SieheimZamilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1930 Sreitag, den N-April Nummer 29 Wiederkehr. Von Diemar Moering. Wieder muß ich zu euch Einkehr halten Mütter! Und ich tret aus eurem Schoß. Ach — mich zogen magische Gewalten Auf aus stillen Traumgestalten, Und zu wandern ist mein tiefstes Los. — Wieder muß ich euer Erbe tragen Väter! Und ich tret in euren Kreis. Ach — mich rief der Ahnen banges Klagen, Der Geschlechter dumpfes Fragen — Zu vollenden wurde mir Geheiß. Und ich tret aus traumumlaubten Toren Wieder in der Erde Reiche ein. Aus der Geister Sphären herbeschworen. Und aus Schuld zu Schuld geboren. Muß ich Wahrer eures Fluches sein! Wieder muß ich schreiten durch der Jabre Dunkles Raunen, Auf- und Niedergehn — Und ich greife Stab und Hut und fahre Zeitverschollen durch die Jahre, Der Gezeiten weltgeheimes Wehn. Wieder muß ich reisen mit den Winden, Welkt jahrtausendmüde auch das Blut. Ach, wann werd ich endlich zu mir finden. In die tiefsten Sterne münden — Ruhn in blauer Flut? Herri. Bon Lucy Bernis. Als Fräulein Eugenie Wendler, die in einer besuchten Sommerfrische Südbayerns ein kleines Geschäft mit Andenken unterhielt, an einem Abend eben ihren Laden schließen wollte, hörte sie ein klägliches Weinen. Sie hielt in ihrer Beschäftigung, die soliden hölzernen Jalousien vor den Schaufenstern herabzulassen, lauschend inne, durchquerte den Laden und öffnete die Nebentür, die in das Stiegenhaus führte. Im dämmerigen Halbdunkel sah sie dort die helle Gestalt eines weißgekleideten kleinen Knaben, der sich an das Geländer der Treppe lehnte. Das Weinen verstummte jäh. Erschrocken sah das Kind auf die hohe dunkle Gestalt, die plötzlich aus der Tür auf es zutrat. „Wohin willst du denn ... ?" fragte Eugenie ein wenig streng, denn sie liebte es nicht, wenn die Gassenjungen, wie es häufig geschah, ins Haus drangen, die Stiegen beschmutzten und dort wüsten Lärm voll- sührten. „Nun — kannst du nicht reden?" fragte sie noch einmal, als der Kleine nicht antwortete und sie noch immer neugierig anstarrte. Sie trat noch etwas näher heran und sah nun doch wohl, daß es diesmal keiner der bekannten Gassenjungen war, für deren Uebermut sie keinerlei Verständnis hatte und mit denen sie sich in ständiger Fehde befand. Es war ein Herrschaftskind, hübsch und sauber. Eugenie lächelte, und ihre Stimme ward milder. „Na — Kerlchen, hast dich wohl verlausen?" schlug sie aufs Geratewohl vor. Das Kind nickte. „Ich will nach Hause", sagte es. Fräulein Eugenie war ein wenig ratlos und zögerte einige Augenblicke. Dann nahm sie das Kind an der Hand und zog es in den Laden, wachte die Tür zum Treppenhaus zu und drehte den Schlüssel herum. Nun gab sie sich zuerst daran, ihren Laden vollends zu schließen, denn es war schon zehn Minuten über sieben Uhr. Sie ließ auch vor dem Weiten Schaufenster die Holzjalousie herab und schob den oberen und een unteren Riegel der Ladentür vor. ^ann erst sah sie sich ihren Findling näher an. “5 war ein sehr hübscher Junge von ungefähr vier Jahren, mit foi erk glänzend dunklen Augen, einer weichen kleinen, nur angedeu- nen Nase und aufgeworfenem, halb offenstehendem roten Mäulchen, „dein dunkelbraunes Haar war kurz geschnitten, nur über der Stirn nwas langer und leicht gelockt. Er war schlank und schon jungenhaft, ug einen weißen Leinenanzug, gegen den seine Haut sehr braun abstach. ShnxU. Eugenie maß ihn mit prüfend ernstem Blick. Sie liebte i>„h © "'Hi. Sie schienen ihr eine Anhäufung von Unannehmlichkeiten beut»„k°mp.I*t?tionen 3U bedeuten, waren für ihre Vorstellung gleichbe- m,L* Unordnung und wüstem Lärm. Sie nährte gegen sie einen mpien Groll, der mit den Jahren zunahm. Sie war daher fürs erste unschlüssig, wie sie sich in diesem ihr aufgezwungenen Fall verhalten sollte und wußte noch nicht, welchen Ton sie dem kleinen Au aehabt- das ist Pallenberg, das die Höflich, das JJiargar® Kupfer und das ist Gülstorfs. Reinhardt sah in seiner Wntafi bi" Mauren so stark in diesen Verkörperungen, daß er leden Ton und jede Geste mit fast nachtwandlerischer Sicherheit festlegen konnte. Ei- Vergleich illustriert. Bei Pirandello lautet die Eintrittsszene bei Madam sßacc foz »ater: Sehen Sie, Herr Direktor, vielleicht wird Madame Pace, Mim wir ihr so den Eintritt etwas besser vorbereiten durch die Gegenstand ihres eigenen Geschäftes angezogen! Wer weih, ob sie nicht..plötzlich J uns steht... (Fordert die Anwesenden auf, nach der Tur >m Hintergrund zu sehen.) Sehen Sie, da ist sie schon!... (Die Tur tm $intert|ni gebt auf; Madame Pace erscheint und tritt wenige schritte vor. Sie >! ein dickes Weib mit rotblond gefärbtem Wuschelkopf geschminkt unb etw aufgetakelt; sie trägt ein Kleid von schwarzer Seide, um die Taille ew lange silberne Kette, an der eine Schere hangt. Wahrend tue Schau,pe ftarr vor Staunen sind, läuft die Tochter ihr rasch entgegen: „Da ist st ja! Hier'und Reinhardts Ausführung, die dem Auftritt erst das Gespm stische und Erregende gibt: Vater (halblaut und erregt zum Direktor): Sehen 'eie, Arr Direkt-, wenn wir den Austritt recht gut vorbereiten (geheimnisvoll, aber y i selbstverständlich dabei), dann wird Madame Pace angezogen durch - Atmosphäre ihres Berufes, vielleicht unter uns erscheinen. Vordeck " einer Handbewegung auf, zur Tür im Hintergrund des Ummers blicken. — Packt unwillkürlich die Hand des Direktors starrt nack)^ wärts, leidenschaftlich erregt.) Sehen Sie nur! — Sehen Sie haben wir Madame Pace. . (Die Tür springt auf, Madame Pace tritt rasch ein uud kommt« Schritte nach vorn. Sie erscheint m «'nem scmd°rbaren. Licht,M zu schweben, in einer merkwürdigen Mischung von absolut realem gespenstischem Wesen. Sie ist eine fette Megäre, gefärbte Monte»»J geschminkt, in salopper Eleganz. Sie tragt ein schwarzseidenes M b um die Taille eine silberne Kette, an der eine Schere hangt- Dw tochtcr läuft ihr entgegen. Die Schauspieler stssb starr vor Staunens Stieftochter (wie elektrisiert, wahrend sie lauft): Da ist sie ja- s Uie sechs Personen erwachen,, sobald ihre ,^,S?ntliche Handl-.^ beginnt, erst zu einem verblüffend intensiven, merkwürdig 3 Leben. Sie zittern vor Aufregung, auch diejenigen,, die noch.mau w telbar an der Handlung teilnehmen. Sie sind wie im üteo«, . aber dabei in einer auffallend theaterfernen, akzentlosen Wm -J Vater (zitternd vor Erregung, halblaut zum Direktor - andern, auf die Erscheinung der Madame Pace weisend): S W ich's nicht gesagt? Hab' ich's nicht gesagt? Madame Pace? Ma . Da ist sie! Da ist sie! Da ist fiel Rein- irben. g des ? wohl ,u den k end it, und > nicht bleibt. ig von fichtes; n Ohr, ruigkeit stwerke (Öttern, nhardts solches christ in n Text- mertun» Seiten. Anschnitt Raumes, ung der je. Nun, anlegen. >as, was r Durch- :nde und : nur ein ue Wir!- ■ größten „Sech- > Stückes fe unaus- und hier tei nhardts a sinnliche s. Er erst man aus Huf cigent- ame Pace ;as Piran- i erst hier bei einiger sah auch, t im Auge Margarete Phantasie Ton und mute. Ein :i Madame ßaee, wem Gegenstände jtjlid) unter im Hinten Hintergrund ;or. Sie i|* und etwc- Taille eine Schauspieler „Da ist I« ras Gespein rr Direkte aber M"! n durch de Fordert B simmere M t nach * Sie - i* des und zu adameP- ommt ein.iS scheint W realem!1* onde HaaK s Kleid M . Die Em taunenh e ja! 2« * > Handln"! onzentrie» nicht u* ;bcr, tlichkeitj (Alle starren sprachlos auf die neue Erscheinung. Nur der Sohn wendet sich finster ab, und die Mutter vergräbt stöhnend ihr Antlitz in den Händen.) Direktor (nach der ersten Ueberraschung empört): Was sind denn das für Scherze? (ruft aber dann gleichfalls erregt und von dem Fluidum sichtlich berührt): Wer ist diese Frau? Woher kommt sie? (Geht rasch wieder die Stufen hinauf.) Vater (winkt ängstlich ab, flehentlich um Ruhe bittend)... Man fühlt aus dieser kleinen Szene die gesichthafte Eindrucksstärke der Reinhardtschen Vorstellung während der Beschäftigung mit dem Kunstwerk. Es ist schon die Anregung gegeben worden, einmal ein solches Regiebuch im Faksimile zu veröffentlichen. Eine derartige Publikation wäre zu begrüßen. Die Arbeit des Theatermenschen ist allzu sehr der Vergänglichkeit preisgegeben. .Reinhardts Regiebücher sind aber schon Kunstwerke in sich, und ihre Uebermittlung an die Künftigen bedeutete eine Erhaltung des schöpferischen Geistes über seine irdisch zugemessene Dauer hinaus. . Hilfe! — Kurzschluß! Von Dipl.-Jng. Arnold Meyer, München. Ruhig Blut, meine Herrschaften, keine unnütze Aufregung! Der Kurzschluß ist ein Gespenst, mit allen Eigenschaften eines solchen: fortwährend geht es um, viele wollen es gesehen haben, an tausend Dingen soll es chuld sein. Unzählige lassen sich durch Berichte darüber gruselig machen; aßt man sich aber ein Herz und rückt der Sache auf den Leib, so erweist ich das Ganze in der Regel als Ausgeburt einer überreizten Phantasie oder klärt sich in harmloser Weise auf. Packen wir einmal zu. Die unter besonders ungünstigen Verhältnissen nicht zu leugnende Gefährlichkeit des echten Kurzschlusses besteht bekanntlich darin, daß er einen Brand verursachen kann; sie beruht also auf der Wärmewirkung des elektrischen Stromes. Jeder vom Strom durchflossene Körper erwärmt sich nämlich; der Grad der Erwärmung ist nur meist so gering, daß sie sich nicht ohne weiteres bemerkbar macht, vorhanden aber ist sie immer. Die durch den Strom erzeugte Wärme wird (abgesehen von der Dauer des Stromdurchganges, d. h. der Zeit), durch zwei Faktoren bestimmt, die „Stromstärke" (Amp.) und den „Widerstand" (Ohm), den der Leiter dem Hindurchfließen des Stromes entgegensetzt. Die ersterwähnte Abhängigkeit leuchtet ohne weiteres ein, denn wenn durch die Wirkung des Stromes überhaupt Wärme entsteht, so natürlich um so mehr, je stärker er ist. Die Abhängigkeit vom Widerstand läßt sich dem Verständnis durch einen Vergleich nahebringen: soll ein Kolben durch ein Rohr, das er streng, passend abschließt, hindurchgedrückt werden, so erwärmt sich das Rohr, und zwar um so mehr, je strammer der Kolben eingepaßt, je schwerer er also zu bewegen, d. h. je größer der die Bewegung hemmende Widerstand des Rohres, die Reibung, ist. Jene beiden Abhängigkeiten der erzeugten Wärme von Strom und Widerstand sind nun aber dem Grade nach sehr verschieden; der Strom hat einen viel größeren Einfluß. Diese Tatsache ist von weittragender Bedeutung. Der Strom nämlich wird seinerseits durch die „Spannung" (Volt) erzeugt, die aber in unseren elektrischen Netzen, von gewissen hier nebensächlichen Schwankungen abgesehen, immer gleichbleibt. Infolgedessen spielt für uns die Spannung keine Rolle, und die Stromstärke hängt hauptsächlich vom Widerstand der Verbrauchsapparate (Lampen, Heizkörper, usw.) ab; es leuchtet ein, daß die Spannung durch einen großen Widerstand weniger, durch einen kleinen mehr Strom hindurchzutreiben vermag. Verringerung des Widerstandes und Anwachsen des Stromes gehen also Hand in Hand. Da Strom und Widerstand jedoch, wie wir sahen, die beiden Hauptfaktoren sind, von denen die Wärmeerzeugung abhängt, würden sie sich in ihrer Wirkung auf diese bei jeder Aenderung gegenseitig aufheben, wenn eben nicht der Einfluß des Stromes überwöge. So aber ruft jede durch Verkleinerung des Widerstandes verursachte Stromerhöhung eine gesteigerte Wärmeentwicklung hervor. Man kann sieh hiervon sehr eindringlich überzeugen, wenn man in einer Uv-Volt-Lichtanlage eine 220-Volt-Lampe benutzt. Man wird finden, daß sie, schwach glimmend, fast ganz kalt bleibt, während die 110-Volt- Lampe, normal brennend, ziemlich heiß wird, lediglich deshalb, weil sie einen bedeutend kleineren Widerstand besitzt. Am einfachsten können wir uns Widerstandsverminderungen dadurch erzielt denken, daß wir annehmen, die Verbindung der beiden „Pole" des Leitungsnetzes oder, wie man sagt, die Schließung des Stromkreises fei ursprünglich durch einen verhältnismäßig langen Draht erfolgt und dieser nun entsprechend verkürzt worden. Daß hierdurch der Widerstand kleiner wird, bedarf kaum einer näheren Erläuterung. Treiben wir die Sache bis zum Aeußersten, indem wir den Draht „unendlich kurz", d. h. den Widerstand gleich Null machen, mit anderen Worten, verbinden wir die beiden Pole unmittelbar, so haben mir den Stromkreis kurzgeschlossen, «inen Kurzschluß herbeigeführt; die Bezeichnung ist jetzt ohne werteres fferständlich. Eine Annäherung des Widerstandes an den Wert Null, überhaupt jede Verkleinerung erscheint nun als nichts grundsätzlich anderes, der Unterschied ist nur gradmähig, und man pflegt daher bei unmittelbarer Verbindung der Pole, um diese als äußersten Fall zu kennzeichnen, von einem „vollständigen Kurzschluß" zu sprechen, während man eine sehr starke Verringerung des Widerstandes als partiellen Kurzschluß bezeichnen könnte. Ein solcher würde z, B. eintreten, wenn man , mnzekehrt verführe, wie bei dem am Schluß des vorigen Absatzes erwähnten Versuch, d. h. wenn man in einer 220-Bolt-Lichtanlage eine 110-Volt- Oampe benutzte. Sie hat einen für die höhere Spannung viel zu geringen -miberftanb und „brennt" unter grellem Aufleuchten „durch", das bezüglich der Lampenauswahl begangene Versehen empfindlich rächend. Von solchen Unregelmäßigkeiten abgesehen aber erkennen wir als ßeitend: in den Heizapparaten und Glühlampen wird absichtlich eine hxrtro^t6e^n!>e Erwärmung herbeigeführt, wie sie unter anderen Ver- dmtiussen, z 93 bei «"hier Lichtleitung, im höchsten Grade feuergefährlich mas eine Temperatursteigerung zu bedeuten hat, hängt also ganz n ®en Umständen ab. Da nun an der Wärmeerzeugung, wie wir wissen, die Stromstärke wesentlich beteiligt ist, stellt sich der Kurzschluß hinsichtlich seiner Wirkung dar als ein den normalen Wert bis zu gefährlicher Erwärmung des Leiters überschreitendes Anwachsen des Stromes, das sich im äußersten Fall, bei unmittelbarer Verbindung der Pole, zum volle ständigen Kurzschluß steigert. Cs fragt sich nun, ob die in der Möglichkeit des Auftretens von Kurzschlüssen liegende Gefahr tatsächlich groß ist. Diese Frage kann zur Beruhigung ängstlicher Gemüter mit gutem Gewissen verneint werden. Kurz« schlllsse an einzelnen Apparaten kommen hin und wieder vor, sie werden aber unsckjädlich gemacht durch die bekannten Sicherungen, die so eingerichtet sind, daß sie beim Ansteigen des Stromes auf ein gewisses Maß über seinen normalen Wert durchschmelzen und den Strom saft augenblicklich unterbrechen. Im übrigen sind unsere Schalter, Steckdosen, Sicherungen, Lampenfasiungen usw. so gebaut, daß eine von selbst eintretende gegenseitige Berührung der beiden Pole nahezu ausgeschlossen ist, einwandfreies Fabrikat vorausgesetzt. Desgleichen kann dies bei einer sachgemäß ausgeführten Anlage als äußerst unwahrscheinlich bezeichnet werden. Die Sicherungen selbst sind heute so gut durchgebildet, daß Versager kaum jemals vorkommen, wobei allerdings wiederum vorausgesetzt ist, daß es sich um ein zuverlässiges Fabrikat handelt. Und selbst, wenn etwas derartiges einmal geschieht, treten die oben als möglich bezeichneten Folgen noch lange nicht ein; es müssen dazu schon eine ganze Reihe ungünstiger Umstände Zusammentreffen, und das ist denn doch außerordentlich selten der Fall. Aus dem Gesagten geht hervor, was den wirksamsten Schutz gegen die in Rede stehenden Gefahren bildet: zunächst einmal bei Installierung neuer und Ergänzung vorhandener Anlagen Verwendung nur tadellosen Materials in allen Teilen und Ausführung fämtlicher Arbeiten von fachkundigster, zuverlässigster Hand. In dieser Hinsicht sparen zu wollen^ wäre ein schwerer Trugschluß, da hierdurch fast immer die Ersparnisse um ein Vielfaches übertreffende Mehrkosten verursacht werden. Außerdem aber muß selbstverständlich Mutwille, desgleichen Fahrlässigkeit, diese insbesondere aus Mangel an Sachkenntnis entspringend, ausgeschlossen sein. Wenn jemand die beiden Kontaktöffnungen einer Steckdose mittels zweier gekreuzter Stricknadeln verbindet, darf er sich über die eintretenden Wirkungen nicht wundern. Ebenso kann vor dem beliebten Herausziehen eines Steckers aus der Steckdose an der Leitungsschnur glatt am Steckerkörper nicht genug gewarnt werden. Eine elektrische Leitung ist kein Schiffstau oder Drahtseil, und wer sie als Zugorgan benutzt, beschädigt sie unter Umständen so schwer, daß er die peinlichsten Ueberraschungen erleben kann. Aehnliches gilt von dem eigenmächtigen Oesfnen insbesondere der zweipoligen Schalter und dem sachunkundigen Herumhantieren in ihnen mit einem Schraubenzieher und dergleichen. Die oben ausgesprochene Schutzregel ist daher nachdrücklichst zu ergänzen durch die Vorschrift: Sachgemäße Behandlung auch der fertigen Anlage, und dazu ist selbst der Nichtfachmann in der Sage, ganz einfach dadurch, daß er bei eintretenden Störungen sich fachmännischen Rates und fachmännischer Hilfe bedient. Es steht nichts im Wege, daß der besonnen denkende Laie, um den einfachsten Vorgängen gegenüber gewappnet zu fein, sich für solche Fälle von einwandfreier fachmännischer Seite gründliche Verhaltungsmaßregeln geben läßt, wenn er nur fest entschlossen ist, sie eintretendenfalls peinlichst zu befolgen, vor allem aber seine Befugnisse nicht zu überschreiten und bei auftretenden Zweifeln, lieber eher als fpäter, unbedingt den Fachmann hinzuziehen. Wer so denkt und handelt, für den wird der gefürchtete Kurzschluß nicht nur theoretisch — wozu vorstehende Ausführungen hoffentlich beitragen —, sondern auch praktisch sehr bald seine Schrecken verlieren, und der wird nicht nötig tjaben, sich mit Bezug auf ihn der Gefpensterfeherei zu ergeben. Eisland. Roman einer Expedition. Von Hellmuth Unger. Copyright by Carl Schünemann, Bremen. (Fortsetzung.) Und er spielte mit den Händen, als ob er die Register seines verlorengegangenen Instrumentes zöge und fang mit grölender Stimme. Es war ein schmutziges Lied, wie es die Matrosen auf den großen Segel« fchiffen fingen. Der Refrain roar leicht mitzusingen, aber niemand fiel ein. Dieser Sang paßte nicht zu der Stimmung, in der sich alle befanden. Er verwirrte nur die Gedanken, die immer wieder heimwanderien und in denen Sterne blinkten wie die Kerzen am Tannenbaum, den die deutschen Freunde von Rice damals in Kanada angezündet hatten. Jftael benutzte einen Augenblick der Stille und fang ein amerikanisches Lied. Niemand' hatte gewußt, daß er auch fingen konnte. Er hatte einen schönen, weichen Tenor. Down the Swanie River... Ja, das kannten sie alle. Das war schön und schwermütig zugleich. Und der Rum löste allen die Zunge. Es herrschte seltene Einmütigkeit zwischen ihnen. Korporal Salor konnte es in der Beengtheit der Hütte nicht mehr aushalten. Er stand auf und ging hinaus. Frederick folgte ihm. „Was habt ihr denn?" „Oh, nichts." Sollten sie den Kameraden zeigen, daß sie Tranen in den Augen hatten? Nein. Sie schämten sich. , Die Nacht über Eisland war unermeßlich weit und hoch. Die Kalte schnitt wie mit Messern, aber kein Luftzug regte sich. Die Ewigkeit hatte den Atem angehalten. .. , , Auch Croß folgte ihnen. Er wäre bannen erstickt. Um nicht gefragt zu werden, hatte er die Eimer mitgenommen und stampfte den Waffer- löchern'zu Er wollte wohl allein fein. Lockwood half ihm. Er brauchte einen Kameraden, mit dem er sprechen konnte, gleich, über was es war. Wie eine Krankheit hatte das Heimweh alle überfallen und sie konnten sich nicht wehren. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'fche Llniversitäts-Vuch- und Steindruckerei. A. Lange, Gietzr"» Habt ihr schon je einen Scherz mit ihm machen können? Nein. Er würde euch nur mit seinen kalten Augen ansehn, daß ihr euch abwenden müßtet. Er sitzt bei den Mahlzeiten mitten unter euch, aber er gehört nicht zu eurer Gemeinschaft. Er klagt niemals mit, wenn ihr etwas zu leiden habt. Aber er kann euch mit wenigen Worten zeigen, wie sehr ihr doch leidet. Er ist wie ein böser Geist unter euch, der euch heimlich aufhetzt und ~ ' ihr euch gegenseitig zerzaust. Es ist so, -meinsamen Schicksal unbeteiligt sei. Es dann seine Freude hat, wenn i , , „ „ . „ „ „ . als ob dieser eine an dem gemeinsamen Schicksal unbeteiligt sei. kümmert ihn gar nicht. Er fürchtet das Ende nicht. Oder vielleicht kommt dieser Gedanke gar nicht in sein Hirn, daß er in Eisland verrecken könnte wie alle ... Irgendeine große Macht ist hinter ihm, die ihn alles ertragen macht. Kennt er vielleicht das große Geheimnis des Todes, daß er ihn nicht mehr fürchtet? Es muß wohl so etwas sein. Und als Arzt hat er sicherlich hundert Tote gesehn. Sterben hat für ihn seinen Schrecken verloren. Und doch, nein. Als es vor Tagen hieß, gleich nach dem Fest, das ste gefeiert hatten, daß die Wasserlöcher zugesroren seien und es keinem gelang, sie wieder aufzuschlagen, habt ihr ihn da gesehn, wie bleich er war, 'wie sehr eingefallen sein Gesicht? Es gibt ja seltsame Menschen. Die einen fürchten die Kälte oder den Hunger. Diesen da könnt ihr nur schrecken mit Verdursten. „Glaubt es oder glaubt es nicht, dieser Mann ist stärker als wir alle", erklärte Kislingbury. Daß er mit Greely am meisten verkehrte, hatte seinen Grund, weil er philosophische und geistreiche Gespräche liebte und einen Gegner brauchte, mit dem er debattieren konnte. Er liebte das Wort als blitzendes Instrument in der Debatte. Manner, die Heimweh bekommen, sind wie kleine Kinderk Drinnen in der Hütte sprachen sie auch von Frauen. Sie schämten sich wohl voreinander. Irgend etwas brauchten sie aber in der Christ- nacht, das ihnen lieb war, das sie wenigstens mit Worten streicheln konnten. Jeder hatte etwas zu erzählen, von seinem Mädchen, seiner Schwester oder der Mutter. Liebevolles, Zartes, Unvergessenes. „Damals, Kameraden, als ich noch klein war..." „Meine Mutter sagte immer..." Und die Bilder von vielen Frauen flössen ineinander und bekamen schließlich nur ein einziges Gesicht. Es war eine einzige. Unerreichbare, von der sie sprachen, die jedem gehörte, die sie anb.eteten. „Mutter!" sagte Israel leise. „Mutter!" Elison lag fiebernd auf seinem Lager und murmelte im Halbschlafe wirre Worte. . ,, . „Mutter!" echote er; er war mit seinen Gedanken wohl auch in der ^Nur Dr. Pavy schlief traumlos und fest. Greely ließ ihn nicht wecken. Er kannte das Geheimnis dieses Zynikers, dem die Christnacht so wenig bedeutete wie jeder andere Tag. Dr. Pavy wollte dem heulenden Elend, wie er es nannte, entgehn. Er haßte Sentimentalität und Romantik. Der Arzt hatte sich heimlich Morphium genommen und schlief. Es war auch ein Diebstahl, aber keiner erfuhr davon. Croß und Lockwood kamen vom See zurück. Mit leeren Eimern. „Habt wohl nichts gefischt, he?" ',Zu kalt draußen", sagte Croß grimmig. „Es ist noch Wasser genug in den Kesseln. Kommt." Gardiner schenkte nochmals die Becher voll, und sie mischten sich Rum hinein. Ganz sparsam. Sie wollten den Genuß ins Unendliche auskosten. Nein, niemand hatte Mißtrauen, als sie ohne Wasser zurückkamen. Wer dachte heute auch an ein neues Unglück. Es war doch ein froher Tag. Und draußen spiegelten die Sterne. „Was ist", fragte Greely leise. „Die Eislöcher sind zugefroren, Kommandeur." In dieser Nacht blieb es noch ein Geheimnis. Greely wollte keinem die Festfreude verderben. Ein merkwürdiger Mensch dieser Dr. Pavy! Wahrhaftig. Kislingbury, der im ersten Winter im Fort Conger mit ihm im gleichen Raum geschlafen hatte, kannte ihn wohl am besten, aber er durchschaute ihn ebensowenig wie irgendeiner von der Mannschaft. Es hieß, daß er sich aus Leidenschaft zum Abenteuerlichen freiwillig zu dieser Nordpolexpedition gemeldet habe, nachdem er viele Jahre als Schisfsarzt in den Tropen gereist war. In Bolivien hatte er die Malaria bekommen, die durch den Stich einer bestimmten Mückenart ins Blut übertragen wird. Und viele Jahre lang waren die Anfälle immer wieder aufgetreten, auch als er längst wieder in Amerika war. Ob diese Krankheit auch geistige Störungen auslöste, wär ungewiß. Zweifellos ober war dieser Arzt nie wieder gesund geworden, wenn er in Eisland auch nicht mehr unter seinen Fieberattacken zu leiden hatte. Er hatte, wie Henry, keine Freunde unter der Mannschaft, aber jeder wußte, daß er seine Hilfe nicht entbehren konnte und suchte sich mit ihm gut zu stellen. Dieser Arzt war ein ganz eitler Mensch, der sich keinen Tag vernachlässigte. Brainard und Lynn hatten ihn im ersten Jahre täglich rasieren müssen. Und in seinem Arzneikasten hatte er alle möglichen Salben, die er für sich verwendete, um die Haut weich und geschmeidig zu erhalten. So sah man ihm die Leiden der Polarwinter auch am wenigsten an, während sich alle nach Möglichkeit verwahrlosen ließen. Auch später ließ er sich den langen, seidigen Vollbart schneiden und als er keine Hilse mehr fand, tat er es selbst. Die Leute hielten immer Abstand von ihm und hatten vielleicht mehr Respekt vor ihm als vor Greely selbst, der in den Zeiten der Not seinen Offiziersrang ganz vergessen hatte und schließlich nur noch Kamerad sein wollte. Gleich jedem andern. Gut so. Die Leute anerkannten das. Aber ihr Respekt vor dem Arzte wurde nicht geringer. Was konnte man in der endlosen Nacht im Fort Conger auch Besseres treiben, als zu plaudern, zu lesen oder Tagebuch zu führen. Die wenigen Bücher, die sie mitgenommen hatten, waren bald und zu oft durchstudiert; Schach konnte Greely nicht gut spielen und den Arzt reizte nur ein starker Gegner. Da war Israel, der Benjamin. „Bitte, Doktor, wollen wir nicht mal unsere Kräfte messen?" Als Antwort nur ein Nicken. Israel gewann zwei Partien, weil Dr. Pavy nicht aufpaßte, verlor die dritte nach wenigen Zügen, weil er sich über seinen leichten Sieg freute und dann spielten die beiden Männer niemals wieder zusammen. Israel ragte nicht weiter. Er hatte begriffen, wie lästig er dem andern war. Nein, er suchte ihn nicht. Dr. Pavy hatte sich einen Vorrat wundervollen Tabaks milgenommen. Er konnte ihn weniger entbehren als Mahlzeiten. Als später das Rauchzeug knapp wurde und die Mannschaft anfing, Moose und Flechten zu trocknen, nur um die Illusion zu haben, daß die Pfeife noch brannte, rauchte er heimlich. Er hatte noch ein paar kleine Heftchen voll dünnen Papiers und drehte sich die Zigaretten selbst. Kommandeur Greely hatte sich oft mit ihm beschäftigt, wenn er sein Tagebuch führte. Er hatte sein Wesen am besten erkannt, wenn er sich notierte, daß er ein unbeständiger und eigennütziger Mensch war, ein Mensch ohne Herz. So etwa war er. Und jetzt hättet ihr ihn sehen sollen, als sich ganz unerwartet die Hütte zur Krankenstube wandelte. Oh, sie alle hatten ihm auf einmal vieles abzubitten, sie hatten seinen wahren Wert wohl nicht erkannt, weil eine ärztliche Hilfe noch niemals recht erprobt worden war. Elison, der arme Teufel, war bisher der einzige gewesen, der ernsthaft zu leiden hatte. Und wie hatte er diesen Dr. Pavy hassen gelernt. Es war nicht so gewesen, daß da ein gütiger und besorgter Mensch an ein Krankenlager kam und mitleidend helfen wollte. Hart und grausam war jedes Wort, das er sprach. „Du hast den Brand in den Füßen, Elison!" sagte er nur. „Du mußt dich in acht nehmen, daß er nicht weitergeht." Als wenn sich ein Kranker hüten könnte, daß sein Leiden um sich greift. Als Elisons Füße brandig geworden waren und ganz gefühllos, als der Frost rote Striemen hinaufzog bis an die Knie, sagte Dr. Pavy: „Wenn du noch weiterleben willst, Elison, dann mußt du mit allem einverstanden sein, was ich dir sage." Elison wollte weiterleben. Er hatte Frau und Kinder zu Hause, die aus ihn warteten. Er war noch lange nicht zermürbt und müde. „Mit allem, Doktor", ächzte er. „Wir müssen dir die Füße amputieren, Elison." Sergeant Elison fürchtete das Messer nicht so sehr wie den Tod. Welch ein bewundernswerter Arzt dieser Dr. Pavy doch war! Und wie er sich auf sein Handwerk verstand! Henry Bierderblck, den sie den Mann ohne Nerven getauft hatten, weil er vor nichts zurückschreckte und gegen jeden Schmerz unempfindsam schien, sollte ihm assistieren. Er hielt es keine Viertelstunde aus. „Da drinnen ist die Hölle", sagte er nur und kotzte in den Schnee, was er aus dem leeren Magen herauswürgen konnte. Dr. Pavy arbeitete allein weiter. So hatte es bei Elison angefangen. Er hatte nur noch zwei Bein- stumpfe, auf denen er nicht einmal mehr stehen konnte. Er kroch nur noch wie ein verwundetes Tier. Aber die Wunden heilten in der Wärme der Hütte. Der Brand fraß nicht weiter, und der Krüppel Elison war gerettet. Der Frost, der ihm bei der Flucht von Grinnelland in die Glie- der gefahren war, ließ sich aber nicht so leicht vertreiben. Jetzt begann die eine Hand sich zu verfärben, und später die andere. „Wir müssen dir auch die Hand abnehmen, Elison." Elison heulte auf vor Wut. . „ . Und dann hatte er nur noch zwei Stümpfe an den Armen, em Wrack war er geworden, und Brainard schnallte ihm täglich mit einem Riemen den Löffel um den Stumpf, damit er wenigstens essen konnte. Kein Arzt sonst hätte Elison wohl gerettet. Es waren Meisteroperationen und er blieb am Leben. Wie er es gewollt hatte. Elison war ein Held. Der größte von diesen allen. Er hatte ein großes Herz. Er wollte von keinem bemitleidet sein, aber er haßte Dr. Pavy wegen der Sachlichkeit. Von diesem einen hätte er ein mitleidiges Won hören mögen. Rur von diesem einen, der ihn gerettet hatte. „Du bist ein bewundernswerter Kerl!" hätte er sagen sollen. Dann würde Elison geantwortet haben: „Nicht der Rede wert, Doktor, l» gibt noch Schlimmeres." Aber Dr. Pavy sah nur die Krankheit und suchte sie zu überwinden. An die Seele des Leidenden dachte er nicht. Er war ein Chirurg, er mar ein Metzger. , , „„ „Gibt es nicht irgend was, das mir die Schmerzen nehmen kann, Doktor? Nur ein paar Tage lang, bis die Wunde verheilt ist?" Dr. Pavys kalte Augen starrten über ihn fort. „Du wirst es überstehn, Elison, verlaß dich drauf. Du wirst noch leben, wenn die andern verreckt sind. Glaub mir. Nein, ich kann dir nid)*5 geben, was dir die Schmerzen nimmt. Ich muß mit dem bißchen Morphium sparen, verstehst du?" „Für wen? Für wen denn?" „Es gibt auch noch andere." helfen sie doch. Heute. Jetzt. Was morgen ist ..." „Das verstehst du nicht, Elison." „Es gibt nichts Schlimmeres, Doktor." Er erhielt keine Antwort mehr. (Fortsetzung folgt.)