eva abftammen. Dadurch schränken sich die Möglichkeiten ein und erst recht, wenn wir nicht in fo sagenhafte Zeiten zurückgehen. Manche Anlagen können ganz verschwinden, manche erhalten sich mit hartnäckiger Beharrlichkeit. Hätten wir genügend alte Ahnentafeln und Aufzeichnungen, fo würde sich bald Herausstellen, daß im Sinne des Naturgeschehens Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Familien bestehen, die sich gegenseitig keinesfalls mehr Erbrechte zugestehen würben — auch ber Racker Staat würbe bei dem Aussterben einer Familie auf fein Erbrecht, falls kein Testament vorliegt, keinesfalls verzichten. Solche längst vergessenen Verwandtschaftsbeziehungen schränken unsere Ahnengalerie sehr erheblich ein; es ist beispielsweise eine paradoxe Erscheinung, baß die ahnenstolzen, burch Stanbesrücksichten aufeinanber angewiesenen Fürstengeschlechter die wenigsten Ahnen besitzen. Gerade daraus entsprang ost ihr Untergang, denn die allzu starke Zusammenführung immer derselben Erbanlagen führt körperliche und geistige Gebrechen herbei. Dock) dieser „Ahnenverlust", ber jeben Menschen betrifft, führt zu gewissen llebereinftimmungen ber körperlichen und geistigen Anlagen innerhalb eines Bezirkes ober eines Volkes. Deswegen können von Zeit zu Zeit „Doppelgänger" ober uns sehr ähnliche Personen auftreten, die scheinbar miteinander überhaupt nicht verwandt sind. Vom Standpunkt des Raturgeschehens aus können diese Personen enger miteinander verwandt sein als leibliche Geschwister. Es ist bei ihnen ber seltene Fall eingetreten — man vergegenwärtige sich unsere Zahlenbeispiele oben — baß die ursprünglichen Anlagen einer vielleicht schon für Menschengedenken unendlich weit zurückliegenden Ahnengeneration in derselben Weise wie bei dieser vereinigt worden sind. Wir lernen daraus, daß sich die Menschen trotz naher Verwandtschaft nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich sehr selten ähneln können, weiter aber, daß die gesetzliche Verwandtschaft mit der natürlichen nicht gleichzusetzcn ist und daß eine Familie nicht mit dem letzten männlichen Miede auszusterben braucht. In Wirklichkeit können gerade ihre typischen Eigentümlichkeiten durch die weibliche Linie mit ganz anderem Namen fortgcsührt werden. Carsten Curator. Novelle von Theodor Storm. (Fonsetzung.) Wie schon seit lange bei allem Unerwarteten, das ihm.angekündigt wurde, war der Gedanke an seinen Heinrich ihm durch den Kopf gefahren. Derselbe stand seit kurzem bei einem hiesigen Senator im Geschäft; aber der strenge alte Herr, mit dem Carstens selbst einst bei dessen Vater in der Kaufmannslehre gewesen war, hatte sich bis jetzt zufrieden gezeigt und nur einmal ein scharfes Wort über den jungen Menschen fallen lassen. Erst gestern, am Sonntag, war Heinrich von einer Geschäftsreise für seinen Prinzipal zurückgekehrt. Nein, nein; von Heinrich konnte Herr Jaspers nichts zu erzählen haben. Dieser hatte indes mit offenem Munde zu dem weit größeren Carstens aufgeblickt und voll augenscheinlichen Behagens dessen wechselnden Gesichtsausdruck beobachtet. „He, Freundchen!" rief er jetzt, und es klang eine einladende Munterkeit aus seiner Stimme. „Ihr wißt ja, 's kann immer noch schlimmer kommen; und wenn der Kopf auch weggeht, es bleibt doch immer noch ein Stummel sitzen." „Was wollt Ihr von mir, Jaspers?" sagte Carstens düster. „Tut 5 nur hier gleich von Euch, so seid Ihr die Last ja los." Doch Herr Jaspers zog ihn am Rockschoß zu sich herab. „Das sind nicht Dinge, von denen man hier im Rathaus spricht." Dann sich zu dem Mädchen wendend, setzte er hinzu: „Die Mamsell Anna findet wohl allein den Weg nach Hause." Und mit seiner Haspeligen Hand, die immer nach etwas zu greifen schien, noch einmal den Zylinder lüftend, stapfte er geschäftig die Treppe wieder hinab. Als sie aus dem Hause getreten waren, wies er mit seinem Stöckchen nach einer Nebengasse, an deren Ecke seine Wohnung lag. Anna blickte fragend ihren Vormund an; der aber winkte ihr schweigend mit der Hand und folgte wie unter lähmendem Bann dem „Stadtunheilsträger", der jetzt an seiner Seite eifrig die Straße hinaufstrebte. In dem kleinen Hofe hinter dem Hause an der Twiete stand außer dem Kirschbaum, für den die Kinder einst die Netze flickten, an der Längsseite eines schmalen Bleichplätzchens ein mächtiger Birnenbaum, der die Freude der Nachbarkinder und zugleich eine Art Familienheiligtum war; denn der Großvater des jetzigen Besitzers hatte ihn gepflanzt, der Vater selbst fn seiner Lehrzeit ihn aus den in der Stadt beliebtesten Sorten mit drei verschiedenen Reisern gepfropft, die jetzt, zu vielverzweigten Aesten ausgewachsen, je nach der ihnen eigenen Zeit eine Fülle saftiger Früchte reisten. Was davon mit der Brunnenstange zu erreichen war, das pflegte freilich nicht ins Haus zu kommen; sonst hätten die Kinder bei Jungfer Anna nicht so freien Anlauf haben müssen. So aber, wenn von den nach Westen anliegenden Höfen aus die Nachbarn ein herzliches Mädchenlachen hörten, wußten sie auch schon, daß Anna an dem Baum zu Gange war, und daß die junge Brut sich auf dem Rasen um die herabgeschlagenen Früchte balgte. Auch jetzt, als sie vom Rathaus kommend ins Haus treten wollte, hatte Anna ein solches Nachbarspummelchen sich aufgesackt. Im Pesel, einem.kühlen, mit Fliesen ausgelegten Raume hinter dem Hausflur, legte sie Hut und Tuch ab und trat dann, das Kind rittlings vor sich auf den Armen haltend, durch die von hier nach dem Hofe führende Tür in den Schatten des mächtigen Baumes. „Siehst du, Levke," sagte sie, „da oben liegt die Katz'" die möchte auch die schöne, gelbe Birne haben! Aber wart' nur, ich will die Stange holen." Als sie sich aber hierauf dem hinter der Hoftür des Hauses befindlichen Brunnen zuwandte, stieß sie einen Schrei aus und ließ das Kind fast hart zu Boden fallen. 2juf der vermorschten Holzeinfassung, deren Erneuerung nur durch einen Zufall verzögert war, saß ihr Jugendgenosse, ihr Kinds- gespiel, die Füße über der Tiefe hängend, den Kopf wie schon zum Sturze vorgebeugt. Im selben Augenblicke aber war sie auch schon dort, hatte von hinten mit beiden Armen ihn umschlungen und zog ihn rückwärts, daß die morschen Bretter krachend unter ihm zusammenbrachen. Sie war in die Knie gesunken, während der blasse, fast weiblich hübsche Kopf des jungen Menschen noch an ihrer Brust ruhte. Dieser rührte sich nicht; es war, als wenn er sich allem, was ihm geschähe, willenlos überlassen habe. Auch als das Mädchen endlich aufsprang, blieb er, ohne sie anzusehen, mit aufgestütztem Kopse zwischen den Bretter- trümmern liegen. Sie aber sah ihn fast zornig an, indem ein paar Tränen in ihre blauen Augen sprangen. „Was fehlt dir, Heinrich? Warum hast du mich so erschreckt? Weshalb bist du nicht auf deinem Kontor beim Senator?" Da strich er sich das seidenweiche Haar aus der Stirn und sah sie müde an. „Zum Senator geh' ich nicht wieder", sagte er. „Nicht wieder zum Senator?" „Nein; denn ich habe nur noch zwei Wege; entweder hier in den Brunnen oder zum Büttel ins Gefängnis." „Was sprichst du für dummes Zeug! Steh auf, Heinrich! Bist du toll geworden?" Er stand gehorsam auf und ließ sich von ihr nach der kleinen Bank unter dem Birnbaum führen. — Aber da war noch das Kind, das mit verwunderten Augen dem allen zugesehen hatte. „Armes Ding," sagte Anna, „hast noch immer keine Birne! Da, kauf' dir heute einen Dreilingskuchen!" Unb als das Kind mit der geschenkten Münze davongelaufen war, stand . das Mädchen wieder vor dem jungen Menschen. „Nun sprich!" sagte sie, während sie sich den dicken, blonden Zopf wieder aufsteckte, der ihr vorhin in den Nacken gestürzt war. „Sprich rasch, bevor dein Bater wieder da ist!" Mit fliegendem Atem harrte sie einer Antwort; aber er schwieg und sah zur Erde. „Du kamst am Samstag von Flensburg!" sagte sie dann. „Du hattest Geld für den Senator einzukassieren!" Er nickte, ohne auszublicken. ^Sag's nur! Ich kann's schon denken — du bist einmal wieder leichtsinnig gewesen; du hast das Geld umherliegen lassen, im'Gastzimmer oder sonstwo! Und nun ist's fort!" „Ja, es ist fort", sagte er. „Aber vielleicht ist es noch wiederzubekommen! Warum sprichst du nicht? So erzähl' doch!" „Nein, Anna — es ist nicht so verloren, wie du es meinst. Wir waren lustig; es wurde gespielt —" „Verspielt, Heinrich? verspielt?" Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, und sie warf sich an seine Brust, mit beiden Armen seinen Hals umschlingend. Oben in der Krone des Baumes rauschte ein leiser Wind in den Blättern; sonst war nichts hörbar als dann und wann ein tiefes Schluchzen des Mädchens, in der alle kurz zuvor entwickelte Tätigkeit gebrochen schien. Aber der junge Mensch selbst suchte sie jetzt mit sanfter Abwehr zu entfernen; die schöne Last, die das Mitleid ihm an die Brust geworfen hatte, schien ihn zu erdrücken. „Weine nicht so," sagte er; „ich kann das nicht ertragen." Es hätte dieser Mahnung nicht bedurft; Anna war schon von selber aufgesprungen und suchte eilig ihre Tränen abzutrocknen. „Heinrich," rief sie, „es ist schrecklich, daß du es getan hast; aber ich habe Geld, ich helfe dir!" „Du, Anna?" „Ja, ich! Ich bin ja mündig geworden. Sag' nur, wieviel du dem Senator abzuliefern hast." „Es ist viel", sagte er zögernd. „Wieviel denn? Sprich nur rasch!" Er nannte eine nicht eben kleine Summe. „Nicht mehr? Gott sei Dank! Aber" — und sie stockte, als sei ein neues Hindernis ihr aufgestiegen — „du hättest heute auf deinem Kontor fein sollen. Wenn er fragt, was willst du dem Senator sagen?" Heinrich schüttelte sich die weichen Locken von der Stirn, und schon flog wieder der alte Ausdruck sorglosen Leichtsinns über sein Gesicht. „Dem Senator, Anna? O, der wird nicht fragen; und wenn auch, das laß meine Sorge fein." Sie blickte ihn ernsthaft an. „Siehst du; nun müssen wir auch schon lügen!" „Nur ich, Anna; und ich versprech' es dir, nicht mehr, als nötig ist. Und das Geld —" „Ja, das Geld!" „Ich verzins' es dir, ich stelle dir einen Schuldschein aus; du sollst keinen Schaden bei mir leiden." „Sprich nicht wieder so dummes Zeug, Heinrich. Bleib' hier im Garten; wenn dein Vater kommt, werd' ich ihn um die Summe bitten." Er wollte etwas erwidern; aber sie war schon ins Haus zurückge- gangen. Behutsam schlich sie an der Küche vorüber, wo heute Tante Brigitte für sie am Herd hantierte, und bann hinauf in ihre Kammer, um sich zunächst die verweinten Augen klar zu waschen. Nicht viel jüngeren Datums als der alte Birnbaum waren Einrichtung und Gerät des schmalen Wohnzimmers, das mit seinen Ausbaufenstern nach dem Hafenplatze hinauslag. In dem Alkovenbette, dort in der Tiefe desselben, dessen Glastüren über Tag geschlossen waren, hatten schon die Eltern des Hausherrn sich zum nächtlichen und nacheinander auch zum ewigen Schlafe hingelegt; schon derzeit, wie noch heute stand in der Westecke des Ausbaues der lederbezogene Lehnstuhl, in dem nach beendigtem Einkauf die alten Kapitäne vor dem ihnen gegenübersitzenden Hausherrn ihr Gespinste abzuwickeln pflegten. Die Sachen waren die- selben geblieben; nur den Menschen hatten sich unmerklich andere untergeschoben; und während einst dem weiland Vater Carstens derlei Berichte aus fremden Welten nur einen Stoff zum behaglichen Weitererzahlen geliefert hatten, regten sie in dem Sohne oft eine Kette von Gedanken, für deren Bearbeitung er nur auf sich selber angewiesen war. Auch der Tisch, der zwischen einem Stuhle und dem Ledersesiel unter den Ausbaufenstern stand, hatte seinen alten Platz behauptet; nur waren die ausländischen Muscheln, welche jetzt auf demselben als Papierbeschwerer für allerlei Schriftwerk dienten, früher eine Zierde der seitwärts stehenden Schatulle gewesen; statt dessen hatte auf dieser der jetzige Besitzer ein kleines Regal errichten lassen, auf welchem außer einzelnen mathematischen Werken und den Chronikei* von Stadt und Umgegend auch Bücher, wie Lessings „Nathan" und Hippels „Lebensläufe in auf- und absteigender Linie", zu finden waren. . Ein Kanapee war nicht ins Zimmer gekommen; es wäre auch kein Platz dazu gewesen. Andererseits aber sehlte.es nicht an einem ziemlich stattlichen Ahnenbilde, in dessen Anschauung der kleinbürgerliche Mann, wenn auch nicht in der französischen Formulierung „noblesse obhge , in chweren Stunden sein wankendes Gemüt zu stärken pflegte. Es war dies freilich kein farbenbrennendes Oelbild, sondern ganz im Gegenteil nur eine mächtig große Silhouette, welche, in braun untermalten Glasleisten eingerahmt, an der westlichen Wand zunächst dem Ausbaue hing, so daß der Hausherr von seinem Arbeitstische aus die Singen darauf ruhen lasten konnte. Sein Vater, von dem freilich nicht viel mehr zu sagen ist, als daß er ein einfacher und sittenstrenger Mann gewesen halle es bald nach dem Tode seiner Ehefrau von einem durchreisenden Künstler anfertigen lassen; so zwar, daß es einen Abendspazier- gang der nun halb verwaisten Familie barftettte. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS Thyriol. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Universität^ Buch- und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.