SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1950 Montag, den 8. Dezember Nummer 95 Lied vom Winde. Von Eduard Mörike. Sausewind, Brausewind, Dort und hier! Deine Heimat sage mir! „Kindlein, wir fahren Seit viel vielen Jahren Durch die weit weite Welt, Und möchten's erfragen. Die Antwort erjagen Bei den Bergen, den Meeren, Bei des Himmels klingenden Heeren: Die wissen es nie. Bist du klüger als sie, Magst du es sagen, — Fort, wohlauf I Kommen andre nach, unsre Brüder, Da frag wieder!" Halt an! Gemach, Eine kleine Frist! Sagt, wo der Liebe Heimat ist, Ihr Anfang, ihr Ende? „Wer's nennen könnte! Schelmisches Kind, Lieb' ist wie Wind, Rasch und lebendig, Ruhet nie. Ewig ist sie, Aber nicht immer beständig. — Fort! Wohlauf! auf! Halt uns nicht auf! Fort über Stoppel und Wälder und Wiesen! Wenn ich dein Schätzchen seh', Will ich es grüßen. Kindlein, ade!" Das stille Theater. Von Sigismund v. Radecki. Das war in diesen phantastischen Dezemberzeiten, wo der Alltag der Riesenstadt ein trübes Regengeriesel ist, durch dessen Schmutz die bläulichen Schatten der Autos einherspritzen; wo in den Bureaus den ganzen Tag über Licht brennt, und Autohupen, Zeitungsschreie, Schreibmaschinengeklapper und Telephongespräche zu einem einzigen Fieberrauschen im Öhre des Patienten Menschheit zusammenklingen. Solche Dinge, wie Sonnenlicht, Lämmerwölkchen und das Schaukeln einer Marschall-Niel-Dolde beim Bienenbesuch werden zu belächelten Unmög- lichkeiten, der Ameisenhaufen hat sich emanzipiert, und es kann noch von Glück sagen, wer da Zeit findet, in sein Zimmer zu flüchten, um dort das Anstößen einer Herbstfliege ans Fensterglas in Ruhe wahrzu- nchmcn. Ich selber zog es vor, mich dieser Unwirklichkeit zu entziehen, indem ich sie verschlief; das Rauschen des Verkehrsstromes destillierte sich durch meine Fenstervorhänge zu einem summenden Wiegenlied, das unsäglich beruhigend zu neuen Träumen einlud. Um die Zeit aber, wo das Fieber verdoppelt durch die Verkehrsadern jagt, die Lichtreklamen zu spielen anfangen, die Abendblätter erscheinen, die Vureaumädchen nach Hause trappeln und die Jazzbands in den Fünfuhrtees zirpen und klopfen — um diese Zeit ließ ich meine Träume auf dem Kopfkissen zurück und begab mich in das Leben hinaus, das nunmehr in der Dunkelheit zu Genuß und Licht, zum Gefühl seiner selbst hinsinden wollte. Ich pflegte um diese Zeit mein Mittagsmahl einzunehmen unir sodann in eines der vielen Theater zu gehen. Hier, in diesen geschlossenen, halbdunklen Zuschaucrräumen schien sich die Unwirklichkeit zu einer verzehnfachten Unwirklichkeit hinauspotenzteren zu wollen, die nun mit bemalter Leinewand, farbiger Pappe und Gazeschleiern das Geschehen ins Rampenlicht zauberte. Und daraus konnte dann, halb aus dem Souffleurkasten geholt, sich ein Leben aufrecken, welches mit einem Griff uns arme betäubte Großftadtteufel in die Sphäre von Gras, Wald und Sternen hinauftrug. Mit dem Applaus und dem Gedränge In der Garderobe war dann alles vorbei, als wär' es nie gewesen. An jenem Abend aber fühlte ich mich, als ich nach dem Essen fs langsam mit ber Menschenmenge fortschlenderte, ganz merkwürdig erregt; ich fühlte, daß ich diesem ganzen Straßengetriebe, diesem grundlosen Fieber nicht mehr standhalten konnte, daß ich wie ein willenloser Tropfen mitfluten mußte und eins geworden war mit dem trappelnden tausendköpfigen Tier. Ein Zettel wurde mir in die Hand gedrückt, ich steckte ihn mechanisch in die Tasche. Dann jedoch gab ich mir einen Ruck und beschloß, eine Stunde lang mit mir allein Billard zu spielen; ich wußte, daß das Grün des Tuches, das sanfte Klicken der Bälle und die strenge Geometrie ihrer Bewegungen mich wieder den Kopf über mich gewinnen lassen würden. Als ich den Paletot wieder anzog, kam mir 6er Zettel unter die Finger. „Börsen-Theater. „Der blankgewaschene Mond". Stradella und Sandmann in den Hauptrollen. Das muß man gesehen haben!!!" Das Auto fuhr mich durch unbekannte Stadtteile und hielt nach kühner Biegung mit einem scharfen Ruck vor drei blanken Glastüren. Die Vorstellung hatte schon angefangen; das Haus war nahezu ausverkauft, es gab nur noch drei Fauteuils, Loge 16, erster Rang. Als ich leise in meine Loge trat, spürte ich sogleich, daß das Publikum mit atemloser Aufmerksamkeit folgte, es gab „dicke Luft", zwischen Bühne und Zuschauerraum ging etwas vor. Außer mir befand sich in der Loge noch ein Herr. Er hatte ein glattrasiertes, markantes Gesicht, hielt ein Bein über das andere geschlagen und hatte dabei seine Hand leicht an die Schläfe gestützt. Er saß, mir halb abgewandt, in einer zusammengesunkenen, gebrechlichen Haltung auf dem Stuhl und hatte seine regungslose Silhouette gegen das strahlende Bühnenbild gerichtet. Auf der Bühne ging eben eine Auktion vor sich. Der Auktionator stand in Hemdsärmeln vor einer Schar dicker Interessenten und pries schwitzend die verschiedensten Gegenstände an: Gobelins, Tizians und sogar ein veritables ausgestopftes Krokodil. Alles das ging wie warme Semmeln ab; schließlich wischte er sich mit einer Armbewegung den Schweiß von der Stirn, räusperte sich, machte eine Kunstpause und erklärte, daß jetzt der Clou des Ganzen, etwas Nochniedagewesenes unter den Hammer käme. Allgemeine Erwartung —: der Auktionator schlägt ein Tuch zurück, und es steht dort eine wunderschöne Frau, die also nun versteigert werden soll. Der Auktionator weist mit großer Geste auf sie hin und schildert pathetisch ihre Vorzüge. Die 6icken Interessenten fangen an zu murren und riskieren Zwischenrufe; sie scheinen in dem Punkte ihre eigenen Erfahrungen zu haben. Wie es zum Bieten kommt, bieten sie jedoch alle mit, und zwar mit einer Leidenschaft, welche den Preis wie ein Eichhörnchen klettern läßt. Und alle legen das Geld vor sich hin. Da tut sich die Tür auf, und der Dichter stürzt herein (gespielt von Sandmann; dar Weib war natürlich die Stradella; das wußte man ohne Theaterzettel!). Er fängt an mitzubieten; er, mit seinen ausgefransten Hosen! Er nennt die phantastischsten Zahlen, er glüht. Da fordern ihn die dicken Interessenten auf, doch einmal Geld zu zeigen. Der Dichter wird bleich, greift in die Tasche — und zieht einen großkalibrigen Coltrevolver hervor: Hände hoch! Die dicken Interessenten folgen dieser Aufforderung sofort und werden ganz ä la Wildwest in eine Ecke gescheucht. Der Dichter schwelgt in seiner Macht: er läßt die dicken Interessenten exerzieren und Purzelbäume schlagen; aber unterdessen schleicht sich der magere Auktionator von hinten an ihn heran — die schöne Frau warnt den Dichter mit einem Schrei, aber, ach, zu spät! — und er hat ihn mit einem Handgriff in der Gewalt! — Nun triumphieren die Interessenten. Die schöne Frau und der Dichter werden nebeneinander an zwei Schandpfähle gefesselt, und die Herren entrieren nun mitsamt dem Auktionator eine wüste Örgie in hochgradigen Spirituosen, wobei den beiden hohnvoll zugewunken und zugetrunken wird. Und werden alle müde und schlafen ein. Nun beginnt ein zartes Liebesduett zwischen den Gefesselten, und im Höhepunkt des leidenschaftlichsten Ausbruchs beugt sich der Dichter zu ihr hin, um sie zu küssen — sie aber hält ihm die gefesselten Arme hin, deren Schnüre er zerbeißt und zerreißt. Mit ein paar Schlangen- bewegungen ist sie frei, der Dichter jubelt: sie wird ihn vom Schandpfahl erlösen! — Aber nichts dergleichen geschieht. Sie hat ihn schon vergessen, sie huscht durch die schlaftrunkenen Leiber, rafft die Banknoten auf, und ist bereits auf und davon. Monolog des tiesgekränkten Dichters. Vorhang. Applaus. Vorhang. Applaus ... sieben Vorhänge konnte ich zählen. Dann kam die Pause; mein Logengenosse lehnte sich seufzend in seinen Stuhl zurück und verschränkte die Arme. Ich stürzte In den Korridor, ich mußte diese unaussprechlich schöne Stradella sehen, und zwar sofort! Vom ersten Rang aus gibt es gewöhnlich eine Tür zum Bühnenraum; ich rüttelte daran — sie war fest verschlossen. Der Logenschließer konnte mir merkwürdigerweise keine Auskunft geben, „vielleicht geht es durch den Hof", meinte er, „versuchen Sie ..." Ich lief in den dunklen, nassen Hof hinaus. Es regnete abscheulich. Alle Dachröhren wimmerten, alles tropfte; was nur irgend tropfen konnte, — aber eine Stradella war wertvoller als zwei Lackschuhe. Der Hof war Nun, ich gebe zu, daß ich das Ende der Affäre nicht abgewartet habe. Ich ergriff eilig Hut und Mantel und bin mit möglichst ruhigen Schritten auf die Straße hinausgegangen. Dann nahm ich mir ein Auto und fuhr hinaus in die Riesenstadt, in die Dunkelheit. Es ist manchmal sehr gut, wenn man sich ein Auto leisten kann. Durst. (Ein afrikanisches Erlebnis. Von W.Volkmann. Wir lagen im nordwestlichen Kaokofelde am Wasser Awanoas im Hoarusib, wo dieser sein schmales Bett im alten Gebirge verläßt und sich scharf nach Süden wendend in ein breites, ebenes sandiges Tal eintritt. Wir waren froh, daß wir endlich aus dem engen düsteren Kannon her- ausgskommen waren. Vor uns lag das Helle offene Tal, in welchem in vielen Windungen, umsäumt von hohen frischgrünen Akazien und grau« I grünen Tamarisken der Trockenfluß dahinzog. Die spärlich mit Gras be- Srembunö feindlich schien dieses Land, obgleich gerade setzt ein Rudel Springböcke wie ein Wolkenschatten über die Helle Flache dahinglitt, ob« gleich ein paar Adler ihre Kreise zogen, und obgleich ich wußte, daß auch dort Menschen, die letzten Reste der Seebuschleute leben. Sie sind allerdings aus freundlicheren Gebieten von unerbittlichen Feinden ver,agt, beraubt von allem, was begehrenswert erschien. Ihre jetzige, ode neblige Heimat neidet ihnen kein anderer. Sie teilen mit Hyänen und Schakalen, was ihnen das Meer als Nahrung an die Küste wirft. Der alte Tjimba hatte bereitwillig alle meine Fragen nach Wasserstellen beantwortet. Ich hatte gepeilt und skizziert; nun saßen wir schwel, gend, ein leiser Ostwind umwehte uns und wir sahen nach Westen. Plötzlich sagte er: „Das ist ein schlechtes Land, das Land böser Geister, em Land des Todes." Nach anfänglichem Zaudern erzählte er in feiner vokalreichen, der unseren so fremden Sprache: Es war kurz nachdem die gelben Räuber, die Hottentotten, unsere Rinder geraubt hatten. Wir saßen in den Bergen des Hoarusib und lebten kümmerlich von Ovimakawurzein und der Jagd. Zu Beginn der Trockenzeit gingen wir wie alle Jahre für etwa 2 Monate zur Küste, um die süßen Narasfruchte zu essen. Mr pflegten etwa zwei Monate dort zu bleiben; mitunter wanderten wir an der Küste bis zum Kunene. Die Naras sind dis beste Kost. Sie wachsen im reinen Sand, wo es keine andere Pflanze mehr gibt. Hat man diest Früchte, so braucht man nichts weiter, auch kein Wasser. Es ist >m Khumib dort bis zur Küste ein weiter sandiger Weg, etwa 80 Kilometer, der unseren Frauen und Kindern schwer wurde, weil er eine Durststreae langwieriger, als ich dachte, ich kam durch verschiedene Pforten und stand schließlich vor der Tür eines kleinen Anbaues. Ich drückte die Taschen- lampe, oben stand: „Den Nichtbeschäftigten ist der Eintritt ..." — das muhte es fein. Aber die Tür war verschlossen. Ich rüttelte an der wackligen Klinke. Kein Ersolg. Ich stemmte die Schulter dagegen — das hals. Da drin war alles finster, ich mußte wohl an den falschen Eingang geraten sein. Ich stolperte durch verschiedene Räumlichkeiten, die im tiefsten Frieden dalagen. Im schwachen Schein der Taschenlampe konnte ich einen Haufen verstaubter Lorbeerkränze, Service mit Braten aus Papiermasche, mehrere dito Königskronen und ein paar Wallensteinstiefel erkennen, die so dumm hingestellt waren, daß jeder über sie stolpern mußte. Ich kam durch Zimmer, die mit Schränken, Stühlen. Spiegeln und Tischen a er i ftanßenc Steppe zu beiden Seiten "des Reviers bot unseren Tieren reich- Jahrhunderte vollgestopft und über alle Maßen verstaubt waren. Ich ' glaubte mitunter, das Rascheln und Pfeifen von Ratten zul Horen Ich uns roar diese Landschaft eine Erholung. Im Gegensatz zu den mußte mich wohl sehr weit verirrt haben. Dann kam ich in em winziges l (e^en Lagesritten wehte hier ein kühler Wind. Unsere Augen schwelgten Treppenhaus, mit einem An chlag an der Wand. .Morgen am 21. Fe- jn meiten Sichten auf die vom grünen Band des Hoarusib durchteilte binar 1915. Vornuttags Punkt 11 Uhr: Probe fur die Herren usw. u rv. I Talsohle, welche im Osten von bäunlichen, rötlichen und bläulichen Ge- — Das muhte schon sehr lange her sein! Wo war ich nnr hlngekommen? I &. jm gBerten abeL. öon ejner neuen Form, der der Taselberge be° — Da, da konnte ich im Schein der ^Taschenlampe eine Aufschrift I gren3t ^urbe, deren rote untere Sandsteinschichten steil aus dem Sande einer Tur erkennen: „Bühneneingang. — Also doch! Da muhte ich doch überlagert von tiefbraunschwarzen mächtigen Melaphyr- jemanden finden — die Pause war wohl schon langst zu Ende. Ich klingle 1 ^änfen n • “ die Tür vorsichtig auf und sah einen hellbeleuchteten | Dieses von einem hellblauen Himmel überspannte Landschastsbild ge- mit uralten schmutzigen Soffitten vollgestellt war, einige umgesturzte I n£^en roir, unter einem schattigen alten Baume liegend. Unsere Reittiere Stühle trieben sich auf der freien Flache herui^ und n der Mttte stand mä[3ten fjrf) wohlig im Sande, auf der Steppe standen einige Rudel eine ungestrlchene Standtreppe nebst einem Topf ein^ rockneter Oel- Springböcke und ästen ein paar tiefschwarzer Strauhe, das einzige afri- karbe. Aber keine Menschenseele war zu^entdecken, alles.schien seit Jahren Maische Wild, welches dank seiner schnellen Läufe und scharfen Lichter arft in dieser Totenstarre verblieben zu sein. Ich tat vorsichtig einen Schritt Mimikry verzichten kann. Wild, Wasser und Weide waren reichlich weiter und blickte zum Souffleurkasten hm —„Herrgott, was sah ich doi. ^rhanden; es war also ein guter Lagerplatz, und wir freuten uns, hier Ich muß ehrlich sagen, daß mir einen Moment die Haare zu -Berge i Vornahme geologischer und topographischer Aufnahmen einige Tage standen- dort draußen war ja der Zuschauerraum unser Zuschauerraum ^aen zu kännen — voll mit Menschen, lauter, lauter Kopfe, die bald m ^tenstille- da- I Nachmittags ging ich mit dem Tjimba-Vormann der Gegend auf eine saßen, bald alle zusammen, rote auf Kommando, leise ^chnten, dann I bem j^lgebirge aufgesetzte hohe Kuppe, um mich zu orientieren. Der plötzlich wieder alle auflachten, dann wieder schro>egen ab und zu wie I etn)a 60jij(jrige grauhaarige Mann roar ein besonders gutes Exemplar auf Befehl applaudierten — ja, ronrirf) denn in emem Jrrenhause Jetzt er Rasse. Schlank, sehnig, feingliedrig, ohne eine Spur von Fett, schritt kam wieder eine beklemmende Totenstille— unb ^r Vor- febern^en ®ange5 neben mir her. Seine hohe dunkelrotbraune Er- Hang zugezogen. Eln Riesenbeisall erdrohnte ich orte ^ Qanb- nur mit einem ge[[ als Schurz bekleidet, paßte roie die eines mann, Sandmann, Stradella! — der Vorhang ging wieder auf vor ^j(be3 uin bie[e Landschaft. Sein 20jähriger Sohn begleitete ihn, das der Leiter und dem emgetrodneten Farbentopf — erneuter Beifall, wie- | gbenbiIb tejneg Vaters. Seine klaren Augen bemerkten alles, obwohl er der der Vorhang — ich ergriff tue Flucht. Ich konnte nichts verstehen, I fchmalen Kopf fast nie wandte. Kreuzten wir eine frische Wildfährte, diese Zimmer mit ihrem Gerumpel waren mir unheimlich geworden ch \ mQ(W n durch ein Zeichen der Hand auf die Richtung aufmerk- lief, verirrte Mich, lief weiter, verirrte mich wieder, und sand schließlich | „ gatte ein ruhiges, würdiges Benehmen, wie man es nur selten nach einer guten Weile auf den regentriefenden Hof hinaus, der nur nun '^r den Negern findet roie eine Zuflucht nach all dem Spuk und Plunder vorkam. I ^ch einem einftünbigen Marsch durch die flimmernde Wüste und Aber das Stück hatte ja drei Akte, es mußte also soeben gespielt wer- i einem »eilen Aufstieg erreichten wir unsere Kuppe. Eine großartige Aus- den! Ich war plötzlich ganz ruhig geworden; mit einer kalten Neugierde I {jcbt bot üch uns dar. Unter dem hellblauen Himmel lag roie mit den begab ich mich nonchalant in meine Loge, Nr. 16, erster Rang. Ich öffnete zartesten Pastellfarben gemalt, aber ungemein klar und zum Greifen nahe leise die Tür, der Herr von vorhin sah roie eine Bildsäule da und starrte I e{ne gewaltige Fels- und Wüstenlandfchast. Durch diese Harmonie von konzentriert auf die Bühne — es wurde gespielt, bei Gott, es wurde ge- hengeiben Flächen, rötlichen und bräunlichen Gebirgen und bläulichen spielt! Keine Spur von einer Leiter oder einem Farbentopf nein: ein Schatten lief von Nordwest nach Südost, wie ein Tintenstrich unser Tasel- Farbenrausch, ein Maskenball mit Trompetenmusik, Konfetti, Luftballons, I gebjrge Don saftiger tiefschwarzbrauner Farbe, die die Berge weit mach- Fröschen und Schwärmern; plötzlich stürzten von überall her gelbe Papier- I tiger erscheinen ließ, als sie es waren. Etwa 30 Kilometer norbroefthcf) schlangen durch den Raum, dann tarnen rote, dann grüne, und mitten« I burchbrach der Sechomib den Zug der Tafeln. Diesem parallel, von Osten drin standen der Dichter und die schöne Frau. Er ersticht sie, aber sie fomnienb> stößt dann der Khumib gegen die dunkle Mauer, wird aber wird sofort wieder lebendig, sie entläuft, schadenfroh lachend, sie ist gar I narf) Süden abgelenkt und hat sich etwa 1 Kilometer nördlich unseres nicht tot zu kriegen ... Und plötzlich fühle ich, daß ich es ganz genau Standpunktes einen Durchbruch zum Meere geschaffen. Nach Osten sahen weiß: das alles, dort auf der Bühne — das denkt der Herr, neben mir, roir jn ben Kannon des Hoarusib, welcher gerade bei unserem Lager eben« denkt es mit solcher Kraft, mit einem solchen Willen, daß es dasteht und I ta(Is nach Südost drehend, südlich von uns das Tafelgebirge durchnagt sich bewegt, und daß alle, alle es sehen ...! Der Dichter tobt jetzt auf der I hatte. , . s Bühne. Er beschwört alle Kräfte des Himmels und der Erden; auf die I gm Osten schoben sich massige Felsengebirge alter Schiefer m- und Bühne stürzen Greifen, Faune, Nymphen; Wasserpferde steigen mit Na- I hintereinander, überragt von noch ferneren Rücken, deren fernste, etwa jaden ans Land und schütteln sich prustend; Dnyaden entwinden sich den igo Kilometer weit, bas Dolomitgebirge der Wasserscheide krönen mochten. Besten und springen weißfühig zur Erde — aber nun wird der Dichter I s^ur im Hoarusibtale roar wenig Vegetation zu sehen, der Uferrvald; aber schwermütig: das Gezücht und Getier zieht sich scheu zuruck, die gelben, id) wußte, daß in den tiefen Tälern dort Busch, Baum und Gras üppig roten und grünen Papierschlangen hängen traurig herunter, und er tritt gedeihen, daß Elefanten und Antilopen dort ihr Wesen treiben und Em- nun mit langem, blassen Pierrotgesicht dicht an die Rampe. Er streckt eme I geborenc jfjre Herden weiden. ., Hand vor und spricht durch die Stille mit tonloser Stimme: „Und da I Inders roar es im fast regen« und wasserlosen Westen. Wie ein weiß- fraqe ich mich nun — was das alles nötig ...?" . £ . I gelbes Band lag ein etwa 10 Kilometer breiter Sandwustenstrerfen am Das war jetzt der Moment. Ich hatte das chloroformierte Taschentuch Apße der Tafelberge, aus welchem sich allmählich em Gewirr von Fels- schön längst in Bereitschaft gehalten, beugte mich also ganz leise zu I fpi(,en erhob. Am Horizont deuteten braunrote Wolkenwände die Nahe meinem Nachbar und legte ihm das Tuch von oben ganz fest auf das | be5 Meeres an. Die nach Westen ziehenden Trockenslüfse waren nur noch Gesicht — und hielt es auch weiter fest. Er tat einen tiefen Seufzer — I undeutlich zu erkennen und verloren sich vollkommen bei ihrem Eintritt er war eingeschlafen. — Der Dichter steht noch vor der Rampe, er kommt " ms Zittern, und plötzlich hängen ihm Kopf und Arme roie einem toten Hanswurst herunter. Er macht noch eine schwache Kopsbewegung und »st auf einmal nicht mehr da. Und auch die Papierschlangen, Halbgötter und Meereswogen sind plötzlich weg — vorhanden ist nur, und zwar in aller Deutlichkeit: eine Leiter, ein alter Farbentopf mit Pinsel und ein paar herumliegende, zerbrochene Stühle. Das Publikum ist einen Moment starr. Das hatte niemand erwartet. Sann erhebt sich ein Sturm, ein Rasen der Begeisterung! „Sandmann! Sandmann! Sandmann ...!" immer lauter tönt der Name durch den Applaus. Aber niemand kommt. Es bleibt totenstill und leer auf der Bühne. Noch ein paar schwächere Applausversuche — dann beginnt bas Publikum unruhig zu werden. Was soll bas? Ist etwas passiert? —Keine Antwort. Die nackten Soffitten betragen sich viel ruhiger als bas Publikum. Die Leiter verzieht keine Miene, sie hält ihren Charakter burch. Jetzt ertönen Rufe: „Zu Ende spielen!" „Ein Skanbal sowas!" unb bas unvermeidliche „Schiebung! Schiebung!" Ein paar Beherzte schwingen sich auf die Rampe, die Herde stürzte nach — ein hohles Getrampel ertönt auf der leeren Bühne, die Leiter stürzt um ... P. Mer Naras. A Frucht, n uns geerr buschleutei Wir ginge wir nicht weiter, bi Iahen wir, die wimm kaum nod bringen si bei Tage onberen u büsche roai kleine Ges !»orten roii ich bas G denen kau In meiner meinen L< entgegen;: Ich nahm Mutter tn Herr, i meinem L Sein ben Sanbe Ich roar Sterne ve flogen. Al in bie Flä das nacht- Noch ehe Duelle uni Über ich 6 solche, unfi sich, roie war Hinteich zum A geschlafen, in die Nai einem Bus neben ihm Helle Augi werfen roo beugte uni erste Weiß !o anders -er Welt. ■ ja unsere € die unserer zwei Mäm und fünf ! weil ein ! macht. Das kal Familie." Die So braun mit birge glich glänzten u schon und menschliche- Dieses stach ... a Afrikas La und neun In Afrika wenn der einsam fiel zu einem c flüchten. Dl hörlichen n der Zug ei welhoch ob löwengram Mit bei eine Hamb Sturmlater wagen von Geist des unübersehb in den Süi wir noch i Wen, für i hier nicht t Zunächst reästs Kass P- Aber an der Küste gibt es eine kleine Wasserstelle und die Men Naras. Als wir an unsere gewohnten Plätze tarnen, fanden wir keine Frucht, nicht eine. Spuren fanden wir von Leuten, welche wohl vor uns geerntet hatten, kleine Spuren; ich glaube, sie stammten von Seebuschleuten. Du weißt, es ist dort unten immer neblig, dunkel und kalt. Wir gingen zur Wasserstelle und fanden das Wasser salzig, so salzig, daß wir mcht trinken mochten. Nun zogen wir nach Norden zum Sechomib weiter, dort waren größere Felder und sicheres Wasser. Am Morgen iahen wir, daß die kleinen Spuren auch nach Norden liefen. Wir mußten ®'c wimmernden Kinder tragen. Einige Frauen und alte Leute konnten kaum noch gehen, sie blieben dann auch zurück, daß wir ihnen Wasser bringen sollten. Gegen Abend war ich als erster in Sechomib, um noch bei Tage am Wasser zu sein. Die Stelle war trocken. Nachts kamen die anderen und klagten. Wir gruben, aber der Sand blieb trocken. Die Naras- busche waren leer. Wir lagen hinter Salzbüschen und warteten; wir sahen Neine Gestalten die Namib durcheilen, vielleicht waren es Geister. Nachts roJa durch bas Brüllen der Brandung allerlei Stimmen und deutlich das Geheul der Hyänen auf unserer Spur. Einige der Zurückgebliebenen kamen noch und erfuhren, daß sie wohl sterben müßten. Ich rief In meiner Not meine Ahnen an und erhielt deren Weisung. Ich sagte meinen Leuten, daßich nach Sanitatas gehen wollte, um ihnen Wasser eickgegenzubrmgen. Wenige hofften noch; die anderen sprachen nicht mehr. Ich nahm dann diesen meinen Sohn, der damals noch Milch bei seiner Mutter trank, und ging in die Nacht hhiein. Herr, ich war nun vier Tage ohne Wasser und so müde wie nie in meinem Lebern Aber meine Ahnen halfen mir. Ich ging im hellen Mond- djein den Sechomib aufwärts, hörte nur das Knirschen meiner Sandalen im Sande und das Getöse der Brandung, das ferner und ferner verklang. N mar fyifm und fühlte nicht das Gewicht meines Kindes. Als die Sterne verblaßten, hörte ich das Rufen der Wachteln, die zum Wasser flogen. Als die Sonne sich zeigte, war ich dort oben, wo das Revier in die Flache tritt. Ich sah den Berg von Sanitatas. Ein Rudel Zebras, bas nachts getränkt hatte, kam mir entgegen und gab mir frischen Mut. Noch ehe die Sonne warm wurde, stand ich auf dem Bergzuge vor der Quelle und sah zwischen gelbem Ried und grünen Bäumen klares Wasser. Aber ich bemerkte gleichzeitig einige Pferde; nur die Hottentotten hatten solche, unsere Todfeinde, die Mörder unseres Volkes. Jetzt merkte ich plötzlich, wie müde ich war. Ich zögerte, weiterzugehen. Aber der Durst war hinter nur; er trieb mich vorwärts. Hinter Klippen gedeckt, schlich rJ?f**r* er' tranf ssod gab dem Knaben. Nun habe ich wohl etwas geschlafen. Dann trank ich nochmals und wollte Wasser nehmen, um es in die Namib zu bringen. Da hörte ich mein Kind schreien, daß ich unter einem Busche versteckt hatte. Durch die Zweige sah ich einen großen Mann neben ihm stehen mit der Büchse in der Hand. Er hatte helles Haar und helle Augen in einem guten Gesicht. Gerade als ich meinen Assegai werfen wollte, sah ich, wie sich der lange Mann zu meinem Kinde herab- bcugte und lächelte. Da wußte ich, daß dies ein Weißer sei; es war der erste Weiße, dem ich begegnete. Ich hatte gehört, daß diese so stark und Io anders seien als wir schwarzen Menschen. Es war der beste Mensch der Welt. — Ich trat hervor und sprach mit ihm durch einen Herero, der ja unsere Sprache hat. Er gab mir zwei seiner Leute mit und einige Esel, die unseren Leuten Wasser entgegenbrachten. In der Nacht retteten wir Mei Männer vier Weiber und vier Kinder. Vier Männer, fünf Weiber unb fünf Kinder sind in der Namib geblieben. Wir mußten umkehren, weil ein Oststurm sich erhob, der das Reisen in der Wüste unmöglich Das kalte dunkle Land dort ist das Land des Todes, das Grab meiner Familie." Die Sonne war hinter niedrigen Wolkenwänden verschwunden, welche braun mit feuerfarbenen Bändern über der fernen Küste tagen. Das Gebirge glich einem versteinerten Meer, dessen Wellenkämme orange er- Slänzten und dessen Täler olivenbraun und violett dunkelten. Es war schön und gewaltig durch Weite, Farbe und Form, doch fremd dem menschlichen Wesen, unmehbar und unfaßbar seinen Gesetzen. 3m Meer des Port. Ein Brief aus dem ehemaligen Deulsch-Oslafrika. Von Norbert Jacques. In Tanganjika, Ende Februar 1930. . Dieses Wort „Pori" ist fast Afrika. Steppe ... dürr, hart, arm, H aber an Maßlosigkeit das Gemüt des Menschen verzaubernd. Afrikas Landschaft setzt sich aus Strecken zusammen, so groß wie Europa, neun Zehntel des Gebiets des ehemaligen Deutsch-Ostafrika gehört dazu. Afrika reist man acht Tage durch eine Landschaft ohne ^Wechsel. Und wenn der Wechsel kommt, ist es ein dunkler, ungeheurer Stein, der einsam steht und an den die Einsamkeit ankreist und an den sich, wie -U°mem geistigen, gütig schützenden Vater, die Dörfer der Eingeborenen nuchttn. Oder es steht ein Berg allein auf und lädt alles Licht der unauf- yorlichen randlosen Ebene auf sich. Oder streng umschlossen errichtet sich , r Zug eines Gebirges, mit glückvoll begehrlichen Schwingungen, himmelhoch oder vom ewigen Wind besänftigt und halb abgetragen aus dem •otoengrauen Meer des Pori. Mit dem blutjungen, blonden, immer gespannten Burschen, her für fine Hamburger Firma in Moschi Häute und Kaffee kaufte und Tücher, Sturmlaternen unb* Buschmesser verkaufte, fuhr ich auf einem Lastkraft- w«gen non Moschi nach Äruscha burch das „Pori", das wie vom ewigen des Gebirges vom Kilimandscharo bewacht wird und westwärts nuversehbar weiter um den einsamen Meruberg strömt, während es Jf,öen Süden ungehindert und grenzenlos dahinschwemmt. Hinten hatten üsLn r* ?en schwarzen Führer unb einen anderen braunen Jungen hi/?’ ivF ^ti Fall der Not, bereit, zu helfen. Denn die Straßen sind hier ni^t von Asphalt. ^nge sich die Straße an Moschi hielt, und links Sisal-, rtasfeepflanzungen hatte, die sich den Fuß des Kilimandscharo hinanscharken, war sie breit und etwas In Pflege. Dann aber, nachdem an einer Hängebrücke über einen saftigen, am Kibo abstrudelnden Bach die Pflanzungen aufgehört, und ein paar letzte Negerhütten gestanden »«tten, waren wir mitten im Pori. — In leichten Wellen floh seine Flachheit vor uns und eine Herde von Zebras, die wohl 200 Tiere stark mar unb roeibenb in her hier ftrauchlojen Steppe sich aufhielt, richtete die Kopfe auf unb fchaute her. Ich sehe den Wind tief auf der Erde das graue Gras Staub auf- blasen unb rasch als einen Ballen hinwälzen. Aber balb faßt er ihn um die Taille, breht ihn herum; her Staub rollt nicht mehr weiter, sondern richtet sich auf, wie eine dicke, durchsichtige, aus dem Gras hoch- wirbelnde Schlange, [äutengerabe wirbelt er sich himmelan, steht wie ein kreisender Schlauch in der Luft unb beginnt dahinzuwanbern, erst auf» ne 3uJamm e n g ei) a tt en, sich steil rollenb, bis er allmählich in eine andere Luftschicht gerat, feine Kraft verliert und rasch verfällt. Ein heißes Sengen umströmt uns jedesmal, wenn wir an eine solche Staubhose kommen, und man sieht sie zu Dutzenden aufkreiseln, meilen- 9°$ m den Himmel sich hinaufzwirbeln, bevor sie vergehen und neu entstehen. Spiele der Windsbraut im Pori ... ein leiser, fretnber Zauber geift mit Umen unb verweht... Zwei Sekretärvögel warten am Rand der Straße mit wichtigem Gehaben auf uns unb roenben uns streng bie großen Snabet entgegen. Es ist, als hielten sie bie Arme auf bem Rucken unter einem altmodischen Frack verschränkt. ... Straße ist jetzt ein Bruchfest» von Steintrümmern unb Sand- Ivchern. Ich muß mich mit beiden Händen festhalten unb werde oft klobig auf den federlosen Sitz hingehämmert. Eine graue, unerkennbare Ansammlung liegt einige hundert Meter vom Weg in der Steppe. . "®5 ist ein Massaidorf!" und unser Führer lenkt den schweren Wagen in die Steppe hinein unb gerabe darauf zu. Wir finden es teer unb verlassen. Aber ich habe noch nie in meinem Leben so merkwürdige Hutten gesehen. Sie umstehen in einem Kreis einen Platz, unb sehen rate runde, graue Schalen aus, die umgeftülpt auf den Boden gesetzt sind. In der Farbe sind sie wie Wespennester: so grau. Sie sind aus Flechtwerk gebaut, das dicht mit getrocknetem Kuhmist umstampft ist. Dieser macht sie regendicht. Das Dorf ist verlassen, weil die Massai Nomaden sind und die Weideplätze dieser Gegend gerade gewechselt haben. Das Land dieser Massai erstreckt sich von hier bis zum Viktoria- See, so groß wie die Schweiz, unb es ist nichts brin, wie sie, Tiere ihrer Herden und her Wildnis. Das Pori unb her Schatten der hohen Berge im Norben. ö __Drei stauben am Wege, als wir bie Straße wieher erreicht hatten. Sie ftanben frei unb selbstbewußt hort, zwei junge Männer unb ein Mädchen. Sie waren alle drei von einer seltsamen Schönheit des Kör- pers Ich hatte gerade in einer Zeitschrift Aufnahmen von Bali-Leuten gesehen, die als besonders schön gefeiert wurden. Doch diese Glieder waren schmaler und wie zum Sprung schlanker und stählerner. Die Nasen waren fein unb gezogen, her Mund ebenmäßig, stolz unb von einer großen Süße der Form. Die Augen in einem geheckten Licht, tief, ruhig, nicht von bem kindlich grellen Glanz der Negeraugen. Die Männer trugen ihre langen Speere, in die sie den Löwen im Sprung einfallen laffen, unb bas Mädchen hatte an den Fußgelenken hohe Manschetten von polierten Eisenbandern und um den Hals einen breiten Kragen von großen kupfernen und eisernen Ringen. Ihre Hüften waren von einem, mit mettsen Glasperlen bestickten Ueberrourf aus dünnem Schafleder umhüllt, der in zwei Zipfeln abfiel und mit roter Erde bestrichen war. Sie ließen sich ohne den geringsten Widerstand von mir öfters photo- grapbisren. Wenigstens Frauen wehren sich sonst mit Schrecken dagegen. Das Mädchen schaute mit Augen wie von einem verzauberten Vogel heldenmütig vorbei unb erbulbete es. Sie wollten mitgenommen werden unb sie setzten sich hintenauf. Sie fuhren zehn Meilen mit unb baten bann plötzlich, abgesetzt zu werben. Das Mäbchen hatte kein Wort gesprochen. Aber sie hatte stets gelacht, wenn sich her Wagen burch bie Löcher warf. Jetzt traten sie alle drei nochmals zu uns nach vorne an ben Führersitz, unb her eine, her Suaheli sprach, bankte unb sagte: Kommst hu nicht mit in mein Dorf Milch trinken? Dann gingen sie quer in bie Steppe hinein, bie hier mit Busch bestauben war. Die schönen Tellerakazien, bie wie große grüne Schüsseln über bem Lanb schwebten, unb bie buntten Kanbelaber-Euphorbien mit ihrer schweren Feierlichkeit machten ben schütteren Walb schön. Und bahinter waren sie halb verschwunhen. Viele Gazellen steht man; große, plumpe Hirsche, Kongoni genannt, die Kühe sehen mit ihren großen Ohren aus wie Maulesel; furchtlose Nashornvögel, Termitenhügel, von vier Meter Höhe; nochmals eine starke Zebraherbe, Antilopen mit mannshohen Geweihen, starr unb grab wie Lanzen ober in Spiralen unb Knäufen gerounben ... bie Spannung verläßt bie Augen kaum einen Augenblick. Dann sagte ein Schwarzer: Da finb Giraffen! Wir sahen ste. Zwei ... eine junge hin unb her zwischen ihnen ... vier, fünf. Sie ftanben Zwischen ben Bäumen, wie bie Bäume so reglos, sie äugten her, ganz oben zwischen bem Geäste burch, wie aus einer fremben Luft herab, ohne sich zu rühren. Neunzig Kilometer waren wir burch bas Pori mit bem Lastwagen gestolpert, da schwemmte vom Meruberg fruchtbare Erde herab, die die Gier unb hie Sehnsucht her Europäer angezogen hatte, bie hier Kaffee pflanzten. Unb es war gleich unb fast am Rande her Steppe ein Dorf. Cs gehört einem beutschen Pflanzer, unb in indischen Schuppen werden die lockenden Tücher an bie Neger verkauft, derentwillen sie den Sünbensall über sich nahmen. In diesem Dorfe war gerade, als wir tarnen, ein großer Negertanz im Gang. Ader es war kein einziger Massai dabei, sondern nur Neger, wie sie die Pflanzer von überall herholen mußten, um Arbeiter zu haben. Es waren mehr als dreitausend Männer, unb Frauen aus verschiedenen Stämmen. Sie waren betrunken von dem Met, ben man hier Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'fche AniverfitätS-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Giehen. Aus Bananen, Zuckerrohr und mil wildem Honig verfertigt. Sie tanzten stammweise nebeneinander, sonderlich bekleidet, wild und berauscht hingegeben. Es war wohl noch Rest von Tabu und Natur in diesen Tänzen. An einer Stelle schwangen sie beschwörende Figuren um eine lebende Giftschlange, die am Boden lag und die sie durch ein geheimnisvolles Mittel, das darin besteht, daß sie irgendwelche Kräuter kauen und der Schlange in den Rachen spucken, ungefährlich gemacht hatten. Vielleicht hatte das aber auch die grollende Regelmäßigkeit in der Musik der Trommeln und dem Taktschlag der Sohlen bewirkt. Die Schlange lag mit leicht erhobenem Kopfe inmitten der Tänzer, wie eine im Traum berauschte Seele, und es war, als ob sie nur mühevoll die Augen offen hielt. Ich stellte mich handbreit neben sie. Sie achtete es nicht... Oer Schlund. Roman von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Allmählich kam der Neumüller dahinter, in welch unverzeihlicher Weise seine Frau die Menschen ausgebeutet hatte. Ihre Wucherhändel brannten auf seiner Seele, und er versäumte keine Gelegenheit, geschehenes Anrecht wieder gutzumachen. Der Sandharmes höhnte am Wirtshaustisch: „Der Neumüller ist ein Narr, wo ihn die Haut anrührt. He arbeit' für das Lumpenchor, 's dauert net lang, schätz ich, und sein Karren schnappt auf!" tsine andere Mühle, die für ihn klapperte, hatte der Gauner unfern vom Dorf gesunden. Durch die geringere Vermahlung wurde dem Hannwilm der Verdienst geschmälert, doch wies ihm der Kommunalverband größere Getreidemengen zu, so daß er zur Genüge beschäftigt war. Abends sah er in seiner Stube und genoß den Frieden, der ihn umwehte. In solcher Stimmung holte er die Briefe hervor, die ihm die Wecklersanna ins Feld geschrieben hatte. Darin spiegelte sich ihr eigenstes Wesen. Was sie in ihrer kleinen Welt erlebte, wußte sie anschaulich darzustellen. Man spürte ihre Gemütsfreudigkeit und ihr gesundes Gefühl. Der Hannwilm las die Briefe, Wort für Wort. Es ward ihm ordentlich wohl dabei. Er träumte sich in verflossene Tage zurück. Blauer Himmel und Sonnenschein. Die Anna in ihrer Jugendblüte flog über die Wiesen wie eine Feder im Wind. Kaum, daß er sie zu haschen vermochte. Mitsammen gingen sie durch das Nonnenwäldchen. Rings raunten und rauschten die Quellen. Die Anna hob zu fingen an: „Es stand eine Linde im tiefen Tal, Oben breit und unten schmal, Darunter zwei Verliebte faßen, Die vor Freud ihr Leid vergaßen." Es war ein langes Lied. Die Anna wollte keinen Vers davon missen. Er schloß ihr den Mund mit einem Kuß. Neben ihnen schritt das Glück und lachte sie an. Dessen gedachte der Hannwilm, und eine stille Freude verklärte sein Gesicht. — Seit dem Tod der Herrin führte die Kriegerfrau Hübner, eine rundbackige Dreißigerin, in der Mühle die Haushaltung. Sie hatte keinen Ordnungssinn, doch kochte sie, wie's dem Hannwilm schmeckte, deshalb drückte er ein Auge zu. Der Mann der Hübner, der als Pionier ins Feld gerückt war, wurde seit langem vermißt. Nach Berfluß der gesetzlichen Frist hatte seine Frau ihn für tot erklären lassen. Sin gefangener Russe, ein großer Schlackes mit rötlichbraunem Gesicht und riesigem Schnauzbart, war bei ihr Hahn int Korb. Sie trug sich mit dem Gedanken, ihn zu heiraten, sobald er in der Lage war, feine Papiere aus der Heimat zu beschaffen. Der Russe, der im Dorf dem Wagner Rüdiger einen Gesellen ersetzte, liebte nach getaner Arbeit einen deftigen Dissen. Jede freie Stunde brachte er in der Mühle zu, wo er von der Hübner gefüttert wurde. Während er sich eines Abends an Kartoffelpfannkuchen gütlich tat, erschien !der vermißte Pionier in der Küche. Bekannte im Ort hatten ihm gesteckt, wie es mit seiner Frau und dem Russen stand. Wütend begann er auf die Treulose loszuschlagen. Der Liebhaber, der befürchtete, auch fein Teil abzukriegen, verteidigte sich mit den Worten: „Ich sie nicht heiraten wollen, sie mich heiraten wollen!" Der wüste Auftritt fand erst fein Ende, als der Neumüller, von seinem Knecht unterstützt, die drei kurzerhand zum Haus hinauswarf. Am andern Morgen machte der Hannwilm sich auf und sprach bei der Wecklersanna vor. Sie war in ihr Bügelgeschäft so vertieft, daß sie den Eintretenden nicht gleich bemerkte: „Bist fleißig?" rief er, von Erregung durchzittert. Sie schaute auf. Lieber ihr Gesicht lief ein freudiger Schreck. „Ei du himmlischer Vater, der Hannwilm!" „'s ist eine Ewigkeit her, daß ich net bei dir war." Sie stellte ihr Bügeleisen auf den Antersatz. „Du wärst mir immer willkommen gewesenl" „Das Weitz ich", antwortete er. „Man kann als net, wie man will." „Seh dich ein Wink!" Er ließ sich nieder. Sie nahm ihm gegenüber Platz. „Wie geht dir's dann?" fragte sie teilnahmvoll. Er strich mit dem Rücken der geballten Hand über die Stirn. „Wann ich denk, was ich all durchgemacht hab, mutz ich mich wundern, daß ich noch jappen kann." „Ja, Hannwilm, du hast viel durchgemacht!" „And hab mich doch erkobert. Wann's mich emal zwickt, geb ich kein Obacht drauf. Ich mutz mich an die Arbeit halten." „Tu dir nur net weh!" Er warf fragend das Kinn auf. „Was macht dann der Karl?" „Er ist in Mainz bei der Fußartillerie", gab ihm die Anna Bescheid. „Bei den Dreiern. Er ist in der Schmied' ausgebild't worden und soll auch mit dem Schmiedewagen ins Feld. Wahrscheins in drei Wochen. Alleweil, liegt er in der Gaustratz' im Bürgerquartier. Seine Wirtin schreibt sich Luckhardt. 's muß eine herzensgute grau sein, ©je stopft ihm seine Sachen und sorgt für ihn wie eine Mutter. Sie hält sich in ihrer Stub Tauben. Die sind so zahm, daß sie dem Karl die Brotkrumen aus der Hand picken. Das macht ihm viel Spatz, Sie hat ihn auch auf dem Schiff mit nach Dingen genommen. Da hat er das Niederwalddenkmal gesehen und den Mäuseturm. In Mainz, schreibt er, läut's den ganzen Tag. And 's täten da mehr in den Weingläsern ertrinken als im Rhein." „Wie ich sellemal von Münster am Stein heimfuhr", erzählte der Hannwilm aufgeräumt, „hatt ich in Mainz Aufenthalt. Und hab mir die Stadt angeguckt. Die ist ganz hübsch. Auf dem Marktplatz tat einer Birn' verkaufen. Ich fragt ihn: ,Was kost' das Pfund'?' .Zwei Mark', spricht er. ,Die sind mir zu teuer!1 sagt ich. ,Jch könnt sie ja auch verschenken', spricht er, .aber ich tu's net!' Und da war so ein Lausbub, der sang: .Mir hawwe Birn un esse Birn Un hawwe Birn aufs Brot zu schmiern!1 Und lacht' sich ein' Ast. Der Mittag kam ebeigerutscht. Und da bin ich in eine Wirtschaft gangen. Und hab was gessen. Und da haben sie mir Wein eingeschenkt. Ich nahm ein’ Schluck. Und da sagten sie, das wär hier net Mode, austrinken müßt ich. Was wollt ich machen? Und sie haben mir wieder eingeschenkt. Und da war ein barbarisch dicker Kerl. Der tat dem Teufel ein Ohr vom Kopf fluchen. Und schrie, in dem goldnen Mainz wär man an Hünd und Füß gebunden, man dürft net emal von Freiheit schwätzen. Und da waren ein paar Spaßvögel. Die zogen ihn auf. Er blieb ihnen aber die Antwort net schuldig und gab ihnen gehörig aufs Dach." Der Hannwilm brach ab, als sei ihm zum Bewußtsein gekommen, daß Zeit und Stunde nicht dazu angetan waren, derlei Erinnerungen auf« zufrischen. Die Wecklersanna erriet seine Gedanken und sagte: „Wie man emal von so was spricht!" Der Hannwilm lehnte sich zurück, fuhr mit der Hand durch das Haar. Der Anna fielen seine eingefallenen Züge ein. Eine Weile verharrte er schweigend, bann klagte er der Jugendfreundin seine häusliche Not. Mit Wirtschafterinnen von der Hübner ihrer Sorte mochte er nichts mehr zu schaffen haben. Er brauchte eine Kraft, die in das Wirrsal Ordnung brachte. Er kannte nur eine, zu der er das Vertrauen hatte, daß sie der Aufgabe gewachsen war: die Wecklersanna. „Ich töt dir gern ein' Gefallen", erwiderte sie, von einem frohen Gefühl erhoben, „'s ist aber auf den Stupp net möglich, dann ich hab doch die Wäscherei." „Ich schätz, da wird sich ein Ausweg finden", meinte der Hannwilm. „Die Eulerskett, hör ich, will ihre Aecker verpachten, 's könnt sein, daß ihr's mit deinem Werks paßt, und daß sie deine Kundschaft übernimmt." „Ich werd mit ihr schwätzen", versprach ihm die Anna. Als er sich entfernt hatte, suchte sie ihre Hauswirtin auf und legte der die Sache dar. Der Eulerskett, die sich kümmerlich nährte und nach dem Tod ihres Sohnes sorgenvoll in die Zukunft schaute, kam der Vorschlag gelegen. Die Wäscherei warf einen Nutzen ab, der ihr den Unterhalt sicherte. Nach Bauernart griff sie nicht gleich zu, zwei Tage später aber sagte sie Ja. Eine Woche darauf wanderte die Wecklersanna wieder in die Mühle, die sie als junges Mädchen verlaßen hatte, und trat ihre neue Stelle an. Doch behielt sie ihre Wohnung bei und kehrte abends dahin zurück. Der Karl, von der Wendung der Dinge unterrichtet, schrieb: „Gestern hatte ich einen schlimmen Tag. Wir haben einen Fahnenschmied, einen Krippenbisser, der mich peinigt, ich weiß nicht, warum. Er gab mir einen Schmisser zum Beschlagen. Das Tier zu bändigen, hatte Ich meine liebe Not. Hundsmüde ging ich in mein Quartier. Da brachte mir die Frau Luckhardt deinen Brief. Ich habe ihn nicht einmal, ich habe ihn oftmals gelesen und bin so glücklich wie lange nicht. Nun brauche ich mir wegen dir keine Gedanken zu machen und gehe ruhig ins Feld. Du hattest dein Recht und hast geschwiegen. Jetzt hast du den Platz, der dir gehört, und wirst ihn nicht mehr verlieren. Hoffentlich ist es bald so weit, daß ich vor den Leuten den Neumüller Vater heißen kann!" 11. Weihnachtsabend. In der Wohnstube, deren blank gescheuerte Dielen mit weißem Sand bestreut waren, steckte der Neumüller die Lichter am Christbaum an. Dann rief er seine Leute herein. Auf dem Tisch lagen die Geschenke: für die Wecklersanna Stofs zu einem Kleid, für den Knecht Handschuhe und Gamaschen, für die beiden Mägde Schürzen und Taschentiick)er. Alle freuten sich der nützliche» Gaben. In seiner Jugendzeit, plauderte der Hannwilm behaglich, wußte man im Dors von Christbaum und Beschersel noch nichts, höchstens, daß am Weihnachtsabend die Kleinen getrocknete Birnen und Apfelschnitzen bekamen. An die Armen wurden Kleidungsstücke und Backwaren nettem. An den Häufern flogen die Heerwische mit feurigen Flügeln vorüber. Die Kinder hielten ängstlich die Fenster verschlossen. Der alte Rödiger, der Wagnermeister, der halb Deutschland durchwandert hatte, war der erste, der" Weihnachten ein Bäumchen putzte. Im nächsten Jahr machte es dieser und jener ihm nach. Allmählich bürgerte sich das Christbäumchen ein, und auch die Bescherung fehlte in keinem Haus. (Fortsetzung folgt.)