SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1950 Montag, den 6. Oktober Nummer 77 Liebesglück. Don Eduard Morike. Wenn Dichter oft in warmen Phantasien Don Liebesglück und schmerzlichem Vergnügen Sich oder uns, nach ihrer Art, belügen, So sei dies Spielwerk ihnen gern verziehen. Mir aber hat ein gütiger Gott verliehen, Den Himmel, den sie träumen, zu durchfliegen, Ich sah die Anmut mir im Arm sich schmiegen, Der Anschuld Blick von raschem Feuer glühen. Auch ich trug einst der Liebe Müh' und Lasten, Verschmähte nicht, den herben Kelch zu trinken, Damit ich seine Lust nun ganz empfinde. And dennoch gleich' ich jenen Erzphantasten: Mir will mein Glück so unermeßlich dünken, Daß ich mir oft im wachen Traum verschwinde. Wenn es Abend wird. Von Hermann Hesse. Es ist dunkel geworden und die Gaffe vor meinen Fenstern ist schon seit einer Stunde totenstill, nur der hohe Brunnen träumt und redet unermüdet weiter. Die verhängte Messingtampe beleuchtet die alte Wohnstube mit ihren matten Holzwänden, die schmale Wandbank, den starken Cichentisch, die bleichen Holzschnitte an der Wand. Und hinträumend genieße ich die Ruhe meines Hauses und meiner Stube, die Stille und Weltferne, die mir niemand stört. Annötiges Reden lieben wir am Abend nicht; es ist so schön und wunderlich, der Stille zuzuhören und zu lauschen, wie die Erde einschläft, wie der letzte späte Eimer am Brunnen klirrt und jenseits über dem See der letzte ferne Eisenbahnzug leise pfeift und fährt und verschwindet. Ein Buch liegt auf dem Tifch, vielleicht werde ich später darin lesen. Es ist ein großer Quartband aus dem vorigen Jahrhundert, eine Übersetzung des Qssian. Daneben stehen mein Glas und ein Krug Meersburger. Er ist nicht sauer, wie man vom Seewein zu sagen Pflegt, sondern zart und wohlschmeckend, einer der besten oberrheinischen Weine. Von den zwei Krügen, die ich habe, faßt der kleine knapp ein halbes Literchen, aber ich nahm heute - es geschieht selten - den größeren, weil mir sonderbar wohl zumute war, und weil mir heute, nach einem arbeitsreichen und zu- friedenenTag, ein friedlich schöner Abend zu blühen schien. Während ich nachdenklich den Decher leerte, beginnt in der kleinen Aebenstube meine Frau leise Klavier zu spielen. Sie hat den großen Krug gesehen und meine Stimmung erraten. Sie spielt kleine verwehende Stücke von Schumann. Die feinen leisgleitenden Töne kommen zusammen mit dem schwachen rötlichen Kerzenlicht durch die weit offene Tür herein. Aber der Tür auf dem altmodischen, schmalen Gesims stehen einander zugewandt, zwei tönerne Kuckucke, Männchen und Weibchen, Schwarzwälder Bauernkunst, und werfen zwei wahnsinnig verlängerte, fidel-groteske Schatten an die Wand. And wie immer, wenn ich abends müde bin und Musik höre, sehe ich alle diese kleinen Dinge verwandelt und ferner gerückt, und zugleich geht mein Sinn ungeheißen rückwärts und sucht Pfade der Vergangenheit, Erinnerungen steigen aus den Tönen, aus dem Lampenschein, aus dem Becher, aus der sacht wölkenden Pfeife, Erinnerungen in langen, sanften Beigen; es kommt eine der närrischen Stunden, in denen wir rasten und nichts tun, während doch die Phantasie, das Gedächtnis, die Sehnsucht und hundert feine, tätige Verven arbeiten und schaffen und fiebern. Selbstverständliches wird rätselhaft und unerklärlich. Gelesenes wird Erlebtes, Erlebtes wird Geträumtes, Dergeffenes wird gegenwärtig, Erreichtes wird wieder zum Wunsch. Ferne vor Jahren gelebte, seit Jahren vergeffene Tage und Stunden sind so gegenwärtig und tatsächlich wie Asch und Zimmer, wie meine eigene Hand, während das eben erblickte Bild, der eben gehörte Ton, die eben gemachte Gebärde traumfern und 3U alten, alten Erinnerungen werden. Halt, das ist nicht Schumann mehr! Was ist das doch? Ja, Chopin. Natürlich Chopin, die erste Rocturne. Oder die dritte. Glaszarte, scheue -Lvne, verwischte und traumwandelnde Takte, wundersam geschlungene, elegante Figuren, und die Akkorde erregend, wie verzerrt, Harmonie und Assonanz nicht mehr zu unterscheiden. Alles auf der Grenze, alles un» getoiß, nachtwandlerisch taumelnd, und mitten hindurch mit dünnem Fluß «ne süße, milde, kinderselig reine Melodie. Chopin! Diese Musik voll Heim- Sehnsucht und Erinnerung, und im Hintergründe Paris. Richt Paris vir heute, sondern ein anderes, ironischer und sentimentaler, mit anderen apeten und Kostümen, mit Chopin und Heinrich Heine. Es ist schön, es ist schmeichelnd und wohlig, an seinem sicheren Tisch zu sitzen, ein sicheres Dach über sich, einen zuverlässigen Wein in der Kanne, eine wohlgefüllte große Lampe brennend, und nebenan bei offener Tür eine Frau am Klavier, Chopin-Stücke und Kerzenlicht... Plötzlich steigt mir wie eine Seifenblase die Frage auf: Bist du eigentlich glücklich? Ja, natürlich. Aber warte noch - nein, so eigentlich glücklich,- nein, doch ich muß mich erst besinnen. Und wie ich mich besinne, fällt mir ein. daß man nicht vom Glück reden soll. Glück ist ja nichts, ein Wort, ein Unsinn; es kommt aus anderes an. Indem ich nachdenke, verwandelt sich die Frage. Ich möchte nun auf einmal wissen, wann mein frohester Tag, meine seligste Stunde war. Mein frohester Tag! Ich muß lachen. In meinet Erinnerung, da wo die guten, reinen köstlichen Augenblicke ausgeschrieben sind, steht einer neben dem andern, zehn und hundert und viel mehr als hundert, und jeder ist fehlerlos, mit ungetrübter Lust erfüllt, und einer ist so schön wie der andere und keiner gleicht dem andern. Da ist ein Tag, vor Jahren im Hochgebirge verbracht, auf einer hohen Alp, zwischen Enzianen und kletternden Ziegen und Geißbubenjvdel, ein feuchter blanker Himmel darüber und in der Rähe das Rufen eines weißen Waffersalls. Dann eine Morgenstunde noch vor Sonnenaufgang auf einer Odenwaldstraße, im Gesvräch mit einem verirrten Landstreicher, voll von Morgenkühle. Frühlicht, Erwartung und Humor. Und eine andere Morgenstunde auf der schwäbischen Alp, da saß ich im schüttelnden Postwagen und vorn und hinten goß der Regen herunter, und mir gegenüber eine kleine Sechzehnjährige, halb froh, halb ängstlich mit dem Unbekannten plaudernd, bann zuversichtlicher und schließlich fröhlich und ausgelaffen wie ein Bub. Aber wie kann ich den Abend vergeßen, den warmen Juniabend am See, auf der dunklen Bank! Und unser langsames Gespräch, alle paar Minuten ein Wort, und unseren ersten Kuß! Oder die wunderbare Märchennacht, als ich zum ersten Male, das Herz selig bedrückt von der Erfüllung jahrelanger Jugendsehnsucht, durch die Gaffen von Florenz lief, und über den Ponte und wieder durch die alten Winkel auf die Piazza vor den schweigenden, kühnen himmelhohen Turm! O, und der erste Anblick des Meeres - der Vormittag, da ich über Genua auf den Hügeln schweifte und unten schrie im Sturm das blaue und weiße Meer an den steilen Felsen empor! Auch jene Mittagstunde darf ich nicht vergessen, die ich im Hofe eines südlichen Klosters auf dem herrlich glühenden Pflaster verschlief, und wie der Pförtner mich tadelnd weckte, und wie wir Freunde wurden und einen ergiebigen Gang in die kalten, massiv gewölbten, mächtigen Keller unternahmen. Auch nicht den schwülen Hochsommer- Mittag, da ich bei Rheinfelden mich seufzend entkleidete und an still brütenden Wäldern vorbei unter einem stählernen Gewitterhimmel aufatmend rücklings den Rhein hinabschwamm. Ich finde kein Ende. Wieviel Sonnen haben mich verbrannt. Wieviel Flüsse und Ströme mich gekühlt, wieviele Wege mich getragen und Bäche mich begleitet! Wieviele Blicke in blaue Himmel und in unvergeßlich lebendige, liebe Menschenaugen habe ich getan, wieviele Tiere lieb gehabt und an mich gelockt! Don diesen Augenblicken ist keiner schöner als der andere. Auch dieser gegenwärtige, da ich den Becher langsam leere, der Musik lausche, und liebe Erinnerungen hege, auch dieser gegenwärtige Augenblick ist keiner von den schlechten. O nein, und ich träume weiter. Und sie, andere Bilder steigen aus dem Meer des Erlebten — Stunden des Leides, Tage der Trauer, der Scham, der Reue, Augenblicke des Erliegens, der Todesnähe, des Grauens. Ich sehe den Tag wieder, da meine erste, unvergessene Liebe betrogen ward und unter Qualen starb. Den Tag, da ein Bote tarn und grüßte und Geld heischte und die Botschaft da ließ, daß fern in der Heimat meine Mutter gestorben war. Die Rächt, da mich mein Jugendfreund im Rausch beschimpfte. Die Tage, da ich nicht wußte, woher die Pfennige zu einem Brot nehmen, während meine Mappe von Gedichten und leidenschaftlichen Artikeln überquoll. Die vielen, vielen Stunden, da ich liebe Freunde leiden und verzweifeln sah und daneben stand und litt, und nicht helfen, nicht trösten, nicht lindern konnte. And die Augenblicke, in denen ich vor Leuten stand, die reich waren und Macht über mich hatten und ihre geringschätzigen Worte hörte und meine im Krampf geballte Faust verbergen mußte. Die Gesellschaft, in der ich die Hand beständig auf die schmählich geflickte Stelle meines letzten Dockes legte- Alle die Rächte, in denen ich schlaflos lag und nicht wußte, wozu ich dies Leben weiterführe. Und alle die Rächte, da ich am Wirtshaustisch mitlachte und Poffen riß, und lustig tat, während mit innen elend und traurig zumute war. Auch die Zeiten hoffnungsloser Liebe, die Zeiten der Glaudenslosigkeit und Sellstverhöhnung, wenn wieder ein begonnenes Werk mißglückt, ein Ideal verloren, ein Versuch sehlgeschlagen war. Auch hier kein Ende! Aber welche von diesen Stunden möchte ich hergeben, welche ausstreichen und vergeffen? Keine, keine einzige; auch die bittersten nicht. Lieber noch einen von den frohen Tagen; es sind ohnehin, wenn ich nachrechnen will, viel mehr als böse. Donatello. Von Wilhelm B o e ck. Man öffnet da der lang, drüben c öffnet de beitem h Es ist Dos Gas $5 liegt passierbar 600 Metr abfehen I An il hängen Maschine Feiertag. Das ! 200 find Stöße vi daß man Sie e ein riefe, an der e Erbe, aus ab, was Sie i Niemand Alles hohen R Mitte be Sine eise Es if der lern: °nf den Warf. Ni lieber Spürt m Schuhfoh floppen Mn obet hier auß Serben e . Sie ! Kohle tn dlinkelschr , Ein d einer Zo wucrt ci Alle = entleeren , Oben eines Ro Kam I [6utem k I feine ®ie Musik bat aufgehört, die Kerzen im Nebenzimmer sind verlöscht. --Meine Frau kommt heraus, schaut in meinen Weinlrug und lacht, Du ^bleibst noch auf? 3a, ich will noch lesen: Ossian. Sie geht, aber ich lese keinen Osstan. Ich sitze still und fühle dre Mi- Knuten entgleiten. Ich überschaue träumend d;e hundert Erinnerungen, dre in dieser Stunde mich besucht haben. So viele Tage, so viel Abende, so viel Stunden, so viel Aächie — und alles zusammen rstnoch lange kein Viertel meines Lebens. Wo sind die andern? Wo sind die tausend Tage, die tausend Abende, die Millionen Augenblicke, an die mto) nichts mehr mahnt, die nimmer aufwachen und mich ansehen können? Vorbei, dahin, ^And^dieser^Abend?^Wo wird er bleiben? Wird er irgend einmal wieder erwachen und mir gegenwärtig sein und mich laut und sehnlich an ein vergangenes Damals mahnen? Ich glaube nicht, ich glaube, er Lird morgen oder übermorgen vergangen und tot sein und n-ewieder- kommen. Lind wenn ich heute nicht gearbeitet und mich gemuht hatte und ein kleines, kleines Stück vorwärts gekommen Ware, so sänke morgen oder übermorgen dieser ganze Tag, dies gegenwärtige Heute, rmrettbar ins Bodenlose, zu den vielen begrabenen Tagemvon denen ich nichts mehr weih. Freilich wäre es ungerecht, in einem Menschenleben nur die unvergessenen Tage zu zählen. Das stille Wachsen, das unbewußte Reisen, ebenso wie die unansehnlichen Stunden bescheidener, langsam fortschreitender Arbeit sinken unvermerkt und unbeklagt hinunter, und wo spater unser Gedächtnis nur eine Reihe blasser, irgendwie vergangener, wert- los gewordener Wochen und Monate sieht, da war vielleicht die Zeit der Empfängnis und Vorbereitung für unverlierbare Lebensguter. Aber ohne Höhepunkt und ohne unauslöschlich sich eingrabende Momente wäre doch das Leben mir undenkbar. Schon jetzt weih ich für richige Feierabende nichts Edleres und Wohltuenderes, als ein stummes Gespräch mit den Schatten aller jener Augenblicke, die, in Wohlsein oder Schmerz das alltägliche Mah überschreitend, sich als reise Fruchte schien und nun zeitlos und immer gegenwärtig meine Schatze und meine Freunde sind. Wie erst wenn ich alt sein werde? Woher anders kann lenes milde leis wärmende Glück eines schönen Alters kommen, als von einem randvoll gefüllten Gedächtnis solcher Momente? Wem es nicht gegeben ist, nut der groben einseitigen Leidenschaft eines vom Dämon berührten Schicksals blind und glühend durch ein nie rastendes Leben zu stürmen, der tut wohl daran, sich zeitig in der Kunst der Erinnerung, vielleicht der ersten aller Künste, zu üben. Die Kraft des Geniehens und die des Erinnerns sind eine von der andern abhängig. Geniehen heiht, einer Frucht ohne Rest eine Süßigkeit enipressen. Und Erinnerung heiht die Kunst, einmal Genossenes, nicht nur sesizuhalten, sondern es immer reiner auszusormen, es goldiger und tieftoniger zu machen. Jeder von uns tut das unbewußt. Er denkt an seine Kinderzeit und sieht dabei nicht mehr ein Wirrwarr von kleinen Geichehen, sondern die zur Phantasie gewordene Erinnerung spannt selig blaue Himmel über ihm aus und mischt das Andenken von tausend Schönheiten zu einem ungetrennten, mit Worten nicht zu erschöpfenden Lustgefühl. Indem so bas Rückwärtsschanen die Genüsse entfernter Tage nicht nur wiedergenieht, sondern jeden zu einem Sinnbild des Glückes, zu einem Sehnsuchtsziel und Paradies erhöht, lehrt es immer wieder neu geniehen. Wer einmal weih, wie viel Lebensgesuhl, Warme und Glanz er in eine kurze Stunde pressen kann, der wird nun auch die Gaben ,edes neuen Tages möglichst rein und restlos und unverdorben ausnehmen wollen. Und er wird auch dem Leid gerechter werden: er wird einen groben Schmerz ebenso lauter und ernst zu kosten versuchen. Denn er weih, dah auch das Andenken dunkler Tage ein schönes und heiliges Besitz- tum ist. Wählen wir zu einem kurzen Ueberblick über das Werk des Meisters einmal den Weg, die Figuren nach ihrem Lebensalter zusammenzufassen. Do beginnt de/ Zug mit einer unbändigen vielköpfigen Herde teifoge aoffener teils ftulpierter Putten, angefangen mit den fnsch-frahucyen kleinen 'Musikern von der Bekrönung des Taufbrunnen- in Sieno un ihrem größeren Bruder, dem prallen, aufgeweckten Amor des -Barjeno mit den herabhängenden Beinkleidern zu dem bacchischen . auf den Wänden der Sängerkanzel im Dommufeum, wo die kmd ch Ekstase in ihrer ganzen Harmlosigkeit und Wildheit zugleich ersafo ÜO und den musizierenden Englern des Paduaner Hochaltars die Hingebung an ihr Geschäft zeigen und mit ihren Körpern Künder ,yr- Töne geworden sind. Das Knabenalter hat Donatello in emem J«» I des Täufers im Bargello interessiert, wo der nachdenkliche Kopf und Di unentwickelten Körperformen lebhaft mit der eleganten Lassigke nahen David kontrastieren. Knaben, sind auch die merkwürdigen M°P ten tatuetten am Domportal, die frühesten Arbeiten Donatellos, wahre die gleichfalls aus Stein gehauenen kühnen Jüngling-siguren des M mordovid und des stolzen St- G-org 'M Bargello Stufen sein r s u^ Entwicklung von gotischer Linienführung zum gegliedertenAufoau Renaissance vorführen. Wie andersartig nehmen sich neben dem i scheu jungen Krieger zwei Büsten ,ugenblicher Heftiger, des Lorenzo^, der Sakristei seiner Kirche und des Täufers in Berlin aus ruhig fcheidene oder fanatisch begeisterte, jedenfalls vorwiegend seelisch ange » Naturen. Findet der Georg seine männliche Reife in der mach « Ucberwindergestalt des ©attametata, so die jugendlichen Geistesmem in den bc lität erlc Lebenshc (einem 3 Steife ist: Unter d- Jomes d biirch di« Vermöge Wesen ü dioiduelle einer Hi «Is Ehar Wir | einseitige ihres Sti iampf ai gung voi heiligen schließlich eis Mari |larren. : mutete, h Verhälini Zugestäni Außer Schöpfer liere in der Anto übertreff! nie auch gefälligen bedingte heitsdran Wnstler Die Bildhauerei der italienischen Renaissance blickt auf drei große Toskaner als die weitaus überragendsten Schöpfer ihrer monumentalen Werke. Das find in drei verschiedenen Jahrhunderten drei Meister: der jugendfrische Giovanni Pisano, der kräftige Donatello und der altersweise und gewaltige Michelangelo. Ihre Kunst ist wie mit Felsblöcken aufeinandergeschichtet; jeder steht auf den starken Schultern des andern, ohne von ihm gekannt zu sein, ohne auch den Luck nach ihm zu senken, der geradeaus in eine bewegte Weite geht. Der große Meister von Pisa, dessen bedeutendste Schöpfung im Dome seiner Stadt steht hat zuerst die Freude am Material seines Marmors empfunden, rote seit der Antike kein anderer vor ihm. Ihm ist es gelungen, in den allegorischen Gestalten seiner großen Kanzel den kalten Stein zu schillernder Blute zu bringen und den keuschen Formen seines Meißels eine weltlich berückende Sinnlichkeit mitzugeben. Michelangelo jucht sich ihrer im Streben nach höchster sittlicher Vollkommenheit und in Verachtung aller materiellen Reize wieder zu entledigen. Er hört ein schweres Geläute aus der Tiefe, das ihn zum Grübeln zwingt und ihn an fein Grab denken laßt. Er will nicht mehr die Materie erglühen lassen und schmucken, er entreißt ihr zornig das Letzte, das sie nicht hergeben will. Zwischen beiden steht D o n a t e l l o, der Mann und Kampfer; fruchtbar und vielseitig, ohne Nachgeben auf irgendeinem Felde seiner Tätigkeit, steht er als der größte Vertreter eines unendlich reichen Jahrhunderts, der sogenannten Frührenaissance, vor unfern Augen. Wie vielerlei hohe Begabungen auch diese Epoche hervorgebracht hat — nur denken nur an Mcftaccio Quercia, Botticelli —, die bahnbrechende Bedeutung Donatellos für die gesamte italienische Kunst ist von keinem dieser weniger all;eilig ausgeftatteten genialen Meister übertroffen worden . Entsprechend seiner Stellung zwischen den Altern vermischt sich in Donatello verschiedenstes Empfinden, wie es teils (einen reifen Mannesjahres zukommt, wie es aber auch noch jugendreicheren Formen, tue in feine Tage hineinragen, entspricht oder wie es das ©retjenalter tief- dringend hervorholt. Jünglingsgestalten von einem so knospenhaften Reiz, daß ihn die zartesten Romantiker der Epoche nicht mit ihren Pmsel- schöpsungen überstrahlen konnten, finden sich neben asketischen Gelehrten und wild entflammten Propheten, Krieger und Politiker neben empfindsamen Künstlergestalten, demütige und heroische Frauen neben ausge- zehrten Büßerinnen. Und um das ganze Lebensdrama ziehen urgesunde, im Tanz verschlungene Putten ihren dichten Kranz, während im Hintergründe wenige Lichter ein dunkelblaustrahlendes, schwermütiges Relief der Madonna erhellen. Ja, wollte man wirklich das ganze Figurenwerk Donatellos zu einem großartig aufregenden Lebenstheater vereinigen, es gäbe keine Figur der Lebensbühne, die sich nicht von einem feiner Helden darstellen ließe. Ausgenommen das junge Mädchen, die Gegenspielerin zu dem jungen David; doch vereinigt eigentlich der David ftlbst ihre Vorzüge und Schönheiten mit seinen männlichen Eigenschaften. Man könnte sehr wohl annehmen, daß er auch eine weibliche Rolle nut viel Grazie durchsührte. Ist auch bei weitem nicht die gesamte künstlerische Hinterlassenschaft Donatellos in feiner Vaterstadt Florenz vereinigt, so kann man doch nur dort ein Bild von seiner umfassenden Persönlichkeit in ihren tausend Verzweigungen erhalten. Im Bargello, dem heutigen Nationalmuseum, ist der große Saal seinem Werke gewidmet, in zahlreichen Kirchen und Sakristeien der Arnostadt sind Arbeiten seiner Hand, -teils in Marmor, teils in Bronze oder Ton zu finden. Sie sind alle mit kräftigen Wurzeln in der ernsten Eigenart ihrer Hüterin Florenz verankert und aus der Problematik ihres persönlichen Lebens zu verstehen. Donatellos Kunst ist in erster Linie der Heimat geweiht, auch er hat wie so viele Kinder des toskanischen Bodens keinen Versuch gemacht, sich dem Banne des tatfrohen heimischen Milieus zu entziehen. Aber er, der nicht nur dem harten Felsen des Marmors, sondern auch der zähen Sprödigkeit der Bronze und der weichen Terrakotta künstlerisch gerecht wurde, verschrieb sich, auch nicht einseitig den Bedingungen der Florentiner Art. Seine rauhe Brust liebte es auch, die dumpfere Luft Oberitaliens und ihre weicheren Düfte zu atmen, und nächst Florenz ist Padua die Erbin seines Schaffens geworden, der das mächtige Reiterbrld des Gattamelata und die Großbronzen vom Altar der Antoniuskirche verblieben. Doch hat er sich auch in der Fremde immer als Florentiner gefühlt, wie kein rechter Mann und Künstler je seine Abkunft gan$ verleugnen tann Unb am wenigsten einer, der wie Donatello, aus den tieferen Schichten des Volkes zum Bewußtsein emporgetaucht, an den Leiden und Freuden feiner Standesgenossen von einst auch noch als berühmter Künstler ehrlichen Anteil nahm, der die äußeren Interessen ferner Lebensführung vollkommen hinter die Sorge für seine Mutter, die ihm, schon 40 ahrig das Leben geschenkt hatte und als Achtzlg>ahnge bet ihm starb, zuruckstellfe. Erst nach ihrem Tode entfernte er sich 1432 auf längere Zeit von Hause ■nt einer Vtotnfahrt, auf der er mit dem grohen Architekten B r u ne l le schi zusammen die antiken Denkmäler der Papststadt studierte. Auch sein etwa zehnjähriger Aufenthalt in Padua und tue dortige Errichtung der Gießhütte fallen in die Spätzeit seines Wirkens. Aus seiner Herkunft und ihren Forderungen an den strebsamen Geist, sich zur inneren Freiheit und zum Lichte zu entwickeln, über die starren Hindernisse des gesellschaftlichen Lebens durch das Gerne zu siegen laßt ich Donatellos Schaffen zum großen Teil erklären. Er hat nicht wie Mantegna feiner Persönlichkeit durch ein unerbittlich ehrgeiziges Streben Geltung verschafft, noch wie B o t t i c e l l i sich Zuneigung und Gunst der Welt durch ein versonnenes und einschmeichelndes Wesen erworben, bei ihm ist alles klar und ehrlich, ohne Zagen und Ungestüm, aber von einer Festigkeit, die allemal Erfolg verheißt. Ebenso starke Naturen sind auch die Menschen seiner Schöpfung, ihr Wachstum fest und stetig, sie sind alles eher als künstliche Gebilde, sondern in Empfindung und Stil durchaus naturverwandt. Ihre großartige Ursprünglichkeit und Reinheit hat nichts mit Höfischkeit und künstlerischem Raffinement zu tun rote! es balb in die italienische Renaissancewelt eindrang. Die formen- und sittenstrenge Generation der Bahnbrecher, zu der Donatello gehörte mußte noch u hart mit der Materie ringen, um in der künstlerischen Beschäftigung ein scbünes Spiel der Phantasie sehen zu können. Doch ging auch ihre Seh - sucht wie die alles Künstlertums vom grausamen Ringen zum wünsch? losen Besitz. Und auch der nur auf das Hohe und Ernste gerüstete Sinn Donatellos flog gar manchmal aus dem vom Arbeitsform erfüllten Atelier zu den ungetrübten Festen ewig heiterer Menschen. Dieser elemeu- fore Drang zu Schönheit und Lust spricht deutlich aus einem Te.l einer insbesondere jugendlichen, Figuren. Ja, der schon erwähnte David hat n diesem Sinn etwas geradezu Ergreifendes, wenn man mit ihm etwa d zumeist düsteren Apostelgestalten der Sakristeitur von S. Lorenzo ver en id- gc. de, erlief erk en, ner en- lbst lan viel sche so iteit gen ahl- rnd, mit Der« hen. wie dem nicht gkeit ver- Art. ihre irbin data ) Hot achter > am altes einer lichen voll« , das teilte. Hause nel - Auch htung Geist, tarren , läßt t wie treben ist der n, bei einer > auch e sind durch- it hat s bald trenge och zu ng ein Sehn- mnsch- richtete füllten lemen- ,einer, hat in ma die ,o oer« teisters rsassen. ils ge- ihlichen ta und argello treiben indliche aßt ist, mmene r ihrer Relies and die eit des ßropfje« ,ährend 5 War- frühe» iau der ; elast'- enzo i» hig be° n gelegte üchüge" rensche» fcen bedachtsamen S)eiligen des Paduaner Altars. Ein« besondere Inten- erlangt feine Darstellung prophetischer Charaktere jenseits der g-benshöhe aber voll brennenden Geistes. Sie treten schon früher in i-inem Werk auf, das allerdings in seiner Gesamtheit ein Werk der Life ist; denn erst als 26jähriger tritt Donatello mit Bedeutung heroor. Inter den Propheten, die in hoher Ausstellung am Glockenturm des Domes dem Blick schlecht zugänglich sind, befinden sich Derschiedene, die LÄ die porträtmähige Unmittelbarkeit der Erscheinung das besonders Vermögen des Meisters zur Bildnisplastik verraten, wie fein ganzes Men überhaupt, etwa im Gegensatz zu M a s a c c i o, mehr zum Individuellen als zum Typischen hinneigte. Ein überragendes Tonportrat seiner Hand, der Niceolo da Uzzano des Bargello, trägt seinen Ruhm Charakterbildner allein in alle Zukunft. Wir sprachen schon davon, daß der Frau im Werke Donatellos eine einfeitige Bedeutung zufällt. Sie taucht als blühende Jungfrau, die um Ues Streiters Leben zittert, in dem frühen Relief mit Georgs Drachen- foinpf auf, verwandelt sich für kurze Zeit in die Maria der Verkiindi- ,nng von S. Croce zum erwartungsvollen jungen Weibe, um mft der «eiligen des Londoner Museums in dunkles Sinnen zu geraten, um Mehlich als Judith zu furchtbarer heldischer Tat heranzuwachsen und Jls Maria Magdalena bei lebendigem Leibe zu vertrocknen und zu er- (tarren. Der erbarmungslose Ernst, den Donatello diesen Gestalten zu- inutete, hastet auch seinen zahlreichen Madonnenreliefs an, in denen das Verhältnis zwischen Mutter und Kind schlicht und erdnahe, doch ohne Zugeständnis an die Lieblichkeit der Szene gestaltet ist. Außer als Deuter der menschlichen Gestalt war Donatello groß als Schöpfer ornamentaler Architekturformen wie als Bildner symbolischer liere im Wappenlöwen von Florenz und den Evangelistensymbolen der Antoniuskirche. Eine Betrachtung für sich erforderte seine schier unübertreffliche Begabung als dramatischer Regisseur. In dieser Eigenschaft mie auch in feiner Einzelsorm unterscheidet er sich weltenfern von den «{fälligen Arrangements feines Konkurrenten Ghiberti. Seine un- bebingte Wahrheitstreue im Verein mit einem sicher beherrschten Schön- beitsbrang und fundamentalen plastischen Empfinden ließ ihn zu einem Sünftter werden, der allen Zeiten, auch der unseren, gehört. Oie Geburt des Gases. 200 Mann auf 200 Morgen. Von Heinz Medefind. Man sollte glauben, es sei Sonntag. Der Portier hat zwar Dienst. Er öffnet das Tor für den Wagen. Aber der nächste Mensch, den man aus der langen Hosstraße trifft, ist der Portier am anderen Ausgang. Und drüben am Tegeler See, nach einer Fahrt von anderthalb Kilometern öffnet der dritte Pförtner den Eingang zum Kohlenschuppen Von Arbeitern hat man nichts gesehen. Siegt das Werk still? Es ist neblig. Oben bei den Kränen erblickt man nicht viel vom See. Das Gaswerk Tegel hat sich von ihm seinen eigenen Hasen abgetrennt. Ls liegt kein Kahn darin. Irgendwo in Spandau soll eine Schleuse nicht passierbar sein. Die Kohlenzufuhr stockt. Was macht es? Der Speicher ist 600 Meter lang und 50 Meter breit. Er ist so groß, daß man ihn nicht absehen kann; er ist mit Nebel angefüllt. Sein Inhalt reicht für Monate. An ihm entlang ziehen sich zwei Seile. Hoch in der Lust. Karren hängen daran. Sie laufen plötzlich langsam aneinander vorbei. Das Maschinenhaus tausend Meter weiter braucht Kohlen. Also doch kein ifciertag. Das Werk hat fast 600 Arbeiter. Sie sind auf drei Schichten verteilt. 200 sind immer da. Aber sie sind über eine Fläche von 200 Morgen Troße verstreut. Auf jeden Morgen ein einziger Mann — kein Wunder, daß man niemanden sieht. Die ersten begegneten uns im Kreuzgang unter dem Speicher. Wie ein riesenhafter Klösterkeller mit Rundgewölben. Das schwäche Licht fallt an der einen Seite herein und wirft die Schatten der Pfeiler auf die Erbe, auf die Geleise der Lorenbahn. Hier unten zapft man dem Speicher ab, was man gebraucht; — die Kohle. Sie rollt am Drahtseil über die Straße hinüber zum Ofenhaus. Niemand auf dem Hof. Und im Hause? — Niemand. Alles ist still. Die eigenen Worte klingen überlaut in dem langen hohen Raum. An den Wänden: Rohre. Weite und enge. Und in der Mitte des Riesenbaues: die Oesen. Fast bis zum Dach ragen sie hinaus. Eine eiserne Tür liegt neben der anderen in Brusthöhe. Es ist nicht heiß im Ofenhaus. Man spürt kaum einen Unterschied der Temperatur, wenn man von draußen hereinkommt. Oben ^allerdings, ms den Oefen, schlägt einem warme Luft entgegen. Es riecht ein wenig Mrs. Nach Teer. Es soll gesund fein für die Lungen. lieber Eisentreppen stieg man heraus. Aus Eisenplatten steht man. Spürt man etwas von der Glut, die unter ihnen sein muß, durch die Schuhsohlen? — Nichts. Nur wenn man näher an die Reihe der Eisen- tkppen herantritt, die in Abständen von einigen Dezimetern die Oefen von oben verschließen, merkt man die Hiße. 1200 Grad sind drinnen, vier außen über ihnen vielleicht 30 bis 40. Wenn man ganz nahe kommt, M:rden es mehr sein. Man kann es nicht schätzen. . Die Oefen innen sind in Glut. Es vollzieht sich ein Prozeß dann. We wird ausgeglüht. Nachher ist sie nur noch Koks. Sie hat ihren Mkelschwarzen Glanz verloren und mit ihm — das Gas. - Bin chemischer Prozeß, der durch die Glut sich selbst erledigt. Nach °>»er Zahl von Stunden ist er vollzogen. Genau einen halben Tag bauert er hier. „ , „ Alls zwölf Stunden kommen die Arbeiter. Sie öffnen die Oefen. Sie Meeren sie. Sie beschicken sie. Das ist die Arbeit. Sie ist nicht leicht. . Dbsn stehen zwei mit langen Stangen. Einer reiht den Verschluß Esnes Rohres auf, das zwei Meter von der Eisenklappe entfernt ift, die j । Kammer oben verschließt. Ausströmendes Gas entzündet sich mit I ?ulem Knall am Sauerstoff der Luft. Die Glut beleuchtet den Mann, Mnc Arbeit tut. Der andere öffnet die Tür der Kammer. Hohe gelbrote Flammen, schlagen heraus, züngeln durch die Luft. Unten im Hause hört man ein Poltern. Man hat die Rückseite des Ofens aufgerifien. Ein Kran hakte unter ein Gewicht, das diese hintere Tür verschließen half. Die glühende Masse drängt heraus, fällt mit Getöse in einen der Steinbunter. Ein hoher, breiter Wagen, auf dem der Kran steht, schiebt sich auf Längsschienen über die Glut, verdeckt sie. Im gleichen Augenblick zischt eine Brause unter dem Wagen. Dicker Dampf bringt von unten herauf und schwebt durch das Gestänge des offenen Daches in die Luft. — Unhaltbare Kalorien — verlorene Kraft. Und gegenüber, vor den Oefen, stehen wieder zwei. Auch sie öffnen eine Tür. Auch sie sind von der Glut beleuchet. Auch sie bedienen einen Wagen, der auf Schienen von einer Kammer zur anderen fährt. Elektrische Kraft drückt einen Stempel in den Ofen hinein und schiebt den glühenden Koks vor sich her — nach hinten. So bleibt kein Rest. Die Kammer ist leer. Oben wird sie neu gefüllt. Auch hier ein Wagen auf Laufschienen. Donnernd fallen die Kohlen durch die schmale Deffnung. 4, 3 Tonnen. Sie brennen, kaum daß sie die glühenden Schamottwände berührt haben. Dicker beißender Qualm bringt hoch, erfüllt bie Lust, berußt die Arbeiter. So wird Rohr auf Rohr aufgerissen. So ertönt ein Knall nach dem anderen, dröhnt die glühende Masse in die Bunker, zischt der Dampf, rattert die Stoßmaschine, züngeln die Flammen durch die offenen Deckel. So leert und füllt man Kammer auf Kammer. — Eine schwere Arbeit. Sie dauert für eine Abteilung eine Stunde. Und eine Stunde später ist die nächste Osenreihe „reif". So geht es Tag für Tag, Nacht für Nacht. — Es ist kein Feiertag — es gibt keinen Feiertag. Zahllose Rohre sind mit heißem Gas gefüllt. Sie laufen zusammen In einen dicken Hauptkanal. Hunderte von Metern führt dieser bas Rohprodukt weiter. Es wird gesaugt und slieht durch Kübel und durch Kessel. Es wirb gekühlt und gewaschen. Teer und Ammoniakwasser losen sich, Naphthalin und Zyan fallen ab. Ein langer Weg, der den letzten Rest von überflüssigen Stoffen ausscheiden läßt. Zuletzt den Schwefel. Diesen in trockenem Prozeß. Eine rote Erde (Fachausdruck: Raseneisenerz) in riesigen Kästen, die in der Erde liegen, in vier Etagen über« einandergeschichtet, entzieht den Schwefel. Bis sie grau und grün wirb. Bis sie reif wirb für bie Schwefelsäure-Fabrik. Das Gas fließt in bie Gasometer. Von hier in die Stabt, durch bie Straßen, in die Häuser. Die „Abfallprodukte" aber werden weiter verarbeitet. In Tegel, in einer Ecke der 200 Morgen, steht die Schwefelsäure-Fabrik. Ein Haus aus rotem Stein, mit roten Fenstern. Ein Haus, das auch innen in jedem Winkel rot verstaubt, ist: Raseneisenerz. Grau und grün kommt es hinein. Dunkelrot verläßt es den Ofen. An einem runden hohen Zylinder ist eine Galerie. Daraus steht ein Mann. Alles an ihm ist rotverstaubt, die Kleider, bie Mütze, das Gesicht, die Hände. Ob seine Lungen ebenso aussehen? Er spürt nichts mehr von dem Hustenreiz, der uns befällt, als wir das Haus betreten. Eine schweflige, kratzende Luft. Hinter den Oefen ein riesenhaftes Bassin aus Bleiplatten — von der Erde bis unters Dach. Kein Stück Eisen würde sich hier halten. Die Säure würde es zersressen. Und weiter geht der Prozeß. Die rote Erde geht zurück, ins Gaswerk. Die Schwefelsäure fließt hinüber zur Ammoniak-Fabrik — fünfzig Meter entfernt. Ein neuer Vorgang. Ammoniakwasser und Schwefelsäure, auf chemischem Wege vereinigt, ergeben schwefelsaures Ammoniak, hochwertigen Stickstoffdünger. Zentrifugen rühren einen weißen Brei. Hohe Zylinder stehen da. Treppen, Geländer, Menschen — alles weiß verstaubt. Das Ofenhaus der Gasanstalt ist ein Salon gegen diese Fabrik. Ein neuer Geruch macht sich bemerkbar: Ammoniak. Auch er reizt die Atmungsorgane. Man spürt ihn noch Stunden später. 200'Mann auf 200 Morgen. Man sieht nur selten einen. Hier und da bei den Maschinen, bei den Oefen, im Kohlenspeicher, vor den Koksbergen. Drei Fabriken auf einem Riesengelände. Sie arbeiten mit einem Minimum von Personal. Ihre Arbeit ist ein chemischer Prozeß. Er erledigt sich von selbst. Man sollte glauben, es sei Sonntag. Dunkle Blätter. Aus dem Taschenbuch eines deutschen Ingenieurs. Von Max E y t h. (Fortsetzung.) „Ist es nicht eine Nacht wie geschaffen für unsre Märchen?" sagte Halim endlich, bie heiße Kaffeetasse an ben Mund führend. „Aber Sie haben keine Schoara* und namentlich keine Scheherezade. Man muß bas von Kinicheit an kennen. Sie entbehren Diel, bie armen Leute Ihres Westens." „Die ganze Welt scheint mir heute ein Märchen", sagte ich und überließ mich ungeniert der eigenen Träumerei. Ich wußte, daß Halim dies ganz in der Ordnung sand. , , . m _ .Märchen erzähle ich nicht", begann er wieder nach einer Pause. „Das ist Frauenweise. Aber was bas Schicksal um uns wirkt und webt, klingt oft ganz wie ein Märchen. Das können sich auch Männer erzählen; oollenbs in der Nacht des Verhängnisses. — Wie, Rames, wir sind boch nicht zu El Dogan gekommen!" „Weiß ich, was ich erzählen barf?" murrte Raines. „Er traut Ihnen nicht", lachte Halim. „Schabe, bah Sie ein Ungläubiger sinb, Herr Eyth", fuhr er halb im Scherz, halb im Ernste fort. Sie oerbienten, Allah, ben Einzigen, mit uns zu greifen. Manchmal, in Paris, in Wien, selbst in Kairo stecken Sie mich an mit Ihrem Räsonieren mit Ihrem sogenannten Denken. Hier, zwischen Wüste unb Meer wird es uns wieder klar: Es ist nur ein Gott, Herr Eyth! * Die zünftigen Geschichten- unb Romanerzähler in Aegypten heihen i Schoara, Schoer im Singularis. „Sicherlich", sagte ich mit Ueberzeugung: denn auch ich fühlt« Wüste Und Meer und darüber den Sternenhimmel in seiner unergründlichen Unendlichkeit, in ihrer allumfassenden Einheit. „Ah, diese Christen! Vor einer Woche noch suchten Sie mir die drei zu erklären, die ihr anbetet", rief Halim. „Wann wollt ihr denken, wie Allah den Menschen denken lehrte? Der Allgütige verlangt das Unmögliche nicht von seinen Kindern." Ich schwieg. Was konnte ich diesem mohammedanischen Rationalisten sagen, wenn er in seiner frommen Stimmung war? Die Nacht war nicht lang genug für eine Antwort. Aber das ferne Allahu der Derwische fing an, mir wirklich etwas bange zu machen. „El Dogan, Rames!" rief Halim. „Ich will nicht, daß wir vor Mitternacht einschlafen. — Ah so, du willst nicht. Gut, ich helfe dir. Ich erzähle Ihnen, was ich nicht jedem erzähle, Herr Eyth. Ich weiß. Sie werden nicht ausschwatzen, was Toren nicht hören können." Er gab das leere Kaffeeschälchen zurück, winkte den Mamelucken, sich zu entfernen, rückte seine Polster zurecht und legte sich behaglich zurück. Das Allahrufen und Händeklatschen hatte plötzlich aufgehört; das Bellen der Hunde kam nur noch von Zeit zu Zeit, wie aus weiter Ferne. Ein silberner Schimmer lag über der stiller werdenden Nacht um uns her. Wir waren allein. „Sie wissen", begann Halim, langsam und leise sprechend, „mein Vater war einer der Großen der Erde. Man kommt nicht aus einem albanesischen Städtchen und bringt den Thron der Kalifen ins Wanken, ohne zu den Großen der Erde zu gehören. Ihre Bücher und Zeitungen im Westen mögen schwatzen! Er war ein Mann der Tat, den Allah zur Größe geschaffen hatte. So hatte er auch Kinder wie nur ein Großer. Ich habe vierundachtzig Brüder und Schwestern gehabt. Was sagen Sie dazu? — „Nun wissen Sie", fuhr er fort, als ich weislich keine Bemerkung zu dieser Seite der Größe Mohammed Alis macht«, „es sagt der Koran, oder wenigstens unsre Ulemas, die den Koran je nach Bedarf erklären, sagen es, daß stets der Aelteste des Stammes einer Familie Haupt und Herrscher sein soll. Dies wurde auch in den Verträgen festgesetzt, welche im Jahre 1293, pardon, im Jahre 1840! — der Familie meines Vaters die Erbfolge in Aegypten sicherten. So wurde mein Neffe Abhas, der Sohn meines Bruders Tuffun, vor fünfzehn Jahren Vizekönig von Aegypten als erster Thronfolger nach dem Tode Mohammed Alis — Allah fei ihm gnädig! — und nach der Regentschaft des ältesten unsrer Brüder, Ibrahims — Allah sei auch ihm gnädig, er hat es nötig! — Abbas war ein wunderlicher Mann. Oft war ich selbst versucht, die Geschichte des Rames Beys Afrit für Wahrheit zu halten. Er war ein gutgr Moslim in seiner Art, glaubte an Gott und den Propheten, an Zauberei und allen Unsinn, den ihm die Derwische vorschwatzten. Täglich verrichtete er. seine Gebete wie der Beste von uns und haßte euch Herren aus dem Westen und alles, was mein Vater in euerm Geiste geschaffen hatte, wie Gift. Fort damit! war sein erster und letzter Gedanke; zurück in die Welt, aus der wir stammen, in die große Vergangenheit mit ihren Kalifen und Sultanen, ihrer Pracht und ihrer Gewalt, ihren Teufeln und ihrem Gott. Das war ein großer Gedanke, wenn Sie auch anders denken mögen, und er packte ihn manchmal mächtig. Dann trieften feine Hände von Blut. Dann jubelte der Afrit in ihm. — Aber er war ein kleiner Mann. — Nun find eine Menge meiner Brüder früh gestorben — die Schwestern zählten wir kaum —, so daß zu seiner Zeit nur noch fünf übrig waren, fünf und deren Familien. Said war der älteste, ich der jüngste. Dazwischen kamen Ismael, der Vizekönig von heute, und Mustapha Fasil. Sie sind älter als ich, obgleich Enkel meines Vaters, Söhne Ibrahims*. Ich vergess« Achmed, meinen älteren Bruder, der vor sechs Jahren im Nil ertrank. Doch wer denkt an all die Toten, obgleich Sie, Herr Eyth, damals um ein Haar die Möglichkeit verloren hätten, mein Baschmahandi zu werden. Denn auch ich zappelte mit ihm und der halben Familie meines Vaters im Wasser, bei Kassr-Seyat. Gott weiß, wer uns hineinwarf. Es geschah per Dampf, in einem Eisenbahnwagen. Auch das ist eine Geschichte, die niemand besser erzählen könnte als Rames Bey. — Heda! Schläfst du?" „Nein", sagte Rames Bey trocken. „Aber ich denke daran, wie wir uns damals schwimmen lehrten, o Pascha!" „Das ist das Unglück jenes alten Gebots, das uns Gott in seinem Zorn gegeben hat", fuhr Halim fort, nachdem er, wie von einer plötzlichen Gefühlswallung ergriffen, dem Tfcherkeffen stumm die Hand gegeben hatte, * Es wird zum Verständnis des Folgenden nützlich sein, den Stammbaum der Familie Mohammed Alis mitzuteilen. Die mit Ziffern Bezeichneten find die zur Herrschaft gelangten Vizekönige Aegyptens, die Jahreszahlen geben Anfang und Ende ihrer Regierungszeit an. 1. Mohammed Ali. 1805?—1848. 2. Jbrahim. Tuffun. Achmed. 4.Said. Zohra(Tochter). Halim. 1848—1849. | 1854—1863. 3. Abbas. 1849—1854. Jl Hami. 5. Ismael. Mustapha Fasil. 1863—1879. 6. Tiufik. 8. Hussein Kiamil. 9. Ahmed Fuad. 1879—1891. 1914—1917. seit 1918 (seit 1922 König Fuad). 7. Abbas Hilmi. 1891—1914. die dieser feierlich küßte. „Jeder, dem der Himmel einen Sohn scheust möchte dem Jungen hinterlassen, was er selbst war und besaß. Das «i Menschenart. Keiner liebt die Brüder, die diesem Wunsch im Wege stehi! und wenn Kinder und Enkel an die Reihe kommen, so wird Neid und Haß mit ihnen geboren. Dann schreitet der Engel des Schicksals durch unser Haus und tötet rechts und links. Das ist in Kairo wie in Stambul in Tunis wie in Bagdad. Ein hartes Los für die Großen unfers bens. Aber es ist Allahs Gebot. Uns geziemt es, dem Allgütigen » vertrauen. Abbas war wie alle. Kaum war Ibrahim tot und unser alter Vater dessen Seele schon zuvor zu seinem Schöpfer zurückgekehrt war, ehe feilt Leib starb, meinem ältesten Bruder gefolgt, so haßte und fürchtete er uns wie das Unglück. Er hatte nur ein kostbares Söhnchen, Jl Hami, der kränklich und fast so sanft war wie fein Großvater Tuffun. Die Natur spielt wunderlich mit unferm Geiste. Er liebte das Kind wie ein Panther sein Junges. Said und ich mußten auf den Zehen gehen, um den Asrii in ihm nicht zu wecken. Wir waren umringt von Spionen und bewach! wie Hälbgesangene. Doch hatte ich wenigstens in Schubra Ruhe, wo ich schon damals mit meiner Mutter wohnte. Er fürchtete ihre stummen Blicke. Said lebte meist in Alexandrien, seitdem er Marineminister geroot. den war. Es war kein sorgenvolles Amt, da unsre kleine Flotte in den letzten Kriegen des Vaters vernichtet worden war. Wir liebten uns, Said und ich, denn es schwebte eine gemeinsame Gefahr über unfern Köpfen. Jeder Tag konnte uns zerschmettern. Aber auch Abbas lag nicht auf Rosen. Zuerst schasste er ab, was der Vater Gutes aus Europa gebracht hatte: Schulen, Gerichte, Militär- einrichtungen. Das wurde alles wieder in das alte Bett geleitet. Ä« Ulemas, die Derwische und die Fakire waren sehr zufrieden. Sie umgab« ihn mit einer Leibwache und rühmten feine Frömmigkeit. Er baute fein« Palast, die Abbasiye, wie eine Festung und brachte dort sein großes Harim unter; dann schuf er den Palast Bahr el Beda in der Wüste bei Suez; dort wimmelte es von Affen und Papageien, mit denen er platt, derte, wenn sich kein Mensch mehr vor ihm sehen ließ. Ein dritter Palas! entstand in Benha am Nil, wo er seine Pferde hielt und eine Herde » Giraffen. Er war ein unbegreiflicher Mann, wunderlich wie ein einsame! Tier, das niemand versteht; manchmal ein Tiger mit blutigen Krall«, manchmal eine zitternde Hyäne, die sich vor einer Papierlaterne versteckt Am meisten machte ihm meine Schwester bange: Zohra Pascha. Sie haßte ihn, wie Frauen hassen. Wallah, er hatte es um sie verdient, uni) sie war nicht umsonst die Tochter seines Großvaters. Noch zu unser! Vaters Zeiten hatte er sie gezwungen, den Defterdar Achmed Bey jit heiraten. Da waren ein Löwe und eine Löwin zusammengekuppelt, uil solange die beiden an einer Kette zerrten, fühlte sich Abbas beruhigt. Als aber der Defterdar starb und die Witwe nach Kairo zurückkehrte, brat) der Streit aufs neue aus, blutdürstig, gifttriefend. Ich weiß nicht, ms Sie von ihr gehört haben. Die Basars wissen mehr Lügen als wir. Es , gelang Abbas, den Vater gegen sie aufzubringen, so daß er die Fenster und Tore ihres Harirns zumauern und nur ein einziges Türchen offen ließ, vor dem Tag und Nacht eine Wache stand. Aber was find Woche« und vermauerte Fenster gegen die Lift der Frauen? Schon im ersten Ähr der Regierung ihres Neffen Abbas gelang es ihr zu entfliehen. Said, der sie besser kannte als ich und den sie liebte, denn sie liebte große blonde Männer, behauptete, Abbas habe sie entfliehen lassen. Ihre Nähe wat Todesangst für ihn, und er wagte nicht, sie zu töten. Vor der Tochler feines Großvaters macht« er halt, Gott weiß aus welchen Gründen. Sie floh nach Stambul und kaufte einen Palast am Bosporus. Es mir fein Schicksal. Mit jedem Jahr wurde es schlimmer für uns alle, auch für das ßrt das er ausfaugte wie ein Guhl. Das hatte der Vater wohl auch getan, aber er suchte es gleichzeitig mit all seinen Kräften zu befruchten und p heben; hierzu brauchte er Geld. Abbas brauchte es für feine Frauen, für feine Papageien und Giraffen. Daneben wuchs der kleine Jl Hami her« und mit ihm die Angst vor den Onkeln und Brüdern und Vettern und der sehnliche Wunsch, allein in der Welt zu sein mit dem Jungen. Wir sahen es kommen, Schritt für Schritt, und Zohra mit ihren Fallw- äugen im fernen Stambul sah es deutlicher als wir. Sie warnte Seid Sie suchte ihn zu einer kühnen Tat aufzustacheln. Aber Said war gutmütig und träge, und solange ihm niemand wehe tat, lief er feinen Schiffen nach, wenn Ebbe in feiner Kasse mar, und ging nach Poris, wenn er Geld halte. Für mich wachte meine Mutter; aber auch sie fing«» zu zittern. Wir sahen 2lbbas fast nie mehr. Er war bald hier, bald dort, Woche» lang wie begraben bei seinen Frauen und seinen Papageien. Der Obe# der Ulemas der Moschee el Azhar, welcher Jl Hami erziehen sollte, uiw Elfy Bey, der Gouverneur von Kairo, der zugleich Kriegsminister tM waren die einzigen, durch die er mit der Außenwelt verkehrte. Da,P Frühjahr 1854, stiegen Gerüchte auf wie Nebel in den Sümpfen » Burlosfees. Man flüsterte in den Basars, in den Bädern, in den Janins, daß der Pascha ein großes Morden beschlossen habe. Alle GlöubW» sollten aufstehen und die Europäer des Landes in einer Nacht erfcW11, Das war der heilige Plan der Ulemas, und dafür sollte der Pasch« ", , Lohn des Himmels erhalten. Denn in derselben Nacht sollten auch f6 7" i Brüder und seiner Brüder Kinder für immer verschwinden, so daß M- - manb mehr dem kleinen Jl Hami im Wege gestanden hätte. Hatte w der groß« Mohammed Ali vierzig Jahre zuvor mit dem ganzen I luckenadel das gleiche getan? Und Europa? .Hatte nicht Mohammed _ j zwanzig Jahre lang ganz Europa getrotzt? War dies nicht wieder n> i, lieh, o ihr Kleingläubigen', fügten die Schriftgelehrten der Moscow Azhar, ,wenn Gottes Segen auf dem großen Werk ruht?' Meine K : wußte von dem Plan. Sie lag tagelang auf den Knien und betete» | Gott um Rettung. Aber sie fah keine. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Gieo»»-