Siebener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (930 Montag, den W.Zebruar Nummer \2 Lied. Von Heinrich Heine. Es war ein alter König, Sein Herz war schwer, sein Haupt war grau; Der arme alte König, Er nahm eine sunge Frau. Es war ein schöner Page, Blond war sein Haupt, leicht war sein Sinn; Er trug die seidne Schleppe Der jungen Königin. Kennst du das alte Liedchen? Es klingt so süß, es klingt so trüb! Sie mußten beide sterben, Sie hatten sich viel zu lieb. Hans Amstein. Erzählung von Hermann Hesse. Schon gut, junge Leute, quälet mich nicht. Ich will euch also etwas aus meinen Studentenjahren erzählen, das von der schönen Salome und meinem lieben Hans Amstein. Nur müsset ihr stillhalten und dürset nicht glauben, es handle sich um so eine fidele Studentenliebelei. Zu lachen ist nichts dabei. Und gebt mir noch ein Glas Wein her! Nein, vom Weihen. Fenster zumachen? Nein, Verehrtester, laß es nur donnern, es paßt mir in die Geschichte. Wetterleuchten, Donner und schwüle Nacht, das ist die Stimmung. Ihr modernen Herren sollet sehen, daß wir seinerzeit auch unser Stück erlebt haben, dick und dünn, wie es kam, und nicht zu wenig. Habt ihr auch zu trinken? Ich bin schon früh ohne Eltern gewesen und habe fast alte meine Ferien beim Onkel Otto droben verbummelt, in seinem steinigen Schwarz- waldnest, zwischen Obstessen, Räubergeschichten und Forellenangeln, denn in alledem teilte ich als dankbarer Neffe meines Onkels Geschmack vollkommen. Ich kam im Sommer, im Herbst und an Weihnachten, mit schmalem Ranzen und leerem Sack, fraß mich da droben feist und rot, verliebte mich jedesmal ein wenig in die treue Cousine und vergaß es auf der Schule wieder, denn es faß nicht so tief. Ich rauchte mit dem Onkel um di« Wette seine giftigen Italiener, ging mit ihm angeln, las ihm aus feiner höchst kriminellen Bibliothek vor und begleitete ihn womöglich abends zum Bier. Das alles war nicht schlecht und kam mir löblich und männlich vor, wenn auch die blonde Cousine zuweilen bittende oder vorwurfsvolle Augen machte; sie war eben eine sanfte Natur und hatte keinen Sinn fürs Martialische. In den letzten Somnrerferien vor der Studentenzeit war ich wieder beim Onkel, großmäulig, hoffärtig und ins Kraut geschossen, wie Abiturienten sein müssen. Da kam eines Tages ein neuer Oberförster aufgezogen. Es war ein guter, stiller Mensch, „unjung und nicht mehr ganz gesund", der da seinen Altersposten gefunden hatte. Man sah im Augenblick, er würde wenig von sich reden machen. Er brachte einen schönen Hausrat mit, denn er war reich, ferner wundervolle Hunde, ein langschwänziges, zartes Pferdchen samt einem zierlichen Gefährt, beide für die Gegend viel zu leicht, schönes Schießgewehr und neumodische englische Angelausrüstung, alles sehr nett und sauber und wohlhabend. Das alles wäre ja auch schön und erfreulich gewesen. Aber was außerdem noch mitkam, war eine Adoptivtochter namens Salome, die freilich alles andere in Schatten stellte. Weiß Gott, wie das wilde Kind gerade zu dem ernsten, ruhigen Mann gekommen ist! Sie war eine ganz exotisch Pflanze, von einem entfernten Vetter irgendwo aus Brasilien oder Feuerland her, schön und sonderbar anzusehen und von absonderlichen Manieren. Ihr wollt natürlich wissen, wie sie aussah. Das ist nicht so einfach — sie sah eben vor allem auffallend und exotisch aus. Ziemlich groß, nahe an zwanzig, tadellos gewachsen, so daß vom Nacken bis auf di« Fuß« alles gesund und erfreulich erschien, namentlich Hals, Schultern, Arme und Hände waren kräftig, gedrungen und dabei beweglich und nobel. Das Haar üppig, dick, lang, von einem dunklen Blond, um die Stirn herum ein wenig lockig, hinten in ein großes Bündel geknüpft und mit einem Pfeil durchstochen. Vom Gesicht will ich nicht zu viel sagen, es war vielleicht zu voll und der Mund vielleicht ein wenig groß, aber man blieb immer an den Augen hängen. Sie waren übergroß und goldbraun und standen ein wenig vor. Wenn sie, wie gewöhnlich, vor sich hinstarrte und lächelte und die Augen groß machte, war es wie ein Bild. Aber wenn sie einen ansah, rvar man verwirrt. Sie schaute so unbekümmert'drauf los, bald musternd, bald gleichgültig, ohne irgendeine Spur von ©enteren ober Mädchenhaftigkeit. Nicht gerade frech, vielmehr wie ein schönes Sier; unverstellt und ohne alle Geheimnisse. Und so führte sie sich auch auf. Was ihr gefiel oder nicht gefiel, verhehlte sie nicht; wenn ein Gespräch ihr langweilig war, schwieg sie hartnäckig still und blickte beiseite oder sah einen so ennuyiert an, daß man sich schämte. Die Folgen sind klar. Die Frauenzimmer fanden sie unmöglich, die Männer "waren für sie entflammt. Daß ich mich eiligst in sie verliebte, versteht sich eo ipso. Cs verliebten sich in sie aber auch die Forstgehllfen, der Apotheker, die jüngeren Schullehrer, der Vizeamtmann, die Söhm der reichen Holzhändler, des Fabrikanten und des Doktors. Da die schöne Salome sich mit aller Freiheit bewegte, allein spazieren ging, eine Menge Besuche machte und in ihrem zierlichen Wägelein rings im Lande herumkutschierte, war die Annäherung nicht schwer, und sie sammelte in kurzer Zeit eine schöne Zahl von Liebesgeständnissen ein. * Einmal kam sie zu uns. Onkel und Cousine waren nicht da, und sie setzte sich zu mir auf die Gartenbank. Die Dirlitzen waren schon rot, das Beerenzeug stand reif, und Salome griff behaglich hinter sich in dis Stachelbeeren. Nebenher nahm sie am Gespräche teil, und wir waren bald so weit, daß ich mit feuerrotem Gesicht ihr erklärte, ich sei rasend in sie verliebt. Oh, das ist nett, war die Antwort. Sie gefallen mir ganz gut. Kennen Sie den älteren Griebel? Den Karl? O ja, gut. Das ist auch ein reizender junger Mann, er hat so schöne Augen. Er ist auch in mich verliebt. Hat er es Ihnen selber gesagt? Gewiß, vorgestern. Es war drollig. Sie lacht« laut und legte dabei den Kopf zurück, so daß ich auf ihrem weißen, runden Hals die Adern sich bewegen sah. Ich hatte nun gern ihre Hand genommen, wagte es aber nicht, sondern streckte ihr nur die meine fragend entgegen. Da legte sie mir ein paar Stachelbeeren in die offene Hand, sagte Adieu und ging davon. Ich sah nun allmählich, wie sie mit allen den Anbetern ihr Spiel hatte und sich über uns amüsierte, und ertrug von da an meine Verliebtheit wie ein Fieber ober eine Seekrankheit, die ich mit vielen andern teilte und von der ich hoffte, sie würde einmal aufhören und mir nicht das Leben kosten. Immerhin hatte ich bös« Nächte und Tage... Ist noch Wein da? Danke. — Also so standen die Sachen, und zwar nicht nur in jenem Sommer, sondern mehr als ein Jahr lang. Hier und da fiel etwa einer der Liebhaber verdrossen ab und suchte andere Gehege auf, hier und da kam ein neuer dazu, aber Salome blieb unverändert, bald fidel, bald still, bald höhnisch, und schien sich dabei herzlich wohl und belustigt zu fühlen. Und ich gewöhnte mich daran, jedesmal in den Ferien einen Rückfall in die heftigste Verliebtheit wie ein der Gegend eigentümliches Fieber zu bekommen und aushalten zu müssen. Ein Leidensgenosse teilte mir im Vertrauen mit, wir feien Esel gewesen, ihr Erklärungen zu machen, da sie unverhohlen des öfteren den Wunsch geäußert habe, alle Männer in sich verliebt zu wissen, und darum den wenigen Standhaften mit äußerstem Entgegenkommen um den Bart gehe. Unterdessen war ich in Tübingen in die Burschenschaft eingetreten und bracht« mit Trinken, Schlagen und Bummeln zwei munter« Semester hin. In dieser Zeit war Hans Amstein mein Intimus geworden. Wir waren gleich alt, beide begeisterte Burschenschafter und weniger begeistert« Medizinstudenten, wir trieben beide viel Musik und wurden einander allmählich unentbehrlich, trotz mancher Reiberei. Schon an Weihnachten war Hans mit mir des Onkels Gast gewesen, denn auch er hatte längst kein« Eltern mehr. Sehr wider Erwarten blieb er aber nicht an der schönen Salome, sondern an meiner blonden Cousine hängen. Auch hatte er schon das Zeug, sich angenehm zu madjen. Er war ein feiner und hübscher Mann, machte gute Musik und war nicht aufs Maul gefallen. So sah ich mit Wohlbehagen zu, wie er sich um das Väschen bemühte, und wie sie gern nachgab und sich anschickte, den drolligen Kampf mit ihrer bisherigen Sprödigkeit mehr und mehr zum Scheingefecht werden zu lassen. Ich selber lief nach wie vor auf allen Wegen, wo mir etwa die Salome begegnen konnte. An Ostern kamen mir wieder, und während ich den Onkel beim Angeln feftfjlelt, macht« mein Freund rasche Fortschritt« bei der Cousine. Diesmal war Salome ziemlich häufig bei uns, versuchte mit Erfolg, mich toll zu machen, und sah dem Spiel zwischen Hans und Berta aufmerksam und mit scheinbarem Wohlwollen zu. Wir machten Waldspaziergänge, fischten, suchten Anemonen, und während die Salome mir den Kops vollends verdrehte, ließ sie die anderen beiden nicht aus den Augen, mustert« sie überlegen und spöttisch und gab mir unehrerbietige Bemer- kunaen über Liebe und Brautglück zum besten. Einmal erwischte ich ihre Hand und küßte sie eilig, da spielte sie die Empörte und wollte Revanche Ich nickte, da floß auch schon Blut in meine Hand, und sie ließ mich mit Gelächter los. Es tat scheußlich weh, und man sah es noch lange. Als wir wieder in Tübingen sahen, teilte Hans mir mit, er sei mit Berta einig und hoffe, sich im Sommer zu verloben. Ich besorgte in diesem Semester ein paar Briefe hin und her, und im August sahen nur beide wieder an des Onkels Tisch. Mit dem Onkel hatte Hans noch nicht ge prochen, doch schien dieser die Sache schon gerochen zu haben, und es war nicht zu fürchten, daß er Schwierigkeiten machen würde. Da kam eines Tages die Salome wieder zu uns, ließ ihre scharfen Blicke herumgehen und kam auf den verdammten Einfall, der sanften Berta einen Possen zu spielen. Wie sie dem harmlosen Arnstein flattierte, ihn in ihre Nähe nötigte und mit Gewalt verliebt zu machen suchte, war einfach nimmer schön. Er ging gutmütig darauf ein, und es wäre ein Wunder gewesen, wenn ihn diese Blicke und dies Anschmiegen und Sich- hergeben nicht heiß gemacht hätte. Doch blieb er fest und hatte schon den Sonntag bestimmt, an dem er den Onkel überrumpeln und Verlobung feiern wollte. Das blonde Cousinchen strahlte schon so bräutlich und verschämt wie möglich. r. , Wir Freunde schliefen in zwei benachbarten Stübchen im Erdgeschoß mit einem niederen Fenster, durch das man morgens mit einem kleinen Beethoven, der Meister. Von Romain Rolland*. In jedem echten Künstler gibt es ein Traumleben, das auf dem unter» irdischen Strom in dunkeln Spiegelflächen dahingleitet, immer wieder ab» reihend und zerfließend. Bei Beethoven aber steigert es sich zu unvergleichlicher Wucht. Und das längst, ehe die Pforten des Gehörs sich chließen und er von der übrigen Welt abgeschnitten ist. Ich erinnere nur an das prachtvolle Largo emesto in O-Moll aus der Sonate op. 10, Nr. 3, wo der sinnende Geist die grenzenlose Ebene des Lebens mit ihren Wolkenschatten tief unter sich liegen sieht. Das hat ein junger Mensch vor echsundzwanzig Jahren geschrieben (1796)1 Und doch enthält es schon )en ganzen Beethoven. Eine erstaunliche Reife der Seele! Wohl war er nicht wie Mozart von vornherein in allen Künsten des Wohlklangs Pleister; aber dafür war er es in der inneren Weitz ein frühreifer Kenner und Beherrscher seiner selbst und all seiner Glut und seiner Träume. Die harte Kindheit, die bitteren Erfahrungen seiner ersten Jahre haben ihn zeitig nach dieser Richtung entwickelt. Ich sehe Beethoven als kleinen Jungen vor mir, wie ihn der Nachbar Bäckermeister in Bonn beobachtet hat, am Bodenfenster, das auf den Rhein hinausgeht, den Kopf auf beiden Händen, ganz versunken in „schönen tiefen Gedanken". Wer weih, ob an solchen Tagen nicht die melodische Traurigkeit des Adagios aus der ersten Klaviersonate in ihm gesummt hat. Schon als er Kind war, durchzogen ihn die Wolken. Er erzählt davon in dem ergreifenden Brief an den Rat von Schaden vom 15. September 1787, dem ersten, der uns erhalten ist: „... dazu kommt noch Melancholie, welche für mich ein fast ebenso großes liebel als meine Krankheit selbst ist ..." Doch er hat schon frühzeitig die Kraft gehabt, den trüben Geist von sich zu weisen und in Töne zu bannen. Ob er nun der Schwermut nachhängt oder seine Stimmungen besiegt, immer ist er allein. Von Kindheit an treibt ihn ein wunderlicher (Eigen» inn, sich abzusondern, auf der Straße, im Salon, wo er gerade ist. Wenn Frau von Breuning ihn so weltvergessen in unbekannten Fernen weilen sieht, sagt sie wohl, er habe „wieder seinen Raptus". Spater ist es oft, als versänke auf Stunden, ja auf ganze Tage sein Geist in einen Abgrund, wohin ihm menschliche Blicke nicht folgen können. Daß niemand sich unterstehe, ihn dann anzurufen! Es könnte ihm chlimm bekommen. Dem, der ihn weckt, verzeiht der Schlafwandelnde nicht leicht. Die Musik bildet in ihren Erwählten die Kraft aus, ihr ganzes Wesen auf einen Gedanken zu richten, eine Art Yoga, aber völlig europäisch, das als untrügliches Kennzeichen abendländischen Geistes Züge von Kraft und Herrschaft trägt. Jedes Musikstück ist so, wie es an uns vorüberfließt, ein Bauwerk und will in allen feinen Teilen zugleich geplant sein. Die Musik fordert von ihrem Schöpfer schwindelnde Bewegung in der Ruhe, angespannten Willen und einen sonnenhellen Blick: so schwebt der Geist regungslos ausgebreitet über alle Traum- niebrungen hin. Aber keiner der großen Meister hält wohl den musikalischen Gedanken mit so übermenschlicher Heftigkeit und Ausdauer gepackt, wie Beethoven. Hat er ihn einmal erfaßt, so läßt er ihn nicht wieder los, bis er ihn überwältigt hat, und nichts bringt ihn von der Verfolgung ab. Nicht umsonst ist das Merkmal seines Klavierspiels das „ßigato"; dadurch unterscheidet es sich von dem „feinen, aber zer- hackten Spiel" Mozarts und von der ganzen pianistischen Marner seiner Zeit. In seinem Denken ist alles miteinander verbunden, obwohl die Gedanken oft wie Sturzbäche hervorzubrechen scheinen. Er meistert sie, wie er sich selber meistert. Man sollte denken, bei seiner leiden» schaftlichen Natur müsse sein Inneres vor aller Welt bloßliegen. In Wirklichkeit aber bringt kein Auge tief genug, um zu lesen, was ihm burch ben Sinn zieht. Dem Kapellmeister Seysrieb, ber zeitweilig mit ihm zusammenwohnte unb ihn zu Hause unb im Salon aus nächster Nähe beobachtet hat, fällt in ben Jahren um 1800 viel mehr fern äußere Gleichmut auf als etwaige Spuren von Erregung in feinen Zügen: „Ueberhaupt war es schwer, ja rein unmöglich, aus feinen Mienen Zeichen des Beifalls ober bes Mißbehagens zu entziffern (wenn er Musik hörte); er blieb sich immer gleich, scheinbar kalt, unb ebenso verschlossen in seinen Urteilen über Kunstgenüssen; nur der Geist arbeitete raftlos im Innern; die animalische Hülle glich einem seelenlosen Marmor." Das wird manchem unerwartet kommen, der sich unter Beethoven eine Art König Lear im Sturm verstellt. Wer kennt ihn denn wirklich? Wir kennen ja immer nur Mvmentbilder. Mit dreißig Jahren freut sich der Mann des atemraubenden Gleichgewichts, in dem der Geist die einander widerstreitenden Elemente halt. Im Leben läßt er wohl feiner Wildheit freien Sauf; in ber Kunst aber zügelt er bie unbänbigen Gewalten mit eiserner Faust. Daher auch Beethovens Freube am Extemporieren. Da überkommt ihn ber Genius, wo er es nicht vermutet, unb er muß ihm stanbhatten. Die Unterirdischen sind los; sie zu zähmen, ist beglückende Pflicht. Viele unserer großen Meister waren geniale Improvisatoren, besonders im 18. Jahrhundert, da die Kunstformen noch gelenkiger waren als heute unb die Eingebung des Augenblicks in hohem Ansehen stand. Doch ob- wohl Mozart sein Publikum an allerhöchste Leistungen gewöhnt batte, erklären all diese musikalischen Feinschmecker einstimmig, Beethoven habe im freien Phantasieren jeden andern übertroffen, unb auch^ in feiner eigenen Kunst reiche nichts an die unerhörte Gewalt seiner Improvisationen heran. Wir können uns schwer einen Begriff davon machen, obwohl so vorzügliche Klavierspieler wie Ries unb Czerny uns bie unerschöpfliche Fülle ber Jbeen, bie Mannigfaltigkeit ber Behanblung, bie halsbrecherischen Schwierigkeiten, bie ber Meister sich setzt unb bie er löst, die Launen, von denen er sich treiben läßt, den ganzen Wirbelsturm feiner Kraft eindringlich schildern. Auch diese Leute vom Fach, die ihm scharf auf bie Finger sehen, unterliegen seiner Allmacht. Wo er auch spiele, keiner könne ihm wiberstehen, erzählt Czerny. Die Zuhörer seien außer Ranb unb Band. „Neben ber Schönheit unb Originalität ber Jbeen hatte sein Spiel etwas * Aus dem im Jnselverlag erschienenen Werk „Beethovens Meisterjahre" Sprung in den Garten kommen kann. Eines Nachmittags war die schöne Salome wieder stundenlang da; Berta hatte im Haus zu tun, so nahm jene meinen Freund ganz in Anspruch und brachte mich durch die kühne und doch feine Art, wie sie sich ihm hinwarf, fast zum Platzen, so daß ich schließlich ausriß und sie dummerweise mit ihm allein ließ. Als ich am Abend wiederkam, war sie fort, aber mein armer Freund hatte Falten auf der Stirn, machte schlimme Augen und sprach von Kopfweh, als er sah, daß sein verstörtes Wesen auffiel. Ja, Kopfweh, dachte ich und schleppte ihn beiseite. Was ist mit dir? fragte ich ernstlich, ich will's wissen. Nichts, es kommt von der Hitze, kniff er aus. Aber ich verbat mir das Anlügen und fragte direkt, ob ihm die Ober« försterstochter den Kopf verdreht habe. Unsinn, laß mich!, sagte er, machte sich von mir los und sah scheußlich elend aus. Ich kannte das ja ungefähr auch, aber er tat mir erbarm« Kleid; sein Gesicht war verzogen unb zerrissen unb der ganze Mensch jammervoll verhetzt und leidend aus. Ich mußte ihn in Ruhe lassen. Auch mir war über dem Kokettieren wund und weh um Salome geworden und ich hätte mir die leidige Verliebtheit gern mit blutenden Wurzeln aus der Seele gerissen. Meine Achtung für Salome war längst dahin, jede Magd kam mir ehrbarer vor als sie, aber da half nichts, sie hatte mich bei ben Haaren; sie war zu schön unb zu aufreizend, da war kein Loskommen möglich. . Ja, nun bonnert’s draußen wieder. Es war damals em ähnlicher Abend, heiß unb gewitterig, und wir beide saßen allein in der Laube beisammen, redeten fast nichts und tranken Kaiserstühler. Namentlich ich war durstig und mißmutig unb trank von bem kühlen Weißen ©las für Glas. Hans war etenb unb starrte traurig unb bekümmert in ben Wein, bas vertrocknende Laub der Büsche roch stark unb würbe von einem warmen, bösartigen Wind jeweils geschüttelt. Es wurde neun Uhr unb zehn Uhr. kein Gespräch kam auf, mir hocken da unb machten alte, sorgenvolle Gesichter, sahen ben Wein im großen Glaskrug abnehmen unb den Garten dunkel werden, bann gingen wir still auseinander, er zur Haustür, ich durchs Fenster in meine Stube. Dort war es heiß, ich fetzte mich im Hemd auf einen Stuhl, steckte eine Pfeife an, sah aufgeregt unb melancholisch in bie Finsternis hinein. Es hätte Monb- schein geben sollen, aber der Himmel stand voll von Wolken, und in der Ferne hörte man zwei Gewitter miteinander zanken. Es ging so eine schwüle Luft — aber was hilft das schöne Schildern, ich muß nun doch darauf kommen, auf die verdammte Geschichte. Die Pfeife war mir ausgegangen, und ich hatte mich ganz schlaff aufs Bett gelegt, ben Schädel voll von dummen Gedanken. Da gibt’s ein Geräusch am Fenster. Eine Gestalt steht da unb schaut vorsichtig ins Zimmer hinein. Ich weiß selber nicht, warum kch still liegen blieb unb keinen Ton von mir gab. Die Gestalt verschwinbet unb geht brei Schritte weiter, an Hansens Stubenfensterz Sie bewegte ben Fensterflügel, flirrte ein wenig bamit. Dann wieber Stille. Da rief es leise: Hans Arnstein! unb mir lief es bis in die Haare hinauf, als ich die Stimme der Salome erkannte. Ich konnte kein Glied mehr rühren und lauschte scharf unb wilb wie ein Jäger hinüber. Herrgott, Herrgott, was sollte bas werden! Und jetzt wieder die Stimme: Hans Arnstein! Leise, scharf und eindringlich. Mir lief der Schweiß ben hals hinunter. In der Stube meines Freundes gab es ein wenig Geräusch. Er stand auf, kleidete sich flüchtig an unb ging zum Fenster. Cs wurde geflüstert, heftig unb heiß, aber unheimlich leise. Herrgott, Herrgott! Mir tat alles weh, ich wollte aufstehen ober schreien, aber ich blieb ruhig liegen unb war selber barüber verwundert. Der Durst unb der herbe Nachgeschmack von Wein brachten mich beinah um. Und es gab wieder ein kleines Geräusch unb gleich darauf stand Hans Arnstein neben bem Mädchen im Garten. Zuerst jedes für sich, bann traten sie zusammen unb brückten sich still unb schrecklich aneinander, als würben sie mit einem Strick geschnürt. Unb so aneinandergepreßt, daß sie kaum bie Füße bewegen konnten, gingen sie langsam burch ben Garten, an ber Laube unb am Brunnen vorbei unb burch bie Pforte gegen ben Walb. Ich sah sie, mit angestrengten Augen, unb zweimal kam bas Wetterleuchten mir zu Hilfe ... (Schluß folgt.) bü&en Ich werde Sie dafür in den Finger beißen. Geben Sie her! Ich streckte ihr einen Finger hin und spürte ihre großen, glelchmahigen Zähne im Fleisch. Soll ich noch fester beißen? _ . ........ Ich nickte, da floß auch (dj-o: Wunderbares im Ausdruck." Moys Schlosser spricht von „selbständiger, aus dem Innersten strömender Begeisterung". Beethoven ist Prospero, er beschwört die Geister „in den höchsten Höhen und tiessten Tiefen". Die Hörer schluchzen laut, so berichtet Czerny, und Reichardt vergießt heiße Tränen. Nicht ein Auge bleibt trocken. Und wenn er geendet hat und die Tränen fluten sieht, zuckt er die Achseln und lacht dem gerührten Publikum schallend ins Gesicht: „Die Narren! Das sind keine Künstlernaturen. Künstler sind feurig, weinen nicht." Auch von dieser Seite ist Beethoven wohl vielen unbekannt. Ihm traut man nicht zu, daß er Gefühlsäußerungen verachte. Die Eiche ist im Munde der Leute zur Trauerweide geworden. Weinen aber tut nur, wer ihm zuhört. Er weiß die innere Bewegung zu dämmen: „Keine Rührung mehr! Fest und mutig soll der Mensch in allen Dingen sein", sagt er einem Freunde beim Abschied. Er hat sogar einmal Goethe ermahnt, sich zusammenzunehmen. Wenn er von dem inneren Sturm etwas in seine Musik hinüberbrausen läßt, so geschieht es mit Absicht; der Künstler bleibt Herr und läßt sich niemals fortreißen. Ist sonst er der Spielball der dunklen Mächte gewesen, jetzt sind sie dran. Er hält sie umklammert, er sieht ihnen ins Auge und lacht. Alles bisher Gesagte schildert den Beethoven der Jahre um 1800, das Genie im Alter von dreißig Jahren. Gewaltige, zuweilen gewaltsame Züge verraten ein Uebermaß an Kraft — aber eben Kraft, ein unabsehbares inneres Meer, dessen Grenzen er nicht kennt. Dennoch ist die Gefahr groß, in Erfolg und Vermessenheit zu versanden. Haust Gott in ihm oder Luzifer? „Gott" steht hier nicht als poetisches Gleichnis. Wo von Beethoven die Rede ist, muß von Gott die Rede fein. Gott ist ihm die allererste, die allerwirklichste Wirklichkeit. Das kehrt in seinen Gedankengängen immer wieder, mag er mit ihm umgehen wie mit seinesgleichen oder sich vor ihm beugen. Er herrscht ihn an als den Gefährten feines Alltags, er flucht ihm als seinem Tyrannen, er spürt ihn als ein Stück Selbst und als einen rauhen Freund, als den Vater mit der Zuchtrute, qui bene castigat — Johann van Beethovens Sohn hatte in feiner Jugend genugsam erfahren, was das heißt. Doch einerlei, in welcher Gestalt, der Widerpart läßt nicht von ihm ab, Tag und Nacht: er ist sein Hausgenosse, er wohnt mit ihm in einer Stube, er folgt ihm auf Schritt und Tritt. Die andern Freunde kommen und gehen, er ist immer da. Dafür wird ihm auch hart zugesetzt mit Klagen, Vorwürfen und Fragen. Beethovens Selbstgespräch ist immer Zwiegespräch. Ueberall, schon in den Frühwerken, finden sich solche Dialoge des gespalteten Ich, der Seelenzwillinge, die zueinander gehören und sich doch ewig bekriegen, hadernd, rechtend, eins dem andern verbunden in Haß und Liebe. Wir hören beide, aber die eine Stimme ist die Stimme des Herrn. Daran ist nicht zu deuteln. Die Werke um die Jahrhundertwende sind die Kampfansage an ihn, der sich nicht ableugnen lassen will. Immer von neuem beginnt das Ringen, immer von neuem wird der Seele das Flammensiegel eingepreßt. Wann schlägt die Lohe gen Himmel? Die Zeit vergeht. Doch Flamme und Scheiterhaufen sind bereit und harren des Sturms. Und er kommt. Oer Mann in der Pastete. Von Leo Matthias. Er bereitete seinen Eltern gleich im ersten Augenblick dadurch große Sorge, daß die gesamte Aussteuer, die seine gute Mutter, Madame Ferry, für lhn gekauft hatte, mit keinem Stück paßte. So häufig man Nicolas Ferry auch maß, es ergab sich immer wieder, daß er nur knapp vierzehn Zentimeter lang war, und obgleich dies vollkommen unwahrscheinlich klingt, so ist es doch glücklicherweise durch einen Arzt bezeugt. Nicolas Ferry war von solcher Winzigkeit, daß er sogar die Hebamme, die eine züchtige Frau war, in Verlegenheit bringen konnte; denn wie sollte man den Neugeborenen seinen Verwandten zeigen, wenn er in jedem Hemd versank? Es blieb nichts anderes übrig, als ihn in ein Puppenhemd zu kleiden, und erst als dies geschehen war, präsentierte man ihn den Besuchern. Die Hebamme tat dies in der Weise, daß sie Nicolas in die linke geöffnete Hand legte, und da sie befürchten mußte, das Kind zu zerdrücken, wenn sie es mit den Fingern festhielt, so legte sie ihre Rechte wie eine Decke darüber. Die Aufregung über das Wunder, das Mme. Ferry zur Welt gebracht hatte, erregte sämtliche Gemüter der lothringischen Stadt NovSant. Man diskutierte vor allem darüber, auf welche Weife der kleine Nicolas wohl zur Taufe gebracht werden würde; denn in einem Steckkissen konnte das unmöglich geschehen. Sämtliche Steckkissen waren für Nicolas Ferry drei- bis viermal zu groß, und man mußte damit rechnen, daß es in Anbetracht feiner Länge mißlingen konnte, ihn sofort wieder zu finden, falls er in einem unbewachten Augenblick zu tief in die Kissen rutschen sollte. Ein erbärmlicher Tod wäre bann unabwendbar gewesen. Mme. Ferry bangte um bas Leben ihres Sohnes. Aber da er um bes Heils seiner Seele willen getauft werden mußte, und sie andererseits nicht genug Geld besaß, um sich ein Taufsteckkissen nach Maß unfertigen zu lassen, so kaufte sie einen der großen Holzpantinen, die die französischen Bauern tragen, einen „sabot", und bettete Nicolas dahinein. Ich weiß wiederum, daß bas sehr unwahrscheinlich klingt, aber glücklicherweise ist ber sabot aufbewahrt worden und noch heute im Museum von Metz — bas ganz in ber Nähe von Noveant liegt — zu sehen. Es ist baher aus diesen und anderen Gründen nicht möglich, an den Tatsachen zu zweifeln, zumal im weiteren Verfolg dieses kleinen Lebens ein König hinzukommt, ein richtiger König, mit Namen Stanislaus von Polen (der damals auch Herr von Lothringen war), und in dessen Briefen wird Nicolas häufig erwähnt. Stanislaus ist aber bis zu seinem Tckde vollkommen bei Sinnen gewesen. Der große König hörte von ihm, als Nicolas sechs Jahre alt war, und zwar wurde ihm erzählt, daß Nicolas 50,8 Zentimeter messe und nur siebenundeinhalbes Pfund wiege. Es war damals die Zeit ber Aufklärung, und ber große König glaubte es daher nicht. Er wollte sich von diesem Gewicht mit eigenen Händen überzeugen. In ber kleinen Stabt NovSant herrschte große Aufregung, als dieser Wunsch bes Königs bekannt würbe. Aber bie Aufregung am Hof war nicht geringer, und sie erreichte ihren Höhepunkt, als ber Vater des kleinen Nicolas, der sich Charles Perrault nannte, mit einem Korb am Arm im Audienzzimmer erschien. „Wo hast du deinen Jungen gelassen?" fragte der große König. Statt jeder Antwort lüftete Charles Perrault den Deckel, mit dem ber Korb verschlossen war. Unb alle Augen in bem Aubienzzimmer sahen nun, baß bann ein winziges Wesen lag. Der große König war so entzückt, bah er Charles Perrault sofort vorschlug, Nicolas zu verkaufen, unb ba sein Vater keine Bebenken hatte, fein Produkt denen zu überlassen, die Zeit haben, sich mit Gottes Wunder zu beschäftigen, so kam Nicolas auf diese Weise nach Luneville. Es ist überliefert, daß er ein hübsches Gesicht hatte, und daß feine Glieder sogar in einem richtigen Verhältnis zueinander standen. Der König machte jeden Besucher, dem er Nicolas zeigte, daraus aufmerksam, denn Stanislaus verstand sich auf Proportionen; unb ba Nicolas also alles mitmachte, was einen Höfling ziert, so mürbe im Geheimen Rat beschlossen, aus ihm einen großen Mann zu machen. Aber bas hatte gewisse Schwierigkeiten. Man wollte sie sich zwar anfangs nicht eingestehen, unb versuchte bie Tatsachen zu vertuschen. Aber es blieb schließlich boch nicht zu leugnen, baß Nicolas neben ben körperlichen Vorzügen bie geistigen fehlten. Seine Ausbruckssähigkeit beschränkte sich auf bie kräftige Stimme eines neugeborenen Kinbes, unb wenn er Worte zusammenbrachte, so begannen sie alle mit b... Es blieb nichts anderes übrig, als sämtliche ehrgeizigen Pläne für seine Zukunft zu streichen. Man nannte ihn von nun ab nur noch B6b6. Bebe hatte es in Luneville ganz gut. Stanislaus verwöhnte ihn und beschäftigte.sich sogar so sehr mit ihm, bah er eines Tages auf ben Einfall kam, ihn im Tanzen unterrichten zu lassen. Er ging babei von ber Voraussetzung aus, bah für biefe Kunst am wenigsten Gehirn benötigt werbe, unb ber Erfolg rechtfertigte auch bie Annahme. Bebe tanzte hervvr- ragenb, unb er verbankt vor allem biefer Kunst seine Unsterblichkeit. Er erlangte sie auf bem Umweg, baß er eines Tages als Tänzer in eine Pastete eingebacken würbe. Es spielt sich alles so ab, wie es gebucht war. Als eines Abends ber ganze Hof bei einer Krebssuppe saß unb auf bie Pastete wartete, erschien sie plötzlich nicht nur in einer ungewöhnlich großen Form, fonbern es hob sich auch, als sie schließlich in ber Mitte bes Tisches ftanb, der Deckel, unb auf einer kleinen Leiter kletterte Bebe aus bem Hohlen Jnnen- raum über ben Teigranb. Man war von diesem Bild so entzückt, baß man applaubierte. Bede trug Ne Uniform ber Garbe bu Korps unb feine wohlproportionierten ©lieber tarnen in angenehmer Weife zur Geltung. Aber Stanislaus wäre kein großer König gewesen, wenn er es bei biefen Einfällen hätte bewenden lassen. Und in ber Tat hatte ber Witz auch erst begonnen. Das Eigentliche kam erst. Denn nachbem Bebe auf bas Tischtuch geklettert roa'r, zeigte er bork seine tänzerischen Talente, unb als man sich baran nach vielen Dakapos satt gesehen hatte, hörte er schließlich auf, sich als Tänzer zu probuzieren unb war von nun ab nur noch Offizier. Als solcher spazierte er in strammer Haltung an bem nördlichen Rand der Suppenteller vorbei bis zum äußersten Tischende, dorthin wo der König sah, präsentierte vor ihm unb spazierte auf ber anberen Seite, wieder an bem Ranb der Suppenteller vorbei, zur Pastete zurück. Hier hatte er Halt zu machen, unb tat bas auch. Bevor er jeboch in biefer Stellung verblieb, kletterte er noch einmal in bie Pastete hinein unb holte eine kleine Kanone heraus. Es war nämlich ber Gebaute bes großen Königs gewesen, ber Pastete ben Rang einer Festung zu geben unb BöbS sollte die Aufgabe haben, seine Festung zu verteidigen. Zu biesem Zweck legte man neben bie Kanone einen Hausen Bonbons unb sämtliche Gäste erhielten auch einen solchen, mit der Aufgabe, Bebe nun zu bombarbieren. Es war ein Geschieße, bas kein Enbe nehmen wollte, unb viele konnten vor Lachen nicht bas Ziel sehen. Auch fielen ihnen bie Bonbons bei ben Verkrümmungen häufig auf die Erde. Selbstverständlich gelang es Bebä nicht, seine Festung zu halten. Die Geschosse häuften sich schließlich zu einer solchen Hohe, daß ihn ber Truchseß mit eigener Hanb aus bem Berg herausziehen mußte, weil sonst bie Gefahr beftanb, baß BLbe zwischen den Bonbons umkam. Man erfuhr von diesem Abend in Madrid, Potsdam und Paris. Man erfuhr davon sogar in Petersburg. Unb ba Katharina bie Große zwei Dinge liebte: bie Schnelligkeit unb originelle Männer, Jo schickte sie sofort einen Gesanbten mit geheimen Auftrag nach Lunöville. Der Auftrag aber beftanb barin, BöbL zu entführen. Man verbrachte einige Tage barauf in Luneville bange Stunden. Beb6 war fort. Man kehrte bas Unterste zu Oberst, suchte ihn unter ben Betten, bei ben Hunben unb in jebem Wasserloch, unb ließ sogar keine Schublade unausgezogen, weil ja immerhin die Möglichkeit bestand, daß er hineingeklettert war und nicht allein wieder herauskommen konnte. Aber BebS blieb verschwunden. Erst als ein Höfling bie plötzliche Abreise bes russischen Gesandten mit bem Verschwinben V6b6s in Verbindung brachte, fanb man die Spur und jagte mit Relaispferden dem Spitzbuben nach. Noch am gleichen Tage wurde der Russe eingeholt. Man fand B6b6 in seiner Manteltasche unb brachte ihn im Triumph nach Luneville zurück. Stanislaus, ängstlich geworden, gab seinem Lieblingszwerg von nun ab eine Wache und sperrte ihn in einen Flügel bes Palais, ben er nicht verlassen bürste. Um ihm seine Gefangenschaft zu erleichtern, beschloß man, BSbL Gesellschaft zu geben. Bebe war damals 21 Jahre alt. Man suchte daher in ganz Lothringen nach einer geeigneten Frau. Sie fand sich unb nannte sich Therese Souvray. Obgleich nicht von gleicher Seltenheit wie Böb6, war sie doch immerhin nur um fünf Zoll größer. ' BLbS freute sich auf dle Hochzeit. Auch der große König war zufrieden. Er hielt seinen Ratschluß für weise. Als der Hochzeitstag kam, war es Stanislaus, der die Braut zum Diner führte. Es gab vierundzwanzig Gänge uno darunter war auch eine riesige Pastete. Der Schatzmeister des großen Königs hat dieses Fest lange nicht vergessen können. Beb« allerdings konnte sich daran nur wenige Tage erinnern. Er starb am fünfzehnten Tag seiner Ehe. Seine Gattin überlebte ihn lange und bezeugte bis in ihr Greisenalter eine ungewöhnliche Frische. Sie war in Paris, im Jahre 1819, noch als dreiundfechzigsährige Frau auf dem Theater des M. Comte zu sehen. Eine Stadt, ein Fluß, drei Denkmäler und ein Museum. Von Hans Siemsen. Wie diese Stadt heißt, das weiß ich. Das steht ja immer auf dem Bahnhof angeschrieben. Es ist Bayonne. Boyonne in der Süd-Weft-Ecke von Frankreich, südlich von Bordeaux, in der Nähe von Biarritz und der spanischen Grenze, am Fuß der Pyrenäen. Aber wie der Fluß heißt, der hier fließt, das weiß ich nicht. Das steht nirgends ongefchrieben und einen Bädeker hab ich nicht. Die Garonne ist es nicht, sie flieht bei Bordeaux ins Meer Und dieser Fluß fließt hier bei Bayonne ins Meer. Es ist ein großer Fluß, so groß und tief, daß Ozeandampfer, die vom großen Meere kommen, auf ihm bis mitten in die Stadt hineinfahren können. Da liegen sie am Ufer und sind manchmal größer als die Häuser, die auf der anderen Seite der Straße liegen. Bayonne ist also ein Hafen, obwohl es, wie übrigens di« meisten Häfen, nicht direkt am Meere liegt. Ich bin den großen Fluß entlang gegangen. Das Meer kann nicht weit fein, denn Ebbe und Flut kommen den Fluß herauf bis in die Stadt. Aber das Meer ist doch weiter, als ich dachte. Zuerst ist da rechts und links die Stadt, aber nicht lange, dann sind da ein paar Borstadthäuser, ein Villenviertel, dann sind da Fabriken, Werften, Lagerschuppen, dann kommt ein Schiffer- oder Fischerdorf, noch ein Dorf, wieder Fabriken und Schuppen — und überall ankern große und kleine Schiffe, Dampfer und Segelschiff«. Dann kommt ein Hügelzug, da kann der Fluß nicht rüber, er macht einen großen gewaltigen Bogen, beinah als wollte er umkehren, zurückfließen nach Hause in die Pyrenäen. Dann kommt gar nichts mehr — und dann kommt das Meer. Das ist nicht di« Ostsee und nicht unsere böse, kleine Nordsee, das ist der richtige, große Ozean, der Atlantik. Von weit her — auf der „anderen Seite" liegt Amerika, da ist nichts mehr dazwischen — von weit her rollt er seine Fluten heran. Der Fluß hat es schwer. Wie jeder Fluß, der ins Meer will, hat er es schwer. Wind und Brandung und die Flut treiben ihn zurück. Aber er ist beständig, er hat Zeit, er kann nichts anderes als abwärts fließen, immer abwärts, abwärts, dem Meere zu. Das Meer kann nichts daran ändern, es wirft feine Flut dem Fluß entgegen, der muß stoppen, kann nicht weiter, muß zurück — aber dann kommt die Ebbe, das Meer holt Atem, zieht sich zurück, — und nun kommt der Fluß, langsam und ruhig wirft er fein Wasser unaufhaltsam in die Brandung, weit über die Brandung hinaus, weit ins Meer. Er kann nur eines: abwärts fließen, abwärts, abwärtsl Zweimal am Tage besiegt ihn das Meer und treibt ihn zurück, treibt feine Wasser zurück. Zweimal am Tage besiegt er das Meer und wirst fein« Wasser weit in den Ozean. Das 'Meer ist böse und brüllt und tobt. Der Fluß ist ganz ruhig und still und beständig. Ananke sich weiß nicht, wie man das schreibt auf deutsch), Ananke, der Zwang, das Schicksal ist da und hilft ihm, dem kleinen Fluß, der abwärts, ablvärts, abwärts fließen muß — und der Ozean wird jeden Tag besiegt. Aber er brüllt und tobt — es ist «in ungeheures Schauspiel jeden Tag. Dieser Fluß hat Bayonne, bi« Stadt, gemacht. Wenn er nicht wäre, wäre Bayonne nicht. Er hat noch einen Nebenfluß, der mitten in der Stadt zu ihm strömt. Und so besteht Bayonne in der Hauptsache aus zwei Flüssen und den dazugehörigen Brücken und aus dem, ivas die Menschen um diese beiden Flüsse und ihre Brücken herumgebaut haben. Schöne, alte, kleine steinerne Häuser, große, prächtige, neue Gebäude, in denen Banken, Schisssgesellschafien, Handelsfirmen nicht „wohnen", sondern „residieren". Eine große Stadt? Ach nein, es sieht nur so aus, als wäre sie groß. Wenn man zehn Minuten geht, ist man immer schon am andern Ende. Bayonne nmß mal eine Festung gewesen fein, es liegt ja fo nah an der spanischen Grenze. Wo Grenzen sind, sind immer Festungen. Gewaltige Wälle und Bastionen, längst zerfallen und mit Gras bewachsen, Ziegen und Esel gehen da auf die Weide. Das alte Schloß ist mehr eine Burg als ein Schloß. Kleinbürgersaniilieil wohnen darin, romantisch, gemütlich und ungesund, eine finstere, dunkle, sehr alte Ka- tfyebrate hat herrlich«, verstaubte und verdreckte alte Fenster. Läden und Arkaden gibt es mehr als in einer zehnmal so großen Stad in Deutschland, — und ein paar sehr prächtige, bescheiden-prächtige Cafes, mit ihren großen Likör-Orgeln auf dem Büfett »nd den bunten Stühlen auf der Straß«. Alle zwanzig Minuten fährt «ine Elektrische nach Biarritz. Ulmen auf dem Wall, Platanen in der Stadt. Von den Wällen sieht man weit ins schöne, südliche, friedliche Land. Im Süden, weit hinten die Pyrenäen, schneebedeckt. Abends steigen Nebel aus den Wiesen und dem Fluß. ■ Was sonst noch von Bayonne? Drei Denkmäler habe ich gesehen. Das übliche Kriegerdenkmal. Cs ist nicht besser als andere Kriegerdenkmäler auch, aber es ist ein bißchen anders. Links steht ein überlebensgroßer Bauer mit einer überlebensgroßen Kuh. Darunter steht geschrieben: 1914. Rechts steht derselbe überlebensgroße Bauer mit Stahlhelm und Gewehr, als Soldat verkleidet. Darunter steht: 1918. Es ist kein großes Kunstwerk, dieses Denkmal. Aber man kann sich wenigstens was dabei denken. Hinter der Kathedrale steht im Dunkeln ein einfacher Stein. „G. P. Ader, Medizinstudent, 24 Jahre alt, und A. M. Babarthe, Schneidergeselle, 27 Jahre äff, gestorben für dle Freihest, 1830*. Das dritte Denkmal ist ein Kunst-Denkmal. Da sitzt ein alter Herr aus Bronze auf einem Stuhl aus Bronze fein Anzug, fein Kragen, fein Schl.ps alles ist aus Bronze. Und er hält eine Palette aus Bronze in der Hand und Pinsel aus Bronze. Ein Maler? Auf der Palette sind Farbenkleckerchen. Aus Bronze. Ich möchte wetten, daß dem Bildhauer diese Farbenkleckerchen am leichtesten gefallen sindl Hier konnte er, sozusagen, seiner Phantasie die Zügel schießen lassen. Bei dem Gesicht des alten Herrn mußte er etwas Rücksicht nehmen auf die Wirklichkeit, das Gesicht mußte ähnlich werden. Und auch ein Stuhl ist ein Stuhl, und ein Schlips ist ein Schlips. Aber bet ben Farbenkleckerchen auf der Palette konnte er so ziemlich machen, was er wollte. Er konnte große Kleckerchen machen, und er konnte kleine machen, wenige ober viele. Er hat kleine Kleckerchen gemacht. Aber viele. Wenn nun Bayonne, was Gott verhüten möge, durch ein Erdbeben verschüttet würde, und nach tausend Jahren buddelte man dies und jenes wieder auf, darunter ein Fragment dieses Denkmals, die Palette aus Bronze mit den Farbenkleckerchen aus Bronze, — was würden dann in jenen fortgeschrittenen Zeiten die Kultur- und Kunsthistoriker sagen, denn di« gibt «s sicher auch noch in jenen fortgeschrittenen Zeiten, was würden sie sagen? „Dieses Fragment eines Bronzedenkmals", würden sie sagen, „stammt aus der Zeit zwischen 1800 und 1999, aus der Zeit des großen Chaplin." Chaplin würden sie erwähnen, um sich populär auszw drücken, und sie würden hinzufügen: „Zu jener Zeit des großen Chaplin war der Kinofilm zwar technisch noch sehr primitiv, aber künstlerisch stand er auf einer Höhe, die wir seitdem nie wieder erreicht haben. Wie ja sehr häufig die primitive Anfangszeit einer Technik die größten Kunst- werke hervorbringt. Siehe die ägyptische und frühgriechische Plastik, die Gemälde Giottos, die Photographien aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts und viele andere Beispiele! So war und ist auch Chaplin der größte Künstler — usw., usw." Und dann würden sie fortfahren: „Aus der Chaplin-Zeit stammt dies Bronze-Fragment: ein« Scheide mit Kleckerchen. Wir wissen nicht genau, was diese Scheibe darstellen soll, ob es sich um bas Abzeichen eines Kriegsmannes („Epauletten" genannt) oder um ein Musikinstrument handelt. Aber mir können mit aller Bestimmtheit jagen, daß dieses Bronze-Fragment aus der Zeit zwischen 1800 und 1999 stammt. Gerade die Kleckerchen beweisen das. Denn jene Zeit war in der Bildhauerkunst die Zeit der Kleckerchen. Die Kleckerchen sind typisch--" usw. usw. Aber, Gott sei Dank, Bayonne ist noch nicht von einem Erdbeben verschlungen, und so habe ich Zeit, die Kleckerchen und den Stuhl und den Mann aus Bronze zu bewundern, und lese auf dem Sockel des Denkmals: „Leon Bonnat." — Wer war Leon Bonnat? Eine dunkle Erinnerung steigt mir auf — aber ganz ehrlich gesagt: Ich weiß mal wieder nicht Bescheid. Ein „Museum Bonnat" gibt es auch in Bayonne? Und nun weiß ich, wenigstens halbwegs, doch ein bißchen Bescheid. Ein nicht sehr bedeutender, aber anständiger Maler — und ein sehr kluger und geschmackvoller Kunstsammler. Seine Sammlung hat er seiner Vaterstadt Bayonne vermacht. Und so kommt es, daß das kleine Städtchen Bayonne eine Gemäldegalerie besitzt, um die es von vielen europäischen Großstädten beneidet werden könnte. Dies kleine Museum ist eine Privatsammlung und hat den ganzen Reiz einer Privatsammlung, den Reiz eines willkürlichen, persönlichen, aber guten Geschmacks. Soll ich die großen Name» auszählen? Rembrandt, Rubens, Botticelli und so weiter? Lieder will ich sagen, was mir auffällt: ein Piero della Francesca, zwei Grecos, drei herrliche Goyas, ein nobler Poussin. Und von den älteren und jüngeren Zeitgenossen und Freunden Bonnats: Delacroix, Gericault (kostbare Studien), Courbct, Daubigny, Degas, ein halbes Dutzend prachtvoller und noch ein halbes Dutzend weniger guter Bilder von Ingres, und eine ganze Kollektion der unbeschreiblich herrlichen Tierbronzen von Barys, wie sie so vollständig kein Museum der Welt besitzt. Der große, einzigartige Schatz des kleinen Museums aber ist die unerschöpfliche Sammlung von Handzeichnungen. Ihretwegen wird der Kenner, mag der Laie von weit, weit her nach Bayonne pilgern! Leonardo, Michelangelo, Raffael, Pisano, Tizian, Tintoretto, Watteau, Boucher und neben noch hundert anderen zwei Dutzend Rembrandt- und Dürer-Zeichnungen, nach Quantität und Qualität Perlen und Höhepunkte nicht dieses einen, sondern vieler Museumsbesuche. Vollkommen einzigartig aber und nirgends auf der Welt noch einmal vorhanden: die fünfunddreißig Porträtszeichnungen von Ingres. Musterbeispiele genialer Subtilität, kalter, gebändigter Leidenschaft und in Kleinlichkeiten und Genauigkeit nicht untergegangener Größe. Noch vor zwanzig Jahren hatte man zwar nicht den Mut, aber die Einseitigkeit und Unwissenheit, diese Arbeiten Ingres' „akademisch" zu nennen. Heut« haben sie ihre Wirkung getan, mehr vielleicht als gut war. Gewisse Wandlungen Picafsos und Derains sind ohne Ingres undenkbar und die sog. „Neue Sachlichkeit" ist in einer einzigen dieser Jngres-Zeichnungen vorweggenommen, übertroffen und — ad absurdum geführt. Das alles steht und lernt man fo ganz zufällig auf einem Nach- mittagsbummel durch das kleine Städtchen Bayonne? Monsieur Bonnat hat fein Denkmal verdient! Wenn nicht als Maler, fo doch als Sammler und Stifter dieses Museums. Immer wenn ich nun an Bayonne denke, werde id) an dies schöne kleine Museum denken, — nicht zu groß und nicht zu klein. Hundert Bilder, zweihundert Zeichnungen. Kein Museum sollte größer sein! Banonne — das ist nun für mich „das Museum Bonnat". Aber das ist natürüd) ein ganz falscher, lächerlich ästhetischer Standpunkt. Nicht das Museum Bonnat, von dem nur ein paar Museumsdiener leben, ist wichtig für Bayonne. Kein Bayonnese nimmt Notiz von diesem Museum. Wichtig für Bayonne ist der Fluß, der große, stille, langsame Fluß, dem es so schwer fallt, ins Meer zu kommen, — und dessen Namen ich nicht weiß. Postscriptum: Ich habe mich erkundigt. Er heißt Adour. Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Dru ck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.