SietzenerFamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1930 Freitag, den r.Mrz Nummer (9 Nacht. Von Albert Ehren stetig Was lallen die Worte? Wohin fallen die Blätter? Wohin weht uns der Wind? Warum sinken die Blüten? Warum stirbt ein Kind? Ich weih nicht Antwort — Zu fern leuchten die Sterne, Ich gehe den Weg des Elends. Die Nacht spricht: Die Sterne Lallen ins Nichts. Wir gehen Wohin die Blätter gehen, Wir sinken, Wohin die Blüten sinken, Wir fallen Ins Grab. Oer arme Jonathan. Novelle von Manfred Georg. (Nachdruck verboten.) Jonathan Holst stand, schon im Abenddreß, am großen Fenster seines Hotelzimmers und schaute mißmutig auf die breite Straße Er lehnte die Stirn gegen die kalte Scheibe. Wie wohl das tat: die Kälte des Glases minderte für einen Augenblick das Fieber, das ihm den Kopf zu sprengen drohte, |o es betäubte sogar, wenn auch nur für wenige Sekunden, die Gedanken, die sich in den letzten Tagen erneut in den Vordergrund drängten. Draußen zog die Reihe der Automobile, dicht gedrängt und in breiten Reihen sich nebeneinander über den Asphalt schiebend vorbei, eine Kette von Lichtern, die sich ohne Aufhören fortwährend ineinander stürzte. Die Doppelfenster ließen kaum ein Geräusch herauf. Aber in der Ferne sah er, wo die Seitenstraße in die große Avenue sprang, den Schutzmann stehen und dessen Leuchtstab sich heben und senken. Die Kette hielt, die Kette schnurrte ab, es war ein unwirkliches Anhalten und Weitergleiten der schwarzlackierten Wagendächer, die eine beweg- udje Einheit zu bilden schien wie ein dunkler Wurm mit glühenden -tiingen, der sich abwechselnd streckte und zusammenzog. Es klopfte. Jonathan fuhr nervös zusammen. Dann ärgerte er sich Wort über diese Reflexbewegung. Hier im Claridge, einem der ersten Hotels von Paris, würden sie ihn kaum suchen. Und es war wirklich nur DdAte, seit Jahren die Kameradin seiner Abenteuer, die hereintrat. Wieso überhaupt suchen? Dieser Diamantenraub im „Blue Train", dem Nizza-Expreß, schien ja überhaupt noch nicht einmal entdeckt. Die Pariser Blätter hätten das sicher nicht aus Diskretion der Polizei gegenüber verschwiegen. Dazu wäre die Sensation der Ueberschrift zu gewinnbringend gewesen. Auch war er sich nicht bewußt, bei diesem irgend eine Vorsichtsmaßregel vernachlässigt zu haben. Es war ganz leicht gegangen. Vor allem hatte er ohne Odette und Raoul gearbeitet. U' brauchte also nur für feine Aufmerksamkeit einzustehen. Und nicht auch !ur Duettes Leichtsinn und Raouls Großzügigkeit, die dieser allzu leicht ui leider verkehrten Momenten zu beweisen pflegte. Das war es aber auch eigentlich gar nicht, was ihn quälte. Außerdem kannte er seine Kom- n-li DOn bcr Sicherheits-Brigade zu gut, um zu wissen, daß sie sich nicht gerade heute, am Abend des Polizeiballs, die Mühe eines Streif- Zuges machen würden. Was ihn beunruhigte, war etwas ganz anderes. „ ne Beobachtung, die er beim Absprung vorn Trittbrette des v-Zuges gemacht hatte. Er war noch einige Schritte gelaufen und hatte sich Quer in dem Acker zur Erde geworfen. Als er aber aufstehen konnte er es nicht. Heftige Stiche vom Herzen aus bohrten sich irayienformig in feinen ganzen Körper. Erst nach einer Viertelstunde eßen die Krämpfe nach. Zwei Tage später war er in Toulon beim cJSt gewesen. Der hatte bedenklich den Kopf geschüttelt: „Schwerer Derzsehler. Durch Ueberanstrengung erworben. Größte Schonung ober —" ltt^^le.Ja!lel!-:>e-eiches Leben geführt; fein überlebensgroßes Marmorbild fand einen Platz im Burgtheater. — Als Schriftsteller hat er eine ganze Reihe Romane, Novellen, Erzählungen und Reisebilder geschrieben. Auch als Dramatiker ist er hervorgetreten, aber die rechte Begabung für dieses Gebiet der Poesie hat ihm offenbar gefehlt. Aehnlich ist es niet seinen Gedichten, so daß der Gießener Literarhistoriker Hillebrand, der Vater Carl Hillebrands, sagen konnte, er sei in der L-phare der Prosa heimischer gewesen als in der des lyrischen Gedichts. — Als Mensch war Dingelstedt eine gerade, ehrliche Natur und ein guter Deutscher, den „die Hoffnung auf eine gesegnete Entwicklung und Einheit des Vaterlandes" niemals verließ. Earl Fallen. Sowohl Hessen und Deutschland als auch den Vereinigten Staaten von Nordamerika gehört dieser glänzende Kopf an. Er wurde am 4. September 1796 in Romrod geboren, war in Gießen Frdr. Gott! Weickers Schüler, unter dessen Führung er 1814 als freiwilliger Jäger ins Feld zog, und wurde in Gießen der Begründer der Burschenschaft. Er sammelte einen Kreis gleich ihm freiheitlich und deutsch gesinnter Jünglinge um sich, der im schärfsten Gegensatz zu Metternichs Politik stand: bie „Gießener Schwarzen". Die Wirkung ferner im Ehrenspiegel" — den ich 1927 in Brömers Verlag in Frankfurt neu her- ausgegeben habe — niedergelegten Gedanken ist noch heute in der deutschen Studentenschaft fühlbar. Die Reaktionszeit machte aus dem Schwärmer für deutsche Kaiserherrlichkeit einen kaltentschlofsenen Jakobiner, der sich den unheimlichen „Grundsatz" zu eigen machte, „wonach derjenige, der aus freier sittlicher Ueberzeugung zu des Vaterlandes Bestem zu handeln sich bewußt ist, stets recht hat, auch gegnuber dein Sittenge etz". Die Frucht dieser Lehre war Kotzebues Ermordung 1819, in deren Verfolg Fallen ins Ausland fliehen mußte. Aber infolge seiner Berschwörungspläne muhte er 1824 auch aus Basel entweichen. In Amerika faßte er nun festen Boden und setzte alle Kraft daran, „der deutschen Literatur und der deutsch-idealistischen Philosophie eine führende Stellung im geistigen Leben Amerikas zu gewinnen". Aber seine glänzende Stellung an der Harvard-Universität und alles durch rastlose Arbeiten Errungene gab er auf, als er sich zum Vizepräsidenten der Anti-Sklaverei-Gesellschast wählen ließ (1834). Sein feuriger Geist und harter Wille lietz ihn auch diese schweren Jahre überwinden und 1t»» wurde er als Prediger nach Ost-Lexington berufen. Die Stelle anzutreicn, war ihm nicht mehr vergönnt; er fand bei dem Brand des Dampfers, den er benutzte, den Tod. Er hat wie wenige der Landsleute, die > jener Zeit der alten Heimat den Rücken kehrten, für das Deutschtum in Nordamerika gewirkt. „Als ein Apostel echt deutscher Wisftnschm, so kennzeichnet Gustav Körner treffend sein Lebenswerk, hat Foue, begabt mit dem Feuer eines edlen Enthusiasmus und mit einer be- aeisternden Beredsamkeit, deutsches Wesen dem amerikanischen Volke eingepflanzt." Lorenz Diefenbach am 29.Juli 1806 als Sohn eines oberhessischen Pfarrers geboren, hat sich vor allem als Sprachforscher einen Namen gemacht. Seinen freiheitlichen Anschauungen gemäß war er als Gießener Student Burschenschafter und wurde schon als 22jähriger Rektor der Laubachcr Lateinschule und Verwalter der gräflichen Bibliothek. Die Beschäftigung mit diesen Schätzen veranlaßte ihn zu selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten, deren erste 1831 erschien und die fast alle von den Fachgelehrten günstig beurteilt wurden. In erster Linie sanden feine lexikographischen Forschungen Anerkennung, als deren äußeres Zeichen man seine Wahl in die Preußische Akademie der Wissenschaften (1861) ansehen mag. Seinem umfassenden Geist war es ein Bedürfnis, die Sprache im Zusammenhang mit dem Leben selbst zu erfassen. Die erste Frucht dieser Arbeiten war sein noch heute beachtliches Buch „lieber Leben, Geschichte und Sprache". In seiner Laubacher Zeit verfaßte Diefenbach auch Romane und Gedichte, welch letztere zuerst 1840 in Gießen erschienen. Sie sind heute ganz unbekannt; über ihren künstlerischen Wert kann man streiten; den meisten merkt man an, daß sie ein exakter Gelehrter geschrieben hat. Seit 1831 bekleidete er die zweite Pfarrstelle in Laubach, aber er sah sich 1843 zum Ausscheiden aus dem Amt genötigt, da seine religiöse wie seine politische Einstellung ein Verbleiben unmöglich machten. Die nächsten Jahre waren nur wissenschaftlichen und schriftstellerischen Arbeiten gewidmet, bis er 1865 Bibliothekar an der Frankfurter Stadtbibliothek wurde. Seinen Lebensabend verbrachte er in Darmstadt, wo er am 28. März 1883 starb. Ein heißes Herz hatte in dem Gelehrten und Künstler geschlagen; er war ein Mensch gewesen „von lebhaftem Temperament, der mit sich selbst und mit den Anschauungen seiner Zeit in heißem Kampfe rang". „Ich komme zu den Hessen", heißt es bei Riehl in dem eingangs erwähnten Aufsatz. „Kurhessen und Hessen-Darmstadt sind nicht bloß durch den bunten Strich der Landkarte geschieden: die historische Entwicklung des Volkscharakters hat vielmehr dieselben Grenzmarken noch ungleich schärfer gezogen. Zwei Poeten repräsentierten beide Landstriche in schlagender Weise: Dingelstedt und Fallen. Lautlose Resignation oder verbissener Groll, der sich zeitweilig in Sarkasmen und gallenbitterer Ironie Luft macht, ist bei den Kurhessen eingezogen, bedingt durch die politischen Verhältnisse einer langen Reihe von Jahren, daneben hat sich der sinnende Ernst und jene echt deutsche grundgründliche Beharrlichkeit des alten chattischen Stammes, größtenteils verflüchtigt in die französische Luft, die bei den Landgrafen des vorigen Jahrhunderts, bis auf Jeräme von Kassel aus über das Land hinwehte. Das aristokratische Parfum der Kasfelaner, ihre Vivazität, nebst ihrer eigentümlichen Gemütskälte, die jedoch manchmal mit einem plötzlichen hellen Auflodern zu kokettieren liebt — diese besonderen Eigenschaften haben sich bei Dingelstedt noch zu jenen allgemeinen gesellt, und der tiefe Groll des Nachtwächters hat sich mit wahrhaft französischer Leichtigkeit in kecken Humor und seine Satyre aufgelöst. In Hessen-Darmstadt hingegen hat sich das derbe, kraftgedrungene, praktische Wesen des alten Stammvolkes viel reiner erhalten. Mit den Kurhessen verglichen sind diese Leute ziemlich plump, aber sie sind herzlich, treu, ehrlich und gerade, daß man sich leicht wohlfühlt bei ihnen. Wenn schon aber in der Sinnesweise des Volkes, wie in der Art, in welcher gegenwärtig das Land verwaltet wird, die praktischen Interessen ausfallend vorwiegen, so hat sich doch wiederum, gleichsam als Gegengewicht, ein wahrhaft krankhafter Idealismus bei einer großen Mehrzahl der Gebildeten eingeschlichen — etwas im schlimmen Sinne Demagogisches, das sich in überspannten politischen Abstraktionen und volltönend gewaltigen Phrasen kundgibt... Hier also ist Fallen der prägnanteste Lyriker, Fallen der Kämpe der Jahre 13 und 14, der die Deutschtümelei bis zur Karikatur verzerrt hat, der nicht mehr „Philipp" schreibt, sondern „Roßlieb"; eine kraftvolle, in schroffer Einseitigkeit frappierende, zuweilen aber auch wohltätig wirkende Erscheinung. Selbst Lorenz Diefenbach, ein Poet dieses Landes, der sich von politischem Pathos ziemlich ferngehalten hat, zugleich von durchaus moderner Bildung durchdrungen, kann in feiner Lyrik wie in seinen Novellen und Romanen den unseligen Hang zum Abstrakten und Reflektierten statt derber, frischer Sinnlichkeit oder echt spekulativer Begeisterung niemals verleugnen." II. Dieser Aufsatz Riehls wurde in der in Darmstadt erscheinenden Zeitschrift „Das Vaterland" (vom 11.Juni 1846) kritisiert, und es erscheint geboten, nun auch diese Anmerkungen zum Abdruck zu bringen. Zur Erklärung des Schlußsatzes sei erwähnt, daß Riehl damals Mitredakteur der Frankfurter „Oberpostamtszeitung" war und einer sehr gemäßigten politischen Anschauung huldigte. „Das Vaterland" war kein eigentlich politisches Blatt, bemühte sich aber, „das Wehen einer frischen Zeit" in seinen Spalten, „soweit tunlich aufzunehmen", vertrat „die neuesten freien Bestrebungen" besonders in den beiden christlichen Kon- fessionen, und „schaffte dadurch dem Blatte einen Charakte r". Im Frühjahr 1846 verbot die obere Behörde der Redaktion die Aufnahme kirchlicher und religiöser Gegenstände. Dieses Verbot und die Schwierig- keuen „eines unabhängigen Blattes ohne Privilegien und ohne einen o ö0n Inseraten" zwangen die Schriftleitung das Erscheinen der Zeitschrift am 31. Dezember 1846 einzustellen. . 3n-ber Kritik von Riehls Aufsatz im „Vaterland" heißt es: „Also — we sich Dingelstedt und Fallen verhalten, so verhalten sich Kurhessen t£emp n Großherzogtum Hessen. Gewiß ein nagelneues Regeldetri- Es ist wahr, Hr. Riehl hat es sich etwas leicht gemacht mit dem a mrn°n^n- Fallens, denn er nannte feinen, während es bekanntlich V "“rüber Fallen gab, welche bichteten. Indessen hatten die Brüder anches Gemeinschaftliche und so schmolz Hr. Riehl um so mehr ihre !tior= Ä &en(5bid)tetena^C brei6i0 Wc gangen sind, daß die Beinahe dreißig Jahre! Und doch noch moderne Lyriker! Nun, der Name Söller darf sich gratulieren, daß er noch so frischen Klang und Hauch hat. Wie viel Modernes ist indessen antiquiert. Die Art und Weise, wie Hr. Riehl den Hosrat, jetzigen Legationsrat Dingelstedt als Mikrokosmus des Kurfürstentums Hessen deduziert, wollen wir zur näheren Begutachtung einem kurhessischen Blatt überlassen ... Wir Hessen-Darmstädter dagegen sollen uns „das derbe, kraftgedrungene, praktische Wesen des alten Stammvolkes" viel reiner erhalten haben. Nun,.derb — ich muß gestehen, daß ich noch nicht darüber nachgedacht, ... — nein, wir müssen bas Kompliment von uns weisen, und praktisch, — dieses können wir dann erst mit ganz gutem Gewissen akzeptieren, wenn die Eisenbahnen im Gang sind. Was aber das alte Stammvolk ber Chatten betrifft, so ist bekannt, daß sie sich süblich nicht weiter als bis zum Main und Rhein zogen und daß, ... doch auch schon viel alemannisches Blut darunter sloß. Nachdem Hr. Riehl uns derb, kraftgedrungen und praktisch hatte sein lassen, nannte er uns — „diese Leute"! — „ziemlich plump", aber „herzlich, treu, ehrlich und grabe". Nun, das läßt sich schon eher hören. Wir Hessen-Darmstädter halten die Schwachen für „herzlich, treu, ehrlich und grade", vielleicht auch für „ziemlich plump", und die Nassauer, insofern sie preußischen Akzent sprechen (ober ist Herr Riehl kein solcher?), 'tun es uns; und von Beiden geschieht es vielleicht nur deswegen, weil den andern der Schnabel anders gewachsen ist. Ader der „krankhafte Idealismus bei einer großen Mehrzahl von Gebildeten!" Um Himmels willen, wo steckt er? Sind wir auch nicht sehr praktisch in allen Dingen, so sind wirs doch in Religion, Kirche und Staatsdienst; wir sakrifizieren uns nicht, wir lassen die Sachen gehen. Und nun soll gar jener krankhafte Idealismus „etwas im schlimmen Sinne Demagogisches" haben... Nein, das ist denn doch zu toll! Treten Sie doch, Hr. Riehl, zu unfern Zweckeffen, zu unfern Wahlhandlungen, zu unfern Gesprächen in Kasinos, Lesegesellschaften, Klubs und Wirtshäusern, treten Sie zu unfern landständifchen, und, insoweit fie öffentlich sind, zu unfern gerichtlichen Verhandlungen und suchen Sie jenes Demagogische auf. Vielleicht exzipieren Sie, es habe sich zurückgezogen, es sitze, der augenblicklichen Erfolglosigkeit seiner Theorie sich bewußt, schmollend im Winkel; nun, es mag dies dahingestellt bleiben, aber dann können Sie jedenfalls nicht von einer „großen Mehrzahl der Gebildeten" sprechen ... ... Gießen ist Herrn Riehl nur deswegen die Wurzel alles im Darmstädtischen verbreiteten Demogogismus, weil Fallen dort als moderner Lyriker vor dreißig Jahren sich hören ließ, begeisterte, fortriß. Herr Riehl schmiedet Lorenz Diefenbach an Fallen an, er leitet ihn, einen Mann von ganz verschiedenem Zeug, aus denselben Vordersätzen ab. Nun, es hat schon allerlei Menschen und allerlei Behauptungen gegeben, und am Ende sind wir Hessen-Darmstädter derb, weil wir m8 Sachsenhausen auf dem linken Mainufer liegen, praktisch, weil doch auch die Frankfurter unfere Nachbarn sind, und kraftgedrungen — ja, wer ist denn heutzutage traftgebrungen?" Ameisen als Viehzüchter. Von Professor Dr. R. von Haustein^). Leicht zu beobachten sind die Beziehungen zwischen Ameisen und Blattläusen. Die Blattläuse nutzen ihre aus Pflanzensäften bestehende Nahrung nur sehr unvollständig aus. Die Rückstände find noch sehr reich an Nährstoffen, namentlich an Zucker. Wo viel Blattläuse sind, da findet man die Blätter oft mit zahlreichen, glänzenden Flecken bedeckt, bei starker Ansammlung tropft die Flüssigkeit sogar als „Honigtau" ab. Diese süße Flüssigkeit ist nun ein Gegenstand lebhaftester Begierde für die Ameisen. Sie folgen den Blattläusen bis hoch auf die Bäume. Sieht man auf den Blättern eines Strauches oder Baumes Ameisen in größerer Zahl um- herlaufen, so wird man in der Regel auch Blattläuse dort antreffen und kann bann ein interessantes Schauspiel belauschen: die Ameisen nähern sich den Blattläusen und fud)en diese durch Beklopfen ihres Rückens mittels ber Fühler zur Hergabe eines solchen Tropfens zu veranlassen, den sie bann begierig auflecken. Ja, die Ameisen tragen Eier und Larven von Blattläusen in ihren Bau; ich beobachtete vor einigen Jahren an einem Baurn eine große Anzahl heradwanbernder Ameisen, bereit jede zwischen den Kiefern eine Blattlaus trug. Da diese Tiere in der Regel aber mit tief eingefenftem Rüssel an den Zweigen und Blättern sitzen, so reißt dieser bei dem gewaltsamen Transport häufig ab, so daß die Freundschaft ber Ameisen den Blattläusen oft verhängnisvoll wirb. Mehrfach ist auch beobachtet worben, baß bie Ameisen ganz bireft zur Verbreitung dieser dem Gärtner höchst unerwünschten Tiere beitragen. Taschenberg erzählt, wie Ameisen direkt dabei abgefaßt wurden, daß fie mehrere Exemplare der berüchtigten Blutlaus auf einen Obstbaum übertrugen. Und in Amerika sind neuerdings Ameisen durch diese eigenartige Gewohnheit der Blattlauspflege den menschlichen Anpflanzungen so schädlich geworden, daß man ernstliche Maßnahmen zu ihrer Ausrottung treffen mußte. Kann man bie Pilzzüchterei der Ameisen unb Termiten als eine Art Gärtnerei ober Ackerbau ansehen, so hat man bei ihrem Verkehr mit Blattläusen von Viehzucht gesprochen unb die Blattläuse geradezu als die Melkkühe ber Ameisen bezeichnet. Auch bilden die Ameisen in gewissem Sinne eine Schutztruppe für die Blattläuse, indem sie bie diesen nachftellenden Insekten angreifen. Zahlreiche kleine Käfer werden von den Ameisen nicht nur im Nest geduldet, sondern sogar gefüttert und verpflegt. Alle diese Käser, die von den Ameisen gehegt werden, besitzen an verschiedenen Stellen ihres Kör- *) Die hier wiedergegebenen Ausführungen dürften das Interesse des Lesers für biologische Absonderlichkeiten rond)rufen. Wir verweisen daher auf des Verfassers „Biologie der Tiere", deren 2. Auslage Professor Hempelmann herausgibt. Diesem interessanten Buch entnehmen wir einen Abschnitt mit Genehmigung des Verlages Quelle & Meyer in Leipzig (443 Seiten, in Leinenbavd 16 Mark). per« Drüsen die e!n von Ihren Wirten besonders begehrtes Sekret aus- scheiden. In'der Umgebung dieser Drüsen stehen goldgelbe Haarbüschel, Trichome, deren Berührung durch die Fühler der Ameisen als Reiz für die Ausscheidung des Exsudats wirkt. Die Ameisen sind so versessen auf dieses anscheinend fuße, aber auch etwas narkotisierend wirkende Produkt, daß sie sich dauernd um ihre Gäste bemühen, dieselben füttern und darüber sogar die Sorge um die eigene Brut vergessen. Schon allein aus diesem Grunde ist die Anwesenheit solcher Ameisengäste für das Gedeihen des betreffenden Ameifenstaates von schädlicher Wirkung. Wir werden sogleich hören, wie schlecht manche der „Gäste" die Fürsorge ihrer Wirte lohnen. Schon vor bald hundert Jahren beobachtete P. W. I. Müller in den Nestern mehrerer kleinerer Ameisenarten einen kleinen blinden Käser, der wegen seiner keulenförmigen Fühler den Namen Claviger erhielt. Dieses Insekt hat verkümmerte Mundwerkzeuge, wie sehr viele Käfer, so daß er nicht imstande ist, selbst zu fressen. Die Ameisen füttern ihn, wenn er sie durch Beklopfen mit den Fühlern dazu auffordert. Beim Nestwechsel werden diese Käserchen, ebenso wie die eigenen Puppen, von den Ameisen nut hinübergetragen. In ganz ähnlicher Weise leben noch eine Reihe anderer Käfer mit den Ameisen zusammen. In den Nestern der blutroten Waldameise finden sich 3. B. Lomechusen. Wasmann beobachtete, daß diese Käfer in jedem Nest der genannten Ameisenart sofort aufgenommen werden, selbst von solchen Ameisen, die noch keine persönliche Erfahrung mit ihnen gemacht haben, und selbst dann, wenn die Lomechusen vorher mit einem aus zerquetschten Ameisen einer anderen Art gewonnenen Saft bestrichen waren. Es handelt sich also, wie Immer gegenüber den für die betreffenden Arten charakteristischen „Gästen" um einen angeborenen Instinkt dieser Ameisen, dieselben als Gäste zu hegen. Diese selbst sind ihrerseits so an das Leben im Ameisenstaat angepaßt, daß sie ihre Wirte nach deren Art um Futter bitten, indem sie sie mit den Fühlern klopfen und an den Kiefern belecken. Sie erhalten ihr Futter daraufhin genau so wie die Larven der Ameisen selbst. Auch die Larven der Lomechusa werden von den Ameisen aufgezogen. Bemerkenswert ist nun, daß diese so sorgfältig verpflegten Gäste ihrerseits die Brut ihrer Wirte verzehren. Und zwar sind es die Larven der Käfer, die dieses Zerstörungswerk verrichten. „In wenigen Tagen vernichten sie oft Hunderte und Tausende von Eiern und jungen Larven in einer einzigen Kolonie und zerstören manchmal die ganze junge Brut." Da hierdurch die Anzahl der künftigen Arbeiterinnen sehr wesentlich geschwächt wird, so beginnen nun die Ameisen einen Teil der eigentlichen zur Entwicklung von Weibchen bestimmten Larven nachträglich um- zuzüchten. Diese entwickeln sich nun aber nicht mehr zu normalen Arbeiterinnen, sondern zu einer seltsamen Mittelform, die in der Bildung von Vorderleib und Gehirn den Eindruck eines verkrüppelten Weibchens, in der Größe, der Hinterleibsbildung und der Beschaffenheit der Geschlechtsorgane aber den einer Arbeiterin machen. Diese sind weniger leistungsfähig als die normalen Arbeiterinnen, also stellt auch dieser — wahrscheinlich durch die Gefräßigkeit der Lomechusen bedingte — Ersatz eine Schädigung der Kolonie dar. Trotzdem wenden die Ameisen diesen schädlichen Nestgenossen sogar mehr Sorgfalt zu als den eigenen Larven. Auch sollen sie bei Störung der Nester zunächst die Lomechusenlarven in Sicherheit bringen. Cs handelt sich also bei dieser Gastpflege um eine Jnstinkt- irrung der Ameise», die zweifellos für die Erhaltung der Art schädlich ist. Flibustier und Seeräuber. Von Dr. Anton Mayer. Noch in unseren vom Weltverkehr durcheilten Tagen ist das edle Geschäft der Seeräuberei nicht gänzlich erloschen: ziemlich regelmäßig kommt alle paar Wochen die Nachricht aus China, daß Piratendschunken einen Dampfer ausgeraubt oder eine Fischerflottille mit schwerer Kontribution belegt haben. Allerdings ist die Romantik, welche den Seeräuberkapitän der alten Tage mit düsterem Schein zu umgeben pflegte, verschwunden, da die ostasiatischen Raubgesellen nur Angestellte oder ausführende Beamte einer weitverzweigten und gut geleiteten G. m. b. H. für Piraterei sind, deren Leiter sicher und bequem am Lande sitzen. Indessen lenkt ein bedeutsames Geschehnis der letzten Wochen, die Londoner Flottenabrüstungskonferenz, den Blick auf eine der größten Seeräuber-Innungen zurück, die jemals bestanden haben: aus den westindischen Bukaniers und Flibustiern des 16. Jahrhunderts gingen jene gefürchteten Piratenkapitäne hervor, zu deren Bekämpfung im 18. Jahrhundert der erste internationale Flottenzufammenschluß erfolgte. Die Entwicklung der westindischen, von Columbus entdeckten Inseln als spanische Kolonien machte bereits nach kurzer Zeit die Einfuhr von Negersklaven notwendig, da die törichte Grausamkeit der Eroberer bald die ziemlich hilflose und nicht widerstandsfähige Bevölkerung der Großen Antillen, die Arawacks, ausgerottet • hatte (die Kariben der Kleinen Antillen, tapfere Menschenfresser, verteidigten ihre Inseln nach sehr lange mit bestem Erfolg). Obgleich der Sklavenhandel ganz in den Händen der Portugiesen lag, sahen auch andere Nationen ein, daß mit dem „schwarzen Elfenbein" sehr gute Geschäfte zu machen seien, da Arbeitskräfte in immer steigender Menge auf den Antillen verlangt wurden; den smarten Engländern wurde es zuerst klar, daß es viel praktischer sei, die Neger in Afrika einfach zu rauben, als erst von den Portugiesen zu kaufen. Also rüstete der unternehmende Captain John H a w - k i ns Expeditionen aus, die er auf seinem ,Hesus" genannten Schiff befehligte: er fuhr an die Küste von Guinea in Afrika, raubte Neger, was nicht immer ohne Blutvergießen auf beiden Seiten abging, packte sie schon nach der Art moderner Sardinenlagen in die Schiffsräume und brachte sie nach Westindien — wenn es hohe See gab, war er recht besorgt um seine kostbare Ladung, schrieb aber bann, wenn wieder gutes Wetter war, voll Dankbarkeit in sein Logbuch, daß Gott gnädig gewesen sei, der „den Auserwählten" nichts geschehen lasse; wobei es zweifelhaft scheint, ob er die Räuber oder die Geraubten meinte ... Die Spanier widersetzten sich dieser englischen Einmischung in ihr« Angelegenheiten und verweigerten den Briten die Handelserlaubnis; indessen half es ihnen nicht viel, da Hamens Gewalt g.gen Gewalt setzte unv in den sich entwickelnden Kämpfen der zweiten Reise die Oberhand behielt. Später ging es ihm allerdings schlechter, und er verlor den Hauptteil seiner Flotte. Aus dieser Bewegung des Sklavenhandels entwickelte sich ein System von Kaperei, Schmuggel und Seeraub, das sich gegen die Spanier richtete; Engländer, Franzosen und Holländer waren an ihm beteiligt. Da nun die Regierungen der genannten Länder entweder alle zusammen oder einzeln im Kriege mit der spanischen Krone lagen, unterstützten sie erst heimlich, später ganz öffentlich die verwegenen Abenteurer, die sich in den westindischen Gewässern herumtrieben und den spanischen Handel zum eigenen Vorteil auf illegale Weise schädigten, indem sie Schiffe wegnahmen und Städte brandschatzten. Diese Banden, welche sich selbst „Strandbrüder" nannten, hießen zunächst mit holländischem Wort „vrijbuiters"; daraus wurde englisch „freeboaters" und französisch (mit stummen „s") fri- ober flibustiers. Der andere Name „Bukanier stammt vom Eingeborenenworte „bucan", das einen hölzernen Rost zum Dörren von Fleisch bezeichnet; die Seeräuber setzten Landabteilungen aus, die für Proviant sorgen mußten und das auf diese Weise gedörrte Fleisch an Bord brachten. Da also di« Regierungen die Flibustier unterstützten, bildete sich eine Art Staat dieser Gesellen in Westindien, das mit seinen vielen Inseln, Kanälen, schmalen Durchsahrten und Buchten ein ideales Land für Verstecke, Ueberfälle und Hinterhalte zu Wasser und auf dem Trockenen dar- stellte. Anfangs war der Hauptsitz und Stapelplatz der Bukanier auf der Insel Tobago, als sie später indessen „offiziell^ wurden, siedelten sie nach Jamaica, dem Hauptort der englischen Herrschaft, über und übten eine vollkommene „Aufsicht" über das Meer aus, die den spanischen Seehandel in der Tat völlig ruinierte. Sie bildeten eine wilde, malerische und vor nichts zurückschreckende Kumpanei, die wie Pech und Schwefel zusammen- hing; „einer für alle und alle für einen" war unverbrüchliches Gesetz. Aeüßerster Brutalität, Grausamkeiten schlimmster Art gegen Gefangene oder eroberte Städte stehen ritterliche und großherzige Züge im Kampf und gegen tapfere Gegner gegenüber; Menschen aller Gesellschaftsklassen, tollkühne Naturen, denen Europa damals schon zu eng war, entsprungene Verbrecher, hoher Adel, der inkognito sein Wappen vergolden wollte, Matrosen, Soldaten: alles kam zusammen und trug dazu bei, den Namen der Flibustier gefürchtet zu machen. Ihr letzter Führer, Captain Henri Morgan, ein Engländer, eroberte Panama an der Pazifischen Küste und trug ihre Macht auf die Wogen des Stillen Ozeans hinüber, da es im Karibischen Meer und auf dem Atlantik kaum noch etwas zu rauben gab. Als dann England und Frankreich mit Spanien Frieden schlossen und die Regierungen infolgedessen das Interesse am Flibustierstaat verloren, wurde Morgan „anständig", b. h. er trat offiziell in englische Dienste, wurde geadelt und zweimal Gouverneur von Jamaica — ein Posten, zu dem er sich vermutlich besser als irgendein anderer eignete, da wohl niemand sonst mit aller Ober- und Unterwelt Westindiens genauer vertraut war als der alte Piratenhäuptling. Die Tatsache beweist übrigens die sehr gesunde englische Anschauung, den richtigen Mann ohne weitere Bedenken auf den richtigen Fleck zu stellen. Auch der oben erwähnte John Hawkins wurde später „Sir" und M. P., Mitglied des Parlaments, her feine Reichtümer in Ehren verzehrte. Während die Bukanier sich ausMießlich gegen die Spanier gewendet hatten, griff nach Aufhören ihres Staates die private Seeräuberei Schiffe aller Nationen ohne jeden Unterschied an. Aus der politischen Sphäre rutschte das Piratentum in die Erwerbsniederungen und wurde zum Kampf einzelner Kapitäne gegen alles, was Geld hatte und Handel trieb. Auch unter diesen, den eigentlichen Piraten im wahrsten Sinne des Wortes, finden sich Gestalten, die anziehend und abstoßend zugleich find; eine seltsame Mischung scheint Captain Bartholomew Roberts repräsentiert zu haben, der eine Art „Dienstvorschrift für Piraten" herausgab; sie enthält sehr beherzigenswerte Regeln, so daß z. B. nicht um Geld gewürfelt werden durfte — vermutlich taten es die Herren Seeräuber bann um Schokoladeplätzchen —, keine Frauen und keine Knaben wurden an Bord geduldet, die Lichter mußten um 8 Uhr gelöscht fein, und die Waffen stets geputzt und in handlicher Nähe gehalten werben. Sehr berühmt wurde Edward T e a ch, genannt „Blackbeard" nach seinem langen schwarzen Barte, der ihm bis an die Augen wuchs und lang über die Brust hinunterhing. Er pflegte ihn in kleine Zöpfchen zu flechten, die er dann über die Ohren zurückstrich — die Gehörorgane müssen von entsprechender Größe gewesen sein. Im Kampf steckte er sich brennende Späne unter den Hut, deren Feuer neben dem Glanz seiner Augen unheimlich loderte; er war von unbezähmbarem Mut und unberechenbarer W'ldheit. Seine Tapferkeit und Ausdauer wird am besten durch die Tatsache gekennzeichnet, daß er an 14 verschiedenen Stellen Wrstindiens uns Amerikas 14 angetraute Gattinnnen besaß, die er wahrscheinlich mit her Kraft seines Bartes bezwungen hatte. Schließlich wurde ein hoher Breis auf seinen Kopf gesetzt, den ein cngtifd^r Marineoffizier gewann; Bla* beard wurde gehenkt, und fein Haupt am Bugspriet des siegreichen Schh fes angenagelt, so daß fein schwarzes Wahrzeichen zum letzten Mole über den Wellen wehte, die seinen blutigen Ruhm gesehen hatten. Den Beschluß der großen Kapitäne bildet die Erscheinung Captain Kidbs, der Marineoffizier war und als Kommandant der „Adventure" zur Piratenverfolgung ausgesandt wurde; er zog indessen vor, uw zusatteln und selbst Seeräuber zu werden. Seine gute Erziehung keß w1 Rücksicht auf seine alten Kameraden nehmen. Er verschwand aus den wässern Mittel-Amerikas und verlegte den Schauplatz seiner Taten na® Ostasien und der Südsee, die sein Andenken lange mit Furcht, Schrecke» und Bewunderung hochoehalten haben. Die westindische Seeräubern dauerte noch bis ins 19. Jahrhundert, bis sie endlich den Bedingungen oc neuen Zeit das Feld räumen mußte. Verantwortlich; Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'fch« UniverfikätS--'Luch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße»-