GiehenerKmnlienbMer Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger Jahrgang l930 Freitag, den l2. Dezember Nummer 96 Winter im Ziegelofen. Von Theodor Kramer. Kein Rauch steigt aus dem Schlot vor meinem Fenster, im Ziegelschuppen ist es heute still; gesorgt ward, daß die Glut im Schacht ersticke, wie ich der Kerze roten Docht zerdrücke, wenn es schon spät ist und ich schlafen will. Es lohnt sich nicht, im Flecken nachzufragen, die letzten Rüben sind schon ausgetan; die Bauern können selbst ihr Reisig schneiden, der Wind weht durch die schwarzen Krüppelweiden schon feuchte Flocken und verschneit die Bahn. Noch liegt der bittre Lehm mir auf der Lunge und schon gebricht's im Haus an Brot und Milch; die blanken Schaufeln meiner Nägel spüren leer unter sich die Kuppen stehn und führen sie hin, wo steif noch starrt der Hose Zwilch. Vorm Sparherd ruht der Schürknecht in der Asche, der Schnee wächst blau und lautlos um mein Haus; und da ich in die letzte Wärme fliehe und übers Ohr mir beide Kotzen ziehe, ist mir, ich geh — nicht heut nur — nicht mehr aus. Oer Schneemann. Märchen von Hans Christian Andersen. „In mir knackt es förmlich, so wunderbar kalt ist es!" sagte der Schneemann. „Der Wind beißt einen direkt lebendig! Und wie die Glühende da mich anglotzt!" Damit meinte er die Sonne, die eben unterging. „Sie soll mich nicht zum Blinzeln bringen; ich werde die Brocken schon sest- halten." Das waren die zwei großen dreieckigen Ziegelsteinstücken, die ihm als Augen dienten. Der Mund war ein Stück von einer alten Harke; deshalb hatte er auch Zähne. Er war unter dem Hurrageschrei der Knaben geboren, begrüßt vom Schellengeläut und Peitschenknall der Schlitten. Die Sonne ging unter, der Vollmond ging auf, rund und groß, klar und schön in der blauen Luft. „Da haben wir sie wieder von einer anderen Seite", sagte der Schneemann. Er glaubte, die Sonne zeige sich wieder. „Das Glotzen habe ich ihr jetzt abgewöhnt! Mag sie nun da hängen und leuchten, damit ich mich selbst sehen kann. Wüßte ich nur, wie man es anstellt, um von der Stelle zu kommen! Ich möchte so gern weiter! Könnte ich das, so würde ich jetzt hinunterlaufen und schlittern, wie ich es bei den Knaben sah. Aber auf das Laufen verstehe ich mich nicht." „Weg, weg!" kläffte der alte Kettenhund. Er war etwas heiser; denn früher hatte er als Stubenhund unter dem Ofen gelegen. „Die Sonne wird dich schon laufen lehren! Das habe ich mich deinem Vorgänger letztes Jahr erlebt und bei dessen Vorgänger auch, weg, weg — weg sind sie alle!" „Ich verstehe dich nicht, Kamerad!" sagte der Schneemann. „Soll die da oben mich laufen lehren?" Er meinte den Mond. „Ja, vorhin lief sie ja, lief davon, als ich sie scharf ansah; nun ist sie von einer anderen Seite wieder herangeschlichen." „Du weißt rein gar nichts", sagte der Kettenhund, „aber du bist ja auch eben frisch gebacken! Was du jetzt siehst, heißt Mond, und das, was fortgegangen ist, war die Sonne. Sie kommt morgen wieder und wird dir schon beibringen, nach dem Wallgraben hinunterzulaufen. Wir bekommen bald anderes Wetter; ich spür's in meinem linken Hinterbein, da reißt's. Wir bekommen Witterungswechsel." „Ich verstehe ihn nicht", sagte der Schneemann; „aber ich habe die Empfindung, daß er mir etwas Unangenehmes sagt. Sie, die mich anglotzte und dann wegging, und die er Sonne nennt, sie ist auch nicht mein Freund; ich habe das so im Gefühl." „Weg, weg!" kläffte der Kettenhund, ging dreimal um sich selbst herum und legte sich dann in sein Haus, um zu schlafen. Das Wetter schlug wirklich um. Ein Nebel, zäh und feucht, legte sich gegen Morgen über die ganze Gegend. Als es zu tagen begann, wehte ™ ,e,'.n. bißchen, und der Frost packte kräftig zu — aber was für ein Anblick, als die Sonne nun aufging! Alle Büsche und Bäume standen im Nauhreif wie ein ganzer Wald weißer Korallen; es war gleichsam, als seien alle Zweige mit strahlend weißen Blüten überstreut. Die unendlich vielen und feinen Verästelungen, die man im Sommer vor Blättern gar nicht sieht, waren wie ein Spitzengewebe und so leuchtend weiß, als ströme | weiger Glanz aus jedem Zweige. Die Hängebirke bewegte sich im Wind; * sie war voller Leben wie die Bäume zur Sommerszeit. Es war eine beispiellose Pracht! „Wie zauberhaft!" sagte ein junges Mädchen, das mit einem jungen Mann zusammen im Garten just vor dem Schneemann stehen blieb, von wo sie über die schimmernden Bäume hinschaute. „Schöneres hat auch der Sommer nicht!" sagte sie, und ihre Augen strahlten. „Und solch einen Kerl wie den da oben gar nicht", sagte der jung« Mann und zeigte auf den Schneemann. Das junge Mädchen lachte, nickte dem Schneemann zu und tanzte dann mit ihrem Freunde über den knirschenden Schnee. „Wer waren die beiden?" fragte der Schneemann den Kettenhund. „Du bist älter auf dem Hofe als ich, kennst du sie?" „Selbstredend", sagte der Kettenhund. „Sie hat mich ja gestreichelt, und er hat mir einen Knochen gegeben; die beiße ich nicht." „Aber was ftetten sie hier vor?" fragte der Schneemann. „Liebesleu—eu—eu—eute!“ sagte der Kettenhund. „Sie sollen zusammen in eine Hundehütte und miteinander Knochen abnagen, — weg, weg!" „Haben die beiden ebenso viel zu sagen, wie du und ich?" fragte der Schneemann. „Sie gehören ja zur Herrschaft", sagte der Kettenhund. „Es ist wirklich sehr, sehr wenig, was man weiß, wenn man gestern erst geboren ist, das merke ich an dir! Ich habe mein Alter und meine Erfahrungen, ich kenne alle hier auf dem Hofe. Und ich habe Zeiten gesehen, wo ich nicht in der Kelte an der Kette lag — weg, weg!" „Kälte ist wunderbar", sagte der Schneemann. „Erzähle, erzähle! Aber du darsst Nicht mit der Kette rasseln, sonst knackt es in mir." „Weg, weg!" kläffte der Kettenhund. „Ein Hündchen bin ich gewesen, klein und niedlich, sagten sie. Damals lag ich auf einem Samtstuhl und auf dem Schoße der obersten Herrschaft, wurde auf die Schnauze geküßt und bekam die Pfoten mit einem gestickten Taschentuch abgewischt. Ich hieß „Schönchen" und „Wollebeinchen"; aber dann wurde ich ihnen zu groß. Deshalb gaben sie mich in die Kelleretage zur Haushälterin. Von dort, wo du stehst, kannst du hineinsehen. Es war da zwar nicht ganz so vornehm wie oben, aber dafür gemütlicher. Ich wurde nicht mehr gedrückt und von den Kindern umhergeschleppt wie oben, ich hatte ebenso gutes Futter wie oben, aber viel mehr! Ich hatte mein eigenes Kissen, und dann gab es dort einen Ofen, und das ist um diese Jahreszeit schöner als alle Herrlichkeit der Welt. Ich verkroch mich so darunter, daß ich ganz verschwand. Ja, von dem Ofen träume ich noch immer — weg, weg!" „Sieht ein Ofen so schön aus?" fragte der Schneemann.' „Aehnelt er mir?" „Er ist genau das Gegenteil von dir! Kohlschwarz ist er, und er hat einen langen Hals mit einer Messingtrommel. Er frißt Scheite, daß ihm die Glut aus dem Maule schlägt. Man muß sich neben ihm halten, ganz dicht daneben ober darunter; das ist ein unnennbares Behagen! Durch das Fenster mußt du ihn doch sehen können, dort, wo du stehst." Und der Schneemann guckte, und wirklich sah er ein schwarzes, blankpoliertes Ding mit einer Messingtrommel, aus dem unten das Feuer her- ausleuchtete. Dem Schneemann wurde ganz eigen zu Sinn; es Überkam ihn etwas, worüber er sich selbst keine Rechenschaft ablegen konnte, was aber alle Menschen kennen, wenn sie nicht eben Schneemänner sind. „Und weshalb hast du sie verlassen?" fragte der Schneemann. Er fühlte, daß der Ofen ein weibliches Wesen fein mußte. „Ich mußte leider", sagte der Kettenhund. „Sie warfen mich hinaus und legten mich hier an die Kette. Ich hatte dem jüngsten Junker ins Bein gebissen, weil er mir den Knochen fortstieß, an dem ich nagte, Knochen um Knochen, dachte ich! Aber sie nahmen es übel, und seit der Zeit liege ich an der Kette und meine klare Stimme ist weg — weg! Das war das Ende vom Lied." Der Schneemann hörte nicht mehr, er blickte hinab in die Kelleretage der Haushälterin, wo der Ofen auf feinen vier eisernen Beinen stand, ebenso groß wie der Schneemann selbst. „Es knackt so seltsam in mir", sagte er. „Werde ich nie dort hinein- kommen? Es ist ein so unschuldiger Wunsch, und unsere unschuldigen Wünsche werden doch wohl gewiß erfüllt. Es ist mein höchster Wunsch, mein einziger Wunsch, und es wäre fast ungerecht, wenn er nicht erfüllt würde. Ich muß hinein, ich muß mich an sie lehnen, und sollte ich das Fenster zerschlagen." „Dort hinein kommst du nie!" sagte der Kettenhund, „und kämst du an den Ofen, so wärest du weg, — weg!" „Ich bin schon so gut wie weg", sagte der Schneemann. Den ganzen Tag über stand der Schneemann und sah zum Fenster hinein. Um die Dunkelstunde wurde die Stube noch einladender; vom Ofen her leuchtete es so milde, wie weder Sonne noch Mond leuchten, wie eben nur ein Ofen leuchten kann, wenn etwas in ihm steckt. Dcffnete man feine Tür, so schlug die Lohe heraus, das war fo seine Gewohnheit, und des Schneemanns Gesicht erglühte bann rot bis hinab auf die Brust. Schneemann. (Aus den. Dänischen von L. Tronier-Funder.) „Ich hatte das nicht aus! sagte er. „Wie gut es ihr steht, wenn sie die Zunge herausstreckt!" Die Nacht war sehr lang, aber nicht sür den Schneemann. Er stand in süße Gedanken vertieft, und sie gefroren, daß sie krachten. Am Morgen waren die Kellersenster zugcfroren mit den herrlichsten Eisblumen, die sich ein Schneemann nur wünfchen kann; aber sie verbargen den Ofen, er konnte sie nicht sehen. Cs knackte, es knirschte, es war ein Frostwetter, das einen Schneemann erfreuen mußte; aber er war nicht erfreut. Er hätte sich glücklich fühlen können und müssen; aber er war nicht glücklich. Er krankte an der Sehnsucht nach dem Ofen. „Das ist eine schlimme Krankheit sür einen Schneemann", sagte der Kettenhund. ,, , , ,, ... ,Zch habe auch an dieser Krankheit gelitten; aber ich habe sie überwunden — weg, weg! — Und nun wird das Wetter umschlagen. Und es schlug um; es wurde Tauwetter. Das Tauwstter nahm zu, der Schneemann nahm ab. Er sagte nicht viel, er klagte nicht, und das sind die richtigen Zeichen. Eines Morgen stürzte er zusammen. Dort, wo er gestanden, ragte etwas wie ein'Besenstiel in die Luft. Da herum hatten ihn die Knaben ^"^^Jetzt^kann ich verstehen, was es mit seiner Sehnsucht auf sich hatte!" sagte der Kettenhund. „Der Schneemann hatte einen Feuerhaken im Leibe, und der war es, der ihn innerlich so bewegte. Nun, er hat überwunden — weg, weg!" Und bald war auch der Winter überwunden. , Weg, weg!" kläffte der Kettenhund. Aber die kleinen Mädchen aus dem Hofe sangen Frühlingslieder, und niemand dachte mehr an den Das Land der Morgenstitte. In den Diamanlbergen von Korea. Von Erna-Elisabeth M e i n e r s. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Peking, im Spätherbst 1930. Still und geheimnisvoll wie der Urwald sind die Diamantbcrge von Korea. Aus dem tiefen Humus, der sich aus dem zersetzten Laub und aus modernden Stämmen im Laufe von Jahrhunderten gebildet hat, ragen knorrige Baumstämme empor, mit Moos und Flechten bewachsen, von Schmarotzern überwuchert; Schlinggewächse schwingen sich von Ast zu Ast, umklammern die Stämme der Bäume in tödlicher Umarmung. An rieselnden Bergbächen wachsen hohe Farne, in schattiger Dämmerung glühen Orchideen. Wild starren Felszacken in die Luft, von ihrer stellen Höhe gießen sich Wasserfälle wie Brautschleier in den mit Steinen und Felsblöcken spielenden Fluß. Dichtes Gebüsch, starres Unterholz, dorniges Gestrüpp wehren dem Menschen den Eintritt. Doch vor Jahrhunderten schon, als der Buddhismus in China sich auszubreitsn begann, kamen buddhistische Mönche mit Axt und Messer, rodeten hier und da aus, bauten zum Preise Buddhas Tempel und schufen Wege durch die Wildnis. Die herrliche Natur ringsum ober blieb unberührt, und fo kommt es, daß inmitten von bebautem Land, ausgerodeten Wildern, ein Stück Urwald liegt — heiliges Land! Als die Japaner von Korea Besitz nahmen und das Land zu kolonisieren begannen, legten sie von den entfernt liegenden Bahnstationen Autostraßen an, bauten, sowohl im „inneren" als im „äußeren Kongo Hotels, so das heilige Gebiet dem Fremden zugänglich machend. Die Hotels, obwohl komfortabel, schmiegen sich als bescheidene Blockhäuser in den Rahmen der Landschaft. Wir erreichen von dem malerischen Hafen Genzang aus, der aus halbem Wege zwischen Fusan und Wladiwostok liegt, den äußeren Kvngo. Noch regenreichen Monaten sind alle Autostraßen von reißenden Wild- bächen zerstört, die japanischen Hotels verödet. Wie sollte man durch die wilden Täler, die zerklüfteten Berge zu den Tempeln gelangen? Guter Rat war teuer. Mit unseren geringen Sprachkenntnissen gelang es uns endlich, zwei Koreaner zu dingen, die unser Gepäck auf Traggestellen über die Berge schaffen sollten. In China ist es ein Leichtes, Kulis für alle nur möglichen Arbeiten um einen geringen Preis zu bekommen. In Korea jedoch ist es anders. Der Koreaner leistet wahrhaftig Großartiges in der Kunst nichts zu tun. Er geht im Sonnenschein spazieren oder sitzt mit gekreuzten Beinen, ein Pfeifchen rauchend, im Schatten feines Hauses. Die Arbeit überläßt er der Frau., Obwohl diese nur gering geschätzt wird, ist sie die wirtschaftliche Triebfeder im Hauswesen und im Leben der Nation. Sie plagt sich von morgens bis abends, damit ihr Herr und Gebieter sich in aller Ruhe einem bequemen, ja , verhältnismäßig üpvigen Lebenswandel hingeben kann. Sie verrichtet die meiste Arbeit des Mannes im Hause, auf dem Felde, im Geschäft. Brechen schwere und trübe Tage herein, denen ihr träger Gebieter gänzlich erliegt, ist sie es, die das Hauswesen zusammenhält. Die Frauen liefern auch die Schneider und Wäscher der Nation. So merkwürdig es ist: alle Bewohner Koreas sind trotz unhyqienischster Lebensweise in Weiß gekleidet und meistens in sauberes Weiß. So besteht ein großer Teil der Frauenarbeit im Waschen. Zu allen Tages- und Nachtstunden hört man das rhythmische Klopfen der Waschstöcke, ein charakteristisches Geräusch für Stadt und Land. ,, Es ist ein malerischer Anblick, die träumerischen Bewohner des „Landes der Morgenstille" in ihren weißen Beinkleidern, Röcken und Schuhen gemessen und würdig durch, die Straßen wandeln zu sehen. Ihre Untätigkeit steht ihnen gut an, denn rasche Bewegungen würden sich mit ihrer Tracht durchaus nicht vereinen. SI» tragen ein talarahnliches Gewand aus Grasleinewand. Eine Unterjacke aus Korbgeflecht sorgt dafür, daß es glatt bleibt und schön absteht. Gar wunderlich sind ihre Kopfbedeckungen. Auf einem Gestell aus gestreifter Gaze sitzt ein Zylinderhut mit breiter Krempe, der unter dem Kinn mit bernsteingeschmückten Bändern zusammengehalien wird. Bei Regenwetter kommt eine spitze Kapuze aus Oeliuch darüber. Die bärtigen Gesichter der Männer haben weiche Züge, ihr langes Haar ist auf dem Kopfe zu Weih- leerer korea- fehlen chtne- einem Knoten aufgesteckt. Interessant wie die Männer sind auch die Frauen. Ihre Gewandung ist wahrlich seltsam. Die Europäerin wandelt in kurzen Röckchen einher, bei der Koreanerin ist alles bedeckt, nur die Brust ist freigelassen. Eine Art Zuavcnjäckchen reicht gerade bis dahin, und der weite bauschige Rock, der an einem breiten Gürtel befestigt ist, beginnt erst einige Zentimeter unterhalb. In großen Städten jedoch verschwindet der Zwischenraum jetzt mehr und mehr. In kleinen Orten tragen die Frauen noch, aus der Zeit, da die Männer eifersüchtig über ihre Tugend wachten, einen weißen Ueberwurf, der Kopf und Gesicht verhüllt. Man meint, eine Schar Gespenster einherwandeln zu sehen. Biele Koreanerinnen sind schön, sie haben feine ovale Gesichter, das gescheitette Haar ist tief zu einem Knoten im Nacken verschlungen. Unsere Träger sind drollig anzusehen mit ihren feierlichen Hüten und schweren Traggestellen. Der Weg über die Berge zu einem der vier großen Tempel zeigt uns «in herrliches Stück Natur. Wlld zerklüftete Berge umschließen die Täler. Friedlich ist es und still. Hinter den granitenen Häuptern liegen die Versuchungen und die Trübsal der Welt. Uralte Wälder schmücken die tiefen Einschnitte zwischen den Bergen, unzählige Blumen, wohin man blickt. Ein Bergbach schäumt über hohe Felsblöcke, bildet Becken von tiefgrüner Farbe. Der Weg ist mühsam, oft gilt es, die durch den Regen tosenden Bäche zu durchqueren. Schuhe und Strümpfe in der Hand, springt man von Stein zu Stein, gegenseitig muß man sich über hohe Felsblöcke ziehen und schieben. Die Koreaner, gestützt auf lange Stöcke, sind äußerst gewandt. Eine Schar koreanischer Schüler hat sich den Uebergang leicht gemacht: aller Kleidung entledigt, tummeln sie sich durch den blitzenden Schaum. Die letzten Strahlen der Sonne huschen^ über die Felsfpitzen, als in einer Felsschlucht die geschweiften Dächer des Klosters auftauchen. Feierliche Glockentöne durchzittern die Luft, Weihrauch im Opfer- bccken vor einer riesigen in Fels gehauenen Buddhastatue mischt sich mit dem Duft der Föhren. Es ist, als ob der Hauch von milder Sanftmut ringsum zu den Tröstungen einladen wollte, die dieses buddhistische Asyl gewährt. Wir werden vom Abt mit einem Getränk aus Honigwasser willkommen geheißen. Der Tempel ist sauber, im Stil ein Gemisch von Japanischem und Chinesischem. Die Wände sind bemalt mit Szenen aus dem Leben Gauthama Buddhas. Auf dem Altar vor der goldenen Statue des Amitabha, des Buddhas des „westlichen Paradieses", stehen ° " - rauchgesäße, Leuchter und buddhistisch« Symbole. Das Gastzimmer, das man uns anweist, ist ein sauberer, fast Raum, den man von der Veranda aus auf Strümpfen betritt. Die Nischen Häuser haben darin Aehnlichkeit mit den japanischen. Nur die Matten; der Boden ist hart und wird, in Anlehnung an den fischen Gang, von außen geheizt. Der Koreaner schläft ohne Unterlage auf diesem geheizten Boden, fein Kopfkissen ist ein ausgehöhlter Klotz, eine Decks genügt zum Zudecken. Die einzigen Dekorationsgegenstände sind kunstvoll mit Messing beschlagene Kommoden. Leider hatten wir in Unkenntnis der Verhältnisse unsere Federbetten in Söul gelassen und mußten nun auf dem harten Boden kampieren. Wir erduldeten Folterqualen; Gliederschmerzen überall, Herzbeklemmungen infolge des heißen Fußbodens. Selbst im Hochsommer muh des Nachts geheizt werden. Entgegen aller oktasiatifchen Gebräuche der Europäer sind wir auch ohne Koch gereist. Unsere Witzbegierde, ganz wie das koreanische Volk zu leben, mußten wir schwer büßen: , Ein kleiner Priesterschüler holt täglich das Essen aus dem Wirtshaus in der Nähe des Tempels. Was für ein Effen! Tag für Tag gibt es „Kimfchi", die Nationalspeife der Koreaner, gesäuerter Weißkohl nut Paprika so scharf gewürzt, daß er wie Feuer in der Kehle brennt, dazu Reis. Delikatessen sind in Oel gesottene und gesalzene Baumrinden oder auf gleiche Weise bereitetes Moos von den Felsen. Fleisch und Fisch gibt es in diesen heiligen Klosterbezirken nicht. . Die Spaziergänge im Walde, wo zerfallene Einsiedeleien zwischen qesprenkelten Moosen vermodern, wo in kleinen Hütten Mönche, die sich der Gemeinschaft der Klöster entzogen haben, ein gottnahes Dasein fuhren, entschädigen für alle Entbehrungen. Eigenartig berührt es uns, daß man inmitten dieses mittelalterlichen Lebens Scharen englisch sprechender junger Leute trifft. Die amerikanischen Missionen haben zahllose Schulen über ganz Korea verbreitet, eingerichtet. Knaben und Mädchen genießen hier für wenig Geld eine amerikanifche Erziehung, und nicht wenige werden zum Christentum bekehrt. Dabei folterte man noch vor achtzig Jahren eindringende Missionare aufs grausamste. Schön wie der innere ist auch der durch seine wildzerkluftete Küste und die eigenartigen Felsbildungen im Meer berühmte: Seekongo. Aber die Fischerdörfchen am Meeresufer, durch ihre tief herabhängenden Strohdächer fast malaiisch aussehend, sind, im Vergleich zu den Dörfern >m Innern, schmutzig und verwahrlost. Ebenso die Bewohner. Faul liegen die Männer in der prallen Sonne und schlafen, wahrend die Frauen die Netze flicken. In der Luft liegt der Geruch der getrockneten Fische, vermischt mit den Ausdünstungen faulenden Kehrichts. Hühner picken an den zum Trocknen ausgelegten Fischen, Hunde walzen sich daraus. Hier hat sich gar ein Mann eine Menge Fisch« ausgeschicktet und benutzt sie als Kissen für sein müdes Haupt. Angesichts dieser Nachlässigkeit yr die Behauptung wohl ganz glaubhaft, daß viele Krankheiten der Koreaner ihre Urfache in dem getrockneten Fisch finden, den sie so gierig verschlingen. Der Handel mit gesalzenen und getrockneten Fischen gehl nach allen Teilen des Landes. Die Küste ist fo reich an ,tischen, datz leicht der Grund zu einem blühenden Exporthandel hätte gelegt werben können; aber das träge, schmutzig«, träumerische Volk läßt sich alles von den tüchtigen Japanern aus der Hand reihen. Da der schmutzige Zustano den Aufenthalt im Fischerdorf gefährlich macht, wohnen wir in dem sauberen javanischen Gasthof außerhalb. . Der Blick über das sanhirblau schimmernde Meer auf die Pitwresren, mit Grün bewachsenen Felseninselchen ist herrlich. Die Bucht ist erfuul von einem fortwährenden zischenden Pfeifen; es sind M us chels t j «ye rinnen, die mit einem Messer in der Hand nach Muscheln tauchen und diese dann in oben auf dem Wasser schwimmende Körbe werfen. Das Pfe-fen ist ein Lebenszeichen, das sie sich gegenseitig geben. Die Männer liegen unterdessen in den Booten am Ufer, auf die Ausbeute wartend. Stundenlang tauchen diese tapferen Frauen, um dann ans User zu gehen und ihre Kinder zu stillen. Ihre Körper aber sind fest und schön. Das dumpfe Dröhnen koreanischer Trommeln, die zitternden Töne von Pfeifen und Violen klingen über die glatte, ruhige Fläche des Meeres. Eine der charakteristischen koreanischen Festgesellschaften, bestehend aus jungen Leuten und schönen anmutigen „Gisaings" (Tanzmädchen), naht. Unter dem Jubel der Gesellschaft ahmt der Bootsmann, von zu reichlich genossenem Reiswein schon stark betrunken, den Tanz einer Gisaing nach. Das Bild wirkt so unendlich drollig, daß wir schnell eine Aufnahme machen. Aber kaum hat der Mann dies bemerkt, als er auch schon schimpfend und schreiend mit einem Stock auf uns losgeht. Nur mit Mühe gelingt es den Mädchen, ihn zu beruhigen. Ein Jüngling fischt aus den im Wasser liegenden Netzen eine Seegurke, der er den Hals umdreht und uns zur Speise anbietet. Um ihn nicht zu verletzen, essen wir sie, und siehe — sie war gewürzig und wohlschmeckend. Die größten Ueberraschungen bei Reisen in fremden Ländern erlebt man immer bei den Mahlzeiten. In unserem japanischen Gasthaus überreichte man uns zum Frühstück kalte Kartoffeln, die auf Zahnstocher gespießt waren! In Genzang versäumen wir den Zug und müssen im koreanischen Gasthaus übernachten. Diese Nacht steht mir als die schrecklichst« vor Augen! An das harte Schlafen waren wir ja nun gewöhnt, aber hier in anscheinend sauberem Raum fällt ein ganzes Heer von Wanzen und Flöhen über uns her. Unmöglich zu stehen, zu sitzen, von Schlaf keine Rede!! Verzweifelt nehme ich meine Decke, um auf der Veranda Schutz zu suchen, aber hier ist es noch ärger, zu den Wanzen gesellen sich Scharen von Moskitos, die im Nu mein Gesicht so zerstochen haben, daß es ganz entstellt ist. Und nebenan sitzen die Wirtsleute und plappern, mein Gebaren erstaunt betrachtend, laut und monoton aus der Bibel. Im anderen Zimmer singt ein Student ein Lied nach der Melodie „An der schönen blauen Donau". Trotz meines Aergers muß ich schließlich doch über die komische Situation lachen! Nebenbei bemerkt stammen viele Melodien koreanischer Lieder aus deutschen Volksliederbüchern. In der Hauptstadt Söul kommen wir im eleganten, von Japanern geleiteten europäischen Hotel, zum erstenmal seit Wochen wieder mit westlicher Zivilisation in Berührung. Es war nicht unangenehm. Oer Schlund. Roman von Alfred Bock. (Sortierung.} Das erzählte der Hannwilm, indes die Kerzen lustig flimmerten. Er nickte der Wecklersanna zu. Es war ihm, als strahlte ein neues Licht in sein Leben. Eine der Mägde trug das Abendessen auf: Schweinbraten und Kartoffelsalat. Unter großem Schweigen wurde das schmackhafte Gericht verzehrt. Danach rückte man zusammen. Cs wurde vom Schnee, von der Kälte gesprochen, vom Mühlarzt, dem ein Hirnschlag die rechte Seite gelähmt hatte, vom Mattheis Fink, der am Nachmittag in der Mühle gewesen war und lamentierte, weil sein Ochs schlotterte. Der Knecht, dem das Gespräch zu trocken dünkte, tischte Schnurren von der Kinzenbacher Mühle auf, wo er vier Jahre gearbeitet hatte. Dort aß ein alter Mann, der Hannhechel, das Gnadenbrot. Der war so dumm, daß ihn die Gänse bissen. Einmal war auf der Mühle der Schimmel an Kolik erkrankt. Des Müllers Aeltester, der Görjel, ging in die Stadt, den Tierarzt zu holen. Dieser hatte sich den Fuß verstaucht, gab aber an, wie das Tier zu behandeln sei. Der Görjel, der sich in Schalkstücken gefiel, sah, die Oberstadt durchschreitend, in einem Drogengeschäft Kokosnüsse ausgestellt. Er kaufte eine und legte sie, sobald er in die Mühle zurückgekehrt war, neben den stöhnenden Schimmel. Bei sinkendem Tag kam der alte Hannhechel in den Stall, starrte mit weit aufgerissenen Augen die Kokosnuß an und rannte zum Müller. „Das Geld für den Viehdoktor könnt Ihr etz sparen", keuchte er. „Wann ich 's net mit meinen eigenen Augen gesehn hätt, tat ich's net glauben: der Schimmel hat ein Ei gelegt. Dademit hat sich die Krankheit gebrochen. Geht hin und guckt selber nach!" Ein andermal hatte der Hannhechel sich auf dem Heimweg von der Stadt in der Dunkelheit verirrt. Ratlos lief er hin und her, bis er endlich den Mühlbach entdeckte. Damit er nun nicht wieder die Richtung verlöre, zog er Schuhe und Strümpfe aus und patschte im Bach der Mühle zu. Trätschnaß, aber sidel wie ein Kutscherspitz, langte er dort an. Die Geschichten erregten große Heiterkeit. Auch der Hannwilm gab einen Spaß zum besten. Sein Vater hatte aus Londorf ein Faß Branntwein bezogen. Das lief aus. Er rollte es in den Stall und stellte eine Schüssel darunter, den rinnenden Schnaps aufzufangen. Adam, der Kn:cht, wurde zum Dickwurzputzen in den Stall geschickt, wo ihm der Branntweinduft in die Nase stieg. Da er die Schüssel unter dem Faß bemerkte, setzte er sie rasch an den Mund und schlurchte in langen Zügen das feurige Naß. Beschwipst erschien er beim Mittagessen. Kaum, daß er seinen Hunger gestillt, wollte er wieder in den Stall. Der Müller aber, der Lunte roch, hielt ihn mit den Worten zurück: „Alleweil wird in der Scheuer Häcksel geschnitten!" Der Adam, der sonst vom Dickwurz- putzen kein Freund gewesen war, erwiderte, die Hand in die Hüfte stemmend: „Mit dem Häcksel, daß laß ich noch gehn. Heut will ich die Dick- wurz erst fertig putzen!" — Glock zehn brach die Wecklersanna auf. „Willst du dann bei dem Wusterwetter die Nacht net hierbleiben?" fragte der Hannwilm mit gespanntem Blick. „Nee", erwiderte sie, ohne zu fackeln, „ich geh heim!" Draußen wirbelten die Flocken, ein rauher Wind fuhr durch das Tal. Die Wecklersanna wickelte ihr Tuch fester um den Kopf. Diesen Abend wäre sie wahrhaft glücklich gewesen, wenn sie ihren Karl bei sich gehabt hätte. Der war nun längst ausgebildet, jede Stunde konnte die Nachricht kommen, daß er ins Feld gerückt war. In der Schmiede bei den Dreiern setzten sie ihm hart zu. Dennoch klangen seine Briefe zufrieden. Immer wieder fragte er an, wann del Neumüller und seine Mutter in der Kirche auegerufen würden. Pressierte es denn so? Der Hannwilm hatte die Jugendfreundin nicht darüber im Zweifel gelassen, daß er sie als seine Frau einsetzen werde. Tag für Tag gab der Hannwilm feiner Freude Ausdruck, daß er nichts mehr zu verdöstem brauchte. Dessenungeachtet ward die Wecklersanna durch [ein bleiches Aussehen in Unruhe versetzt. Sie hatte sich hinter den Knecht gesteckt, daß der im Betrieb seinen Herrn nicht aus den Augen ließ und die gröbste Arbeit verrichtete. Die Sorgen machten das Herz ihr schwer. Freilich, mit Sorgen konnte man keinen Strohhalm brechen. Sie mußte den ganzen Sinn daraus richten, ihrer neuen Stellung gerecht zu werden. Daß der Knecht und die Mägde sie als künftige Herrin achteten, gewährte ihr große Befriedigung. Sie ging ihnen mit Flinkheit und Fleiß voran und begegnete ihnen mit Freunolichkeit. Ihre Meinung war: man mußte darauf sehen, daß die Dienstleuie ihre Pflicht erfüllten; man durfte aber nicht zu viel von ihnen verlangen. Wer arbeitete, sollte auch ruhen. Aus der Ruhe floß neue Kraft. Bei wohlgeordneter Tätigkeit blieb es nicht aus, daß das Geschäft einen guten Fortgang nahm. Den ganzen Tag über herrschte in der Mühle starker Verkehr. Die Bäcker als die häufigsten Mahlgäste waren froh, daß sie wieder gutes Brot backen konnten. Wenn die Stadtfrauen mit Körben und Kisten kamen, wurde der Mehl- taften im Handumdrehen leer. Diele waren fo entkräftet, daß sie kaum noch die Wcgstener hatten. Die Stadt, jammerten sie, war zum Sodom und Gomorrha geworden. Schieber und Schlicher hatten Oberwasser. Sie Überboten einander, was sie erwuchert hatten, zu verprassen ober ihrer Spielwut zu opfern. Schwankende wurden durch schlechtes Beispiel verführt. Am hellichten Tag ging der Diebesteufel um, niemand war mehr feines Eigentums sicher. In Ecken und Winkeln sah man das Hungertuch aufgehängt, Armut wurde zur Hurenmutter. Das Dorf, sprachen die Stadtfrauen, konnte sich glücklich preisen. Da war's noch nicht so übel bestellt. Die Wecklersanna runzelte die Stirn. Sie wußte, daß Schandsal und Unrechtlichkeit sich im Bauernmark fester und fester fraßen. Es war wie eine schreckliche Krankheit, die der Krieg herauf- beschworen, die die Menschen durchmachen mußten. Wer mochte sie heilen? Die selbst voller Beulen waren, konnten es nicht. Die Stracken, die Unverdorbenen, so dünn sie auch gesät sein mochten, mußten sich zu- fammentun. Wenn man die Menschen so weit brachte, daß einer dem andern gönnte, was er sich selber wünschte, hörte die Krankheit auf. Die Zeit war noch fern. Einmal, so hosste man, würde sie kommen. Dichter und dichter wirbelten die Flocken. Eilends schritt die Wecklersanna voran, .Weihnachten Schnee, Ostern Klee', sagte die Bauernregel. Jede Regel hatte ihr Aber. Was sollte man tun? Den Kopf oben halten und mit allen Kräften dem Frühling entgegengehn. — Mitten in der Nacht wachte der Neumüller auf. Er hatte einen seltsamen Traum gehabt. Es war Johannistag. Er machte den gewohnten Spaziergang zum Pfaffenteich. Dort traf er die Wecklersanna, die eine Last Weißzeug gewaschen hatte: „Du hast keine Stützen, hast kein Waschseil", sagte er zu ihr, „wie willst du die Wäsch trocknen?" „Das wirst du gleich gewahr werden", versetzte sie, nahm die Wäschestücke und warf sie in die Luft, wo sie an den schräg herabfallenden Sonnenstrahlen hängen blieben, „'s wird net lang dauern, dann ist alles trocken", sprach sie. „Wir können derweil ein bißchen spazieren gehn!" Sie schlugen die Richtung nach dem Weiherwald ein. Das Marschieren wurde ihm blutsauer, denn es war eine barbarische Hitze. Auf der Zehntwiese blühten an langen Stengeln blaßrote Blumen, dergleichen er noch nie gesehen hatte. Ihre Staubfäden waren wunderhaft ineinander verschlungen, daß sie zierliche Schiffchen bildeten. Die Wecklersanna pflückte einen großen Strauß. Als sie in den Wald tarnen, lag da fein Kompaniekamerad Heinrich Erb, rackemaustot. Die Wecklersanna beugte sich zu ihm nieder, legte ihm den Blumenstrauß auf die Brust und hob leise zu fingen an: „Wie mancher gute Kamerad Muß bleiben auf dem Feld, Wir Deutschen fragen nichts danach, Wir sind dazu bestellt!" Sie sang mit fo ergreifender Stimme, daß er Tränen vergoß. Darüber wurde er wach. Die Glieder waren ihm bleischwer. Er fühlte am Herzen einen brennenden Schmerz. Er stand auf, kühlte die Brust mit Wasser. Der Schmerz ließ nach. Er legte sich wieder. Seit er im Krieg gewesen war, quälten ihn schwere Träume. Schlachtenlärm und gefallene Kameraden spielten darin eine große Rolle. Kurios, wie die Wecklersanna die Wäschestücke an der Sonne aus- gehängt hatte. Das hatte er deutlich vor sich gesehen. Er hatte auch von Blumen geträumt. Wer von Blumen träumte, hatte Glück zu erwarten. Er brauchte es nicht zu erwarten, es war mit der Jugendfreundin schon bei ihm eingekehrt. Dank erfüllte sein Herz. Von allem, was die Wecklersanna tat, ging ein stiller Segen aus. Man hörte fein lautes Wort von ihr. Wenn sie fragte — und sie hatte viel zu fragen — geschah'-- auf eine verständige und bescheidene Weise. Kein Wunder, daß man ihr freundlich Antwort gab. Sie konnte auch schweigen. Und dachte ihr Teil. Vor ihrem festen Blick hielt nichts Ungutes stand. Manchmal tarn er sich ihr gegenüber ganz klein, ganz nachgültig vor. An ihrer kernhasten Art richtete er sich auf. Stark und qut, das war das Beste, was man von einem Menschen sagen konnte. Die Wecklersanna war stark und gut. Was für eine Wohltat, sie um sich zu Haden! Er war wie verwandelt, fein Leben war sonnenhell. Im Frühjahr — das war beschlossene Sache — trat er mit ihr in die Ehe- schast. Heitere Bilder umschwebten ihn. Ein Lächeln auf btn Lippen büffelte er ein. In ter Neujahrsnacht war's, daß die Wecklersanna von der Post- 'botenmarie aus dem Schlaf geweckt wurde: ein Eilbrief aus Mainz. Die Befpannungsabteilung, der Karl zugeteilt war, meldete, der Fahrer Weck- ler habe einen Unfall erlitten, fei schwer verletzt in das Lazarett gebracht worden. Die Wecklersanna war zuerst wie versteinert. Schreckhafte Vorstellungen stürmten auf sie ein. Vor Morgengrauen hastete sie in die Stadt und fuhr mit dem ersten Zug nach Mainz. In dem Kupee saßen Urlauber, die während der Feiertage in der Heimat gewesen waren und nun wieder ins Feld hinausgingen. Das A und O ihre? Auslassungen war: „'s gibt keine Gerechtigkeit mehr. Zu Haus schießen die Reklamierten mit Butterwecken, wir müssen ins Trommelfeuer. Der Krieg hängt uns zum Hals heraus!" Ein Mann in gesetzten Jahren, auf dessen Schultern das Haar lang herabfiel, erhob sich. „Es gibt ein Mittel, das Wunder tut und die Menschen von dem unermeßlichen Elend befreit: die Rückkehr zum lebendigen Gott. Rufe mich an in der Rot, spricht der Herr, so will ich dich erretten!" Er überreichte jedem der Soldaten ein Traktätchen. Ein und der andre las es. Eine Unterhaltung schloß sich daran, wobei die Feldgrauen und der Gemeinschaftsmann ohne Leidenschaft ihre schnurstracks zuwiderlaufenden Ansichten verfochten. Die Wecklersanna hörte die Reden und Gegenreden wie aus weiter Ferne. All ihre Gedanken kreisten um die bange Frage: würde sie ihren Jungen noch am Leben treffen? Als sie den Vorraum des Lazaretts in Mainz betrat, geleitete der wachhabende Unteroffizier sie zum Chefarzt. Dieser, ein grauköpfiger alter Herr, saß über Akten gebeugt an seinem Schreibtisch. Da er den Namen der Eintretenden hörte, erhob er sich. „Ihr Sohn", sprach er teilnehmend, „ist heut früh kurz nach vier ohne Todeskampf sanft eingeschlasen!" Er gab der Wecklersanna die Hand. Der Unglücksfall, berichtete er, hatte sich ereignet, als Karl Weckler damit beschäftigt war, einem Pferd das alte Hufeisen abzunehmen. Das bösartige Tier schleuderte nicht nur den Mann, der es hielt, zu Boden, es traf, ausschlagend, Karl Weckler mit solcher Wucht, daß er auf der Stelle das Bewußtsein verlor. Ein Stollen hatte sich ihm in die Stirn gebohrt. Er war dann der Verletzung erlegen. In ihrem gewaltigen Schmerz verlor die Wecklersanna ihre Selbstbeherrschung nicht. Sie bat, man möge sie zu ihrem toten Jungen führen. Den Aermsten hatte die Stirnwunde arg entstellt. An der Lagerstatt brach seine Mutter zusammen. Eine barmherzige Schwester sprach ihr liebreich zu. „Ich will mein'Karl daheim haben!" rief sie mit schluchzender Stimme. Die Schwester versprach ihr, dafür Sorge zu tragen, daß die Leiche alsbald in die Heimat übergeführt werde. Nachdem die Wecklersanna im Zimmer der Schwester ein Viertelstündchen ausgeruht hatte, begab sie sich in die Gaustraße zur Quartiergeberin des Karl, die Sachen ihres Sohnes in Empfang zu nehmen. Frau Luckhardt, eine früh gealterte Vierzigerin mit einem kleinen, schmalen Gesicht, in das die Mühsal ihre Furchen gezogen hatte, bewohnte im obersten Stock eines baufälligen Hauses drei dürftig eingerichtete Stübchen. Eins davon hatte sie dem Karl überlassen. „Ich hatte Ihren Jungen so gern wie mein eigen Kind!" richtete sie an die Wecklersannna das Wort. „Er war goldtreu. Und dankbar. Und rein. Mit einem wahren Feuereifer war er in den Dienst gegangen. Er ist dann einem Leuteschinder in die Händ geraten. Der hat ihn mit Roheit und Härte behandelt. Daß er beim Militär soviel Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit sah, hat ihn arg verdrossen. Er war ohne Falsch wie meine Tauben. An denen hat er viel Spaß gehabt. Ich hatte meine liebe Not, daß er ihnen nicht zuviel Futter gab. Sonntags ist er als mit mir spazieren gegangen. Und da hat er mehr gefragt, als ich antworten könnt. Er wollt wissen, wo das Gold im Rhein liegt. In der Stadt hat er in jedes Gäßchen hineingucken müssen. Einmal kamen wir in der Löhrstraße an einer Schmiede vorbei. Da war er glückselig. Und Hai geredet wie ein Alter. Von Ihne hat er mit großer Liebe gesprochen. Er hat oft Sehnsucht nach Haus gehabt. Er hat's Ihnen aber nicht schreiben wollen. Er ist nicht in das Morden hinausgekommen. Da ist ihm viel erspart geblieben, dem lieben Jungen!" So gedachte Frau Luckhardt des Abgeschiedenen, umarmte die Wecklersanna und küßte sie auf beide Wangen. Karls Habseligkeiten hatte sie bereitgelegt und tat's nicht anders, daß sie der Wecklersanna das Päckchen bis an den Bahnhof trug. Ins Herz getroffen fuhr die Verlassene heim. Nun ihr der Karl genommen war, stand die Zeit für sie still, sand kein Sonnenstrahl mehr zu ihr hin. Am Tag, da der Karl der Erde wiedergegeben ward, trat der Neu- müller vor die Jugendfreundin und sprach: „'s wird dir artlich vorkommen, was ich dir etz sag. Und daß ich dir's heut sag. Mit dem Sterben, das ist schnell geschehen, ’s hat den Karl belangt, 's kann auch mich belangen. Der Tod geht vor einem her, nur daß man ihn net sieht. Wenn ich mich fortgemacht hab, soll's net heißen, daß ich ehrlos war. Ich weiß, was ist dir schuldig bin. Morn gehn wir zwei zum Bürgermeister und unterschreiben, daß wir aus- gehängt werden!" Ohne ein Wort zu erwidern, holte die Wecklersanna den Brief ihres Karl, worin er guten Mutes geschrieben hatte: „Hoffentlich ist es nun bald soweit, daß ich den Neumüller vor den Leuten Vater nennen kann!" „’s war ihm net vergönnt", sagte der Hannwilm bewegt. „Und das ist ewig schad!" Drei Wochen später gab der Pfarrer den Reumüller und die Wecklersanna zusammen. 12. Nach einem harten Winter begannen im März die Lüfte milder zu wehen. Im Mühlgarten streckten die Bäume ihr noch kahles Geäste verlangend der wärmeren Sonne entgegen. Aus den Rabatten kündeten die goldgelben Blüten des Himmelschlüssels den Frühling an. Eine Magd brachte allerlei Sämereien in die gelockerte Erde. Auf dem Bleichplatz ließ der Knecht ein paar Kälbchen sich tummeln. Die hatten bis jetzt im Stall gestanden. Im Freien sollten ihre Glieder Kraft und Gelenkigkeit gewinnen. Der Neumüller schritt die schmalen Gartenwege auf und ab. Er hatte den schweren, nassen Boden mit Kalk und Holzasche durchschichten lasse«» und hoffte auf reicheren Ertrag. Gen Süden, nahe der Umzäunung, stand eine Edeltanne, auf dem Grundstück die einzige ihrer Art. Als Junge von vierzehn Jahren hatte der Neumüller sie gepflanzt, hatte sie gehegt und gepflegt. Setzte sie neue Triebe an, war's ihm, als spürte er selber neue Kräftigkeit. Eine Zeitlang hatte der Baum gekränkelt, doch hatte er sich wieder erholt, war in die Höhe und Breite gewachsen. Auf seiner Wanderung durch den Garten betrachtete der Neumüller nachdensam die Edeltanne. Die gedieh fort und fort, hatte gesundes Mark. Und er? Wenn kein Stäub- chen mehr von ihm übrig war, trotzte die Tanne noch Wind und Wetter. Es schuckerte ihn. Die ganze Woche schon war's ihm nicht just. Er fühlte sich auf der Brust beengt, litt wieder an Schwindel und Schwäche. Seiner Frau verschwieg er's. Dem alten Boller hatte er sich anvertraut. Der verordnete morgens und abends einen Eßlöffel voll Spitzwegerichsast. Battete es nichts, so schadete es nichts. Er hatte dem Tod vielmal ins Auge geschaut und fürchtete ihn nicht. Gleichwohl, zehn, zwanzig Jährchen hätte er gern noch mitgemacht. Warum? Weil ihm kriminat- wohl in seiner Eheschaft war. Ob auch der Kummer um den Tod des Karl in ihr wühlte, der Wecklersanna güldengut Wesen war unwandelbar. Wenn er — was zuweilen passierte — mit dem linken Fuß zuerst aufstand, steckte sie das Kräutchen Geduld an die Brust: das beste Mittel gegen seine Raupen. Die Wahrheit zu sagen: sie hatte ihn im Sack. Aber er fühlte sich mollicht dabei. Er konnte ihr ruhig das Regiment überlassen. So leicht trat ihr niemand den Pantossel aus. Sie kannte keine ängstliche Sparsamkeit, sie wußte, was nötig und was zu entbehren war. Sie hatte die Augen in allen Ecken. Die Zeit hatte Eile. Wupp! flog eine Woche hin. Am liebsten waren ihm die Abendstunden, wenn in der Wohnstube die Lampe brannte. Dann saßen sie friedsam beieinander. Ueberschauten, was sie gearbeitet hatten. Schwätzten über dies und jenes. Daß die Wecklersanna sich in andrer Leute Angelegenheiten mischte oder gar schlecht von einem Menschen sprach, lag nicht in ihrer Natur. Sie hatte sich wohl gemerkt, daß er vom Krieg nichts hören wollte. Sie war klug bis in die Fingerspitzen. Er hatte sie gern wie in jungen Jahren und schätzte sie als treue Helferin. Der Lehrer kam in den Garten, gleich darauf der Schollehupper. Der war wie gewöhnlich mit Neuigkeiten vollgepfropft und schlug alle Register auf. Der rote Körber im Engelsgäßchen hatte für fünftausend Mark eine Gewann am Hundsbusch gekauft. Als man ihm vorstellte, er habe zweitausend Mark zuviel auf die Zündpfanne gelegt, sagte er groß- sprauzig: „Das tut nix. Die verdien ich in vier Wochen an Butterweck'!" Die Schmulse am Grenzweg hatte sich nach langem Zureden entschlossen, ihre Goldfüchse herauszurücken, doch nur in dem Fall, daß man ihr Silbergeld dafür gab. Auf Ansuchen hatte der scheppe Bender der Aufsichtsbehörde Meldung erstattet, daß er zwölf Hühner halte. In aller Frühe — der Bauer lag noch in den Federn — «vor der Gendarm auf dem Hof erschienen, öffnete die Klappe zum Hühnerstall und streute ein Säckchen Futter aus. Alsbald spazierte der Hahn daher, in seiner Gefolgschaft nicht zwölf, sondern zweiundzwanzig Hühner. Der scheppe Bender wurde wegen falscher Angabe zu einer Geldstrafe verurteilt. Das störte seine Gemütsruhe nicht, denn seine schlaue Berechnung beim Eier- verkauf machte den Schaden rasch wieder wett. Wuchernest «vurde das Dorf im Kreis genannt. Daß es den schmachvollen Namen verdiente, konnte kein redlich Denkender leugnen. Auch der Lehrer hatte wieder schlimme Erfahrungen gemacht. Er hatte seine Schulkinder in die Häuser geschickt, für das Rote Kreuz zu sammeln. Während zu Beginn des Krieges die Gelder für gute Zwecke reichlich flössen, war das Ergebnis der Sammlung diesmal geradezu kläglich ausgefallen. Bauern, die den Verlust eines Sohnes beklagten, auch solche, die wegen ungenügender Fruchtablieferung gemaßregelt worden waren, hatten die Kinder kurzweg abgewiesen. In vielen Familien war ständiger Streit. Des Haders Ursprung war Mein und Dein. Wahrheit und Äufrichtigkeit lagen unter der Bank. Ins Ungemessene wuchs das Hamstern der Städter. Dicke Bauern, die sich den Säckel füllten, verweigerten armen Dörflern die Lebensmittel. Je näher die Stadt, desto härter die Herzen. Draußen gaben sie Blut und Leben hin, kämpften um einen guten Frieden. Wie die Würfel fielen, stand dahin. Kam's erst soweit, daß der Kern des Volks, der Bauer, verdarb, mußte man um die Zukunft des Vaterlandes bangen. Noch ganz unter dem Eindruck dessen, was ihm am Nachmittag zugetragen worden war, saß der Neumllller abends niedergedrückt bei seiner Frau. Seine trüben Gedanken zu verscheuchen, las sie ihm aus einem vergilbten Kalender vor, den er als Erbstück von seinem Großvater her bewahrte. Sie las nicht planlos durcheinander, sie suchte die Stücke bedachtsam aus. Je nachdem das, was sie wählte, belustigend oder ihr Gefühl erregend auf sie wirkte, stufte sie ihre Vortragsart ab. Zuweilen hielt sie inne, schaltete eigne Bemerkungen ein und zog neue Lehren aus alten Geschichten. Immer verstand sie's, die Aufmerksamkeit ihres Mannes zu fesseln. Sein Blick ruhte voll auf ihr. Es drang ihrn warm ans Herz. Mochte die Welt in ihren Fugen krachen, solange die reine Quelle neben ihm sprang, hatte er keinen Grund, mutlos zu werden. Eines Morgens offenbarte ihm seine Frau, daß sie guter Hoffnung sei. — (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS^Duch- und Steindruckerei« R. Lange, Gießem