GiehenerZamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1930 Hreitag, dein«. Januar Kummer Z Abendlied der Freundin. Von Paul Appel. Freund, wir sind irdisch. Komm, es wird Abend. Lege dein Haar an meins Und ruhe recht. Tu die Beschwerde ab, Ob sie auch treu hält; Ich bringe dir Stille. Die sei dein Kissen. Wenn du ein Schlastuch willst. Da ist mein Lächeln. Es deckt dich ganz, Es deckt dich völlig. Nun sollst du ruhen. Nun soll ich schweigen. Lege dein Haar an meines? Wir ruhen gerecht. Carsten Curator. Novelle von Theodor Storm. Eigentlich hieß er Carsten Carstens und war der Sohn eines Kleinbürgers, von dem er ein schon vom Großvater erbautes Haus an der Twicte (Twiete heißt die enge Straße, die vom Husumer Hasen zum Markt führt), des Hafenplatzes ererbt hatte und außerdem einen Handel mit gestrickten Wollwaren und solchen Kleidungsstücken, wie deren die Schiffer von den umliegenden Inseln auf ihren Seefahrten zu gebrauchen pflegten. Da er indes von etwas grübelnder Gemütsart und ihm, wie manchem Nordfriesen, eine Neigung zur Gedankenarbeit angeboren war, so hate er sich von jung auf mit allerlei Büchern und Schriftwerk beschäftigt und war allmählich unter seinesgleichen in den Ruf gekommen, daß er ein Mann sei, bei dem man sich in zweifelhaften Fällen sicheren Rat erholen möge. Gerieten, was wohl geschehen konnte, durch seine Leserei ihm die Gedanken auf einen Weg, wo seine Umgebung ihm nicht hätte folgen können, so lud er auch niemanden dazu ein und erregte folglich dadurch auch niemandes Mißtrauen. So war er denn der Kurator einer Menge von verwitweten Frauen und ledigen Jungfrauen geworden, welche nach der damaligen Gesetzgebung bei allen Rechtsgeschäften noch eines solchen Beistandes bedurften. Da bei ihm, wenn er die Angelegenheiten anderer ordnete, nicht der eigene Gewinn, sondern die Teilnahme an der Arbeit selbst Vorstand, so unterschied er sich wesentlich von denen, welche sonst derartige Dinge zu besorgen pflegten; und bald wußten auch die Sterbenden als Vormund ihrer Kinder und die Gerichte als Verwalter ihrer Konkurs- und Erbmassen keinen besseren Mann als Carsten Carstens an der Twiete, der jetzt unter dem Namen „Carsten Curator" als ein unantastbarer Ehrenmann allgemein bekannt war. Der kleine Handel freilich sank bei so vielen Vertrauensämtern, welche feine Zeit in Anspruch nahmen, zu einer Nebensache herab und lag fast nur in den Händen einer unverheirateten Schwester, welche mit ihm im elterlichen Hause zurückgeblieben war. Im übrigen war Carsten ein Mann von wenig Worten und kurzem Entschluß, und wo er eine niedrige Absicht sich gegenüber fühlte, auch auf eigene Kosten unerbittlich. Als eines Tages ein sog. „Ochsengräser", der seit Jahren eine Fenne (Wiese) Landes-, nach derzeitigen Verhältnissen zu billigem Zinse, von ihm in Heuer gehabt hatte, unter Beteuerungen versicherte, daß er für das nächste Jahr bei solchem Preise nicht bestehen könne, und endlich, als er damit kein Gehör fand, sich dennoch zu dem früheren und, da jetzt auch dieses Angebot zurückgewiesen wurde, sogar zu einem höheren Heuerzinse (Pachtzins) verstand, erklärte Carstens ihm, daß es keineswegs feine Sache fei, jemanden mit feiner Fenne in unbedachten Schaden zu bringen, und gab hierauf das Landstück zu dem alten Preise an einen Bürger, der ihn früher darum angegangen war. Und dennoch hatte es einen Zeitraum in seinem Leben gegeben, wo man auch über ihn die Köpfe schüttelte. Nicht als ob er in den ihm anvertrauten Angelegenheiten etwas versehen hätte, sondern weit er in der Leitung seiner eigenen unsicher zu werden schien; aber der Tod, bei einer Gelegenheit, die er öfters wahrnimmt, hatte nach ein paar Jahren alles wieder ins gleiche gebracht. — Es war während der Kontinentalsperre, in der hier sog. Blockadezeit, wo die kleine Hafenstadt sich mit dänischen Offizieren und französischem Seevolk und andererseits mit mancher Art fremder Spekulanten gefüllt hatte, als einer der letzteren auf dem Boden feines Speichers erhängt gefunden wurde. Daß dies durch eigene Hand geschehen, war nicht anzuzweifeln, denn die Verhältnisse des Toten waren durch rasch folgende Verluste in Ruin geraten; der einzige Aktivbestand feines Nachlasses, so wurde gesagt, sei seine Tochter, die hübsche Juliane; aber bis jetzt hätten sich viele Beschauer und noch keine Käufer gefunden. Schon am anderen Vormittag gelangte von dieser die Bitte an Carstens, sich der Regulierung ihrer Angelegenheiten zu unterziehen; aber er wies das Ansuchen kurz zurück: „Ich will mit den Leuten nichts zu tun haben." Als indessen der alte Hafenarbeiter, der dasselbe überbracht hatte, am Nachmittage wiederkam: „Seid nicht so hart, Carstens; es ist ja nur noch das Mädchen da; sie schreit, sie müsse sich ein Leides tun", da stand er rasch auf, nahm seinen Stock und folgte dem Boten in das Sterbehaus. In der Mitte des Zimmers, wohinein ihn dieser führte, stand der offene Sarg mit dem Leichnam; daneben auf einem niedrigen Schemel, mit angezogenen Knien, saß halb angekleidet ein schönes Mädchen. Sie hatte einen schildpattenen Frisierkamm in der Hand und strich sich damit durch ihr schweres, goldblondes Haar, das aufgelöst über ihren Rücken herabhing; dabei waren ihre Augen gerötet, und ihre Lippen zuckten von heftigem Weinen; ob aus Ratlosigkeit oder aus Trauer über ihren Vater, mochte schwer entscheidbar fein. Als Carstens auf sie zuging, stand sie auf und empfing ihn mit Vorwürfen: „Sie wollen mir nicht helfen?" rief sie; „und ich verstehe doch nichts von alledem. Was soll ich machen? Mein Vater hat viel Geld gehabt; aber es wird wohl nichts mehr da sein! Da liegt er nun; wollen Sie, daß ich auch so liegen soll?" Sie setzte sich wieder auf ihren Schemel, und Carstens sah sie fast staunend an. „Sie sehen ja, Mamsell," sagte er bann, „ich bin eben hier, um Ihnen zu helfen; wollen Sie mir die Bücher Ihres Vaters anvertrauen?" „Bücher? Ich weiß nichts davon; aber ick) will suchen." Sie ging in ein Nebenzimmer und tarn bald wieder mifeinem Schlüsselbunde zurück. „Da," sagte sie, indem sie es vor Carstens auf den Tisch legte; „Sie iollen ein guter Mann sein; machen Sie, was Sie wollen; ich tümmre mich nun um nichts." Carstens sah verwundert, wie anmutig es ihr ließ, da sie diese leichtfertigen Worte sprach; denn ein Aufatmen ging durch ihren ganzen Körper und ein Lächeln wie plötzlicher Sonnenschein über ihr hübsches Angesicht. Und wie sie es gesagt hatte, so warb es: Carstens arbeitete, und sie kümmerte sich um nichts; wozu sie eigentlich ihre Zeit verbrauchte, konnte er nie erforschen. Aber bie frischen, roten Sippen lachten wieber, und der schwarze Traueranzug ward an ihr zum verführerischen Putze. Einmal, da er sie seufzen hörte, fragte er, ob sie Kummer habe; sie'möge es ihm agen. Sie sah ihn mit einem halben Lächeln an; „Ach, Herr Carstens," agte sie und seufzte noch einmal;* „es ist kanAweilig, daß man in den chwarzen Kleidern gar nicht tanzen darf!" Dann, wie ein fpieHuftiges Kind, fragte sie ihn, was er meine, ob sie dieselben nicht, mindestens für einen Abend, einmal würbe wechseln können; ber Vater hab' sie immer tanzen lassen, und nun sei er ja auch längstens schon begraben. Als Carstens demungeachtet es verneinte, ging sie schmollend fort. Sie hatte längst gemerkt, baß sie ihn so für feine Sittenstrenge am besten strafen könne; benn während unter seiner Hand bie Vermögensverwirrung bes Toten sich wenigstens insoweit gelöst hatte, baß Gut und Schuld sich auszugleichen schienen, war er selbst in eine anbere Verwirrung hineingeraten; bie lachenden Augen der schönen Juliane hatten den vierzigjährigen Mann betört. Was ihn sonst wohl stutzen gemacht hätte, erschien in dieser Zeit, wo ber gleichmäßige Gang bes bürgerlichen Lebens ganz zurückgedrängt war, weit weniger bedenklich, und ba andererseits bas ber Arbeit ungewohnte Mädchen einen sicheren Unterschlupf den sie sonst erwartenden Mühseligkeiten vorzog, so kam trotz Schwester Brigittens Kopfschütteln zwischen diesen beiden ungleichen Menschen ein rasch geschlossener Ehebund zustande. Die Schwester freilich, bie jetzt in ber Wirtschaft nur um so unentbehrlicher war, hatte nichts als eine doppelte Arbeitslast dadurch empfangen; den Bruder aber erfüllte ber plötzliche Besitz von soviel Jugend und Schönheit, worauf er nach feiner Meinung weder durch feine Person noch durch seine Jahre einen Anspruch hatte, mit einem überströmenden Dankgefühl, bas ihn nur zu nachgiebig gegen bie Wünsche seines jungen Weibes machte. So geschah es, baß man den sonst so stillen Blann bald auf allen Festlichkeiten finden konnte, mit denen die stadt- und landfremden Offiziere bemüht waren, bie Ueberfülle ihrer müßigen Stun- ben zu beseitigen; eine Geselligkeit, bie nicht nur über seinen Stanb und seine Mittel hinausging, sonbern in bie man ihn auch nur seines Weibes wegen hineinzog, während er selbst dabei eine unbeachtete und unbeholfene Rolle spielte. Doch Juliane starb im ersten Kindbett. — „Wenn ich erst wieder tanzen kann!" hatte sie während ihrer Schwangerschaft mehrmals geauher^ aber sie sollte niemals wieder tanzen, und somit war für Earsten die Gefahr Lfeitiot Freilich auch zugleich das Gluck; denn mochte sie auch kaum ihm angehort haben, wie sie vielleicht niemandem angehoren konnte,^und rote man sie auch schelten mochte, sie war es doch gewesen, die mit dem Licht der Schönheit in sein Werktagsleben hineingeleuchtet hatte; ein ftemder Schmetterling, der über feinen Garten hinflog und dem seine Augen noch inuner nachstarrten, nachdem er längst schon seinem Blick entschwunden war. Im übrigen wurde Carstens wieder, und mehr noch, als er es zuvor gewesen, der verständige, ruhig abwagende Mann. Den von der Toten nachgelassenen Knaben, der sich bald als der körperliche und allmählich auch als der geistige Erbe seiner schönen Mutter herausstellte erzog er mit einer seinem Herzen abgekämpften Strenge; bem gutmütigen, aber leicht verführbaren Liebling wurde keine verdiente Züchtigung erspart, nur wenn die schönen Kinderaugen, wie es m solchen Fallen stets geschah, mit einer Art ratlosen Entsetzens zu ihm aufblickten, muhte der Baier sich Gewalt tun, um nicht den Knaben gleich wieder mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit in feine Arme zu schließen. Seit Julianens Tode waren über zwanzig Jahre vergangen. Heinrich — so hatte man nach feines Vaters Vater den Knaben getauft — war in die Schule und aus der Schule in die Kaufmannslehre gekommen; aber in seinem angeborenen Wesen hatte sich nichts Merkliches verändert, ©eine Anstelligkeit ließ ihn sich leicht an jedem Platz zurechtfinden; aber auch ihm wie einst feiner Mutter, stand es hübsch, wenn er den Kops mit den lichtbraunen Locken zurückwarf und lachend seinen Kameraden -uries. Muh gehen! Wir kümmern uns um nichts! Und in der Tat war dies der einzige Punkt, in dem er gewissenhaft sein Wort zu halten pflegte; er kümmerte sich um nichts oder doch nur um Dinge, um die er besser sich nicht gekümmert hätte. Tante Brigitte weinte oftmals seinetwegen und auch mit Carsten legte sich abends in seinem Alkovenbette etwas aus das Kissen/was ihm, er wußte nicht wie, den Schlaf verwehrte; und wenn er sich ausrichtete und sich besann, so sah er feinen Knaben vor sich, und ihm war, als sähe er mit Angst ihn größer werden. Aber Heinrich blieb nicht das einzige Kind des Hauses — Eln en - fernter Verwandter, der mit Carstens durch gegenseitige Anhänglichkeit verbunden war, starb plötzlich mit Hinterlassung eines achtiahrigen Mädchens- und da das Kind die Mutter bereits bei feiner Geburt verloren hatte, so wurde nach dem Wunsche des Verstorbenen Carstens mch nur der Vormund der kleinen Anna, sondern sie kam auch völlig zu Kost und Pflege in sein Haus. Seine Treue gegen den Heimgegangenen aber bewies er insbesondere damit, daß er durch Leistung von Vorschüssen und derzeit nicht gefahrloser Bürgschaft für dessen Tochter derselben einen kleinen Landbesitz erhielt, der später unter verbesserten Zeitläuften zu erhöhtem Werte veräußert werden konnte. Anna war einer anderen Mutter nachgeartet als der um ein Jahr ältere Heinrich. Dieser, trotz des besten Willens, brachte es me zustande, so wenig wie sein eigenes, so auch nur der Allernächsten Wohl und Wehe bei seinem Treiben zu bedenken; bei Anna dagegen — wie oft griff Tante Brigitte in die Tasche und gab ihr zur Schadloshaltung einen Dreiling und einen derben Schmatz dazu: „Du dumme Trine, hast dich denn richtig wieder selbst vergessen!" Zu ihrem Bruder aber, wenn sie ihn erwischen konnte, sprach sie dann wohl: „Der Vetter Martin hat s doch gut mit uns gemeint; er hat uns seinen Segen nachgelassen!" Bei aller Herzensgüte war das Wesen des Mädchens doch von einer frohen Sicherheit, und wenn Carstens auf seine mitunter ängstliche Erkundigung nach Heinrich von Brigitte die Antwort erhwlt: Er ist ba Annas sie näht ihm Segel zu seinen Schiffen oder: ,Sie hat ihn sich geholt; er muh ihr die Kirfchbaumnetze flicken helfen dann nickte er und setzte sich beruhigt an seine Arbeit.--Zur Zeit, wo wir diese Erzählung roeiterfütjrcn, an einem Spätsommervormittage, war das Mädchen eben mündig geworden und stand, eine voll ausgewachsene, blonde Jungfrau, mit ihrem grauhaarigen Bormunde auf bem Rathause vor dem Bürgermeister, um die infolgedessen nötigen Handlungen zu voll- 3k%n," hatte sie vor dem Eintritt in das Gerichtszimmer gesagt; „ich fürcht' mich." — ,/öu, Kind? Das ist nicht deine Art. „Ja, Ohm; aber auf Herrendiele!" Der alte, hagere Mann, der dort ganz zu Haufe war hatte lächelnd auf das frische 'Mädchenantlitz geblickt, das mit heißen Wangen zu ihm aufsah, und dann die Türe des Gerichtszimmers aufgedruckt. Aber der Bürgermeister war ein alter, jovialer Herr. „Mein liebes Kind" sagte er, mit Wohlgefallen sie betrachtend, „Sie wißen doch, daß Sie noch einmal wieder unmündig werden müssen; freilich nur, wenn Sie sich den goldenen Ring an den Finger stecken lassen! Mag bann Ihr Leben in ebenso getreue Hand kommen!" Er warf einen herzlichen Blick zu Carstens hinüber. Dem Mädchen aber obgleich ein leichtes Rot ihr hübsches Antlitz überflog war bet diesem Lobe ihres Vormundes alle Befangenheit vergangen. Ruhig ließ sie sich den Bestand ihres Vermögens vorlegen und sah, wie man es von ihr verlangte, alles sorgfältig und verständig durch; dann aber Jagte sie fast beklommen: „Achttausend Taler! Stein, Ohm, das geht nicht. — „Was geht nicht, Kind?" fragte Carstens. . „Das da, Ohm, das mit den vielen Talern" — und sie richtete sich in ihrer ganzen jugendlichen Gestalt vor ihm auf — „was soll ich damit machen? Ihr habt mich bas nicht lernen lassen; nein, Herr Bürgermeister, verzeiht, ich kann heute noch nicht münbig werden." Da lachten die beiden Alten und meinten, das hülfe ihr nun nichts; mündig sei sie und mündig müsse sie für jetzt auch bleiben Aber Carstens tagte: „Sei ruhig, Anna; ich werde dein Kurator; bitte nur den Herrn Bürgermeister, daß er mich dazu bestelle." „ — „(Titrator, Ohm? Ich weih wohl, bah die Leute Euch so heißen. „Ja, Kind; aber biesmal ist es so: Du behältst mein unb meiner alten Schwester Leib unb Seele in deiner Obhut, und ich helfe dir wie bisher die dosen Taler tragen; so roirb’s wohl richtig sein." Amen" sagte ber alte Bürgermeister; bann wurde die Quittung über richtige Verwaltung des Vermögens von Anna durch ihre saubere Ra- mensiinterschrift vollzogen. , r Während sie und Carsten sich hieraus beurlaubten, hatte ber Bürgermeister, rote von Geschäften aufatmenb, einen Blick auf die Straße hm- aU5„S"roeb!" rief er; „Herr Makler Jaspers! Was mag ber Stabtunheils, träger mir roieber aufzutifchen haben!" Carsten lächelte und faßte unwillkürlich die Hand feiner Pflegetochter. Als die beiden draußen die breite Treppe ins Unterhaus hmabzu- steiqen begannen, stieg ein kleiner, ältlicher Mann in einem braunen, ab- qefdiliifenen Rock diefelbe in die Hohe. Auf bem Treppenabsatz angelangt, stützte er sich keuchend auf fein schwankes Stöckchen unb starrte aus kleinen, grauen Augen zu den Herabsteigenden hinauf, indem er ein paarmal feinen hohen Zylinderhut über einer fuchsigen Perücke lüftete. Carsten wollte mit einem kurzen „Guten Tag vorbeipassieren; aber der andere streckte seinen Stock vor den beiden aus. „Oho, Freundchen! — unb es war eine wirkliche Altweiberstimme, die aus dem kleinen, faltigen Gesicht herauskrähte. — „So kommt Ihr mir nicht durch! „Der Bürgermeister wartet schon auf Euch", sagte Carsten unb schob den Stock zur Seite. .. , n Der Bürgermeister?" Herr Jaspers lachte ganz vergnüglich. „Laßt ihn warten! Dieses SJlat roar's auf Euch abgesehen, Freunbchen; ich wußte, daß Ihr hier herum zu haben wäret." D Auf mich Jaspers?" wiederholte Carstens, und aus seiner Stimme klang eine Unsicherheit, die ihm sonst nicht eigen war. (Fortsetzung folgt.) Das werdende Wettmuseum der Oruckkunst. Von Dr. A. Ruppel, Direktor des Gutenberg-Museums In Mainz. Um das 1445 geschah zu Mainz am Rhein eine welthistorisch Tat, die berufen war, das Angesicht der Erde zu verändern. Das große Ereignis bestand in der unscheinbaren Tatsache, bas der Mainzer Burger Johann Gensfleisch genannt (Butenberg die Kunst erfand, mit beweglichen, gegossenen Metallbuchstaben die Handschriften, die bisher nur wenigen zugänglich waren, mit unheimlicher Schnelligkeit und m schier imbegrenzter Zahl zu vervielfältigen unbsodasWlssenderWet. zum Allgemeingut der Menschheit zu machen. Nicht erst die Entdeckung Amerikas (1492) ober die noch spatere Reformation (1517) leiteten di« neue Zeit ein — denn beide Ereignisse hatten nur für emeg Xeil ber Welt und auch nur für Teilgebiete des kulturellen rmbwirisck)astl,chen Lebens Bedeutung. Die Quelle, aus ber das gesamte Leben ber Neuzeit in der ganzen Welt Befruchtung und Nahrung erhielt, war die Buch- druckerkunst. Gutenbergs Erfindung ist es gewesen,^« das Gesicht der Neuzeit formte unb auf die Entwicklung aller Gebiete des menschlichen Lebens den entscheidenden Einfluß ausübte: auf Denken und Sein, W>s- senlcbaft unb Kunst, Wirtschaft und Technik. Wenn irgendein JRenfd) oer« bient Vater der Neuzeit zu heißen, so ist es weder Christoph Columbus noch'Martin Luther, sondern Johannes Gutenberg; denn diesem gottbegnadeten Genie vor allem wird der Mainz erhebt sich sein stolzestes Denkmal, das der große Th orwcilb- ien bem nrbVeren öutenberg schuf: in Main lebt unb arbeitet seif meyr als einemOVierteljahrhundert das Gutenberg-Museum, das Heinmt-und Vaterhaus aller Drucker der ganzen Welt fein unb Edsn will. Mainz^st also der gegebene Ort für jenes Museum, das die Kunst Gutenbergs von den ersten primitiven Anfängen bis zu ihrer heutigen Vollendung vor aller Augen zur Schau zu stellen berufen ist. Main ist die Heimat der Druckkunst. Mag auch in Ostasien schon mit Kupserwörtern gedruckt worden sein, als Gutenberg noch ein Knabe war; mögen auch einige die Theorie verteidigen, datz Laurenz Janson Coster in Haarlem vor Gutenberg Metallbuchstaben gegossen hat: in dem Punkte aber sind alle Gelehrten und alle Kulturvölker einig, daß d i e Druckkunst, die sich die Welt eroberte, in Mainz erfunden wurde und von Mainz aus ihren Siegeszua über den ganzen Erdball antrat. In der ganzen Welt sollte daher keiner, der stch mit Stolz Jünger Gutenbergs nennt und der Kunst des Meisters sein täglich Brot verdankt, fehlen, wenn es gilt, seine Heimat zu verteidigen und sein Vaterhaus zu schützen; wenn es gilt, das Gutenberg-Museum als lebendiges Denkmal des gemeinsamen Vaters aller Drucker am Leben zu erhalten und auszubauen. Das Gutenberg-Museum soll und muß werden: Die Ruhmeshall« der Stadt Mainz für ihren größten Sohn; Ne internationale Sammelstelle für alle Druckerzeugnisse und Druckgeräte, die für die Entwicklung der Druckkunst von Bedeutung sind; die wissenschaftlich« Zentralstelle für alle Arbeiten zur Geschichte der Buchdruckerkunst in allen Ländern der Erde; die Lehrstätte, an der jeder Jünger des großen Meisters, wo immer in der weiten Welt er auch wohnen mag, sein Herz mit neuem Stolz, seinen Kopf mit neuen Anregungen füllen kann. So soll das Museum dem Buchdruckerstande zur Ehre und zum Nutzen gereichen. Am 500. Geburtstag Gutenbergs im Jahre 1900 in Mainz gegründet, wurde das Gutenberg-Museum am Johannistag 1901 im Kursürstlichen Schlosse daselbst eröffnet. Ende September 1912 siedelte es in den Neubau der Stadtbibliothek in der Rheinallee über, wo es im ersten Stockwerk allzu eng untergebracht wurde. Das erste Bierteljahrhundert widmete das Museum dem stillen inneren Ausbau. Erst bei seinem 25jährigen Jubiläum im Jahre 1925 beginnen seine starken Expansionsbestrebungen. Damals wurden feine Räume im Bibliotheksgcbäude durch Hinzunahme der großen Säle des Erdgeschosses, der Hall« im Zwischengeschoß und des Raumes der anderweitig untergebrachten Gutenberg-Bibliothek mehr als verdoppelt. Gleichzeitig konnte eine getreue Nachbildung einer vollständigen Druckwerkstatt aus der Zeit Gutertbergs mit Gießerei, Setzerei und Druckerei betriebsfähig eingerichtet werden. Eine groß« internationale Guten- berg-Festfchrift wurden von 78 der hervorragendsten Gelehrten und Praktikern der Buchdruckerkunst aus allen Ländern der Erde geschrieben. Dieser großen Festschrift folgen seit 1926 jährlich die internationalen Gute nbergjahrbücher, die von der Gutenberg-Gesellschaft in Mainz herausgegeben werden. Man wird zugeben müssen, daß das Gutenberg-Museum aus dem Wege zu den oben angegebenen Zielen in den letzten Jahren bereits einige Männerschritte zurückgelegt Hot. Seine Absicht, das Weltdruckmuseum zu werden, wird nicht nur von der Stadt Mainz, sondern mich von den führenden Männern des Vuch- druckgewerbes im In- und Ausland gebilligt. Die großen internationalen Ausstellungen der letzten Jahre haben die Unterstützung des Gutenberg- Museums erbeten und erhalten. So wurden auf der P r e s s a in Köln Si alte lz. T. rekonstruierte) Druckereien mit Schriftgießereien aus den ren 1450 und 1722 in Betrieb vorgesührt. Di« rekonstruierte Gutenberg-Werkstatt des Gutenberg-Museums ist auch auf der ibero-amerika- nischen Ausstellung in Sevilla ausgestellt worden. Zurzeit läßt die Stadt Mainz das herrliche alte Patrizierhaus „Zum Römischen Kaiser" im Schatten des altehrwürdigen Mainzer Domes für die Erweiterung des Gutenberg-Museums herüchten und gedenkt auch später das schöne alte Haus „Zum König von England" dem Gutenberg- Museum zur Verfügung zu stellen. Bei der Neueinrichtung des Museums sollen seine Ausstellungen so ausgebaut werden, daß sie auch das schönheitsfuchend« Auge stärker befriedigen, als es bisher wegen des allzu gedrängten Raumes möglich fein konnte. Auch soll die Entwicklung der Buchdruchiechnik stärker gezeigt werden, als bisher. Neben einer Druckwerkstatt aus der Zeit Gutenbergs werden Druckereien aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert, eine Papiermühle des 15. Jahrhunderts usw. betriebsfähig eingerichtet. Mehrere öftere Druckmaschinen sind bereits geschenkt. Weitere Schenkungen stehen bevor. Neben der Stadt Mainz, der Heimatstadt der Druckkunst, und neben anderen berühmten Druckstädten sollen auch die einzelnen Länder der Erde eigene Räume erhalten, in denen ihre Druckgeschichte würdig und schön dargestellt wird. Das Mainzer Gutenberg-Museum bestndet sich also in einer glücklichen Entwicklungstendenz. Es ist zu wünschen und zu Yosfen, daß den Anstrengungen, die von der Stadt Mainz und der Museums-Direktion gemacht werden, auch die Resonanz bei den Jüngern Gutenbergs, für die das Museum letzten Endes geschaffen wird, nicht fehlen wird, und daß di» Organisation der Buchdrucker in den einzelnen Ländern der Erde, die z T. das Gutenberg-Museum schon in großzügiger Weife unterstützen, in ihre Satzungen einen Paragraphen aufnehmen, daß der Ausbau ihres gemeinsamen Museums in Mainz mit zu den Zwecken ihrer Vereinigungen gehört. Dann werden auch zweistllos di« Kulturländer selbst und ihre Regierungen nicht zaudern, das Mainzer Gutenberg-Museum zu unterstützen und in ihm b:e DruckaescGcbte shres Landes aufbauen. Die internationale Gutenberg-Festschrift 1925 wurde durch die deutschen Botschafter und Gefandten im Auslande sämtlichen Staatsoberhäuptern persönlich ßberreid’t; die Internationalen Gutenberg-Jahrbücher wurden bereits in wer Jahrgängen den Regierungen der Kulturländer durch deren Berliner Botfehafter und Gesandten zugeleitet. ' Zur Unterstützung des Gutenberg-Museums trat im Jahre 1901 die internationale wissenschaftliche Gutenberg-Gesellschaft ins Leben, die in« zwiseben die wichtigsten Publikationen zur Geschickte der Buchdruckerkunst veröffentlichte, die überhaupt in dieser Zeit erschienen sind. Zahlreiche edelmütige Stifter haben die Gutenberg-Gesellfchaft fo stark unterstützt, daß sie zurzeit In der Laae ist, für den geringen Jahresbeitrag von 15 (Ausland 17) Mark den Mitgliedern wertvolle Publikationen in mustergültiger Form in die Hand zu legen, die mehr als den dreifachen Mert des Beitrages darstellen. Die Gutenberg-Gesellfchaft Ist also ihren Mitgliedern gegenüber durchaus die Gebende. Außer den Gutenberg-Jahrbüchern, die jährlich zum Johannistag erscheinen, erhalten die Mitglieder jährlich mehrere kleiner« Drucke über Spezialfragen der Buchdruckgeschichte. Auch die großen Veröffentlichungen der Gutenberg-Gesellfchaft, die ihr internationales wissenschaftliches Ansehen verschafften, die aber in der Inflationszeit abgebrochen waren, haben bereits ausgezeichnet« Fortsetzungen gefunden. Wer immer sich dem Erfinder der Buchdruckerkunst verpflichtet fühlt — und wer mühte das nicht —, der sollte in den Mitgliederlisten der Gutenberg Gesellschaft nicht fehlen. Wer aber in besonderem Maße der von Mainz ausgegangenen Buchdruckerkunst fein tägliches Brot verdankt und sich als Jünger und Nachfolger des großen Meisters fühlt, der sollte auch das Museum, das Gutenbergs Namen trägt, unterstützen, indem er abgelegte Druckgeräte und abzulegende Maschinen feines Gewerbes dem Gutenberg-Museum zur Verfügung stellt; indem er alte und neue Erzeugnisse der Druckkunst einsendet und in jeder Form hilft, die Kosten des Anbaues dieses Welt- museums der Druckkunst aufzubringen. Jede Gabe wird dauernd den Namen des Stifters tragen und fo dessen Namen mit dem unsterblichsten Namen eines Menschen, dem Gutenbergs, auf immer verbinden. Wen müßte ein solcher Gedanke nicht mit stolzer Freude und ehrfürchtigem Danke erfüllen? Der Körper als Schicksal. Line Stunde in einer Tanzschule. Von Frank Warschauer. „Die Erkenntnis des eigenen Körpers", hieß der Vortrag, den der junge Dozent aus der modernen Tanzstunde angesetzt hatte. Und dieses Thema war dort auch sehr aktuell. Denn es handelte sich um eine jener Schulen, in denen es wirklich darum geht, den Körper zu bilden — nicht ihn zu einigen Künstlichkeiten zu erziehen, wie es früher die Balletttechnik tat. Und da war es dann wesentlich genug, einmal einige wichtige theoretische Grundlagen des neuen Körpergefühls, das sich in unserer Zeit durchzusetzen beginnt, zu geben. Der Saal war ziemlich gut gefüllt. Vorn am Podium standen die Tanzschülerinnen, vorläufig noch ziemlich durcheinander, nachher sollten sie nach eigentümlichen Gesichtspunkten geordnet werden. Unten saßen einige fremde, am Thema interessierte Besucher. Der Vortragende begann historisch, aber mit einer sehr lebendigen Historie, die wirklich zur Gegenwart gehört. Er sprach von den Bemühungen, die man in früheren Zeiten gemacht hatte, um die Gesetze der äußeren Erscheinung über das Maß des Intuitiv Erfaßbaren in wissenschaftlicher Form darzustellen. Und er erwähnte den Titel eines berühmten Werkes das von einem Arzt und Philosophen der romantischen Epoche stammt: „Die Symbolik des menschlichen Körpers" von C a r u s. Das ist ja nun mehr als ein Titel — das ist ein Wort,- hinter dem merkwürdige Erkenntnisse verborgen sind. Symbolik — was bedeutet dies? Es heißt, daß hinter der äußeren Erscheinung des Menschen gleichsam ein tieferer Sinn verborgen liegt, eine Beziehung zum Schicksal, zu seinem äußeren und seinem seelischen Schicksal. Und dies war das Thema, das der Vortragende an diesem Abend behandeln wollte. Jahrzehnte, nachdem dieses Buch erschienen war, kamen Psychiater zu merkwürdigen Beobachtungen und Erkenntnissen. Sie stellten fest, daß gewisse Geisteskrankheiten immer und immer wieder bei Menschen von bestimmter körperlicher Eigenart austreten. Allmählich war di« Wissenschaft dahin gelangt, den Körperbau des Menschen zu studieren und im wesentlichen zwei große Grundtypen zu unterscheiden: den {»genannten asthenischen und den pyknischen. Einfacher ausgedrückt: Menschen von untersetzter, kräftiger Figur und ander« von länglicher Körperb'ldung und zarterem Gliederbou. Und es ergab sich nun die merkwürdige Beobachtung, daß dem einen Typ eine andere Geisteskrankheit gewissermaßen zuaeorbnet ist. als.dem anderen. Man war ursprünglich nickst geneigt, anzunehmen, daß zwischen der geistigen Struktur eines Menschen und seinem Habitus überhaupt ein Zusammenhang bestände; nun aber zeigte es sich durch sorgfältige Statistiken, daß Menschen des einen Typs im allgemeinen, wenn überhaupt, bann an anderen Geisteskrankheiten leiben, als die des anderen Typs. Und diese merkwürdige Tatsache führte nun dazu, daß man suchte, die hier bestehenden Zusammenhänge genau zu erforschen. Daß hier ein reiner Zufall im Spiele war, konnte nicht angenommen werden. Vielmehr Prangte man zu der Annahme, daß Ne körperliche Snrft tutinn mit der geistigen aufs engste zufammenhängt. Woraus bann weiter geschlossen werben konnte, baß die Körperform gewissermaßen in sich einen bestimmten Charakter unb damit auch das Schicksal eines Menschen bestimmt. Als der Vortragende soweit gekommen war, rief er die Schülerinnen der Tanzstunde auf das Podium und begann, die Unterschiede an ihnen zu demonstrieren. Unb siehe da: Tatsächlich waren bei den 30 bis 40 Schülerinnen die verschiedenen Typen mit großer Deutlichkeit zu erkennen. Die jungen Damen kletterten in wenig bekleidetem Zustand auf das Podium, und waren nun tatfächlich sehr brauchbare Obsekte für die Demonstration des Lehrers. Deutlich waren die lang und schmal Gebauten von den unterfetzten unb kräftigen zu unterscheiden. Unb nun setzte der Vortragende auseinander, daß nach seiner Ansicht es noch mehrere Ergänzungstypen gäbe, er nannte Ne arazi'en und die athletischen. Wi°der rief er einige Mädchen aufs Podium. Aeußerst zart unb charmant standen Ne grazilen da, als Untertyp des asthenischen, sich jedoch solcher Einordnung feines« tveqs bewußt — und die athletischen auf der anderen Seite ließen in der Tat den Gedanken auftommen, daß sie eines Tages einen widerspenstigen Ehemann kräftig zu Boden boxen könnten. . Bis hierhin war der Vortrag noch so ziemlich ohne Widerspruch verlaufen; NUN kam der zweite Teil. In dem versucht wurde, den Charakter, d-r sich mit dem körperlichen Typ verbindet, näher zu bestimmen. Die : Asthenischen, so erklärte der Bortragende, die könne man auch Ne Opfer« I typen nennen; sie seien sehr bereit, sich, sei es einem einzelnen Menschen, fe? es einer 9See, hinzugeben, auch auf Gefahr des eigenen Lebens. Das seien die besonders sensiblen Menschen, ihre Leidenschaft sei oft besonders stark, aber weniger gesund und sinnlich als etwa bei den anderen Typen, unter ihnen findet man, so sagt« er, die idealisch Gesinnten, die nur zu bereit seien, die Anforderungen des Alltags und des gewöhnlichen Lebens zu vergessen. Einige der jungen Damen protestierten heftig: sie schienen mit der Kennzeichnung, die sie da auf ihrer äußeren Gestalt erhielten, wenig zufrieden zu sein. Und nun kam die zweite Sorte an die Reihe: die untersetzten, pyknischen. Das sind Erdnienschen: sie essen gern, sie trinken gern, sind überhaupt sinnlich veranlagt, sie stehen auf dem Baden der Erde und der Tatsachen, freuen sich am Leben, sind willensstark und wissen andere nach ihrem Wunsche zu beeinflussen. Ihr Temperament ist ruhiger als das der anderen. Diesmal erfolgte kein Widerspruch. Nun kamen die beiden letzten Gruppen an die Reihe: Die athletischen jungen Damen, so wurde gesagt, das seien nun die geborenen Herrscher- naturen; Athleten, das seien die Bolksmenschen: unter Männern finde man bei diesem Typ die militärisch Begabten und diejenigen, die von einem starken Ehrgeiz nach Machtgewinnung beherrscht seien. Und die Grazilen schließlich seien bereit, ihre Lebensenergien in heftigen Empfindungen zu verströmen, während der Trieb der Selbsterhaltung in ihnen weniger ausgeprägt sei. Da standen nun die jungen Damen — und fühlten sich plötzlich über das Maß dessen, was sonst üblich war, gekennzeichnet, ja geradezu auf bestimmte Charakteristik und Schicksale festgelegt. Auf einigen Gesichtern malte sich ein« beträchtliche Skepsis, andere schienen mit der Kennzeichnung und den ihnen prophezeiten Möglichkeiten im wesentlichen einverstanden zu fein. Und bei den sonst Anwesenden begann nun nach dem Vortrag eine heftige Diskussion. Jeder suchte die wesentlichsten Vorteil« seines eigenen Typs zu betonen, andere widersprachen, und es entwickelte sich jedenfalls eine äußerst lebhafte charakterologische und typologische Unterhaltung, die noch lange fortgesetzt wurde. Hat die Wissenschaft recht oder ist sie mit derartigen Forschungen erst im allerersten Anfang einer gültigen Erkenntnis? — darüber wurde viel gestritten. Ja, wie ist es damit? Dies zu entscheiden, wird wohl vorläufig noch schwierig fein. Sicher ist aber, daß uns mit solchen Forschungen zum mindesten interessante Anhaltspunkte zur wirklichen Erkenntnis des Körpers und des menschlichen Wesens in seiner Einheit von Körper und Geist gegeben sind. Und wenn sich manch« von den Lesern dieser Betrachtung fragen, ob die geschilderte Kennzeichnung aus sie zutrifst oder nicht, so werden sie auf jeden Fall damit zu Ueberlegungen angeregt, die den doppelten Sinn haben: daß sie einmal Spaß machen — und zum anderen die Beobachtungen für eigene und fremde Eigenart schärfen. Scherzhaftes und Merkwürdiges aus dem Reiche der Mathematik. Von Dr. Ludwig Kühle. Die Behauptung, daß die Mathematik eine amüsante Wissenschaft sei und ihre Jünger unter Umständen recht lustige Leut«, wird bei den zahlreichen Erzfeinden dieser angeblich von Grund aus „trockenen" Disziplin auf ungläubiges Staunen treffen. Aber die Verwunderung wird wirklich ernsthaft und groß, wenn man sich einmal die Müh« macht, die Scherze, Merkwürdigkeiten und Anekdoten zu sammeln, welche sich an das Leben der Mathematiker, an die Künste dieser ältesten und universalsten der Wissenschaften und an ihre Auswirkung in Geschichte und Leben knüpfen: sie sind zahllos! Viele von ihnen beziehen sich auf Ereignisse aus der Geschichte der Mathematik, andere aus persönliche Eigentümlichkeiten berühmter Mathematiker, manche verdanken ihr Dasein dem ewigen Kampf des Schülers mit der Tücke des Lehrstoffes oder dem Spott derjenigen, denen der Eintritt in das Heiligtum nicht geglückt ist, die allermeisten mathematischen Scherze jedoch sind aus dem Spieltrick entstanden, denn fast alle Unterhaltungsspiele wurzeln irgendwo im Mathematischen. Von Schach unb Mühle bis zum primitiven Abzählspiel der Kinder. Die älteste mathematische Scherzaufgabe hat wohl das Labyrinth auf Kreta geliefert, in dem sich nach der Sage der berühmte Minotaurus auf besonders raffinierte Weise vor Verfolgern verborgen und gleichzeitig leichte Beute in den Verirrten gesichert haben soll, welche den Rückweg nicht mehr fanden und ihre Neugier mit dem Tode büßten. Thesens hat bekanntlich mit Hilfe des Garnknäuels der Ariadne das Labyrinthproblem auf einfache Art gelöst. Schon die Kinder der Griechen und Römer haben an solchen Labyrinthzeichnungen ihre Findigkeit erprobt, wie sie heute in der „Rätselecke" gelegentlich wieder austauchen. W. L i e tz in n n n hat in einem amüsanten Merkchen, „Lustiges und Merkwürdiges aus der Mathematik", das viele mathematische Scherze enthält, eine solche historische Labyrinthaufgabe wiedergegeben. Er teilt an der gleichen Stelle mit, daß auch den germanischen Völkern solche Labyrinthe nicht fremd waren, wie die im Stockholmer Freiluftmuseum Staufen befindliche Nachbildung einer solchen Anlage von der Insel Wisby zeigt. Auch die bekannten Kletteraufgaben sind uralt. In Christian Rudolfs „künstlicher Rechnung mit der Ziffer vnd mit den zalpfennigen" (Nürnberg 1561 findet sich die Aufgabe: „Es ist ein Brunn 20 klafter tiesf, vnden im Brunn ein Schneck steigt alle tag ober sich 7 klassier vnd des nachts wiederumb vnder sich 2 klaffiern / in wie vil Tagen kompt er auß dem brunnen. Fazit 3 Tag 5/7." — Eine andere Aufgabe hat ein besonders überraschendes Resultat: Ein Bücherwurm frißt sich täglich durch eine Schicht von 1 Millimeter Dicke. In einem Bücherregal stehen zwei Bände eines Werkes nebeneinander. Jedes ist 4 Zentimeter dick, dazu kommen die Deckel, die jeder 2 Millimeter dick sind. Wie lange braucht der Wurm, um von der ersten Seite des ersten Bandes bis zu der letzten des zweiten zu gelangen? —• Es sei gleich verraten, daß er es in 4 Tagen schafft. Wer es nicht glaubt, sehe sich an, wie man die beiden Bände nebeneinander ins Regal stellt. Zu 8en lustigen mathematischen Problemen gehören auch die Schein- aufgaben, die mit unerlaubter Anwendung an sich richtiger logischer Operationen beruht. Ein netter Scherz, den Lietzmann in dem erwähnten Bucke anführt, beweist, klipp und klar, daß die Schullehrer die glücklichsten Sterblichen sind, da sie nämlich kein« Stunde im Jahr arbeiten t Der Beweis ist sehr einfach: Nachts ist fein Unterricht, also bleibt die ganze Hälfte des 24-Stundentages zunächst einmal frei; es bleiben also noch 183 Volltage; in den meisten Schulen ist ferner ungeteilter Unterricht, der Nachmittag bleibt auch frei; dadurch verringert sich die Arbeitszeit auf 92 Tage. Nun gehen noch 52 Sonntage und die Ferien ab, die mindestens 40 Tage ausmachen. Für die Arbeit bleibt also kein einziger Tag übrig. Ein kleiner Trick aus der Werkstatt der Rechenkünstler interessiert vielleicht den einen ober anderen Leser. Die größt« Bewunderung erregen Schnellrechner gewöhnlich mit der Kunst, hohe Wurzeln aus großen Zahlen zu ziehen. Wenn man sich aber auf eingehende Wurzeln beschränkt, ist es damit gar nicht so schlimm. Man stelle sich zunächst eine kleine Tabelle her, die in drei Rubriken die Zahlen von 1—10, die 3. Potenzen und die 5. Potenzen enthält. Es zeigt sich bann sofort, daß die 5. Potenzen in der letzten Ziffer immer die Grundzahl zeigen. Z. B.: 86 = 32 768. Darauf beruht das Folgende: 5__________ Gesucht sei V 1419 857. Die letzte Ziffer muß auch die letzte der gesuchten Wurzel sein, also 7. Da die Zahl der Hunberttausenbe 14 ist, liegt bie Zahl zwischen 10 und 20 (10 '= 1000 000), bie Wurzel ist also 17. Die menschlichen Schwächen der Mathematikbeflissenen, ihre angebliche Weltabgewanbiheit, ihre scheinbar« Unfähigkeit zu praktischem Denken sind von jeher bje Zielscheibe dichterischer «Satire gewesen. Der berühmte Roman von Swift, „Gullivers Reisen", von dem in Deutschland nur eine stark verkürzte Ausgabe für Kinder bekannt ist, enthält eine Reihe höchst amüsanter Episoden aus dem Leben Gullivers bei einem Volk von Mathematikern. Als er dort neu eingekleidet werden soll, erscheint der Schneider und nimmt zunächst mit einem Quadranten seine Höhe auf, dann beschreibt er mit einem Richtstab und mit Zirkeln seine Dimensionen und Umrisse, projiziert das Ganze auf einen Bogen Papier und brachte ihm nach sechs Tagen seine Kleider. Sie saßen nicht im Geringsten, denn der unglückliche Meister Zwirn hatte bei der Berechnung eine Zahl falsch gelesen. — Die Bewohner dieses Landes sind auch sonst recht interessant. Da sie nur bie reine Mathematik lieben, bie angewandte aber verabscheuen, beherrschen sie zwar den Umgang mit Formeln und Symbolen vollendet, ihre Häuser stehen jedoch schief und in keinem Zimmer gibt es rechte Winkel. Auch der mathematische Unterricht in diesem seltsamen Lande ist höchst merkwürdig: die Lehrfätze und Beweise werden auf Oblaten geschrieben und zwar mit Tinte aus Gehirnfarbstoff. Sie gelangen so in den Magen und steigen mit dem Gehirnfarbstoff direkt in den Kopf. Es gibt auch mathematische Phantastereien, die auf der sachgemäßen Verwendung regulärer mathematischer Methoden und Ueberlegungen beruhen. Ein sehr schönes Beispiel dafür ist die Idee einer Universalbibliothek, welche Kurd L a ß w i tz in seinen „modernen Märchen" auseinandergesetzt hat. — Nach den Gesetzen der Kombinatorik — eines Zweiges der Wahrscheinlichkeitsmathematik — kann man bei einer gegebenen Anzahl von Elementen (z. B. Buchstaben ober Zahlen) genau berechnen, wieviele Möglichkeiten ber Anordnung ober „Kombinationen' derselben vorhanden sind. So kann man z. B. aus den Buchstaben des Alphabetes eine sehr große Anzahl von Kombinationen bilden, unter denen schließlich auch alle nur möglichen Wörter vorkommen müssen. — Das ist die Grundlage für bas Folgende: Nehmen wir an, wir wollten etwa 100 verschiedene Zeichen für unsere Universalbibliothek benutzen, die großen und die kleinen Buchstaben des Alphabets, bie Ziffern, bie Interpunktionszeichen und fchließlich noch die Zwischenräume, bie der Setzer da anbringt, wo nichts steht. Jeber Banb ber Bücherei solle 500 Seiten mit 50 Buchstaben haben. Nach ben Formeln der Kombinatorik kann man nun bie Bändezahl leicht berechnen: Jeder Band hat 500X40X50 = 1000 000 Stellen für Satzzeichen. Der erste Platz kann, da es 100 verschieden« Zeichen sind, auf 100 verschiedene Weise besetzt werden. Der zweite gleichfalls usw. Wir erhallen also ioo1”’0'’*’ oder anders geschrieben IO20"000" verschiedene Sande. Diese Bibliothek enthält nun nicht nur jedes irgendmögliche Wort, sondern jede mögliche Zusammenstellung von Worten. D. h. alle Meisterwerke ber Welt würden darin enthalten sein und alles was irgendeinmal ein Mensch noch schreiben könnte. — Leider aber auch außerdem dieselben Werke mit allen möglichen Druckfehlern. Ein« eigenartige Bibliothek fürwahr, deren größter Fehler leider ihre Größe sein würde. Wenn wir nämlich den Band auch nur 2 Zentimeter breit machen würden, so würden die Bücher nebeneinanberstehenb eine unvorstellbar große Strecke ausmachen. Rehmen wir an, ein Bibliothekar wolle uns einen Band leihen, und er würde mit Lichtgeschwindigkeit (pro Sekunde 300 000 Kilometer) an seinen Büchern entlangsliegen, so hatte er nach zwei Jahren doch erst eine Trillion Bände abgesucht und hätte noch Bandtrillionen vor sich, die als Zahl geschrieben eine 1 mit 1999 982 Nullen ausmachen würden. _ Zum Schluß sei noch ein Beispiel eines logischen Trugschlusses genannt: Ein mächtiger Fürst hielt sich unerwünschte Besucher seines Par- kes auf eine einfache Weife fern: er ließ sie hinrichten. Nur bie Wahl ber Todesart gab er in ihre Hand. Jeder von den Ertappten hatte einfach einen Satz auszusprechen. War der Satz richtig, bann wurde er geköpft, war er falsch, dann wurde er gehängt. — Ein Geistesgegenwärtiger sagte nun: „Man wird mich hängen!" Und brachte dadurch seine Peiniger in schwerst« Not. Wenn sie ihn köpfen würden, hätten sie damit ihre Regel verletzt, da der Satz bann nicht mehr richtig gewesen wäre. Hängen dursten sie ihn aber ebensowenig, da bann ber Satz richtig gewesen wäre und sie ihn eigentlich hätten köpfen müssen. — Sie werden ihn also wahr- sch. inlich am L'ben gelassen haben, wenn nicht auch diese Geschichte dem Hirn eines mathematischen Scherzboldes entsprungen ist. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.