SiehenerKmiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger MgangMO Freitag, den 5. September Nummer 68 Spätsommer. Von Diemar M o e r i n g. Astern blühen im Garten und Georginen Neigen sich hinter den frierenden Hecken am Zaun, Dunkel und schwer wie ein Lächeln von einsamen Fraun Manchmal hinter vergilbten Gardinen. Und im Park, wo die Bäume verarmt sich im Winde entkleiden, Ruhen die Weiher, von goldener Schwermut umsäumt, Und Schwäne gleiten bleich und verträumt Durch die fröstelnden Gitter der Weiden. Und unter der Wege von Abend beschattetem Schweigen Langsam hörst du Schritte durch raschelnde Blätter gehn, Oder Stimmen, die fremd in die Dämmerung wehn — Und Früchte lösen sich nächtens von sinkenden Zweigen — Manchmal aber, hinter vergilbten Gardinen, Dunkel neigt sich «in Lächeln von einsamen Fraun. Im Garten, hinter den frierenden Hecken am Zaun, Astern blühen und Georginen. — Oer Deich. Von Frank F. Braun. (Nachdruck verboten.) Der Deichhauptmann Hofbesitzer Hoyersen hielt zwei Finger abgespreizt in die Lust. „Windstärke 9", sagte er, aber das ist erst der Anfang. Uwe Karsten bückte sich und hob den Sack von der Türschwelle auf und schultert« ihn. „Ich muß mich beeilen", sagte er, „daß ich noch vor km Wetter an den Deich komme. Es wird nicht trocken kommen, und ich habe Mehl und Zucker im Sack, die den Regen nicht gut vertragen." Er nickte Hoyersen zu und ging die Kirchenstraße entlang, di« aus dem Dorf herausführte. Er schritt rüstig aus und hatte bald die letzten Anwesen hinter sich gelassen. Der Sack mit dem Proviant für die Woche war nicht schwer für ihn, der an diese Einkäufe und ihren Transport ms dem Rücken gewöhnt war. Zweimal in der Woche kam er von seinem Deich ins Dorf: zweimal wöchentlich verlieh er das kleine Haus am Wall und sah und sprach Menschen. Aber sie blieben ihm im Grunde sremd. Er verstand sie nicht mehr. Er war alt geworden in seiner Einsamkeit. Wie alt eigentlich? Damals, als die Sintflut über die Hallig kam, war er ein junger Bursche gewesen. Er hatte gerade die Irina heim- gesiihrt. Richt in das einsame Haus am Deich, das er jetzt bewohnte, das stand zu der Zeit noch nicht; auch der Deich existierte noch nicht. Das mar es ja gewesen, was das Unheil dieser Sturmflut so riesengroß gemacht hatte. Damals ... Er sah über die Felder. Der Roggen stand geneigt vom Gewicht reinerer, bewimperter Aehren. Der Sturm, vom Meer hereinjagend, schte sein Spiel mit ihnen fort und ließ diese Halme wogen und rauschen. Gr mar stärker geworden, dieser Sturm, Uwe Karsten mußte sich ihm «nigegenstemmen, wollte er vorwärts kommen. Die Felder wurden $$ei= den. Zusammengedrängt ftand das Rindvieh, schwarzweiße Flecke im dunklen Grün. In den Ablaufgräben wühlten eifrige Enten unbekümmert nach Nahrung. Eine Schar Gänse stand am Rain und sah den Nernten Vettern zu. Als Uwe Karsten nahe vorüber wollt«, stießen sie mmende Verwünschungen aus; als er dicht bei ihnen war, verstummten lle wie auf Kommando, hielten die Köpfe und Häls« schief und sahen A an, sahen ihm nach. Einzelne Regentropfen fielen, aber Uwe Karsten merkt«, das war k«in richtiger Regen. Dieser Sturm kam doch trocken. «r Mitt rascher aus; seine Stirn faltet« sich in Nachdenklichkeit. Der Wn, bas ist immer etwas Weiches, Vergehendes schon. Tränen in Mm Fall. Trockener Sturm, — das war Haß! ...Der Himmel verfinsterte sich. Aus tieftreibenden Wolkensetzen fiel di« Mmerung viel zu früh über das Land. In der Ferne tauchte die dunkle Mer bes Deiches auf. Uwe Karsten lief fast, er floh dem Haus ent« mtKp’ er 6ef sich selbst davon, ober den Bildern, die da plötzlich in ihm »er?«®en" 50 sichre, das ist also nichts, das ist keine Zeit, in der man '■ ju, kann? Auch damals begann es so. Am Nachmittag verdunkelte Sei« ^""mel und ein trockener Sturm blies von der See herein. nem ersten Anprall schon erlag das Vorwerk, die Brandungsaufschüttungen wurden weggewaschen und die Flut schoß ins Land. Das war nicht dagewesen bis zu der Zeit. Eine Chronik aus dem 18. Jahrhundert zwar vermeldete Aehnliches, aber sie klang unglaubwürdig. Uwe Karsten war mit den Skager Ewern draußen gewesen; sie hatten den Sturm an der Küste abgewartet, hinter Sylt, von der Insel geschützt. Am andern Morgen lag die See spiegelblank, di« Sonne strahlte, — er erreichte fein Haus, riß die Tür auf und fchloß sie hastig wieder. Aber die Gedanken, diese Erinnerungen waren doch mit hereingekommen. Er wurde sie nicht los. Als er den Spirituskocher entzündete, sich heißes Wasser zu kochen und den durchwehten Körper mit einem steifen Grog zu erwärmen, als er in die kleine bläuliche Flamme sah, stand das Bild wieder auf in ihm, das ihm van jener Nacht vor 50 Jahren geblieben uwr. Sie die heimkehrenden Fischer hatten nie genau erfahren können, wie das alles geschehen war, wie es dies schreckliche Ausmaß annehmen konnte. Die erste Flut war über die Felder gerannt, hatte alles nieber« geworfen und erschlagen, was sich ihr in den Weg stellte; Scheunen, Ställe, Bootsschuppen; alles Vieh, alles Kleingetier, die Hühner, sogar die Enten und Gänse. Im Dorf hatte die Glocke geläutet; nicht um zu warnen oder zur Rettung aufzufordern, da war nichts zu retten, das wußte auch der Pastor. Er ließ die Glocke läuten, Gott aufmerksam zu machen. Herr hilf uns, wir verderben! Aber sie läutete wohl nicht laut genug, die arme Dorfglocke, oder sie reichte nicht aus, Gott von dem großen Ziel abzubringen. Als die Sturmflut den zweiten Anprall vor- wars und auch das Dorf überrannte, verstummte sie. Es war niemand mehr da, sie in Schwingung zu setzen. — Tauben blieben am Leben, Tauben, die im Glockenstuhl genistet hatten. — Als mit den ersten Strahlen des Tages, kaum daß der Sturm sich gelegt und die Wasser zurückgeflossen waren, die Bewohner des Süddorfes sich heranwagten, als die Fischer, bei denen auch Uwe Karsten war, heimkamen, fanden sie eine Stätte des Grauens an Stelle der blühenden Landschaft und des sauberen Dörfchens, das sie verlassen hatten. Die Felder waren versandet, Kühe mit aufgetriebenen Leibern lagen im Schlamm. Di« Häuser waren eingestürzt, von einigen standen nicht einmal mehr di« Mauern. In dieser Sturmnacht waren viele Betten zu Särgen geworden. Auch Trina war unter den Toten. Uwe Karsten drückte die Spiritusflamme aus. Er goß den Rum in das kochende Wasser; Zucker verschmähte er. Er wärmte sich die Hände am Glas; dann trank er. Freilich wurde geholfen, damals. Die ganze Küste gab, das ganze Deich. Aber die Toten waren nicht wieder zu erwecken. Das Dorf begannen sie wieder aufzubauen. Sie waren hart, diese Friesen; ihr Trotz wurde ein einiger Will«. Nun gerade! Zudem ward vom Deich beschlossen, einen Deich zu bauen. Man rvar schrecklich gewarnt. — Herren vom Festland kamen, grüßten die Inselbewohner sehr höflich und ernst, und gingen an die Arbeit. Sie vermaßen das Land, berechneten und errechneten und reiften wieder ab. Paftor Bröhan sagte, daß es Ingenieurs gewesen seien. — Nun ging alles sehr rasch, als habe man es mit der Angst bekommen. Viel fremdes Volk kam ins Land; Männer mit fchwar- zen Haaren und braunen Gesichtern. Sie tauten den Tabak nicht oder steckten ihn in die Pfeifen, — sie drehten ihn in Papierrollen und zündeten diese bann an. Pastor Bröhan nannte dies« Leute Italiener. Aber sie arbeiteten tüchtig, das mußte man ihnen lassen. Der Deich wurde damals zum selben Winter fertig. Das klein« Haus erstand, und die Stellung des Deichwaris wurde ausgeschrieben. Uwe Karsten meldete sich. Er war von der Insel, er kannte das Wetter, und, was wichtiger war, seine Anzeichen. Er bekam den Posten und bezog das Haus. 50 Jahre... demnach war er heut« an 70 Jahre alt? Er schüttelte den Kopf. Das Leben war wohl an ihm vorübergegangen, es hatte ihn in der Einfamkeit vergessen. Er nahm den Oelmantel vom Haken und zog den Südwester tief ins Gesicht. Dann machte er sich auf zu einem Rundgang rings an feinem Deich entlang. Als er vor die Tür trat, warf ihn der Sturm glatt um. Er muhte sich in den Schutz des Deiches verkriechen, oben zu gehen, war ganz ausgeschlossen. Zudem war bas Vorland überflutet, das Wasser wurde vom Sturm einfach in die Lust geworfen und fiel meist dichter dem Deich, wo der Sturm den stillen Winkel überspringen mußte — wie mit Eimern gegossen auf bas ßanb. Ein Heulen war in ber Lust, als schrien hunbert Dampfsirenen bumpfe Warnungen. Warnungen? Dieses Toben ber Elemente war immer beunruhigenb, aber Uwe Karsten meinte boch dem erprobten Wall, biesem Deich, der nun schon so lange hielt, vertrauen zu dürfen. Er schritt die Hänge ab; wie Festungsvorsprünge waren sie gebaut, einer den anderen stützend; mit schräg zurückgestellten Füßen stand dieser Deich gegen das Meer gereckt. Und das Meer tobte gegen ihn an, der Sturm riß an ihm, und am Ende würden sie beide ablassen vorn Menschenwerk, Meer und Sturm, und sich geschlagen bekennen. Denn das sinnlos« Toden zerbricht, wo es gegen einen festen klaren Willen stößt. Uwe Karsten war beim Pionierwall, der so hieß, weil damals ein Bataillon Soldaten zur Unterstützung eingesetzt worden war, da erschrak er und blieb stehen. Der gemauert« Fuß des Deiches war gesprungen, die Zementschicht wies einen Riß auf und ganz unten, wo der Druck am stärksten sein mußte, waren Steine herausgesprengt. Uwe Karsten spürte sein Herz schlagen. Wäre das Wetter vorüber oder im Abflauen, hätte ihn dieses Nachgeben des Deiches nicht erschüttert. Es kam immer vor, daß kleine Risse sich am Wall zeigten nach großen Fluten. Sie wurden sofort gedichtet. Es gab die Deichmannschaft, die auf seinen Alarm im Augenblick zu Hilfe kam. Aber dieser Deichriß, zur Zeit, wo das Wetter noch im Kommen war, überraschte Uwe Karsten so, daß er den Schreck wie einen Stoß vor die Brust empfand. Hier durfte der Deich nicht nachgeben! Dies war die gefährliche Stelle, die Brecherecke für Sturm und See! Er umschritt die gefährdete Strecke, setzte sich dann sofort in Trab und lief in das Haus zurück, die Deichmannschaft zu alarmieren. Er rutschte oft aus, der Boden war schlammig, Wasser klatschte über den Wall hinweg. Die See war bestimmt gestiegen. Sie drängte gegen den Damm, stemmte sich ein und wühlte, wühlte... Der Sturm pfiff, er heulte nicht mehr, er fand ganz helle kreischende Tön«. Endlich erreichte Uwe Karsten sein Haus. Er war schweißnaß, dabei fror ihn. Er rief Hoyersen an. Dringend! Dringend!! Niemand meldete sich. Es gab nur die eine Leitung, es war unmöglich, daß Hoyersen nicht im Hause war. Es blieb nur eine Erklärung: der Sturm mußte den Draht zerrissen haben. Das hatte noch kein Wetter fertiggebracht! — Einmal geschieht jedes erstmalig! Uwe Karsten gab sich einen Ruck und lief vor die Tür. Wo ging der Draht entlang? Vielleicht fand sich hier in der Nähe die Rißstelle? Er blieb stehen; er brauchte nicht weiter zu gehen. War das eben erst geschehen, hatte er es vorhin übersehen? Der erste Telefonmast gleich hinter seinem Hause war geknickt, einfach abgebrochen. Er lief hin; fand ein Gewirr von Drahtenden und -schlingen und erkannte die Unmöglichkeit hier zu helfen. Ratlos stand er vor dem Trümmerhaufen. Aber hier war ja keine Zeit zu verlieren! Er lief den Deich entlang. Er wollte noch einmal die Einbruchstelle prüfen. Vielleicht war der Schaden nicht so gefährlich, vielleicht hatten ihn die Nerven im Stich gelassen... Sie ließen ihn jetzt erst im Stich. Am Pionierwall sickert« durch einen Riß bereits Wasser. Und als ob Meer und Sturm die schwache Stelle erkannt hätten, warfen sie gerade hier ihren stärksten Anprall gegen das Land. Uwe Karsten begriff sofort. Er taumelte zurück, der zähe Schlamm hielt seinen Fuß fest, — er schlug lang hin. Aber er raffte sich auf und lief, es galt ja wohl das Leben und nicht nur das seine!, lief zum Haus zurück. Er holte die Pistole mit den Leuchtkugeln. Er lud sie und jagte die Schüsse in die Luft. Rot — Not! Rot — Not!! Aber die Leuchtkugeln erreichten nicht einmal die Wallhöhe. Der Wind riß sie herab und wars sie fauchend in das nasse Feld. Uwe Karsten stand und Tränen rannen ihm in den Mund. Sie waren mit Seewasser gemischt und schmeckten sehr salzig. 50 Jahre, dachte er, treu bewacht, rechtzeitig stets alarmiert, und nun dies Ende... Soll ich in das Dorf laufen? Ich käme hin. Aber wann? Die Viertelstunde entscheidet. Er warf die Pistole weg. In diesem Wetter war sie wertlos, dieser Sturm lachte der menschlichen Hilfsmittel. Noch einmal trat Uwe Karsten in das Haus und nahm das Telefon auf. Gab es nicht Wunder! Nur ein Wunder konnte hier Rettung bringen! Das Telefon blieb stumm. Da sah Uwe Karsten sich im Zimmer um, schaute die Wände an, die Decke, sein Lager, den Tisch, — alles betrachtete er, als nehme er Abschied. Dann schichtete er das Bettzeug auf, stellte den Stuhl dazu, den Tisch —, und baute einen Scheiterhaufen. Die Spiritusflasche, noch gut gefüllt, zerschmetterte er zu oberst, daß der Spiritus das Holz und die Betten Überspritzte. Dann warf er mit spitzen Fingern ein brennendes Streichholz hinein, nahm von der Wand den Späten und ging hinaus, begab sich an die Einbruchstelle am Pioyierwall und begann die Arbeit. Als er sich umsah, stand eine Flamme bis hoch Über den Wall, der Wind riß sie in Fetzen und wirbelte sie steil in die Höh«. Uwe Karsten warf Schaufel auf Schaufel vor. Der Schweiß rann ihm in die Augen; aber er wischte ihn nicht weg. Keine Zeit, keine Zeit! Im Dorf heulte di« Feuersirene. Lichter sprangen hin und her. Uwe Karsten warf Schaufel auf Schaufel vor. Der Deich ächzt«. Uwe Karsten redete ihn an. Hakte aus, sagte er, halte nur diesmal noch aus. Sie kommen mit Pferden. Sie sind in zehn Minuten hier. Halte aus! Der Deich ächzte. Er gab nach. Breiter wurde der Riß. Das Wasser floß schon wie «in« Quelle. Schneller, Leute! Peitscht die Pferde! Jetzt entscheidet die Minute! Da waren sie heran. Uwe Karsten hörte sie. Er warf die Schaufel weg und lief ihnen entgegen, die sich bereit machten, den Brand zu löschen. Hoyersen sah ihn kommen. Da reckte sich Uwe Karsten. „Lat brennen!", schrie er, und der Sturm riß ihm den Ruf vom Mund und trug ihn allen zu. „Lat brennen! — De Diek!!" Und da begriffen sie, die Stunde machte sie hellhörig. Fünfzig und mehr Schaufeln warfen Erde auf und stützten di« gefährdete Stelle. Bis zum Morgen arbeiteten sie; ohne Ablösung; obgleich mehr Leute hinzukamen, trat keiner zurück. Als die Sonn« die ersten zaghaften Strahlen vorschickte, stand der Deich, wie er immer gestanden. Das Land war gerettet. Der Sturm hatte nachgelassen. Die See trat zurück. An der Stelle, wo Uwe Karstens Haus gestanden hatte, kräuselte hellblau ein Rauch über Trümmer und Asche empor. Deichhauptmann Hoyersen trat auf Uwe Karsten zu, reckte die schwielige Hand und sagte laut, daß alle es hörten: „Uwe, dat schall di nie »ergeten fien." Und all« nickten dazu. Uwe Karsten lächelte verlegen. „Ick nid) Hoyersen", sagte er in der wortkargen Art seines Stammes, „ick nich — de Diek!" Das Rebhuhn auf der Tafel. Ein kulinarisches Intermezzo. Von Carl Georg von Maaßen. Als einmal die Kaiserin Josephine in ihrem Lieblingsschloß Mall maison ein Frühstück gab, zu dem auch Herr von Talleyrand geladen war, zeigte sie dem Diplomaten eine angefangene Stickerei mit den Worten: „Wie gefällt sie Ihnen?" „Ich bin ganz Auge", erwiderte galant der Fürst. Als er bann bei Tisch, zwischen den beiden Schwestern des Kaisers sitzend, sich allzu eifrig mit Prinzessin Pauline unterhielt, ries ihm Prinzessin Elisa etwas indigniert zu: „Hören Sie nun auch einmal auf mich!" „Ich bin ganz Ohr", sagte Talleyrand. Und als gleich darauf die ander« ihm eigenhändig ein Rebhuhn reichte, mit der Frage, ob eres nicht versuchen wollte, erwiderte der gewandte Höfling: „Ich bin ganz Magen!" Ein großer Gastrosoph bemerkte, einmal: „Wenn di« Schnepfe die Königin der Sümpfe ist, so ist das Rebhuhn der König der Ebenen", und ein anderer, der zwei Menschenalter später lebte, meinte: „Ein Fasan verhält sich zu ein paar Rebhühnern — mathematisch erklärt — wie das Quadrat her Hypoihenuse zur Summe der Quadrate der beiden Katheten, oder — poetisch verglichen — wie Dantes ,Göttliche Komödie' zu Tassos .Befreitem Jerusalem', oder — gastronomisch ausgedrückt — wie ein Glas Burgunder zu zwei Gläsern Malaga." Ich gebe es zu, daß di« Wahl zwischen beiden nicht leicht ist, und sage mit Heine: Es gleicht mein Herz dem grauen Freunde, Der zwischen zwei Gebündel Heu Nachsinnlich grübelt, welch' von beiden Das allerbeste Futter sei. Ohne daß auch sonst mein Ehrgeiz mich dazu verführte, mich mit Buridans Esel zu vergleichen. Bei der Anerkennung des obigen Vergleiches fetzen wir natürlich voraus, daß beide Gattungen Flügeltiere gleich meisterhaft zubereitet uns vorgeführt werden, was besonders beim Fasan, der ein etwas trockenes Fleisch hat, dringend zu fordern ist. Das Rebhuhn hat dagegen zwei Eigenschaften, die man selten vereint findet: es ist sehr saftreich, ohne fett zu fein. Der Kochkünstler, wie er fein soll, wird diese kostbaren Säfte durch eine wohltätige Umhüllung mit einer Speckscheibe und einem Weinblatt zu erhalten wissen. Die Beigaben zu einem gebratenen Rebhuhn erfolgen nach dem individuellen Geschmack jedes Perdicinophagen: mit Champignons, mit Trüffeln, mit Parmesankäse, mit Drangen oder gefüllt, mit brauner Sauce, gedämpft, mit Rosenkohl, mit Sauerkraut, mit Reis oder mit ßinfenbrei. Man verachte ja die Linsen nicht, sie waren die Lieblingsspeise zweier großen deutschen Geister, Kants und Lessings. Ich will nicht alle Arten der Zubereitung anführen, besonders nicht die pikanteren, um den Leser nicht unnütz tantalistisch zu quälen, aber wenigstens noch der Rebhuhnsuppe, mit Linsen und Zervelatwürstchen garniert, gedenken: „Ein Suppe von jungen Rebhühnern", sagt Grimod de la Reyniere, „ist das glänzendste Eingangsgericht für ein großes Gaftmahl, denn nichts gibt eine höhere Vorstellung von dem, was noch kommen soll." Als feinste Arten rühmt der Gastronom das Bergrebhuhn, das Stein« rebhuhn und das rote Rebhuhn. Der heutige Ornithologe spricht von Berghühnern, Steinhühnern und Rothühnern und gibt allen, unser gewöhnliches Rebhuhn hinzugenommen, den Gattungsnamen: Feldhühner. Diese zunftmäßige Klassifikation geht aber den wahrhaften Gastrofophen, der in Gedanken ja schon mit den alten Athenern geschmaust hat, nichts an. Das rote Rebhuhn ist der Stolz Südfrankreichs. Es wird besonders zu jenen Pasteten verwendet, die Cahors und Perigueux so berühmt machten, jenen köstlichen Betten, wo die Rebhühner auf den Trüffeln, die Trüffeln auf den Rebhühnern ruhen, und so abwechselnd fort, bis zum Gipfel des Monumentes, das, gekrönt mit den befchopften Köpfen, La Reyniere fo finnig „ein kulinarisches Mausoleum" genannt hat. Rene, König von Anjou und Neapel, der die Muskatellertrauben nach der Provence gebracht hatte, führte dort auch die Rebhühner ein und erhielt, wie man vermutet, aus diesem Grunde den Beinamen des Guten. Dieser edle König liebte aud) die Malkunst; und er malte gerade an einem Rebhuhn, als man ihm die Nachricht vom Verlust feiner Krone brachte. Er lieh sich aber dadurch nicht weiter in feiner Lieblingsbeschäftigung stören, sondern vollendete geduldig, und nur ein wenig resigniert, sein Rebhuhn. Rote Rebhühner kennt auch Spanien, nur wurden sie stets von den Feinschmeckern wegen ihrer Magerkeit getadelt, während sie in Kaschmir den höchsten Prunk der vornehmen Tafel bilden, wo sie mit Peschauer Reis, dem besten Reis der Welt, oder mit einem Rhabarbergemüse aus- getragen werden. Ban delikatestem Geschmack sind die Rebhühner auf Minorca, wenigstens solange sie sich von Weizenkörnern nähren; fressen sie aber — wie es leider Vorkommen soll —, von den Beeren des Mastixbaumes, so erhalten sie einen höchst unangenehmen Beigeschmack. Thymian dagegen verleiht ihnen ein vortreffliches Aroma. Sehr gerühmt werden auch die Feldhühner auf Malta und ebenso die besonders großen in Afrika. Auch die russischen Hühner sind ftattlid)er als die deutschen, aber weniger feit und nicht so schmackhaft. . Bei uns haben die sächsischen und die böhmischen den größten M- Als Brillat-Savarin in Connecticut weilte, schoß er auf der Jagd einige „kleine graue Rebhühner, die sich durch ihr Fett und ihre Zartheit so sehr auszeichnen". Daneben erlegte er noch ein halbes Dutzend grauer Eichhörnchen, die als Braten von den Einwohnern sehr geschätzt würben. Aus dieser Jagdbeute bereitete dann der große Gastronom höchst eigenhändig ein Mahl für feine amerikanischen Gäste, das deren größte Anerkennung fand. Die Rebhühner wurden in Papier (en papillote) serviert, und die grauen Eichhörnchen waren in Madeira gekocht worben Ob diese oder di« Hühner besser geschmeckt haben, wird nicht era?v ' Die Kaffem sollen ja die Fledermäuse den Rebhühnern weit vorziey > Von Ferdinand I. von Oesterreich wird überliefert, daß er mtb herausschmecken konnte, ob das Luhn auf der Jagd erlegt oder „ach mehrtägiger Gefangenschaft getötet worden. Und' sogar Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der ein etwas ökonomischer Gourmand war, vermochte schon nach dem ersten Bissen mit Sicherheit zu sagen, ob sie 0115 der Mark, aus Cleve oder aus Preußen stammten. Die preußischen hielt er für die besten, die cleveschen für die am wenigsten guten. Als eigentliche Heimat des Rebhuhns gilt das Schwarze Meer, andere bezeichnen die Insel Chios als solche. Nach Plinius lernten die tafelfrohen Römer unseren schmackhaften Bogel erst zur Zeit des Bürgerkrieges zwischen Bitellius und Otho kennen. Kein anderer als Pythagoras bestritt das Recht, ein Rebhuhn zu essen. „Glauben Sie", fragte einmal ein Philosoph ein Weltkind, „daß es dem Menschen erlaubt ist, ein Rebhuhn zu töten?" „Ganz gewiß", war die Antwort, „wman der Mensch La jagt, wo er ein Anrecht darauf hat, unb wenn nicht gerade Schonzeit ist." „Sie mißverstehen mich", entgeg- neie der Philosoph, „ich frage, ob Sie glauben, daß der Mensch, auch wenn er nicht gegen die von Ihnen gestellten Bedingungen verstößt, das Recht hat, ein Rebhuhn, ein Geschöpf Gottes, zu töten?" „Zweifellos, besonders, wenn er es essen will!" „Sie glauben", fuhr der Philosoph mit unerschütterlicher Ruhe fort, „daß man ein Rebhuhn essen darf?" Und jener entgegnete mit gleichem Ernst und sehr nachdrücklich: „Ja, wenn es gut und ä point gebraten ist." Mit Hilfe einer Rebhühnerpastete gewann Voltaire einmal die Herzen widerspenstiger Schauspieler. Rach der ersten Aufführung seiner „Zaire" erhielt der Dichter aus Zuschauerkreisen allerlei Vorschläge zur Verbesserung des Dialogs. Da er sie für wohlbegründet hielt, beschloß er, sie zu befolgen, vermochte aber nicht, die Schauspieler zum Umlernen ihrer Rollen zu bewegen. Besonders weigerte sich der berühmte Dufresne. Roltaire sann auf eine List und sandte an einem Tage, an dem Dufresne gerade seinen Kollegen ein Festessen gab, eine prächtige Rebhühnerpastete in dessen Wohnung. Sie erschien zur Freud« der Teilnehmer auf der Tafel, und als sie ausgeschnitten wurde, erblickte man darin zwölf Rebhühner, die in ihren Schnäbeln Zetteln hielten, auf denen die Rollenänderungen verzeichnet waren. Diese gute Ide« vermochte es, die Schauspieler umzu- siimmen; sie lernten wirklich ihre Rollen um, und der Beifall der zusriedengestellten Ratgeber belohnte reichlich bei der zweiten Aufführung der „Zaire" alle aufgewandt« Mühe. Eine Schüssel mit Rebhühnern war es auch, die einmal die begehrlichen Augen des Schauspielers Dominica auf sich zog. Sie stand auf des Königs Tafel und war aus purem Golde. Der König, der Dominicas Böcken gefolgt war, gab die Weisung, dem Dominica die Schüssel zu reichen. „Wie, Sire", rief der schlaue Schauspieler erfreut, „und die Rebhühner auch?" Der König, der diesen Wink verstand und Spaß dazu, fegte lächelnd: „Ja, und die Rebhühner auch!" So kam der gewandte Schauspieler zu einer kostbaren goldenen Schüssel. Aber mit dieser Geschichte droht uns, sozusagen, das Rebhuhn aus der Hand zu flattern. Ein Feinschmecker zweifelhafter Art war jener Ziegeleiarbeiter, der im September 1921 in einer Wirtschaft zu Radmoos im bayrischen Walde ein rohes Rebhuhn mit Federn und Eingeweiden innerhalb einer Stunde auffraß unter dem Jubel der Zuschauer. Dazu imnk er zwanzig Liter Bier. Es handelte sich um eine Wette, die dem glücklichen Gewinner ein halbes Dutzend weiterer Rebhühner einbrachte. Ein tiefes Mysterium, das im Rebhuhn schlummert, hat uns der französische Theologe Jean Baptiste Thiers in seinem „Traite des super- stitions" preisgegeben: ein Kranker, der auf einem Bette von Rebhuhnfedern liege, könne nicht sterben. Die Wirkung mag jeder an sich selbst ausprobieren. Sollte Thiers recht behalten, dann sei trotz allem unsere Losung: „Toujours perdrix!" Ruhe! Ruhe! Der Lamps gegen den Lärm. Von Frank Warschauer. Ruhe! gellt es über den Hof, wenn ein freundlicher Nachbar Lautsprecher oder Grammophon bei offenem Fenster laufen läßt. Ruhe! — das ist der Stoßseufzer, die flehende Bitt«, die Forderung, die von unzähligen Menschen täglich ausgeht. Denn Ruhe ist für uns ein notwendiges Lebenselement. Der Wunsch nach ihr ist es, der die Menschen ms den Städten heraus aufs Land führt; aber auch dort gibt «s keine Garantie für Ruhe mehr, denn die Instrumente zur mechanischen Mi«s:k- verbreitung sind überall zu finden, Autos rasen, Hupen dröhnen, Motoren lrachen — und die ganze Welt ist lauter geworden in dem Maße, wie Maschinen und Apparate an Verbreitung gewonnen haben. Und diesem Ueberfall auf unsere Nerven sind wir meistens mehr «der minder wehrlos ausgesetzt. Wir können zwar in einigen Fällen den Lärm vermehren, indem wir selbst nach Ruhe -brüllen — aber der Erfolg bleibt zweifelhaft. Der Straßenränder, der uns anfällt, wird wn der Polizei verfolgt; aber der Mensch, der unsere Nerven bedroht, "leibt straflos. Es ist zwar heute noch behauptet, daß Ruhe die erste Bürgerpflicht ist, aber die Garantien zur Durchsetzung dieses Axioms sind Ziemlich unzureichend. Was muß man zum Beispiel alles tun, um zu erzwingen, daß die üachbarn nicht bei offenem Fenster musizieren, wenn sie nicht gutwillig damit aushören! Ein Prozeß muß angestrengt, Zeugen vernommen wer- das ganze umständliche reguläre Gerichtsverfahren muh sich in -vcwegung setzen, damit schließlich in einem einzigen Falle Ruhe geschaffen wird — und auch dieser Erfolg ist keineswegs immer ganz sicher. « mehr aber der Lärm zunimmt, um so mehr wird sich auch die Erkenntnis verbreiten, daß tatsächlich der Kampf um Ruhe für uns zu micc Lebensfrage geworden ist. Was hilft die schönste Neubauwohnung, mPn man nach Hause kommt, und sämtliche Lebensäußerungen mustka- J^er und unmusikalischer Art sämtlicher Nachbarn auf einen einstürmen! . 9e»ügt vollständig, um die Wohnung zeitweilig völlig wertlos zu «. men. Anstatt der Erholung findet man das Gegenteil: Merger und udgung, man flüchtet davon, irgendwo hinaus — und gerät in das Cafe an der Ecke, wo es ebenfalls nicht gerade leise ist, und wo vielleicht gerade der Lautsprecher als neueste Attraktion erklingt. Ist das nun alles eine unmittelbar« Folge des modernen Lebens? Oder gibt es Mittel, um uns die heißersehnte Ruhe wieder zu schenken? Diese Frage wird jetzt viel diskutiert und zwar vor allem in dem Kreis Diese Frage wird jetzt viel diskutiert, und zwar vor allem in dem Kreis derjenigen, die den Lärm als eine so ernsthafte Gefahrenquelle empfunden haben, daß sie sich zu einer Kampfgruppe zusammenschlossen. In mehreren Städten gibt es bereits: die An t i -Lä r m li ga. ders störend ist. Es gibt Großstädte, die viel ruhiger sind. Wer zum Beispiel jemals in London war, auf den wird die merkwürdige, fast geisterhafte Ruhe, mit der sich der riefenhaft« Verkehr abwickelt, einen starken Eindruck gemacht haben. Kolonnen von Verkehrsfohrzeugen gleiten vorüber, aber man hört?oum ein Signal, schon ganz gewiß nicht die lauten Hupen — es ist, als ob eine geheimnisvolle, dem Fremden zunächst unbekannte Ordnung besteht, die den Verkehr regelt. Eine Großstadt, das kann man daran deutlich erkennen, braucht also nicht aus jeden Fall ein Monstrum an Lärm zu fein. Und diese Feststellung war nun mit ein Anstoß zur Schaffung einer ernsthaften Bewegung gegen den Lärm. In Berlin ist sie ausgegangen von einem Künstler. In einem Mietshaus an einer sehr verkehrsreichen Stelle des Berliner Kurfürstendamms hat der Maler Mopp* sein Atelier. Hier konnte er so recht spüren, welch immenser Lärm aus den Verkehrsstraßen Berlins aufklingt. Unten in dem Hause befindet sich «ine Bar, in der ein Ventilator mit solchem Getöse läuft, daß es in dem ganzen Haus« zu hören ist; und draußen tobt der ganze Verkehr vorüber, Autos, Lastwagen, Elektrische; es klingelt, hupt, braust durcheinander — eine Symphonie der Großstadt, die besser überhaupt ungespielt bliebe. Der Maler Mopp nahm sich nun die Tatsache dieses Kraches nicht nur privatim zu Herzen, sondern tat auch den ersten Schritt dazu, ihn zu beseitigen. Einfacher wäre es für ihn vielleicht gewesen, sein Atelier irgendwo hinaus ins Freie zu verlegen, wo es hübsch ruhig ist — aber nein, sein mitfühlend Ohr und Herz ließ ihn teilnehmen an den Nervenschmerzen aller übrigen Großstädter. Seine private Unannehmlichkeit blieb für ihn nicht mehr privat, sie wurde zu einer Angelegenheit der Allgemeinheit — und kühn ging er in den Kampf gegen den Lärm, indem er eine Anzahl Gesinnungsgenossen der Ruhebedürftigkeit zusammentrom- melte und mit ihnen die „Anti-Lärmliga" schuf. Und eines Tages rief man oll« Fachleute, die zu dem Thema Kampf gegen den Lärm etwas zu sagen haben, zusammen und beratschlagte mit ihnen, was nun in diesem Kriege als erstes zu tun sei. Dabei stellte sich die erfreuliche Tatsache heraus, daß aus ähnlichen Gründen ähnliche Bewegungen auch in anderen Städten entstanden sind, vor ollem in Frankfurt am Main. Ist nun der Lärm wirklich wirksam zu bekämpfen? Und wie? Das sind die Fragen, die man sich vor allem hier vorgelegt hat. Der Lärm rührt heutzutage auf der Straße von denjenigen Fahrzeugen her, denen die Technik noch nicht die leise Fortbewegung beigebracht hat, also vor allem von Motorrädern, Straßenbahnen und Lastwagen, und ferner von dem dauernden Hupen der Chauffeure. Ist dies nun wirklich für d!« Sicherheit des Verkehrs notwendig? Man kam zu dem Resultat, daß di« Hupen in der Großstadt im allgemeinen erstens viel zu laut sind, und daß sie zweitens viel zu häufig gebraucht werden. Beobachtungen ergaben, daß auf ein und derselben Strecke ein Droschkenchauffeur fünfmal so oft hupte, als ein Selbstfahrer; und es wurde dann weiter darauf hin- gewiesen, daß diese Hupe überhaupt ihren Zweck der Warnung oft gar nicht erfüllt, sondern im Gegenteil die Wirkung hat, den unaufmerksamen Passanten zu erschrecken. Daß ihr Gebrauch nicht unbedingt nötig ist, bezeugte ein geschickter Chauffeur, der es fertig gebracht hat, durch ganz Berlin ohne ein einziges Hupensignal zu fahren. Wenn dies auch die Ausnahme fein mag — fest steht, daß die Sicherheit für Fußgänger auf andere Weise erzielt werden kann, nämlich durch eine bestimmte Regelung des Uebergcmgsverkehrs, wie es zum Beispiel in London durchgeführt ist. Es geht also auch anders. Auch der Lärm in Wohnungen und Büros ist überflüssig. Die Technik hat heute die raffiniertesten Mittel einer vollkommenen Abdämpfung gegen Schall und Erschütterung gefunden; man braucht dazu nicht mehr wie früher dicke Steinmauern, sondern es genügt eine Kombination verschiedener Materialien von ungleicher Leistungsfähigkeit für den Schall, um eine vollständige Abdämpfung zu erreichen. Am deutlichsten wird das demonstriert in den Aufnahmeräumen für den Rundfunk, neben denen oft schalldichte Abhörzellen eingebaut sind, wo man auch nicht eine Spur der draußen erfolgenden klanglichen Vorgänge direkt aufnehmen kann. Also es geht schon — aber nicht von selber. Die Ansicht, daß der Mensch wirklich ein Recht auf Ruhe hat, muß sich erst allgemein durchsetzen und vor allen Dingen auch in der Gesetzgebung und Rechtssprechung verankert werden. Denn heute ist es auch mit der rechtlichen Seite des Lärmschutzes noch recht mangelhaft bestellt. Ein krasses Beispiel liefern die betrübenden Schicksale einiger Villenbesitzer des Vorortes Wannsee bei Berlin. Denen wurde eines Tages eine „Versuchsanstalt für Handfeuerwaffen" vor die Nase gesetzt, wo von morgens bis Mitternacht geknallt wird. Die Eigentümer der Villen, deren Besitz dadurch natürlich vollkommen entwertet ist, suchten sich auf dem Prozeßwege ihr Recht auf Ruhe zu erkämpfen; aber es ist ihnen bis zum heutigen Tage noch nicht gelungen, obwohl der Prozeß schon mehrere Jahre schwebt. Hier klaffen bedenkliche Lücken der Gesetzgebung, die ausgefüllt werden müssen. So erweist sich der Kampf um Ruhe teils als ein Problem der Technik, teils als eines der Felbstdisziplin und teils als eines der Gesetzgebung und Verwaltungspraxis. Zu unserem Recht auf Ruhe können uns nur verhelfen: Erkenntnis und energische Aktton. Und an dieser sollten sich wirklich alle einsichtigen Menschen beteiligen. Krach ist Barbarei, Ruhe ist kulturelle Gesittung! Auf in den Kampf gegen den Lärm! * Max Oppenheimer. Mathilde Möhring, Roman von Theodor Fontane. (Fortsetzung.» Thildens fronte, ganz uneingefchiichterte Manier hatte ihm schon auf dem Silvesterball gefallen, und er war „enchantiert", als sie seine Aufforderung, den Platz im Schlitten einzunehmen, ohne weiteres annahm. Er fuhr selbst und legte seine mächtige Wolssschur um den kleinen Schlittensitz herum, wobei er Thilden aufforderte, die Schur von rechts her zu halten, so daß sie wie in einer Pelzlaube saß. Und nun flog der Schlitten über das Eis hin, und die Glöckchen läuteten, und die weißen Decken blähten sich im Wind, während der Alte von der Pritsche her seine Konversation aufnahm. „Freut mich ungeheuer, meine gnüddigste Frau ... sacrebleu, man sieht doch ... große Stadt ... andere Menschen ... ja, ja, Berlin ... bin nicht preußisch ich, nicht serr ... aber Berlin ... o Berlin, eine merrk- würdigen Stadt, eine tollen Stadt..." Thilde versicherte lächelnd, daß sie davon eigentlich wenig gemerkt habe. Das Berlin, das sie kenne, fei sehr wenig toll, fast zu wenig. Es pafsiere ja eigentlich gar nichts. „Ja, meine Gnüddigste, das macht die Stelle, wo man steht, von derr aus man sieht... Ich habe gestanden immer serr in Front, immer serr avance." „Glaub ich, Herr Gras. Ihre gesellschaftliche Stellung ..." „DH, nicht das... Das war einmal — vor dem großen Tor. Oh, viele Lichter da, viele Schlitten. Da hatten wir Maskenball... Kroll, ja richtig... Kennen Sie Kroll?" „Gewiß, Herr Graf, jede Berlinerin wird doch Kroll kennen." „Ja, und da hatten wir Maskenball. Ich Fleddermaus. Und da hatten wir — Orpheum..." „Auch davon habe ich gehört." „Aber ich habe gesehen... Eine merrkwürdigen Stadt, eine tollen Stadt. Aber eine Stadt ohne ... ohne Grimasse." „Ja, das ist wahr." „Eine Stadt von serr freier Bewegung..." „Ich glaube doch nicht überall." „Nein, überall nicht, das ist wieder, wo man steht, meine gnüddigste Frau. Wo ich gestanden, serr freie Bewegung und keine falsche Ber- schürnmung..." „Aber doch vielleicht eine richtige?" „Berschümmung immer falsch, immer Grimasse, und ich liebe serr die freie Bewegung." Eine Herzühlung sämtlicher Berliner Lokale mit freier Bewegung stand in Aussicht, und wer will sagen, wo Graf Goschin schließlich gelandet wäre, wenn nicht ein plötzlich quer durch das Flußeis gezogene Rinne das Weiterfahren gehindert und zur Umkehr gezwungen hätte. Wenige Minuten, und der Schwanenteich war wieder erreicht, wo sich die Wolden- fteiner Honoratioren in engerem Kreis bewegten, die jüngeren in der Nähe eines Leinwandzeltes mit einer Punsch- und Waffelbude, daraus der angefüuerte Fettqualm ins Freie ging. In Front dieser Bude hielten die Schlitten, und auf einer Bank, der die eine Wand der Bude als Rückenlehne diente, saßen Hugo und die Landrätin, di« eben den Pikschlitten verlassen hatte, um sich hier zu erholen. Hier hielt jetzt der kleine Muschelschlitten des Grasen an, und dieser schlug den Pelz zurück, um Thilden aus ihrem warmen Gefängnis zu entlassen. „Ja, mein Herr Bürgermeister, es hat nicht sollen sein." „Was, Herr Graf?" „Eskapade. Wollte wie Gott der Unterwelt oder Pluto..." „Warum nicht höher hinauf, warum nicht Jupiter?" lächelte Thilde. „Ah, ich verstehe, wegen der Attrappe. Gnüddigste Frau haben eine spitze Zunge." Er winkte von den Leuten, die umherstanden, einen heran, gab ihm die Zügel und hieß ihn den Schlitten seitwärts führen, an eine Stelle, wo braunes Weidengebüsch vom Ufer her auf das Eis hinabhing. Dann faßte er Hugo unter den Arm und ging auf die Bude zu, um sich ein Glas Punsch geben zu lassen. „Serr erfreut, Bürgermeister. Eine scharmante Frau, kluge Frau, gar nicht bißchen ängstlich. Auf alles eingehen und denken immer, alles geht vorüber, und den Kopf wird es ja wohl nicht kosten." Hugo, halb geschmeichelt, stimmte zu. Das sei so die Schule der großen Stadt. „Ja — merrkwürdigen Stadt, tollen Stadt." Diese Worten hatten etwas Beunruhigendes selbst für Hugo, der seiner Thilde sicher zu sein glaubte. Er kam aber nicht dazu, dem lange nach- zuhängen, denn ein heftiger Hustenanfall zwang ihn, sich an einer Banklehne festzuhalten. Als der Anfall vorüber war, kam der Graf mit einem Glas Punsch. Das löse, meinte er aufmunternd. Hugo kam in die Verlegenheit, ablehnen zu müssen, das würde seinen Zustand nur verschlimmern. „Kann nicht verschlimmern. Punsch nie." Als er aber Hugo mit feinen listigen, etwas blutunterlaufenen Augen ansah, kam ihm doch ein Zweifel, ob Punsch auch hier ein Allheilmittel sei, und er ging sogar hinaus und rief die noch im Gespräch mit der Landrätin auf der Bank sitzende Thilde an. „Gnüddigste Frau, Ihr Herr Gemahl... Packen wir ihn in die Schur, und der Knecht kann ihn nach Hause fahren." „Es ist wohl besser, wir gehen zu Fuß, Herr Graf", sagte Thilde, und Hugo am Arm führend, der traumhaft hin und her schwankte, schritten sie auf die Stadt zu. Als sie fort waren, setzte sich der Graf neben die Landrätin und sagte: „Waldenstein kann sich nach neuen Bürgermeister umsehen." Die Landratln lächelte. „Bet Ihnen draußen Gesicht?" „Nein, aber ich sehe gut." — * gedeiht wohl das zweite »ar über Land Erst gegen Morgen kam er und hatte gegen Thlldens Behandlung des Kranken - Brotrinde in Essigwasseraufgutz ein Mittel, das noch von der alten Möhring herrührte - nichts Erbeb.' liches emzuwenden. 9 „®s hat nichts geschadet", sagte er, „und das ist immer schon viel" m Er verordnete dann eine Abkochung, und als Thilde fragte, ob ihre- Mannes Krankheit was zu bedeuten habe, lächelte er ein wenig und sagte' nE^^E^niahen. Es ift eine Lungenentzündung. Vor allem Ruhe." Thilde war eine gute Krankenpflegerin und gab Hugo die Medizin mit einer Genauigkeit, als ob das Leben an der Minute hinge. Sie glaubte nicht daran, aber sie wollte nichts versäumt haben. Die Vormittagsstunden vergingen unter Umwandlung des Schlafzimmers in ein Krankenzimmer. Jüte nach vem Hof hinausgehenden Fenster wurden verhangen und mit Stroh verstopft, wahrend die Tür nach der Vorderstube offen blieb, nur durch eine halbe Portiere geschützt. Thilde sah oft von draußen hinein, ohne daß der Kranke irgend etwas verlangt hatte, dann ging sie wieder an das Vorderfenster, das von der vorigen Frau Bürgermeister her noch einen altmodischen Tritt und einen Fensterfpiegel hatte. Dieser Fensterspiegel war eigentlich überflüssig, denn 9“b wenig zu sehen, daß es auch nichts zu spiegeln gab. Mitten auf dem Marktplatz stand das Rathaus mit einer schräglaufenden hol- gcrnen Stiege, die bis zum ersten Stock ging und sich in einem schmalen taubengang fortsetzte, aber alles von Holz. Dicht neben dem Rathaus ‘anben em paar alte Scharren, jetzt verschlossen und mit Schnee bedeckt. A" der Marktplatzseite war die Löwenapotheke, deren Provisor hinter der Labentur stand und gähnk, denn seit der Mixtur für den Herrn Bürger- meister war seine Tätigkeit noch nicht wieder in Anspruch genommen morOen. Daneben ein Bäckerladen mit einem schräggestellten Blechkuchen im Schaufenster und einigen bewundernd davorstehenden Kindern Die Sonne fchien fo grell daraus, daß Thilde die großen Zuckerstellen erkennen konnte. Zwischen alledem glitt ihr Auge hin und her und nahm erst eine anbere Richtung, als sie — diesmal allerdings mit Hilfe des Spiegels — ben Briefträger die Herzog-Kasimir-Straße heraufkommen sah. Er trat auch Mich darauf ins Haus, und Thilde ging ihm entgegen, um ein paar Briefe in Empfang zu nehmen. Einer war aus Breslau, also wahr- schemlich eine Rechnung oder eine Preisliste, der andere eine Verlobungs» auzeige von Rybinski (aber mit einer andern Dame), und der dritte von der alten Möhring. „Frau Bürgermeister Großmann, geborene Möhring. Waldenstein in Westpreußen." Die Buchstaben waren fo steif gekritzelt tote auf einem Waschzettel. „...Gott, „Machte Thilde, wenn Mutter doch bloß nicht immer „geborene Mohrmg schreiben wollte, Möhring ist doch das wenigste. Dann ging sie bis an die Portier« und horchte hinein, und als sich nichts in der Schlafftub« regte, ging fi« wieder bis ans Fenster und setzte sich in den kleinen schwarzen Stuhl mit drei Holzstäbchen, der hier stand, und nun las sie. „Meine liebe Thilde! Ae Kiste kam gerade Heiligabend an, aber schon früh, und da gerade die Runtschen da war, so sagte ich, na Runtschen, nu wollen wir sie aber auch gleich aufmachen. Und da hättest Du sehen sollen, wie geschickt sie war, und wie sie I«den einzelnen Nagel rausholte ohne Kneifzange, bloß alles mits Küchen- meff-er. Und als wir alles raushatten, gab ich ihr eins von die Pakete, well ich dran denken mußte, daß ihr die Petermann zu vorige Weih- nachten auch em großes Stück Steinpflaster geschenkt hatte. Sie mar aber nod» nicht ganz zufrieden, bis ich ihr sagte, na Runtschen, wenn es soweit ist, den Schinkenknochen, den kriegen Sie auch. Da bedankte sie sich: ich weiß das schon von Ulrike, sie sind immer fehr nach Fleisch, natürlich, wer soll es denn bezahlen. Und muß ich Dir doch sagen, daß ich mich sehr über alles gefreut habe, weil man doch die Lieb« sieht, und bann auch, weil ich sehe, daß Jhr's könnt, unb daß Jhr's vazu haben müßt. Und sieh, das ist doch die Hauptsache. Denn mit der Sparkasse, bas ist ja nu vorbei, weil es alles so viel gekostet Hal, und wenn ich mir denke, daß es auch noch knapp ginge, ja, was sollte da werden. Ins Spittel mag ich nicht. Und nu sage mir, Thilde, wie steht es eigentlich mit Dir? Und Du hast mir noch immer nicht geschrieben von wegen der Witwenkafse. Die Schmäbicke sagte mir zwar neulich, sie mußten einkaufen, ob sie wollen ober nicht, aber es märe mir doch lieb ju hören, daß Du ganz sicher bist. Ich bin immer fo sehr fürs Sichere. Senn der Mensch denkt und Gott lenkt, und heute rot und morgen tot. Unb er hatte auch mitunter so rote Backen, was mir nicht gefallen Hot. Und auch die Runtschen sagte, glauben Sie mir, Frau Möhring, es sitzt ihm hier. Und nun grüße Deinen lieben Mann und sag ihm, ich ließ ihm ein glückliches neues Jahr wünschen, er verdient es, und es wird sich schon belohnen. Es ist ja viel draus gegangen, aber es schadet nicht, und ich habe es alles gern gegeben, und die Schmädicke sagte neulich: Aufs Kapitol kommt es nicht an, wenn man bloß gute Zinsen hat. Seine Dich liebende Mutter Adele Möhring, geborene Printz -Gott, nun auch noch Printz“, meinte Thilde, ,was sich Mutter nur eigentlich denkt! Und was sie da schreibt, als ob sie sich geopfert und mir mit ihrem Sparkassenbuch, was doch mein war, mein Glück bereitet Hölle. Na, sie war immer so, und auf ihre Art meint fie’s gut, erst mit sich und dann mit mir. Und bann war bas Gute, baß sie mir immer freie Hand gelassen hat. Eine weimerige alte Frau, aber ich habe boch mit ihr leben können. Unb vielleicht muß ich wieder mit ihr leben.“ (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. - Druck unb Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gi-Hen. )ahrg' Als d Voethes unb der gemeißelt Mining seitdem h Es ist Goethe n selber, zr Medersch seinen W Sen i lerborger denn ein geöffnet, unb von unb Mui unb gebei sind die c Hand ges träten di Menensp und ©leii begleitet, macht. Dc Geschichts Seit i aufs grü genossen An der k als sein > tränen, l ihren We betannte lächelnde Larven, t reißen ta t Ist die er bösest Ausdruck ficht ohw der Seele Mr Sdjai Wegmat Weniger s danken 2 tragen, n ichichissch, , Denn Men, i die Persö eit: die Iräbern i sicher, । ^offener" [einen ge °en seine "lebend e W jede