GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ________ Freitag, den 5. Dezember Nummer 94 > Knecht Ruprecht. Von Theodor Storm. Von drauß' vom Walde komm ich her; Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Allüberall auf den Tannenspitzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen; Und droben aus dem Himmelstor Sah mit großen Augen das Christkind hervor. Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann, Da rief's mich mit Heller Stimme an: „Knecht Ruprecht", rief es, „alter Gefell, Hebe die Beine und spute dich schnell! Die Kerzen fangen zu brennen an, Das Himmelstor ist aufgetan, Alt' und Junge sollen nun Von der Jagd des Lebens einmal ruhn; Und morgen flieg' ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werden!" Ich sprach: „D, lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist; Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel gute Kinder hat." — „Hast denn dein Säcklein auch bei dir?" Ich sprach: „Das Säcklein, das ist hier: Denn Aepfel, Nuß und Mandelkern Fressen fromme Kinder gern." — „Hast denn die Rute auch bei dir?" Ich sprach: „Die Rute, die ist hier; Doch für die Kinder nur, die schlechten. Die trifft sie auf den Teil, den rechten." Christkindlein sprach: „So ist es recht; So geh mit Gott, mein treuer Knecht!" Von drauß' vom Walde komm ich her; Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Nun sprecht, wie ich's hier innen final Sind's gute Kind, sind's böse Kind? Nikolo. Von Richard v. S ch a u k a l. (Nachdruck verboten.) Der „Nikolo'-Abend, der Vorabend des Nikolaustages, am 5. Dezember, war anders als der Weihnachtsabend. Nicht nur, weil diesem der Christbaum mit Waldnadelduft und Kerzenlichtern dunkelgrünen Ausdruck verlieh. Nicht nur, weil das an die Bescherung angeschlossene festliche Abendmahl die ganze Familie vereinigte. Sondern hinter der Erscheinung, im Geheimnisvoll-Wirklichen des geahnten, aber niemals erfaßten Westens, war jenem wie diesem etwas Besonderes, Persönliches, Ein- dringlich-Ueberzeugendes zu eigen. Schon daß der Nikolo-Abend in den Anfang, der Christabend ans Ende des Monats fiel, der, als letzter in der Zwölfzahl, mit dem jubelnd begrüßten ersten Schnee im Eingang und mit dem heimlich-unheimlich ins Leere des unbekannten Neujahrs hinaus- ragenben Silvester hinten, von allen anderen sich abhob, hielt sie bedeutsam auseinander. Der Nikolaus war der Borbote des Christkinds; fast geriet er in der nach dem 24. Dezember hin sich drängenden und durch so viele Vorbereitungen gestauten Wochenmasse in Vergessenheit, verlor sich mit leisem, wehmütigem Klang wie von fern verläutenden Schlittenglocken im Schneegestöber. Der Nikolaus, eigentlich ein heiliger Bischof, erinnerte an den Weihnachtsmann, eine nur aus Bilderbüchern bekannte bepelzte Gestalt; er war mit dem Knecht Ruprecht irgendwie verwandt: jedenfalls gingen da zwei Vorstellungen mit schwankenden Umrissen ineinander über, die hinwiederum beide mit dem Christkind in der Krippe, mit den Engeln, die in blauer, stiller Nacht den Reigenspruch von der Ehre Gottes in der Höhe und vom Frieden auf Erden von einem schmal ausschwingenden Band abfingen, nichts zu tun hatten. Dann war da noch ein seltsamer Umstand; das Christkind kam auf einem Stern vom Nachthimmel; man lehnte am dunklen Fenster und wartete, bis man gerufen wurde und im strahlenden Lichtermeer des Weihnachtsbaumes alles vergaß. Aber am Nikolo-Abend stand man sozusagen noch berechtigter am Fenster, obwohl doch der Nikolaus mit seinem Begleiter, dem Krampus, sicherlich nicht vom Himmel herabkam. Das wird ewig unerklärt bleiben. * Eigentümlich war dem „Nikolo" auch die frühere Stunde. Die Weihnachtsbescherung sollte um halb sieben Uhr stattfinden; aber es wurde meist sieben Uhr, gar ein Viertel auf acht Uhr daraus. Jedenfalls spielt« stets einige Ungeduld in die herzbewegende Erwartung hinein. Dagegen war der „Nikolo" pünktlich. Kaum, daß je einige Minuten über sechs Uhr verstrichen. Vorher geschah immer einiger Lärm draußen. Cs klang wie Ketten- rasseln. Auch wurde ein schwerer Sack mit Gepolter an der breiten, niedrigen Tur abgeworfen, die neben dem riesigen Kachelofen ins Kinder- zimmer führte. Aber da man sich in einem anderen Zimmer aufhielt; blieb das alles fern und unwirklich. Es gab Kinder, denen der heilige Nikolaus, den Krampus mit der Kohlenbutte auf dem Rücken hinter sich, sogar Besuch abftattete. Es wurde da allerhand gefragt — nicht, wie bi« großen es immer taten, nach bem Befinben, Umbern nach bem Verhalten zu Hause unb vornehmlich in ber Schule. Aber bie meisten Kinber, die einem von biefem Auftritt berichteten, der etwas Peinliches an sich haben mußte, fügten hinzu, sie hätten bie alte Lina ober den Kutscher üiranz gleich erkannt. Und das wußte man sich wiederum nicht zusammen- zureimen. Immerhin war es besser, daß diese überflüssige Verzögerung des Unausbleiblichen (denn diese Kinder bekamen ja doch schließlich Ihre Bescherung, trotz ber Fragerei) bei uns nicht stattfanb. Bei uns ertönte sogar eine Klingel, nicht ganz so wie zu Weihnachten, aber ähnlich, kurzer unb nicht so hell-silbern. ♦ Auf dem großen, runben Kindertische — der Weihnachtsbaum stand tm „Salon und war von einer ganzen Schar von weißgedeckten Tischchen begleitet, auf denen für groß und klein die Geschenke sich ausbreiteten —. auf unserem lieben „alten" Tische hatte der Nikolo die Bescherung auf- gerichtet. (Von dem Sack, den er oder der Krampus an die Tür ge« fdjleubert hatte, war nicht mehr die Rede. Erst später fand man ihn ohne Erstaunen vor, der bescheiden die üblichen Aepfel und Nüsse barg) . ?a gab es wie zu Weihnachten, Spielzeug und Bücher und aller- Hand Süßigkeiten. Doch niemals wäre diese Bescherung mit der „eigent« die alle „großen" Wünsche erfüllte, zu verwechseln gewesen. Sie hielt sich tm Rahmen der bescheideneren Mittel des Vorläufers. Immerhin: diese und jene Gabe fiel durch fast beschämenden Umfang auf so etwa ber Bücherranzen aus Riemenzeug, den man schon längst zum Schulgang gebraucht hatte. Die Hauptsache — auch dies ein Merkzeichen des einzigartigen Abends — waren bie Lebzelt- unb Marzipansachen, Zumal jene kleinen, rotverschnürten, ungemein sauber unb köstlich sich barbietenben Päckchen, bereit wohlschmeckenben Inhalt, stämmige, oben leichthin weißverzuckerte, grübchenreiche unb würzige Kuchenschnitten, E. bicker Vertreter, nackt unterm geschmeibigen Banbkreuz, seinem Schätzer behaglich anzeigte. Nur ein einziger Zuckerbäcker vermochte diese niedlichen Küchlein herzustellen und anzurichten. Sie allein riefen, mehr noch als die allüberall ihre Röte verbreitenden Krampusdüten, sah man sie ein paar Tage vorher im lockenden Schaufenster, die Vorstellung „Nikolo" hervor. * Merkwürdige, warme und zärtliche „Nikolo"-Stimmung! Schon, daß der nächste Tag ein gewöhnlicher Schultag war — ausgezeichnet freilich durch die kleine Nachbescherung, bie man am bämmerigen Morgen zwischen den oft schon eisig von außen angehauchten Fenstern in ben dort norm Schlafengehen auf den ßeberpolftern ausgetanen Schuhen fanb —; daß diese Sechs-Uhr-Feier in der Kinderstube sich, als ginge sie das Lernen gar nichts an, in den Arbeitsabend einschob; daß die gute Hängelampe, unter der man sonst, die Ellbogen aufg'estützt, über dem Schulbuch saß, die bunten, duftigen Gaben beschien; daß mitten auf bem Tische ein richtiger wollbärtiger Nikolo im weißen, steifen, goldverbrämten Bischofskieibe, bie kreuzgezierte, spaltige Bischofsmütze über bem rotbäckigen Wachsgesichtchen, den Krummstab an das winzige Händchen mehr gepappt als angelehnt, dastand und ein rotes Brettchen unter bem knittrigen Gewanb hervorsah, währenb neben ihm, von ben segnenb ausgeftrerften Aermchen Halbwegs zuriickgebrängt, ber Krampus, mit Silberpapierketten behängt, bie lange rote Tuchlappenzunge bleckte (manchmal gesellte sich ihnen wohl auch, klebrig anzuschauen, ein unter- georbneter Abkömmling aus ber freunblichen Kinberhölle, ber „Zwetschkenkrampus"); baß bie Großen nichts geschenkt erhielten unb bas ganze Aufgebot an ftillerfüllter Festlichkeit (aber anbers als an den (Beburts- und Namenstagen, die am Morgen einfetzten und im vollen Tageslicht erst ihren Höhepunkt erreichten) nur für die Kinder geschah und deshalb ja auch in ihrem Zimmer, es mit feinem milden Schimmer weihend, von- ftatten ging — das alles und noch viel, viel mehr an unaussprechlichem, unausdrückdarern, märchenhaftem Gehalt, der im versunkenen Garten ber Kinbheit tief wie Kaiserkronen begraben ist, bas war die Gnade dieses wunderbaren Winterabends. Denn daß für m'rf) noch außerdem „Tausendundeine Nacht", das Buch aller Magie der Dichtung, mit ihm, mit einem einzigen unvergeßlichen „Nikolo" verbunden ist, auf immer verbunden bleibt, bas ist mein allerperfönlichstes Geheimnis, das ich zwar verraten, aber schon gar nicht zu beschreiben imftanbe bin. Kr'stallene Zeit. Wintersonnlag am Lhiemsee. Von Albrecht Schaesser. Halb neun Uhr bereits? Aber war das nicht eben erst, daß ich aus ler Tiefe des Heizkellers dumpf die Geräusche des Schlackenhakens im Ofen und der unter den Koksbera gestoßenen Schaufel vernahm, die in die siebente Frühstunde gehören? Zwischen Wachen und Schlaf trug mich das traute Geräusch davon in das Lahr 1918 und die Stadt Berlin: der Klang der Kohlenschaufel im Hof des riesigen Mietshauses meldete die seit Tagen frierend erwartete Wagenladung an. — Wo ist nun 1918? Wo ist die Stadt der Termiten? ,r Wie ich den Flur im ersten Stock des Landhauses betrete, ist es die bezweifelte Stunde wirklich, denn das ganze Treppenhaus atmet liebliche Wärme, und es zwitschert unter dem Dache von gesprächigen Kinderstimmen. Ich steige zu dem kleinen Fenster hinunter, das neben der Haustur liegt, um nach dem Thermometer zu sehen; die Scheibe ist nur beschlagen, nicht gefroren; immerhin kann ich zufrieden sein, ein Grad Kälte zu lesen, und an der gläsernen Röhre vorbei sehe ich zugleich die Kampen- wand gar nicht fern schön in den Himmel gehoben. Ihr königlicher Kamm blitzt von Schnee in der Morgensonne, die Hänge darunter sind dunkel mit wenigen Streifen von Weiß, lieber dem kahlen Garten vor mir liegt nur eine leichte weihe Decke, aber in allen Fernen schimmern die Hänge weiß zwischen den dunklen Wäldern, dazwischen undeutlich die Häuser Priens mit beschneiten Dächern und die Nadel des Kirchturms. Unter dem reinen Himmel spricht Ortschaft und Natur vernehmlich das Wort Sonntag aus, — so wie es hörbar wird überall in der Welt, so unverrückbar hast du davon das Wissen im Innern. Auch das Eßzimmer, in das ich dreiviertel Stunden später eintrete, ist von Sonne durchflutet und köstlich warm, trotz seiner Größe, denn es ist fast acht Meter lang mit unzählbaren Fenstern, so daß die Landschaft von allen Seiten frei sich hereindrängt. Der fünfeckige Erker mit seinen Fenstern ist groß genug, daß man darin um den runden Eßtisch sitzen kann. Und während ich ihnen gegenüber die Morgensemmel von gestern abend — denn es ist Sonntag — und ein Getränk zu mir nehme, das die Hausfrau Kaffee nennt, und das auch so aussieht und jedenfalls heiß ist, bin ich doch damit ohne es zu wissen, beschäftigt. Denn ich habe nur unmerilich den Kopf zu bewegen, um immer andere Schöne zu sehn. Ganz nach rechts blickend kann ich in kleiner Ferne die weiße Zackenkette mit dem Wendelstein gewahren; ein wenig weiter nach links sehe ich dunkle Hügelwälder unfern und Landhäuser mit Giebel und Altan gegen die Sonne gewandt, von der sie leuchten; und immer weiterhin erheben sich die Kampenwand, ganz fern wie ein silbernes Geister- kchweben die Loferer Steinberge, der Hochgern wieder näher und unabsehbar nach Südosten hin zu immer kleinerer Ferne die Berge an Bergen bis zu denen von Salzburg hin, bis zum Dachstein unter leichten vergoldeten Wolken. In der Nähe aber darunter ein Streifen des Sees; das Schloß der Herreninsel funkelt im weißen Wald, und noch steht hinter ihm sichtbar im Dunst der Ferne der kleine feste Iahrtausendturm des Frauenklosters. Es ist eine festliche Aussicht, die dem hier wohnenden Menschen jeder Wochentag auch gewährt. Wenig später stapfe ich über das lehmige gefrorene Feld westwärts vom einsamen Hause weg zur Landstraße, die nordwärts führt nach dem Dorf, um die Post zu holen. Zart und frisch ist die Winterluft mit leichten Hauchen vom eben beginnenden Tauen. Unfern die weißen und tannengrünen Wälder dampfen ins helle Blau; dunkelblau in der Tiefe zur Rechten liegt die kleine Bucht von Schafwaschen, still und gefroren, unter den weißen Gestaden. Auch im Dorf ist Stille und die Leere des Gottesdienstes. Ich wandere weiter die gewundene Straße entlang bis ans Posthaus, und nachdem mir die immer rotwangige und immer freundliche Frau die alltäoliche Drucksache zugereicht hat, meinen Weg zurück. Die Sonne über den Bergen bricht jetzt mit heftigem Goldfluten durch graues Gewölk, so daß die Weite des Landes überall davon lodert; die Hänge, auf denen kein Schnee liegt, find blaudunkel und scheinen näher herangekommen; Föhn liegt schon hinter dem Gebirge. Hinter der Haustür im Inneren aber steht, wie ich sie öffne, ein kleiner Knabe, im blauen Sonntags-Matrosenanzug, steht verschmitzt auf und sagt zu mir: Onkell — Onkel, sagt er, du hast uns versprochen, mit uns Häuserchen zu kleben. — Habt ihr schon mit Ausschneiden angefangen? frage ich unbedacht; denn jede solche Frage ist die Entfesselung eines grenzenlosen Stroms von unverständlicben Darlegungen, und sie dauern auch diesmal noch, als ich oben im Dachgeschoß die Tür öffne und das Krankenzimmer betrete. Es scheint dämmrig darin, denn es hat nur ein kleines Fenster in der Balkontür, und außer dem großen Bett inmitten ist nirgends etwas anderes zu sehn als Berge von Spielsachen, unter denen vielleicht Tische und Stühle sind: Eisenbahnschienen, Baukästen. große Modellierbogen von Ankleidepuppen, und die kleine Ebene des Fußbodens unten ist bedeckt mit Ankerbausteinen, Schienen, aus- ?eschnittenen Papierpuppen und ihren köpf- und armlosen Kleidern. Aber o aehört sieb's ja wohl, denn so ist es immer aewesen. Sie hat Scharlach gehabt; das war nicht schlimm. Aber in ihr liebes Gesichtlein fiel ein abscheulicher Aurschlaa, der Tage und Nächte lang wie höllisches Feuer juckte. Davon ist ihr zehnjähriger, kleiner Leib recht matt geworden, und aus dem Kovf sind alle lateinischen Vokabeln gefallen. Immerhin lieat sie jetzt munter in dem zerwühlten Bett und reicht mir zum Moraengruß nur die linke Hand wie eine Brinzesstn. denn die rechte schneidet mit der Schere um ein z-ckiaes bu"tes St'"ck des Modellierbogens, eine rosa Hauswand mit weißblauem Giebel vom Fachwerk. "llnh mm bin ick eikrig und zu dreizehn Jahren verjünat, schiebe den praktischen Krankentisch neben dem B-tt zurecht, setze wich, ergreife den bunte" Bogen, und der Junge Im Stehen hinter dem Tisch, die Vati-ntin und ich wir schueiden alle drei emsig aus und vergessen nicht, die Nummern der Stück- auf di- R"'cks-it-' zu schreiben, damit wir sie später richtig zusammenfinden. Es ist auf mehreren Bogen eine ganz kleine Stadt, altdeutsch und toteibunt mit einer Mauer, in der Heine Häuser stecken, mit großem Renaissance-Rathaus und Kirche, mit Blumen, Läden und Menschen, ein Fingerglied hoch. Das Klebemittel meiner Kindheit hieß Dextrin, es wird noch heute verwendet. Besonders gut roch es nicht, aber wenn mir sein Kindheits- Geruch heute begegnet, so erscheinen mir viele Ritterburgen und Weih» nachtskrippen, Dörfer, Kästen und Mappen, zu denen seine braune Flüssigkeit mir verhalf. Einmal machte ich zwei kleine Kästen aus Pappe, nur 10 zu 7 Zentimeter und 2 Zentimeter hoch mit überstehendem Deckel und Boden; Weihnachtsgeschenke für meinen Vater. Die Ränder waren in Goldpapier gefaßt, die Seitenflächen und der Deckel hier mit weißem, dort mit schwarzem Papier bezogen, und darauf waren kunstvoll zerstreut winzige ausgestanzte Bildfigürchen geklebt; auf dem weißen, lauter bunte phantastische Schmetterlinge, auf dem schwarzen lauter Japanisches, kleine Tempel, Fächer, Brücken, Pavillons, Vasen, Blumen und Geishas. Den weißen Kasten sah ich später zuweilen im Amtszimmer meines Vaters wieder, wenn ich ihn dort abholte; es waren die schönen, weihbedruckten, blauen und roten Stempelmarken darin. Den schwarzen sah ich, glaube ich, das erste Mal an dem Tage, bevor ich zur Universität abreiste; sein Boden war schimmernd mit gemünztem Gold bedeckt, von dem für mich fünf große und fünf kleine Stücke auf die Schreibtischplatte gezählt wurden. Wo ist nun das Gold, das gemünzte? Jetzt heißt es Pelikanol, ist bei so kleinen Flächen bequem nut ber Fingerspitze aufzutragen, trocknet sogleich und verbreitet zudem einen holden Mandeldust durch das Zimmer. — Ja, wie der Gong unversehens das Mittagessen vermeldet, ist das ganze prangende Rathaus bereits aus- geschnitten, — gewaltiges Dach, Erker, Anbau, Türmchen und viele Kamine — und ich habe auch schon erkannt, daß Fingerspitzen weck leichter zusammenkleben als Papier, denn diese Kamin« sind so klein, wie ein Fingernagel und die umgebogenen Ränderchen zum Zusammenfügen nur zwei Millimeter breit. Klugerweise vollende ich erst alle Kamine und Erker und Anbau, um sie an die großen Flächen zu setzen, bevor ich das Ganze zusammenstelle. Beim Mittagessen im Erker ist kein Sonnenglanz mehr in der Natur; der See ist grau, dunkel die Berge, der schon geminderte Schnee bleich. Und wir sprechen miteinander, die Hausfrau und ich, von den Januaren der Jugend, in denen der Frost klirrte, die Gärten unkenntlich von Schnee waren, die sonnengoldene Eisfläche um die Rousseau-Insel fang, der Schlittschuh knirschte, und die Kavaliere in Hollanderbogen schwelgten und paradierten. Dies gibt es nur noch in Davos. Nach Tisch aber liege ich in der warmen Dämmerung des kleinsten Zimmers und ... wie ich aufwache, ist die Uhr drei, und der Föhn ist eingetroffen und faucht mit aller Macht um das erwärmte Haus. Ich ermuntere mich geschwind mit dem glühenden, guten und echten Sann» tagsnachmittags-Kaffee aus der Karlsbader Maschine der Hausfrau. Im Krankenzimmer, das ja nur das kleine Türfenster hat, brennt schon die kleine Stehlampe gelb, und gleich sitze ich wieder am Werk. Es ist äußerst warm, äußerst behaglich, und der vergeblich brausende Föhn tut das Seine dazu. Helfen können die Kinder nicht, außer zurerchen und die Stucke nach ihren Nummern finden. Ihre Finaerchen sind nach zu ungeschickt. Aber sie können reden, und zumal dieser Junge tut es ja ununterbrochen, der nun eben nicht denken kann, ohne zu reden. Er denkt aber nicht, sondern er redet nur. Nur ein Grammophon könnte es wiedergeben. Sie fragen auch nach allem, — was Fachwerk ist und was ein Barbier, wozu Rathäuser gut sind, warum es heute keine Stadtmauern gibt, was Bier mit Barbier zu tun hat und woher das Wort Drogerie kommt.' Um mitunter den Schwall des Geschwätzes zu hemmen, lasse ich sie langsam zählen, wenn ich ein nicht kleben wollendes Papier minutenlang zwischen den Fingern pressen muß, auch lateinisch wegen der Abwechslung: unus, duo, tres quattuor ... bis unversehens nono erscheint, du lieber Gott, sie hat auch vergessen, wie der November heißt. Oder wir üben sekundenzahlend den Atem anzuhalten. Ich will mich hervortun, aber die argen Kinder zählen so langsam, daß ich mit äußerster Mühe bis fünfzig komme und die verheißene Minute nicht erreiche. Um 6 Uhr gemahnt mich eine unterbewußte Stimme aus der Tasche meines Ueberziehers, daß ich heute morgen die gestern geschriebenen Briefe darin stecken ließ, anstatt sie in der Post abzugeben und ich breche betrübt die Arbeit ab, um den Weg bis zum Briefkasten nn Dorf dem Föhn abzukämpfen. .... ~ Der treibt mich schräg über die Aecker durch die blinbfinftre Nacht; unförmige Lehmgebilde sind, als ich die Landstraße erreiche meine Stiefel. Vom Dorf ist nichts zu sehn als die erleuchteten Fenster, dort hoch, dort niedrig; die gelbe Fensterreihe des Gasthofs ist so tief uberm Boden, daß eine Höhle der Erde dahinter zu fein scheint. Dabei fallt mir ein: , . .. , . Einmal verfertigte ich einen Lampenschirm; er war sechseckig, seine Wandungen von dünnem Karton waren mit einer Winterlandschast bedruckt und auf deren Hänge wurden eine Menge Häuschen geklebt, eine Mühle dabei, auch eine Kirche. Rote und gelbe Gelatine wurde innerhalb in die winzigen Rechtecke der Fenster geklebt, und als ber fertige Schirm über ber Glaskuppel ber Petroleumlampe hing, ba leuchteten überall bie Fenster in' der dunklen Landschaft, geheimnisvoll anzusehen und verzaubert. Hätte ich diesen Lampenschirm nicht als Knabe gesehn, so wüßte ich viele Dinge nicht, die mir später wunderbarer erschienen, nur weil sie größer sind. Das Treppenhaus empfängt mich Rückkehrenden dunkel, nur mit einem Lichtschein aus ber halboffenen Tür bes Badezimmers im oberen Flur; und ich sehe beim Hinaufsteigen schon ben Jungen nackt und in Seifenschaum in der Wanne plätschern. Ganz oben trägt bie Mutter das Waschbecken für die Kranke eben in die Tür, als ich eintreten will. Eine Viertelstunde später indes steht mein Rathaus in der Vollendung auf festem pappenen Grund, prangenden Aussehens mit ^reitwppe, Erker. Turm und Kaminen, grob als ber rotgebabete Junge zum Sitte» nachtsagen kommt und es furchtbar klein fmbet, viel kleiner, als ber große Bogen verhieß. Mich grämt die Ungerechtigkeit, aber ich schnippele unb pappe im Vollendungs-Wahn trotzdem, um auch den Brunnen noch ftrtigzustellen, so groß wie ein Markstück, ganz allein mit der Lampe, während die Kinder im Nebenzimmer ihre Gebete skandieren; und das fertige Werk trage ich ins Eßzimmer hinunter, wo Der Abendtisch schon gedeckt ist, und setze es mitten darauf. Mir ist es groß genug, und im Hellen Licht der oben verdunkelten Lampe schimmert es mit dem Riesendach ziegelrot und rosarot von oben bis unten. Sonntag feiern kann der Erwachsene nur, indem er sich in den Sonntag der Kinder begibt. Dies war ein rechtschaffener, guter Sonntag. Frank Wedekind. Von Paul W i e g l e r. Der soeben erschienenen zweibändigen „Geschichte der deutschen Literatur" von Paul Wiegler entnehmen wir mit Erlaubnis des Verlages Ullstein, Berlin, diesen Abschnitt. Den radikalen Abfall vom Bühnen-Naturalismus, der 1889 im Norden Henrik Ibsens mit Strindbergs Apostatentum eingesetzt hat, mit dem „Vater", der Antwort auf die „Gespenster", bereitet in Deutschland um dieselbe Zeit ein schlechtes Lustspiel „Die junge Welt" vor. Es ist in Zürich geschrieben worden von einem hannoverschen Landsmann, Altersgenossen und Freund Karl Henckells, Frank Wedekind, dem Reklame- und Pressechef der Suppenwürzenfabrik Maggi, und ist ein Pamphlet auf Gerhart Hauptmann. 1888 sind sie in Zürich zusammen- getrosfen. Gedichte Wedekinds und seine Posse „Der Schnellmaler ober Kunst und Mammon" haben Hauptmann sehr mißbehagt; und „Die junge Welt" ist zugleich eine Rache für das „Friedenssest". In dem Lustspiel ist Hauptmann der Dichter Karl Ludwig Meier, „mit bartlosem Antlitz, starkem Haarwuchs, während des ganzen Stückes in Jäger- scher Normalkleidung", Herausgeber der „Sonne", Monatsschrift für naturalistische Dichtung, eines „Organs für mannhafte Poesie", das sich im Ausgehen verfinstert. Das ist nicht die einzige Blasphemie. Noch infernalischer ist die von 1893, durch den Schriftsteller Aiwa Schön, in Wedekinds „Erdgeist": „Seit zwanzig Jahren bringt die dramatische Literatur nichts als Halbmenschen zustande. Das nennt man modernes Problem. Wenn ich bedenke, mit welch traurigen Jammergestalten sich mein Jugendfreund die Ehre erkämpft hat, der größte Dichter zu fein, dann wird es mir schwer, ihn um seinen Lorbeer zu beneiden. Seine Helden begehen Selbstmord, weil sie im Lauf von fünf Akten nicht bis drei zählen lernen. Und dafür begeistert sich ein in Gummiwäsche und Jägerhemden gekleidetes, von Schmutz starrendes Publikum von Klavierlehrerinnen, das an Häßlichkeit jeden Kehrichthaufen überbietet, der sich an den Hinterpforten eines Palastes aufbaut." In München hat Wedekind 1890 fein modernes erotisches Pasquill „Frühlingserwachen" gedichtet, eine „Kindertragödie". E. T. A. Hoffmann und Büchner sind in diesen Szenen, in denen die Mitglieder eines Lehrerkollegiums Sonnenstich, Affenschmalz, Knüppeldick, Hungergurt, Knochenbruch, Zungenschlag und Fliegentod heißen; Fluch und Schauer der Pubertät und Harsenmelodien an frischen Gräbern werden durch ein gellendes Gelächter übertönt, das Gelächter Satans. 1896 trat Wedekind wieder in München in den Vordergrund durch den „Simplizissimus" Albert Langens. Die ersten Nummern enthalten seine Gedichte, die dann in den „Vier Jahreszeiten" gedruckt werden, und die Novellen des Bandes „Die Fürstin Rusialka". Er ist nun der Dichter des „Erdgeists", des Dramas von Lulu, der paradiesischen Schlange und Mörderin, in dessen Prolog er selbst als Tierbändiger „in zinnoberrotem Frack, weißer Krawatte, langen, schwarzen Locken, weihen Beinkleidern und Stulpen« ftiefeln", mit der Hetzpeitsche klatscht und einen Revolver ins Publikum feuert: „Der eine Held kann keinen Schnaps vertragen, der andre zweifelt, ob er richtig liebt, den dritten hört ihr an der Welt verzagen, fünf Akte lang hört ihr ihn sich beklagen, und niemand, der den Gnadenstoß ihm gibt. Das wahre Tier, das wilde, schöne Tier, das, meine Damen, sehn Sie nur bei mir.“ 1899, als Wedekind, Majestätsbeleidiger in einem „Simplizissimus“- Eedicht gegen Wilhelm II. verfolgt, auf Königstein in Sachfen Festungshaft abgebüht hat, ist er der Verfasser des „Kammersängers", 1900 des „Marquis von Keith". Und 1902 der „Büchse der Pandora", die das Drama der Sulu schließt und sie in einer Londoner Dachkammer den Tod durch Jack den Aufschlitzer sterben läßt. Die Blasphemie zerfällt. Nach dem Pantomimus von Knockabouts, Hochstaplern, Kunstreitern, Athleten und Phrynen, nach der Abgebrühtheit seines Bänkel- fangs, der Gossensentimalität, die das Gefühl totschlagen soll, wechselt Wedekind den Stil, und er wird tragisch. Mit der Romantik des Dramas „So ist das Leben" beginnen 1902 die Schauspiele, in denen er sich bekennend porträtiert. Der erste feiner Doppelgänger, Nicolo, König von Umbrien, wird verjagt, auf Dem Jahrmarkt, auf dem er fein Schicksal darstellt, wird er als Charakterkomiker verlacht, und er, der die Spuren der Allmacht erforscht hat, verreckt im Wahnwitz. Bestürzend ist diese Rhetorik: „Mein Herz stößt wie ein gefangener Raubvogel gegen die Rippen", ist ihr Symbol der Glücklosigkeit: „Vorwärts, Brüder, daß wir die Elendenkirchweih nicht versäumen! Nur einmal im Jahr bietet bas Glück uns die Hand". Vor der dogmatischen Verruchtheit des TOar« juis Casti-Piani, des Mädchenhändlers im „Totentanz", gibt Wedelnd 1904 das Schauspiel „Hidalla". Der Vierzigjährige sagt mit kritischen Erinnerungen an Ibsens „Solneß": „Ich wollte die Menschen verleiten, Erntefest zu feiern, ohne daß Ernten eingebracht waren. Ich wollte sie verleiten, Richtfeste zu feiern, ohne daß Häuser gebaut waren." Der emmoralift predigt eine „Moral der Schönheit" und führt diese Moral »0 absurdum. Er ist, nachdem er 1901 mit buntbebänderter Gitarre einer der „Els Scharfrichter" war, fein eigener Mime; und Karl Het- >nann, der Sekretär des „Bundes zur Züchtung von Rasfenmenfchen", ber bucklige Prophet, der Betrogene, der sich mit einem Strick erhängt, um nicht im Zirkus Cotrelly „dummer August" werden zu müssen, hat Dedekind faltigen- Arachoretenkops, seine In Höhlen liegenden Mönchs- augen. Ahasver Ist auferstanden und wünscht sich Frieden: „Mich stieß die Gesellschaft einst als unbrauchbar aus ihren Kreisen aus. Ich ging nicht zugrunde, kam zurück und bot ihr meine Dienste an. Die Gesell- schäft stieß mich wieder als unbrauchbar hinaus, ich ging wieder nicht zugrunde, ich bot ihr wieder meine Dienste an. An ein dutzendmal in meinem Leben hat sich dieser Vorgang wiederholt. Niemanden kann es wundern, daß mich der Kampf draußen mit den (Elementen auf andere Gedanken brachte, als man in der bürgerlichen Gesellschaft hegt. Sind meine Gedanken unrichtig, dann beseitigt mich die Welt in ihrer Unerbittlichkeit, ohne sich nach mir umzusehen. Nimmt aber die Menschheit meine Gedanken auf, dann gebührt der Menschheit das Verdienst, nicht mir." Der Reformator Hetmann-Wedekind verteidigt mit zähem Ernst sich und seine Mission. Das ist die Phase Frank Wedekinds, des Moralisten. Er, der Verfemte, hofft auf einen Ausgleich mit den Staatsbehörden, als in dem Prozeß um die Freigabe der „Büchse der Pandora" ein preußisches Gericht ihm bestätigt hat, daß seine Produktion keine niederen Motive habe. Er schreibt den Einakter „Die Zensur", die seltsame pathetische Disputation, in der Buridan, der angefeindete Dichter, dem Zensor Dr. Kajetan Prantl seine geheimste Sehnsucht erklärt: „Seit frühester Kindheit arbeitete ich daran, die Verehrung, die uns die schone Natur einflößt, mit der Verehrung auszusöhnen, die uns die ewigen Weltgesetze abtrotzen. An der Schönheit der Weltgesetze haben wir keine Freude. Vor den Gesetzen weltlicher Schönheit hegen wir keine Achtung. Die Wiedervereinigung von Heiligkeit und Schönheit als göttliches Idol gläubiger Andacht, das ist das Ziel, dem ich mein Leben opfere, dem ich mit frühester Kindheit zustrebe." Aber auch in diesem Stadium verstummt Wedekinds Selbstpersiflage nicht. Als er in der „Musik" gegen den Abtreibungsparagraphen humanitär polemisiert hat, bringt er sich zugleich als den Literaten Lindekuh an, den der ehrenwerte Gesangspädagoge Josef Reißner anschreit: „Du host einen Sparren! Du giltst infolge deiner Schriften seit Jahren als der unmoralischste Mensch, der unter Gottes Sonne herumläuft; in Wirklichkeit läufft du aber tagaus, tagein mit einem ungestillten, unersättlichen moralischen Heißhunger umher! Du bist moralisch ein Monomane!" Und in dem faustischen „Stein der Weisen", der trüben Geisterbeschwörung, muß Basil sich von Gwendolin als ein „Büchernarr" verhöhnen lassen, als ein Philosoph, „der an anderen die Freuden studiert, um die es sich handelt", und mit Gott auf gespreiztem Fuße verkehrt. Der Dichter Wedekind bereichert die Ketzerchronik der deutschen Poesie. In aller Fratzenhaftigkeit ist er der zarte Künstler des Capriccios „Mine-Haha“. Und eine ganze Generation lebt von feinem dramatischen Erbe. Der Schlund. Roman von Alfred Bock. (Fortietzung.) Der Geschäftsfreund schrieb: „3m Handel geht es herauf und herunter, das ist man nicht anders gewohnt. Aber heutzutag ist das Geschäft so mit Nadeln gespickt, daß man sich sticht, wo man es angreifen mag. Die Petroleumgesellschaft in Galizien hat ein großes Geschrei gemacht, nun stellt sich heraus, es sitzt nichts dahinter. Sie hat einen Knäuel Schulden und bezahlt keine Dividende. Man spricht, sie ist bankrott. Aus Frankfurt sind zwei Herren drunten gewesen, die haben aber nichts ausgerichtet. Ich hatte es gut mit Ihnen gemeint, wie ich Ihnen die Aktien empfahl. Daß Sie um Ihr Geld kommen, ist mir sehr leid. Die Gesellschaft hat viele Leute geschoren. Ich selbst verliere mehr, als ich in Jahren verdienen kann. Man wird alt und lernt nicht aus." Weih wie die Wand sank die Neumüllerin auf einen Stuhl. Zwölftausend Mark waren hin. Um Gottes willen, zwölftausend Mark! Der Teufel hatte sein Spiel dabei und der Falk seine Prozente. Noch so ein Schlag und sie war ruiniert Sie sprang auf. „Ich tus aus Freundschaft, daß ich Ihnen die Mtten verschaff", hatte ihr der Falk vorgelogen. „Die Leut lecken die Finger danach. So was hat keinen Vergang. Greifen Sie zu. Ihr Geld steht gut. Sie werden klotzig verdienen!" Sie hatte ihm geglaubt und er hatte sie schmählich betrogen. Daß er Hacke und Stiel kriegte, der Schuft! Die Mühle durfte er ihr nicht mehr betreten. War es nicht ein schrecklicher Leichtsinn, daß sie dem Bauernfänger erlaubt hatte, ihr in die Karten zu gucken? Worauf hatte es so ein Petzer abgesehen? Daß man auf Gnade und Ungnade ihm ausgeliefert war. Gab sie ihm einen Tritt, war ihm wohl zuzutrauen, daß er der Aufsichtsbehörde einen Brief, der sie blohstellte, in die Hände spielte. Der neue Gendarm hatte sie auch auf der Muck. Sie war nicht so leicht zu fangen. Und doch war ihr nicht behaglich dabei. Sie schritt, die Stirn krausziehend, in der Stube auf und ab. Was tun, eh sie ihr das Haus durchschnupperten? Da gab's nur einen Weg: retten, was noch zu retten war. Keinen Tag länger durfte das Geld im Weißzeugschrank bleiben. Aber wohin damit? Ei ja! da kam ihr ein guter Gedanke. Sie schaffte es zu ihrer Gote nach Ruttershausen. Da suchte es keiner, da war es sicher. Von diesem Vorhaben ganz erfüllt, eilte sie in die gute Stube. Sperrangelweit stand die Tür offen. Ihr erster Blick siel auf ihr kostbares Leinenzeug, das kunterbunt auf dem Boden lag. Das Blut erstarrte ihr in den Adern, sie war wie gelähmt. Hier hatte ein Einbrecher gehaust. Der hatte gut Bescheid gewußt. Ihr Atem flog. Mit einem Satz war sie am Weißzeugschrank. Wo war ihr Geld? Ihr Herz stand still. Die Ecke war leer, das Geld war fort! Sie suchte in Hast die Stube ab. PraUte zurück. Da — der Aschenkasten! Verkohlte Bankscheinreste drin. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus. Setzte die Finger auf die Stirn. Hier war kein Einbrecher gewesen. Das hatte die Helene Kampmann geschafft! Rasend vor Wut rannte sie in die Kammer der Bochumerin. Tod und Teufel I Das Nest war leer. r Sie heulte auf. Raufte ihr Haar. Das war das Ende. Sie war ruiniert. Lang stand sie, der Verzweiflung überlassen. Dann stieg sie schleppenden Schrittes zum Speicher hinauf, der zur Aufbewahrung des Getreides diente. Durch die Schachte strömte die Luft, kühlte ihr die brennenden Wangen. Auf einer leeren Kiste ließ sie sich nieder. Ein stechender Schmerz zerriß ihr den Kopf. Die Augen quollen ihr aus den Höhlen. In ihren Ohren war ein grausames Lärmen. Herrgott im Himmel, sie kam vom Verstand! Sie schüttelte sich. Rein, dreimal ein! Sie kam nicht vom Verstand. Mit klaren Sinnen wollte sie ihrem Anglück ins Auge sehen. Sie zog die Brauen fest zusammen. Rahm eine ruhigere Haltung an. Wie war denn all ihr Leben gewesen? Aeber ihrem Jugendland hatte die Sonne geleuchtet. Von dem Tag an, da ihr Bräutigam, der Krihlershermann, sich von ihr abgekehrt, reichte ein Mißgeschick dem andern die Hand. An ihres Vaters Haus stand, noch vom Arahn her, die Inschrift: „Ein Mensch ohne Geld Ist wie tot auf der Welt!" Ihr Vater hatte Geld wie Laub, war eine Respektsperson. Jeder wollte sein Vetter sein. Sein Leibspruch war: Reich bei Reich. Bettel zu Bettel! Sie hatte des Vaters Blut, dachte nicht anders. Ein Mensch ohne Geld war wie tot auf der Welt. Was gab man auf eines armen Mannes Zorn? Das Geld kam bei ihrem Vater zum Dor hinein und flog zum Schornstein wieder heraus. Darin hatte sie nicht fein Blut. Sie hielt's zusammen. And das muhte der blasse Reid ihr lassen: sie hatte die Mühle in Schwung gebracht. Alles ging wie am Schnürchen. Das war ihr Werk. And doch hatte sie keinen Halt im Hause. Ihre traurige Eheschaft trug die Schuld. Ihr Mann hatte sich mit einer andern gemein gemacht. Vom besten Glück, ein Kind zu haben, hatte sie nichts erfahren. Das Stadtmädchen, an das sich ihr Herz gÄlammert, das sie mit Wohltaten überschüttet hatte, war zur Verbrecherin an ihr geworden. Wo war die himmlische Gerechtigkeit? Die Leute beteten zum Herrgott droben, dankten für seine Liebe und Güte. Sie hatte nichts davon gespürt. Sie hatte keine Ursache, dem lieben Herrgott zu danken, hatte allen Grund, ihm aufsässig zu sein. Was stand ihr bevor? Arm und verachtet zu sein. Dagegen bäumte ihr Stolz sich auf. Lieber sieben Klafter tief unter der Erde. Das Leben hatte keinen Wert mehr für sie. Sie warf es fort. Sie stand auf. Ging entschlossen zur Tür und verriegelte sie. Anter den Donbalken schob sie die leere Kiste. Löste von einem Fruchtsack den Strick. Den befestigte sie. sich auf die Kiste stellend, an einem der Krappen, die in den Balken geschlagen waren. Darauf machte sie eine Schlinge. Schob den Kopf hindurch. Stieß mit dem Fuß die Kiste weg. Die Körperschwere zog sie hernieder. Dann erlosch ihr Bewußtsein. Sie war erstickt. Im selben Augenblick hob das Mühlwerk zu Kippern an. Ein Schütter» ging durch das Haus. Der Körper der Selbstmörderin bewegte sich hin und her, wie wenn sie noch im Tod keine Ruhe fände. Am zehn Ahr meldete sich der rote Schauß, der „Mühlarzt" aus Marburg. Bei einem neugelieferten Sichter paßten die Rahmen nicht. Das Wahlgut sickerte durch. Ter Mühlarzt, der dem abhelfen sollte, wollte mit seiner Arbeit nicht eher beginnen, bis er die Reumüllerin gesprochen hatte. Sie wurde vergeblich.gesucht. Da fiel's dem Ohrlih ein, aus den Speicher zu gehn, wo die Reumüllerin um diese Zeit das Getreide umzustechen pflegte. Feuer und Wacht! Die Tür war von innen verschlossen. Ein kräftiger Tritt und sie flog auf. Dem Ohrlih standen die Haare zu Berg. Entsetzt drängte er die Arme gegen die Flanken. Starrte die Erhängte an. Sie zu berühren wagte er nicht. Zähneklappernd schlackerte er zum Hannwilm hinunter. ,,s' ist was Furchtbares passiert!" stammelte er, die Augen verdrehend. Der Reumüller, der in seinem Sessel saß, schnellte in die Höhe. „Was ist passiert?" „Die Reumüllerin hat sich uffgehunken!" „Herr Jesses im Himmel! Wo?" „Auf'm Speicher." Dem Hannwilm schoß das Blut zum Herzen. Er meinte, es würfe ihn um. Doch hielt er sich aufrecht und rief: „Laß alles stehn und liegen und hol den Bürgermeister her!" — Die Eulerskett war's, die ihrer Hausgenossin, der Wecklersanna. die Rachricht vom gewaltsamen Tod der Reumülterin überbrachte. Mit klopfendem Herzen bekannte die Wecklersanna, ihr fei heut früh bei der Arbeit auf einmal so artlich gewesen, als drücke ihr jemand die Gurgel zu. Das sei aber rasch vorübergegangen. Zur selben Stunde war das Grausige in der Mühle geschehen. Gott mochte wissen, wie das zusammenhing. „Vorm Backhaus", berichtete die Eulerskett, „ist ein Gekrisch, man kann sein eigen Wort net verstehn, 's heißt, der Reumüllerin wär ihr Geld gestohlen worden, 's heißt auch, sie sollt eingrsponnen werden. Dessentwegen hätt sie sich umgebracht. Rix Gewisses weiß man net. 'S sind net die Besten, die in der Reumüllern ihrem Schmutz herumrühren. Sie war ein bös Weibsgeschirr, gewiß. Sie muß aber Doch auch guttätig gewesen sein. Der Lanzeheinrich erzählt, vor ein Jahrer zehn oder zwölf war eine Frau am Haineck hausseß. Die schrieb sich Wiessener. Sie hat! nix zu reißen und zu beißen und halt dadebei noch eine schlechte Brust. Die Gemeind wollt ihr was geben. Sie tat aber nix nehmen, tat noch taglöhnern mit ihren alten Knochen. War sie nu auf dem Feld, ist die Reumüllerin als heimlich bei sie gangen und hat ihr Butter und Wehl in ihr Gekriech gelegt. Das hüben die RachbarSleui gesehen. Wann man die Hacheburgern gekannt hat und so was hört, wie soll man sich da ein' Vers drauf machen?" Der Wecklersanna Gedanken waren bei ihrem Herzensfreund, der, von schwerer Verwundung genesend, so Fürchterliches erleben mußte. Er war der Stärkste nicht, hatte ein weiches Gemüt. Darum hatte er unter der Galle und Zanksucht der Reumüllerin doppelt gelitten. War sonstwo in einer Eheschaft die Frau voll Gift, legte der Mann ihr Fünffingerkraut auf's Gesicht. Dazu war der Hannwilm nicht geschaffen. Run war er von dem bösen Geist erlöst. Wie mocht's ihm sein? Er brauchte Ruhe und Frieden und warme Liebe. Sie fühlte die Kraft in sich und den treuesten Willen. And dürft ihm nicht helfen! 10. Auf die Mitteilung des Bürgermeisters hin erschien alsbald eine Abordnung des Gerichts im Dorf. Die Antersuchung der Leiche durch den Kreisarzt ergab, daß an der Reumüllerin kein Verbrechen verübt worden war. Das tolle Durcheinander in der guten Stube, die verkohlten Bankscheinveste, die man im Aschenkasten fand, deuteten darauf hin, daß die Reumüllerin in einem Anfall von Geistesstörung ihrem Leben ein Ende gemacht hatte. Das Gericht trug kein Bedenken, die Leiche zur Beerdigung fveizugeben. Im Auftrag des Reumüllers ging Woeckel, der Schmied, zum Pfarrer, bestellte beim Schreiner den Sarg und hieß die Leichenträger, am nächstfolgenden Tag in die Mühle zu kommen. Rur wenige Männer und Frauen waren's, die der Reumüllerin das letzte Geleite gaben. Als der Leichenzug den Friedhof erreichte hatte der Totengräber gerade seine Arbeit beendet. Dem Brauch gemäß legte er Hacke und Schüppe kreuzweise über das Grab. In seiner kurzen Rede sagte der Geistliche, ob die Abgeschiedene bei vollem Verstand oder in Sinnes Verwirrung Hand an sich güegt, entziehe sich seiner Wissenschaft. Das Urteil über sie zu sprechen, fühle er sich nicht befugt, das überlasse er Gott. Wohl aber seien an diesem Grab ein paar Worte am Platz, die manch einer beherzigen könne. Der gewaltige Krieg habe die Menschen, nicht bloß in der Stadt, sondern auch auf dem Land verroht und verwildert. Dor allen Dingen sei es der Geldgöhe, der den Menschen zur Verdammnis werde und die Stimme des Gewissens ersticke. Roch sei nicht abzusehen, wann das blutrote Feuer draußen erlösche. Der Daheimgebliebenen Pflicht sei, Laster und Leidenschaften mehr denn je zu bekämpfen, dem Wucher und Mammonsdienst zu entsagen, auf Ehre und guten Ruf zu halten. Rur wenn die Heimat in Zucht und Ordnung hinter ihm stehe, sei zu hoffen, daß unser Heer den Feind bezwinge. Einem besseren Geist im Dorf Bahn zu brechen, dazu fei jeder Rechtschaffene nach seiner Kraft berufen! — Auf dem Heimweg vom Friedhof sagte der Drückenfchuster zum Schollehupper: „Dem Pfarrer seine Predigung ging wie geschmiert. He macht den Leut die Höll heiß. And hat recht. Die Reumülterin rapscht net mehr! 's sind aber noch genug im Ort, die sollt der Deubel lotweis holen!" „Guck über den Zaun", versetzte der Schollehupper, „da hast du die Pfefferbrüh. Die Habsucht frißt die Völker auf. Das ist im großen so wie im kleinen. Ich will unserm Herrgott beiteib net ins Handwerk pfuschen, aber das mantenier ich: he hat am sechsten Tag erst die Menschen geschaffen, und sie sind auch danach!" Ein paar dicke Bauern fanden sich nach dem Begräbnis in der Mühle ein, ihr Beileid zu bezeigen. Da sie nicht bewirtet wurden, hielten sie sich nicht lang aus. Einzig der Meister Moeckel blieb zurück und leistete dem Hannwilm Gesellschaft. Der war zu aufrichtig, den trauernden Witmann zu spielen. Daß seine Frau in Geistesumnachtung zum Strick gegriffen, wollte ihm nicht in den Sinn. Gewissensbisse mochten sie in den Tod getrieben haben. Jetzt, da er die Leitung des Geschäfts wieder übernahm, war er auf Aeberraschungen schlimmster Art und auf den Besuch der Aeberwachungsbeamten gefaßt. „Du warst im Feld", äußerte der Schmied seine Meinung, „und hast dein' Mann gestellt. Was deine Frau derweil verunrecht' hat, kann dir keins auf den Buckel packen. Laß die Aufsichter nur erst sehen, daß du an der Spritz stehst, dernachert renkt sich alles von selber ein. Man soll über ein' Toten nix Schlechtes reden, ich sag nur: deine Frau hat sich zur rechten Zeit fortgemacht!" — Die Mühte hatte stillgestanden, bis das Grab sich über der Reumüllerin geschlossen. Run zog der Ohrlitz die Schleuse hoch. Wie das Wasser auf das Schaufelrad niederbrauste, rief jemand mit gräßlicher Stimme: „Schneid mich ab, schneid mich ab!" ' Dem Ohrlih fiel das Herz in die Schuhe. Kein Zweifel, es war die Selbstmörderin. Die ging zur Strafe für ihre Sünden um. In seiner Kammer wurde der Alte nachts durch ein verdächtiges Klopfen aufgeschreckt. Was gewahrte er? Die Reumülterin guckte leibhaft hinter dem Ofen hervor und hob drohend den Finger. 3n wildem Schrecken lief der Ohrlih davon. Im Dorf erzählte er, was ihm begegnet war. Keine zehn Pferde hätten ihn in die Mühle zurückgebracht. An seine Stelle trat ein Kriegsbeschädigter aus Kinzenbach Die Leute wollten ihren Augen nicht trauen, als sie sahen, daß der Hannwilm in der Mühte wieder die Hand anlegte. Seine schwerden schienen wie sortgeblasen. Er war morgens der Erste um abends der Lehte. Der Wilte tat altes. Die dicken Bauern, die da glaubten, der Reumüller werde wie feine Frau ihren Argheitrn Vorschub leisten, hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Hannwilm mahlte den Selbstversorgern nicht mehr Getreide aus, als ihnen auf ihren Karten zugestanden war. Die nächtlichen Fahrten der Spihbubenwägelchen hörten zum Verdruß der Schleichhändler auf. Das Mehl aber, das die Aeu- müllerin in gewaltiger Masse aufgespeichert hatte, wurde zu vorschriftsmäßigem Preis verkauft. Die geringen Leute atmeten auf. lFortsetzung folgt) Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche AniversitätS^Duch- und 6teinhrudetei. R. Lange. Dieben.