SietzenerKmilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang J930 Freitag, den l2. September Nummer 70 Du Wind -er Wett... Von Leo Sternberg. Heut ist mir immer das Herz zu Tränen bewegt. M Ich sitze am Meer, das die felsige Küste zersägt... Hausschwalben umfliegen mich in den Klippen wild — ich kann mir nicht helfen: Träne um Träne quillt. Gebräunter Leib, auf fernes Kap gestreckt... Ein Kind, dem zahm das Meer die Füße leckt.. * Ein Wort, das weltenweit mir Treue schreibt — Warum mir alles die Tropfen ins Auge treibt? Aus den Fluten hebt sich ein Busen, den ich geliebt —< Eine Woge wirft sich am Riff empor und zerstiebt.. * Der mir die Tränen löst, du Wind der Welt, spiel auf mir! Spiele, was dir wohlgefällt... Triumph -er Zufälle. Von Albrecht Schaeffer. Die vier Wände des ländlich kleinen und niedrigen Raumes waren zitronengelb mit einem himmelblauen Band unter der weißen Decke; der runde Eßtisch in der Mitte blinkte von glattem Geschirr um einen großfarbigen Blumenstrauß, und in dem einzigen, sehr breiten und hohen Fenster roar die ganze Bläue des Sees, waren im Sonnendunste die grauen fernen Gebirgsketten, war in Septemberreine der blaue Himmel zu sehen — so für den Gastfreund, der diesem Fenster gegenübersaß. In ihm bildete sich während des Speisens mit dem Architekten und seiner Frau — wie er selber beide inmitten der dreißiger Jahre — das Empfinden, eine der zartbeschwingten und leicht sich wandelnden Duo-Sonaten von Schubert oder von Mozart zu hören, in denen Klavier und Violine sich wie himmlische Gespielen befehden. So gingen diese beiden miteinander um, vollkommen vertraut, ineinander verzweigt, gerne uneins — nämlich auf die friedlichste Weise, und in der Uebereinftimmung locker und jeder in sich, immer ihrer heiteren Paarigkeit sicher und frei von geschmeidigen Geleisen. Der Tag war sonnenwarm. Eleonore, die junge Frau, legte sich nach dem Essen in den Garten unter Gesträuch, sagte, sie wollte allein sein. Als die Männer dann in einem Winkel der schattigen Bibliothek saßen — hier glänzte der See nur in blauen Streifen durch Wipfelgrün in die kleineren Fenster — bemerkte der Architekt: „Sie zählt heute eben ihr fünftes Jahr — unsere Ehe; darum haben wir uns bei Tisch mehr um uns als um dich gekümmert. Zur Entschädigung will ich dir nun berichten, auf welche Weise diese ersten fünf Jahre zustande tarnen. Mir scheint es denkwürdig — nämlich durch vier Schläge auf meine Schulter; vier mächtige Schläge des Zufalls." „Ja, Edgar, laß mich das hören." „Vom Gymnasium in Hannover", begann der Architekt, „sprang ich in ein Corps an der Technischen Hochschule in München und habe da mit Trinken, Fechten, Reiten und einer Menge ärgerer Torheiten soviel Zeit vergeudet, daß ich für meine letzten Studienjahre ganz einsam nach Berlin zog und mich in die Arbeit einkellerte. Es glückte mir denn, ich bestand meine Prüfungen gut, hatte aber am Abend der letzten keinen Gesellen, mit dem ich das Ereignis hätte feiern mögen. Schlenderte da also abgespannt, wenig froh, als Verbannter durch die abendlich strömende Menge dem Rathaus zu, um im Keller dort eine einsame Flasche mit mir Zu leeren, — fast nur der Gewohnheit zuliebe, weil der Mensch, wenn er feiern will, trinkt. Da schlug mich eine Hand auf die Schulter. Ein Schulkamerad war das, ein etwas leichter Geselle, aber redlich, Vertreter einer Firma, auf der Durchreise in Berlin. Nun, die Schulzeit schmiedet ja merkwürdig haltbare Bande, läßt uns den fremdesten Menschen nach Jahrzehnten überall mit dem glücklichen Du begrüßen, und da saßen wir bald tief in Rheinwein und goldenherben Erinnerungen, schließlich aufs Beste berauscht, und — Mensch! sagte mein Freund zu m'r, bu gefällst mir so, du sollst nun mein Schwager werden. , Er hatte keine Schwester, sondern einen verheirateten Brüher mit emer Schwägerin, die er meinte. Er zeigte mir ein Bild dieser Schwestern, he lächelten mir beide; ich sprach: Diese oder die, welche zu haben ist, will ich nehmen. Dann schrieb er an diese eine Ansichtskarte mit der Benachrichtigung, und ich unterschrieb: dein zukünftiger Mann Edgar, herz- l'ch« Grüße. Darauf tranken wir dann noch mehr, und am anderen Tag hatte id^ da ich ihn nicht wieder sah, das Verlöbnis, die Schwester, die Postkarte völlig vergessen. Zwei Jahre später war ich in München bei einer Baufirma ein* getreten und spazierte eines Abends im Englischen Garten. Da hörte ich laufende Schritte hinter mir, eine Hand schlägt auf die Schulter. Mensch! sagte mein Freund, denn er war es, da bist du, wie kommst du her? Ich erklärte es ihm, und er sprach: Haben wir damals nicht eine Postkarts geschrieben? Ach, sagte ich, nun fällt es mir wieder ein. Da lachte er, drehte mich um und sagte Aber dort sitzt sie ja auf der Dank! Komm nur hin. Nun, er und feine beiden Schwägerinnen — sein Bruder war eben; auf Reisen — wir saßen zusammen am Chinesischen Turm am Abend. Eleonore war als Lebendige lieblicher und reizvoller als ihr Bildnis, aber ich habe ihr auch gefallen, ja beide gefielen wir uns so, daß wir uns auf dem Heimweg küßten und uns verlobten. Sie kehrte bann in bas Rheinlanb, in ihre Heimat zurück; wir schrieben uns Briefe, aber alsbald ging es nicht gut. Wir kannten uns nicht, ver* standen uns nicht, wir klagten uns an und kritisierten uns, wir Jagten« das ist keine Liebel bei jeder Winzigkeit eines Mißverstehens, dann meinten wir beide, nur ins Licht wie geblendete Vögel geflogen zu fein, —- und dann brach der Krieg aus. Da habe ich denn allen Ernstes von ihr und von allem Abschied genommen und habe sie nach sehr kurzer Zeit ebenso vergessen wie zwei 'Jahre vorher ihr Bild und jene Postkarte. Nach dem Kriege erging es mir schlecht; meine Lebenskraft hatte ich bis zur Neige verbraucht, um die vier Jahre in Gräben und Lazaretten zu überstehen. Wer brauchte einen Architekten? Kaum daß die altere Wohnungen geflickt wurden, geschweige denn neue erbaut. Tatkraft, Lebensmut, Hoffnung — alles war mir dahin mit den versickerten Wellen der Revolution, die mich noch eine Weile getäuscht und getragen hatten- Da schlug mich im Jahre 1920 wieder einmal eine Hand auf die Schulter, in München, die Straße vergaß ich, ein Kamerad aus den Gräben um La Bassse. Er war Bayer, hier aus der Chiemseegegend, von bäurischer Herkunft, aber gewieft, Inhaber eines Holzhandels; und da er Holz und etwas Kapital hatte, nahm er mich mit sich. Wir bauten billige Landhäuser im Stile der Bauernhöfe, rissen auch von solchen Stall und Scheune und verwandelten sie in Landhäuser, dis Einnahmen stiegen hoch und zerrannen rascher, denn es war Inflation Ein Flickwerk des Lebens, nur um das Leben zu fristen. Eines Tages fuhr nun mein Kamerad zu Verhandlungen nach Müret chen und siehe — der Mann, mit dem er zu handeln hat, ist der Bruder meines Schulfreundes, der Schwager meiner Verlobten, Eleonorens. Meire Kamerad kam in fein Haus, Eleonore lebte jetzt dort, sie hörte meinen Namen, fragte nach mir, — dann brachte mein Kamerad mir zurückkehrend ein kleines Paket von ihr mit. Es war eines jener Feldpostpäckchen — Schokolade, Zigaretten und etwas Gestricktes —, wie der Krieg sie myriadenweis ausgefät hatte. Es war im Anfang des Krieges für mich zurecht gemacht, aber dann doch nicht abgeschickt worden. Eire Schamgefühl hatte sie damals gehemmt; nun war sie mit der freieren Zeit auch freier geworden und sandte mirs zu mit dem von damals datierten Gruß, der noch barinlag. Und daraus wurde ein Briefwechsel, in dem wir uns recht in dem gleichen Maß erkannten und verstanden, in dem wir uns damals verkannten und mißverstanden. Wir suchten uns nicht auf, schickten uns keine Bilder; wir erstanden uns aus unterere Worten, aus Nebeln unseres Wesens traten mir in Gestalten, und wir banden uns aneinander, so behutsam wie man verbindet, und langsam, immer inniger, immer leibhaftiger, endlich verlangend nach Wirklichkeit endlich zusammengepaart, unseres Lebens gewiß. Ich wenigstens erwachte eines Morgens mit der Entschlossenheit, zu ihr zu fahren, und führte sie aus. Allein eben war es die Stunde, wo unsere Geldwahrung wieder fesk- gestellt wurde. Meine und meines Kameraden Einnahmen, die bis dahin scheinbar unermeßlich geströmt hatten, waren im Augenblick wie verdunstet. Wir würden zwar unser Geschäft weiter betreiben können, aber mit plötzlich sehr geringem Gewinn —, viel zu gering — schien mir —i für zwei, Eleonore und mich. Bis zu dem Augenblick aber, wo ich in der Eisenbahn sah, hatte ich noch in glücklicher Blendung nur auf meine Liebe gestarrt wie auf einen Zauberbaum, dessen Wachstum kein Ende nahnr. Nun sah ich mich plötzlich um, wohin ich den Riesen voll Blüte pflanzen sollte, da war nur ein winziger Tonscherben voll Lehm. Mittenwegs stieg ich da aus dem langsamen Zug, in einer größeren Station, wo auch Schnellzüge halten, hockte dann dort, einen Zug zur Rückfahrt erwartend, auf' einer Bank in der trüben Sonne, und schaute in mein inneres Dunkel den langen Weg zurück, der durch Tod, Zermalmung und Leidere, durch Wahrheit, Halbheit, Leichtfertigkeit in die Berliner Kellemacht zurückschrumpfte, zu dem Tisch voll Flaschen und Tabakasche unter Qualm- walken im rotglühenden Lampenlicht, wo die Ansichtskarte glänzte, der Knaben-Strelch. Aus diesem Scherz war nun ein Ernst geworden, der mehr nach eines Dämons verrosteter Hand roch als nach eines Gottes. Aber Ritterlichkeit im Gemüt, schien es mir ganz gerecht, daß ich die schon Herz-Getraute nicht an mich binden durfte, die ich damals, als noch Unbekannte, unverschämt wie mit einem Lasso fing. So sah ich dort, unjung, nicht sehr gesund, wieder entblättert, mutlos, vom ganzen sinnlosen Lebenskrieg arg beschädigt... Mein Zug schnaufte langsam heran, und ich erhob mich. Da war's denn, daß zum vierten und letzten Male eine Hand meine Schulter traf. Diesmal war's ein Corpsbruder, damals Architekt wie ich, jetzt in der Hauptsache Kaufmann, Leiter einer neuen Baugesellschaft auf genossenschaftlicher Grundlage, wie sich alsbald offenbarte. Mensch! sagte er, hier sitzest du, dich suchen wir ja gerade, dich wirft uns der Himmel herab, einen Architekten, zuverlässig, wenn möglich kriegsbeschädigt — sicherlich bist du beides. Du bekommst ... als er die Summe nannte, lachte ich, als ob ich weinte. So war es, du, Martin, ja so war es. Glaubhaft — nein, und doch wahrhaft. Wie wenn du einen Nagel in die Wand schlagen willst, und auf deinen ersten Hieb fährt er bis an den Kopf hinein. Du nimmst einen neuen Nagel und schlägst ihn schief. Aber du hämmerst ihn gerade und versuchst es wieder — allein nach einer Weile will er noch tiefer. Nun gibst du es auf, aber ein Kind entwindet dir den Hammer und schlägt einmal sinnlos froh auf den Nagel. Der sitzt, stahlfest in Stein, in der rechten Tiefe, wie seit immer — für immer. „Es sollte so sein." Der Erzähler schwieg, die Stirn trocknend mit einem Tuch; auch dem Gastfreund war heiß geworden, obwohl die Nachmittagssonne, die draußen glühte, deins der Fenster erreichte. Allein alsbald erschien die ausgeschlafene Hausfrau, selber sonnenrot wie Geranium, und brachte erfrischende Getränke, kühl und einleuchtend wie der See. Quer durch das Auswärtige Amt. Friedensschlüsse, die vergessen wurden. Von Egon Larsen. „Die Politik verdirbt den Charakter" behauptete vor einem Menschenalter ein geschickter Berliner Buchhändler, als er für seine neugegründete unpolitische Zeitung Reklame machte. Wäre dieses Sprichwort wahr — in keiner Straße Deutschlands liefen mehr Leute mit höllenschwarzem Charakter herum als in der Wilhelmstraße in Berlin! Aber so schlimm kann es kaum fein; die Menschen, die in den Häusern dieser politischen Straße aus- und eingehen, angefangen vom Reichsverkehrsministerium im Süden bis zum Landwirtschaftsministerium int Norden, sind keineswegs finster dreinblickende oder hämisch grinsende Verschwörer, sondern brave Beamte und fleißige Normalbürger, an denen das Auge nichts Verderbtes erkennen kann. An ungewöhnlichen Dingen gibt es nur die Wache im Vorgarten des Reichspräfidenten-Palais zu. sehen, bestehend aus zwei langsam auf- und abmarschierenden Reichswehrsoldaten, und gelegentlich eines der großen schwarzen Autos mit der Reichsflagge vor dem Auswärtigen Amt, das auf seinen Herrn, den Reichsaußenminister, geduldig wartet. In dieses langgestreckte, in altpreußisch-strengem Stil gebaute Haus des AA., wie es in der Amtssprache abgekürzt wird, führt uns eine merkwürdige Mission. Eigentlich ist es nur ein Gerücht; hie und da taucht es auf, aber niemand weiß etwas Näheres darüber: die winzig kleine Republik San Marino, ein Miniaturstaat mitten in Italien, in der Gegend von Ravenna, soll bei dem Friedensschluß von Versailles einfach vergessen worden sein, übergangen im Streit der Großmächte am grünen Tisch. Wir müßten also heute noch im Kriegszustand mit San Marino leben! Ist dieses Gerücht wahr? Im ersten Stock geht es an den Türen vorbei, hinter denen der Reichsaußenminister seines Amtes waltet. Er ist der oberste Chef des Auswärtigen Amtes — und doch ist er nicht der Mann, der die ganze ungeheure Maschinerie seines Ministeriums zu handhaben hat. Er ist nur das politische, sozusagen theoretische Haupt des ÄA., und ihm zur Seite steht der „praktische" Mann am Steuer, der Staatssekretär. Bis nach Stresemanns Tod war es Herr von Schubert, jetzt bekleidet das jüngste Mitglied der Politikersamilie von Bülow dieses Amt: er ist der Techniker, der Fachmann, der den Apparat des Auswärtigen Amtes nach den Weisungen und im Einvernehmen mit dem Minister bedient und die Räder der einzelnen Abteilungen ineinander greifen läßt. Da ist die Abteilung I, „Personalien": hier werden die Angelegenheiten jener Männer behandelt, die das Deutsche Reich im Ausland vertreten — als Gesandte, Botschafter, Konsuln, Attaches, Gesandtschaftssekretäre. Hier werden die Beamten für den Innendienst des AA. bestimmt; und hier werden die Verbindungen mit den ausländischen Diplomaten, die ihre Länder in Deutschland repräsentieren, gepflegt. Die Abteilungen II, III und IV sind rein „regionale" Stellen; die ganze Welt ist unter sie aufgeteilt, die Fäden aus der ganzen Welk laufen bei ihnen zusammen — Meldungen der deutschen diplomatischen Vertreter, Zeitungen der fremden Länder, Berichte deutscher Blätter über auswärtige Angelegenheiten; und alle zwischen Deutschland und anderen Staaten schwebenden Angelegenheiten werden hier behandelt, den einzelnen Referenten vorgelegt, von ihnen begutachtet und, wenn nötig, dem Minister vorgetragen. Da häufen sich zum Beispiel die Akten über den letzten deutsch-polnischen Grenzzwischenfall in Abteilung IV, die Osteuropa, Skandinavien und OstMen bearbeitet; die politische Lage in Bolivien wird in Abteilung III: Großbritannien und Irland, Dominions, U.S.A., naher Orient, Mittel- und Südamerika, eifrig verfolgt; und die Abteilung II, die West- und Südosteuropa behandelt/ ist gerade dabei, sich mit irgendeinem Fall in Jugoslawien zu befassen. Die Nummer V trägt die Rechtsabteilung, die alle juristischen und völkerrechtlichen Angelegenheiten behandelt und eng mit dem im ehemaligen Kaiserschloß untergebrachten „Institut für vergleichende Rechtswissenschaft" ziisammenarbeitet, dessen Leiter der Münchner Dr. Rhein- strom ist. Nummer VI ist die Kulturabteilung; sie untersteht dem bekannten und beliebten Gesandten F r e y t a g, zuletzt deutscher diplomatischer Vertreter in Bukarest. Hier kümmert man sich um die kulturelle Existenz der Ausländsdeutschen, um die Propaganda deutscher Kultur im Ausland aus Kongressen, Ausstellungen, wissenschaftlichen Veranstaltungen, und nicht zuletzt um die Probleme der deutschen Auswanderer. Abteilung W befaßt sich mit Dingen des internationalen Wirtschafts- und Handelslebens, mit Finanzfragen, Zoll- und Reparationsproblemen, soweit sie nicht das Gebiet des Finanzministeriums betreffen. Abteilung P ist ausschließlich für die Presse da; jeden Mittag pünktlich um 12.15 Uhr findet ■ hier die Pressekonferenz statt, in der die Reichsregierung den in- und ausländischen Journalisten die neuesten politischen Meldungen ansagt, die wenige Stunden später schon in den Abendblättern zu lesen sind. Die Presseabteilung sucht angelegentlich alle Wünsche der Zeitungen nach Aufklärung in politischen Fragen zu befriedigen; sie ist vielleicht die wichtigste Brücke der deutschen Regierung zu den großen Massen des Jn- und Auslandes, zur gesamten Welt. Sie verfügt auch über ein geradezu sagenhaft reichhaltiges Archiv aller politischen Dinge, die in den letzten sechzig Jahren durch die Spalten der Blätter gegangen sind; hier waltet Archivar Zeeck, der Mann, der täglich ein paar Hundert Zeitungen lesen muß und das Gelesene in einem ganz märchenhaften Gedächtnis aufzubewahren versteht... — Der Wahrheit zuliebe wollen wir gestehen, daß wir auf unserem Rundgang quer durch das Auswärtige Amt nach einer Abteilung gesucht haben, deren Existenz wir nach Lektüre abenteuerlicher Sensationsromane, nach romantischen Schilderungen in den Kinos und geheimnisvollen Andeutungen bestimmt vermuteten: wir suchten den Geheimdienst, kurz gesagt die Spionageabteilung. Es soll ja politische, militärische und wirtschaftliche Spione geben, dunkle Existenzen, die mit falschen Pässen und Bärten in fremden Staaten herumschleichen... Nun, wir haben nichts derartiges gefunden, denn die Regierungskuriere, die täglich ober ein= bis dreimal wöchentlich mit Aktenmappen zu den deutschen Diplomaten nach Paris, Rom, London und Moskau fahren, sind wohl nicht mit diesen dunklen Gesellen zu vergleichen. Zudem klagt man im ÄA. noch darüber, daß die Reichsbahngesellschaft diesen Kurieren nicht einmal freie Fahrt gewährt, sondern vom Amt Barbezahlung verlangt; eine etwas umständliche Liquidation des Staates von einer Hosentasche in die andere. UeberaU haben wir offene Türen und liebenswürdige Führung gefunden — bis wir schließlich im Referat für romanische Länder, Abteilung II, landeten. Hier konnte man uns die Frage des vergessenen Friedensschlusses mit San Marino sicher beantworten. Der Referent holt den dicken Band mit der Aufschrift „Versailler Vertrag" aus dem Regal, und wir lesen die lange Reihe der vertragsschließenden Mächte durch, die dem einen Partner Deutschland gegenüber standen: die Vereinigten Staaten von Amerika, das Britische Reich, Frankreich, Italien, Japan, Belgien, Bolivien, Brasilien, China, Cuba, Ecuador, Griechenland, Guatemala, Haiti, Hedschas, Honduras, Liberia, Nicaragua, Panama, Peru, Polen, Portugal, Rumänien, Jugoslawien, Siam, Tschechoslowakei, Uruguay--alle, alle waren sie bei der Verteilung der fetten Beute vertreten, nur San Marino fehlte. Auch die Republik Andorra und das Fürstentum Monaco ist nicht verzeichnet. Aber wir finden bald eine Antwort: San Marino hat nämlich, trotzdem es mitten in Italien liegt, den Krieg an Deutschland gar nicht erklärt! Also brauchte es ihn auch nicht durch einen Friedensschluß zu beenden. Aber etwas Wahres ist doch an diesem Gerücht gewesen: San Marino hat tatsächlich im Laus der Geschichte einmal zu wenig Frieden geschlossen — und zwar nach dem großen deutschen Krieg von 1866, den Italien samt San Marino aus Preußens Seite gegen Oesterreich-Ungarn und Bayern mitmachte! Aus dem Friedenskongreß in Nikolsburg war San Marino nicht vertreten. Man hatte es einfach — vergessen... Es ergibt sich also die groteske Tatsache, daß die Republik San Marino bis zur Auflösung der Donaumonarchie mit diesem Staate im Kriegszustände lebte, und daß dieser Kriegszustand heute noch, also seit über 65 Jahren, zwischen San Marin« und Bayern besteht! Uebrigens ist dies nicht der einzige damals vergessene Friedensschluß: auch das Fürstentum Liechtenstein, das ans Seiten Süddeutschlands gegen Preußen stand, war in Nikolsburg nicht vertreten, so daß heute noch der Kriegszustand zwischen Liechtenstein und Preußen besteht... Nun, man macht Gott, sei Dank von diesen merkwürdigen Zuständen keinen Gebrauch — es ist jedenfalls nicht vorgekommen, daß ein Preuße in Liechtenstein oder ein Bayer in San Marino in letzter Zeit als Angehöriger einer feindlichen Nation interniert wurde. Der Referent weiß uns recht hübsche Geschichten über unseren „Feind' San Marino zu erzählen. Ein seltsamer Zufall will es, daß beide „Feindstaaten" als Landesfarbe Weißblau haben! San Marino, wie die meiften kleinen Staaten wirtschaftlich unrentabel, hat eine Menge Schulden bet Italien. Und jedesmal, wenn Italien wenigstens die Zinsen einkassieren will, jammern die Marinesen, daß sie nicht einen Lire besäßen. Aber ho würden gern zahlen, wenn man ihnen noch etwas Zeit ließe: dem wollten sie nämlich ein altes Palais in ein Spielkasino umwandeln! Um alljährlich beginnt das gleiche Theater: die Tapezierer rücken im Palms von San Marino ein und beginnen, die verwitterten Wände hochherrschaftlich herzurichten. Angesichts solcher energischer Vorbereitungen flehen die italienischen Behörden, mit aufgehobenen Händen, man möge M die Äpenninenhalbinsel vor der Unmoral einer Spielhölle verschonen! W die Marinesen beteuern wieder, daß sie anders ihre Zinsen nicht zaM könnten. Worauf Italien bann seufzend erklärt: Na, dann laßt es eben sein, was soll man da machen... Das geht nun schon jahrelang so. Um in diesem kuriosen San Marino besteht das außerordentlich merkwürdige Gesetz, daß der als Justizminister sungierende „Oberste Richter" ein Ausländer sein müsse, um unabhängig von den Interessen dieser 13W Einwohner, unabhängig von Cliquen, freundschaftlichen und feindliche Beziehungen richten und urteilen zu können. San Marino ist das emM Land mit der verfassungsmäßigen Bestimmung, daß einem Auslande ein Staatsamt übertragen werden muß. Natürlich wird immer «> Italiener aus der Umgegend Justizminister; theoretisch kann es aber ।au ein Deutscher werden, wenn auch kein „feindlicher" Bayer... Die «P'5 Cer tigte begr einn diese infoi m a: werk und den; genü Schr Mar Intel T Es s< oerge diese, fonfe Mari W könnt ist, ot intern schon unbär Kultu taufen von t eine t Inseln Ni sogar weseni Sphak heitsdi tigen • es kre Herden öc(spf weiten [icfjtbai Volkes Grieche dem al Vergai nicht n dem S minoifi Ma noch n vollsten Schätze ganze . ließ. Al wenn c geistig mykensi Kultur Zeitung Kulturv Religioi Home haltnis ongetast kristallis »sagenh letzte Ri artigen betracht, Reste ei Sagen i langer ®inotai Bäbalus - seltsa schgiöse hüllte sü Von fa Englänb chauptsta Signal < »griechist l°nb-ern Was wen, A selbst Hai mufenbs Trioden entsprech a»rd al<- iiplo= uitu. I ultur 1 nslal- )erer. - uni> oweit I P ist Uhr srung .mgen lesen Lingen ht die s Jn- :adezu letzten waltet ungen ichtnis der Regierung der Republik San Marino besteht aus zwei gleichberechtigten Regenten, die jedes halbe Jahr neu gewählt werden. Es ist also begründete Aussicht vorhanden, daß in absehbarer Zeit jeder Einwohner einmal Regent wird, falls er es nicht schon gewesen ist. Ueber die unter diesen Umständen etwas schwierige Frage der Pension ist man leider nicht informiert... Die Haupteinnahme dieser Republik ist der — Briefmarkenverkauf. Bei allen möglichen und unmöglichen Anlässen werden neue Briefmarken herausgegeben, die in großen Mengen gedruckt und an die passionierten Sammler zu erheblichen Preisen verkauft werden; für die Bevölkerung werden ein paar Bogen Marken reserviert, das genügt schon, denn viel geschrieben wird dort sowieso nicht, die Kunst des Schreibens hat wenige Anhänger... Dafür gibt es aber eine richtige Marinefifche Gesandtschaft in Rom; im übrigen Ausland werden die Interessen San Marinos von Italien mit vertreten. Das ist in kurzen Zügen das Bild unseres „Feindes" San Marino. Es scheint ein recht lustiges Land zu sein, und auch die Geschichte mit dem vergessenen Friedensschluß entbehrt nicht der Komik. Vielleicht gibt man diesem Witz der Weltgeschichte nun eine Pointe, indem man eine Friedenskonferenz einberuft, die dem Kriegszustand zwischen Bayern und San Marino ein Ende macht. dieser löblichen > einzige wländek ner «in ber au™ e Spitze Minoische Kultur auf Kreta. Von Dr. Lenore Kühn. Wer auf Kreta landet, sieht sich in einer griechischen Umgebung; es könnte so scheinen, als ob es nur ein Stück mehr modernes Griechenland ist, obwohl Kreta formell eine heiß erkämpfte Autonomie besitzt und unter internationaler Garantie, nur in griechischer Verwaltungsregie steht. Aber schon dieser Kampf um Selbständigkeit ist ein Charakterzug — es sind unbändige und ungebrochen« Kräfte in dieser uralten Kulturinsel, deren Kulturgeschichte, eine wirkliche Kulturgeschichte, sich bis ins vierte Jahrtausend v. Ehr. verliert. Und wer näher hinsieht, findet, auch abgesehen von den Spuren, die eine jahrhundertelange Türkenherrschaft hinterließ, eine völlig andere Grundsubstanz dieser von jeher merkwürdigsten aller Inseln im europäischen Bereich. Nicht etwa nur, daß es das südlichste Stück Europas ist, südlicher sogar gelegen als das afrikanische Tunis. Nicht etwa auch, daß es im wesentlichen eine Gebirgsinsel ist, wo gerade das wilde Gebirge um Sphakiä, im Südwesten, die mannhaftesten Verteidiger kretischen Freiheitsdranges barg, wo der von Göttersagen umwobene Ida seinen gewaltigen Rücken schneeglänzend in den südlich blauen Himmel streckt und wo es kretische Alpenlandschaft gibt, mit Käsereien und unzähligen Schafherden, mit Krüppelzypressen, wie wir sonst Latschen finden, mit rauhen Felspfaden, die nur das findige und zähe Maultier in den stundenweiten Entfernungen zwischen den menschlichen Siedlungen, auf oft kaum i sichtbarem Wege überwindet. Dies alles prägte zwar den Charakter des 1 Volkes genügsam und behende, zäh und sogar auch schweigsam (der Grieche, auch der moderne, ist eher schwatzhaft und weich). Aber hinter dem allen noch steht unsichtbar jene unerhört stolze, reiche und geistbelebte Vergangenheit, die, weit geschieden von allem griechischen Kulturwesen, nicht nur diese Insel belebte, sondern in noch erst langsam sich entschleierndem Ausmaß die Nachbarstädte und Nachbarländer befruchtete: die minoische Kultur. Man hat sie auch die mykenische Kultur genannt, als man ihren Herd noch nicht deutlich überschaute, — nach jener glänzendsten und eindruck- vollsten Blüte im Peloponnes auf dem griechischen Festlande, wo die Schätze von Mykene und Tiryns die Blicke auf sich lenkten, obwohl diese ganze Kultur auch auf der ägäischen Inselwelt deutliche Spuren hinter- I ließ. Aber Mykene ist nur der robustere und gewissermaßen barbarischere, wenn auch prunkvollere Erbe einer unglaublich verfeinerten, sinnlich wie I geistig gleich feinfühligen Kulturbewegung, die von Kreta ausging. Die I mykenische Kultur beginnt etwa vor 1600. Aber da beginnt die minoische | Kultur beinahe schon sich ihrem Ende zuzuneigen. Und so unsicher fast alle I Zeitangaben sind, die sich auf diese uralte, rätselvolle Hochblüte eines I Kulturvolkes beziehen, das gut 2500 Jahre vor Plato eine tiefsinnige I Religionssymbolik sein eigen nannte und nahezu 2000 Jahre sogar vor I Homer schon eine voll ausgebildete Götterwelt besaß — dieses Ver- I hältnis von Mutter- zu Tochterkultur betreffs Mykene wird dadurch nicht I angetastet. Das eigentliche Griechentum, das sich erst langsam zusammen- I kristallisierte, erscheint mit seinen „früheren" Daten, wie die bereits I „sagenhaften" sieben Weisen Griechenlands, fast nur wie eine beiläufig« I letzte Randarabeske am riesigen Mantel einer ursprünglich völlig anders- I artigen geistigen und künstlerischen Kultur. Als bäuerliche Barbaren I betrachtete die sokratische Zeit bereits die Kreter — jene abgeblühten Reste einer geistigen Welt, von der nur sehr vergröberte und entstellte Sagen übrig geblieben waren. Wir haben die Kreter bis vor nicht allzu I langer Zeit nur durch das griechische Medium dieser Fabeln — vom | Minotaurus als Stiermensch-Untier, von Pasiphae mit dem für sie von | Dädalus gefertigten Stier, von Jupiters galantem Abenteuer mit Europa | — seltsamerweise auch als Stier — erbiicken können. Welcher tiefere | Religiöse und geschichtliche Sinn sich hinter der bunten Fabel borg, ent= I hallte sich erst langsam, durch Archäologie, „Prähistorie", die zur Historie Mn fast wurde, und Religionsforschung. Seitdem, ab 1900, durch den | Engländer Evans der gewaltige Komplex von Knossos, der einstigen I Hauptstadt, in langjähriger liebevoller Ausgrabung zutage trat, ist das | Signal gegeben worden zu einer erhöhten Forschertätigkeit, die auf dieser 1 griechischen" Insel nicht etwa eine arme, primitive Vorläuferkultur, I ländern eine gewaltige Hochkultur völlig andern Geprägs zutage förderte. I . Was die Dauer dieser „minoischen" Kultur anlangt, so ist sie nach 1 wn Anfang noch mehr als nach ihrem Endtermin umstritten. Evans 1 gbst hat sie, in erster Ueberschätzung, nahezu am Ende des vierten Jahr- I M.euds beginnen lassen und die sich stilistisch wie archäologisch erweisenden I , 5'oden — frühminoisch, mittel- und spätminoisch, mit Unterabteilungen — I i".sprechend anders verteilt. Von deutschen und auch sonstigen Forschern I ®ir“ als Resultat mühseliger Datierungen — meist an der Hand der iferem gesucht nnane, n An- , kurz > Wirtin und nichts ;r ein- omaten : diesen arüber, Fahrt s umandere. gefun- .ung II, Frie- r Rese- g" aus Mächte ■ie Ver< Italien, lriechen- innntna, I lowakei, r Beute r a und en bald Italien es ihn ihres ist n Laus ach dem ino aus te! Auf ! ertreten. groteske Donau- Marins I ils ver- I das aus I rg nichl I ein und I n merk- rgekom- Marino wurde. „Feind' „Feind- meisten | lden bei kassieren Aber sie e: dann ln! lind Palais iochherr- n flehen jqe bod) en! Und t zahlen es eben so. Und würdige ein gleichzeitigen bekannteren ägyptischen Daten, wenn sich nämlich datierbare importierte oder auch exportierte Gegenstände in den Schichten Kretas oder außerhalb nachweisen liehen — den Zeitraum von rund 3000 bis rund 1200 v. Ehr. als Dauer dieser Kultur angenommen. Einzelne sehen noch bis 1100 v. Ehr., andere nur bis 1250 noch die Ausläufer dieser Kultur. Sie erhielt jedenfalls bald nach 1400 bereits ihren Todesstoß durch die Ueberrennung Kretas durch plündernde „Seevölker" — dies das Datum der Niederbrennung des Palastes von Knossos, Aber die Ungeklärtheiten der ägyptischen Chronologie selber bringen es mit sich, daß sogar um einen Zeitraum von 1460 Jahren — ein sog. Sothis- (SiriussZyklus — diese chronologische Festsetzung für ihren Anfang verschoben wird, wenigstens von bestimmten Forschern. Die Unsicherheit ist groß, obwohl die Resultate der sog. „Berliner Schule" in der Frage der ägyptischen Chronologie sich mit den faktischen Funden auf Kreta am besten vertragen und durch Namen wie Karo, Fimmen und Ed. Meyer gesichert sind. Man wandelt in kretischen Dingen immerhin auf schwankendem Boden,'was absolute Zeitangaben betrifft. Selbst bei der „späteren" Ansetzung, wird das Frühminoische, — schon mit erstaunlichen Steingefäßen und Goldarbeiten —, rund von 3000 bis 2000 gesetzt, Mitielminoa mit den wunderschönen Kamaresvasen, mit liliputfeinen und grazilen Siegelsteinen und feinen Fresken von 2000 bis gegen 1600, und Bpätminoa mit einer letzten verblüffenden Hochblüte von Reliefplastik, Fresken, Elfenbeinarbeiten, pompösem Vasenstil und luxuriös raffinierten Fayencefigürchen („Mais cs sont des Parisiennes!" hat ein Franzose angesichts der eleganten, taillendünnen Falbelkostüme und kapriziösen Kopfbedeckungen ausgerufen) von etwa 1600 bis 1250, — wobei, wie gesagt, schon ab 1400 stärkster Verfall einsetzt. Nach dem sagenhasten König Minos ist diese ganze Kultur benannt worden — vielleicht mit mehr Recht, als es zunächst den Anschein hatte. Denn es scheint fast, daß der Name Minos zugleich ein Titel war, wie Pharao, und daß, nach antiken Schriftstellern, mehr als ein Minos, noch bis gegen 1400, anzunehmen war. Der Minopalast in Knossos, den Evans für das Labyrinth hält, bildet denn auch mit feinen reichen Funden, die das Museum in Heraklion zu etwas Einzigartigem in der Welt machen, den Brennpunkt dieser minoischen Kunst und Kultur. Der Palast selbst, liebevoll, wenn auch nicht immer glücklich in einigen Teilen rekonstruiert, mit mehreren Stockwerken — bis zu drei Stock, — großen Treppenanlagen, Lichtschächten, Vorratskammern, Bädern, Wasserleitung, Pfeilerpropyläen und -Hallen, stellt allein bereits ein erstaunliches Zeugnis dieser Kultur dar. Sie ist nur aus ihrem kultischen Untergründe heraus zu verstehen, ebenso wie die eindrucksvolle Gestalt des weisen Minos, der als „gerechter Richter der Unterwelt" noch im Gedenken weiterlebte. Tatsächlich ist dieser Kult aber vor allem der weiblichen Naturgottheit geweiht gewesen (nach allen älteren Ueberreften), welche unter den verschiedensten Namen im Mittelmeerbecken immer wieder als älteste Kultgottheit auftaucht. Die Griechen haben sie für Kreta uns als „Rhea", die Mutter des „sterblichen" kretischen Zeus, überliefert. Ihr Doppelbeil, die Labrys, beherrscht als Abzeichen den Palast von Knossos ebenso wie die Freskendarstellung kultischer Szenen, die Schmuckmotive von Vasen und Gerät und die Grabstätten. Das „Labyrinth" taucht als Name auch sonst für kompliziertere mit Gängen versehene Palastanlagen und Grabstätten noch auf; vier „Labyrinthe", davon eins eine Grabanlage bei Clusium in Italien und ein bekannteres in Aegypten, werden noch von späteren Schriftstellern genannt, und Bergwerke wie Höhlenklöster als „Lawrn" (in Rußland noch heute die übliche Bezeichnung) lassen in ihrem Namen noch diese „Gangbauten"- und „Grabbauten"; Labyrinthe wiederklingen. Die minoische Kunst, von der die Facencesiguren der „Schlangenpriesterinnen" der Muttergöttin besonders die Aufmerksamkeit weiterer Kreise erregt haben, ist in ihrer Eigenart unvergeßlich für den, der sie einmal sah. Die außerordentliche Lebhaftigkeit der Bewegung, die hohen schlanken „adligen" Gestalten mit Wespentaille, das stark Expressionistische der ausladenden Formen und Bewegungen zugleich mit einer Subtilität und Grazie — so in den zahllosen Tierszenen der Siegelsteine — und einer Feinnervigkeit der Sinn«, die an japanische oder späte impressionistische Wahrnehmung erinnert — das gibt den Gesamteindruck von ganz einzigartigen Gebilden. Papierdünne Tassen neben großzügiger Steinskulptur, verblüffender Realismus neben unerschöpflicher freier Phantasie; edle Steinschalen und -decher (aus dem 3. Jahrtausend!), barocke Schnabelkannen, ganze Zirkusszenen und aufregend« Stierwettspiele, die kultische Bedeutung hatten und nur Tiergaukelspiele, nicht Stierkampf im modernen Sinn« waren — obwohl di« Linien von dort wie auch von der Falbeltracht der Frauen deutlich nach Spanien gehen, aber ebensogut in anderer Hinsicht, nach Griechenland, nach Palästina und Babylon, ja nach dem Italien der Etrusker, wie etwa das Doppelbeil, heute faschistisches Liktorenbeil; im Kunsteinfluß auch noch nach dein Aegypten der späteren Zeit und nach Kleinasien. Kreta ist ein Schlüsselland der Kulturen, eine Spinne im Netz kultureller Beziehungen der früheren Jahrtausende, so wie es geographisch „in der Mitte" zwischen dem eigentlichen Europa, Vorderasien und dem nördlichen Afrika liegt. Und alles, was mit Stierkult — mit dem kosmischen Gedanken eines Fruchtbarkeitssymbols und dem astronomischen des „Stierzeitalters" — zu tun hat, als dem männlichen ergänzenden Prinzip der Naturmutter, das hat in Kreta wenn nicht seinen Ursprung, so doch seine reichste Ausprägung erfahren und durch lange Zeiten bewahrt. Denn dieses Land war bei aller Entwicklung konservativ. Vom Neolithikum bis zur Schwelle des Christentums ist das weibliche Prinzip, das Kreta noch zu Platos Zeit zu dem „lieben Mutterland", nicht Vaterland, für feine Bewohner machte, ununterbrochen dort nachweislich noch verehrt worden, obwohl Zeuskult und gewandeltes Stiersymbol neben die Naturmutter mit Schlange und Taube getreten waren und der Glanz der minoischen Kultur selber schon über 1000 Iahte erloschen war. Di« Kunde von jener frühen Gipfelkultur einer rätselvollen, hochbegabten Rasse aber beginnt erst jetzt wieder wirklich lebendig zu werden. der zurück. ..Gießen- Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerfitäts-Duch» und Steindruckerei. L. Lange, Alten ist. Und die Alte sagt dann: „Gott, Thilde, wenn ich dich nich hätte." „Latz doch, Mutter, wir haben es ja." , „Ja, Thilde, es is schon wahr, aber wenn es manwleibt. gleich, und bloß wenn man nichts hak.. .* „Ja, ja, Mutter. Nun wollen wir aber schlafen." Der Wunsch der Alten ging ganz ersichtlich dahin, daß sich TW, wieder verheiraten sollte. Hugo war ein sehr hübscher Mann gewest und aus einem sehr guten Haus. Und wenn sie damals, wo sie bloß ein armes Mädchen war, den Großmann gekriegt hatte, so konnte sie jey jeden heiraten, denn sie hatte ja nun einen Titel und war eine junge Witwe, und die Trauer stand ihr gut, und wenn sie zum Schulrat ging mit dem geteilten langen Schleier, sahen ihr die Leute nach. Als die Alte aber merkte, daß Thilde die Heiratsidee ganz entschieden ablehnte und wirklich nur Lehrerin werden wollte, kam sie auf einen andern Plan, der geraume Zeit nach der Unterhaltung über den alten Grafen und das mutmaßlich verscherzte Glück auch wieder nächtlicherweile erörtert wurde. Diesmal nicht in dem sauerstoffarmen Alkoven, sondern noch in der Vorderstube, die Alte steif aufrecht auf dem Sofa, Thild« zurückgelehnt auf der Chaiselongue. „Na, Thilde, du warst ja heute wieder da. Wann glaubst du denn, daß es so weit is?" „Du meinst mit dem Examen und mit der Stelle und möchtest wissen, wann ich das erste Gehalt kriege?" „Ja, Kind, das mein ich. Du willst immer davon nichts hören, aber es ist doch was Sicheres." „Ach, sicher ist das andere auch." „Meinst du? Na, ich will es dir wünschen. Aber wenn es auch nich fo sicher is, das mit der Schule, das is doch nu die Hauptsache. Das IM du ja selber gesagt, und da habe ich dich nu schon lange fragen wollen, ob du nich das mit der Witwe fallen lassen und deinen Mädchennamen wieder aufnehmen willst. Es werden ja so viele mit andern Namen getauft, und bei dir is es nich mal so, da kommt das Alte bloß wieder obenauf." Thilde schüttelte den Kopf, ersichtlich mit einiger Verstimmung. Aber die Alte, die sich, solange sie den Wiederverheiratungsplan verfolgte, von „Witwe" viel versprochen hatte, wollte bei der veränderten Sachlage mit ihrem neuen Plan nicht nachlassen und fuhr fort: „Ich denke mir, Thilde, du mußt es nu lieber so nehmen, als ob es ... ja, wie heißt es doch, wenn was ganz kurze Zeit gedauert und dann wieder vorbei is..." „Ich weiß schon, was du meinst." „... also so nehmen, wie wenn es gar nich gewesen wäre. Daß dir als Witwe was zugute getan wird, kann ich mir nich denken, und Fräil- lein is doch das Gewöhnliche ..." Thilde richtete sich auf, nahm ein von Waldenstein mitgebrachtes Luftkissen in den Rücken und sagte: „Ja, Mutter, was denkst du dir eigentlich dabei! Das ist doch wie eine Defraudation, wie Unterschlagung, wie Lug und Trug." „Gott, Thilde, rede doch nich so was." „Doch, Mutter, das ist Ableugnung des Tatsächlichen und straffällig.' „Gott, Gott..." „Ich habe dir wohl öfters gesagt, wenn du so beständig anbohrtest und alles wissen wolltest, was auch nicht richtig war und immer nur davon kam, daß du gegen den armen Hugo was hattest — nun, da habe ich dir wohl mal gesagt, daß es nicht so was Besonderes gewesen sei, was ich vielleicht nicht hätte sagen sollen, denn alles, was man in der Art sagt, wird doch bloß mißverstanden. Und nun bist du gerade doch so wie die andern Menschen! Aber es ist alles falsch, was du da denkst, und ich muß dir sagen, ich glaube beinah, daß er besser hätte nicht heiraten sollen. Er sah so stark aus mit seinem Vollbart, aber er wer nur schwach auf der Brust, und ich bin ganz sicher, es hat ihm geschadet... Und nun soll es gar nichts gewesen sein. Das wäre ja doch schändlich uw undankbar, wenn ich ihm so was in sein Grab nachsagen sollte! Fräulein Möhring! Was denkst du dir nur! Ich bin kein Fräulein und habe meinen Stolz als Frau und Witwe, wenn ich auch kein Pfand semer Lieb« unter meinem Herzen trage." „Gott, Thilde, wie du redest..." , „Ja, so sagt man, Mutter, das ist gerade das richtige Wort. Und ist bloß ein Zufall, daß es so ist, wie es ist..." „Meinst du?" .. ....., . „Ja, das meine ich, und mitunter denk« ich, es wäre doch hübsch nna besonders für dich, wenn es anders gekommen wäre." „Ja, Kind, wenn du so denkst..." Das war kurz vor dem Examen gewesen, das Thilde weit glänzend« bestand als Hugo damals das seine. Noch am selben Tag sagte man daß eine Stelle für sie frei fei. Man freute sich, sie ihr geben zu kenn Am ersten Oktober trat sie ein, in Berlin N, zwischen Moabit und -leg • Sie ging mutig ans Werk, hatte frischere Farben als früher un» w gekleidet wie an dem Tag, als sie von Woldenstein wieder m ve eingetroffen war, nur ohne Krimstecher. Das seitens der SchuldeM in sie gesetzte Vertrauen hat sie gerechtfertigt. Hinaus fährt sie,1 Morgen mit der Straßenbahn, den Weg zurück macht ste zu ouz kauft' öfters was ein für die Mutter, eine Tüte voll Prunellen, Pfannkuchen, einen Geraniumtopf oder wohl auch am Dramen b, Tor eine Hafenleber, weil sie weiß, daß Hafenleber das Liebllngsg Mathilde Möhring. Roman von Theodor Fontane. (Schluß.) Ich dachte wunder, was ich aus ihm gemacht hätte, und nun finde ich. daß er mehr Einfluß auf mich gehabt hat, als ich auf ihn. Rechnen werde ich wohl immer, das steckt wohl drin, aber nicht zu scharf, und will hilfreich sein und für die Runtschen sorgen, schon deshalb, weck dl« Runtschen sein «einzige Renonce war. Und wenn er das sieht, wird er mir’s danken, aber er wird's wohl nicht sehen... Und dann ging sie wieder auf und ab und trat ans Fünfter, und da, wo damals der Mond gestanden hatte, hing ein graues Gewölk. Aber während ihr Auge noch darauf ruht«, rötete sich s, und die Sonne gab ihm einen goldenen Saum. Vielleicht ist das meine Zukunft, dachte Thilde Und sie holte sich den Regenmantel aus dem Entree, deckte sich damit zu, verfolgte noch eine Weile das Licht- und Schattenspiel an Wand und Decke und schlief ein. * Zu Thildens besonderen Eigenschaften gehörte von Jugend auf die Gabe des Sichanpassens, Sichhineinlebens in die jedesmalige Situation. Wäre Hugo am Leben und im Amt geblieben und nach Ablauf feiner Woldensieiner Amtszeit zum Oberbürgermeister einer Provinz,alhaupt- stadt gewählt worden, so würde seine Frau bei Besuchen des Oberprasi- denten ja selbst bei Kaiserparaden die Honneurs des Hauses mit vollkommener Unbefangenheit und ausreichender Geschicklichkeit gemacht ^Seiit, wo sie sich nach einem kurzen Erfolg auf die Stufe zurückversetzt sah von der sie ausgegangen war, sand sie sich auch dann zurecht und nahm ihr altes Geben ohne jede weitläufige Betrachtung und zedenfalls ohne Klage darüber wieder auf. Die Sache lag so und so, folglich mußt« sie so und so ge^ndhabt werden: Nur keine nutzlosen Betrachtungen! Es handelte für sie sich kernen Augenblick darum, ihre Situation in irgendein Gegenteil zu verkehren, sondern immer nur darum, aus der Situation, wie sie nun einmal war, das Beste zu machen, und dies tat fie voll Ueberzeugung und auf ihre Weise, rücksichtsvoll und doch auch wieder entschieden. Soweit es möglich, war sie der Alten zu Willen und unerschöpflich in kleinen Guttaten und Aufmerksamkeiten, und ging so weit, daß sie wie vordem das bloß alkovenhafte Schlafzimmer mit ihr teilte. Den ganzen Tag aber sich beständig von ihr über Spittel und ähnliche Dinge unterhalten zu lassen oder Fragen zu beantworten, die sich fast immer auf >hr mttmes Wolden- fteiner Leben bezogen, dazu war sie nicht mehr gewillt und hatte dementsprechend kategorisch erklärt, daß fie wenigstens den -tag über allein ^''sas^mit dem Vermieten müsse ein Ende haben. Und so hatte sie sich denn drüben eingerichtet, und als die Alte sah, daß Thilde viel schrieb und sich unter Büchern und Karten vergrub und, wenn sie zu Tische kam (die Runtschen muhte das Essen jetzt holen), oft rote Backen vom Lernen hatte, konnte sie sich denken, was Thilde vorhatte. Sie konnte sich's denken und war auch nich teigentstch dagegen. Aber wenn sie sich auch recht gut entsann, daß der Seminarlehrer schon damals, ehe Möhring starb, immer van Thildens schönen Gaben gesprochen hatte, so ging sie doch davon aus, daß „Lehrerin" nicht recht was sei, M, daß jedes andere Unterkommen, wenn auch von etwas fraglicher Beschaffenheit, dem immer noch vorzuziehen wäre. Bei Tage wagte sie mit solchen Betrachtungen nich recht hervorzutreten, aber wenn sie zu Bett gegangen waren und ^on eme Weile ganz ruhig gelegen hatten, richtete sich die Alte von ihrem Kissen auf und sagte, während von der Straße her durch die nach vorn hinaus offen- stehende Tür ein schwacher Lichtschimmer sie traf: „Thilde, schläfst du schon?" „Nein, Mutter, aber beinah... Willst du noch was? .Nein, Thilde, wollen will ich nichts. Mir is bloß so furchtbar angst wegen deiner Lernerei. Du siehst so spack aus und hast solchen Glanz tn den Augen. Er hat ja doch die Schwindsucht gehabt, und am Ende... „Nun?" , , . „Am Ende wär es doch möglich .... und wenn es so is, is doch frische Luft immer das beste und nich so viel sitzen." Gewiß, frische Luft ist immer gut, aber wo soll ich sie hernehmen? Hier ist sie nicht gut, und wenn es nicht wegen deines Rheumatismus wäre..." „Nein, Thilde, daß das Fenster offen steht, das geht nich, aber du könntest doch die frische Luft haben." „Ich? Woher denn?" r , „Ja, Thilde, du hast mir doch gleich in deinem ersten Brief getrieben, ich meine in deinem ersten, als er tot war, da hast du mir geschrieben von wegen ,Hausdame' und mit Gehalt. Und wenig kann es doch nich gewesen sein, weil er ja so reich is, wie du mir geschrieben hast. Und alt is er auch, und da hättest du nu die schöne frische Luft gehabt und di« gute Verpflegung. Ich will ja nichts fag«n, aber was wir heute hatten, hatte doch keine Kraft mehr. Und wenn du ihn ordentlich gepflegt hattest, und das hättest du gewiß, denn du hast ja Mitleid mit jedem und mit mir auch, denn du bist gut, Thilde, ja, Thilde, denn hätten wir jetzt vielleicht was. Einer, der so reich is, kann doch nich so mir nichts, dir nichts sterben, ohne was zu hinterlaffen. Und vielleicht, daß er noch ganz sulcht.. „Was denkst du denn! Ich will von Woldenstein gar nicht reden. Aber hier! Was würden hier die Leute gejagt haben. ,Die hat es eilig/ Und die Petermann, der alte Giftzahn, die hätte gesagt: ,Es wird wohl eine mulmige Geschichte gewesen sein/" „Ach, Thilde, dessentwegen mutz man sein Gluck nich fortstoßen. Die Leute sagen immer so was, aber wenn man was hat, denn is es »Es wird schon." — m.hnfoarop^ Von Hugo Großmann wird selten gesprochen, ferne +9 9 ,ini aber hängt mit einer schwarzen Schleife über der J zweimal im Jahr kriegt er auf das Grab in Woldenstein ein Schulze legt ihn nieder und schreibt jedesmal ein paar fteuno aj