SietzenerKmilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang $930 Montag, den 6. Januar Nummer 2 Oie drei Könige. Von Peter Cornelius. Drei Könige wandern aus Mohrenland, Ein Sternlein führt sie zum Jordanstrand. In Juda fragen und forschen die drei. Wo der neugeborene König sei. Sie wollen Weihrauch, Myrrhen und Gold Zum Opfer weihen dem Kindlein hold. Und hell erglänzet des Sternes Schein, Zum Stalle gehen die Könige ein. Das Kindlein schauen sie wonniglich. Anbetend neigen die Könige sich. Sie bringen Weihrauch, Myrrhen und Gold Zum Opfer dar dem Kindlein hold. O Menschenkind, halt treulich Schritt, Die Könige wandern, o wandre mit! Der Stern des Friedens, der Gnade Stern, Erhelle dein Ziel, wenn du suchst den Herrn; Und fehlen dir Weihrauch, Myrrhen und Gold, Schenke dein Herz dem Kindlein hold. Oie Flucht. Von A. M. Frey. Wie stets lief das Gürteltier auf dem Tisch der Kasse umher. Dorthin pflegte es von dem Schaubudenbesitzer gesetzt zu werden, zwecks Anlockung von Publikum. Cs war brotlaibgroß — ein grauer Brotlaib, unter dessen Wölbung die Füßchen verschwanden. In einem weichen Trott war es andauernd auf der kleinen Fläche unterwegs, lautlos wallend, als rolle es auf ungleichen Rädchen dahin. Die schmiegsamen Gürtel seines Panzers umbogen den ganzen Körper wie eine gebuckelte Schabracke aus Blech. Neben ihm saß wie immer sein Feind, der Affe, nicht weniger für die Leute dort ausgestellt. Ganz am Rande der Holzplatte hockte er; dennoch gab es immerfort Differenzen, denn das Gürteltier in seinem rol- lenden Trott rundum stieß alle fünf Sekunden mit der stumpfen harten Schnauze dem Assen in die Weichen, verfing sich dort förmlich. Der Affe mußte zupacken und den lästigen Trappler in freie Bahn schieben — wie Kinder einem abschnurrenden Spielzeug, das sich verlaufen hat, neue Richtung geben. War der Affe besonders reizbar, oder das Gürteltier besonders emsig heute? Während der Besitzer der Bude drohend über die Menge hin durch sein Sprachrohr schrie, gleich werde innen der Ringkampf des Eisbären mit der Negerin Jaffiga gezeigt, und feine Gattin auf die Tafel, die den Eintrittspreis von zehn Pfennigen bekanntgab, mit einem Stöckchen los- peitschte, daß die Kreide wegstob — geschah das Unerwartete. Der Affe packte den Quälgeist an den Rändern seiner Panzerschale und warf ihn hinunter vom Tisch. Nach einem Gekoller steile Stufen abwärts, die es eingekugelt hinter sich brachte, stand das Gürteltier gleich wieder auf seinen verdeckten Füßen und begann leise schaukelnd zu traben. Die Gasser waren zurückgeprallt — nun stoben sie ganz auseinander. Wer kannte den harmlosen Insektenfresser und wußte, daß er lächerlich schwach im Gebiß war? Niemand. Sie alle wollten nur die Sensation des reißenden Tieres und suchten sie auch dort wo sie nicht war. Wie, einer Bestie sollte man vertrauen, die vielleicht den Menschenfresser zum Landsmann hat? — Die Frauen kreischten und stolperten über den Schrecken, der für sie im nächsten Kiesel saß. Die Männer hoben ihre Prügel in die Luft und die Waden zum Tritt. Der Besitzer, indes die Gattin den fletschenden Affen mit dem Stöckchen traktierte, stürzte seinem Gürteltier nach — aber wo war es? In dem Raum, den man ihm bereiwilligst geschaffen hatte, hielt es sich nicht mehr auf. Hockte es hinter dem Treppchen? Sein Eigentümer kroch dorthin, ohne etwas zu finden. Grau war es über den grauen Boden der abendlichen Dämmerung geglitten, leise schaukelnd — ein so dahinrutschender Buckel — wer hatte es richtig laufen sehen und in welcher Richtung? Keiner. Alle waren nur selbst gelaufen. Zucken der Schultern derer, die vom verlustreichen Besitzer ausgefragt wurden. Die Stöcke senkten, die Waden entspannten sich. „Zwischen meinen Beinen ist es durch!" rief eine Frau; aber sie stand so weit hinten, daß die meisten nur lächelten. Denn dies schien unglaublich. Trotzdem verbreitete sich der Sinn ihres Ausrufes: unter denen bte nichts mit angesehen und bisher nichts gehört hatten. Das Gürteltier pflanzte sich fort. — Ein Vieh ist ausgekommen! — Was für eins? — Aus der Urwaldschau! — Etwas Giftiges? — Möglich! Wo ist denn bte Polizei? — Die Feuerwehr soll kommen, ran an ben nächsten Hydranten, mit Wasser gebt man am besten gegen Raubtiere vor! Kein Rüsseltierk Ein Gürteltier! Ein — was ist denn das? — Nichts Genaues; Obachtt Obacht! Mütter brachten schon ihre Kinder in Sicherheit; sie rannten schon über den weiten Platz und zerrten die Brut hinter sich her; brüllende Bündel, die halb am Boden schleiften. Zur nächsten Trambahnhaltestellek Aber die Tram konnte gar nicht fahren, ihrer so viele klumpten sich boti gestikulierend. Was taten die, die mutiger waren und zwischen den Buden verblieben oder in ihnen saßen? Sie bewegten sich auf Zehenspitzen, einmal um höher zu sein, zweitens um nicht auf das Gürteltier zu treten und sie suchten mit den Augen den Boden ab. Ein Kundiger lehrte, falls es sich um das Riesengürteltier handele, man mit einer Bestie von Schweinsgröße zu rechnen habe. In einem der palastartigen Zelte, darin viel Bier getrunken ward, entstand große Bewegung, weil jemand brüllend den Flüchtling unter der Bank entdeckte. Man stieg hurtig auf die Tische. Der Sturmwind der Musik legt« sich; nut’ eine Flöte säuselte noch. Was aber dort unten sich Herumtrieb, war nichts anderes, als der weggeglittene Wollschal, jener, die so heftig um ihr Leben schrie. Hierauf setzte man sich wieder und trank erleichtert und großzügig weiter. Man fühlte sich der Gefahren ziemlich ledig; das Gurtek- trer war gewissermaßen da gewesen und hatte alle verschont. Nun tauchte es an anderen Stellen auf — nur, daß man es nicht unmittelbar sah. Ein Herr wußte zu berichten, es sei dort an der Ecke bei Fischerfranz bereits von zehn Minuten in offene Kohlenglut gerannt — ja dort wo die Hechte an den Holzspießen rösten. Wie ein Insekt sei es verblendet ins Wasser geschossen, umgekommen und — freiwillig sozusagen — gebacken worden. Wie man weiß, sei es sehr schmackhaft- Schon werde sein butterweiches Fleisch aus eigener Schale von Feinschmeckern gelöffelt. Aber, als einige liefen, um auch noch mitzumachen, fanden sie nichts mehr vor, nicht einmal die leere Hülse; die mußte der letzte Esser mitgenommen haben. Der Fischerfranz aber verkaufte ihnen zwinkernden Auges — die Kohlenglut beizte — seine Hechte und meinte, die seien und blieben denn doch das Beste. Weniger gute Geschäfte, als der Fischer machten die Schaubudenbe- sitzer. Niemand mehr hatte recht Lust auf Exotisches — nachdem das Exotische zwischen ihnen frei umhergeisterte. Bot der ganze Wiesenplan, in Dunkel nun gehüllt, in ein von Lichtern verwirrend dnrchtupftes Dunkel, mit seinem verschwundenen, dennoch vorhandenen Gürteltier nicht mehr Ueberraschungen als irgendwelches Budeninnere? Sie mußten nur ausbrechen die Ueberraschungen — sie konnten es jeden Augenblick! Sie taten es nicht. Das nötige Objekt war längst an seinem Ziel angelangt. Aber keiner wußte das. Auch der verlustreiche Besitzer nicht, der grollend seine Lampen löschte, da wahrhaftig keine Katz mehr zu ihm kam, sondern jeder einen Bogen machte, wie um den heißen Brei. Er ließ die Leinwand über den Eingang herabgleiten, die der Jungfrau Untergang in Gorillas Armen darstellte, feuerte den verbrecherischen Affen, der an allem schuld war in einen Hcuwinkel und begab sich in den Heuwagen. Zur gleichen Stunde begab sich das Gürteltier in seinen kleinen Käfig. In einen ehemaligen Entenkäfig. Warum nicht — da ihm die Gröhe einer Ente eigen war. Nein, es besaß gar keinen Freiheitsdrang. Nachdem der Affe es vom Tisch entfernt hatte und das Gekugel übers Treppchen erledigt war, hatte es die Beine nur zum Lauf an die seitliche Leinwand gebraucht. Dorthin war es geeilt, wo's finster und still war, wo keine Menschen schnauften, wo Bude an Budenwand stieß. Und gleich hatte es — Erdwühler mit starken Grabkrallen — zu arbeiten begonnen. Ach, der Abend war kalt und feucht. Dort hinein gehörte es, hinter die Wand da; dort stand ein Behälter mit Sägespänen und Teppichresten; auch wärmte die Ausdünstung des alten Tanzbaren etwas. Es grub sich durch; es wühlte hurtig, fast lautlos und ganz einsam — indes die Vielen geballt und lärmend hinter seinem Schemen her waren. Als sein Phantom ins Feuer des Fischerfranzen lief, war es selbst schon drinnen. Dann aber erspähte der Affe es und geriet in Wut. Seine Kette erlaubte ihm einige Freiheit. Er kam heraus aus dem Heuknäuel. Daß heute alles schief gegangen und daß das Stöckchen auf seinem Hintern getanzt hatte, brachte er in richtigen Zusammenhang mit dem Eindringling. Doch wie er ihm nun wütend entgegensprang, nahm der einfach Kugelgestalt an und lieh die Affenpfoten abgleiten an den Knochen, den Knorpeln und allen Hornigen. Der Affe packte schließlich die Kugel und warf sie dahin, wo er sie hingehörig wußte, wo er sie tausendmal und täglich gesehen hatte — und wohin sie selbst ohnedies wollte: in den Entenkäfig. Dann sprang und rüttelte er bösartig oben auf den Holzstäben herum, bis er sich soweit beruhigt hatte, daß ihn zu frieren begann, woraus er wieder ins Heu kroch. Bei seinem Gerüttel aber und Getobe hatte er das Gitter des Käfigs zugeschlagen und solchermaßen Ordnung bis ins Letzte geschaffen, ohne zu wissen wie. Daß der erstaunte Besitzer am nächsten Morgen vor einem Rätsel stand und seinen Augen und allen Sinnen nicht mehr trauen wollte bis ans Lebensende, lag auch daran, daß er den Wühlgang nicht entdeckte. Denn in diesem Grund und Boden, darauf er und sein Unternehmen stand und steht, gibt es viel unverdächtige Löcher. Zur Nacht. Von Theodor Storm. Vorbei der Tag! Nun laß mich unverstellt Genießen dieser Stunde vollen Frieden! Nun sind wir unser; von der frechen Welt Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden. Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt, Der Liebe Strahl sich rückhaltlos entzünden; Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt. Mich deiner Stimme lieben Laut empfinden! Was gibt es mehr! Der fülle Knabe winkt Zu seinem Strande lockender und lieber; Und wie die Brust dir atmend schwellt und sinkt, Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber. Fahrt durch das asiatische Rußland. Von Anton L ü b k e. In Mulden, der Stadt in der Mandschurei, welche nach Pferden riecht, spürt man zum erstenmal asiatisches Rußland. Mukden trägt ein Gepräge des gärenden Völkergemisches des fernen Ostens, Japan hinterläßt hier feine deutlichen Spuren und russische Emigranten haben hier ihre zahlreichen kleinen Handelsgeschäfte. Die neuen Stadtteile sind japanische, und, wie es bei der Großmannssucht Japans nicht anders zu denken ist, sind die Straßen breit, weitläufig und amerikanisch. Die Produkte der Sojabohne werden in dieser Stadt umgesetzt. Industriell wird sie durch die nahegelegenen Fushunwerke beeinflußt. Die Japaner rühmen sich mit Recht, in diesen Fushunwerken die größten Kohlenwerke der Welt zu besitzen. Einst waren diese Kohlendistrikte chinesischer und zuletzt russischer Besitz. Ganz in der Nähe ist noch das große Schlachtfeld und das gewaltige Monument aus dem russisch-japanischen Krieg zu sehen. In den Tagen dieses Krieges soll in der Nähe der Fushunwerke der Kampf am blutigsten und heftigsten getobt haben. Politik in der Mandschurei basiert auf dem Besitz dieser Kohlengruben, die deshalb eine so große Bedeutung haben, weil die Kohle hier zum größten Teil zutage liegt und deshalb leicht gewonnen werden kann. 42 000 Chinesen sind hier beschäftigt. Die Beamten und Verwaltungsdirektoren sind sämtlich Japaner. Dagegen ist kein einziger Bergarbeiter ein Japaner. Die Arbeiter verdienen pro Tag 75 Cents, was etwa dem Werte von einer Mark entspricht. Die Tonne Kohle kostet dagegen 12 bis 20 Mukdendollar, das sind etwa 28 bis 20 Mark. Man erzählt sich in eingeweihten Mukdener Kreisen, daß die Fushun-Kphlenwerke einen täglichen Verdienst von 200 000 Mukdendollar aufzuweisen haben. Zur Zeit wird ein großes Verölungswerk nach dem deutschen Berginsystem errichtet. Nach Fertigstellung des Werkes ist Japan in die Lage versetzt, jeden Tag 200 Tonnen Oel herzustellen und damit den ganzen Bedarf seiner Flotte zu befriedigen. Für Japan wird dieses Werk deutschen Erzeugnisses eine große wirtschaftliche Ersparnis bedeuten, zumal das Land selbst sehr wenig Oel auf eigenem Territorium besitzt. Mehr noch als in Mukden ist in Chardin, dem Zentralknotenpunkt der Eisenbahn und Handelszentrum der Mandschurei, russischer Einfluß zu spüren. Die Stadt ist ein Sammelbecken der Spekulation, der Armut, des Handels und des Bettels. Rußland und China werfen in diese Retorte ihren Menschenauswurf. In keiner Stadt des Ostens sieht man so viel Verkommenheit inmitten lebend-.ger Geschäftsstraßen, soviel zerlumpte Bettler, denen man ansieht, daß sie einmal bessere Tage verlebten, wie in dieser Stadt. Oft stehen die Bettler zu Dutzenden vor den Geschäftstüren und warten auf den Kupfercent, den ihnen eine mitleidige Hand gibt. Kein Wunder, daß man hier soviel Elend vereinigt sieht, denn jährlich wandern in die Mandschurei die eine der fruchtbarsten Provinzen des Ostens ist, zwei Millionen Chinesen ein und suchen hier eine neue Nah- runosquelle, die sie in den Hungergebieten Chinas nicht finden können. Da Rußland vom Norden drängt, China vom Süden und Japan vom Westen, ist es erklärlich, daß hier nicht nur der Brennpunkt ständiger Konflikte zu finden ist, sondern sich auch eine offensichtliche Rassenmischung von Gelb und Weiß anbahnt. Nirgendwo in der Welt ist dieser biologische Prozeß so deutlich zu sehen wie gerade hier. Infolge der politischen Umwälzung in Rußland flüchteten eine große Zahl Weißenrussen in die Mandschurei. Man schätzt ihre Zahl auf 150000. Diese Menschen leben naturgemäß ähnlich wie die Chinesen, die hier einwanderten, auf einer sehr niedrigen Kulturstufe. Das notgedrungene Zusammenwohnen mit den Landesbewohnern und die soziale Gleichstellung mit ihnen bringt es natur- notwendig mit sich, daß eine Mischung durch Heirat unausbleiblich ist. Schon in Tschangtschun, der Umsteigestation auf der Fahrt von Tientsin nach Charbin, merkt man den deutlichen Trennungsstrich zwischen der gelben und der weihen Rasse. Während man südlich nur Chinesen und Japaner trifft, beginnt nördlich von Tschangtschun schon das Reich der Russen vermischt mit Chinesen. Obwohl es kein« genauen Statistiken über diese Mischung gibt, schätzt man die Zahl der weißgelben Mischlinge in der Nordmandschurei auf über 100000. Daß durch diese Mischung von Weiß und Gelb der Chinese dem weißen Mann gegenüber in ein ganz neues soziales und gesellschaftliches Verhältnis kommt, ist klar. Daß in diesem Landstrich auch das Prestige des weißen Mannes dem gelben Manne gegenüber nach und nach schwinden wird und der Chinese sich dort schon heute gleichberechtigt mit dem weißen Manne fühlt, ist ebenso offensichtlich und zeigt deutlich, wie sich der Zusammenprall von zwei übervölkerten Landstrichen auswirkt. Gerne verläßt man Charbin, wo die schwarzen Börsen, in denen billige russische Rubel verkauft werden und man sich für die Reise günstig mit russischem Geld eindecken kann, zu finden sind. Hat man die Mandschurei einen Tag durchfahren, erreicht man Mandschuli, die Grenzstation zwischen China und dem asiatischen Rußland. Der erste Teil der Fahrt von Mandschuli durch russisches Gebiet bietet sehr wenig Interessantes. Der Trans- sibirienexpreß streift einen Zipfel der Burjat-Mongolei, die den Russen gehört. Große Steppen und Viehweiden erstrecken sich in die Landschaft, und man merkt hier, daß der größte Teil der hier wohnenden Nomadenstämme sich durch Viehwirtschaft nährt. Hier wie weiter südlich in der chinesischen Mandschurei ist noch Land, wo fast gar kein Verkehr und Zivilisation zu finden ist, desto mehr primitive Agrikultur. Es gibt hier Viehbauern, die einen Besitz von 50 000 Stück Vieh haben. Kurz nach Austritt aus der Burjat-Mongolei und vor Erreichung des Baikalsees, kommt man an die Stelle, wo einst, als die Bahn noch nicht gebaut war, der Verkehr zwischen Rußland und China mit Ochsen und Kamelen vermittelt wurde. Pkichta war die Stadt, in der einst 32 Millionäre wohnten, die durch den Transportverkehr sich ein Riesenvermögen erworben hatten. Heute ist die Stadt tot und verlassen. Betritt man das Gebiet des Baikalsees, ist man zugleich auch im Lande des Goldes, jenem Erdstrich, der ungemessene Schätze in sich birgt, von dem man sagt, daß kaum 30 Prozent durch die Schaufel des Geologen erforscht sei. Auf den kleinen Bahnhöfen des asiatischen Rußlands kann man stets die über und über mit Schmutz bedeckten Goldgräber sehen, die möglichst viel Schmutz an ihren Körpern und Kleidern mit nach Hause zu nehmen suchen, um dann daraus noch einige für sie wertvolle Goldkörner zu gewinnen. Das Los dieser Menschen, die fern jeder Zivilisation, inmitten von allerlei Gefahren durch wilde Tiere, Sumpfsieber, Moskitos, Räuber u. a. leben müssen, ist kein beneidenswertes, obwohl sie angeblich viel verdienen. Betrachtungen über dieses traurige Menschenkapitel werden verscheucht durch die wildromantische Gegend des Baikalsees, der bald in den Blickkreis kommt. Dieser See, einer der schönsten und größten Binnenseen Rußlands und mit einer fast noch unberührten wildromantischen Landschaft, hat eine merkwürdige Geschichte. Wie man erzählt, friert er erst bei 40 Grad Kälte im Januar zu. Er besitzt in seinem JnJneren warme Quellen. In früheren Jahren benützte man den See als stebergang der transsibirischen Eisenbahn, in dem man im Winter Schienen über das dicke Eis legt und im Sommer den Zug auf breiten Flößen hinüberfuhr. Auch heute noch benutzen die Russen den See im Winter als Uebergang für Schlitten, und oft kommt es vor, wenn die warmen Quellen das Eis sprengen, daß eine solche Schlittenkarawane mit Mann und Maus in den Fluten versinkt. Mit der Erreichung von Irkutsk am Westufer des Baikalsees hat man bald auch das sibirische Rußland erreicht und damit auch die letzte Etappe des asiatischen Rußlands. Eine herrliche Landschaft tut sich den Blicken auf. Wälder mit Birken und Kiefern und unermeßliche Tannenwälder geben einen Begriff von dem unerschöpflichen Holzreichtum dieser Gegend. Auf unendlich weiten Steppen weiden Tausende von Kühen, zwischen denen zum Schutze gegen Moskitos Feuer brennen, deren Rauch die blut- faugenben Tiere verscheucht. Ost begegnet man armseligen Bauernhöfen, die flach in der Ebene liegen und meist aus düsteren Blockhäusern bestehen. Auch die berühmten Kosakengespanne steht man noch mit zehn und mehr Pferden durch die weite Ebene jagen. Kinder, ärmlich gekleidet und barfuß kommen in die Abteile und bringen wundervolle Blumen zum Verkauf, die in der sibirischen Landschaft im Sommer in üppiger Pracht blühen. Ueberall, wo das Auge hinsieht, findet es noch jungfräuliches Land, das noch vielen Millionen Menschen Nahrung und Heimat geben könnte, denn Holz, reiche Bodenschätze, Wasser und fruchtbare Erde warten hier der menschlichen Kulturarbeit. Die sibirischen Bauern die gebratene Spanferkel und Hühner, Butter, Eier, Käse und Brot an die Züge bringen, sehen reinlich aus und find zutraulich und nicht von jener erschreckenden Düsterheit, die man bei den Menschen in den Großstädten des kommunistischen Rußlandes findet, wo Hunger und Elend trotz großer Versprechungen sich noch immer breit machen. „Amerika, du hast es besser." Aerzke und Patienten in USA. Von Dr. Th. A. Maaß. Goethes mehr als hundert Jahre alter Ausspruch spielt in der Gedankenwelt von heute sicher eine bedeutungsvollere Rolle als zur Zeit seiner Erschaffung. Aber es ist mindestens fraglich, ob eine kritiklose Nachahmung amerikanischer Zustände für europäische Verhältnisse erfreulich oder überhaupt tragbar ist. Denn gar zu oft wird bei uns zwar das zur Bedingung gestellt, was Amerika von feinen Bewohnern verlangt, nicht aber auch an all das gedacht, was es ihnen als Kompensation bietet. Das Wodl, die Gesundheit des einzelnen, spielt dort eine ausschlaggebende Rolle, wobei es in der Auswirkung gleichgiltig ist, ob ihm diese Bedeutung aus menschenfreundlichen oder geschäftlichen Gründen eingeräumt wird. Die großartigen volkshygienischen, besonders auch den Kindern gewidmeten Einrichtungen in den Staaten sind genügend bekannt. lieber das, was für die Kranken geschieht, äußert sich Dr. E. Straßmann, der, mit offenen Augen, aufs liebenswürdigste von den amerikanischen Kollegen unterstützt, Aerzte und Patienten in USA. studierte. Das, was er über seine Erfahrungen berichtet^ ift^geeignet, in sielen das Gefühl des Neides aufkommen zu lassen. Denn Las Licht, das dortige Einrichtungen in besonderem Glanze malt, wird hauptsäc^ich von dem allgemeinen Wohlstand ausgestrahlt. So ist das Durchschnittseinkommen der jungen Aerzte, die allerdings vor ihrer selbständigen Niederlassung gewöhnlich nutzer dem Studium noch eine Krankenhaus-Ausbildung von mindestens vier Jahren hinter sich haben, etwa 30 000 Dollar, das von beschäftigten Operateuren oft viele hundert Tausende. Diese für unsere Begriffe enorme Einkommen entstehen so, dah der amerikanische Arzt nur Privatpatienten und keine Kassenpatienten hat. Und dies aus dem sehr einfachen Grunde, weil es in den Staaten keine Krankenkassen gibt. Wohl haben einige große Krankenhäuser Polikliniken, in denen gratis behandelt wird, diese werden aber nur von Negern und den ärmsten Einwanderern ausgesucht, während 90 Prozent aller Patienten zum Privatarzt gehen, und ihre drei und mehr — nach oben gibt es keine Schranken — Dollars für die Konsultation zahlen. Die Behandlung im Hause tritt wesentlich zurück gegen die Krankenhaus- und Klinik- bebandlung. Diese mit dem höchsten Komfort und, selbstverständlich, vollendetsten medizinischen Einrichtungen ausgestatteten Anstalten sind, mit Ausnahme weniger staatlicher oder städtischer Krankenhäuser, meist Stiftungen reicher Leute, die sich nicht damit begnügen das gewöhnlich mit ihrem Namen ausgestattete Kind in die Welt gesetzt zu haben, sondern auch in großzügigster Weise für sein Fortkommen sorgen. Henry Ford z. B. sieht es als etwas Selbstverständliches an, dah er in dem von ihm gegründeten Hospital zu Detroit dauernd ein monatliches Defizit von 30 bis 40 000 Dollar auszugleichen hat. Im Verkehr zwischen Arzt und Patienten überwiegt das Geschäftliche. Jeder Arzt heißt, gleichgültig ob er Unioersitätsprofessor oder Privatarzt, Spezialist oder allgemeiner Praktiker ist, einfach „doctor". Der Patient sieht auch nicht mangelnde Aufmerksamkeit oder Beachtung des behandelnden Arztes darin, daß dieser zwecks besserer Ausnutzung seiner Zeit, einen Teil der Visiten, Untersuchungen usw. seinem gutgeschulten Assistenten überläßt. Sehr auffallend ist die Operationsfreudigkeit der amerikanischen Patienten. Der Vorschlag eines chirurgischen Eingriffs wird fast stets willig angenommen. Der Kranke sieht darin nicht, wie dies bei uns noch oft der Fall ist, den letzten Versuch der Hilf«, sondern die Garantie, seine Erkrankung sicher, und, was die Hauptsache ist, schnell los zu werden. Außerordentlich verbreitet ist auch die chirurgische Hilfe bei der Entbindung, die nur die Aermsten im Hause, die Bessersituierten ausschließlich in Kliniken und Hospitälern durchmachen. Es ist fraglich, ob cs nur gewissermaßen ein Gebrauch ist, daß kaum eine Entbindung auf rein natürlichem Wege beendet wird, sondern fast stets Kunsthilfe einsetzt, oder ob hierfür auch physiologische Gründe vorliegen. Erfahrene amerikanische Geburtshelfer stehen auf dem Standpunkt, daß die amerikanischen Frauen zum großen Teil an ausgesprochener Gebärschwäch« leiden. Das ist vermutlich so zu erklären, daß die übermäßige Entwicklung der willkürlichen Muskulatur durch den Sport, im Ausgleich eine Schwächung der unwillkürlichen Muskulatur zur Folge hat. Trotz der heterogenen Zusammensetzung der amerikanischen Bevölkerung, lassen, sich doch im Gesamttyp, namentlich auch in gesundheitlicher Beziehung, große gemeinschaftliche Züge auffinden. Außerordentlich auffallend ist das Fehlen dicker Leute. Selbst im höheren Alter setzt der Amerikaner selten Fett an. Mäßige Lebensweise, reichlicher Obstgenuß, viel Sport und viel Arbeit dürften die Gründe hierfür sein. Die gleichen Ursachen werden die sehr häufig zu beobachtende, uneingeschränkte Leistungsfähigkeit sehr alter Leute begründen. Ein. anderes Attribut des Alters, das Weißwerden der Haare tritt oft erstaunlich früh ein. Dafür sind aber Kahlköpfe geradezu eine Seltenheit. Ob dies damit zusammenhängt, daß der Ame- ritaner, im Gegensatz zu der bei uns beliebten Mode der Hutlosigkeit, ständig den Hut auf dem Kopfe hat, ob es klimatische Einflüsse sind, die es bewirken, bleibe dahingestellt. Wenig unterschiedlich von unseren Verhältnissen erscheint es, daß sich die amerikanische Frau durch vernünftige Lebensweise, Sport und Körperpflege lange jung erhält. Der gleiche Fortschritt ist ja erfreulicherweise auch bei uns deutlich zu beobachten. Unter den, in Amerika besonders häufig zu beobachtenden Krankheiten, spielen Erkältungszustände und Lungenentzündungen eine hervorragende Rolle. Das in vielen Teilen der Staaten besonders stark und schnell wechselnde Klima in Verbindung mit der bei beiden Geschlechtern verbreiteten Mode sehr dünner Unterkleidung ist hierfür verantwortlich zu machen. Eigentümlich und schwer erklärlich ist die Tatsache, daß die Amerikaner durchschnittlich einen höhere n Blutdruck und eine besondere Neigung zu gewissen Schilddrüsenerkrankungen zeigen. Man wird nicht sehlgehen, den Grund in Umwelts- und Ernährungseinslüfsen zu suchen. Auf letztere ist fraglos auch das häufigere Vorkommen von Magen- Darmerkrankungen, namentlich von Geschwüren, zu beziehen. Das Eisma fser, gefolgt und begleitet von hastigem und heißen Essen, der reichlich genossene Ice-Cream fint> sicherlich den Schleimhäuten der Verdau- unaswege wenig bekömmlich. Der Prohibition und dem dadurch veranlaßten Erwerb zweifelhaftester Alkoholika auf Schleichwegen ist es zuzuschreiben, daß schwerste Vergiftungen und Erblindungen nach Genuß solcher mit giftigen Alkoholen hergestellter Genußmittel häufig zur Beobachtung kommen. Von den beiden hauptsächlichen Todesursachen in europäischen Ländern, dem Krebs und der Tuberkulose, ist ersterer auch in Amerika verbreitet. Seine Erkennung und Behandlung nimmt innerhalb der medizinischen Bestrebungen einen weiten Raum ein. Die Tuberkulose, für deren Bekämpfung bekanntlich die Nationalökonomie mindestens das gleiche leisten kann wie die Medizin, ist dank der günstigen Lebensbedingungen wenig verbreitet. Zieht man aus allem dem einen Schluß, so muß man Mit einem lachenden und einem weinenden Auge zugestehen, daß die „prosperity" nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den gesundheitlichen Standard eines Landes hebt. 3tn Nebel. Von Leo Sternberg. Du Nebel, der die Welt ertränkt und mich in Meerestiesen senktl Wie wandle ich — dein Herz und Kern — in grauer Silberdämmrung gernl Nun weiß ich — wie ich selber Sinn und Mitte deiner Wolke bin — so bist du bergendes Gewand für unsichtbares Gottesland. Und machst du andre Augen blind, nur sehender die meinen sind: Es schatten hinter Duft und Rauch Türme und Wälder wie ich auch. In feuchtem Schleier schwebt ein Dom. Du trägst in dir gewundnen Strom, Fabriken mit gedämpftem Licht, verborgner Brüder Angesicht ... Wann trittst du, Gott, aus uns hervor? durchblaust den aufgewehten Flor und deine klaren Augen schaun aus Felsenwand und Stromesaun? Hunilla. Von Herman Melville. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Walther Fischer. (Schluß. Wahrlich, Hunilla klammerte sich an ein Rohr — ein echtes, kein nxtaphorisches Rohr — der östlichen Flora. Es war ein hohles Bambus stück, von unbekannten Inseln angetrieben, das sie am Strande gefunden hatte; die ehemals kantigen Enden waren glattgerieben, wie von Sandpapier; sein gelber Glanz war verschwunden. Lange von Meer und Küste, wie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben, war das unscheinbare Rohr abgescheuert worden und zeigte jetzt, ein Sinnbild seiner selbst, eine andere Glättung, die Glättung der Qual. Hunilla hatte es durch kreisrunde Einschnitte in sechs Felder von ungleicher Länge geteilt. In das erste Feld wurden nun die Tage eingeritzt, und jeder zehnte mit einer längeren und tieferen Kerbe bezeichnet; das zweite Feld gab die Zahl der Vogeleier an, die Hunilla zur Lebensfristung aus felsigen Nestern sammelte; das dritte, wie viele Fisch« sie am Strande gefangen; das vierte, wie viele kleine Schildkröten sie landeinwärts gefunden; das fünfte, die sonnigen, das sechste die bewölkten Tage (die letztere Zahl war die größere). Gange Nächte geschäftigen Zählens — die Arithmetik des Elends —, um ihre allzuwache Seele in Schlaf zu senken; aber kein Schlaf wollte kommen. Das Feld der Tage war bald abgenutzt — die langen zehnten Kerben waren von der Berührung so undeutlich geworden wie ein Blindenalphabet. Zehntausendmal hatte die Witwe ihre Finger sehnsüchtig über das Bambusrohr gleiten lassen — eine stumme Flöte, der der Spieler keinen Ton entlocken konnte —, als ob man Schildkröten, die durch den Wald kriechen, zu schnellerem Laufe antreiben könnte, wenn man die Vögel zählt, di« in der Luft vorüberstreichen. Nach dem einhundertundachtzigsten Tage konnte man kein Kerbe mehr erkennen; wie die erste die tiefste gewesen, so war die letzte die schwächste. „Es waren mehr Tage," sagte unser Kapitän; „viel, viel mehr; warum hast du sie nicht weiter bezeichnet, Hunilla?" „Sefior, fragt mich nicht." „Und sind inzwischen keine anderen Schiffe an der Insel vorüderge- fahren?" „Nein, Sefior; — aber —" „Du sprichst nicht; aber was, Hunilla?" „Fragt mich nicht, Gefion" „Du sahst Schisse von weitem vorübersegeln; du winktest ihnen zu; sie fuhren weiter; — war es das, Hunilla?" „Sefior, es sei, wie Ihr sagt." Sich sest an ihr Elend klammernd, wollte und wagte Hunilla nicht, sich ihrer schwachen Zunge anzuvertrauen. Als dann unser Kapitän fragte, ob keine Walfischfänger — Aber nein, ich will diese Szene nicht weiter schildern, damit zynische Menschen sie nicht zur Stütze ihres Pessimismus anführen können. Das übrige soll unerzählt bleiben. Jene zwei namenlosen Ereignisse, die Hunilla auf der Insel zustiehen, sie mögen zwischen ihr und ihrem Gotte ruhen. In der Natur, wie vor dem Gesetze, kann es eine Verleumdung sein, wenn man gewisse Wahrheiten ausspricht. Doch wie es kam, daß unser Schiff drei Tage nahe der Insel vor Anker lag und ihr einziger menschlicher Bewohner uns erst entdeckte, als wir diesen einsamen, fernen Ort auf Nimmerwiedersehen verlassen wollten, — das muß erklärt werden, ehe die Erzählung weiterschreitet. Der Ort, wo der französische Kapitän seine drei Passagiere gelandet hatte, lag auf dem jenseitigen, entfernteren Ende der Insel. Dort hatten sie bann auch ihre Hütte gebaut. Und auch in ihrer Einsamkeit hatte oic Witwe den Platz nicht verlassen, wo ihre Lieben mit ihr geweilt hatten, und wo ihr Gatte, der treueste im Leben, jetzt seinen letzten Schlummer schlief, aus dem ihn all ihre Klagen nicht mehr erweckten. Zwischen den beiden Endpunkten der Insel erstreckt sich hohes Hügelland. Ein Schiss, bas auf der einen Seite vor Anker liegt, ist von der andern Seite aus unsichtbar. Auch ist die Insel ausgedehnt genug, daß eine größere Gesellschaft tagelang durch die Wildnis auf der einen Seite wandern kann, ohne daß ein Bewohner auf der anderen sie zu sehen oder ihre Rufe zu vernehmen braucht. So hätte auch Hunilla, die die mögliche Ankunft von Schiffen natürlich auf ihrer Seite erwartete, bis zuletzt über unsere Gegenwart in Unkenntnis bleiben können, wäre ihr nicht, wie unsere Matrosen versicherten, eine geheime Ahnung durch die verzauberte Luft der Insel zugetragen worden. Und diese Annahme wurde durch die Antwort der Witwe keineswegs widerlegt. „Wie kamst du dazu, Hunilla, die Insel an diesem Morgen zu durchwandern?", fragte unser Kapitän. „Seöor, etwas zuckte an mir vorüber. Es berührte meine Wange, mein Herz, Seöor." „Was sagst du da, Hunilla?" „Ich sagte, etwas kam durch die Luft geflogen." Es war in der Tat ein großer Zufall. Als Hunilla beim Durchqueren der Insel das Hochland in der Mitte erklommen hatte, mußte sie zum erstenmal unsere Masten erspäht und zugleich bemerkt haben, daß die Segel gesetzt wurden; vielleicht hörte sie auch den Wechselgesang der Leute am Spill. Das fremde Schiff war also im Begriff, abzusegeln und sie blieb allein zurück. Mit aller Hast eilt sie nun den jenseitigen Abhang hinunter, verliert aber im tiefliegenden Dickicht am Fuße des Berges das Schiff bald aus den Augen. Sie erkämpft sich ihren Weg weiter durch die dürren Zweige, die ihr bei jedem Schritt den Pfad versperren wollen, bis sie an jenen einzelnen Felsen kommt, der vom Meer noch ziemlich entfernt ist. Sie klettert hinauf, um sich zu vergewissern: das Schiff liegt noch deutlich in Sicht. Ermattet von der übermäßigen Anstrengung, bricht Hunilla beinahe zusammen; sie fürchtet sich, von der ragenden Höhe wieder hinabzusteigen; sie möchte gerne auf ihrem Standort verharren, und in ihrer Verzweiflung reißt sie sich den Turban vom Haupt, entfaltet ihn und winkt über das Dickicht hinweg uns zu. Während sie ihre Geschichte erzählte, bildeten die Matrosen schweigend einen Kreis um Hunilla und den Kapitän; und als schließlich der Befehl erteilt wurde, das schnellste Boot zu bemannen, zum jenseitigen Strande zu rudern und Hunillas Truhe und das Schildkrötenöl zu verladen, gehorchten sie mit so froher und doch trauriger Bereitschaft wie kaum jemals zuvor. Alles verlief sehr einfach. Der Anker war schon wieder in die Tiefe versenkt worden und das Schiff lag ruhig da. Aber Hunilla bestand darauf, daß sie als unentbehrliche Führerin zu ihrer versteckten Hütte das Boot begleiten dürfe. Nachdem man sie mit dem Besten, was unser Steward bieten konnte, gestärkt hatte, fuhr sie mit uns los. Und die Frau des berühmtesten Admirals hat auf ihres Gatten Schiff niemals mehr stumme Achtung und Verehrung erfahren, als der armen Hunilla von der Bemannung dieses Bootes zuteil wurde. Wir ruderten an manchem spiegelglatten, schroffen Kap vorüber, und nach zwei Stunden befanden wir uns innerhalb des verhängnisvollen Riffs. Wir bogen in eine verborgene Bucht ein, sahen an einer grünen, vielgezackten Lavamauer hinauf und erblickten die einzige Behausung der Insel. Sie befand sich auf einer überhängenden Klippe, war an zwei Seiten durch dichtes Gestrüpp geschützt und von vorne durch die Vorsprünge der roten Stufen, die von der Seeseite aus den steilen Abhang hinaufführten, dem Blickfeld halb entzogen. Die Hütte war aus Rohr gebaut, mit langem, brandig gewordenem Gras bedeckt und glich einem verlassenen Heuschober, in dem kein Mäher mehr Heu einführt. Das Dach neigte sich nur nach einer Seite, die Traufen reichten bis fast zwei Fuß auf den Boden herab. Und da war eine einfache Vorrichtung, um den Tau, oder besser die in ihre feinsten Bestandteile ausgelösten Regentropfen zu sammeln, die der Nachthimmel bisweilen huldvoll oder höhnisch auf diese verwunschenen Inseln herabsinken läßt. Unter den Dachtraufen war ein vom Wetter hart mitgenommenes, fleckiges Tuch längsgespannt und an kurzen, senkrechten, in den seichten Sand gegrabenen Pfühlen befestigt. Ein kleiner Ziegelstein war in das Tuch gelegt und zog die Mitte nieder, so daß alle Feuchtigkeit in einen darunter befindlichen Flaschenkürbis geträufelt wurde. Dieses Gefäß lieferte die wenigen Tropfen Wassers, die die Cholos je auf dieser Insel getrunken hatten. Hunilla erzählte uns, daß der Kürbis sich manchmal, aber nicht oft, über Nacht bis zur Hälfte füllte. Er faßte etwa sechs Liter. „Aber," so sagte sie, „wir sind an Durst gewöhnt. In dem sandigen Payta, wo ich wohne, fällt kein Regen vom Himmel; alles Wasier wird dort von Mauleseln aus den Tälern des Hinterlandes gebracht." Etwa zwanzig bekümmerte Schildkröten, die Hunillas einsame Speisekammer versorgten, waren im Gestrüpp festgebunden, während Hunderte von großen, schwarzen Schildpattpanzern, wie ausgegrabene, zerstörte Grabsteine, allenthalben herumlagen. Das waren die Rückenschilde jener großen Schildkröten, von denen Felipe und Truxill ihr kostbares Del gewonnen hatten. Mehrere große Kürbisse und zwei stattliche Fäßchen waren voll davon. In einem Topf in der Nähe waren die hartgewordenen Stücke einer Menge, die sie hatte verdunsten lassen. „Sie wollten es am nächsten Tage durchseihen'', sagte Hunilla und wandte sich ab. Ich vergaß, den allereigentllmlichsten Anblick zu erwähnen, der sich uns gleich nach der Landung darbot. Etwa zehn kleine Hunde mit weichem, lockigem Haar von einer schönen, in Peru heimischen Rasse, begannen ein Konzert frohen Willkommgeheuls, als wir den Strand erreichten, und Hunilla rief ihnen antwortend zu. Einige von diesen Hunden, die Nachkommenschaft der beiden von Payta mitgebrachten, waren erst geboren worden, seitdem sie Witwe geworden. Durch den Verlust eines Lieblingshundes gewarnt, der den zackigen Felsen, den versteckten Spalten und Abgründen, dem wirren Gestrüpp oder einer anderen Gefahr des Geländes im Inneren der Insel zum Opfer gefallen war, gestattete Hunilla diesen zarten Geschöpfen niemals, sie bei ihren gelegentlichen Klettereien nach Vogelnestern oder auf ihren Wanderungen zu begleiten. Infolgedessen hatten sie auch keine Lust gezeigt, ihr zu folgen, als sie an jenem Morgen die Insel durchquerte, und sie selbst war zu voll von anderen Dingen, als daß sie ihr Zurückbleiben beachtet hätte. Aber in dieser ganzen Zeit waren sie ihr so sehr ans Herz gewachsen, daß sie selbst den Tau ihres Kürbisses mit ihnen geteilt hatte, die doch am frühen Morgen aus kleinen Löchern des nahen Fel ens etwas Feuchtigkeit lecken konnten. Nie hatte sie eine größere Menge Wassers für den Fall einer anhaltenden, völligen Dürre für sich angesammelt, von der jene Inseln in schlimmen Zeiten heimgesucht werden. Auf unseren Wunsch bezeichnete sie nun die wenigen Dinge, die sie mit ins Schiff nehmen wollte — ihre Truhe, das Oel, sowie die lebenden Schildkröten, die sie unserem Kapitän in Dankbarkeit schenken wollte. Wir machten uns sofort ans Werk und schleppten die Sachen die langen, abschüssigen Stufen des Felsens hinunter, der nun in tiefem Schatten lag. Während meine Kameraden so beschäftigt waren, blickte ich um mich — Hunilla war verschwunden. Ich glaube, es war nicht Neugierde allein, sondern noch ein anderes Gefühl, das mich veranlaßte, meine Schildkröte abzusetzen und nochmals um mich zu schauen. Ein schmaler Pfad führte zum dichtesten Teil des Gestrüpps. Ich folgte ihm auf feinen vielen Windungen und gelangte so zu einem kleinen, offenen Kreisrund, das hier wie ein Zimmer versteckt lag. Der Grabhügel erhob sich in der Mitte — ein kahler Hansen feinsten Sandes, wie das Sandhäuflein am Grunde eines ausgeronnenen Stundenglases. Zu Häupten stand das Kreuz aus dürren Aesten; die trockene, abgeschabte Rinde hing noch in Strähnen herunter; der Ouerstab war mit einem Stricke befestigt und ragte schräg und kläglich in die schweigende Luft. Hunilla lag halb ausgeftreckt auf dem Grabe, ihr dunkles Haupt gebückt und verdeckt von ihrem langen, aufgelösten Indianerhaar. Ihre Hände streckten sich zum Fuße des Kreuzes vor und umklammerten ein kleines Kruzifix aus Bronze — ein Kruzifix, dessen Züge unkenntlich geworden waren wie die eines alten, getriebenen Türklopfers, mit dem man lange vergeblich gepocht hat. Sie sah mich nicht, und ich war ganz still, schlich beiseite und verließ den Platz. Kurz ehe alles zum Aufbruch bereit war, erschien sie wieder bei uns. Ich sah ihr in die Augen, bemerkte aber keine Träne. Cs war etwas seltsam Stolzes in ihrer Haltung, und doch war es die Haltung des Schmerzes. Ein spanischer oder indianischer Schmerz, der nicht in laute Klagen ausbrach. Ein hoher Sinn, vergeblich zur Folter erniedrigt; ein natürlicher Stolz, der die Martern der Natur überwand. Wie Pagen umringten sie die kleinen, seidenhaarigen Hunde, als sie langsam zum Strande hinabstieg. Die zwei zutraulichsten hob sie in ihre Arme: „Mia Tita! Mia Tomotital", und sie streichelnd, fragte sie, wie viele wir an Bord nehmen könnten. Unser Führer war der Steuermann, — kein hartherziger Mensch, aber vom Leben so geschult, daß er auch in den kleinsten Dingen sich nur von der Zweckmäßigkeit leiten ließ. „Wir können sie nicht alle mitnehmen, Hunilla; unsere Vorräte sind knapp; die Winde sind unsicher; es kann noch viele Tage dauern, bis wir nach Tombez kommen. So nimm die, die du im Arme hast, Hunilla; aber nicht mehr." Sie war im Boote; auch die Ruderer saßen, bis auf einen, der sich zum Abstößen bereit hielt und dann nachsprang. Mit der Klugheit ihrer Rasse schienen die Hunde jetzt zu begreifen, daß man sie auf einem unfruchtbaren Strande zurücklassen wollte. Das Dollbord des Bootes war hoch, sein landwärts gerichteter Bug erhob sich steil; und da die Hunde das Wasser instinktiv zu scheuen schienen, konnten sie nicht gut in das kleine Fahrzeug springen. Aber ihre geschäftigen Pfoten kratzten eifrig am Bug, wie an der Türe eines Bauernhauses, das ihnen in winterlichem Sturm kein Obdach gewährte. Ein lautes Hilferufen in Todesangst. Sie heulten nicht, sie winselte nicht; sie schienen zu sprechen. „Stoßt ab! Los!" schrie der Steuermann. Das Boot empfing einen gewaltigen Ruck, und im nächsten Augenblick schoß es geschwind vom Strande, machte eine Wendung und legte los. Die Hunde rannten kläffend am Rande des Wassers entlang; bald hielten sie inne, dem entschwindenden Boote nachzusehen, bald schienen sie mit kühnem Sprung die Verfolgung aufnehmcn zu wollen und fühlten sich doch geheimnisvoll zurückgehalten; und dann rannten sie wieder heulend am Ufer hin und her. Wären es menschliche Wesen gewesen, hätten sie bas Gefühl der Verlassenheit nicht deutlicher ausdrücken können. Die Ruder bewegten sich wie das verbündete Gefieder zweier Flügel. Niemand sprach. Ich blickte nach dem Strande zurück und dann nach Hunilla, aber ihr Antlitz bewahrte eine harte, dunkle Ruhe. Die Hunde, die in ihrem Schoße lagen, leckten ihr vergebens die starren Hände. Sie schaute nicht hinter sich, sondern saß bewegungslos, bis wir ein letztes Vorgebirge umschifften und von dem, was hinter uns lag, nichts mehr sahen und hörten. Sie glich jemandem, der, nachdem er die schlimmste aller irdischen Qualen erlitten, gleichgültig dagegen geworden ist, wenn die geringeren Fasern seines Herzens einzeln zerreißen. Hunilla hielt den Schmerz für so notwendig, daß sie auch von anderen Wesen, selbst wenn sie sich diese durch Liebe und Mitgefühl zu eigen gemacht hatte, erwartete, Schmerzen klaglos zu erdulden. Ein fühlendes Herz in einem stählernem Gehäuse. Ein Herz, von irdischem Gefühl, erfroren durch den Frost, der vom Himmel füllt. Was folgte, ist bald erzählt. Nach einer langen Fahrt, die durch Windstille und Gegenwinde erschwert wurde, erreichten wir den kleinen Hafen von Tombez' in Peru, wo wir frische Vorräte aufnahmen. Payta lag nicht sehr weit entfernt. Unser Kapitän verkaufte das Schildkrötenöl an einen Händler in Tombez; und indem er dem Erlös noch eine Gabe von uns allen hinzufügte, gab er das Silber unserem stummen Passagier, der nicht wußte, was die Seeleute getan hatten. Zum letzten Male sahen wir die einsame Hunilla, wie sie auf einem kleinen, grauen Esel in die Stadt Payta einritt und, vor sich hinstarrend, die Bewegungen des Wappenkreuzes* zwischen den Schultern des Tieres betrachtete. * Das „Wappenkreuz" des Esels ist die feine, kreuzförmige Haarzeichnung zwischen den Schulterblättern, die nach einer frommen englischen Legende der Heiland dem Palmesel bei seinem Einzug in Jerusalem zur Erinnerung an seinen Kreuzestod aufgedrückt habe. Anm. d. Ueberf. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.