SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang MV Montag, den 10.März Hummer 20 Heimkehr nach langer Zeit. Von Anton Schnack. Was mag es fein? Die Stimme einer Nacht, Die aus Erinnerung mit sanfter Stimme lockt? Hier hat mir manchmal Herz und Blut gestockt, Hier hat mich Mutter oft zum Kinderschlaf gebracht. Ich denke an den kühlen Sandsteintrog, Der vor der Türe stand unb ewig lief. Wenn dumpf ich wachte, wenn ich schmerzlich schlief. Und draußen Wind die alten Bäume bog. Verloren ist der wilde Wald, im Grund Die Mühle mit dem feuchten Wasserrad, Der herbe Duft der sommerlichen Mahd, Aus grünen Blumenstöcken lacht« jung ein Mund. Der Pfad zog sich ins Korn, von Purpurmohn gesäumt, Am Birkenhügel und im Heidekraut Lag ich die Nachmittage, wunderlich verträumt, Bis durch die Abenddämmerung kam leiser Glockenlaut. Im Dunklen fitzend wieder so wie einst, Dir aber scheint als wäre alles leer, Du kennst die Vatevheimat heimgekehrt nicht mehr. Du stehst vereinsamt aus und weinst... Oer Sprung aus dem Flugzeug. Bon Alexander von Keller. Gerald Wilms betrat den weiten Flugplatz. Es war fünf Uhr früh und der Flugbahnhof leer; kurze Böen stürzten in Abständen über die Ebene, und die Fahnen vor den Tribünen knallten im Wind. Das kleine glitzernde Flugzeug stand startbereit; ein Monteur im schmierigen Overall warf den Propeller an und einen Augenblick zerriß das rasende Hämmern die Stille — dann verebbte es... An einem Pfosten vor dem Hangar lehnte der Pilot und rauchte; vier Arbeiter zogen einen Doppeldecker aus der Halle... Neben dem Piloten hielt ein jüngerer Mann in elegantem Reiseanzug und sprach lebhaft. Wilms sah, wie der dunkle Vollbart des Fremden auf- und abtanzte; mit den Händen suchte er lebhaft seine Worte zu unterstützen. Eine kleine braune Reisetasche lag vor ihm im Gras und über die Tasche war ein grauer Mantel gelegt. Mit einem kurzen Blick musterte Wilms den Mann, — er hatte ihn schon gestern im Kartenbureau getroffen und sich sein Bild fest «ingeprägt... er hätte ihn unter tausend Menschen mühelos herausgefunden. Irgendwo schrillte eine Klingel, und der Pilot zertrat die Zigarette im Gras... Wilms warf einen forschenden Blick umher und atmete auf; kein weiterer Fluggast kam — das böige Wetter mochte reiselustige Menschen abgeschreckt haben ... „Einsteigen!" rief der Monteur und legte eine kleine Holztreppe an die Eingangstür. „Beide Herren nach Wien? Wie meinen? Dresden?... hm, wird nur angefiogen, wenn es das Wetter gestattet ..." Mit einem scharfen metallenen Klirren fiel die Tür zu, und der Propeller begann zu surren; das Flugzeug rollte über den Rasen... Ein« Weile lief es über den ebenen Boden — dann erhob es sich langsam, fast unmerklich, und schwankte leicht... Sekunden später schwebte es über dem Bodendunst, und die Sonne rvarf breite grelle Lichter in die kleine Kabine. „Nach Wien?" fragte Wilms höflich und wandte sich an feinen Mit- reiesnden. „Fliegen Sie zum erstenmal? Wirklich? Es ist immer ein etwas eigenartiges Gefühl... nein — ich fliege heute zum vierzigstenmal...." „Und immer glatt verlaufen?" erkundigte sich der Fremde vorsichtig. Er war «in netter, liebenswürdiger Mann mit guten Manieren, der sich einer gewählten Sprache bediente. Seine unruhigen, etwas hastigen Bewegungen ließen aus unterdrückte Nervosität schließen, und Wilms lächelte... „Fast immer gut verlaufen," entgegnete er und blickte aus dem Fenster in di« Tiefe. „Bier Notlandungen und ein Sprung aus dem Fenster ... nein, nein — mit dem Fallschirm. Eine sehr einfache und ganz ungefährlich« Sache..." „Motordefekt?" „Menschendefekt," lachte Wilms. „Der Pilot war wahnsinnig geworden und cs gab tatsächlich keinen anderen Ausweg..." . Der Fremde lehnte sich schwer schluckend zurück; er fuhr mit allen Fingern durch seinen Bart. „Angenehm," sagte er und versuchte zu lächeln... „und — konnten Sie nichts anderes tun? Ich meine — war es nicht mog- "ch, den Mann unschädlich zu machen?" „Ah, wie stellen Sie sich das vor? Der Fahrer ist doch vollkommen von den Fahrgästen getrennt — sehen Sie..Er wies mit dem Kopf auf die glatte Wand die die Kabine nach vorn zu abschloß. „Man kann in einem solchen Fall tatsächlich nichts anderes tum, als abspringen... Du lieber Gott — wenn es weiter nichts ist..." Gegen acht Uhr hob Wilms seinen kleinen Koffer aus dem Netz und stellte ihn vor sich hin; bedächtig zog er die Handschuhe an und ließ sich dann in den Sessel fallen. Ein leises Zucken um die Mundwinkel und das rasche unregelmäßige Klopfen der Finger auf der Sessellehne ließ erkennen, daß er unruhig war... Gleich darauf beschrieb die Maschine einen scharfen Bogen und lag ein« Weile auf dem linken Flügel. Man konnte die Stützen und Verbindungsseile deutlich unter dem Fenster sehen — dann hob sich der glitzernde Leib wieder ... ein zweiter Bogen, ein kurzes Vorschnellen und Sinken ... Es war tüte ein vorsichtiges Tasten und Suchen... Wilms blickte in die Tief« und runzelte die Stirn — der Nebel über der Erde glich jetzt einem großen weißen Tuch das von einer unsichtbaren Kraft in langsame Bewegung versetzt wird. Das Telefon zum Führerstand raffelte und Wilms riß di« Hörmuschel ans Ohr... „Der Herr, der nach Dresden will?" kam bi« Stimme des Führers zurück... „Ja? Ich bedauere — aber eine Landung ist völlig ausgeschlof- sen... Ich kann den Flugplatz bei dem Nebel nicht finden..." „Zum Teufel.. So gehen Sie irgendwo herunter, ganz gleich wo... ich muß hier landen... Hören Sie? Ich muß..." „Bedaure..." Mit einem schnappenden Ton brach das Gespräch ab... Gerald Wilms ließ die Hörmuschel sinken und fiel schwer zurück. Groß« Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn« und ein eisiges Gefühl preßt« ihm die Halsmuskeln zusammen... Der Fremde war jeder seiner Bewegungen mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. „Etwas nicht in Ordnung?' fragte er stockend. „Schlechte Nachrichten?" Seine Stimme klang unsicher unb fein Gesicht war etwas blaß, aber Wilms fuhr nervös auf... „Lassen Sie mich in Ruhe ..." schrie er unhöflich und versank dann wieder in stummes Brüten... Der Schwarzbärtige schwieg verletzt und nur in feine suchenden Augen trat ein gequälter Ausdruck... Sie saßen jetzt einander schräg gegenüber... Saßen drei lange, endlos lange Stunden und musterten sich unter halbgesenkten Lidern und zwischen ihnen stand etwas Fremdes, Drohendes wie eine undeutliche und unfaßbare Gefahr... Gegen Mittag verzog sich der Nebel, und das Marchfeld lag jetzt tief unter ihnen. Ein großes Schachbrett, mit roten, gelben und grünen Rechtecken; achtlos darüber lsingeworfene weiße Bänder bedeuteten Straßen und dunkle verkrümmte Linien Flüsse und Bäche . . Weit rechts erschienen die grauen Umrisse des Bisamberges und dahinter... In dem Augenblick erhob sich Wilms; er griff in feine Tasche und zog einen kleinen, dunklen Gegenstand; klirrend sprang irgendwo «in« Feder. „Hallo — Sie da..." Es war eine harte und entschlossene Stimme, und der Fremde fuhr jäh herum. Er blickt« in die drohende Mündung einer kleinen Pistol«, über der zwei hart« forschende Augen standen... Die Pistolenmündung zeigte mit wundervoller Sicherheit auf seinen Kopf... „Was soll das? preßte er fassungslos aus der vertrockneten Kehle... feine Arme suchten nach einer Stütze... „Ah — lassen Sie di« dummen Fragen... Geben Sie mir Ihre Papiere, hören Sie mich? Ich pflege niemals zu scherzen... wenn Sie nicht jedem meiner Befehle nachkommen, schieß« ich Sie nieder und werfe bann den Körper durch das offene Fenster in die Tiefe... Fein — was?" Er machte eine illustrierende Handbervegung unb der Fremde stieß «inen Schrei aus — es war mehr ein Gurgeln — nur der Mund verzog sich zu einer fürchterlichen Grimasse... Er zitierte jetzt wirklich an allen Gliedern „Schreien Sie nur!" sagte Wilms ruhig. „Der Pilot kann Sie nicht hören — er wird auch den Schuß nicht hören ... unb nun di« Papiere... Haben Sie noch was? Korrespondenzen? Legen Sie alles auf den Stuhl. — Nun den Mantel... und hier haben Sie meinen Paß... Nehmen Sie, sonst..." Das kleine graue Heft, bas er auf den Boden geworfen hatte, »et* schwand blitzschnell, und Wilms lachte. Es war ein kaltes, höhnisches, auf« reizendes Lachnt. „Und jetzt — ... unterm Sitz liegt der Fallschirm... Ja — das ist er — heraus damit..." Ein kurzes, angstvolles Zögern. „Sie wollen doch nicht, daß ich... „Natürlich. Si« werden den Fallschirm anschnallen und dann durch das Fenster hinausspringen... Hören Sie mich an — Sie können auch eine Kugel bekommen, wenn Sie wollen... Das Flugzeug verlassen Sie unbedingt — als Lebender ober Toter..." Der Fremde zögerte einen Moment — fein Gesicht war aschfahl geworden und seine Finger zitterten — angesichts der drohenden Waffe legte er mühevoll den breiten Gurt um den Leib und zog ihn fest: der gefaltete Schirm saß ihm jetzt wie eine große gelbe Beule am Rücken... Seine Augen waren weit aufgerissen und der schwarze Bart unterm toten- bleichen Gesicht roiiite wie eine verschobene Maske ... „Das ist Morü ... stammelte^e^„daSfEdenM^^^ mit einem Fallschirm aus dreihundert Meter Höhe noch erschlagen... Sie sind fertig? Zum Fenster 11,10 Ae^sind^'wuhnsinnig, bestimmt wahnsinnig ... oh ..Ein kurzes 1 fieben der Pistole ließ ihn jäh verstummen. Wilms blickte aufmerksam m die Tiefe... weit vorne lag eine breite lichte Flache, hinter der riesige Hangars standen, weiter rechts wogten die Häuser einer Riesenstadt über dem leichten Nebel ... Vor den Hangras standen viele Menschen, die alle ! in die Höhe starrten... Etliche hatten ®[”[er... Mehrere waren uniformiert — in den blanken Knöpfen spiegelte sich das Licht A Sonne... Und jetzt begann das Flugzeug zu sinken. Der Boden der Kabine neigte ^Mit einem Sprung stand Wilms neben dem Fremden und faßte ihn mit riesiger Kraft. „Jetzt..." schrie er und hob ihn halb in die Hohe... , Hinaus mit Ihnen..." Ein kurzes wütendes Handgemenge : em schriller weher Schrei — dann sauste eine dunkle Gestalt in die Tiefe. Sie fiel im Bogen nach rückwärts und wurde immer kleiner... Und dann erschien plötzlich über ihr ein kleiner gelber Fleck und der schwarze Punkt begann 3U Me^Menschengruppe vor dem Hangar hatte sich aufgelöst und kleine Punkte liefen eilig über das Feld... Minuten später tippte das Flugzeug leicht auf den Boden, lief noch eine kurze Strecke, schwankte leicht wie ein müder Vogel und blieb dann stehen... Ein Mann im grauen Ulster, mit einem dunklen Vollbart und großen glitzernden Brillen erschien am Fenster. Er gestikulierte nut beiden Han- den und schrie erregt und andauernd... erst als der Monteur die Tur aüfschloß, konnte man ihn verstehen... . Mein Geld," heulte er, „mein Geld hat er genommen und meine Tasche.. Hören Sie? Mein Geld... Ich bin der Oberlehrer Lübecks und verbitte mir derartige Sachen..." Er hörte auch nicht auf zu schreien, als ihm ein Beamter freundlich über die Treppe half und ihm eine Stärkung reichte... Dann lieh man ihn achselzuckend stehen — was zum Kuckuck konnte man mit einem so aufgeregten Menschen anfangen? Weit drüben, jenseits des Flugplatzes fand die Kriminalpolizei den verwirrten Oberlehrer Georg Lüdecke aus Potsdam. Er leugnete beharrlich, Gerald Wilms zu heißen und als sich jein dunkler Vollbart als echt erwies, ließ man ihn mit einer höflichen Entschuldigung seiner Wege gehen.. Später fand ein findiger Detektiv auf dem Geleise der Straßenbahn einen falschen schwarzen Bart und einige Briefe; aber den Bankdieb Gerald Wilms, der um drei Uhr früh desselben Tags die Bodenkreditbank avsgeraubt hatte, fand er nicht. Ihn und die hunderttausend Mark, die er mit sich führte, hatte die Großstadt verschluckt... nicht viel Freude an mir, er sah mich böse an. Ich konnte mir gratulieren, daß ich ihm nur als Hotelgast und nicht als Gegner auf einem der verlorenen Schlachtfelder Sibiriens gegenüber stand. Der Gedanke daran machte mich noch fiebriger, ich ging auf mein Zimmer, das mich als eine kahle dumpfe Zelle umfing. Der Modergeruch, den unzählige europäische und chinesische Gäste in den Gardinen und den Teppichen zurückgelassen hatten, wollte durch kein Fensteraufsperren verschwinden. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, krank in einem Hotelbett zu hegen, das von Deutschland zehntausend Kilometer entfernt ist. Manchmal dachte ich, es wäre das Beste, in ein Hospital zu gehen. Aber gab es hier Hospitäler, in die man sich als verwöhnter Europäer hineintrauen konnte? Die grauen, roten und erdbraunen Farben des Zimmers verschoben sich gegeneinander, ich folgte mit dem Auge den Blumenkringeln der Tapete: die Linien entwischten mir immer nach einiger Zeit, obwohl ich sie mit aller Aufmerksamkeit zu halten suchte. Mit der linken Hand entdeckte ich einen Schellenknopf, ich drückte. Nach einiger Zeit horte ich Schritte, der Boy klopfte, ich rief herein. „Bringen Sie mir bitte etwas zu lesen ..." Der Mann sah mich starr und ungläubig an. Er kam mit dem Kursbuch und der Harbiner Zeitung zurück. Ich schob das Kursbuch zurück und begann, so gut das mein Zustand erlaubte, In der Zeitung zu lesen. Die erste fette Ueberschrist, die mir auffiel, hieß: „Brücke über den Sungari in höchster Gefahr, zusammenzustürzen. Zuge mutzen Schritt fahren." Ich dachte natürlich sofort daran, mit welch auffälliger Langsamkeit wir die Brücke passiert hatten. Also das war der Grund. In den Pfeilern hatten sich, wie die Zeitung meldete, schon seit längerer Zett Risse bemerkbar gemacht. Die chinesischen Behörden wurden sofort unttr- richtet, aber es geschah nichts. Ich muhte lachen, als ich das las. W>e hatten die Leute auf die einfältige Idee kommen können, mit einer solchen Entdeckung die chinesischen Behörden zu beglücken ...? Diese Herren, die sich nun als die uneingeschränkten Machthaber der Stadt fühlten, taten erstens aus Prinzip nichts, weil das gegen den Grund ihrer Weltanschauung verstieß. Und bann dachten sie nicht daran, etwas zu unternehmen, weil die ostchinesische Bahn zur größeren Halste in den Händen der Russen war, die sie haßten. Run passierte mir etwas Seltsames. Die Grenze zwischen dem Tisch, dem Stuhl und dem Fenster verschwamm, ich sah den Boy wieder in der Ecke stehen, schweigsam dienstbereit, aber doch mit einer gespannten Aus- ! merksamkeit, die etwas erwarten ließ. Ich fragte ihn, ob er etwas wünsche, aber er antwortete nicht, sondern lachte geheimnisvoll. Dann sagte er unaufgefordert: „Ich will Ihnen etwas im Vertrauen sagen, die Brücke über den Sungari wird heute nacht zusammenbrechen Aber warum denn um Gotteswillen ... das ist ja furchtbar .. .so viele Menschenleben in Gefahr ... man muß sie reparieren ... die Behörden ..." „Die Behörden, Herr, sind sich einig, daß die Brücke zu- sammenbrechen muß ... Politik, verstehen Sie ...? Er lachte laut. Sie Situation wurde nun für mich immer schwieriger. Es war mir, als ob ich ein doppeltes Wesen wäre. Die eine Halste meines Sems sprach mit dem Hotelboy, die andere erlebte noch einmal genau das Gleiche, was gJtern gewesen war. Das Leben wurde einfach um einen Tag zurückgedreht, nicht eine Wendung, eine Farbe fehlte an dem Dasein wie ich es gestern gelebt hatte. Ich stand mit Fumagalli nn Korridor des Zuges, der nach dem Durchbrausen der Mfmdichurlschen Ebene bei der Sungaribrücke angelangt war und nun plötzlich Schritt vor Schritt ging. Während ich mit dem Boy sprach, hörte ich die Stimme 5U™2ai®alhS'. die Ursache ist eine Brücke ..." In einem italienisch gefärbtem Englisch. Ich lebte zwei Möglichkeiten nebeneinander. Der Boy stand noch da er grinste, rückte mir näher, feine Art war von einer freundlichen Aufdringlichkeit, die der Europäer in diesen Ländern Untergebenen nicht gestattet. Fumagalli zeigte die gleiche angenommene Englanderruhe die sich wesentlich von seinem wirklichen süditalienischen Wesen unterschied. Ich war mir der erlebten Situationen fo bewußt, daß ich bieten Unten schied zwischen dem, was sein sollte und dem, was wirklich war, deutlich empfand. Dieser Fumagalli war wirklich ein merkwürdiger Kerl. Es geschah nun Folgendes. Die Konturen des Hotelboys wurden schwächer, seine Stimme rückte in größere Fernen, bis sie ganz ver- chwand. Das Bewußtsein des Hotelzimmers wurde leichter, unbedeutender, verwob sich ganz mit der Gegenwart des Korridors, so als wenn ! das eine auf das andere gepaßt worden wäre. Fumagalli der Direktor I der italienischen Handelskammer aüs Schanghai stand vollkommen plastisch vor mir, ich konnte ihn greifen, ich sah die kleinen weißen Haarzipfel über feinen Ohren, so wie sie mir aufgefallen waren. Aber bann traten mir in bie Nacht ein, von ber der Hotelboy gesprochen hatte. Es war nicht mehr gestern, es war heute. Der Zug hielt mit einem ängstlichen Ruck in der Mitte der Brücke, die russischen Schaffner liefen von ber Maschine her auf bem glitschigen Eisen neben bem Zug entlang. Wir rissen bie Fenster auf, fühlten einen eiftgeni SW- hauch, bann ein Brausen, bas näher und näher kam und uns schließ bonnernb umschloß. Ein hundertstimmiger Schrei erscholl; Fumagalli I sagte scharf: „Die Brücke..." Die Eisen brachen weg wie Streichhölzer, Stahlsplitter Pfiffen uns um die Ohren. Ich sah, wie bie Brücke in ber Mitte zusammenknickte m>o bie Stahlmassen bes Zuges sich in ber Tiefe häuften. Ich griff mit ! Hand nach unten, als hätte ich mich stützen können, das Bodenioie kreischte unter mir auf. . * । Ich lag zehn Tage fiebernd im Hotelzimmer. Als ich.wieder geu : war, machte ich einen Spaziergang zur Sungaribrücke. Sie stand ycu l 1 der morgendlichen Sonne. Ein Zug fuhr unendlich langsam in die erj - I Stahlbogen hinein. Brücke über dem Sungari. Von Richard Huelfenbeck. Ich stand mit Herrn Fumagalli, dem auf Engländer zurechtgestutzten Direktor der italienischen Handelskammer aus Schanghai, im Korridor bes Zuges, ber uns in schneller und anberthaldtägiger Fahrt von Man- dschuria gebracht hatte, als die Lichter einer großen Stadt sichtbar wurden. Wir merkten es zuerst nicht, aber dann fiel es auf: ber Zug, der eben noch in einer für chinesische Verhältnisse ungestümen Hast durch das Land gebraust war, ging Schritt. Er setzte, wenn man bei einer so wuchtig bewegten Eisenlast das sagen darf, Fuß vor Fuß. „Aha ... die Ursache ist eine Brücke ..." Jagte Fumagalli. Der erste nebeltropfende Pfeiler ber großen Sungaribrücke schob sich ganz langsam heran, bas Gitterwerk ber Bogen und stählernen Querleisten schloß unseren Blick ein und gab ihn weiter, so bah wir jebe Setunbe auf einem anderen Aussichtsturm zu stehen schienen. Unten sahen wir die dumpf klatschende, brausende und murmelnde Wassermasse des Flusses, ber von seinen Ufern zurückschäumte und die hohen Pfeiler mit einer Wolke von Gischt umgab. In der Ferne war alles blauschwarz, aufgehellt nur hier und da von irisierenden schwankenden Lichtpunkten, die manchmal vollkommen verschwanden und erst nach einer Anzahl von | Sekunden wieder auftauchten. Aber dann, nach einer kleinen Biegung sah man nur zur Linken bas Lichtermeer ber Stadt ... tpir müssen uns um unser Gepäck kümmern ..." Der Zug ging immer noch Schritt, so langsam wie ich noch nie im Zuge gefahren zu sein glaubte. Die Eisenträger unter uns gaben einen metallenen knarrenden Ton von sich, man horchte auf — aber nun mischte sich ein schnellerer heller Ton hinein. Wir hatten den gewöhnlichen Schienenweg wieder erreicht. Die Halle bes Bahnhofs stoppte uns mit einem kreischenden Ruck. Das Hotel Modern in Harbin ist eine Karawanserei mit einem Kino, einem großen stuckbeladenen Speisesaak und einem Foyer. Hier gibt es Sessel, in denen man sich ausruhen könnte, wäre nicht bas ewige Schrillen bes Telephons und bie erregende Vielheit ber fremben Sprachen, hinter benen man brein horchen mutz. Irgend etwas ist immer entzwei, diesmal ist es ber Fahrstuhl, von bem nur bas leere Gerüst bastelst. Der Manager bes Speisesaales ist ein beutschsprechenber Tscheche, offenbar ein Mann, ber früher ben tschechischen Legionen des Weltkrieges angehörte und nun hier einen Posten gefunden hat. Das Essen ist autzergewöhnlich gut, viel besser als die unpersönliche, mit Palmen- roebeln und bronzierten Spiegeln ausgestattete Modernität des Hauses. Dieser Zwiespalt wirkt hemmend und macht traurig. Während man ißt, glaubt man bie bumpfe Lust zu schlucken, bie aus ben primitiven un= gelüfteten Zimmern biefes Hotels strömt. Ich hatte mir im Zuge eine Erkältung geholt, ich hatte elf Nächte ben Staub ber Ebenen Sibiriens und ber Manbschurei inhaliert unb mich auf den schwankenden Betten unter dünnen Decken gegen bas Herausgeworfenwerden gewehrt. Nun hatte ich's, ich fühlte, wie ich fieberte. Der tschechische Manager, besten rötliches Haar in einem merkwürdigen Gegensatz zu scharf blickenden blauen Augen stand, erlebte U nicht trüge wiedc Geisti ftimn Male mälei bart soviel Jährt Anre; fter. : nobi Sc geht 16. J( uns Q schnitt arbeit, werde seiner Schult hervor gedach der S erfinbi rot. € ihnen beschäs bindet Frau primit die Vc des C bringt werde der ja an bet tiefe $ der V nen £ de re selbst befand stellun van d Meiste Meiste der S< Durfte ner, al aller Stamr Theatl erbte testen Erben Theat- stehen. Nische daß bi Teile, durch benutz! zeigt'i teranfl Leben ter n! Gewai Gewäi die M Mode aus b stücken ltU= em nke lief) lige Yen )en. ;en, mal es uen ver- geln oohl lanb * ich dem buch tung über ässen i' mkeit den Zeit .nter- Wie einer Diese vtadt Kund aran, Hälfte Tisch, ;n der Auf- etwas Dann r den ... so ie Bete zu- it. r mir, Seins ;U das einen m Da« illi im irischen Schritt Stimme sch ge« d noch rdlichen m nicht che, die erschied. Unter« deutlich wurden nz ver« mbedeu- ls wenn Direktor len pla- n Haar« lboy ge- )er Zug mssischcn n neben ,en Lust- chUeßl-ch urnagaul uns um ickte und mit der godenlost :r gesund id hell >u die ersten März. Don Peter Bauer. Ins Erdreich knirschen Pflug und Spaten. Der Scholle Kraft raucht würzig auf. Die Wälder, die in Sonne waten. Atmen mit fröhlichem Gefchnauf. Durchs Buschgezweig mit Husch und Flattern Locken sich schwarze Amseln heiß: Bald fügt zum Nest sich Flaum und Reis. Im Bach verliebte Enten schnattern. Befeuernd braust wie junger Wein Der Föhn durch Landschaft und Gebein. Japanische Kunst. Bon Dr. Olga Bloch. Ursprung aller japanischer Kunst ist die Religion. Die Japaner würden nicht in einer Atmosphäre leben können, die ein fremdes Element in sich trüge. Alles muß ihnen ihre Geschichte, ihre Träum«, ihre Sehnsucht wieder erzählen, und so lange formen sie, bis alles dieses Gepräge ihres Geistes, ihres Willens trägt. Die japanische Religion zeigt viel« Ueberein- stimmungen mit indischen Formen. Wir wissen, daß die erste japanische Malerschule ganz buddhistisch beeinflußt ist, bewahren doch ihre Denkmäler die Ruhe, Erhabenheit und Tiefe der buddhistischen Religion, offenbart sich doch soviel sorgsame Technik, soviel Pracht der Ornamentik und soviel tiefe Inbrunst der Auffassung in dieser Epoche, die mit dem sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung zusammenfällt. Später nimmt man Anregungen aus China auf, die Maler studieren in China die alten Meister. Repräsentant chinesisch-japanischer Geistesverbindung wird Moto- no b u, der eine eigentliche Landschaftskunst in Japan schafft. Schloß man sich also im Anfang eng an bestimmte Borbllder an, so geht man in der darausfolgenden Zeit völlig eigene Wege. Seit dem 16. Jahrhundert arbeiten jene zahlreichen Künstler, deren reiches Schaffen uns Europäer in Staunen hält. Hier erleben wir die Hochblüte der Holz- schnittkunst, Korin und feine Schul« (1660—1716), die in einer Zeit arbeiten, wo bei uns in Europa die bewegtesten Barockbilder geschaffen werden; da ist M o n o r o n u, ein Meister der Linie, dem Einfachheit in seiner Kunst zum obersten Gesetz wird. Er ist es, der die volkstümliche Schule Akioge gründet, aus der als glänzendster Vertreter H o k u s a i hervorgeht. Und es muß in diesen Zeiten der Schule Katsugawa Shunsho gedacht werden, die sich um 1770 ausschließlich mit den Darstellungen der Schauspielkunst beschäftigt. Die Meister der sogenannten Torii-Schule erfinden für die alte Holzschnittkunst den Farbendruck hellgrün und hellrot. Sie waren ursprünglich als Plakatzeichner beschäftigt, es gebührt ihnen das Verdienst, sich mit der Darstellung von Schauspielern eingehend beschäftigt zu haben. Wer von japanischer Holzschnittkunst spricht, verbindet damit den Namen des U t a m a r o, der für Japan der Maler der Frau geworden ist. Statt der liebenswürdigen Zierlichkeit, mit der die primitiven Meister die japanische Frau dargestellt haben, finden wir jetzt di« Vornehmheit in Wuchs, Haltung und Ausdruck, eine völlige Aenderung des Schönheitsideals, die die Erhöhung der Lebensansprüche mit sich bringt. Nur schlichte Frauen aus dem Volke oder andrerseits Kurtisanen werden von Utamaro dargestellt, von seiner Zeit ab spielt die Frau in der japanischen Kunst «ine hervorragende Rolle. Man erinnert sich ferner an den vielseitigsten aller Holzschnittmeister, an Hokusai, dessen reiche und tiefe Kunst alles umfaßt; bei dem ein Erfinderreichtum und eine Schärfe der Beobachtung zu finden sind, der ihn zum Meister nicht nur des fernen Ostens gemacht hat. Seine Landschaften, seine Tierstücke, insbesondere seine Stilleben zeigen ihn auf wahrhafter Höhe der Äunft, er schuf selbst Romane und Erzählungen, die er mit eigener Hand illustrierte. Ely besonderer Zweig japanischer Holzschnittkunst befaßt sich mit den Darstellungen des Theaters. Nicht nur die Kulissen und Dekorationen wurden von den Künstlern geschaffen, selbst die Theaterzettel wurden von den Meistern des Holzschnitts hergestellt. S h a r a k u gilt als der bedeutendste Meister des Schauspielerporträts. Die überraschende Wandlungsfähigkeit der Schauspieler offenbart sich nirgends deutlicher als in den Reihen von Darstellungen, die sie als Liebhaber und Raufbold, als Fürsten und Diener, als Helden und Schurken in wechselnder Folge zeigen. Die berühmteste aller Schauspieler-Dynastien Japans war die der D a n j u r o. Ihr Stammvater war einer der gefeiertsten Darsteller der ersten Blüte des Theaters um 1700. Der Name, der von nun an eine Würde bedeutete, vererbte fid), in der Familie, bis der letzte seines Namens, einer der berühmtsten Bühnenkünstler der neuen Zeit, im Jahre 1903 ohne männlichen Erben starb. Man mutz mit den Vorstellungen, dis man in Europa vom Theaterspielen hat, brechen, will man das japanische Theater ganz ver- uä ’ ^uf ben alten Holzschnitten sieht man deutlich, daß sich der japa= m(d>e Theaterbau grundsätzlich vom europäischen dadurch unterscheidet, oatz der Zuschauerraum mit dem Bühnenhaus nicht zwei baulich getrennte ---eile, sondern ein einheitliches Ganzes bildet, deffen Zusammenhang durch die den Zuschauerraum überquerenden und für das Spiel mit« benutzten Stege deutlich bekundet wird. Eine besonders Kunstentwicklung zeigt in Japan die Darstellung von Masken, die ebenfalls mit den Thea- leraufführungen in enaftem Zusammenhang zu denken ist. Sie erhält j en «rft in der Aufführung, wenn sie von dem Tänzer, der im Thea- rer nicht fehlen darf, zusammen mit der Perücke und dem prunkvollen _ etoano getragen wird. Die Frühzeit zeigt, daß man di« chinesischen eroanber reich und üppia gestaltete, während man nach und nach auf e JJiuftcr der Seidenstoffs und Brokate großen Wert legte. Für die os war der kaiserlich« Hof maßgebend, diss erzählt z. B. ein Buch rh-S, 2ahre 1815, das zahlreiche farbige Abbildungen von Kleider- «ucken des Kaisers und des Hofadels zeigt. I Bei der Erwähnung der Bücher dürfen dis zahlreichen Stücke nicht vergessen werden, die die alten Schminkanweisungen enthalten. Die Vorbereitungen für das Theaterspielen legten auf das Schminken großen ; Wert. Man folgte darin einer uralten Traditon. Das Schminken verändert das Gesicht des Schauspielers nach der von der Tradition gewünschten Form. Groß ist die Zahl der Schminkkästchen, die uns aus Japan erbat- ten sind. Die Maskenschnitzkunst stellt von altershsr nicht nur Menschen, sondern auch Götter und Dämonen dar, wobei die Meister feststehende typische Formen befolgen. Das Vorkommen der Masten ist eng verknüpft mit den alten Tempeltänzen, die sich ebenfalls mit ihren uralten Masken und Kostümen bis in die Gegenwart erhalten haben. Mit besonderer Vorliebe stellten die alten Holzfchnittmeister die Puppen und ihre Tänze dar. Das Puppenspiel, das im Grunde einen ganz anderen Ursprung als das Theater hat, mußte sich diesem allmählich anpaffen. So wie in Japan Literatur und Kunst aufs engste verbunden sind, so auch Musik und Kunst. Gestalten aus dem täglichen Leben werden in Tanz- vorsührungen dargestellt. Bei dem Tanz- und Puppenspiel handelt es sich um eine Puppe, die von drei bis fünf Personen geführt wird, und man kann auf vielen Holzschnitten aller Zeiten sehen, wie der Text der Rollen von den begleitenden Sängern vorgetragen wird. Berufstänzer und Berufstänzerinnen ergänzen die große Zahl der Schauspieler. Die japanischen Künstler haben auch die Rollen der Schauspieler dar- gestellt, insbesondere die Frauenrollen, die in ihrem Charakter sehr verschiedenartig sind. Holzschnitte des 18. Jahrhunderts schildern zarte und feingliederige Wesen, an deren Darstellung sich einheimische Meister wie Shunsho und B u n ch o gemacht haben. Es ändert sich dieser Brauch um die Mitte des 18. Jahrhunderts, wo Frauen- und Männerrollen von denselben Schauspielern dargestellt werden, wo die charakteristische Hätz- lichkeit nun, für uns Europäer befremdend, auch in der Darstellung der Frauen sich kund tut. Aber es offenbart sich die Wandlungsfähigkeit der Schauspieler nirgends überraschender als in der ganzen Skala menschlicher Typen vom zarten Mädchen bis zu rauhester Männlichkeit, die kleinere Meister der alten Holzschnittkunst vielfach dargestellt hoben. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die sogenannten Gespenster-Darstellungen in der japanischen Kunst, die im Grunde mit uralten Vorstellungen der Götterwelt zusamenhängen und die im Anfang des 19. Jahrhunderts auf der japanischen Bühne Eingang gesunden haben. Gprachgeheimnisse des Hauses. Line wortgeschichtliche Plauderei. Von Dr. Richard Böhme. „Ich weiß um alles wohl Bescheid, Um jede Lust und jedes Leid, Was ihnen widerfahren." So läßt Hebbel „das alte Haus" in seiner Abwehr gegen den drohenden Abbruch sprechen. Vertraut ist das Haus mit den Schicksalen seiner Bewohner, und die Bewohner sollen vertraut mit dem Hause sein; darum hat unsere Sprache der Wendung: zu Hause sein in etwas, die Bedeutung: darin genau Bescheid wissen, gegeben. Aber auf der anderen Seite gibt dieselbe Sprache uns, wenn wir das Haus betreten, mannigfache Rätsel auf: die uns nächststehenden Dinge, die Wohnung und die Kleidung, schöpfen ihre Bezeichnungen aus Wörtern, deren Ursprung zum großen Teil unbekannt ober unsicher ist. Schon beim Hause selber kommen die Wörterbuchschreiber aus den Zweifeln nicht hinaus. Sie meinen, man müsse von der Bedeutung „bedecken" ausgehen, wobei einem aber auch das Dach in den Sinn kommt, dessen Ableitung vom lateinischen „tectum" und dem Zeitwort „tegere", bedecken wohl nicht fraglich ist. Von diesem Zeitwort stammt tegula, „Ziegel" her, so daß Ziegeldach eigentlich zweimal dasselbe „das deckende Dach" besagt. Kehren wir jetzt zum Hause zurück, so finden wir unter vielen Fragezeichen in der Sprachforschung Vermutungen, ob Haus und Hütte vielleicht mit dem griechischen „keuthein" unb dem angelsächsischen hydan, beide mit dem Sinn des Verbergens, zusammenhängen können. Auch der Gedanke taucht auf, daß das Haus, das Einschließende, mit dem altindischen „Kosches", Behälter, Scheide, Vorrats- oder Schatzkammer stammverwandt sein könne. Auch scheint manchen Verfassern die Abkunft des Hauses von „hauen" möglich und gibt uns den Anlaß, uns dem reimenden „bauen" zuzuwenden. Das Wort, das in seiner ursprünglichen Bedeutung „wohnen, bewohnen" heißt, roorqn nur noch das Hauptwort „das Bau"r", z. B. Vogelbauer, erinnert, während es jetzt „zum Aufenthalt errichten ober Herstellen" bedeutet, nähert sich in seiner altdeutschen Form „buan" dem griechischen Zeitwort „phyein", erzeugen, das der Physik den Namen gegeben hat. Noch interessanter ist, daß zu demselben Stamm das lateinische „fui" ich bin gewesen, gehört. So bietet „bauen" ein lehrreiches Beispiel der häufig vorkommenden Spracherscheinung der Bedeutungsverengerung: aus dem „erzeugen, Herstellen" ist „einen Aufenthalt, ein Haus Herstellen" geworden. Für das Erzeugnis des Bauens aber hat die Sprache den kurzen Namen „der Bau" geschaffen, ein Beweis ihrer ursprünglichen Kraft. Recht schwerfällig, amtsmäßig wirkt dagegen das Gebäude; man höre nur einmal Reichstagsgebäude gegen Reichstagsbau (ober noch lieber Reichsbau), Schulgebäube neben Schulbau ober Schulhaus. Ein anberer Vertreter bes Hauses führt uns in bas römische Altertum unb nach der ewigen Stabt selbst: wir meinen ben Palast. Mit seinem lateinischen Namen Palatium würbe bas Haus des ersten römischen Kaisers Augustus benannt, das auf einem der sieben Hügel Roms erbaut war. Diesen Namen erhielten im Deutschen Reich die Schlösser, in denen die Kaiser sich aufhielten. Danach nannte man die Bewohner des Palatiums, die kaiserlichen Beamten Palatini, Paladine, ein Name, der z. B. auch für Karls des Großen Helden üblich war Allein nicht nur mit dem deutschen Schlußbuchstaben ist das Wort in unsere Muttersprache aufgenommen worden, sondern, ganz umgeschmolzen, in ganz deutscher Gestalt, als Pfalz ist das Palatium zu uns gewandert unb hat auch einem ber schönsten beutschen Länder seinem Nomen gegeben. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gietze"-. Verantwortlich: vr. Hans Thyriol. Wir aber wollen nun endlich mal, nachdem wir es uns von außen angesehen, in das Haus hineingehen. Bei einem raschen Blick durch die Feilster, die das Althochdeutsche „Augentor, nannte, wahrend Gottfried Keller die Augen als seine lieben Fensterlein bezeichnet, merken wir, daß das so heimisch anmutende Wort vom late.mschen ken^ira herrührt, und dies wiederum dem gr.echischen „p^ine.n deu l.ch klar machen, seine Entstehung verdankt: und Meßllch f ndet sich so der Weg von unserem Fenster zum Phänomen. Rasch schreiten wir durch das Tor oder Portal die Treppe hinauf, deren altere Form Trappe noch deutlicher auf die Herkunft von trappen, „durch lautes Treten sich sort- bewegen", hinweist. Auch an die Trappe, die Fußspur — am bekanntesten die Roßtrappe im Harz — möchten wir hier erinnern. Die bescheidenere Schwester der Treppe, die Stiege, deren Herleitung keine Schwierigkeit macht, ist auf Süddeutschland und Oesterreich beschrankt, in Norddeutschland begegnet man ihr meist nur in der herabsetzenden Zusammensetzung „Hühnerstiege" Ehe wir die Treppe verlassen um d.e inneren Räume des Hauses zu betreten sei »och des seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts auftauchenden „Treppenwitzes gedacht, mit dem die Gedanken benannt werden, die einem erst nach der Gesellschaft, der Beratung usw. auf der Treppe, also zu spät elnfollen. Wir haben die Klingel gezogen, man hat uns die Tur geöffnet und uns durch den Korridor geführt, der aus Italien zu uns gekommen ist und nichts weiter als „Laufgang" bedeutet: und nun stehen wir im Zimmer. Der Weg zu seiner jetzigen Bedeutung ist recht weit. Wer sich an die Zimmerung im Bergwerk zum Schutz der Bergleute erinnert, wird nicht sehr erstaunen, wenn er hört, daß Zimmer ursprünglich Bauholz, Holzbekleidung bedeutet, ein Sinn, den auch letzt noch das englische „timber" behalten hat. Doch die Frage nach den Verwandten des Zimmers gibt uns Ausblicke in das griechisch-römische Altertum. Wir finden schon bei Homer das Zeitwort „demein", bauen, erbauen, von dem Das lateinische „domus", „das Haus", herkommt, die wieder nut dem griechischen „damoa" und dem lateinischen „domo", bändige, züchte, zusammen- hängen und schließlich in unserm „zahm" einen Abkömmling finden. — Die Vertreterin des Zimmers, die Stube, gibt der Sprachforschung nicht weniger zu denken. Wenn wir sie im romanischen Sprachkreis als „Baderaum" und auch als „Ofen" finden, im englischen «tove, gleichfalls den Ofen, sehen, so ist wohl sicher, daß die Stube ein heizbarer Raum ist, aber die Herkunft des Wortes ist noch unsicher. — Das anspruchsvolle Synonym für Zimmer und Stube, das G e m a ch, geht von der Bedeutung: Ruhe, Wohlbehagen, Bequemlichkeit, die wir noch heute in „gemächlich" erkennen, zu der des Bequemlichkeitszlmmers des Orts der Pflege über. Spaßig ist, daß im 14. Jahrhundert der -,1b tritt „ein haimlicher gemach" genannt wird. „ Uns mit anderen Räumen des Hauses, etwa dem Saal, dem Alkoven, der Küche zu beschäftigen, zum Keller hinab —, zum Boden hinaufzusteigen, fehlt uns Zeit und Raum. och da vielen Hausbewohnern ein Haus nicht vollständig scheint, wenn es nicht auch Möglichkeiten zum Aufenthalt halb im Freien gewährt, seien den Ausbauten noch ein paar Worte gegönnt: der Balkon, der aus südlicheren Landern zu uns gekommen ist, hat einen ganz deutschen Namen, er stammt vom althochdeutschen „balko", der Balken, der Erker verdankt seinen Namen der mittellateinischen „arcora", die vom arcus dem Bogen abgeleitet ist. Und die Loggia, bei deren richtiger Aussprache sich so viele Leute die Zunge zerbrechen, ist ein deutscher Auswanderer, der in verkappter Gestalt zurückgekommen ist: es ist unsere L a u b e, die nichts als ein Vorbau ist und sich ja in südlicheren Städten noch heute so ost und in langen Reihen findet. Ob nun aber das Haus Ausbauten hat oder nicht, immer wird der Spruch sein Recht behalten, den wir in Goethes Fassung hersetzen: „Von Osten nach Westen — Zu Hause am besten." Oer entthronte Affe. Von Dr. E. Feig e. Nicht jede Verwandtschaft ist angenehm: fett aber Dar w t n, Haeckel und ihre Nachfolger so viele Uebereinstimmungen des Menschen mit dem Affen sestgestellt hatten, hat man sich daran gewohnt dte „Men- chen"-Assen als unsere nächsten Verwandten aus dem Tierreich anzusehen und auch unsere Afsenabstammung anzuerkennen. Gewisse Zweifel erhoben sich zwar immer wieder, vor allen Dingen deshalb, weil es nie gelungen ist, völlig zweifelsfreie Zwischenglieder zwischen Mensch und Affe aufzufinden. , Nun kommt aber eine neue Erschütterung der allmählich doch angenommenen Verwandtschaft. Vor einigen Jahren bereits erregten neue Entdeckungen einer ausgestorbenen Welt in der Mongolei berechtigtes Aufsehen und der Leiter dieser Ausgrabungen, der amerikanische Paläontologe Osborn, streitet auf Grund dieser Funde und sonstiger Wahrnehmungen ganz neuerdings jeglichen Vorrang des Affengeschlechtes bei der Menschbildung überhaupt ab. Er erklärt die ganze Mythe von der Asfenabstaminung des Menschen mit dürren Worten für ein Märchen, und die Argumente des Fachmannes lassen sich schon hören. Zwar besteht eine Aehnlichkeit, die aus sehr, sehr weit zurückliegende gemeinsame Abstammung zurückzusühren ist — in der Gegenwart sind aber die Unterschiede zwischen den Menschen und Menschenaffen größer als die gemeinsamen Züge. Soviel ist sicher, daß auch die höchsten Menschenaffen echte Waldtiere sind, und neue Beobachtungen am Gorilla haben ergeben, daß at dieser unser vermeintlicher Vetter seinem ganzen Bau und seiner igen Veranlagung nach ein echter Viersüßler ist. Nicht einmal die Waldmenschen der Gegenwart, die Neger und wie sie sonst heißen mögen, find den „Menschenaffen" noch vergleichbar, denn sie haben neben sonstigen sehr beträchtlichen Unterschieden durchweg ein Gehirngewicht von erheblich über 1000 Gramm, die höchsten Menschenasfen erreichen im besten Falle aber nur 500 Gramm. Zwar lehrt uns die Cntwicklungs- ge chichte daß eine Aufwärtsbewegung möglich und in viele, vollen eingetreten ist. Hier find aber die Unwahrscheinlichkeiten zu groß. Es ist zu beachten, daß im gemäßigten und kalten Klima Menschenaffen nie beobachtet worden sind, auch nicht in der fernen Vorzeit. Alle Affen, und ganz besonders die Menschenaffen, sind Angehörige tropischer ober subtropischer Waldgebiete, die in unserem Klima immer sehr hinfällig bleiben, wie die Erfahrungen in den Zoologischen Gärten lehren. Schon daraus, sagt Osborn, geht hervor, daß die „Affenmensch -Theorie falsch fein muß. Die Vorfahren der modernen Menschenrassen, die der Welt die Kulturvölker geschenkt haben, müssen Kinder der freien Steppe in gemäßigtem Klima gewesen sein: sie besaßen sicherlich eine große Wanderlust hatten alle „menschlichen" Anlagen im Keime in sich und waren in verschiedenen Handfertigkeiten, besonders der Anfertigung von Gerätschaften wohl bewandert. Bis zu diesem Stadium ist aber kein Men- chenaffe gelangt. Wohl haben sich die Menschenaffen manche körperliche Eigentümlichkeit bewahrt, die dem Menschen ähnlich ist, doch tue Entstehung dieser gemeinsamen Merkmale liegt so weit Zurück, daß von einer 'Gemeinsamkeit kaum noch gesprochen werden kann. In der geologischen Periode, die als Pliozän bezeichnet wird — man rechnet sie um etwa zwei Millionen Jahre rückwärts von der Gegenwart — scheinen sich die beiden Stämme endgültig getrennt zu haben, vielleicht sogar noch früher. Das ist eine kaum ausbeutbare Zeit. Ja, gegen Ende des Pliozäns bat sich offenbar noch eine weitere Trennung innerhalb des Menschengeschlechtes vollzogen. An verschiedenen Stellen Mittel- und Sudeuropas, aber auch Asiens und auf Java hat man aus dieser Zeit und spater Reste von sehr primitiven Menschen gefunden, die zum Teil dis in die Eiszeit reichen. Berühmt geworden ist der Neandertalmertzch aus der Düsseldorfer Gegend, der Mensch von Ehringsdorf bei Weimar, von Heidelberg und von Krapina in Kroatien, um nur die nächstliegenden Funde zu nennen — vieil zahlreicher sind ia noch indirekte Beweise durch den Fund von Feuersteingerätschaften bis zur Eiszeit. Alle diese Menschenrassen, mich die von Java, hält Osborn für eine gemeinsame Neandertalgruppe, die mit den modernen Menschenraßen ebenfalls nicht viel zu tun haben, obwohl sie ihnen näher stehen als den Menschenaffen. Ihre Schädelkapazität beträgt durchweg über 1000 Kubikzentimeter, sie müssen bereits über erhebliche geistige Fähigkeiten versagt hab en. ilber diese vorsintflutlichen Menschen lebten in einer ganz anderen Umgebung als die modernen Kulturrassen: sie waren Kinder des heißen Klimas, Zeitgenossen von Elefanten, Nilpferden und Nashorn, durchweg tropischen Formen. Sie hatten, wie die Waldbewohner Afrikas und Südamerikas immer reiche Nahrungsgründe, sie bedurften keiner „Kultur , das Leben bot ihnen keinen ernsten Daseinskampf. Deshalb ist bei diesen Rassen auch keine Aufwärtsentwicklung gewesen, sie sind mit, der Veränderung der Lebensbedingungen aus Europa verschwunden. Sie haben keme Baute hinterlassen wie die nach ihnen eindringenden Vorfahren der modernen Menschenrassen, und zweifellos standen sie kulturell noch erheblich hinter den nachträglich in die tropischen Waldgebiete eingedrungenen modernen Menschenformen zurück. Immerhin war d,e Verbreitung dieser Neandertalmenschen groß: Angehörige der Gruppe wurden nicht nur an verschiedenen Stellen Europas und Nordafrikas entdeckt sondern auch m China (Mongolei) und in Südafrika, aber immer in Gemeinschaft mit jener Tierwelt, die heute nur noch in den Tropen vorkommt. Die Vorläufer der modernen Rassen müssen in einem nördlicheren Gebiete gesucht werden, wo sie sich an das rauhere Winterklima, nötigenfalls mit Hilfe von Tierfellkleidung, angepaßt haben. Es ist immerhin auffällig, daß diese ganze Gruppe, fast immer hellfarbig ist und nur bort, wo sie sich ganz dem tropischen Waldleben anpaßte, eine buntlere Haul- färbung annahm. Die unbekannte Heimat der modernen Menschenrassen läßt sich nur in den weiten Steppengebieten des eurasischen Kontinents suchen wo härtere Lebensbedingungen einen Kultursortschritt erzwangen. Dort lernten diese Vorläufer der heutigen Kulturmenschheit sicherlich den Nutzen des Feuers, die Zubereitung der Nahrung und die Vorteile des sozialen Zusammenschlusses in großen Verbanden — durchweg Kenntnisse, die selbst dem primitiven Waldmentchen der Gegenwart nicht fremd sind, die aber kein „Affenmensch" gehabt haben kann Ob noch Reste d- primitiveren Vorläufer des heutigen Menschengeschlechtes der Neandertal- rasse, vorhanden sind, wissen wir kaum. Möglicherweise stehen die, prnm- tivsten Stämme des indomalaiischen Gebietes mit ihnen in Verbindung, und lange mag sich die auf Java gefundene Neandertalsorm erhalten haben. Sie lebten aber in einem Gebiete, das den allen Lebensbc- bingungen des Neandertalmenschen bis heute noch gleicht und kein n Anreiz zu irgendwelcher höheren Entwicklung bot Durch das Vordringen der Vorläufer der modernen Menschen sind diese alten Formen, soweit s> sich nicht von selbst zurückzogen, nusgerottet worden, wie sich noch m o« iwuesten Zeit die Eingeborenen Amerikas und Australiens vor der weihe" Rasse zurückziehen mußten. Jedenfalls müssen die Vorläufer der modern Menschenrassen, die sich irgendwo in den nördlichen eurasischen Ebcm entwickelten, bereits die Anlagen für alle wirtschaftlichen.Entdeckungen und Ersindungen besessen haben. Mit dem Ende der Eiszeit machen M in Europa ja die grundlegenden Umwälzungen bemerkbar, die noch yem- unfere Kultur bezeichnen: Haustiere, Nutzpflanzen, alle möglichen Gew - schäften und Wohnbauten treten auf, es konnten Gebiete besiedelt werde' die dem empsindlichen Neandertalmenschen verschlossen blieben, denn kannte kaum eine Vorratswirtschaft. Die Vorläufer der modernen Ra l ' der „Niedermensch", wie Osborn sagt, muß sich noch irgendwo an ajiaii scheu Hochplateau entdecken lassen, sobald dort eingehendere UntersuW gen vorgenommen werden. Bis jetzt ist ]a erst Stückwerk geleift , , ober zu der Entdeckung des vorzeitlichen Talgaimenschen m der Mong , geführt hat. Die „Affenmensch"-Theorie kann als ernstlich er [mutt . gelten, es läßt sich jetzt ebensogut der Affe vom Menschen abletten to® die Uebereinstimmungen beider gehen auf so unendlich ferne ZcU 5 i rück, daß man weder von einem eigentlichen Affen- noch von e> t Menschengeschlecht reden kann. ______.