SießenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1950 ßreitag, den 7-8ebruar Nummer \\ Letzte Heimkehr. Von Josef Freiherrn von Eichendorfs. Der Wintermorgen glänzt so klar, Ein Wandrer kommt von ferne. Ihn schüttelt Frost, es starrt sein Haar, Ihm log die schön« Ferne, Nun endlich will er rasten hier, Er klopft an seines Vaters Tür. Doch tot sind, die sonst aufgetan, Verwandelt Hos und Habe, Und fremde Leute sehn ihn an, Als käm er aus dem Grabe; Ihn schauert tief im Herzensgrund, Ins Feld eilt er zur selben Stund. Da sang kein Vöglein weit und breit, Er lehnt an einem Baume, Der schöne Garten lag verschneit, Es wär ihm wie im Traume, Und wie die Morgenglocke klingt, Im stillen Feld er niedersinkt. Und als er aufsteht vom Gebet, Nicht weiß, wohin sich wenden, Ein schöner Jüngling vor ihm steht. Faßt mild ihn bei den Händen: „Komm mit, sollst ruhn nach kurzem Gang." — Er folgt, ihn rührt der Stimme Klang. Nun durch die Bergeseinsamkeit Sie wie zum Himmel steigen, Kein Glockenklang mehr reicht so weit, Sie sehn im öden Schweigen Die Länder hinter sich verblühn, Schon Sterne durch die Wipfel glühn. Der Führer jetzt die Fackel sacht Erhebt und schweigend schreitet, Bei ihrem Schein die stille Nacht Gleichwie ein Dom sich weitet, Wo unsichtbare Hände baun — Den Wandrer faßt ein heimlich Graun. Er sprach: „Was bringt der Wind herauf So fremden Laut getragen, Als hört ich ferner Ströme Lauf, Dazwischen Glockenschlagen?" — „Das ist des Nachtgesanges Wehn, Sie loben Gott in stillen Höhn." Der Wandrer drauf: „Ich kann nicht mehr — Jst's Morgen, der so blendet? Was leuchten dort für Länder her?" — Sein Freund die Fackel wendet: „Nun ruh zum letzten Male aus, Wenn du erwachst, sind wir zu Haus." Oer erste rHesang. Von Ernst L i s s a u e r. Jubas, der jüngste Sohn des Noah, ein Bursch von vielleicht neunzehn Jahren, war' wohl der ungebärdigste unter den Menschen in der Arche, von Stockwerk zu Stockwerk lief er zwischen den Ställen und Kojen hin und her, hielt gute Freundschaft mit den Tieren, denen er zuredete, sie möchten noch eine Weile Drang und Gewalt bezähmen, über eine kleine Zeit werde die Arche landen und sich auftun, und die feste Erde werde ausgebreitet vor ihnen liegen wie zuvor. Noah muhte es ihm verweisen, daß er zu häufig einen Spalt öffnete, um nach dem Stande der Flut und der Dichte des Regens auszuspähen, weil Gefahr bestand, daß Wasser in die Arche rann, und sie hätten ohnedies Mühe und Arbeit genug. Als sich aber Tage an Tage und Nächte an Nächte wie Regensträhnen neben Regensträhnen reihten und die Zeit unabsehbar gleichfnrbcn grau sich dehnte wie die Wüste der Wasser, ermattete sein Wesen und schrumpfte zusammen, mißmutig tat er die notwendige Arbeit — den Unrat fortkehren, Schafe, Rehe, Hunde füttern, Lerchen, Nachtigallen, Amseln tränken und ihnen das grüne Buschwerk erneuern —, und lag die übrige Zeit ohne Laut und ohne sich zu regen in einem Winkel auf dem Boden. Wie er eben vor der männlichen Dogge kniete, einen Splitter zu entfernen, den sie sich in die rechte Pfote getreten hatte, erbebte die Arche plötzlich von einem starken Stoß, dessen Wucht Jubal niederwarf, sie schwankte, «in zweiter, schwächerer Ruck schlitterte durch die Balken und Bohlen, alle Tiere brüllten und schrien, trampelten und flatterten, Laufen von Menschen setzte ein, Noah, Japheth und die Frau des .Ham riefen einander zu — Jubal taumelte empor, die Arche schwankte, er schlug nochmals hin, die Dogge winselte, er nickt« ihr zu, er horchte: di« Arche wiegte, doch sie bewegte sich nicht, er rannte, hielt nochmals ein, tastete mit Ballen und Sohlen, fingerte mit den Händen in die Luft, schon wiegte die Arche sanft, sie stand. Er riß den Spalt, seinen Lugaus, weit auf, und schrak zurück, denn fernhin dehnte sich unermeßlich die wüste Gräue der Wasser, nein, schwärzlich braun und verwischt grünlich, mit Teichen und Tümpeln überfeuchtet, beinahe noch Wasserfarben, stachen Flecken Landes aus der Flut. Die Arche lag vor einem Stück Bergwiese. Ein« Lärche, den unteren Teil des Stammes noch im Wasser, Rinde und Wipfel durchnäßt, ragt« fast so hoch wie die Arche selbst, der Regen hatte fast gänzlich aufgehört, nur ab und zu wischte und stäubt« es von Wasser, das gleichsam noch in der Luft stecken geblieben war. Jubal eilt« zur Tür, entpflockte und entrammt«, stieß sie auf und setzte mit einem weiten Sprung hinaus. Noch hie und da watend, knöcheltief im Wasser, eilte er zu der Lärche, umschlang, herzte, halste sie, küßte die nasse Borke, klomm an dem Stamm, der wankte und ein volles Büschel Tropfen niederschüttete, hinauf, saß im Wipfel und blickte sich um: roeitum Flut; ja sie fiel, er konnte es mit den Augen abmessen, wie sie langsam schwand. Dort, zur Linken, war soeben nur blaugraues Wasser gewesen, nun tauchten Baumkron«n, drei beieinander — und jetzt waren es vier — aus der Fläche. Fern zur Rechten, hinter der Grenze des Wassers, lag plötzlich ein wie ein Pferdeleib länglich gestrecktes Festland, das er zuvor nicht wahrgenommen hatte. Der Tod fiel, das Leben stieg, Wald kehrte zurück, Acker kehrte zurück, Gras kehrte zurück—, die Erde war wieder da. Weite, von allen Enden und Rändern, brach heran, drang in ihn ein, überschwemmte ihn inwendig; er breitete die Arme aus und umfing die Erde wie einen Freund. Der Odem, zu innerst, dehnte sich ihm und erschwoll, ein Jauchzen sog sich ihm durch die Adern —, plötzlich horchte er auf, er hörte einen Ton, wie er ihn noch nie zuvor vernommen hatte, und noch einer, und abermals, Ton nach Tönen, er lauscht«, erschrak —, Glück tief im Leib« ruhend, ungeformt und ungefüg, quoll und bildete sich empor, schlug, rollte —, Jubal spürte, daß er sang. Er sang, er wußte nicht, was er tat, und was ihm geschah, niemals in der Zeit vor der großen Flut hatten die Menschen gesunken; er saß und schmettert« und brauste in immer neuen Kaskaden, weithin frohlockte der Schall. Plötzlich aber splitterte Jubals Gesang, vier Töne fielen stumpf zur Erde, durch die Aeste herab, er verstummte. Zur Rechten, etwa dreißig Schritt entfernt, neben dem abseits aufragenden Felsen, den das Wasser vor einer Weile freigegeben hatte, lagen, aufgeschwemmt, von Fischen zerfressen, die Leichen zweier Menschen Übereinander, sie hatten sich hinauf geflüchtet und waren von den Wellen ereilt und hinabgestürzt worden. Jubal schwieg; er gedachte der Menschen. Viele hatte er gekannt, es waren arge Leute unter ihnen, jener Peleg zumal, die Tiere, zu seiner Kurzweil, geblendet hat!« —, nun, er war tot, und tot war Saoath, der kleine, braunhändige, braunäugige, mit dem er gespielt hatte. Und — nun sah es Jubal, mit tauben Blicken sah er es —, ringsum lagen tote Menschen nah und fern auf den Inseln und Eilanden, Landzungen und Festländern, die sich aus der Flutwüste emportafteten. Stille, unendlich, war ringsumher ausgebreitet. Plötzlich fühlte Jubal, daß die Er!» leer war. Stumm drehte er sich im Geäst und wollte niederklimmen, zur Arche, zu den Seinen —, da löste sich eine Fuge oben in dem steinern grauen Gewölk, ein Strahl Sonne stach hernieder, und die Gräue des Wassers versilberte sich in einem gülden erflimmernden Glanz, und nun sah Jubal, daß die Flut Überall gesunken war und die Erde sich, von keinem Wasser zerrissen, breitete. Und wiederum schwoll die Weit« von allen Seiten heran, und wiederum wollte tiefinnen in ihm der Vogel anheben, Glück zu schlagen und Lust zu rollen, jedoch am Felsen lagen die toten Menschen, und weithin Über die Erde lagen die toten Menschen, und Gram als eine Faust tat sich in ihm auf und umklammerte den Gesang. Doch der Obern in ihm ließ nicht ab, er rang wider den Griff, singende Kraft spannte sich wider die drosselnde, da erlahmte die greifende Faust und ließ nach und ab und entflammerte sich, und abermals drang Ton nach Ton aus Jubal empor, doch nun langsam, schwer von sich' selbst, lang nachhallend: wie schwarz gefieberte Vögel fliegen sie auf, doch entflogen nicht, sie saßen ringsum neben Jubal, und ihm zu Füßen, und ihm zu Häupten, und bedeckten bi« Aeste des Wipfels, schlagend und schluchzend. So sang Jubal die Klage. Da geschah ein Stampfen und Drängen in der Arche, Rehe und Gazellen, Hirsch« und Hasen, Schafe und Antilopen drängten sich durch die Tür und stoben in jubelndem Jagen dahin über die Erde. Noah und Japheth traten heraus und lachten und nickten und winkten ihnen nach. Da breitete Jubal die Arme wider die Erde und breitete die Arme nach den toten Menschen, sein Gram frohlockte, sein Jubel trauerte. Geschlossener Augen saß er, fang Ende und Anfang. Oer Lapps Tu». Von Per Schwenzen. Meine freieste, wildeste Zeit, ganz unter Natur, Tier und unmittelbaren Erlebnissen, die aus Erde, Wasser und Gestirnen quollen, war meine Zeit unter den Lappländern in Schwedisch-Lappland und im Norwegischen Finnmarken. Es gibt heute in ganz Norwegen insgesamt 20 000 Lappen. Davon sind die Hälfte -etwa fest angesiedelte Bauern, die ihre Felder bestellen, in Erdhütten, sog. „Gammen" oder auch, unter „eu: opätzch m' Ei' stütz stehend, sch)» in richtigen Holzhäusern wohnen. Die andere Hälfte besteht größtenteils aus Küsten-Üappen, die sich mit Fischfang und in Nähe der Anlaushäfen durch Ausbeutung der Fremden ernähren. Sie sind — im Sinne eines Nomadenvolkes — völlig demoralisiert, haben mit dem Segen der Zivilisation Tuberkulose bekommen, ihre starke Naturnähe und Sinnesschärfe eingebüßt und gehen demselben Schicksal entgegen wie die Indianer Nordamerikas. Sie tragen nicht mehr ihre farbenfrohe und überaus zweckmäßige Tracht, die mehrzipfelige Lappenmütze, die hohen bunten Stiefel voll Seegras, sie laufen in der biü gen Konfektion Amerikas umher und find das zeitgemäße Beispiel eines sterbenden Volkes. Die wirklichen Wanderkappen, die mit ihren nach Tausenden zählenden Renntierherden die lappischen Hochebenen durchqueren, zählen nicht viel mehr als zweitausend Seelen. Ein Tropfen in dem Riesenbecken der unermeßlichen Steppen! Sie allerdings sind, obschon getauft und in die L sie» der norwegischen Staatsbürger eingetragen, der letzter europäische Rest archaischen Nomadentums. Mongolenjplitter, die seit der ahasverischen Zeit des Aufbruchs aus der Volkerwiege Asiens bis heute nicht zur Ruhe kamen. Im Eissturm wandert dies Volk, wenn der späte Frühling sich ankündigt, den nördlicheren Weideplätzen zu, tagelang gegen den rasenden, mörderischen Orkan, die Tiere versinken im Schnee,' werden hochgepeitscht, der Pulk, der kleine, kufenlose, bootartige Schütten, ist das Leben. Im Winter liegen sie mit ihren Herden an den südlicheren Weideplätzen in den Tälern. Die Renntiere scharren das harte Moos unter der barschen Sch" erwecke hervor. Dann aber, im Frühjahr, wenn die Geister durch die Lüfte brausen, geht es nordwärts. Die Sonne, die all- mäbiich die Winter- acht niederzwang, lockt den rührenden, verschwenderischen lappischen Sommer aus der Erde, fett werden die Renntiere und dn Zelt freut sich der Lappe! So ungefähr sah auch Tuis Leben aus, bevor er auf die Idee kam, mit einem Schütten voller Felle zu den Küstlappen hinunter zu fahren und einen guten Handel abzufchließen. Dieses Volk ist von keiner Stundenregel gebändigt. Sie zählen nach den Gestirnen, nicht nach der Uhr. Also wanderte und fuhr Tui Tage, Wochen, ehe er an einen Hafen kam. Hier setzte er sieh auf einen Stein und wartete achtundvierzig Stunden lang, bis ein Dampfer kam. Er ah von den Fischen, die zum Trocknen in einem großen Holzrahmen am Kai hingen (Klipv- sisch), und niemand wehrte es ihm. Hier lernte ich ihn kennen, als ich von der Lofoteninsel Melbo auf der Reise nach Hammerfest war. Er bat mich durst Gesten um Tabak. Wir konnten uns nicht verständigen. Später, als er an Bord gekommen war, fand sich ein Dolmetscher, und ich erfuhr, er wolle nach Hammerfest und einen Mann finden, der ihm hundert Felle 'abkaufe, die er dann im nächsten Jahre bringen werde. Ich hatte eigentlich den Eindruck, es mit einem Menschen zu tun zu haben, dessen Abnungz'osig'eit kommerzieller Vorgänge noch die meine überstieg: In Wirklichkeit aber sind ja alle diese ewig dörrfleischkauenden Zeltbewohner ganz stattliche Kapitalisten. Ein Renntier hat den Barwert von 50 norweg'schen Kronen und folglich hatte der bescheidene Tui bei seiner Herde von etwa 1000 Tieren ein Vermögen von 50000 Kronen, was schließlich nicht jeder von sich behaupten kann. Ich erfuhr so allerlei aus seinem Nomadenleben, und zum Schlüsse unserer Unterredung lud er mich in aller Form ein, ihn bei seinem Stamme zu besuchen, im nächsten Frühling, wenn er das viele Geld haben werde, da solle ich immer dicken Kasfee kriegen und so viel Fleisch und Felle ich wolle! Ich vergaß das Erlebnis, wie man auf einer Reise die meisten Eindrücke nicht fest in sich verankern kann. Als ich mich nach zwei Jahren wieder in den Lofoten herumtrieb, hörte ich von einem Manne erzählen, einem Lappen, der ein riesiges Vermögen gemacht haben sollte. Ich erkundigte mich in einer Fell- exportsi ma — richtig: Tui! Er halle eine glänzende Idee gehabt, oder richtiger, die Idee hatte, wie meistens auf dieser Erde, ein anderer gehabt, aber er hatte das Geld oder, in diesem Fall, die Renntiere. Kurz, es handelte sich damals darum, daß man den Versuch machen wollte, das Renntier nach Alaska und Labrador auszuführen und dort einzubürgern, da es dort die gleichen Lebensbedingungen hat wie in Lappland. Man erhoffte sich eine bessere Wirtschastsgestaltung der dortigen Eingeborenen von diesem Experiment. Da aber war Tui gerade mal zur rechten Zeit gekommen. Er hatte es übernommen, eine Herde von 600 Stück zusammenzustellen und in gutem Zustand an der Küste abzuliefern. Man machte einen Vertrag mit ihm und er verdient«' mehr Geld, als er jemals geglaubt hatte, daß der Pfarrer oder der König zusammen besaßen! Er kaufte auf, mit dem Gelds der Kanadier, trieb ab, und bekam eine große Summe auf dis Bank in Narvik überwiesen. Unter dem Renntiersell, das er wie alle Lappen mit der Haarseite auf der Haut trägt, dicht am alten Lappenherzen, darin noch die Spukgesichte lappischen Aberglaubens hausen, über dem Herzen trägt er das Scheckbuch! Ich besuchte ihn, denn an Bekanntschaften, die etwas einbringen, erinnert man sich nur zu gerne. Und ich trinke so gerne starken Kaffee! Tui war außer sich vor Freude, wie ein kleines Kind hüpfte er auf feinen krummen Beinen und schrie sein: „Borl Beinri! Bori Belnri!" — (Gott grüße dich!) — Ja, und dann machte er einen Kaffee, zu dem wirklich alle schwarzen Hexen Lapplands Pale gestanden hatten. Und dazu gab es das unvermeidliche Dörrfleisch, das einen herrlichen würzigen Geschmack hat, nach Kräutern, Freiheit, Wildheit! Es ward ein herrlicher Sommer. Die Ebene hob sich mit Millionen Blüten gen Himmel, die Tiere wurden fett, stolz warf Tui das Lasso und brannte seine glühende Stempelzange in die Ohren der unmündigen Jung- renntiere. Als es gegen Herbst ging, stellte er aus feiner und den Herden der Nachbarn die obligaten sechshundert Renntiere zusammen und trieb ab. Ich hatte keine Zeit, diesen phantastischen Herdenzug über die Hochebenen zu begleiten, ich trank einen letzten Lapplandmokka und schlug mich ins schwedische Karasjok, um nach Haparanda zu reifen. Jetzt ist man in Norwegen dabei, eine Autostraße quer durch das jungfräuliche Finnmarken zu bauen. Die Straße wird kommen, auf ihr die Autos der internationalen Globetrotter. Der amerikanische Konfektionsanzug wird kommen, und der Lappe wird Sitten und Trachten der Väter, als selbstempfundene Maskerade für Trinkgeld zur „show" entwerten, letzte Bettlerreste der großen Freiheit, wie jene erschütternd lächerlichen Kriegstänze der Indianer auf den Bahnsteigen in Nord- Dakota. Oas Theater der Welt. Ium 1000. Geburksiag der Roswita von Gandersheim. Von Alfred Richard Meyer. Die Aebtissin Gerberga, die Nichte des sächsische» Königs Otto I., den die Geschichte später den Großen nannte, verneigte sich tief vor dem Erzbischof Wilhelm von Mainz und küßte ihm die beringte Hand. Es war der Abtei von Gandersheim großer Tag, da vor hundert Jahren Herzog Ludolf von Sachsen dieses Stift adliger Damen begründet und nun heule durch solch hohen Besuch ausgezeichnet wurde. Die unter dem Schutze des Markgrafen Gero stehenden, im Wendenlande neugegrünbeten Bistümer Havelberg, Brandenburg, Meißen hatten es sich nicht nehmen lassen, mit einer Vertretung im (Befolge des Erzbischofs zu fein. Gestickte seidene Fahnen bauschten sich prunkvoll im Winde. Rings an den Wegen kniete das festtäglich gekleidete Volk und empfing den Segen. „Und dieses ist Roswita, unsere Meisterin und Dichterin in der lateinischen Sprache!" zog die Aebtissin eine der jüngsten Nonnen heran und stellte sie dem Erzbischof vor. „Sie wird uns hernach aus ihrem Epos der Taten Ottos etwas vorlesen, aus der Flucht der Königin Adelheid, die ja nun unseres königlichen Herrn angetraute Gemahlin ward." „Berengar hat sich als Vasall unterworfen!" gab der Erzbischof kund. „Die italienischen Großen huldigten zu Pavia unserem königlichen Herrn. Aber der Zeiten schlimme nahen den deutschen Stämmen. Liudolf von Schwaben und Konrad von Lothringen drohen mit Empörung. Die Ungarn fielen über die Grenze ein. Sonst hätte vielleicht längst der Papst die deutsche Kaiserwürde erneuert. Gott segne dich, Roswita, und stärke deinen Glauben. Dichtung sei dir die Sprache Gottes und entkleidet aller weltlichen Lüste, die des Teufels sind." Der Erzbischof hatte das Zeichen gegeben, die festliche Tafel aufzu- heben. Seine Hände falteten sich zum Dankgebet. Im Klosterhof, in abendlicher Dämmerung, sollte der jungen Nonne Vorlesung ftattfinben. Ganz bleich trat sie vor, legte die beschriebenen Blätter bei Seite, neigte sich demütig, hob die starren Augen über die ehrwürdigen Gäste hinweg in den Himmel und begann mit leiser Stimme ihre Verse, wie Berengar von Jvrea Adelheid, des Königs Lothar, burgundischen Geschlechtes, Witwe verfolgt: „Dieser nun schickt', urplötzlich unmäßigem Toben verfallend, Rings in die Runde sofort die Mannen, so viel er ernährte. Selber mit einer Kohorte der tapferen Scharen dann folgt er, Grad' als wollt' im Gefecht er die grimmigsten Feinde besiegen. Und im stürmischen Laufe durcheilt er das nämliche Kornfeld, Wo sich just eben verbarg in krummer Furche die Herrin, Sie, die er doch suchte, gedeckt von den Schwingen der Ceres. Denn gleichwohl er das ganze Gefilde hinab und hinauflief. Dort, wo geborgen sie tag, von schwerer Befürchtung betastet. Und obgleich er versuchte, die rings aufstarrenden Halme Mit weitreichendem Speer mit allen Kräften zu trennen, Dennoch sand er sie nicht, die Christi Gnade beschirmte." Schon bei den letzten Versen war die Sprecherin mehr und mehr ins Stocken gekommen. Dunkle Wolken, die wie große schwarze Vögel heraneilten, ballten sich dichter am Himmel. Aus dem Purpur der unter- gehenden Sonne formten sich grinsende Fratzen, die griffen nach ihr und zerrten mutwillig an den Falten der Kutte. O, sie kannte diese bösen Wesenheiten nur zu gut aus den Komödien des Römers Terenz, die sie heimlich neben ihren Gedichten übersetzte und so ziemlich aller Weltlichkeit zu entkleiden suchte, Legenden dafür spreche» zu taffen. Da aber raffte sie auch schon eine tiefe Ohnmacht hinweg. Als Roswita in ihrer Zelle die Augen wieder aufschlug, standen die Wände rings um sie wie die Blätter unbeschriebenen Papiers. Sie bat die Freundinnen, sie doch allein zu lassen, einsamstes Gebet werde ihr bald alle Kraft wieder geben; der Erzbischof möge ihr verzeihen. Die vielen Nächte, die sie über ihren Verse» gesessen habe, das strenge Fasten, das sie sich zur Buße aufertegte, seien vielleicht schuld an ihrer Schwäche. Nun, da sie allein war und in die Stille horchte, schwang schon wieder der Chor der Stimmen durcheinander, der sie stets bedrängte und sie wider Willen zwischen Himmel und Hölle taumeln ließ, daß es sie graute. Das war ein Theatrurn, aus vielen bunten Szene» aneinandergereiht. Da war zuerst ein Rhythmus gewesen, eine Musik, der sich die Sprache zärtlich hingab. Bald aber wurden die Worte, die klingenden, die lockenden, zu Gestalten, deren Rede handel» wollte, deren Schemen Körperlichkeit annahm, Liebe und Haß aus sich heraus schrie und sich von allem Göttlichen mehr und mehr entfernte. Das war die heidnische Lust, die sie zuerst aus dem Terenz aussog, aus dem Virgil und dem Ovid, die sich zu einem Mysterium wandelte, in dem des Teufels Flammen aufbegehrten und alles Göttliche sengend zu vertreiben schiene». Das Theater i wur- rd ein n gen rannte Jung- Herden ) trieb Hoch- Ichlug ch das mf ihr Kon- rachten show" itternb Nord- I., den n Erz- s war Herzog . heute Schutze i Bis- chmen estickte Wegen 1 latei- n und Epos elheid, kund. Herrn, lf von ie Un- 1 Papst stärke t aller auszu- i rbend- Seite, Gäste e, wie ' n Ge- i gen, i, hr ins I herunter- i r und bösen die sie iichkeit sfte sie anden 5. Sie de ihr i. Die Saften, mache, nieder nd sie irautc. ereiht. prache locken- erlich- allem st, die ie sich ausbe- heater der Wett sprang auf gegen das des heiligen. Was war das — Theater? Grelle Farben schwirrten jetzt über die Wände. Ein Tanz von Masken bub an und weitete die enge Zelle zu einem Labyrinth, das eben ein ©arten war, jetzt ein Schiss aus schaumigen Meereswogen, dann wieder eine Arena mit wilden wuifletschenden Tieren, ein Marktplatz mit Ausrufern und Charlatans, eine Gaststube voll unflätiger Mäuler, voll Gebrüll und Gesang, voll entblößter Weiber und Degenklirrens. War das Theater? Und was war sein Sinn? Askese, im Kloster gepflegt — oder Lust der Welt, taumelnd von Genuß zu neuer Begierde? Durfte sich der Teufel erfrechen, hier mit Gott ringen zu wollen? Das immer wieder zu erleben in den entgegengesetzten Visionen — war das Seligkeit und Fluch zugleich der Dichter? Und drängte nicht eine Urgewalt das strenge Gesetz d°r lateinischen Sprache mehr und mehr beiseite, anderen eigeneren Tönen des Volkes Raum zu geben und ein ganz neues Leben zauberhaft zu erschaffen? Von dem Gerberga, die gütige Aebtissin, ebenso wenig etwas wußte wie der Erzbischof ober gar der König und der Papst zusammen! Was war Theater und wie konnte es werden? Die Taten Ottos waren es ganz bestimmt nicht und auch nicht die Geschichte ihres lieben Klosters Gandersheim. Vielleicht die Passion des heiligen Pelagius oder Cordoba, die maurische Blume, ober wie Abraham in Gestatt eines Jünglings seine Nichte zur Gottseligkeit zurückführt oder--Weiche von mir, o Satan! Golt, nimm mir alle Gesichte aus den innersten Augen! Laß mich demütig sein und wieder einfältig werden, rote ich es war, da ich zuerst diese kleine enge Zelle betrat! Nicht mehr dichten müssen und Schöpfer eines Theaters zu sein, von dem wir nicht wissien, ob es von dieser ober jener höheren Welt ist! Nicht mehr dichten zu müssen und als Gesäß allzu vielen Gestalten zu dienen, über deren Rede uns keine Gewalt mehr gegeben ist!--* Knapp sechs Jahrhunderte später war es, daß Conrad Celtis Pro- dueius aus Wipfeld bei Würzburg, der Humanist, zu Heidelberg der Begründer der Akademie, zu Wien der Scdalitas Danubiana, Interpret des Tacitns, in des Meisters Albrecht Dürer Haus auf dem Milchmarkt zu Nürnberg eintrat mit der Anfrage: ob er die kürzlich von ihm im Kloster St. Emmeran zu Regensburg aufgefunbenen Werke der Roswita, einer berühmten sächsischen Nonne, für ben herauszugedenben Druck mit Holzschnitten versehen wolle. Dürer, der eben sein Selbstporträt beendet, das wir heute in München bewundern, riß es gleich zum Vorlagenzeichnen für die Holzschnitte. In der prächtigen Folge zur Offenbarung Johannis hatte er seine Liebe zum Holz entdeckt. Roswita überreicht Otto dem Großen und dem Erzbischof Wilhelm von Mainz ihre Werke — das sollte das erste Blatt, sein für diese germanische Muse, die zuerst ein Theatrum sich erdichtete, kirchlichste und weltlichste Frau zugleich, die geniale Bändigerin der lateinischen Sprache war, in der sich auch Celtis aus der Hand des Kaisers Friedrich III. ben Lorbeerkranz errungen hatte. Ritsch das Holz — ratsch das Holz — weiche des Messers Schärfe, zersplittere dich, sei zerkleinert um des gleicherweise göttlichen wie teuflischen Geistes willen, der da Theater heißt. Ritsch, ratsch! himmlische Nonne, höllische Nonne — dein Theatrum der Welt! Mag Neapel für die Krone Aragon erobert sein! Christoforo Columba, spanisch jetzt Christobal Colon, in Ketten vom Oberrichter Bobadilla heimgebracht, in die alten Ehren des Admirals wieder eingesetzt — Theater der Welt! Philipp von Kleves Flaggschiff mit sechshundert französischen Edelleuten im Archipelagus gescheitert — Theater! Ein hübsch lieb von sünsf Frawen, wy sie einander dagten über jre man — in des schillers don — gedruckt zu Nürnberg von Ambrosius hueber — do wart ich fünff fraroen geroar, heimlich in einnem orte — ritsch, ratsch — das wär' des großen Kaisers Bart und sein Antlitz eigentlich mit viel zu viel melancholia — sei's drum — Theater — dafür ist der Veichsapfel desto heiterer! himmlisches Nöimleln, höllisches Nönnlein — einen schonen Schleier sollst du kriegen, wie ihn die Agnes Freyin, meine zänkische Eheliebste, nicht hat — Theater! Gehfs eben um die Kunst! Soll in Erfurt ein Martin Luther Baccalaureus worden {ein. himmlisches Nönnlein, höllisches Nönnlein! Ist des Schneiders Jörgen Sachs Sohn Hans Sachs, so Schuster werden soll, über Regensburg, Passau, Wels nach Innsbruck gewandert und roie’s Gott will beim Kaiser Weidgesell worden — Theater und wieder Theatrum der Welt! Gehts eben um die Kunst! Gott schütze sie! Sind wir Trübsal in ihr und preißlicher Spatz — wenn unser herze, das pochende in der Brust, auch genug der Narben davon kriegen mag. Gehört eben dazu — ritsch, ratsch! Alte Säulenpracht lebt auf Die Tempelstäkken von Selinunt und Agrigent. Von Professor Dr. Walter Bomb e. Man kann ein Feind der „stilgemäßen'" Wiederherstellungsversuche an unseren alten Schlößern, Burgen und sonstigen Bauwerken früherer Jahrhunderte sein, aber trotzdem bedauern, daß die verlassenen Trümmer- ftätten von Selinunt und Agrigent auf Sizilien, wo die einzelnen Quadern, Säulentrommeln, Kapitelle und Gebälkstücke durch ein Erdbeben reihenweise hingeschmettert baliegen, keine ordnende Hand gesunden haben, die diese Bauteile wieder zusammensügte. Fast zwei Jahrtausende lang war Selinunt, die äußerste Griechenkolonie an der Westküste Siziliens, verlassen und vergessen, bis erst jetzt, nachdem durch eine südamerikanische Stiftung die Mittel aufgebracht waren, an eine Wiederaufrichtung der Teinvel gedacht und mit planmäßigen Grabungen begonnen wurde. Am Zeustempel, der neben dem von Agrigent und dem Didymäum von Milet ter größte aller Grie- chentempel war, hat man eines der riesigen Kapitelle von vier Meter Breite wieder zusammengesetzt. Man ist auch dabei, die Säulen weder aufzurichten. Der Tempel war nie vollendet, wie die mit wenigen Ausnahmen unkanellierten Säulenschäste zeigen. Er hatte 113 Meter Länge, jede Säule maß 16,27 Meter höhe bei 3,41 Meter unterem Durchmesser. Der Bau war gerade im Gange, als im Jahre 409 der karthagische Feldherr hannibal Gisgon die Stadt eroberte und zerstörte und ihre Einwohner teils erschlug und teils in die Sklaverei führte Ein zweites Mal wurde die inzwischen neu bef^bdte Kolonie im ersten Pumschen Kriege, 250 v. Ehr. metergeworfen und ihre Bevölkerung nach Lilybäum verpflanzt. Seitdem war Selinunt völlig verödet. Nur selten verirrt sich in bie(e Einsamkeit einer der unentwegten Verehrer der griechischen Baukunst, um die ergreifende Stille und Großartigkeit dieser Trümmerstätte am asrika- nischen Meer auf sich wirken zu lassen. Noch heute sind in dem antiken Steinbruch von Campobello dis schon zum Teil fertig zugehauenen Säulentrommeln für den Dau des Zeusternpels erhalten. Bei der Eroberung Sclinunts durch d.e Karthager wurden die Arbeiten unterbrochen und danach niemals wieder ausgenommen. Man kann hier den Arbeitsgang von den ersten Anfängen in alle Einzelheiten hinein bis zur Vollendung verfolgen. Einige Säulentrommeln find erst aus dem anstehenden Felsen heran-g-schnlltsn, andere der Vollendung nahe oder auch ganz vollendet und zur Beförderung nach Sel.nunt fertig, wieder andere sind auf dem Wege von hier nach Selinunt liegen» geblieben. Diese Arbeitsstätte griechischer Steinmetzen, die hier für den Zeustempel von Selinunt die Werkstücke hergerichtet haben, bietet einen ganz einzigartigen Anblick. Schon zwei Jahre nach der Zerstörung durch d.e Karthager hat der Grieche Hermokrates, der Schwiegersohn des großen Dionys, des Tyrannen von Syrakus, wieder eine Griechenkolonie nach Selinunt geführt und rings um die wie Inseln belassenen Tempel eine neue Stadt angelegt, von der das Straßennetz des westlichen Hügels jetzt wiederausgegraben ist. Zwei Hauptstraßen durchzogen diesen ältesten Teil der antiken Stadt von Osten nach Westen und von Norden nach Süden, und in diese mündeten rechtwinklig d.e Nebenstraßen. An der Kreuzung der beiden Hauptstraßen erhebt sich die Akropolis, in deren Nähe vier nach Osten gerichtete Tempel liegen. Die gewaltigen Befestigungsanlagen, die an die Griechenfeste Euryelos in Syrakus erinnern, hält man für ein gemeinsames Werk des Dionys und des Hermokrates. In die runden Bastionen und den halbrunden Turm sind, wie die Grabungen gezeigt haben, ältere Bauteile, Kapitelle und Triglyphen, aus dem Karthager- fchutt hinein verbaut. Der älteste der Tempel, ein Bau aus dem Anfang des 6. Jahrhunderts, prangt wieder im Schmuck von 17 ausgerichteten Säulen von säst 9 Meter Höhe bei 2 Meter Durchmesser; sogar ein Teil des Gebälks wurde wieder aufgefunben. Die Trümmer der Tempel sind zum Teil in die Erde gesunken, von Eppich und Moos bewgchfen und ost bis zur Unkenntlichkeit bedeckt. Manches hat auch der Dünensand verweht. Die ganze Stätte von Selinunt ist mit Eppich überwuchert, nach dessen griechischem Namen Selinon die Stadt ihren Namen trägt und der auch auf ihren alten Münzen als Wappen abgebildet ist. Flinke Eidechsen schlüpfen in die Fugen des Gemäuers, Ziegen und Schafe suchen in dem Gesträuch zwischen den Trümmern ihre Nahrung. Im Sommer verödet die Malaria alles. Ein armseliges Landvolk ringt den einst üppigen Gefilden der „Kornkammer der Welt" einen kärglichen Ertrag ab. Nur mühsam bahnt man sich einen Weg in dem wirren Durcheinander von Säulentrommeln und verwitterten Quadern. Durch Erdbeben hingeschmettert, liegen reihenweise umgelegt die Bauteile, die jetzt wieder zusammen- gefügt werden sollen. Was an plastischem Schmuck noch erhalten ist, bewahrt das Museo Nationale in Palermo. Sehr viel ist vernichtet worden ; das Uebriggebliebene aber erfüllt trotz des trümmerhaften Zustandes, In dem es sich befindet, Auge und Herz mit staunender Bewunderung. Hier hat der Genius des Griechentums frei, reich und schöpferisch gestaltet und verschwenderisch seine Gaben ausgeschüttet. Wie Selinunt, so war auch Agrigento, das griechische Akragas, bis vor kurzem dazu verurteilt, eine wüste, ungeordnete Trümmerstätte zu bleiben. Ein englischer Offizier, der Captain Hardcastle, hat vor einigen Jahren hier die sogenannte Villa Aurea erworben. Als leidenschaftlicher Verehrer der griechischen Kunst hat er unter den größten persönlichen Opfern Grabungen und Wiederherstellungsarbeiten unternommen, die das Antlitz der riesigen Tempelstätte von Agrigento von Grund aus umgestaltet haben. So hat Hardcastle an der Südseite des Heraklestempels, wo vor kurzem nur ein einziger niedriger Stumpf aufrecht stand, acht Säulen auf eigene Kosten cmfrichten lassen und für vier dieser Säulen auch die Kapitelle gefunden. Große Hebemaschinen arbeiten an der Aufrichtung weiterer Säulen an der Nordseite dieses Tempels. Diese Arbeiten, die von dem Oberintendanten der Kunst- denkmäler Siziliens, dem Senator Paolo Orsi in Syrakus, und von dessen wissenschaftlichen Mitarbeitern beaufsichtigt und ausgeführt werden, verdienen die höchste Bewunderung. Mit weichen Hüllen werden die riesigen Säulentrommeln aus Kalkstein vor der Berührung durch die Stricke und Ketten der Hebemaschinen geschützt, bis eine nach der anderen wieder ihre ursprüngliche Stelle einnimmt. Sorgsam wird Stück für Stück gesammelt, geborgen und wiederhergestellt, wobei man von Ergänzungen selbstverständlich absieht. Hardcastle beschäftigt ständig mit diesen Arbeiten 40 bis 50 Leute und hat dafür bisher mehr als 600 000 Lire aus gegeben. In ihrem witteren Verlaufe führten die Grabungen zur Freilegung eines bedeutenden Stückes der griechischen Stadtmauer von Agrigento und der Entdeckung zweier archaischer Altäre aus der Zeit um 550 v. Ehr., eines quadratischen von 4'A Meter Seitenlänge und eines Rundattars von VA Meter Durchmesser, des größten bisher bekannten griechischen Altars feiner Art. Diese ältesten griechllcken Altäre Siziliens stammen aus einer Zeit, als die Tempel noch aus Holz bestanden und mit Schmuckwerk aus gebranntem Ton verziert waren. Solche Bauteile fanden sich auch bei Grabungen auf dem Gelände des Hephästostempels, zugleich mit Teilen des älteren Holzbaues. Außerdem ist jetzt der oanze Unterbau des Demeter-Tempels freigelegt und der antike Bestand gegenüber dem, was feiner Zeit die sorgfältigen Untersuchungen d-r deutschen Archäologen Vuchsteln und Koldewey ergaben, viel klarer und vollständiger herausgefommen. Der Tempel besteht aus einer einfachen Cella mit Vorhalle, ober ohne Säulenkranz. Nicht weniger als dreihundert Lampen lagen bei den gemauerten Altären neben dem Tempel. Es ist aurb gelungen, in das chaotis-be Gewirr zertrümmerter Stirnbalken und Säulentrommeln auf dem Gelände des Zeusternpels Ordnung zu bringen. Der ganze Boden von Agrigento, das P i n d a r einst als die „schönste Stadt der Sterblichen" bezeichnete, steckt voll von Scherben antiker Gefäße, Münzen und Tonstatuctten, die von den Bauern und den Hirten aus der Erde geholt werden. Es unterliegt daher nicht dem mindesten Zweifel, daß die Fortführung der Arbeiten weiters bedeutsame Funde ergeben wird. Aber schon das bisher Erreichte darf uneingeschränktes Lob beanspruchen: handelt es sich doch hier um die größte Tempelstätte der griechischen Welt, deren Wiederaufrichtung ein Wunsch nicht nur Italiens, sondern der ganzen zivilisierten Menschheit ist. Carsten Curator. Novelle von Theodor Storm. (Schluß.) Er wandte sich ab; mit der einen Hand die qualmende Kerze vor sich haltend, die andere abwehrend hinter sich gestreckt, wankte er nach der Tür des Seitenbaues. Als er hindurchschritt, fühlte er sich an seinem Rocke gezerrt; aber er machte sich los, und es wurde finster im Pesel, und von der anderen Seite drehte sich der Schlüssel in der Tür. Der Trunkene war plötzlich seiner Sinne mächtig geworden. Wie aus dem Nebel des Traumes erwachend, fand er sich allein in dem ihm wohlbekannten, dunklen Raume; er wußte mit einem Male jedes Wort, das zu ihm gesprochen war. Er tastete an der verschlossenen Tür, er rüttelte daran. „Vater! hör' mich!" rief er, „hilf mir, mein Vater! nur noch dies eine, letzte Mal!" Und wieder rüttelte er, und noch einmal mit lauter Stimme rief er es. Aber, ob der Sturm es verwehte, oder ob seines Vaters Ohr für ihn verschlossen war, ihm. wurde nicht geöffnet; nichts hörte er als das Toben in den Lüften und zwischen den Schluchten der Höfe und Häuser. Eine Weile noch stand er, das Ohr gegen die Tür gedrückt; dann endlich ging er fort Aber nicht durch den Hof nach der Twiste, wo die Tür vielleicht noch frei von Wasser war; er ging durch den Flur an die Schotten der offenen Haustür, an denen schon bis zur halben Höhe das Wasser hinausklatschte. Der Mond war aufgestiegen; aber am Himmel flogen die Wolken; Licht und Dunkel jagten abwechselnd über die schäumenden Wasser. Vor ihm über der Schleuse, wo es ostwärts durch die Häuserlücke nach den Gärten und Wiesen geht, schien jetzt ein mächtiger Strom hinabzuschießen; er glauhte den Todesschrei der Tiere zu hören, welche die erbarmungslosen Naturgewalten wie im Taumel dort vorüberrissen. Ihn schauderte; — was wollte er hier? — Aber gleich darauf wars er den bleichen, noch immer jugendlich schönen Kopf zurück. „Oiho, Jens!" rief er plötzlich; er hätte seitwärts unter den Häusern ein mit zwei Leuten bemanntes Boot erblickt, das zu einem der früheren Austerschiffe gehörte. Ein trotziger Uebermut sprühte aus seinen eben noch so stumpfen Äugen. „Gib mir das Boot, Jens! Oder habt ihr selbst noch was damit?" „Diesmal nicht!" scholl es zurück. „Aber wohin will der Herr?" „Wohin? Ja, wohin? Dort, nur querüber nach der Krämerstraße!" Das winzige Boot legte sich an die Schotten. „Steigt ein, Herr; aber setzt uns hier nebenan beim Schlachter ab!" Heinrich stieg ein, und die beiden anderen wurden, wie sie es verlangten, ausgesetzt. Als sie aber dort hinter den Schotten in der Haustür standen, sahen sie bald, daß das Boot nicht, wie Heinrich angegeben, in den sicheren Paß der Straße lenkte. „Herr, zum Teufel", schrie der eine, „wo wollt Ihr hin?" Heinrich war noch im Schutze der Häuserreihe. „Nach Haus!" rief er zurück.',.Hintenum nach Haus!" „Herr, seid Ihr toll! Das geht nicht; das Boot kentert, eh' Ihr um die Schleuse seid!" „Muß gehen!" kam es noch einmal halbverweht zurück; dann scboß das Boot in den wüsten Wasserschwall hinaus. Noch einen Augenblick sahen sie es wie einen Schatten von den Wellen auf und ab geworfen; als es über der Sckleuse in die Häuserlücke gelangte, wurde es vom Strom gefaßt. Die Leute stießen einen Schrei aus; das Boot war jählings ihrem Blick verschwunden. — — . „War mir doch", sagte Brigitte oben in ihrer Kammer zu dem Kinde, „als hätte ich vorhin des Onkel Heinrichs Stimme gehört! Aber wie sollte der hierher kommen!" Dann ging sie hinaus und rief von der Treppe in den dunklen Flur hinab: „Heinrich, bjst du da, Heinrich?" — Als feine Antwort kam, schüttelte sie den Kopf und horchte noch einmal; aber nur das Wasser klatschte gegen die Schotten. Sie ging vollends in das Unterhaus hinab, entzündete mit Mühe ein Licht und stellte es in das Ladenfenster; dann, nachdem sie den Wasserstand besichtigt hatte, stieg sie wieder hinauf in ihre Kammer. „Sei ruhig", Christinchen, das Wasser kommt heute nicht ins Haus; aber der Onkel Heinrich ist auch nicht dagewesen." Wohl eine Viertelstunde war vergangen; draußen schien es ruhioer zu werden, die Leute saßen abwartend in ihren Häusern. Da setzte Brigitte plötzlich das Kind von ihrem Schoße. „Was war das? Hörtest du ba« Christinchen?" Und wieder lief sie nach der Treppe. „Ist jemand unten?" rief sie in den Flur hinab. Eine Männerstimme antwortete durch die offene Haustür. „Was wollt Ihr? Seid Jhr's denn, Nachbar?" fragte di« Alte. „Wie seid Ihr an das Haus gekommen?" „Ich hab' ein Boot, Brigitte; aber kommt einmal herab!" So rasch sie vor dem Kinde konnte, das sich wieder an ihren Rock geklammert hatte, stieg sie die Treppe hinab. „Was ist denn, Nachbar? Gott schütze uns vor Unglück!" „Ja, ja, Brigitte, Gott schütze uns! Aber hinter der Krämerstraße auf Ken Fennen ist ein Mensch in Not." „Allbarmherziger Gott, ein Mensch! Wollt Ihr das große Tau von unserem Boden?" Der Mann schüttelte den Kops. „Cs ist zu weit, der Mensch sitzt auf dem hohen Scheuerpfahl, der nur noch eben über Wasser ist. Hört nur! Man kann ihn schreien hörens — Nein, nein, es war nur der Wind. Aber drüben von des Bäckers Hausboden können fie ihn sehen." „Bleibt noch!" sagte die Alte. „Ich will Carsten rufen; vielleicht weih der noch Rat." 0 Ein paar Worte noch wechselten sie; bann lief Brigitte nach den: Pesel. Aber es war dunkel, Carsten war nicht dort. Als sie sich mit den, Kinde nach der Ecke des Seitenbaues hingetaftet hatte, fand sie die Tüi verschlossen. „Carsten, Carsten!" rief sie und schlug mit beiden Händen daraus tos. Endlich kam es die Treppe herab, der Schlüssel drehte sich, und durften mit der heruntergebrannten Kerze in der Hand trat ihr totenbleich end gegen. „Um Gottes willen, Bruder, wie siehst du aus! Warum verschließt bu dich? Was hast bu oben in der Totenkammer aufgestellt?" Er sah sie ruhig, aber wie abroefenb aus seinen großen Augen an. „Was willst du, Schwester?" fragte er. „Ist denn bas Wasser schon im Fallen?" „Nein, Bruber; aber es hat ein Unglück gegeben!" Und sie berichtest mit fliegenben Worten, was der Nachbar ihr erzählt hatte. Die steinerne Gestalt des Alten wurde plötzlich lebendig. „Ein Mensch? Ein Mann, Brigitte?" rief er und packte den Arm seiner alten Schwester, „Freilich, freilich; ein Mann, Bruder!" Das Kind, bas Brigittens Rock nicht losgelassen hatte, streckte jetzt sein Köpfchen vor. „Ja, Carsten Ohm", sagte es wichtig, „unb ber Mann ruft immer nach feinem Vater! Von Nachbar Bäcker seinem Boden tön- neu sie ihn schreien hören. Carsten ließ das Licht auf die Fliesen fallen und stürzte fort. Er war schon drunten vor den Schotten unb wäre in das Wasser hinausgestiegen,> wenn ihm ber Nachbar nicht noch zur Not ins Boot geholfen hätte. Einige Augenblicke später stand er drüben in der Krämerstraße auf bent bunklen Boden des Bäckers unb ließ burch bie offene Luke feine Blich in den nächtlichen ©raus hinausirren. „Wo? wo?" fragte er zitternd. „Guckt nur geradeaus! Der Pfahl auf Peter Hansens Fenne!" antwortete der dicke Bäcker, der, mit den Daumen in den Armlöchern feiner Weste, neben ihm stand; „’s ist nur zu dunkel jetzt; Ihr müßt warten, bis der Mond wieder vorkommt! Aber ich geh' nach unten; ich bin zu weich; ich halt's nicht aus, das Schreien hier mit anzuhören." „Schreien? Ich höre nichts!" „Nicht? Nun, helfen tann’s dem drüben auch nicht weiter." Eine blendende Mondhelle brach durch die vorüberjagenden Wolken und beleuchtete das geisterbleiche Gesicht des Greises, der fein fliegende; Haar mit beiden Händen hielt, während die großen Augen angstvoll über die schäumende Wasserwüste schweiften. Plötzlich zuckte er zusammen. „Carsten, alle Teufel, Carsten!" rief ber Bäcker, ber trotz feines weichen Herzens noch zur Stelle war; denn in demselben Augenblicke war Carsten lautlos in die Arme des dicken Mannes hingefallen. „Ja, fo", setzte er hinzu, als er nun auch einen Blick durch die Luke tat; „der Pfahl ist, bei meiner armen Seele, leer! Aber was zum Henker ging denn das den Alten an!" * Es ist zwar nie ermittelt worden, wer der Mensch gewesen, deffea Notschrei derzeit von der Flut erstickt wurde; gewiß aber ist es, bch Heinrich weder in jener Nacht noch später wieder nach Hause gekommen oder überhaupt gesehen worden ist. Im übrigen hat Herrn Jaspers' fröhliche Zuversicht sich mehr noch als bewährt; nicht nur das Haus in der Süderstraße, auch das an ber Twiete ging bald durch seine Hände. Nur Tante Brigittens Sarg stand noch im kühlen Pesel und wurde von ba zur ewigen Ruhe hinauegetra- gen. Carsten mußte ausziehen; während drinnen der Auktionshammer schallte, ging er, von Anna gestützt, aus seinem alten Hause, um e; niemals wieder zu betreten. Oben in der Süderstraße, weit hinter Heinrichs früherem Gewese, dort, wo die letzten kleinen Häuser mit Stroh gedeckt sind, war jetzt ihre gemeinschaftliche Heimat. Ein Amt bekleidete Carsten nicht mehr, auch sonst betrieb er keine Geschäfte; denn in jener Nacht war er vom Schlage getroffen worden, und sein Kopf hatte gelitten: dagegen war er wohlgeeianet, den kleinen Heinrich zu warten, welcher den halben Tag auf feines Großvaters Schoße zubrachte. Not litt der Alle nicht, obgleich Anna auch den letzten Bruchteil ihres Vermögens um be; Gedächtnisses ihres Mannes willen hingegeben hatte; aber ihre Hände unb ihr Mut waren nimmer müde. Sie war völlig verblüht, nur ihr schönes, blondes Haar hatte sie noch behalten: aber eine geistig« Schönheit leuchtet« jetzt von ihrem Antlitz, die fie srüher nicht besessen hotte; und wer sie damals in ihrer hohen Gestalt zwischen dem Kinde und dem zum Kind gewordenen Manne erblickt hat, dem mußten die Worte ber Bibel ins Gedächtnis kommen: „Stirbt auch ber Leib, boch wird bie Seele leben!" Für den Greis aber bildet« es eine täglich wiederkehrende Luft, bie Züge der Mutier in dem kleinen Antlitz feines Enkels aufzusuchen. „Dein Sohn, Anna; ganz dein Sohn!" pflegte er nach längerer Betrachtung aus» zurufen. „Er hat ein glückliches Gesicht!" Dann nickte Anna unb jagte lächelnd: „Ja, Großvater; aber der Junge hat ganz Eure Augen." » Unb so geht «s fort in den Geschlechtern: bie Hoffnung wächst mit jcbem Menschen auf; aber keiner denkt baran, daß er mit jedem Bissen seinem Kinde zugleich ein Stück des eigenen Lebens hingibt, bas von demselben bald nicht mehr zu lösen ist. Heil dem, dessen Leben in seines Kindes Hand oesichert ist; aber auch dem noch, welchem von allem, was er einst besessen, nur eine barmherzige Hand geblieben ist, um seinem armen Haupte die letzten Kissen aufzuschütteln. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und ‘Setlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, unb ©teinhrudetei, R. Lange, Gießen.