Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Zahrgang <930 Montag, den r. April Nummer 28 Schreibtisch im Mond. Von Leo Sternberg. Wenn ich dich über mir fühle: Der Vorhang flatternd zurückgeschlagen und das grüne Ampellicht des Himmelsinnern raucht hervor, wie leicht dann — die Stirn von oben beschienen — fliegt das Schiff der Gedanken dem Glühenden zum Ziel! Die Wolken, die finster geballten^ zerklafsen zu siiberdampfenden Seen, durchspielt vom Getier« ungeborener Welten..« Sie jagen und jagen dahin in beglänzten Zügen, während mir hier beim Schein der Lampe - die Hand unsichtbar geführt — hinter dunkler Scheibe die rauschende Nacht entflieht —. Oer Punkt auf dem Von Polly Ti eck. Ws ich meine Freundin Irene nach der vierwöchigen Pause meiner Men Reise wiedersah, fand ich sie auss eindringlichste und seltsamste verändert. „Irene", sagte ich zu ihr und betrachtete sie lange und voll Sorgfalt, „nur die Liebe konnte dich innerhalb von vier Wochen, innerhalb dieser — nach gewöhnlichen Zeitbegriffen gemessen — recht kurzen Zeit, so ungeheuerlich verwandeln. Es würde nicht ganz das Richtige und Entscheidende treffen, wenn ich sagte, daß du ausschaust wie in deiner Mädchenzeit — aber ich muh dir gestehen, dah dein längst verklungener, längst durch Zeit und Schicksal überholter Mädchenname es war, der mir auf die Lippen sprang, als du eben jetzt ins Zimmer tratest. Und doch bist du auch wieder eine Neue, du deckst dich nicht mit jener Irene, die »ar zehn Jahren, gläubig, schwerblütig und ganz Seele, ihr Leben begann. Noch viel weniger aber, das glaube mir, bist du mehr jene anmutige, leichtsertige und zynische Frau, die ich vor vier Wochen als meine vertrauteste Gefährtin verlieh. Du stellst einmal wieder, wie schon öfter in deinem Leben, «in« neue, aus fremden Stoffen gebildete Irene vor uns hin, und wir staunen, dich so anders zu finden — so anders in Ausdruck, Haltung, Sprache und Gang, daß wir, träfen wir dich flüchtig im Vor- übcrgehen, durch eine Aehnlichkeit an Irene erinnert würden, ohne Irene für sie selbst zu halten. Und da ich weiß, daß es bisher stets die Liebe war, die dies« Neuschöpfung deiner Person zu wieder einer anderen Frau wvglich machte, da ich weiß, daß die Liebe dein Weg, dein Wille, dein Schöpferisches ist, so zweifle ich nicht, daß auch heute dieselbe unendliche Krast dich nahm und dich in das neue, träumerische und doch wissende, klare und doch verhangene, gläubige und doch zweifelnde Geschöpf verwandelte, das hier vor mir steht." „Du hast recht", sagte Irene und sah mich mit einem neuen Ausdruck von Unbeugsamkeit an, „du hast recht, denn ich liebe. Wenn man liebt, so liebt inan immer zum ersten Male — aber bei mir ist es nun doch vlwas anderes. Daß ich nicht zum ersten Male liebe, wissen wir beide, und wenn es mir heute auch so scheint, als habe der , Atem der Welt nach noch nie so überflutet wie dieses Mal, als hätte ich noch m« fo «rundlich, so ohne alle Reserven di« Besinnung verloren, so wirst du wir, weise und objektiv mein Krankheitsbild betrachtend, erwidern, daß du dich an ähnliche, wenn nicht dieselben Symptome, bereits mehrfach ?u erinnern vermagst. — Ich werde dir darauf antworten, daß du irrst, doh ich nie, nie für den oder jenen, den deine Erinnerung dir, prompt und lächelnd, heraufschickt, auch nur den Bruchteil dieser vernichtenden Öligkeit, dieses Sterbens und Geborenwerdrns empfunden habe, der wich hier, jede Stund« aufs neue, zerreißt. Darum laß mich gar nicht «von sprechen, dah ich liebe und wie ich liebe, denn vielleicht ist es das Ox? Wunder, dah ich glaube. Ich, bald dreißigjährig, erfahren, ent- „„x '' _,UW und dem Genuß ergeben — siehst du, ich glaube. Ich glaube „ ® "Assme so grenzenlos der neuen Kraft, dem neuen Leben, dem »...^.Willen, der sich, unentrinnbar und jeden Schutz zertrümmernd, in Ja M r verlorenes Leben hämmert. Daß ich lieben muß, ist süß — daß im*® s muR- ist fürchterlich, denn es reißt mich an eine stelle, wo Gnbe kein neuer Weg mehr blüht.--Aber warum soll 1 °ust«re und bittere Dinge denken, wo der Weg so klar, so eindeutig und so himmlisch hell vor mir liegt! Siehst du, wenn ein Zweifel mich beschleichen will, dann nehme ich diesen Brief hier aus der Tasche. Es ist der erste Brief, den ich von ihm bekam, denn ich würde ja nicht so geschmacklos sein, meine Liebesbrief« mit mir herumzutragen, sie gar dir noch zu zeigen und mich an den, längst durch heftigste Gegenwart überholten, schon nicht mehr gültigen Worten zu berauschen. Nein, dies hier ist «in ganz sachlicher Brief, er enthält nichts als ein paar Worte über unsere erst« zufällige Begegnung und die sehr formell vorgetragene Bitte, mich wiederzusehen. Hier, lies selbst, es sind nur zehn Zeilen, es ist der Brief eines nicht mehr jungen, keinen übermäßig guten Stil schreibenden und bestimmt ganz und gar nicht interessanten Mannes — eines Geschäftsmannes von Format, so konstatierte ich gleich — und ich hatte recht. Warum ich also diese zehn Zeilen Nüchternheit mit mir Herumschleppe? Nun, ganz einfach des Aeußeren wegen. Sieh dir einmal das Bild dieses Briefes an. Der Rand ist korrekt und sauber gehalten und an keiner Stelle überschritten. Die Zeilen stehen gerat«, sie fliegen weder nach oben (rote übrigens bei mir, du weißt es) — noch rutschen sie, ein trauriges End« verheißend, nach unten. Sie stehen gerade, klar und sauber, ein wenig pedantisch vielleicht, aber das ist nicht schlecht für die Liebe. Und nun die Handschrift selbst. Sieh diese großen, klaren, weit auseinanderliegenden Buchstaben! Kräftig, eindeutig, ohne Schnörkel, ohne besonders verdächtigen Druck, selbstverständlicku ruhig und doch von großer Linie! Und sage mir selbst, ob man sich der Hand, die diese Buchstaben formte, die sie für dich zusammenstellte und, Schritt für Schritt, in. ihre immer klar bleibende, kühle und reife Farm, langsam den glühendsten Inhalt goß, — ob man sich dieser Hand nicht, gläubig und geschlossenen Auges, übergeben könnte? Denn sich führen zu lassen, das ist doch der letzte Wunsch unserer Herzen, blind sein zu dürfen, die Hand zu nehmen und, ohne nach dem Weg« zn fragen, ganz einfach zu folgen." Da Irene schwieg und mir mit geschlossenem Auge und lächelndem Munde ihren Brief entgegenhielt, nahm ich ihn und schaute, befangen und neugierig, auf die fremde Handschrift dieses fremden Mannes. Ich sah sie lange an und nahm das Bild ihrer Kühnheit, Größe und Gesetzmäßigkeit in mich auf. Dann aber, da Irenes nun aufgeschlagenes Auge Erwiderung verlangte und ich sprechen mußte, sagt« ich: „Das Bild dieses Brieses, liebe Irene, ist eindrucksvoll genug, und ich kann dir nur beipflichten, daß ein festes, großes und inännliches Herz aus ihm spricht. Aber ich bitte dich, eine winzige Kleinigkeit zu beachten, die dir vielleicht entgangen ist. Er fetzt den Punkt nicht auf das „i". Ueberall, wo du ein „i" siehst, steht der Punkt rechts oben oder er hängt sogar fast an dem nächsten Worte. Nirgendwo ist er auch nur einmal, präzis und gewissen- hast, auf das „i" gesetzt. Ich möchte nicht symbolisch werden, noch weniger möchte ich in die selige Umnachtung deiner Liebe einen unwillkommen Hollen Lichtstrahl schicken. Liebe ihn, beste Irene, so viel und so rasend es dir gefällt — aber mit dem Glauben und mit dem Vertrauen, mit der Blindheit und mit dem Sichführenlassen fei — ich bitte dich von Herzen — etwas vorsichtig. Ich gäbe gern ein wenig Kühnheit, ja sogar ein wenig Klarheit der Handschrift dafür, wenn er einmal, ein einziges Mal nur, zuverlässig, still und sauber, den Punkt auf das „i" setzen wollte," --- Irene war offenbar zu klug, um mir bös« zu fein, jedenfalls aber war sie liebenswürdig genug, um es mir nicht zu zeigen. Sie lächelte nur ein wenig und verschloß ihre Reliquie wieder sorgfältig in ihrer Handtasche. Si« ging dann mit ihrem Freunde auf Reisen, und ich traf sie erst gestern wieder, trotzdem ich sie schon seit einigen Tagen zu Hause vermutet hätte. Ich fand sie wiederum bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, nur daß die Veränderung diesesmal entsetzlich und unerträglich erschien. Ihr Gesicht war wie von einer Kälteschicht vollkommen überzogen, und man sah, daß sie es nicht auftauen lassen durfte. Denn was aus dem gelösten und befreiten Gesicht an Schmerz, Elend und Verzweiflung her- ausgebrochon wäre, wäre wahrscheinlich ein schwer und bitter zu ertragender Anblick gewesen. So stand sie mir auf mittäglich heller Straße, . wie in eine Isolierschicht von Kälte, von gefrorenem Schmerz gehüllt, gegenüber. „Daß er mich plötzlich, ohne Erklärung, ohne Uebergang, ohne Wort fallen ließ", sagte Irene, „das wär« zu ertragen gewesen. An enttäuschter Liebe gehen wir nicht mehr zugrunde, denn leider oder gottlob sind wir keine Gretchen mehr. Was nicht zu überwinden ist und roas in meinem Leben stehen wird wie ein großer Block aus Steinen, den ich weder fort« wälzen kann noch ihn zu umgehen vermag, das ist mein getäuschter Glaube Wie soll ich weiter leben, da der Glaube an die goldene Waage meines eigenen Gefühls mir so zertrümmert wurde? Wie soll ich den Weg in eine Welt zurückfinden, in der dies Auge, diese Hand und die Schrift dieser Hand so zu lügen vermochte?" Irene stockte bei ihren letzten.Worten und sah mich, sehr langsam aus ihrer unendlichen, kalten Einsamkeit bis zu mir kommend, lange an. „Ja', sagte sie und versuchte, die Reste ihres Mundes zu einem Lächeln zu ammeln „was di« Schrift betrifft, da habe ich in diesen letzten Tagen viel an dich denken müssen. Denn nun, da ich keine Worte mehr.höre, Wnen Atem mehr Mke, keine Taten mehr sehe, nun muß Wj mich wohl nn die armen, überholten Fetzen des Geschriebenen halten, aus denen ich mir, stet saufs neue, eine Welt der Wärme aufleben lassen kann, die einem sehr weit entfernten Ofen gleicht, dessen Hitze nicht mehr bis zu uns zu dringen vermag. Ich präge mir stets aufs neue die großen und kühnen Buchstaben ein, in denen so viele und so arme Worte geschrieben wurden. Und in all den vielen Briefen, Polly, stoße ich immer wieder auf das eine, seltsame und grausig« Phänomen, das du entdecktest und das mich nun immer verfolgen wird: Er setzte den Punkt nicht auf das „t . Verrücktheit als Beruf. Bon Dr. Alfred Lehmann, Leipzig. Jules Berne schildert in seiner „Reise um die Erde in achtzig Tagen" den „Klub der Exzentrischen", eine Gemeinschaft von Leuten, deren Lebenszweck es ist, Außergewöhnliches zu leisten. Außergewöhnliches allerdings nicht im Sinne des Außerordentlichen, sondern mehr nach der Seite des Ueberspannten hin, das im Auge des normalen Menschen als eine Art gutmütiger Verrücktheit erscheint. Das Wort „Exzentrik" bezeichnet demgemäß im weiteren Sinne eine drastische Ausgeburt humorvoller Launen und hat in der Clownerie des Zirkus, in der „Exzentrik"-Nurnm«r des Varietes seine Verkörperung gefunden. Wie auch immer Menschen und Zeiten fein mögen — ob ausgelassen oder besonnen — immer hat es Leute gegeben, deren exzentrische Späße die Mitmenschen zu unterhalten wußten. Der primitivste Bölkerstamm hat seinen Spaßmacher ebenso wie der gebildete von heute. Wollte man historisch ausholen, so mühte man eigentlich schon beim Spaßmacher im indischen Drama, beim V i d u s a k a, beginnen, müßte den türkischen Hanswurst im Schattenspiel, den Karagöz und seine ausgelassenen Zoten erwähnen und mühte schließlich auf die erste komische Figur im mitteleuropäischen Drama, den Knecht des Salbenkrämers im mittelalterlichen Osterspiel, zurückgehen. Im Volkstum liegt eigentlich viel Exzentrisches begründet so merkwürdig das klingt. Sitte und Brauch haben ja oft mit dem Tempo der Zeit nicht Schritt gehalten, so daß sie in späteren Zeitläuften aus dem Zeitrahmen herausfielen und „exzentrisch" anmuteten. Schembartlaufen und Mummenschanz dürfen wir ruhig zu solchen parodistischen Clownerien rechnen. Bleiben wir aber hier bei der heutigen Bedeutung des Wortes ruhig stehen und beschränken uns auf den „Exzentriker" im Variete, den Groteskkomiker und Parodisten, und auf seinen älteren Bruder in der Manege, den Clo w n. Der Hanswurst und sein« romanischen Pantomimen-Kollegen Ba- sazzo, Harlekin und Pi«rrot sitzen an der Wurzel des Stammbaums. Jede dieser Figuren hat eigentlich etwas zum Kostüm des Clowns, der vom „Dummen August" wohl zu unterscheiden ist, beigetragen. Was den Clown allmählich von seinen Ahnen unterscheidet, ist die Tatsache, dah er mehr und mehr seine artistischen Fähigkeiten in den Vordergrund £?Ut. Seillaufen wird für ihn eine ebenso charakteristische Betätigung wie e Parterre-Akrobatik. Einer der berühmtesten Clowns aller Zeiten war zugleich ein vorzüglicher Akrobat: Louis Auriol, der am 11.August 1806 in Toulouse als Sohn eines Seiltänzers geboren wurde. Sein erstes Auftreten in Paris war ein großer Triumph, denn Auriol konnte nicht nur den stillsten Menschen zum Lachen bringen, sondern war vor allem auch trotz seiner Eigenschaft als Clown einer der schönsten Menschen der Zeit, den die Frauen umschwärmten wie einen Rudolf Valentina oder einen Adolphe Menjau unserer Tage. Seine Sprünge — er drehte einen Doppelsalto über 12 berittene Pferde, sprang über 24 Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett, durch Flammen usw., übertraf er noch durch seinen graziösen „Flaschentanz" auf Flaschenhälsen. Im Jahre 1869 ist er gestorben. Der erste deutsche Clown war zugleich der letzte Hanswurst des Theaters: Wilhelm Q u a l i tz (geboren 1819 in Berlin), der als Malergeselle seinem Meister ausrückte und zu einem Panoramabesitzer flüchtete, bis er später sogar in den großen Zirkussen von W o l l s ch l ä g e r und Renz tätig war. Er trug das weiße Bajazzokostüm mit dem spitzen Filzhut. Besonders ulkig war sein „Schlittschuhlaufen" in der Manege, wobei er Eisbahn und Schlittschuhe, die drückten, vortäuschte. Damit ist er Vorläufer von den berühmten Grotesktänzern unserer Tage geworden. Berühmt war auch sein „Pepita-Tanz". Er starb 1870 als Bierverlegsr in Berlin. Allmählich haben sich im Zirkusstil auch die „Ressorts" der Clowns genau herausgebildet. Man muß den Teppichclown, der seine Späße beim Auflegen des großen Manegeteppichs losläßt, von dem Reprisenclown, der die kleinen Erholungspausen während der Pferdedressuren oder Artistennummern durch harmlose Scherze ausfüllt, wohl unterscheiden, wie auch die Entree-Clowns ihre besondere Aufgabe in der dialogisierten Darstellung parodistischer Szenen haben. Diese eigene Zirkusnummer ist sehr wichtig — der Clown tritt hier oft in einem kostbaren glitzernden Mantel auf. Von ihm zu scheiden ist der „Dumme August", als dessen Schöpfer der englische Clown Widdicombe angesehen wird. Er parodierte den Stallmeister — daher sein Kostüm: der zu weite Frack und di« weiße West« mit dem Zylinderhut. Nach Kober, einem der besten Kenner der Zirkusgeschichte, soll der berühmte Tom B e l l i n g der Schöpfer der Augustfigur fein. Zum mindesten hat er sie in Deutschland populär gemacht, so daß auch der englische Clown C h l a d w i ck (gestorben 1889) sein Recht an dieser Figur nicht mit Erfolg glaubhaft machen konnte. Tom Setting, der 1835 als Sohn eines amerikanischen Zirkusdirektors geboren wurde, ist allerdings der berühmteste August. Der Ablauf feines Lebens ist ein richtiger Künftlerroman. Signor ©attarino, der alte Historiker des Artistentums, erzählt, wie er mit allen berühmten Zirkusfamilien und — russischen Fürstenhäusern verschwägert war, wie er von Tausenden heute beklatscht wurde, morgen in Sibirien armselig als Bettler wandern mußte, dann wieder eine Riesengage in einer Nacht verspielte .., Es fff selbstverständlich unmöglich, hier alle namhaften Clowns Welt Revue passieren zu lassen; folglich müssen Namen wie Gebrüd«, Daniels, die „Geigenclowns", D e lb o s q, die Dänen Gebrüder Olschansky, Moore u.a. hier unbeachtet bleiben. Wie der akrobatischen Technik, bedienten sich die Clowns auch bald der Dressur. Ein hervorragender Dressur-Clown ist Jean Clermont der eigentlich Lokomotivführer werden sollt«. Aus der Klosterschule en|.' wischte er in den grünen Wagen eines Wanderzirkus, um ein Leben beginnen, das reich an Künstlerfreud' und Künstlerleid war. Einmal mußt, er seine Clownspäße im überfüllten Zirkus machen, als draußen fein Kitz im Sarge lag, das ein scheugewordenes Pferd totgetreten hatte. Sein, „Zöglinge" waren vor allem das Schwein Böbs und ein klavierfpielench Pudel, der das Entzücken des Königs Humbert von Italien erregte. Der russische Clown Durow, der Lehrer war, bevor er in bet zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die großen Arenen beglüdte, dressierte Ratten und Mäuse und wollte den „Rattenfänger von Hameln' darstellen. Erstaunlich war, wie die Tiere ihm folgten. Auch führte et einen Haushahn vor, der auf Kommando kräht«, ferner ein Wildschwein, das sich auf die Hinterbeine stellte, und das Durow als Reittier benutzte Von den drei Söhnen des alten Tom Belling ist Gobert heute betannt durch seine Stierkampfparodie und einen störrischen Esel. Von den Clowns-Ensemble der Gegenwart sind unstreitig die berühr testen die drei Fratellini aus dem Cirque d’Hiver in Paris. 2# Fratellini besondere Bedeutung liegt in der Reinheit der Tradition, i« der Stilechtheit ihrer Darbietungen. Und nun könnte man hier in butte Folge alle die Clowns und Auguste anschließen, die wir in unseren Togii belachen: da ist das spanische Clown-Trio der Baracetas, da sinddit bei ©arrafanie arbeitenden Babusios, da waren bei Hagenb«i Price, Guigui, Georgi, die launigen Spaßmacher (der älteste ist der Schwiegervater des berühmten Jongleurs R a st«l l i), die sich sch um den weiblichen Clown N e t t y vergrößert haben. Sie sind bei Hagen, deck von den vier Brüdern Bromett abgelöst worden. Der weibliche Clown ist durchaus jung. In Amerika feiert da „ Bninpsti). Die köstlichsten Parodisten, die jemals auf der Barietebühne standen, sind wohl Läpp und Habel. Ihre mißglückten Zauberkünste sind wahre Attacken auf das Zwerchfell. Auch komische Radfahrer-Akte gilt es in Fülle, gar nicht zu reden von den vielen Balancekünstlern, die o(i „The man who falls" eine wacklige Pyramide von Stühlen erbauen uni sich zuletzt mitsamt dem ganzen Bau hintenüberfallen lassen. Da arbeiten auch ganz geschickte Stelzenläuser, unter denen Melas jetzt besonder hervorragt. Sind die Stelzen verlängerte Deine, so gibt es auch Holzbretter, die die Stiefeln bis zu einem Meter verlängern. Der jüngst oerftorben« Link Tich vollbrachte mit diesen Brettern ganz unglaubliche Leistungen. Er P niete Nachahmer gefunden (Klein-Zick, Paddy 8- Paddy), oh« daß feine Originalität wieder erreicht wurde. Wenn hinter all dem Hum ein Stück Weltklugheit durchschimmert, wird auch die bescheidenste Len stung ihres Beifalls sicher fein. Und Beifall ist bekanntlich der fchöch Dank, den Artisten ernten können... Kaukasische Bilder. Von E. v. Ungern-Sternberg. Im Südosten, an der Grenzscheide zwischen Europa und Asien, H ein gewaltiges Gebirgsmassiv, der Kaukasus, der einst die Urheimat K- weißen Rasse war. Don dort aus begann sie ihre Wanderung nach Nom« und machte Europa zu ihrem Erdteil. Der zürnende Zeus hatte Pro» theus an die Felsen des Kaukasus geschmiedet, weil er der Menschheit o« Fener vom Himmel geraubt hatte. Sie Arche Noah wurde von sinkenden Wasser der Sintflut auf die Berge des Kaukasus getragen, I sagt die Ueberlieferung, aber alles bas liegt Tausende von Jahren M im Abgrund der Vergangenheit und ist Sage und Mythos geworden, m doch glauben die Tscherkessenstämme, die um den höchsten Gipfel des W kafus, um den Elbrus (5652 Meter), leben, daß sich auf seinen das Reich des Gott-Adlers, des greifen Samurg, befindet, des furchtbar Gottes, der im Sturm die Felsen erzittern macht und in seinem Stein- und Eislawinen in die Ties« schleudert. Es ist derselbe Adler, im Auftrage des Zeus dem Prometheus tagtäglich die Leber mußte, der nun in der Volksüberlieferung unsterblich geblieben. M- stufenförmig sich erhebenden Gletschern, die den Elbrus durchsurv^ gelangt man auf schwindelnden Graten zu dem Palast des Gou-no Samurg, der aus Eis und Gold erbaut ist. In der untergehenden « J kann man feine Zinnen blinken sehen und dienstbare Djins, o« Nebelwolken reiten, umschweben den Sterblichen, der sich in K"c ; ttvns btr Gebrüdq ®ebrüber auch bO rmont, chule ent. Leben z» aal mutzt fein Kitz tte. Seine 'fpieienbi, l^- er in bet t beglückte, t Hameln' führte et Mfchwein, r benutzte ite bekannt ie berühtn. - Paris, Lei adition, in ■ in bunte, ’ren Tag!« da find di, i g endet r älteste tz ie sich W bei Hage«. da „Coe. all zu ihm einzu gehen theit befon>| ch« vernxm. Kn Maste» öne entlockt end taufend schreibt, der Maneze e IBaggt' der Bühne unbegrenzt, z. B. die feit -Pantomime n sich eines V i ölet); Humpsti' larietÄühne Zauberkünst! rer-Akte giü lern, die als erbauen und Da arbeiten befanden etter, die die rben« Little tgen. ErN ddy), °h«- dem Hu« eidenste A' der fehönfie Asien, ü«!1 irheimat de> nach Norde> atte Pr°» enfchheü^ K von getragen l; ahren zum vordem V sei des K» nen ®'PlÄ surchtbo"' einem 3°® e Adler, de r fortjr-j den tft ", durchfur^ Gott-Adlel I nden ®onn ns, die R jene W\ gewagt hat, und warnen ihn, In das verbotene Gebiet einzudringen, Zuweilen fliegt Samurg über den Kaukasus, dann klingt der Schlag seiner Schwingen wie Donner, und die Sonne verfinstert sich; hält er aber Rast, so blühen tausend Blumen, und das Rauschen des Windes und das Plätschern der Bergbäche fingen ihn in den Schlummer. Die Tscherkessen nennen den Elbrus „Oschaa Maschua", das heißt den Berg des Segens. Bei den Perfern und Arabern heißt er „Kaf-Dag". Daraus dürfte der Name Kaukasus (auf russisch Kawkas) entstanden sein. Wenn sich auf den hohen Gipfeln des Bergmassivs das luftige Reich des Gott-Adlers befindet, so liegt in seinen tiefen Schluchten der verborgene Eingang zum Paradies der Peri-Djin, die in ihrem unterirdischen Garten die Tapfersten der Tapferen nach ihrem Tode erwarten, um sie mit Liebkosungen zu überhäufen und ihnen den Lohn für ihre Heldentaten zu gewähren. Der Kaukasus ist kein russisches Gebiet, wenn er auch vor rund fünf- undsiebenzig Jahren von den Feldherren der Zaren in blutigen Kämpfen, die viele Jahre dauerten, erobert wurde. Er ist auch kein einheitlicher Landstrich, denn die verschiedensten Völker, die sich durch Religion, Sprache und Rasse von einander unterscheiden, bewohnen ihn. Dort leben die Tscherkessenstämme, die Kabardinzen, die Inguschen, die sich von ihrem Dolch nicht trennen, die Dagestaner, die Armenier, die Grujier oder Georgier, die alle auf eine glorreiche Geschichte und auf eine alte Kultur zurückblicken können. Der Hof des Kaisers Tigran von Armenien gehörte einst zu den glänzendsten des östlichen Europa. Von König H i r a k l i u s von Georgien sagte Friedrich der Große, daß er der einzige Monarch sei, mit dem er sich verglichen sehen wolle. Der letzte unabhängige König von Georgien war Georg XIII., der sich dazu verleiten ließ, mit Katharina der Großen einen Freundschaftsvertrag abzuschließen, der aber bald von Rußland als ein Akt der Unterwerfung ausgelegt wurde. Wiederholt versuchten die Georgier, das ihnen aufgezwungene Joch in verzweifelten Aufständen abzuschütteln, sie mußten aber schließlich der Uebermacht unterliegen. Berühmt und sagenumwoben ist die Geschichte der Königin Tamara von Georgien, die um die Wende des 13. Jahrhunderts herrschte. Sie war eine Frau von berückender Schönheit, die durch ihren Liebeszauber viele der damaligen Helden ins Verderben lockte. Hatte sie einen Liebhaber erhört, so wurde er von ihren Frauen bewirtet, die herrlichsten Schätze wurden ihm zu Füßen gelegt, und Tamara selbst zeigte sich ihm in unverhüllter Schönheit. Nach einigen Tagen erschien aber anstatt der Königin der Henker im Gemach des Auserwählten. Er wurde getötet und fein Körper in eine tiefe Schlucht geworfen. Die Königin wollte ihr Herz niemandem schenken und immer Herrin über sich selbst und über ihre Untertanen bleiben. Tamara versammelte an ihrem Hof die Dichter und Philosophen ihrer Zeit. Ihr ist die Heber» feijung von Aristoteles und Plato ins Georgische zu verdanken. Es gibt Hunderte von Balladen und Gedichten, die von der Königin Tamara berichten, und die Ruinen ihres Schlosses an der malerischen Darjalschlucht sind eine unvergeßliche Reliquie. Von Meer zu Meer führt die georgische oder grusinische Heerstraße, die die nördliche mohammedanische Welt der Tscherkessenstämme mit der christlichen georgischen verbindet. Südlich von Georgien lebt die Haupt- menge der Armenier, die sich zwar zum Christentum bekennen, aber dabei manches aus dem alten Volksglauben, einer Mischung aus den Lehren Zoroasters und der griechischen Mythologie, beibehalten haben. Südöstlich von Georgien liegt das Gebiet der Turko-Tataren. Auf der Halbinsel Apscheron am Kaspischen Meere leben die letzten Feueranbeter in Europa. Weißbärtige Greise hüten das von einer hohen Mauer umgebene Heiligtum. Aus schornsteinartigen Röhren lohen dort seit undenklichen Zeiten Flammen gen Himmel, die durch Naphthagase gespeist werden. Die Gemeinde der Feueranbeter in der Welt ist zusammengeschmolzen, nur in Indien leben noch die Parsen, von denen ab und zu einige nach Apscheron pilgern. Das Zeremoniell des Gottesdienstes wird geheimgehalten, und ein unberufener Eindringling wurde früher mit dem Tode bestraft. Heute ist es still um den Tempel der Feueranbeter geworden. Die Zahl der Priester schrumpft zusammen, bald wird vielleicht das Heilige Feuer unbewacht gen Himmel flammen, und die weißen Mauern des Heiligtums werden zerfallen. Die Kaukasier haben hartnäckig jeden Fußbreit ihres Bodens gegen die russischen Eroberer verteidigt. Namentlich Daghestan war die Heimat der kaukasischen Freiheitshelden, Schamils, Hadschi Murads, des I in ans Schamfad Vegs und anderer mehr. Erft dem Fürsten Barjatinsky, dem Feldherrn Nikolaus I., gelang es, Schamil äur Unterwerfung zu zwingen. Wenn bann auch in den letzten Jahrzehnten die kaiserlichen Statthalter in Tiflis ein erträgliches Zusammenleben der Russen mit den kaukasischen Völkerschaften herzustellen vermochten und manche kaukasische Fürsten am Petersburger Hof hohe Aemter bekleideten, so erwachten doch mit dem Sturz des Zarentums mit erneuter Kraft die Freiheitsbestrebungen der Kaukasier. Georgien erklärte sich selbständig. Die Bolschewiken aber überzogen das Land mit Krieg und erstickten die Freiheitsbewegung in Blut. Kaukasische Weine, kaukasische Lieder, kaukasischen Frauen sind in Rußland und im Orient berühmt. Die Ichlanken, graziösen Tscherkessinnen zierten den Harem so manches Sul- tans und beherrschten mit ihren schönen Augen so manchen Beherrscher der Gläubigen. Persische und türkische Dichter fingen ihr Lob. Die tau» '"'üche Lesghinka, der Dolchtanz der Tscherkessen, der hinreißende Rhyth- f”»5 yr,er Lieder, werden überall bewundert. Kaukasische Speisen, Schasch-