SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger MrgangMO Montag, den 8. September Nummer 69 Anliegen. Bon I. W. von Goethe. D schönes Mädchen du, Du mit dem schwarzen Haar, Die du ans Fenster trittst. Auf dem Balkone stehst! Und stehst du wohl umsonst? D stündest du für mich Und zögst die Klinke los, Wie glücklich wär ich da! Wie schnell sprang ich hinauf! Gerechtigkeit und Güte. Bon Wilhelm Schäfer. Als der Weimarer Bildhauer Weißer am 13. Oktober 1807 die Maske Goethes nach dem Leben abgoß, haben beide — der sich abgießen ließ, md der es tat — uns ein Geschenk gemacht. Denn alle gemalten oder Meißelten Bildnisse Goethes konnten nicht im entfernte ten seine Er- cheinung so verewigen wie diese Maske des Achtundfünfz gjährigen, die eitbem hinter allen Werken des Dichters sein großes Angesicht zeigt. Es ist ja nicht nur so, daß damit unsere Neugier befriedigt wird, wie Goethe nun eigentlich ausgesehen habe, sondern wir besitzen sein Gesicht selber, zwar in der Erstarrung des Gipses, aber als Niederschlag, ja Niederschrift des Lebens. Wenn wir es betrachten, lesen wir darin wie in seinen Werken. Den wenigsten mag bewußt werden, was für ein Geheimnis darin «erborgen liegt, daß wir ein Stück plastischer Form als Geistiges sehen; denn ein Gesicht spricht, auch wenn die Augen geschlossen sind. Sind sie geöffnet, senden sie Blicke ein und aus, das Wahrnehmbare einzufangen und von seinem Eindruck zu berichten; sie stellen .gewissermaßen Ohren Md Mund des Sichtbaren in einem vor, hörend und sagend, nehmend unb gebend. Sie können mich betrachten und können mir Liebe sagen; sie sind die eigentlichen Träger des Lebendigen und werden von behutsamer Hand geschlossen, wenn es geflohen ist. Aber ihre vielgerühmten Sterne mären dennoch stumm, wenn sie nicht das vom Gefühl kommandierte Mienenspiel um sich hätten. Liebe und Haß, Angst und Zorn, Verachtung unb Gleichgültigkeit: alles was die Augen sagen, wird von den Mienen begleitet, und erst diese Begleitung ist es, die ihre Sprache vernehmlich macht. Das Spiel der Mienen wiederum bildet die Miene des Gesichts als Eefchichtsbeschreibung, als Biographie ihres Trägers. Seit den „Physiognomischen Fragmenten" Lavaters sind diese Dinge aufs gründlichste untersucht worden und schon der Spott seiner Zeitgenossen hat weggeweht, was daran Schwärmerei und Täuschung war. An der Tatsache, daß unser Mienenspiel dem Gefühlsleben automatisch als (ein äußerer Anzeiger verbunden ist, hat keine Kritik etwas ändern können. Vom Affekt bis zur Beschaulichkeit hat jede Gefühlsbewegung ihren Wetterbericht im Gesicht, und ob der Diplomat feine Mienen in die bekannte Undurchdringlichkeit hüllt, oder ob die Amerikanerin ihre lächelnde Unbekümmertheit darüber legt, beides sind nur unzureichende Larven, die ein Zahnschmerz, oder ein in die Seele treffendes Wort ab- tcifien kann, das Gesicht des Menschen darunter zu zeigen. 3st dies aber so, daß Zorn und Schrecken, Hohn und Vertrauen von her bösesten Verzerrung bis zum lieblichsten Lächeln ihren momentanen Ausdruck in den Mienen finden, so kann das unausgesetzte Stenogramm uicht ohne dauernde Folgen sein, sofern das Temperament den Zustand her Seele dauernd bestimmt. Der Sanguiniker wird seine Miene ebenso Mr Schau tragen müssen wie der Melancholiker, der Choleriker wie der Phlegmatiker. Und was für die Temperamente gilt, wird mehr oder Weniger für alles gelten müssen, was im Gefühlsleben, ja in den Geharrten Dauer gewinnt; es wird seine Spuren als Runen dessen ein- iWen, was der Mensch erlebt, also — wie wir sagten — seine Ge- Ichrchtsschreibung sein: Das Gesicht wird den Charakter zur Schau tragen. Denn ob wir darunter nach der Wortbedeutung das eingegrabene deichen, das Geprägte verstehen, oder nach der heutigen Wortbedeutung M Persönlichkeit, soweit sie ihres Gepräges bewußt ist und danach han- helt: die Charakterzüge können durch keine Miene versteckt werden, Wern müßen in ihnen ihre Sichtbarkeit erleiden.^ Ein harter oder sicher, ein mutiger oder feiger, ein wahrer oder ein verlogener, ein »offener" oder ein „verschloßener" Charakter stehen im Gesicht des einzelnen geschrieben; mehr als dies, sein Schicksal, der innere Lebensweg, 7- feine Natur traft ihrer Anlage nahm, als die „geprägte" und gebend entwickelte" Form [einer Seele und feiner Geistigkeit: alles das W jeder in seinem Gesicht als Steckbrief herum Vielleicht kann der Diplomat feine Gedanken und Gefühle im Augenblick wie ein Schauspieler hinter einer Maske verstecken, nicht aber das, was seine Seele und fein Gesicht aus ihnen int Zwang der anerzogenen Versteckung geworden sind; ebenso wie die lächelnde Maske der Amerikanerin ihr Wesen mehr offenbart als versteckt. So eng ist der automatische Zusammenhang, daß er auch rückwirken muß: die versteckte Miene des Diplomaten wird unzweifelhaft eine versteckte und die teere Miene der Amerikanerin eine leere Seele zur Folge haben. Der eine möchte nicht zeigen, was er denkt, aus politischen Gründen, und die andere nicht, was sie fühlt aus kosmetischen Gründen; der natürlichen Anschauung teilen sie durch ihre Maske mit, daß sie auch innerlich Masken sind, weder mehr recht zu denken noch zu fühlen vermögen. Der größte Diplomat der neuen Zeit, Bismarck, trug offen zur Schau, was er dachte: und die wirkliche Schönheit ist ihrer Seele gewiß. Die Konsequenz dieser Betrachtung wäre, daß niemand sich über den Augenblick hinaus verstellen kann, weil ihm alles im Gesicht geschrieben steht, was er ist und was er fein möchte, weil er feine Tugenden und Laster zur Schau tragen muß, ob er will oder nicht, weil er buchstäblich fein eigenes Charakterbild ist. Und mehr als dies: wie feinen Charakter vermag keiner den geistigen Zustand zu verbergen, den er sich damit errang. Wer die Totenmaske in dem bekannten Werk von Ernst Benkard „Das ewige Antlitz" aus der Kenntnis ihrer Hinterbliebenen Leistungen lesen und vergleichen kann, wird selten überrascht sein, daß die Erscheinungsform der Daseinsform nicht entspräche; und wo er Überrascht ist, wird er sein Urteil so oder so nachprüfen müssen: weil „die Hülle", die sich der Geist gebaut hat, das Gewisseste ist. Und wer je in einer Versammlung von „Spitzen der Behörden" oder sonst von Prominenten nach einem wirklich bedeutenden Kopf gesucht hat, ist der Rückbeziehung auf den Geist selbstverständlich sicher gewesen. Die „schlichte Hülle", in der sich ein Großer versteckt hält, mag in allem gesunden werden, in feinem Kopf, feinem Gesicht nicht. Darin läßt sich der Geist nicht verhüllen, sein Mangel auch nicht. Wenn danach kein Ornat und Talar, keine Uniform und kein Prunkkleid darüber zu täuschen vermögen, „wes Geistes Kind" der einzelne ist, so befinden wir uns unvermutet vor einer Abgleichung aller äußeren Unterschiede, die der des Todes nichts nachgibt, aber vor ihr voraus hat, daß sie eine Gerechtigkeit schon im Leben ist. Der Dummkopf wie der Schlaue, der Weise und der Tor, der Eitle und der Bescheidene: alle die das Gewand ihrer äußeren Geltung selbst ober ungewiß tragen, alle sind durch das entlarvt, was wir Europäer zum wenigsten nicht zu verkleiden pflegen, sondern zur Schau tragen durch ihr Gesicht. Wir alle ständen am Pranger nicht erst unserer Totenmaske, wenn eine gütige Hand nicht dennoch die Gerechtigkeit verhüllte. Wie jeder am Ende nur sich selber kennt, so kann er auch nur sehen, was er selber ist. Das Buch der Menschheit in den Gesichtern ist den einzelnen nur in den Blättern aufgeschlagen, darinnen er zu lesen vermag. Goethe sah die in Weimar um ihn waren, aber sie sahen Goethe nicht. Und die wir ihn nun in seiner Maske betrachten, uns hat erst sein Werk „mächtig angezogen", diesen Blick in sein Gesicht zu tun. Das Ende des Prinzen von Trinidad. Von Anton Schnack. Er hielt feinen letzten Monolog vor der Welt, die er, größenwahnsinnig wie er war, zu sehen glaubte, die ihn aber schon lange vergessen hatte. Er schritt in dem elenden Loch des Gastzimmers von El Paso von Wand zu Wand, die nichts waren als blanke schwarze Steingefüge, Schwadronen von Fliegen surrten um die schwarze, zerfallende Zimmerdecke. Sein Schatten war so groß wie die ganze Breite dieses Raumes. „Zeitgenossen von Paris, London, Neuyork, Großmächte des gigantischen Erdballs, vor euch stehe ich zum letzten Male, ich, Prinz von Trinidad! Wollt ihr oder wollt ihr nicht? Ich bin zum Aeußerften entschloßen. Noch Minuten... Ich warte auf den magischen Glanz eueres Goldes, um ein gewaltiges Reich unter den heißen Sternen des tropischen Ozeans aufzurichten. Wenn nicht: hier habe ich Gift, altes furchtbares Gift indianischer Götzendiener. Ich werde es schlucken, ihr aber werdet um ein glänzendes Genie und um ein herrliches Reich ärmer fein! Ihr wißt, nie hat es mir an Mut und Verwegenheit gefehlt! Erinnert euch, spießige Pariser, an den dreiundzwanzigjährigen Harden-Hickey, der euch mit seinem Witzblatt Triboulet drei Jahre lang wie ein spitzer atzender Dorn im Fleische der Dickfelligkeit und der Dummheit saß! Er riß sich die Brust auf, deren Haut von Narben verschnürt war. Heber der Stirne bis hinunter in bas Fleisch der rechten Wange hatte sich ein Riß verwulstet. Er schrie, leise rann ihm schaumiger Speichel aus ben Mundwinkeln: „Das alles, Fleisch, Haut und Herz habe ich hunderten Duellen hingehalten, Säbeln unb Pistolen, unb euere schwemigen Ritter, Makler Aristokraten unb Winbhunbe Haden nicht vermocht, mich zum Teufel zu schicken. Mir war's wohl unter euerem Haß; euere Regierenben, 6c i bli. Re Sr> Ze! Sir daß peil küh den din; besc steic sch'f Luft Gesc die eisur auf Hand ist ir die ' uism gesch werd schwi nach, die a der L Ur heute neuen ein V Ameri freider orienti und e Lager scheu, Und di moder, oberflä der ne würder dieser ! rascheni modern Ausfass Enfmid Bresche von nn Ton lie lich, das Pflanze Mensch getriebe: Schwier Mensche einen q, lei. Es i tert mal gehen zi schiedens lein. Ni darauf a Wm Du Mensche, ^treten Edgar 2 vertritt e Grundidc Betrachte ^lenken Us seiner Eehirn a primitive ws von «versuch er Men, ^r nahe L« Affe ?'-Affen !°lbst ein Menschs ?!5 man Mführt. » 9n äh Eichung Riesen aus Dummheit und Aufgeblasenheit, haben mich wie einen Aussatz verachtet und verfolgt, aber das Publikum der Gosse und der kleinen Kneipen hat mir, wenn ein Pfeil meines Witzes einen großen Vogel an di« Wand des Gelächters spießte, zugejubelt." Er hielt ein wenig inne, sein spitzes Gesicht fiel vor Betrübnis zusammen; draußen vor der glaslosen Fensteröffnung zitterte der löcherige Hof unter einer fahlen Nachmittagsglut. Es stank von Schweinen herein. Die Quadratur der Eisengitter fiel in Schattenschnüren auf die Kloakenpfützen, die draußen standen. Ein Kind schrie erbärmlich. Ein metallener Gegenstand wurde mit peinigendem Lärm auf einen Stein geschlagen. Luft der Aermlichkeit schwelte unter Hardens Nase. ®r räusperte sich und spuckte vor sich hin. Seine Augen wachten zornig und wütend auf. „Ekelhafte Kerle: meine Zeitschrift habt ihr beschlag- nahmt, da ihr keine adere Waffe gegen ihren Geist in eueren Wasserköpfen hattet. Ihr habt mich, den reichen Sohn eines kalifornischen Vaters und einer irländischen Mutter, aus euerem Lande der angeblichen Geistesfreiheit und Demokratie als lästigen Ausländer hinausgejagt. Nun — ich S‘P0, * aber das Gelächter, das ich um euere Eselsohren aufwirbelte, Ser Prinz verharrte eine Weile. Er senkte seinen verkommenen Kopf, auf dem das Haar schmierig und ungekämmt stand. Er schien müde zu sein und Hunger zu haben. Er gähnte lang und es erschütterte ihn durch den ganzen, etwas mageren Körper. Sein« knöchernen Finger hatten eine Bewegung als zählten sie Münzen, Geld, wieder und immer wieder Geld. Dabei„fah er etwas blöd aus. Aus feiner Kehle quoll das Wort Ent- ,.abar kaum zu hören, da feine Stimm« zugleich in ein unartifultertes ©urgetn versank. Er schüttelte sich, als drücke ihm eine eifenlaft die Schultern mit den Füßen zusammen. Er war dem Weinen nahe Er hatte sich am liebsten hingelegt und nichts mehr gesagt. Der furchtbar« Gedanke, einst Dollarmillionär gewesen zu sein und jetzt nur nod) einen verschmierten, dreckigen Zehndollarschein als letztes Geld in »er Tasche zu haben, schien ihn mit bitterem Gram zu brennen Plötzlich k°uerte er wieder los, ganz fahl und verzerrt im Gesicht, mit vorqestreck- © reinen " Un& tretenden Füßen. Seine Stimme überschlug sich zum „Pest und Schwefel über euch Kannibalenbande, ihr fletschenden Vampyre und Dreckgesichter, damals konnte ich noch auf euch speien und mit einem Tritt euch an die Luft befördern, aber jetzt muh ich auf euere lauern, aber ich merke, ihr seid seitdem gescheiter geworden! Ihr habt mich aus Frankreich vertrieben; aber ich ging nach Belgien und kaufte mir eine purpurrote Jacht, verzierte sie mit Schneckenhörnern, xritonen und Vögeln und fuhr in die Nächte und Tage der Welt. O schöner erzerner Glanz der Welt! Ich bin gekreuzt unter Gewittern. In Japan ftelen mir schwefelnde Sterne aufs Schiff, lieber den Eisbergen von Patagonien sah ,ch magnetische Lichtbänder strahlen. Meine Tage gehörten den Winden, über dem Meer, der Reinheit der Sonne und der schwer- mutigen Schönheit ewiger Sterne. Ich roch die Gerüche von Indien und Ehina. Ich hielt Frauen, süß, klein und braun, in meiner Handschale. -Jd) war zehn Jahre lang ein unsteter, beglückter Weltfahrer, der keine ber Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, aus Traum, Sagt» Nichtstuen, Gesang, Freude und Demut bestand. . Auf der Fahrt nach Rio de Janeiro entdeckte ich, wie aus Metall in den Abendhimmel gestochen, den Steinberg von Trinidad. Ich landete ™.. r blauen Dämmerung in einer Bucht, die ganz phosphoren war. Drei Mannern liefen vom Innern der Insel her und schwangen Tücher ein brennendes Scheit und ein rundes Blech, auf das sie mit einem Holzknuppel schlugen. Es waren Franzosen von dem Schisse „Coeur de France , das hier zu Bruch ging und über siebzig Menschen an den steinernen und vulkanischen Strand warf. Aber in den Schluchten wuchsen ewiggrune Baume mit phantastischen Früchten und in den Klippen sHwammen Tausende von Riesenschildkröten, die ein schmackhaftes Fleisch für die Kessel brachten. Ich habe den Männern viele Dinge geschenkt: Gewehre mit bronzebeschlagenen Schäften, Romane von Dumas Trinkbecher aus Silber Rauchtabake und Gewürze in Fässern, einige Gallonen Sßranntroem, Kleiber uni) föönes 8eber3eug." verlor sich ganz in Erinnerungen, sein verwegenes schmerzdurchspitztes Gesicht bekam Glanz von Wollust und Ruhe da er ber wunderbaren Nachte auf dieser Insel gedachte. Er setzt« sich ein MArnno"1' auf halbgeöffneten Kasten, der mit eisernen Bändern beschlagen war und außer dem Bette die einzige Sitzgelegenheit des i!!?umes bildete. In fein Gedächtnis kam der weiße Schaum^ der hohen m^o^ranbung .?,ttruc!L.ble quakenden Geschwader der Seevögel, die plötzlich, »vn schrillen Winden getragen, aus allen Himmelsrichtungen kamen und sich auf den Klippen niederließen. vrnyiungen Schweigen entstand im Zimmer. Der Mann atmete kaum. Draußen fönen sich spanische Stimmen Schimpfworte zu. Das erweckte ihn aus fernem Bruten und reglosen Hinstieren. Er fing wieder an zu sprechen €,n G^pra.ch nut sich selbst im Gegensatz zu dem pathetischen ??vvo!og, den er wie eine Trompete an die stummen, brutalen Mauern feines schäbigen Zimmers geschmettert hatte. m, "®s waren reizende Leute, Burschen von Gewandtheit und Witz Monsieur, sagten sie eines Abends, wollen Sie unser Vrinr und Stotts Halter sein? Sie lachten dabei. Es war ein Gelage. Holzfeuer brannten ci® 1rfXf^eeI1^lKUnter-' ?ae Arien: Hoch der Prinz von Trinidad! &5XÄÄ"“ “r 6'* * 'ÄWÄ .Ich bin mit meinem Schiffe wieder aufgebrochen. Gelbe Taifune über- unsere Gesichter. Hundsköpfige Fische stiegen des Nachts mit zerfaserten Feueraugen aus der Tiefe und beglotzten uns. Meeraelvenstcr unter 3W D°rrbeL ..IroEiWe Sternnächte fielen wie Samt auf n" JA s"ho der Magnetkompaß seine orientierende Richtkraft verliert, wo di« überhaupt sichtbaren Sterne stets über dem Horizont in gleicher Höh- bleiben und die Erdrotation aufhört, diese mathematisch-geographisch interessanten Endpunkte der Erdachse sind nunmehr auch längst erreicht worden. Der Nordpol wurde ganz besonders von Amundsen und Byrd, der Südpol bestimmt von Amundsen, Scott und Byrd bezwungen. _ Esmuß betontwerden, daß die Ziele der Polarforschung wissen, fchaftlich doch weit höher sind als diejenigen der Polerreichung. Letztere, also die Auffindung der Erdpole selbst, ist mehr oder weniger «ine sportliche Angelegenheit, abgesehen davon, daß die astronomische Bestimmung jener mathematischen Endpunkte der Erdachse mit den auf Polarexpeditionen verwendbaren Meßinstrumenten nur recht ungenau sein kann. Ja, man kann ohne Uebertreibung wohl sagen, daß diese besonder« m neuerer Zeit betriebene „Hetzjagd" nach den Polen den'Verlust s° vieler Menschenleben nicht lohnt. Speziell bann nicht, wenn die Poljagd nicht vor allem die zu den Polen führenden Wege und Erdgebiete genau unb wissenschaftlich erforscht. Das haben in neuerer Zeit besonders Amundsen, Scott und Byrd getan. Die wissenschaftliche Erforschung der polaren Erdregionen blühte spe- ziell im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts auf, wo unter besonderer 2J(ttn>irfung Deutschlands und auf Anregung deutscher Gelehrter eine größere Reihe von ständigen Beobachtungsstationen rund um die Post oor Erb«, sogenannte zirkumpolare Stationen, errichtet würben, mit denen auch häufig Polarexpeditionen zusammen arbeiteten. Von den vielen und wertvollen Zwecken der Polarforschung, die mit ber Polbezwingung selbst nichts oder nur wenig zu tun hat, seien hier nur die wichtigsten kurz erwähnt. Es handelt sich hierbei um geographische, geologische und erbphysikalische Ausgaben im weitesten Sinne, wobei auch meteorologische und erbmagnetiföe Messungen eine wichtige Rolle spielen, ferner bieten dabei zoologische, botanische und sogar physiologische Fragen em reiches Arbeitsfeld der Polarwissenschaft. Ganz besonders haben endlich auch wirtschaftliche Interessen wichtige Impulse der Polarsorschung gegeben. Cs sei daran erinnert, baß die hauptsächlichsten Fanggebiete ftir die tranliefernden Walfisch- und Walroßjagd in den polaren Regionen der Erde liegen; neuerdings, nach teilweiser Erschöpfung der nördlichen Polargebiete, ganz besonders auch in per Antarktis. Wird doch der Geldwert allein des englischen und cnneri- mmschen Walfischfangs im letzten Jahrhundert auf etwa 2% Milliarden Uolbmart geschätzt. Dazu kommen noch wertvolle Kohlenfunde, d'« be anders in Spitzbergen als ziemlich reich und auch bequem ausbaufähig gelten können. Nim noch einiges über die modernen Polarreisen im Luftfahneug. Ben Beginn dieser aeronautischen Polfahrten machte 1897 von SM- bergen aus der Schwede Andree, der in einem Freiballon mit W pölzen Namen „Adler" den Nordpol Überfliegen wollte. Er ist mit seine" ie m«i# dlld auf in mein Prinz? schonen Wisse«. : berep. >r. Neu 3a, uxi5 ' riesige 'graben« itaufenb r bis in 15 Ws italisten- ’n mein irte." rus de» >ob eine >er beim inittertes er darin, er alles, ib er die J fort, er ickte, mit n. ^arbeit- n. Dann tfctmmen, t. Er fiel j weiten beiden Begleitern bei diesem Unternehmen leider zugrunde gegangen und blieb 33 Jahre lang verschollen, bis in allerjüngster Zeit die traurigen Reste der Expedition im Eise der Weißen Insel zwischen Spitzbergen und Franz-Josephsland gesunden wurden. Wie erinnerlich, kamen in neuerer Zeit besonders Amundsen, Byrd, Wilkins und Eyelson mit Luftfahrzeugen zum Pol, wobei Amundsen zuletzt den Opfertod fand. Auf alle Fälle sollten die neuesten traurigen Ereignisse dazu führen, daß Polfahrten mit Luftfahrzeugen, wenn überhaupt, so doch nur mit peinlichster Vorbereitung ausgeführt werden. Dies trifft auch auf den kühnen Plan zu, die Luftverbindung zwischen Europa und Ostasien über den Nordpol herzustellen, zu dem nicht einmal Eskimos kommen. Allerdings würde dadurch der Weg erheblich abgekürzt, aber die Gefahren, besonders durch Vereisung des Luftfahrzeugs, dürften sich gewaltig steigern. Hier tritt die Frage in voller Aktualität auf, ob Flugzeug oder Luftschiff für polare Erkundungsflüge am geeignetsten sei. Die Nachteile des Luftschiffs für diese Zwecke beruhen auf seiner Größe, seiner geringen Geschwindigkeit und seiner verhältnismäßig großen Unbeholfenheit. Durch die großen Dimensionen des Luftschiffs werden die Gefahren der Vereisung in der Nähe der Pole und der dadurch bedingten Herabdrückung auf die polare Eisfläche erheblich vergrößert. Durch die noch immer vorhandene Unbeholfenheit beim Aufsteigen und beim Landen des Luftschiffs ist in sehr entlegenen Gegenden, wie es die Polargebiete nun einmal sind, die Verwendung von Luftschiffen äußerst erschwert. Durch die verhältnismäßig geringe Geschwindigkeit des Luftschiffes endlich, die als Eigengeschwindigkeit im Maximum bisher auf 135 Stundenkilometer geschätzt werden kann, während das Flugzeug bereits eine viermal so große Geschwindigkeit erreichte, steht das Luftschiff auch erheblich dem Flugzeug nach, da die Gefahren der Polflüge mit ihrer Zeitdauer wachsen. Möge die aeronautische Erforschung der Pole diejenige Sicherheit erlangen, die der Sache nützt und keine unnützen Opfer fordert. Oer auf den Kopf gestellte Darwin. ’din. iert, dem : alsdann berühmt! allerdings r Mem, :r Planet rders am )le selbst, wo d« per höhe ^graphisch It erreicht len und b Byrd l wissen- I Letzten, Iger eine lische Beiden auf Inan fein besonders lerluft jo I Poljagd Ite genau ■efonbcTS lihte |p!= Isonderck ■ter eine B>ie Pole Bit denen B die mit Bien hier Waphische, ■bei auch B spielen. B Fragen lüeressen ■rinnet ■ch- und ■c, noch Ms auch M ameri- Mliarben Me, die Maufahig Dhrzeug. ■ Spitz- ■it dein B seinen Von Erich Gutkind. Unsere Vorstellungen von der Abstammung des Menschen befinden sich heute in einer bis an die Wurzeln reichenden Umwälzung. Wenn diese neuen Verstellungen schon mehr Allgemeingut geworden wären, so wäre ein Vorgang unmöglich gewesen wie jener berühmte „Affenprozeß" in Amerika, der noch in aller Erinnerung ist. Dort war ja bekanntlich die freidenkerische und monistisch-darwinistische Richtung mit den an der Bibel orientierten und religiösen Parteien auf das heftigste aneinander geraten, und es war erstaunlich, mit wie unzulänglichen Mitteln diese beiden Lager sich bekämpften. Die freidenkerischen Kreise hatten vollkommen übersehen, daß die Bibel schließlich kein naturwissenschaftliches Lehrbuch ist. Und die religiösen Menschen übersahen, daß die Lehren der Bibel mit der modernen Wissenschaft keineswegs so unvereinbar sind, wie es für eine oberflächliche Betrachtung aus sehen mochte. Würde ein ebeffere Kenntnis der neueren Auffassungen in der Biologie vorhanden gewesen sein, so würden beide Parteien bald gespürt haben, wie gegenstandslos im Grunde dieser Kampf ist. Die tiefe Weisheit der Bibel deckt sich nämlich in überraschender Weise mit gewissen Borstellungen, die gerade durch die aller- inodernste Biologie und Paläontologie vertreten ist. Die alte darwinistische Auffassung, daß der Mensch ein allerletztes, spätestes Endprodukt in der Entwicklung der Lebewesen sei, ist gänzlich erschüttert. Vor allem ist eine Bresche hineingelegt in die Grundthese des Darwinismus, daß der Mensch von niederen Wesen, besonders von den Affenarten ab stamme. Der Ton liegt dabei auf dem Wort abstammen. Auch die Bibel lehrt ja schließlich, daß der Mensch in der Reihe der Lebewesen erst zuletzt erschien. Pflanzen und Tiere gehen ihm voran. Aber sie lehrt nicht, daß der Mensch deshalb von diesen niederen Lebewesen erzeugt oder hervor- Utrieben sei, als ihr Produkt. Schon frühere Darwinisten bemerkten die Echwierigkeit, die darin liegt, wenn man den Affen als Ahnherrn des Menschen ansieht. Und man verfiel auf den Ausweg, für Affe uni) Mensch «inen gemeinsamen Ahnherrn anzunehmen, der dem Menschen ähnlicher ei. Es ist deutlich, daß damit die Grundtendenz des Darwinismus erschüttert war. Nämlich die Tendenz, das Höhere aus dem Niederen hervorgehen zu lassen. Erwähnt sei, daß ja auch schon Virchow auf das entschiedenste bestritt, die Affenarten könnten die Ahnherren des Menschen Mn. Nun haben aber diese antidarwinistischen Gesichtspunkte, welche darauf ausgehen, die Abstammungslehre zu überwinden, erst heute völlig zum Durchbruch kommen können.' Diese neue Deutung der Stellung des Menschen unter den übrigen Lebewesen wird vielleicht am großartigsten vertreten durch den bereits weltbekannt gewordenen Münchner Forscher Edgar Daequö. Aber auch der Anthropologe Max Westenhöfer vertritt einen Standpunkt, der ebenfalls auf eine Ueberwindung der alten Mundidee des Darwinismus hinauskäuft. Die vergleichend anatomischen Betrachtungen dieses Gelehrten, besonders über den Bau von Fuß, Kinn, gelenken, Milz und anderen Organen zeigen, daß der Mensch keineswegs (Lvner lenzen Person die gleiche Entwicklung durchgemacht hat, die fein Wrn aufweift. Vielmehr hat der Mensch eine große Reihe von uralten Mmitiven Eigenschaften bewahrt, die von anderen Saugetieren, beson- ihu rDOn längst überwunden sind. In einigen seiner neuesten Ä über den Bau des Beckens hat Westenhöfer gezeigt, daß ENfch selbst heut noch in bestimmten Eigenschaften den Viersüßlern vom Ä/steht. Man kann daraus den Schluß ziehen, daß nicht der Mensch Bi» out 'en abstammt, sondern umgekehrt, eher der Affe vom Menschen. lelMt • “rten rvären also eine Art Seitenlinie des Menschen, der Mensch j J,''n älteres Wesen. Eine frühere Form. Die Linie, die zum heutigen als ™ n -.^rt, trennt sich also schon zu einer überaus viel früheren Zeit, ^nsühr? o'-hrr annahm, von der Linie, die zu dem heutigen Affen Richtung laufen auch die neuen überaus umwälzenden i y n9en von Daequ 6. Auch er ist der Meinung, daß der Mensch 1 keineswegs eine nur neuzeitliche Form ist, im Sinne der Erdgeschichte geiprochen, sondern vielmehr eine ungemein alte archaische Form die bis in das Erdmittelalter und Altertum zurückweift. Daeque belegt es durch eine Fülle von Material, durch Hinweis auf Spuren des Stim- auges, durch Gebiß, Hand und anderes. Auch das Embryo des Menschen zeigt ehvas bisher wenig beachtetes, nämlich eine Fülle von Anlagen die spater nicht entwickelt werden, während die primitiveren, mehr tierischen Formen wieder Oberhand gewinnen. Der wirkliche ganze Mensch hat sich also bisher nock nicht richtig durchgesetzt. Der Mensch ist noch nicht recht erschienen. Es gibt in der Natur eine starke Tendenz, bestimmte Eigenschaften einseitig auszubilden, eine Neigung zur „Spezialisierung". Wenn diese Spezialisierung sich sehr stark vollendet, wie z. B. etwa bei den Riesen der Vorwelt, so sind diese Formen dann auch gewöhnlich schon zum Untergang verurteilt. Das eigentümliche des Menschen ist, daß er bisher in dieser Weise noch nicht spezialisiert ist, während die übrigen Tiere solche spezialisierten Seitenlinien des Menschen darstellen. Gleichsam Schlacken, die der Mensch auf dem Wege seiner Entwicklung abgestreift hat. Auch im heutigen Menschen ist die wirklich vollendete Urgestalt des Menschen erst wie veranlagt. Die Menschengestalt steckt also in der biologischen Entwicklung der Lebewesen als das geheime treibende Moment darin. Die Tierwelt haben mir also als unvollkommenen Ableger hinter uns zurückgelassen, wie abgestreift. Die alte Lehre vom Stammbaum wird also von dieser neuen Biologie sucht aufrechterhalten. Daeque bestreitet, daß man überhaupt bisher jemals solche Stammbaumgabelungen gefunden habe. Das, was so aussteht, ist in Wirklichkeit etwas anderes. Die Natur verfährt nämlich viel sprunghafter, und zwar scheint sie zu allen Zeiten das zu haben, was Daeque die „Zeitfignoturen" nennt. Das sind Stile oder Moden der Natur. So gibt es eine Mode der Krallen, der Panzer, Schuppen, Flügel, Schnäbel und anderes mehr. Diese Stilformen wendet die Natur zu gleicher Zeit an auf Wesen, die in dem „Stammbaum" der Lebewesen Weit voneinander stehen können und nicht das mindeste miteinander zu tun haben. Sie sind gar nicht stammverwandt, sondern haben nur die gleichen „Zeitsignaturen". Es ist, als ob die Natur den Versuch macht, Uebergangsroefen und Zwischenstufen zu schaffen, die sie wieder fallen läßt, um sprunghaft, an anderer Stelle, die Entwicklung fortzufetzen. Die treibende Kraft dieser Entwicklung liegt also gar nicht zwischen den einzelnen Gliedern der Abstammungsreihen, sondern jenseits davon. Der Mensch wäre also mehr in dem biblischen Sinne das geheime, in der Entwicklung steckende und sie treibende Ziel des Aufstiegs der Lebewesen, aber nicht ein bloßes letztes Ergebnis, das man sich sogar vielleicht fortdenken könnte, ohne daß diese ganze Entwicklung davon berührt würde. Man sieht also, daß der Darwinismus hier geradezu auf den Kopf gestellt worden ist. Daeque sagt einmal, daß er im Skelett der Erde nach der Metaphysik des Menschen forschen wollte. Er glaubt zeigen 31t können, daß die alten Mythologien, z. B. etwa die Erzählungen von Drachenkämpfen, keineswegs abergläubische „Dichtungen" seien, die eine kindliche Menschheit aus Angstzuständen gegenüber den Schrecken der Natur geschaffen haben. Diese Mythen sind vielmehr treue Berichte von einem Geschehen, das sich tatsächlich zugetragen hat. Sie schildern uns jene latente geheime Entstehung des Menschenwesens, das sich aus der Naturüberwältigung hervorarbeitet. Die alten magischen Kulturen sind ein Ausdruck dieser Vorgänge. In dieser Umdrehung des Darwinismus reichen sich Mythos und Wissenschaft in sonderbarer und epochaler Weise die Hand. Mathilde Möhnng. Roman von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) Hugo genas, und Ende Februar saß er im Garten in Front von einem Weinspalier, auf das eine warme Frühjahrssonne fiel. Thilde faß neben ihm und las ihm die Zeitung vor, denn es waren die Tage, wo Bismarck ins Schwanken kam. Hugo fing jedes Wort auf und zeigte großes Jnterefle, ergriff aber nicht Partei. „Sie werden wohl beide recht haben", meinte er. Thilde lächelte. „Ja, Hugo, das bist ganz du. Beide recht. Ich bin für einen." lieber den Zaun fort grüßten die Nachbarn, die sich schon in ihrem Garten zu schassen machten, und stellten auch Fragen nach seinem Befinden, denn so kurze Zeit er in der Stadt war, so war er doch sehr beliebt, und jeder freute sich feiner Wiedergenesung. Die Landrätin kam persönlich und klagte sich an: eigentlich sei sie schuld, er habe sich's bei Ostwind auf dem Eis geholt. Und der alte Graf schickte eine große Melone aus feinen Treibhäusern mit einem Billett voll phantastischer Verbindlichkeiten und Ratschläge. Nach Berlin hin war all die Wochen über kein Wort über die Krankheit vermeldet worden, weil Thisde dem Gejammer der Alten entgehen wollte, und auch jetzt, wo die Genesung im Gang war, schrieb sie nichts von der zurückliegenden schweren Sorge. Vielleicht unterließ sie es auch, weil sie der Genesung mißtraute, wozu — wie sich bald zeigen sollte — nur zu viel Veranlassung vorhanden war. Eines Tages, als Hugo wieder in der Sonne saß, schlug das Wetter plötzlich um, ein Schüttelfrost stellte sich ein, und ehe noch der Arzt es seststellen konnte, war es klar, daß ein Rückfall eingetreten war. Er nahm die Form einer rapide fortschreitenden Schwindsucht an, und am zweiten Dfterfeiertage abends trat der Tod ein, nachdem der Kranke Thilde nochmals ans Bett gerufen und ihr für ihre Tüchtigkeit, ihre Liebe und Pflege gedankt hatte. Diese Worte waren ehrlich gemeint, denn die Bedenken einer früheren Zeit waren ganz geschwunden, und er sah längst in Thilde nichts mehr als die rührige, kräftige Natur, die fein Leben bestimmt, und das bißchen, was er war, durch ihre Kraft und Umsicht aus ihm gemacht hatte. die Ecke Dich mit. Deine treue Tochter Thilde." chuhe an' und sieht sonst aus,__________________________________(Schluß folgt.)____— Druck und Verlag: Brühl'sche LlniversitätS-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gieb^ Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — und die Beklem- ^Jawoll, Fräulein", nickte der Packträger — er verbesserte sich aber rasch, denn er kannte sie von alter Nachbarschaft her ganz gut, und versprach dann, in einer halben Stunde da zu sein. . , .. . v Als sie ging, sah er ihr einen Augenblick nach. „Was doch nich das liebe Geld alles tut. Die hat sich tüchtig rausgemausert, or ntlich n bißchen forsch, und sogar mit 'n Krimstecherl" Während ihr diese Betrachtungen folgten, schritt Thilde über den Damm hin und sah auf das Haus und nach der dritten Etage hinauf. Es hatte sich nichts verändert, und doch kam ihr alles ganz anders vor. Em eigentümliches Gefühl beschlich sie, als sie sich sagte: sei froh, daß es ist, wie es ist, es könnte viel schlimmer sein. Wie war es vor zwei Jahren, da mußte ich noch alles selber tun. Sie ging auf die rechte Seite der Straße und spähte hinauf, ob sie die Alte vielleicht am Fenster sähe. Aber sie sah nichts, auch nicht in den andern Etagen, überall waren noch die Rouleaus herunter. Es war ihr lieb ganz unbeachtet zu sein, aber sie war es nicht, und wahrend sie über den Damm auf die Haustür zuging, sagte oben die Rätin, die vom Frühstückstisch aufgestanden war und sich ein Guckloch in der angelaufenen Scheibe zurechtgemacht hatte: _, „ . , „Was sitzt du wieder über der Zeitung, Schultze, so was sieht man nicht alle Tage. Sie hat bloß schwarze Handschuhe an und sieht sonst aus, ^Mch j,ä,' Thilde, di« Beklemmungen, aber ich meine nich die mungen, ich meine, daß es so lange gedauert hat. Samstag früh mit dem Achtuhrzug kam Thilde auf dem Friedrich- straßenbahnhof an. Den kleinen Handkoffer, den sie mit sich führte, gab sie einem Gepäckträger zugleich mit ihrem Gepäckschein und> wies ihn an, ihr alles in ihre Wohnung zu schaffen, drüben bei Schultzens, drei als reiste sie nach Dresden und in di« Sächsische Schweiz. Regenmantel und Opernglas, es fehlt bloß noch der Alpenstock." . „Ach, du hast immer was zu quängeln, Luise. Wenn sie mit einer langen Trauerfahne ankäme, dann wär es dir auch nicht recht. Thilde stieg langsam eine Treppe hinauf, je höher ft« kam, desto langsamer, weil ihr vor der Begegnung mit der Alten bange war. Auf dem letzten Treppenabsatz stand die Runtschen und nahm ihr, weil sie nichts anderes mit sich führte, wenigstens den Regenschirm ab. „Na, Runtschen, wie geht es?" . „Jott, Frau Bürgermeistern, wie soll et jehen — aber ehe sie das Gespräch fortsetzen konnte, war man oben, und Thilde lief auf die Mutter zu, die halb sonntäglich zurechtgemacht, in der offenen Tur stand und gleich zu weinen anfing. ., ~ t , „„„ „ „Mutter, so weine nur nicht gleich. Jeder kommt doch mal ran. „Ja, bloß der eine zu früh und der andere zu spat. Wenn ich doch ^"önd'dabei trat Este vom Flur her in das Entree und vom Entree in die Wohnstube, wo vor dem Sofa schon der Kasse« stand und Semmeln ""^„Na,"komm, Thildchen, nu wollen wir «ine warme Taste trinken, und erzähle mir alles, wie es war." Ja, Mutter, gleich. Ich möchte mir aber erst die Hande waschen, und das Haar ist auch in Unordnung, ich hatte den Wind ins Gesicht und wollte nicht zumachen." Und dabei erhob sich Thilde wieder, legte Hut und Krunstecher beiseite und hing den Mantel an einen Ständer im Entree. Dann kam sie wieder und meinte: „So, Mutter, nun schenk^ uns em. Kalt war es ja, und der Mantel hat auch nicht viel geholfen. " Ich dacht«, du würdest ein Umschlagetuch drüber nehmen und über» hauvt so etwas, was wie Trauer aussieht. Hast du denn gar keine Trauer getragen? Ich weiß ja, daß es hier sitzt aber wegen« der Leute. Und sie haben sich doch sehr anständig gegen dich benommen. Ja Mutter, natürlich habe ich Trauer getragen. Schulze hat mir alles besorgt und hatte das meiste auf Lager. Ich war ganz schwarz mit Schleier und Schleppe, alles wie sich's gehört, aber als ich mich für die Reise zurechtmachte, hab ich alles eingepackt, und du kannst es sehen, wenn es nachher kommt." Am dritten Osterfeiertag bei untergehender Sonne wurde er auf dem Woldensteiner Kirchhof begraben. Alles war da: der alte Graf, der es auf den Arzt schob und dann wieder versicherte, er habe es schon am Neuiahrstaq gewußt. Der Landrat, der, weil Osterferien waren, gerade in seinem KrAs sein konnte, viel Adel aus der Nah« und die ganze hatte, wurde auf das Grab gelegt. , Der Geistliche geleitete Thilde in ihreWohnungi, unb> >»oj)renb “g® tHrnf im Aenoa Kasimir" eine Flasche herben Ungar ausstach, saß -vyuoe ?uf dem Trittbrett ihr^s Wohnzimmers und sah auf den immer dun er werdenden Marktplatz, über den ein Westwind ermge braune Winier- Dann'wurden ein paar an Ketten hängende Laternen angesteckt, und im Schatten des Rathauses, da wo die Stiege hinaussuhrte, staub plaudernd ein Lieb spaur Sie liehen sich durch den immer heftiger werdenden Wind nicht stören, der die Laternen hin und her bewegte, so daß sie an ihren Ketten quietschten und knarrten. Als Thilde wohl eine halb« Stunde lang auf das alles hmausgestarrt hatte, zündet« sie die Lampe an und setzte sich an ihren Schreibtisch, ein paar Zeilen an ihre Mutter zu schreiben: „Liebe Mutter! Heute gegen Abend haben wir Hugo begraben. Es war sehr schön und feierlich, alle Welt erschien, auch der Adel aus der Umgegend. Prediger Lämmel hielt die Rede. Sie wird gedruckt und wird uns dann denn bis dahin denk« ich wieder in Berlin zu fein — von hier aus zugestellt werden Wie ich Dir gleich bemerken will, kostenfrei, auch der Druck. Denn Du wirst wohl sehr in Angst sein. Ich muh Dich aber ernsthaft bitten, mid) mit dieser Angst nicht quälen zu wollen. Ich habe von hier au-> für Dich gesorgt, und ich werde weiter für Dich sorgen. Du denkst unmer an jämmerlich zugrundegehen, aber solange Deine Thilde lebt, solange wirst Du zu leben haben, dessen sei versichert. Ich empfang« noch das Gehalt bis Jahresfchluhunddie Witwen- pension vom ersten April an. Dies wird Sir einen. Stein von der Brust nehmen und wenn Du erst weißt — und deshalb habe ich dies , alles vorausqefchickt —, daß Du nicht ins Spittel kommen und nicht wi« die alte Runtschen reinmachen und einholen brauchst, wirst Du vielleicht auch zuhören, wenn ich Dir sage, daß Hugo gut gestorben ist. Ganz wie em feiner Mensch, der er immer war. Denn er war aus eurem guten Haus was immer die Hauptsache bleibt. Er hat mir °»ch n°ch gedankt, als ob ich wunder was für ihn gewesen wäre. Das macht, er hatte so was Edles. Und Dich hat er grüßen lasten. Dah er bloß schwächlich war, dafür konnte er nicht. Wenn es nach ihm gegangen märe, wäre er stärker gewesen. Alle Leute hier haben ihn sehr geachtet, weil alle sahen, dah er sehr gut war, und selbstSchulze von dem ich Dir schon geschrieben, hat an seinem Grab gesprochen, so dah sogar Pastor Lämmel zufrieden war und ihm die H°nd gab Kaufmann Schulz« wird auch alles besorgen, es sind sehr reell« Leut«, fortschrittlich aber sehr reell. Und was aus dem Mobiliar herauskommt, das werden wir kriegen auf Heller und Pfennig Ich l^be noch em paar Tage hier zu tun und Briefe zu schreiben auch an den alten Grafen der mir eine Stellung als Hausdame in seinem Haus angeboten hat — natürlich mit Gehalt —, aber all dies wird in drei oder mer Tagen beendet [ein, und spätestens Sonnabend früh gedenk« ich m Berlin etn- zutreffen. Ich schreibe aber noch eine Karte vorher, damit Du ganz sicher bist und die Runtschen zu rechter Zeit bestellen kannst. Ich bringe Dir auch ein kleines Andenken von ihm mit, em kleines Kreuz, vorn mit einer Perle. Die Perle hat einigen Wert. Ich freue mich. Dich wiederzusehen so schmerzlich auch die Sferan- lassung ist, denn die Pension reicht mcht an das Gehalt. Ach muß Dir das sagen, mir ist es gleichgültig. Ich bringe Mich schon durch und „Ja, gerade ein Vierteljahr." „Und wenn auch in einer kleinen Stadt der Doktor Roß um wohnt, die Länge hat die Last, und zuletzt macht es doch was aus. Und dann die Medizin! Und gerade wenn es mal schon besser war, da müssen sie dann immer gestärkt werden. Aber es hilft meistens nich mehr un is "^Thllde nahm ein Stück Zucker, brach es zweimal durch und sah in Gedanken auf die vier Krümel, die da vor ihr lagen. In den mer 5tr mein hatte sie nun wieder ihr Leben, und die Mutter, die noch Wort von dem armen guten Manu gesprochen hatte, rechnete schon wiedeN was seine Krankheit gekostet habe. So nüchtern sie selber war, idas war ihr doch zuviel. Sie nahm der Alten Hand und sagt«: ,Mutter, brmg der Runtschen den Kaffee raus, sie wird wohl noch nichts Warmes geh haben. Ich will in die andere Stube gehen und mich einen Augen hinlegen. Vielleicht schlafe ich ein, mir ist doch n bißchen übernächtig. Sie dacht« nicht an Einschlafen, sie wollte nur allem sem und einen Augenblick andere Gedanken haben. In Hugos sruherem Zunrnergm sie auf und ab. Da war das Stehpult, darauf d,e juristischen Bucher immer so verstaubt umhergelegen hatten, und da war der 5 l auf dem hochaufgeschichtet die kleinen Reclamhefie lagen und em pa Bleistifte daneben, um immer gleich Notizen an den Rand Reiben können. Und da war das Fensterbrett, an das gelehnt sie ° sondern^ sentimental ihre Verlobung angesichts des Mondes gefeiert - noch halb krank und verlegen, sie nüchtern und berechnend. ,Jch habe mich ihm immer überlegen geglaubt sann sie vor_ > ,Es war nicht fo. Wenn das ewige Nachrechnen klug ist, dann 11.w die klügste Frau. Von den andern, zu denen Hugo gehörte, hat man^^ mehr, und ich will versuchen, daß ich ein bißchen davon wegkr g ■ es wird mir wohl nicht viel helfen. Von Natur bin ich gev Mutter. Sie berechnet immer, was es kostet, und ich reqne > Vorteil aus. Die vier Krümel Zucker will ich mir in eine Scharm und hier in das offene Sekretärfach stellen. Da habe ich es wm Augen und will dran fernen, daß das ganz Kleine nun wieder und wenn Mutier weimeri, will ich nicht ungeduldig werden. „Und unterwegs wolltest du nicht..." Nein, Mutter, unterwegs nicht. Und ich wollte auch nicht hier so anf'ommen Das sieht gleich so gefährlich aus, und die meisten glauben doch nicht dran, und ich habe schon gesehen, daß sie zudringlich wurden, bloß wegen zu viel Trauer." Aber willst du es denn einfach so liegen lassen, es kriegt ja flecke, und" von Schulze hast du's doch auch nich umsonst. Aufträgen will ich es nicht, aber tragen werde ich es doch, wo s hingehört, wenn ich ernste Besuche mache. Denn wenn ich auch die Pension habe, so muß doch etwas geschehen." . Ach, Thilde, daß du nun davon gleich sprichst. Ich habe es ja nich gewollt und habe mir diese ganze Nacht gesagt: Sprich nich davon, Thilde mag es nich, Thilde war immer großartig, und nu is fie es erst recht. Aber da du nu selber davon anfängft, sage, Kind, was soll nu werden. Denn es war ja doch eine furchtbare Krankheit. „Ja, Mutter, das war es. Immer die Beklemmungen