GiehenerZainilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger «Marn—"■■mwhfiwmn»ii m iiimnBtswwcaas^gBEgmu^wjMMuauMiasuaawwww«iMwraw».wawu^BraBuaaBEcsriimmmi i i ■ —uaiwii«« Jahrgang MV Mitas, den Y.Mai Nummer 56 Nacht im Frühling. Von Diemar M o e r i n g. Im Abendpark die Amsel schluchzt mit goldnem Schnabel traumverzückt, Sternbrunnen rauschen tief und wunderbar. Mondwandler gehn auf schwankem Pfad, mit Stirnen, bleich und weltentrückt — Die Frauen öffnen sehnsuchtweit dem Wind das strahlenschwere Haar. Blau glüht die Nacht in Vogelschall und sanft wie pfirsichwarmer Samt, Die Liebenden ruhn hold von Duft betäubt, Von süßem Duft, der zauberisch aus Blütengärten schäumend flammt. Aus hyazinthnen Kelchen schwärmend stäubt. Der Föhn, der junge Harfner, greift ins Saitenspiel mit Traumeshand, Der Wald, verschollen, rauscht befiedert auf — Weltchöre lodern hymnisch auf, in Lust und Schwermut heiß entbrannt, Akkorde schwingen groß im Sphärenlauf. Verschließ die Pforte! Laß das Haus! Ein Fremdling warst du nur am Ort! Ein Vogel lockt in meinem Blut ohn Ruh! O blaue Nacht! O Windesruf! Sternbrunnen rauschen immerfort — Die hohe Straße streift mein Pilgerschuh — Begegnung im Mai. Von Friedrich Schreyoogl. Copyright 1930 by I. L. A. Wien. Zu beiden Seiten der Praterallee grüßt das erste Grün der Bäume. Auf den Kieswegen durch die Wiesen leuchten weiße Kleider, ist Lachen, Fröhlichkeit und Verliebtheit. Die Stadt dämmert im Dunst der heißen Straßen; von hier schneiden nur ihre höchsten Mauern als sanfte Silhouetten in das Blau des Himmels. Ich gehe langsam die Fußwege, die sich seitwärts in Einsamkeit verlieren' Alle Verwundung des Lebens ist ferne. Namen sind plötzlich da und frühe Begegnungen. Begegnung im Mai! Ich war fünf Fahre alt und der Prater ein Wunder, das sich niemals erschöpfte. Straßenkehrer kehrten feierlich die breite Fahrbahn blank, auf der sich die Welt in ihrer Erhabenheit Stelldichein gab. Ein alter freundlicher Herr mit einem Adjutanten, der immer in fester Haltung blieb, wenn die Kappen vom Kopf flogen: Der Erzherzog Ludwig Viktor. Und der Herr Praterinspektor, der zwei Rappen hatte mit langen Schweifen, die im schnellen Fahren vom Wind zerzaust waren. Und der Wachmann am Praterstern, mit großem Säbel und unantastbarer Ruhe. Damals war die Welt so klar. Das waren große Herren, wie die Könige in dem Volkskalender der Köchin. Und alles paßte zusammen. Die Kappen, die voin Kopf flogen, die langschweisigen Pferde, der Säbel des Wachmanns. Eines Tages kam in diese reine Ordnung ein Riß, der seither nicht recht zugeheilt ist. Am Eingang des Praters, dort wo er zum Wurstelprater führt, stand ein Maronibrater. Seine Stufe in der Weltordnung war mir vom Anfang klar. Er hatte einen Ofen, der rote Glut sehen ließ, wenn ihm sein Herr mit Herrschermiene glänzende Kohlenstücke ins Feuer warf. Daneben stand ein Sack Maroni. Ein ganzer Sack! Fünf Maroni waren das Maß, für das ich kaltherzig meinen besten Freund verraten hatte. Ein Sack war für mich so viel, wie die Schlüssel der ganzen Welt besitzen ... Ein zweites kam dazu, das mich zugleich mit Staunen und mit vollster Bewunderung erfüllte. Der Maronibrater konnte sich selbst überwinden, er, wuchs sozusagen über seine eigene Größe hinaus. Im Mai stand der vsen dort, ohne daß er Kohle zu fressen bekam. Dafür lagen auf dem blitzend geputzten Rost Aepfel und über sauberem weißem Papier verzuckerte Früchte. Der Sommer und Winter hatten Frieden geschlossen und der Maronibrater stand wie ein unvergleichlicher Philosoph, über jwt und Veränderung erhaben, vor seinem Reich und teilte Gnaden aus. eines Tages traf das Fräulein, das mich spazieren führte, eine Bekannte n w ict) gewann einen Augenblick Freiheit, während sie sprachen. Ich pelite mich vor den Marvnimann und aus meinen Augen sprach ver- füllte 605 Übermaß an Bewunderung, das mein Herz zum Bersten ?er Herr des blanken Ofens grüßte patriarchalisch. „Willst du was?" > bekam eine Angst, die ebenso groß war, wie meine Beschämung. er wichtigste Augenblick meines fünfjährigen Lebens drohte ungenützt zu verrinnen. Der Maronibrater lächelte zwar gnädig. Aber ich hatte nicht einmal fünf Kreuzer, um einen schicklichen Vorwand für ein Gespräch herzustellen. Der Maronibrater kannte die Irrwege der kapitalistischen Welt und war ihrem niedrigen Götzendienst entrückt. „Komm her", sagte er und streckte mir seine breite Hand entgegen. „Grüß Gott, kleiner Mannt" Schritt für Schritt ging ich ihm entgegen. Ich kostete die Nähe des Gewaltigen wie ein Feinschmecker. Da kam das Fräulein auch schon im Laufschritt. „Rasch!" schrie fle und zog mich mit einem bösen Seitenblick auf den Maronibrater fort. „Steh nicht bei fremden Leuten herum!" Alles übrige verschwamm in Tränen. Die Welt war zum ersten Male erschüttert. Vor den wässrigen Augen tanzte das Tegetthos-Monumentz versank rasch der blanke, schwarze Ösen und der Mann, an den ich mich seither nicht wieder erinnere. Er hat bei dieser Szene traurige Augen gehabt, aber vielleicht denke ich es mir heute dazu. Im Prater selbst gab es einen alten Herrn, der alle Morgen einen großen mürben Wecken auf die Wege bröselte. Dann kamen die Spatzen und die Singvögel und der alte Herr stand glücklich unter ihnen. „Der Vogelfreund", sagte mein Fräulein mit dem anspruchsvollen Hochdeutsch, zu dem sie laut Zeugnis verpflichtet war. Der Vogelsreund strömte für mich unendliche Güte aus. Es war so traurig, daß die Vögel erschreckt aufflatterten und fortslogen, wenn man in ihre Nähe kam- Das war so eine deutliche Abwehr und Abneigung. Der Vogelfreund hatte eine geheimnisvolle Kraft, die diesen Fluch überwand. Es war nicht das mürbe Brot allein. Eine höhere Gnade umspielte das tägliche Bild, machte den Morgen freundlich und die Welt gut. Eines Tages kam der Vogelsreund und trug einen kleinen Hund am Arm, der zärtlich die Hand leckte, die ihn behutsam streichelte. Bor dem Eingang des Praters setzte er das kleine Tier aus die Erde. Es machte hilflose, lustige Bewegungen und schmiegte sich auf den Boden, der von der Maiensonne warm und hell war. Der Wachmann kam dazu, freute sich einen Augenblick, dann wurde er amtlich. Er sah scharf auf den kleinen Hund und fragte sehr streng: „Hat der Hund eine Marke? Wem gehört er?" Der Vogelsreund schluckte erschrocken. „Ich habe ihn gefunden", sagte er. „Ich weiß nicht." Der Wachmann war wie die fleischgewordene Ordnung: „Dann haben Sie ihn beim Fundamt abzugeben. Verstanden?" Der Vogelfreund sah mit Furcht, wie der Wachmann das Notizbuch zog. Eine Amtshandlung begann: Das Fräulein zog mich fort und ich weiß nichts über ihren Ausgang. Aber die Welt hatte ihren zweiten Riß. Der bewunderte Wachmanu, die feierliche Ordnung stand jedenfalls im Widerspruch mit der Güte. Sie verstanden sich nicht. Zum ersten Male begreift man das so schwer. Den dritten Riß bekam mein Herz und die Welt noch in der gleichen Woche. Ich saß in der Nähe des Konstantinhügels im Gras und grub mit einem alten silbernen Suppenlöffel, den man mir dazu geschenkt hatte, in der feuchten Erde. Das Fräulein saß mit einer Handarbeit aus einer Bank und war in ein Gespräch vertieft. Da spazierte das Wunder vorbei. Ein kleines Mädchen. Blonde Haar« waren wie ein Goldschein um ein Gesicht von solcher Kinderschönhett gelegt, daß noch heute meine Träume um jenes Bild schweben. Das kleine Müderl ging vorbei, sah neugierig auf meinen silbernen Lössel und blieb bei dem nächsten Fliederbusch stehen. Ich stand langsam auf, hatte richtiges Herzklopfen und wartete. Wir sprachen irgendein Kindergespräch. Ich weiß keines, das mich im Leben wieder so glüMch gemacht hat. Dann huschte das Mäderl fort. Erna! Am nächsten Tag wollte das Fräulein nicht zum Konftantinhügel. In mir war abgrundtiefe Verzweiflung. Die Äugen waren sofort voll Tränen. Ich erinnere mich nicht, wie ich es angestellt habe, aber schließlich saß ich doch wieder mit meinem silbernen Löffel am alten Platz. O dieses erste Warten! Nach einer Stunde gingen wir heim. Als wir in die Hauptallee kamen, fuhr gerade ein schöner Wagen mit Gummirädern vorbei. Der Kutscher trug einen matten Zylinder und der lang« Schweif der Schimmel flog im Wind. Im Wagen aber saß — meine kleine Freundin und suchte mit unruhigen Augen etwas auf dem Fußsteig. Sicherlich mich, wie ich noch heute meine ... , „Fräulein!" schrie ich in Herzensangst und zeigte der Erzieherin den Wagen. Der war schon weit fort und bog fern auf den Praterstern. Noch einmal sah ich den kleinen blonden Kopf, dann war er vorbei. Ich habe ein paar Monate lang gewartet und vor jedem kleinen Mädchen, das ein ähnliches Kleid trug, hat mein Herz gezittert. Aber ich habe eigentlich doch gewußt, daß das rasche Fortsahren das Richtige war, daß das irgendwie das Leben ist, das mich damals früh gegrüßt hat. Warum ich das erzähle? Rollen. Von Georg Hirschfeld. Menschen nicht vergessen können — das steht auf dem großen Blatt der Liebe und der Trauer. Menschen nicht vergeßen wollen — oft hat man es sich zum Gesetz gemacht, aber das Tempo unseres Daseins schiebt Bild auf Bild, und wir verzichten schließlich auf das Erinnern, nur um " Weik das ganze Leben, das mich, wie feden andern seither fest in die Zügel genommen, verwundet und von tausend Wiesen der Sehnsucht aejaqt hat, sich eigentlich in solchen Begegnungen abspielt Der Maronibrater, der ein Niemand und doch ders Klügste ist, Voaelsreund und der Wachmann, das kleine blonde Maderl, das davon- sührt, sind mir hundertmal mit. hundert verschiedenen Gesichtern be- b^Nur einmal aber zeigen sie sich, so daß man sic nie vergißt. Man sicht das Leben durch die ersten Risse, die die Welt bekommt, bis sie Man ^begegnet ihnen niemals so wie im Mai und wenn man erst fünf Jahre von der seligen Insel der Ungeborenen verbannt ist. Men Gregers Werke noch einmal cmsMg werden. Von Wehrhahn, der Amtsvorsteher, schwingt sein langes Bleististzepter, unbelehrbar, und der ergraute Gatte von Schnitzlers „Gefährtin" hebt noch einmal die Lampe, Abschied nehmend von Lebenswert und Wahn. Aber ein Trost für uns, die wir hoffentlich noch lange Zuschauer sein können — zujchauen bedeutet ja ruhen nach dem Lebenskämpfe , ein Trost ist das Heraufbeschwören einstiger Großtaten derer, die auch heute noch wirken, Altmeister ihrer Kunst. Ich glaube nicht, daß unsere Jugend skeptisch fragt: „Wer war Else Lehmann?" Dieses Frauenbild lebt so in den Vätern und Müttern weiter, daß sein Segen den ^Kindern ms Blut gegangen sein muh. Im Leiden und Lachen unserer Gereisten lebt das Zucken dieses kleinen Mundes, der tiefe, kampfbereite Volksblick, der Ueber- mut und die wilde Anklage einer unvergeßlichen Frau. — Elfe Lehmann als Mutter John und Mutter Wolff, als Hanne Schäl — sie hegte mit dem Dichter der „Ratten", des „Biberpelzes" und des Fuhrmann Henschel". Else Lehmann als Elsa Rentheim ins Ibsens „John Gabriel Bortman" offenbarte, was tausendfach in dunklen Lebensgangen mißbrauchter Frauenliebe schlief. Hört ihr die helle Stimme noch, den Naturton zwischen Polen und Berlin, rauhsüh gemischt? Wrr Aelteren Horen sie und — ein kleines Wunder — die Jungen glauben sie zu Horen. Das Geniale bleibt eben immer das Mögliche — hier kann nichts sterben. Und zwei andere Lebende noch — vergeßt nicht, was sie euch waren, während ihr wißt, was sie euch sind. Der eine freilich erscheint nur noch zuweilen im Filnr und letzthin plötzlich als Spielleiter — Rudolf R i tt- n e r der schlesische Naturlaut. Von einem Vorfall wird erzählt, der sich vor kurzem zugetragen hat, ein Blitzlicht auf Mimenruhm, eine kleine große Szene, Lächeln und Tränen weckend. Zu einer künstlerischen Veranstaltung wurde Rudolf Rittner erwartet, zu neuer Betätigung nach langem langem Fernsein. Die Veranstalter der Sache waren alle ,ung und „heutig", — aus dieser Generation — sie riesen den großen Namen eines vechzigjährigen, sie „kannten" ihn selber nicht. Als nun die Ankunft heranrückte, stand man ratlos vor der Aufgabe: wie ihn erwarten und vom Bahnhof abholen, da niemand wußte, wie er aussieht. Zum Glück half da ein „Aelterer" aus der peinlichen Not, ein Freund und Gefährte des Künstlers, doch im Gegensatz zu ihm auf dem Kampfplatz des Tages geblieben. Den bat man innig, er möge doch Rittner empfangen 'denn er „kenne" ihn ja. So gab es zugleich ein wunderhübsches Wiedersehen. Aber der Retter mag den Bedrängten im Geiste zugerufen haben: Seht ihr wirklich nichts mehr von Oswald Alving und Moritz Jäger, von Fuhrmann Henschel und Waldschrat, von Florian Geyer und Nikita, dem Bekenner Rußlands? Ich trage sie alle noch rn mir und ich glaube, sie sind auch in euch, zu jeder Stunde, die euch wahre Kunst Der schöne, grauhaarige Wanderer Albert Basse rmann freilich sorgt immer wieder dafür, daß man ihn gewandelt und doch in seinem ebendigen Zauber sieht. Diese brechende und stählerne Stimme klingt weiter durch Mode und Zeit, diese junge Gestalt dient unveränderlich den Gestalten. Ein echter Schauspieler, läßt er Vergangenes sinken, um I ganz gegenwärtig zu fein. Aber man sollte dafür aufheben, im Licht I der Erinnerung, was er verschwendend auf seinem Wcge fallen ließ. Man sollte ihm danken, indem man ihn sich selbst beschwort. Der Bas ermann von heute ist noch der von ehedem — aber seht,hr feinen Volksfeind seinen Bernick, feinen Bubek, all diese lebensnahen und fernen Sym'bolgestalten Ibsens nicht mehr? Wißt ihr nicht, was Stephan von Sala einst, in Artur Schnitzlers „Emiren Weg , den Ze,genostn offenbarte^ Es gilt noch heute: em Menschenbild des abseitigen Wehs, auf tausend schimmernden Stufen in die Unterwelt hinabsteigend Dem I Schauspieler eine Rolle — dem Zuschauer ein Besitz im Schwankenden, I eine Bereicherung seines Wissens, eine Gestalt. 3U Egoist vielleicht besser so, um dem Wert der Stunde Raum zu schaffen. Das Gegenwärtige wird immer mehr das Wirkliche. Nur schade, sehr schade ist es um die großen Typen die uns zusammenfaßcnd von der Schauspielkunst hingestellt worden sind. Hier manifestierte sich ein höheres Leben und ein höheres Erinnern folgte ihm nach. Theater — wir vec- aeffen es scheinbar leichter als Erlebtes und doch leuchten feine besten Gestalten aus dem dunklen Gewimmel der Wirklichkeit vor uns auf. Es ist ein Dank, eine der Schöpferkraft verwandte Freude mit den Erinnerungen verbunden. Ob ihr Träger, ein großes Darstellungstaleut, noch unter den Lebendigen weilt oder nicht — das Menfchendafein auf der Bühne hat uns als erregte Zuschauer gesehen, wir fühlen uns gebannt und zugleich befreit, wir konnten uns hier selbst einmal Beuten. Wenn wir auf die bunte, kunsthandwerkliche Schnelligkeit unseres gegenwärtigen Theaters blicken, ist der Zweifel berechtigt, ob aus ihm so viele Gestalten ins Unvergeßliche einkehren werden, wie die altere, grundlegende Bühne sie geschaffen hat. Revue und Film machten den Verwandlungskünstler in der schauspielerischen Individualität frei. Zwischen seinen Aufgaben wie nach Kleidern und Masken greifend steht er immer persönlich erkennbar, ein Proteus der Bühne, der Erscheinung mehr als der Seele verpflichtet. Beschäftigung der Sinne, Wandlung, Spannung Witz — das sind die Wirkungsfaktoren, denen der heutige Schauspieler dient. Wohl hat sich Max Reinhardt erst kürzlich wieder ganz für den Ewigkeitswert der Menschengestaltung ausgesprochen — aber diese großen Regisseure kommen ja noch von der älteren, grundlegenden Bühne her und verjüngen sich in der Jugend 1 Wir sahen als Kinder in einem Zimmer, dessen Wände Faimlien- bilder trugen — schlichte Ovale, gestellte Gestalten im feierlichen Anzug der feierlichen Angelegenheit Photographie. Die Großeltern, Biedermeierköpfe mit gewellten Frisuren, schweren Krawatten, Seidentaillen, Hauben. Feine, etwas blasse Köpfe mit der sprechenden Schwermut im Blick: nach uns die Welt des Verkehrs. Dann all die Onkels und Tanten, allmählich moderner werdend, die Kinder, mit seltsamen Schuhen und Höschen, für uns nun ergraute Respektpersonen. Aus all diesen gestellten Gestalten sah uns doch gebietend das echte Leben an Wir erkannten in den Familienbildern zuerst die Typen der Menschheit. Ob es noch heute so ist — für die Kinder der Gegenwart? Die Familie wird zwar nicht abgeschafft, aber Pietät erlischt im Unterbewußtsein, und der schlichte Kultus des Erinnerungsbildes weicht dem Radioapparat. Man hört Neuyork und ist froh, nicht mehr von Biedermeierkopfen und 1 -qx«»« x-r OflFtrinta sprechender Schwermut angesehen zu werden. OaS OCF MW’«!«». Aber ihre Nachfolge, reicher an Menfchenlehre und Symbolik fee- I Von Pros. Dr. I. Klinghardt, Berlin. lischer Bern d f ) f, ,, *, '„t-i ...... »nntnn I Sin den Arbeiten über die Osterinsel heißt es oft: das mitten im südlichen der um schlichte Lebensdarstellung bemühten. Man kann, von der ovalen I Qn Q zum Photographen Die Oster nicilfyat nach twn neueren jungen «e I ,h geschickt wurde. Dort aber, durch die Dämmerung des Herbsttage^ wan- | 170 QuabraHtlometerBon ben na^tflelegene ) ^iloinekr dein der König Alfons, der Cyrano, der Misanthrop des Josef Kainz niedrigen Gamb.er-Jnseln^rennt sie eine Entfernung von n —- hier staunen die alten Familienköpfe nur und weisen bescheiden die j und eine Strecke von etwas über 3200 Kilometer Boni n AI 9 8 geringste Verwandtschaft zurück. Dennoch sind sie durch eine luftige Brücke SefHanb, ber Stifte !nMfäe'^aae ber £merin"el nur mit ihm verbunden, der wie kein anderer nach ihm den Fürsten, den deutete Kartenbild zeigt daß b'^9eographlche -age .ter I Dichter und den tragikomischen Wahrbeitskämpfer darstellen konnte. Vor ein Extrem ift, aber md)i: «ufierbalb aUer erfcjrungen ber Keit der technischen Wunder — ach, in einer so langsamen, erleiden- !• Berühmtheit verdankt das Eiland, abgesehen von "vn yoyen B I den, beseligt seelischen Zeit. Vorbei? Doch nicht ganz — und wohl aus mächtigen Gimbern, die hier »1^ naher besproch-n werb^ n ko niemals gänzlich. Eines unmöglichen Rückzwanges in Postkutschentage ben gewaltigen Steinbenkmalern, von denen es dort noch mmdeften bedarf es nicht — nur eines Aufflammens von Kainz-Bildern, und wenn I gibt, und ferner ben Schrifttafeln. mntnnefien das nicht mehr in lebenden fein kann, eines frommen Glaubenwollens Zunächst fragen tmr■: ßiegt ein ^^hnrtiaei Eingeborenen? an königliche Menschen, auch bei Autohupen und Jazzband. I her ,m Rahmen der «chiffahrts-Erfahrungen der dortigen. EmMvore Roch sind es viele, viele, zu denen man von Schauspielern früherer ! Noch heute gibt es in den Fernen der Sudsee Stamme von her 9,, Generationen sprechen darf, denen sie kein leerer Namensschall, kein histo- | der Seetüchtigkeit und glanzendem Oriei,tierungsvermogen. H I & rischer Staub geworben. Es handelt sich ja gar nicht um die „Aelteren", | an die Stabkarten der Marshall-Insulaner, in denen sog r weil sic jung geblieben sind in ihren wachen, erinnerungsstarken Herzen. I gebiete und Gegenden ungünstiger Strömungen eingetragen smo,^ Seht ihr Oskar Sauer noch vor euch, den seltenen Zauberer, Lebens- I Bekannt ist ferner, daß Madagaskar vom malaylfchen ArchiP , kunstler und Enterbten, in seiner Seelenenergie, des versagenden Körpers I scheinlich von Sumatra aus, besiedelt wurde. Von bem|elbe Herr? Diese dunklen, strafend ober entsetzt, spöttisch ober schwärmerisch I erreichten wohl auch kühne malayische Seefahrer — „meu / geöffneten Augen sollten unser Leben nie verlassen. Wir lächeln im I Samoa — bie ha maischen Inseln. Nun verstehen die Subsee-a ■ Schmerz, wenn wir den Gerichtsrat Brack wiedersehen, den eleganten I die kulturell hoch über den Urauftraliern standen, Konserven YZi (jn, Zyniker, der todgeweihten Hedda Gabler gegenüber, wir greifen an de» I z. B. Fische zu konservieren, die in Blätter eines bestimmten -oa Kopf, zu fernen, hämmernden Gedanken, wenn wir des gezeichneten Jdca- 1 gewickelt werden, ferner hatten sie große Erfahrung m der gescyia nahm, vieler in Ge Ueber fast a Westei ber fd venhäi sich m gewiß zwar: ihnen eilige Tahiti aus dc Die ho dünne man fi künde Diese l I Köpfe Nm antiege ditionei man S werben, es dort ber Ost Kopf, t abbilbct und anl Schö Kiel un: zwar ke insel gel maßen ■ amerikai 3n i getürmt! die Inse alle aus höchst ar zur Hälf von eini» Weise de achtet ro. Forscher Eindruck nähme r handelt i etwa 90t Zeitraum Minimal oder in i Selbst w muß bie Figuren darum ui lassen un Frage entstaube gleichbar Planken i sich km N über und gen Einv es läßt fi die einen wahrschei stellungen auch wese Bildhauer 3eber, bei betrachtet, Zeichen ei ungeheiie, gefiinden. der Singe Siianb vo den, auf konisches Etig sind wn ben € Andeutun sich getege eine geolo Die st, anprall a von der A schnell vor von jeder sich finden Hohlkehlen Nicht, daki M'wnri Icher Bulb > l t 5 )- te n el ß° r- m n. 'N. !N, )d) t- H4 ine er- ach mg nen lln- :ten (um und llatz mp= ches ufen toritz und und Eunft eilich inem klingt erlich ., um Licht lieh. aller- Zolks- ernen t von tojjcn Wehs, Dem >nden, ig von n, ben ometer egenen i ant über sulan-r, ustell«". nnftmc von Trinkwasfer. Endlich sind In der Skidsee die Auslegerboote niet'r Stämme trefflich gebaut, auch Segel, sogar drehbare Masten, waren in Lebrauch. Wie viele Naturvölker, so haben auch die Osterinsulaner alte Ueberlieferungen gewissenhaft aufbewahrt. Diese alten Berichte stimmen säst ausnahmslos darin überein, daß die ersten Bestedler der Insel von Westen kamen. Schon dem großen Meefahrer Cook — also lange vor der scheußlichen Wegschleppung voll Eingeborenen durch chilenische Sklavenhändler um 1860 — war es aufgefallen, daß sein Begleiter von Tahiti sich mühelos mit den Eingeborenen unterhalten konnte und es ist doch gewiß kein Zufall, daß es auf Tahiti steinerne Ahnenfiguren gibt, die »war wesentlich kleiner als die Kolosse der Osterinsel sind, aber doch mit ihnen verglichen werden können. Daraus soll nun nicht der etwas voreilige Schluß gezogen werden, die Ureinwohner der Insel seien von Tahiti selbst gekommen, es ist nur ein wertvoller Wink auf die Richtung, ous der die ersten Siedler kamen. Aber es gibt noch weitere Hinweise. Die holzgeschnitzten Figuren der Osterinsulaner sind äußerst hager, haben dünne Arme und einen ausgesprochen semitischen Typus. Davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man im Berliner Museum für Völkerkunde den Schrank mit den Kunstwerken der Osterinsulaner betrachtet. Diese Typs zeigen in extremer Weise auch einige aus Tuff gemeißelte Köpfe von der Insel. Nun finden sich auf Neu-Guinea holzgeschnitzte Ahnenfiguren mit eng anliegenden Armen und semitischen Gesichtszügen. Bei den letzten Expeditionen, die ins unerforschte Gebiet der Rieseninsel vorstießen, entdeckte man Stämme von rein semitischen Zügen. Es muh also damit gerechnet ©erben, daß von diesem weiten Jnselgebiet kühne Seefahrer — diese gibt es dort noch heute —■ über Melanesien bis zu den einsamsten Gestaden der Osterinsel vordrangen. Auch andere Arbeiten, wie der holzgeschnitzte Kopf, den Knoche in seinem grundlegenden Buch Über die Osterinsel abbildet, erinnern den Verfasser an Kunstbetätigungen aus Neu-Guinea und anliegenden Inseln. Schädel von Osterinsulanern werden zur Zeit von Prof. Aichel in Kiel untersucht; nach freundlicher Mitteilung dieses Forschers zeigen diese zwar keine Beziehungen zu Melanesien, aber doch zu westlich der Osterinsel gelegenen Gebieten. In der Tat sind bis jetzt keine auch nur einigermaßen sichere Anzeichen von Beziehungen der Insel nach Osten zur süd- amerikanischen Küste bekannt. In noch höherem Maße als die hölzernen Kunstwerke können die getürmten Steindenkmäler zur Lösung des geheimnisvollen Schleiers, der dje Insel noch immer umweht, herangezogen werden. Die Statuen sind alle aus ein und demselben vulkanischen Gestein (mit Ausnahme der höchst ausfälligen Kopfbedeckungen), ja man kennt solche Bildnisse, die erst zur Hälfte aus dem Fels herausgehauen sind. Die fertigen Statuen stehen, von einigen wenigen abgesehen, nah beieinander. Sie sind also in gleicher Weise der Verwitterung ausgesetzt. Diese kann darum besonders gut beobachtet werden, weil die wuchtigen Figuren, die auf frühere wie heutige Forscher mit ihren monumentalen Maßen einen geradezu faszinierenden Eindruck machen, auch auf der Rückseite Skulpturen zeigen. Ist die Annahme richtig, daß es sich hier um eine Verherrlichung von Herrschern handelt und rechnet man für jeden Regenten 30 Jahre, so kommt man auf etwa 9000 Jahre. Nimmt man nur 15 Jahre an, so erhält man einen Zeitraum von 4500 Jahren. Dabei ist die Zahl von 300 Statuen nur ein Minimalwert, denn wieoiele gestürzte Statuen noch in der Erde ruhen ober in die verschiedenen Museen der Erde gekommen sind, ist unbekannt. Selbst wenn man mit dem eben genannten kürzesten Zeitraum rechnet, muh die Einwirkung von Wind und Wetter, die Erosion, die ältesten Figuren stärker als die jüngeren angegriffen haben. Der Verfasser schlägt darum vor, alle Statuen genau auf Erosionserscheinungen untersuchen zu lassen und entsprechende chronologische Tabellen anzufertigen. Fragen wir uns nun, wie ist die Schrift wohl auf der winzigen Insel entstanden? Es handelt sich um äußerst zierliche Buchstaben, durchaus vergleichbar den Hieroglyphen der alten Aegypter, die in Holztafeln, Schiffs- planken ufw. eingeritzt wurden. Einzig dastehend ist ein Hohlzylinder, der sich km Naturhistorischen Museum zu Santiago de Chile befindet und der über und über mit feinen Schriftzeichen bedeckt ist. Keiner von den heutigen Einwohnern der Insel kann die geheimnisvollen Schrifttafeln lesen, es läßt sich aber durch die Untersuchungen des Ehepaars Routledge, die eineinhalb Jahre auf der Insel weilten (kurz vor dem Weltkrieg), wahrscheinlich machen, daß ein sehr alter Einwohner noch gewisse Vorstellungen vom Inhalt der Tafeln hatte. In diesem Zusammenhang ist es auch wesentlich, daß die Einwohner Frau Routledge noch die Namen der Bildhauer nebst ihren heute noch lebenden Verwandten angeben konnten. Jeder, der diese Schriftproben z. B. im Berliner Museum für Völkerkunde betrachtet, wird überzeugt fein, daß die ausfällig regelmäßigen Schrisi- zeichen eine sehr lange Entwicklung hinter sich haben. Nirgends in den ungeheueren Weiten von Australien und Polynesien hat man dergleichen gesunden. Es ist nun bei aller Anerkennung der vielseitigen Begabung dec Eingeborenen sehr unwahrscheinlich, daß diese Fertigkeiten auf einem Eiland von 170 Quadratkilometer entstanden. Auch hier soll probiert werden, auf geologischem Wege weiter zu kommen. Die Insel ist rein vulkanisches Gebilde, überaus reich an Vulkankratern, die heute nicht mehr tätig sind. Es wäre nun durch Grabungen festzustellen, ob und welche von den Statuen von jungen vulkanischen Auswürflingen umhüllt werden. Andeutungen, daß manche Kolosse in vulkanischem Material stehen, finden sich gelegentlich in der Literatur, sie sind aber zu allgemein gehalten, um eine geologische Anschauung zu geben. Die steil in die Tiefe stürzende Insel wird sehr stark vom Wogen- «nprall angegriffen. Die Verkleinerung der Insel schreitet — abgesehen von der Weichheit der meisten vulkanischen Tuffe — auch darum besonders ichnell vorwärts, weil die weiten und zahlreichen Höhlen des Küstengebiets ?.°,n .jeder größeren Flut bedroht werden und oft zusammenbrechen. End- ^.ll1b€n l'ch auf der Insel in 15 bis 20 Meter Höhe noch Brandungs- A,°vhlen, die auf starke Bodenbewegungen hindeuten. Dem widerspricht io?» gegenwärtig eine gewisse seismische Ruhe herrscht. Im Jahre wurden bei dem Felsen San Felix y San Ambrosio ein untermeeri- i“>er Vulkanausbruch beobachtet, das Meer schien zu kochen und durch die Eruption wurden zahlreiche Meerestiere und sogar Vögel getötet. In dem — geologisch gesprochen — nicht weit entfernten Gebiet der Robinson- Insel wurden wiederholt unterseeische Ausbrüche und Bodenerscheinungen beobachtet. Aus den angegebenen Gründen geht hervor, daß die Insel früher ganz andere Ausmaße als heutigen Tages gehabt haben muß, mindestens ein mehrfaches der heutigen Größe. Die mehrfach aufgestellte Behauptung, daß in der Gegend der Osterinsel ein Kontinent versunken sei, ist durchaus unbegründet, lassen sich doch nicht einmal untermeerische Gebirge dort nachweisen. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Problem der Osterinsel auf geologischem Wege seiner Lösung näher gebracht werden kann. Pique-Dame. Novelle von Alexander S. Puschkin. (Fortsetzung.) „Eine Bitte, mein Kind", sagte Lisaweta Iwanowna, durch diese Bemerkung aufgebracht. „Bringen Sie mir keine Briefe mehr! Und dem, der Sie geschickt hat, sagen Sie, er solle sich schämen ..." Aber Hermann lieh nicht nach. Lisaweta Iwanowna erhielt von ihm jeden Tag einen Brief, auf diese oder jene Art. Sie waren nicht mehr aus dem Deutschen Übersetzt. Hermann schrieb sie von Leidenschaft erglüht und sprach darin mit seiner eigenen Zunge; in ihnen fand beides feinen Ausdruck: sowohl die Unabänderlichkeit seines Entschlusses, als auch die Wirrnis seiner ungezügelten Einbildungskraft. Lisaweta Iwanowna dachte nicht mehr daran, sie zurückzuschicken; ihre Seele trank sie, sie begann pe zu beantworten, und ihre Briefe wurden von mal zu mal länger und inniger. Endlich warf sie ihm eines Tages folgenden Brief zum Fenster heraus: Heute ist Ball beim Gesandten ***. Die Gräfin wird dort fein. Wir bleiben bis zwei Uhr. Ihnen ist eine Gelegenheit gegeben, mich allein zu sehen. Sowie die Gräfin bas Palais verlassen hat, gehen ihre Leute gewöhnlich auseinander. Im Hausflur bleibt nur der Portier. Doch auch er geht meist in feine Kammer. Kommen Sie um halb zwölf Uhr! Gehen Sie geradeaus die Treppe hinauf! Wenn Sie, jemandem im Flur begegnen, so fragen Sie, ob die Gräfin zu Hause sei. Man wird Ihnen „nein" sagen — dann ist nichts zu machen und Sie müssen umkehren. Wahrscheinlich aber werden Sie niemanbem begegnen. Die Mädchen sind alle zusammen in einem Zimmer. Aus dem Vorzimmer treten Sie nach links und gehen geradeaus in das Schlafzimmer der Gräfin. Dort sehen Sie hinter Wandschirmen zwei kleine Türen: die rechts führt ins Kabinett, wohin die Gräfin niemals kommt, links die Tür führt in ben Korribor, bort sehen Sie eine schmale Wendeltreppe: diese führt in mein Zimmer." Hermann bebte wie ein Tiger, indem er auf die ihm bezeichnete Stunde wartete. Um zehn Uhr abends stand er schon vor dem Haus der Gräfin. Das Wetter war schrecklich; der Wind sauste, nasser Schnee fiel in Flocken; die Laternen leuchteten düster; die Straßen waren leer. Ab und zu fuhr eine Droschke, darinnen ein verspäteter Gast saß, von einem mageren Gaul gezogen, vorbei. Hermann hatte nur einen Ueberzieher an, er spürte weder Wind noch Schnee. Endlich fuhr der Wagen der Gräfin vor. Hermann sah zu, wie die Lakaien auf den Händen eine bucklige Greisin, ganz in einen Zobel gehüllt, in ben Wagen trugen und wie gleich nach ihr im leichten Mantel, frische Blumen im Haar, das Gesellschaftsfräulein hineinhuschte. Die Wagentür fiel zu. Der Wagen begann schwer über ben bünnen Schnee zu rollen. Der Portier schloß das Tor. Die Fenster erloschen. Hermann begann um bas leere Haus herumzugehen. Er trat zu einer Laterne, sah nach der Uhr; es zwar zwanzig Minuten nach elf. Er blieb bei der Laterne stehen, folgte mit dem Auge dem Uhrzeiger und wartete, bis die Minuten vorbei waren. Punkt halb zwölf trat Hermann auf die Rampe des gräflichen Hauses und ging in ben grell erleuchteten Hausflur hinein. Der Portier war nicht zu sehen. Hermann ging bie Treppe hinauf, öffnete bie Tür ins Vorzimmer und fah hier einen Diener, unter der Lampe schlafend, in einem altmodischen, beschmutzten Lehnsessel. Leichten und sicheren Schrittes ging Hermann an ihm vorbei. Der Saal und das Speisezimmer waren dunkel. Eine Lampe aus dem Vorzimmer beleuchtete sie schwach. Hermann ging ins Schlafzimmer. Vor dem Heiligenschrein, der mit alten Bildern behängt war, brannte eine goldene Lampe. Verschossene Fauteuils, an denen die Vergoldung schon abfiel, und Sofas mit großen Kissen standen traurig der Reihe nach an den mit chinesischen Tapeten behängten Wänden entlang. Hier hingen auch zwei Porträts, von Lebrun gemalt Eines stellte einen vierzigjährigen Mann bar, rot und dick, in grüner Uniform, mit dem Stern; das andere eine junge Schönheit mit kühn geschwungener Nase, die Schläfenhaare heraufgekämmt, eine Rose in ben gepuderten Locken. Alle Winkel und Ecken waren angefüllt mit Hirtenfzenen «us Porzellan, Stehuhren, Werken des berühmten Leroy, kleinen Körben, Rouletten, Fächern und anderen Nippes eines Frauensalons, Erfindungen bes verflossenen Jahrhunberts fo gut wie bet Montgolfiersche Ballon und der Mesmersche Magnetismus. Hermann trat hinter ben Schirm. Da staub ein kleines eisernes Bett. Rechts befanb sich bie Tür ins Kabinett; links bie in ben Korridor. Hermann öffnete diese, sah bie schmale Wendeltreppe, bie von hier ins Zimmer ber Lisaweta Iwanowna führte. Aber er kehrte um unb ging ins buntle Kabinett. Die Zeit dehnte sich enblos. Alles war still. Im Speisezimmer schlug es zwölf Uhr, in allen Zimmern schlugen bie Uhren eine nach der anderen — unb alles warb wieder in Schweigen getaucht. Hermann stand da, an einen kalten Ofen gelehnt. Er war ruhig, das Herz schlug gleichmäßig wie bei einem Menschen, ber zu etwas Gefährlichem, aber durchaus Notwendigem entschlossen ist. Die Uhr schlug zwei Uhr, von weitem horte er das Änrollen des Wagens. Eine unfreiwillige Unruhe überkam ihn. Der Wagen fuhr vor und hielt an. Er hörte, wie ber Wagentritt herunter- qelaffen würbe. Im Hause würbe es unruhig. Leute gingen, Stimmen würben laut, das Haus erhellte sich. Ins Schlafzimmer traten drei alte Stubenmädchen, die Gräfin folgte ihnen, halb tot, unb ließ sich in einen großen Fauteuil fallen. Hermann fah durch eine Ritze. Lisaweta Iwanowna ging an ihm vorbei. Hermann hörte ihre Schritte bie Wendel- zu Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. —Druck und Verlag: Vrühl'sch« UntversitätS-Buch- und Steindruckerei,'^l. Lange, Giebel „Und wer ist dieser merkwürdige Mensch?" „Er heißt Hermann." Lisaweta Iwanowna sagte nichts, aber ihre Hände und Füße wurden Eis. den Ton feiner Stimm« vernommen, noch nie von ihm gehört — bis diesem Abend. Merkwürdiges Zusammentreffen! An diesem selben Abend beim Ball hatte Tomski — er war auf die junge Fürstin Pauline *** böse, weil sie gegen ihre Gewohnheit heute nicht mit ihm kokettierte, und wollte sich damit rächen, daß er ihr seine Gleichgültigkeit zeigte — ich sage, an diesem selben Abend hatte Tomski Lisaweta Iwanowna um einen Tanz gebeten und mit ihr dann eine endlos lange Mazurka getanzt. Während der ganzen Zeit nun neckte er sie wegen ihrer Leidenschaft zu dem Ingenieur, indem er sie glauben machte, daß er viel mehr wisse, als sie ahnen könnte, und einige von seinen Anspielungen waren in der Tat so richtig angebracht, daß Lisaweta Iwanowna einigemal glaubte, ihr Geheimnis wäre ihin bekannt. „Woher wissen Sie das alles?" fragte sie ihn lachend. „Von einem Freunde dieser gewissen Person", antwortete Tomski, „einem sehr merkwürdigen Menschen." „Dieser Hermann", fuhr Tomski fort, „ist wahrhaftig eine Figur wie aus einem Roman: er hat das Profil Napoleons und die Seele des Mephistopheles. Ich glaube, auf feiner Seele liegen mindestens drei Verbrechen. Wie Sie bleich geworden sind!" „Mir tut der Kopf weh ... Was sagte Ihnen Hermann ... oder wie Sie ihn nennen?" „Hermann ist sehr unzufrieden mit seinem Freund: er sagt, daß er an dessen Stelle ganz anders vorgegangen wäre ... Ich glaube, daß Hermann selber auf Sie Absichten hat: mindestens hörte er keineswegs gleichgültig die Ergüsse seines verliebten Freundes an." „Und wo hat er mich denn gesehen?" „Möglich in der Kirche oder beim Spazierenfahren. Gott weiß, viel- leicht in'Ihrem Zimmer, während Sie schliefen; von ihm ist ..." Drei Damen kamen an sie heran und unterbrachen das Gespräch, das so qualvoll die Neugier von Lisaweta Iwanowna erregt hatte. Die Dame, die von Tomski gewählt wurde, war die Fürstin *** selber. Es gelang ihr, indem sie zusammen einigemal auf- und abgingen, sich mit ihm auszusprechen, denn als Tomski an seinen Platz zurückkehrte, dachte er schon nicht mehr an Hermann und an Lisaweta Iwanowna. Sie versuchte das unterbrochene Gespräch fortzuführen, doch die Mazurka war zu Ende, und die alte Gräfin fuhr bald darauf weg. Was Tomski gesagt hatte, war im Grunde nicht mehr als so ein Gespräch während einer Mazurka; aber es blieb tief in der Seele der jungen Träumerin haften. Das Porträt, das Tomski von ihm gezeichnet hatte, ähnelte dem, das sie sich von ihm gemacht hatte, und dank auch den neuesten Romanen erschreckte und fesselte es zugleich ihre Einbildungskraft. Sie faß da, die nackten Arme gekreuzt, deir mit Blumen geschmückten Kopf auf die Brust gesenkt ... Plötzlich ging die Tür auf, und Hermann trat ein ... Sie erbebte. „Wo waren Sie so lange?" fragte sie ihn mit erschrockenem Flüstern. „In, Schlafzimmer bei der alten Gräfin", antwortete Hermann. ,Jch komme eben von ihr. Die Gräfin ist tot." „Mein Gott! was sagen Sie?" „Und es scheint", fuhr Hermann fort, „daß ich die Ursache ihres Todes bin!" Lisaweta Iwanowna sah ihn an, und die Worte Tomskis wurden in ihrer Seele laut: Dieser Mensch hat mindestens drei Verbrechen auf der Seele. Hermann setzte sich ans Fenster neben sie und erzählte. Lisaweta Iwanowna hörte ihm entsetzt zu. So waren also diese leidenschaftlichen Briefe, diese flammenden Bitten, dieses sreche, unbeirrbare Nachsetzen — alles das war nicht Liebe. Geld — danach dürstete seine Seele. Aber sie konnte feinen Durst nicht löschen und ihn glücklich machen. Das arme Gefellschastsfräulein war ja nicht mehr als die Helfershelserin des Verbrechers, des Mörders ihrer alten Wohltäterin ... Bitter weinte sie jetzt in später, quälender Reue. Hermann sah sie schweigend an; mich sein iserz war schwer: aber nicht die Tränen des armen Mädchen, nicht die Schönheit ihres Schmerzes rührten die grausame Seele des I>mg- lings. Er empfand keine Gewissensbisse beim Gedanken an den To» der Greisin. Rur eines erschütterte ihn: der unwiederbringliche Verlust des Geheimnisses, von dem er Reichtum erwartet hatte. „Sie sind ein Ungeheuer", sagte endlich Lisaweta Iwanowna. „Ich wollte ja nicht ihren Tod", antwortete Hermann. „Die Pistole war nicht geladen." Beide schwiegen. e Der Morgen war da. Lisaweta Iwanowna löschte die flackernde sw aus. Bleiches Licht erhellte ihr Zimmer. Sie rieb ihre verweinten Augen und hob sie zu Hermann: er saß am Fensterbrett, mit gefalteten Hanocn und düsterer Stirn. In dieser Haltung erinnerte er wunderbar an em Porträt von Napoleon. Diese Aehnlichkeit erschütterte Lisaweta Jwanown noch mehr. , ... „Wie wollen Sie aus dem Hause kommen?" sagte endlich Lqawem Iwanowna. „Ich habe daran gedacht, Sie über die geheime Stiege z führen; aber bann muffen wir am Schlafzimmer vorbei, und davor fuw ich mich." , c, „Sagen Sie mir nur, wie ich diese geheime Treppe finde! Ja) ge? bann allein." Lisaweta Iwanowna stand auf, nahm aus der Kommode einen Schlüssel, händigte ihn Hermann ein und gab ihm eine genaue Anweiim»- Hermann drückte ihre eiskalte, nicht widerstrebende Hand, küßte Lqaw Iwanowna auf die Stirn und verließ das Zimmer. (Schluß folgt.) ___ treppe hinauf. In feinem Herzen fühlte er etwas wie Gewissensbisse, doch das ging gleich wieder vorbei. Er ward zu Stein. Wie alte Leute im allgemeinen, litt die Gräfin an Schlaflosigkeit. Nachdem sie die Kleider abgelegt, setzte sie sich zum Fenster in den Lehnsessel ä la Voltaire und entließ die Kammerjungsern. Diese nahmen die Kerzen mit. Das Zimmer war wiederum nur von der Lampe beim Heiligenschrein erleuchtet. Die Gräfin faß da, gelb im Gesicht, mit ihren herab hängenden Lippen bebend, sich nach links und rechts wiegend. In ihren trüben Augen spiegelte sich wieder das vollkommene Fehlen des Gedankens; wer sie fo sah, hätte meinen können, dieses Hin- und Herwiegen des schrecklichen Weibes komme nicht aus befielt Willen, sondern sei die Wirkung eines verborgenen Mechanismus. Plötzlich veränderte sich dieses Totengesicht. Die Lippen hörten auf zu beben; die Augen lebten auf; vor der Gräfin stand ein fremder Mann. „Haben Sie keine Angst, um Gottes willen, haben Sie keine Angst!" sprach er mit verhaltener und ruhiger Stimme. „Ich will Ihnen nichts Böses antun; ich bin gekommen. Sie um eine Gnade anzuflehen." Die Gräfin sah ihn schweigend an und verstand ihn, wie es schien, nicht. Hermann nahm an, daß sie taub fei, und wiederholte feine Worte, indem er sich dicht an ihr Ohr neigte. Die Gräfin schwieg weiter. „Es steht in Ihrer Macht, mir das Glück meines Lebens zu schaffen, und es wird Sie nichts kosten. Ich weiß, daß Sie drei Karten der Reihe nach erraten können." Hermann hielt an sich. Die Gräfin, schien es, begriff, was man von ihr wollte. Es schien auch, daß sie nach den Worten suchte, um zu antworten. „Es war nur ein Spaß", sprach sie endlich. „Ich schwöre cs Ihnen. Es war nur ein Spaß." „Da gibt es keinen Spaß", antwortete Hermann sehr ernst. „Denken Sie an Tschaplitzki, dem sie geholfen haben zu gewinnen!" Die Gräfin wurde sichtlich erregt. Ihre Gesichtszüge drückten heftige Gemütsbewegung aus; doch fiel sie gleich wieder in ihre frühere Gefühllosigkeit. „Können Sie mir", fuhr Hermann fort, „die drei wahren Karten nennen?" Die Gräfin schwieg. Hermann fuhr fort: „Für wen wollen Sie Ihr Geheimnis bewahren? Für Ihre Enkel? Die sind ohnedies reich; sie kennen auch nicht den Wert des Geldes. Ihre drei Karten helfen einem Berfchwender nichts. Wer fein väterliches Erbe nicht zu erhalten versteht, der stirbt als Bettler — trotz aller möglichen Hilfe dämonischer Kräfte. Ich bin kein Berfchwender; ich kenne den Wert des Geldes. Ihre drei Karten werden für mich nicht verloren jein..." Er hielt an und wartete zitternd auf ihre Antwort. Sie schwieg. Hermann fiel auf die Knie. „Wenn jemals", rief er, „Ihr Herz das Gefühl der Liebe gekannt hat, wenn Sie noch_ etwas von deren Entzückungen im Gedächtnis bewahrt haben, wenn Sie einmal gelächelt haben beim Schreien eines neugeborenen Sohnes, wenn je ein menschliches Gefühl Ihr Herz in der Brust schlagen machte so flehe ich Sie bei den Gefühlen der Gattin an, der Geliebten, der Mutter, bei allem, was heilig ist im Leben, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab, eröffnen Sie mir ihr Geheimnis! Was kann es Ihnen noch nützen? ... Es ist möglich, daß es mit einer furchtbaren Sünde verbunden ist, mit dem Verlust der ewigen Seligkeit, mit höllischer Strafe ... Denken Sie — Sie sind alt, Sie können nicht mehr lange leben — ich bin bereit, Ihre Sünde auf mich zu nehmen. Sagen Sie mir nur das Geheimnis! Denken Sie daran, daß das Glück eines Menschen in Ihren Händen ist; daß nicht nur ich, sondern auch meine Kinder, Enkel und Urenkel Ihr Andenken segnen und Sie zu den Heiligen zählen werden..." Die Greisin antwortete mit keiner Silbe. Hermann stand auf. „Sitte Hexe", sagte er mit jufammengebifienen Zähnen, „ich werde dich zwiilgen zu reden." Damit zog er eine Pistole aus der Tasche. Beim Anblick der Pistole aab die Gräfin zum zweitenmal das Zeichen eines heftigen Gefühls. Sie bewegte ihren Kopf und erhob die Hand, als ob sie sich vor dem Schuß schützen wollte ... Dann fiel sie zurück und blieb bewegungslos. „Seien Sie nicht kindisch", sagte Hermann, indem er ihre Hand nahm. ,Lch frage Sie zum letztenmal — wollen Sie mir ihre drei Karten nennen? Ja oder nein?" Die Gräfin antwortete nicht. Hermann sah, daß sie tot mar. IV. Lisaweta Iwanowna faß in ihrem Zimmer, noch im Ballkleid«, in tiefe Gedanken versunken. Zu Hause angekommen, schickte sie gleich das Mädchen fort, das, verschlafen, wie es war, ihr noch beim Ausziehen behilflich fein wollte, sagte, daß sie sich allein ausziehen wolle, und ging, am ganzen Körper zitternd, zu sich hinaus, in der Hoffnung, dort Hermann zu finden, und doch wünschend, daß er nicht dort fein möchte. Mit dem ersten Blicke vergewisserte sie sich seiner Nichtanwefenheit und dankte dem Schicksal für das Hindernis, das das Rendezvous unmöglich gemacht hatte. Sie fetzte sich angekleidet, wie sie war, nieder und begann in Gedanken alle die Umstände durchzugehen, die sie in fo kurzer Zeit fo weit gebracht hatten. Es waren noch nicht drei Wochen vergangen, daß sie den jungen Menschen das erstemal vom Fenster aus gesehen hatte — und schon war es ihm gelungen, von ihr eine nächtliche Zusammenkunft zu erlangen. Sie wußte feinen Namen nur darum, weil einige feiner Briese unterschrieben waren, sie hatte noch nie mit ihm gesprochen, noch nicht Zahrg Was i Wiens w jungen i wir klar, Borges ersten Ma nicht kann immer ge[ Cs häj immer be flüchtig Ti sie vor de wie unend hatte ein Neues, Za Welt (cifie schien mit lichen Sir Blinder, d die Augen auch noch liches emp euch und Wahrnehn dann besä hch hatte her ziehet meine Wi Seele. Od atmen wir „ Mit de Cmpfindm Mutigen ( lülnen die .und der T ich aus bei und nichts last und 3 wie schiech hatte ich r ~ Manch, Selbftbetri Räumen ws Traun lchan gan, Mangenei "lieb trau weine neu