SietzenerKnnilienblAter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1950 Montag, den August Nummer 60 3n der Sistina. Von Eonrab Ferdinand Weher. 3n der Sistina dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in feiner nervgen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Amhellt von einer kleinen Ampel Brand. Laut spricht hinein er in die Mitlernacht, Als lauscht ein Gast ihm gegenüber hier. Bald wie mit einer allgewaltgen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier: »Umfaßt, umgrenzt hat ich dich, ewig Sein, Mit meinen groben Linien fünfmal dort I Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein And gab dir Leib wie dieses Bibelwort. Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild Von Sonnen immer neuen Sonnen zu, Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenschwebend und barmherzig du I Sv schuf ich dich mit meiner nichtgen Kraft: Damit ich nicht der gröhre Künstler fei. Schaff mich — ich bin ein Knecht der Leidenschaft — Rach deinem Bilde schaff mich rein und frei! Den ersten Menschen sormtest du aus Ton, Ich werde schon von härterm Stoffe sein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon, Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein!" Oie Deckengemälde der Sixtina. Von Emil Ludwig. Aus Emil Ludwigs bei Ernst Rowohlt in Berlin erschienenem ausgeglichenem und reifem, neuem Werk „M i ch e l - angelo" geben wir hier den besonders schönen Abschnitt wieder, der die Gemälde an der Decke der Sixtina schildert. Mit Schrecken steht Michelangelo vor dem Papst. Kein Wort von Marmor und Grabmal. Die Decke der Sixtina soll er malen, ein Meisterwerk für alle Zeiten schaffen, einen Raum, wie er noch keinem Maler übergeben worden! So lockt ihn der Papst. Ich bin kein Maler, erwidert der Bildhauer, ich kann nicht al fresco malen; Raffael soll sie malen. Julius, der diesen Menschen kennengelernt hat, hütet sich, ihn durch Befehl« zu reizen. Er weis; zu überreden. Man verhandelt. Und nun vollends 12 gewandete Figuren? Rasch nimmt ihn der Papst bei seinem halben Worte und schmeichelt ihm, indem er die Wahl des Stoffes ihm allein überläßt. Der Künstler geht hin, sieht die gewölbte Decke, bedenkt, was auf dem mächtigen Stück Mauerwerk sich alles erzählen ließe. Am Ende gibt «r dem Drucke nach. Drei Monate, nachdem er die Statue des Papstes in Bologna aufgestellt hat, beginnt er für ihn in Rom die neue Arbeit. Mit einem falschen Gerüste fing es an; Bramante hatte oben Löcher «ingeschlagen, Stricke darin befestigt und Bretter an den Stricken. Wie es der Meister mit seinem Herrn besichtigt, lacht er und sagt: „Und was soll ich machen, wenn ich im Malen bei den Löchern ankomme?" „Macht' es selber", sagt der Papst, und der Maler baut von unten herauf ein festes Gerüst, das sich der Baumeister Bramante später zum Borbild nimmt. Das alte schenkt Michelangelo einer armen Frau, die es verkauft und dafür ihre Tochter ausstattet. Die Schwierigkeiten des Handwerks, die der mit Marmorfragen ge- pwgte Bildhauer hier einmal sich zu sparen hoffte, mehren sich nach dem ersten Striche. Als er das erste Bild beendet hat, fängt es zu schimmeln an, verzweifelt zeigt er es dem Papst: „Ich habe es Eurer Heiligkeit vor- her gesagt, Malerei ist nicht mein Handwerk! Alles ist verdorben!" Da aber San Gallo erklärte, er hätte nur den Talg zu wässerig genommen, hwlt man ihn fest. Zwei Maler aus Florenz, die ihn das Freskomalen lehren sollen, bringen ihn gleich aus der Fassung: wie konnte seine Natur wgendeine Zusammenarbeit ertragen! Aber verlegen, wie er in solchen vollen ist, kann er sich nicht entschließen, sie gleich wieder nach Hause zu Ichicken, wieder greift er zu einer Art von Flucht: er schließt sich in der «opelle ein, läßt sie draußen, bis sie es merken und zornig abreisen. So oieibt er und wird vier Jahre lang allein in diesem Saale leben, wenn «r mcht in der Werkstatt über den Kartons und Zeichnungen sitzt. 20 Mo- „?le wag hat er in der Kapelle buchstäblich gemalt, hat zugeschlossen, remand Hereingelaffen, sich selbst in Rom versteckt, um nicht befragt zu w^den. Niemand außer einem Farbenreiber durfte die Kapelle betreten. Nur dem Papst« konnte er es nicht verwehren. Der steigt zuweilen zu ihm auf das Gerüst: „Wann wird es endlich fertig fein?" „Wenn ich damit zufrieden fein werde." „Laß dir an unserer Zufriedenheit genügen." Aber der unbezwingliche Mensch beharrt und malt weiter. Wieder nach Monaten fragt ihn der Papst vor den Bildern, wann er nun so weit märe. „Sobald ich kann." Da wird der alte Mann wütend. „Sobald ich kann! Ich will dich lehren, fertig zu werden! Vom Gerüst lasse ich dich herunterwerfen l‘‘ Und er holt mit dem Stock nach ihm aus, den er in der Rechten hält. Darauf erklärt der Künstler, er käme nicht wieder. Der Papst schickt ihm einen Kämmerrer mit 500 Skudi ins Haus: er solle das nicht so schwer nehmen, daß alles seien nur Zeichen der Gunst. Der Meister malt weiter. Schließlich wird er gezwungen, die Hälfte des Werkes den Augen der Meng« preiszugeben, bevor noch der Staub vom Abbruch des Gerüstes sich gelegt hat. In einem ironischen Gedichte beklagt und verlacht er die Verrenkungen, zu denen diese Deckenmalerei seinen Körper zwingt. Lange, nachdem alles fertig war, mußte er noch jeden Brief, jede Zeichnung, die er anfehen wollte, nach oben halten; so hatten sich seine Augen an diese Richtung des Blickes gewöhnt. Dann steht er erschöpft, und nur mit einer Zeile, zwischen hundert Geld- und anderen Sorgen, kündigt er das Getane den Brüdern an: „Ich fyabe die Kapelle, die ich ausmalen wollte, beendet. Der Papst ist sehr zufrieden." * Als Michelangelo auf dem Gerüst« stand, das er in jedem Sinn sich selber errichtet hatte, schuf er zum zweiten Male die Welt. In fünf Gemälden schuf er sie, wie vor ihm Gott in sechs Tagen, von der Finsternis über den Wassern bis zur Erschaffung Evas. Aus dem Haupte dieses einsamen Menschen fliegen sie auf, die Gestatten Gottes und der Engel, in Formen, mit Zügen, in Stellungen, so zwingend, daß die Menschheit daran glauben lernt« wie an die Schrift, ja daß sogar die großen Skeptiker sich diesem Anblick beugen. Seit vier Jahrhunderten hat niemand vermocht, dies Bild der Schöpfung durch ein neues zu verdrängen. Fast nackt, wie er den Menschen als Gottes Ebenbild verehrte, malte der Künstler Gott selber, als er den ersten Menschen erschuf. In seinen Mantel schmiegten fich die Engel, Kinder mit neugierigen, fragenden oder wissenden Blicken, halb tragend, halb getragen. So näherte er sich über den Abgrund dem Felsen, auf dem der schöne Mensch in unergründlichem Ernste lag, den Funken zu erwarten. Hatte er vorher mit zürnender Gebärde die Finsternis verscheucht, um das Licht zu schaffen, dann mit forschenden Blicken die Hände über die schlafende Wett gebreitet, damit sie erwache, nun wandelt sich fein Sinn, und mit den Augen des liebenden Vaters streckte er dem Geschöpf die Hand entgegen, um von Finger zu Finger den Geist hinüberzuleiten. Ein Wagnis, wie es niemand vor ihm gewagt, trieb hier den Genius, die Legende' zu ändern: nicht durch den Hauch des Mundes, nur durch die bildende Hand konnte der Bildner die Schöpfung begreifen. Er war es selbst. Sein tiefstes Glück, wenn er mit seiner Rechten Gestalten aus dem Marmor erlöste, gab er dem Gotte ein; so sprach er wortlos die Nachfolge des Göttlichen dem Künstler zu. So wie die Statuen, von feiner Hand gebildet, sich erhoben und feinem Schöpferwillen folgten, so wird sich bald der erste Mensch erheben, den jene Götterhand berührte. Aber noch einmal ist er in Schlaf versenkt. Was ihm, dem sterblichen Bildner, verwehrt ist, das darf dem Zauberwort des Größeren gelingen; noch einmal teilt sich die Gestalt in zwei, und eine Hälfte hebt sich wie ein Schwimmer ihrem Schöpfer zu. Für Augenblicke scheint die Zeit stille zu stehen. Auch er, der diese zwanzig Jahre lang seit er zum Jüngling wurde, den Frauen fern geblieben, fühlt sich für Augenblicke über sich selbst gehoben, und wie er nun das Weib unter dem Baume malt, die Linke nach dem Apfel aufgehoben, gelingt ihm, was an Schönheit keinem vor ihm gelang. Inmitten eines Chors von Männern ist sie das einzige nackte Weib, in keinem Zuge jünglinghaft, vollendet als das Widerspiel der Wett, die ihren Schöpfer bewegt, die diese Halle bevölkert. Ja, es ist Eva, die alle ringsum erschuf; darum ist sie vollkommen. Nur wer das Menschengeschlecht in Schönheit träumte, vermocht« die Urmutter in eine Fülle, einen Glanz zu heben, der keinen ihrer Söhne umstrahlt. Suchend, doch unbewußt, begehrend, doch ohne Gedanken, greift sie nach der verbotenen Frucht, um ein Geschlecht zu gebären. Und dieses Geschlecht umrauscht sie nun, hier an der heiligen Decke. Auf den Spitzen der zwölf gemalten Gewölbe, in denen sich der geheime Baumeister malend verschwendet, mit den Köpfen ragend an ein fiktives Gesims, dann wieder in Nischen und Lünetten, sitzen Sibyllen, sitzen Pro- pheten, lesende, denkende, redende, fragende, orakelreiche, weise Mittler zwischen Gott und den Menschen. Und auf den Sockeln über ihnen, als ob sie die Geschichte der Schöpfung träumten, kauern, spielen, recken sich Genien, zwanzig nackte Gestal« ien, Sinnbilder einer Schönheit der Seele, wie sie die laute, rasche Welt nicht kennt. Hier oder nirgends breitete der Künstler die unermeßlichen Gefühle aus, die sein stummes Wesen durchwühlten. Wenn je die Leiter menschlicher Empfindungen, Aufstieg und Abstieg eines Herzens im Bilde sichtbar wurde, hier ward es getan, und nur Musik kann diesen Chor beleben. Neunzehn sind Jünglinge, eine scheint weiblich, doch diese eine hat er nicht gemalt, der Kopf allein blickt nieder. Ließ er sie bis zum Schluffe übrig und wurde dann durch die Ungeduld des Papstes gehindert? Oder wagte er nicht, eine zweite nackte Frau neben die Mutter der Menschen zu stellen? Denn alles, was an dieser Decke ruht oder lebt, erscheint in geheimem Bezug zu diesen ersten Menschen. Als Gott sie im vierten und fünften Bilde schuf, sah er die Schar voraus, die Menge der Gestalten, die Vielfalt der Gefühle, ein Leben, reich an Variationen, wie der Boden der Erde, und so ging es auch dem, der Gott und seine Menschen hier im Nachbilde schuf. Nur in den dreieckigen Zwickeln, abgetrennt durch breite Rahmen, dort harrt in acht Gruppen ein anderes Geschlecht. Ihnen ist es nicht gegeben, die Schöpfung inmitten zu sehen, Propheten zu hören, Sibyllen zu befragen. Dumpf und schwer, starrend vor sich oder auf wunderliche kleine Dinge, leben sie hier, in Finsternis, Verbannte oder Wartende, ferne von Gott, vom Licht und von der Schönheit. Es ist, als hätte der große Wahn sie ergriffen, als trennten sie die dreieckigen Rahmen von den Gefühlen der Menschen, der Mittler und Gottes, als stammten sie nicht von Eva ab, der nackten Schönheit inmitten der Schöpfung. Rheingesang. Don Alberta von Puttkamer. Der Tag verloht ob einem frohen Lande — Ein Tanz von Sonnenfunken irrt am Strande, An Gipfeln hängt, wie Dosenkränze, Licht. Wie sich die Knospenbäume zärtlich ketten Und in narziffenvolle Wiesen Betten, Die lustig-kraus ein Aebenband umflicht!... And drunten lacht mein Strom! In Wonneschauern Springt seine Flut an Felsen und an Mauern, And donnert tote in Lenzgetoitterkraft... Sie leuchtet wie von einst versunknem Dolde — And träumt und fangt und schäumt tote eine holde, unbändig junge, große Leidenschaft... Sie steigt wie Rausch und wie geheimes Leben Dom Wurzelgrunb empor in alle Reben And wandelt sich und wird ein Quell von Wein. Die Welt ist Lust! Die regen Winde singen. And weit vom Lande her mischt sich ein Klingen Don Glocken und von Bechern lief hinein ... Wie bunt die Äser und wie reich die Räume! Die zartbeblälterten, die Knvspenbäume, Lichihin wie edle Säulen steigen sie! Die Welt ist so zu Wonnen hingerissen — ein leiser Laut von Lachen und von Küsten Zieht zu den Sternen auf wie Melodie. Da ist kein Trauern um Vergangenheiten, Wo stolze Schiffe reich befrachtet gleiten In offne Zukunft und zum Weltenmeer — Wo Jugend arbeitselig regt die Arme, And wo ihr Blut, wie dieser Strom, der warme, In siegendfrohen Wellen stürmt daher. Ich grüß' dich, der du feurig rasch wie Lieben, Dom dunkeln Quell unendlich hingetrieben, 3n Ozeane stürzt mein stolzer Rhein! Ich grüße, was da heimlich steigt in Reben, Ich grüß' dich, süßes, allgewaltiges Leben And alle Kraft die strömt und ringt im Sein! Mr. Hichens gleicht sich aus. Von Edmund Finke, Wien. Als William Hichens am letzten Tage feines sechsjährigen Aufenthaltes in den grauen Mauern von Pentonville vor Colonel House stand, der ihm ein paar wohlgemeinte Abschiedsworte auf den Weg in die Freiheit gab, sagte er bedächtig: „Man soll seine Geheimnisse für sich behalten, Colonel, Aber ich glaube nicht, daß meine Lage ganz hoffnungslos ist." Der Direktor des Gefängnisses sah Hichens kopfschüttelnd nach. Was sollte ein Mann beginnen, der sechs Jahre wegen Straßenraubs gesessen hatte? Nachdenklich blätterte er den gewichtigen Aki durch, der vor wenigen Minuten durch eine letzte Eintragung zum endgültigen Abschluß gebracht worden war. Hichens hatte an einem nebeligen Novembertage in der City einen Kassenboten mit vorgehaltener Pistole in ein Haustor gedrängt und den zu Tode erschrockenen Mann durch die altmodische Formel „Geld oder Leben!" gezwungen, sich seiner Ledertasche und der Botenmütze zu entledigen, worauf er ihn trotz des erwiesenen Entgegenkommens durch einen wohgezielten Kinnhaken knock out geschlagen hatte. An dem Fall war nichts Besonderes. Die geraubten fünftausend Pfund waren gelegentlich der Verhaftung Hichens nicht zustande gebracht worden. Er behauptete, sie verpraßt und verspielt zu haben. Möglich, doch bei der phlegmatischen Charakteranlage Hichens' eigentlich unwahrscheinlich. Nun, Colonel House wußte, daß New Scotland Iard seinen Schützling nicht sobald aus den Augen verlieren werde. In London angelangt, war Hichens' erster Weg, noch bevor er sich a[3 entlassener Sträfling in der Polizeiwachfftube des Rayons, in dem er zu wohnen beabsichtigte, meldete, zu Caston & Garfield. Diese Anwaltsfirma genoß in gewissen Kreisen, besonders bei der Konkurrenz und am Themse Embankement, dem New Scotland Darb seine Rückseite zugekehrt nicht den Ruf einwandfreier Geschäftsgebarung. Dort aber, wo jene Dinge gedreht werden, die weder bei hellem Sonnenschein, noch im Rampenlicht Old Bayleys betrachtet werden wollen, wußte man, daß „die Beute" nirgends bester angelegt werden konnte als bei Caston & Garfield. Sie zahlten zwar nur eineinhalb bis zwei Prozent, das andere ging aufs Unkostenkonto, dafür aber war man sicher, daß nach verbüßter Strafe das Konto abgeschlossen bereit lag. Aber, so dachte Hichens bei sich, er würde sich hüten, das Geld zu beheben. Hundert Pfund fürs erste, um sich einzurichten, das andere würde er nach Bedarf an Deckadressen senden lassen. Das war es, was er mit Mr. Garfield rasch besprechen wollte, bevor er seine Ankunft in London „amtlich" bekanntgab. Als Hichens aus dem hohen, alten Geschäftshaus in Hampftead trat, beruhigt, da er sich mit den hundert Pfund in seiner Tasche reich und frei wie der Herzog von Westminster fühlte, erhob sich im Innern des Hauses, das er eben verlassen hatte, ein wüstes Geschrei, untermischt mit schrillen Angstrufen, die wenig Gutes verhießen. Ganz instinktiv setzten Hichens' Beine sich in rascheste Bewegung. Ehe er jedoch um die Ecke der Hendonstreet gebogen war, befand er sich inmitten einer Meute wild- schreiender Menschen. Zwei rohe Konstablerfäuste griffen nach ihm und der schöne Traum von Reichtum und Freiheit war zu Ende, ehe er noch recht begonnen hatte. Alles was Hichens dem aufgeregten Tosen der gegen ihn anbrandenden Menschenwoge entnehmen konnte, war, daß im Stiegengang des ersten Stockwerks jenes Hauses eine alte Dame niedergeschlagen worden sei, von einem Kerl, welcher mit ihm, ausgerechnet mit ihm, identisch sein müsse, die hundert Pfund geraubt habe, die sie an Halbjahrszinsen bei einer Bank erhoben hatte. Eine arme alte Frau, hier in diesem anständigen Viertel! Man denke nur! Der Teufel solle den verdammten Räuber holen! Uebrigens die Polizei habe ihn ja schon gefaßt! Die alte Frau, gestützt auf zwei fette, biedere Kerle, die einen Heidenspektakel vollführten, trat aus dem Tore. „Ist er’s, Ma'am?" fragte der Schutzmann auf Hhchens weisend. „So wahr mir Gott helfe, das ist er! Gewiß! Oh, meine hundert Pfund!" „Beruhigen Sie sich, Frau, wir werden die Sache schon in Ordnung bringen. Können Sie mit auf die Wachfftube kommen? Ja, sehr gut! Vorwärts, Mann! Was Sie zu sagen haben, können Sie dem Wachtmeister erzählen." Hichens hatte den Mund aufgetan wie ein Fisch, der aufs Trockene geraten ist. Er erkannte das Gefahrvolle seiner Lage. Aber durfte er denn reden, sich verantworten, oder gar erzählen, daß er in dem Hause gewesen war, um sich bei Caston & Garfield Geld, das von jenem längst vergangenen Straßenraubs stammte, abzuholen? Und genau hundert Pfund! Es war ausgeschlossen, die Anwälte zu verraten. Uebrigens hätte ihn dieser Verrat sein bei den Anwälten erliegendes Vermögen gekostet, das die Polizei auf jeden Fall sofort beschlagnahmt hätte. Woher sollte es denn stammen, als von dem verdammten Straßenraub, für den er sechs Jahre in Pentonville gesessen hatte. Aber sitzen und obendrein das Geld verlieren? Alles eines dummen Zufalls wegen. By Jove, das war zuviel des Bösen. Hichens versuchte, die hundert Pfund durch ein Kanalgitter zu estamotieren. Es mißlang und seine Position stand jetzt um fünfhundert Prozent schlechter, als vordem. Wer würde ihm noch glauben? Die Männer des Gesetzes keinesfalls. Stumm, mit einem verbissenen Zug um den Mund bot er dem Schutzmann die Hände zur Fesselung dar. Die Untersuchung gegen den wegen Raubes rückfälligen William Hichens verlief für den Angeklagten hoffnungslos. Wohl übernahm Mr. Garfield die Verteidigung und es wurde sogar einwandfrei feftgeftettt, daß Hichens wirklich im Bureau der Rechtsanwälte anwesend gewesen war. Da aber einerseits diese Anwaltsfirma einen schlechten Ruf genoß und sich hinter ihrem Berufsgeheimnis verschanzte, als Mr. Garfield erklären sollte, wozu Hichens ihn aufgesucht habe, andererseits dieser Besuch den Raub durchaus nicht ausschloß und Hichens wegen des gleichen Deliktes vorbestraft war, gestaltete sich die Angelegenheit für ihn äußerst bedenklich. Dazu kam der Versuch, hundert Pfund auf der Straße wegzuwerfen. Geradezu tragisch aber wurde die Sachlage erst, als Mr. Garfield dis Nachricht brachte, daß die alte Frau infolge der erlittenen Aufregungen gestorben war, was den Vertreter der Anklage bewog, diese von Raub auf Raubmord auszudehnen. „Hichens", sagte Mr. Garfield, als er den Häftling im Zentralgefäng- nis besuchte, ernst und bedrückt, „ich kann Ihnen nicht verhehlen, es geht um Ihren Hals!" „Sie sollten das Hehlen besser verstehen, Mr. Garfield!" „Lassen Sie das, Hichenss Es ist nicht an der Zeit, zu spaßen. R habe mit Caston noch einmal die Angelegenheit von allen Seiten durchgesprochen. Auf uns brauchen Sie keine Rücksicht zu nehmen. Wir werden uns zu helfen wissen. Aber für Sie heißt es, so merkwürdig das klingen mag, ebenso merkwürdig vielleicht wie mein „Verhehlen", es heißt für Sie, Hichens: Geld ober Leben! Entweder Sie opfern die bei uns hchtorleM fünftausend Pfund, ober aber Sie werben eines schönen Tages im Morgengrauen mit einer Schlinge um ben Hals auf der verdammten FallM stehen, durch die man hinüber in die trübselige Ewigkeit rutscht." Hichens knirschte vor Zorn mit ben Zähnen. „Nichts, nichts werde wi sagen, Mr. Garfield, Sie vergessen, daß ich unschuldig bin. Ich soll ein«-’ dummen Zufalls wegen mein Geld verlieren. Schauen Sie lieber, bapJ" Polizei ben Richtigen erwischt unb lassen Sie mich mit Ihren Phantastereien in Ruhe. Dafür bezahle ich Sie nicht." , _ „Lieber Hichens, finb denn diese fünftausend Pfund wirklich Ihr ' Vergessen Sie doch nicht." .., r „Mein Geld, mein Geld", schrie Hichens taut, ohne auf den ®nr zu achten, der teilnahmslos an der Türe lehnte. Leiser fügte er Hinz ■ „Habe „Do Eie es den Ko Bis da haben Gar jurürfgi konnte, gebrach stsad ai ein Ra haben, war fei 2tbei ja das । leicht kc euch no zum Be er schwi halle ur es und Oh, warf siö (reiften bis er < rannte, jcrftober Als । führen. alles erz des Veai „Gan dulden, I dos Uebi heute fri Tage noi Als e ufer ftan wrteufed geben mi „Du i „Nein Skier fch „Aber ja auch n hinter fid wenigste, unb fozü nun bloß Aber »er- was man die Menst ober Gro „Im c andere, n daß die , sparen wi „Cxan „Das men, und größerer meine ba meinen er „Ich t bist mir ; Räisellösu' . „Hm, übrigens vielleicht verstehen gu was fi links den totfung c geforscht? nnd Adelh das alles, meinem ,< meinem e ■^epetitorii g°ng noch xute war Roller! Je ^erfpring ,„Durch °>ht Tage, v'llst du d . „"Nein, fthrichen, 'Mwer wi< ch als et walts- id am ekehrt, Dinge enlicht " nir- >. Sie i aufs Strafe eld zu würde er mit Sonbon d trat, ch und rn des cht mit fetzten cf e der ■ wildln und :r noch ' gegen >tiegen< chlogen i, iden- bjahrs- diefem t turnten )ie alte pettaM ttb. hui.de rt irbnung hr gut! Wachi- ürodene er denn gewesen gst ver- Pfund! egendes gnahmt traßen- r sitzen wegen. Pfund Position würde m, mit Hände William m Mn llt, datz n nxir. and sich ^klaren ich den Seliktes bedenk- werfen. ield die gungen i Raub gefäng- e5 geht en. Ich durchwerden klingen iir Sie, rlegten i Mor- Falltür rde ich l eines xift die Phan- Geld? Warier hinzn^ Habe ich mir's nicht in sechs verfluchten Kerkerjahren ehrlich verdient?" " „Darüber gehen die Ansichten zweifellos weit auseinander. Ueberlegen Ne es sich's, Hichens! Sie haben nichts von dem Gelbe, wenn Sie dafür den Kopf in die Schlinge stecken müssen. In zwei Tagen komme ich wieder. Bis dahin müssen Sie sich entschieden haben, was Sie tun werden. Wir haben keine Zeit zu verlieren." ' Garfield verlieh das Sprechzimmer. Hichens wurde in feine Zelle zurückgebracht. In seinem Sck)ädel war ein wüstes Durcheinander. Er konnte, er wollte nicht begreifen, daß er unschuldigerweise um sein Geld gebracht werden sollte. Was konnte er dafür, daß in dem Hause in Hamp- stead an dem einen einzigen Tage, an dem er die Anwälte besucht hatte, ein Raub verübt worden roarl Nein, nein, sie sollten sein Geld nicht haben. Lieber wollte er krepieren. Er würde es ihnen schon zeigen. Er war kein Feigling. Verflucht, das war er by Jove nicht. Aber würden sie ihm jetzt überhaupt noch glauben? Sicherlich, da war ja das Geld bei Casson & Garfield. Fünftausend Pfund! Trotzdem. Vielleicht kamen sie, auf die ausgefallene Idee, daß er die hundert Pfund auch noch — so im Äorübergehen — mitgenommen habe. Es war wirklich zum Verzweifeln. Was sollte er tun? Drei Fälle waren möglich: entweder tr schwieg und wurde gehenkt. Oder er sagte, wie sich die Sache verhalten hatte und man ließ ihn frei. Oder aber, auch das war möglich, er sagte es und wurde trotzdem gehenkt. Oh, und er war doch unschuldig, unschuldig wie ein Lamm! Hichens warf sich auf die Pritsche. Beinahe hätte er geweint. In seinem Schädel kreisten wie feurige Worte: Geld, Leben, Geld, Leben, immer schneller, bis er aufbrüllte wie ein Tier und mit dem Schädel gegen die Wand rennte, daß die Feuerräder im Dunkel wohltätiger Besinnungslosigkeit zerstoben. Als er schwach und gebrochen erwachte, ließ er sich dem Richter vor- sühren. Leben, leben, zum Teufel mit dem Selbe! Als er der Reihe nach alles erzählt und zu Protokoll gegeben hatte, zeigte sich auf dem Gesicht des Beamten ein lässiges, und wie es schien, ein wenig mitleidiges Lächeln. „Ganz recht so, Mr. Hichens. Einige Tage müssen Sie sich noch gedulden, bis wir die fünftausend Pfund beschlagnahmt haben werden. Um das Uebrige brauchen Sie sich keine Sorge zu machen. Der Täter wurde heute früh verhaftet und hat bereits gestanden. Wie gesagt, zwei, drei Tage noch, dann sind Sie frei, Mr. Hichens." Als eine Woche später Hichens arm wie eine Kirchenmaus am Themseuser stand und nachdenklich ins Wasser spuckte, fand er, daß es auf dieser verteufelten Erde doch irgendeine sehr verborgene göttliche Gerechtigkeit geben müsse. Er beschloß, sich nach Tunlichkeit danach zu richten. Mathilde Möhring. Roman von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) „Du meinst so im allgemeinen, so theoretisch..." „Nein, ganz praktisch. Du mußt mir eine Photographie von deinem Mer schenken. Darauf sehe ich mir ihn bann öfters an, so als Vorbilb." „Aber, Hans, bu willst doch nicht auch Bürgermeister werden und bist stauch noch oorm Referendar! Mein Bater hatte doch die halbe Quälerei hinter sich. Sie nehmen jetzt nicht all und jeden, und Referendar ist das wenigste, und du siehst mir nicht aus, als ob du in meiner Abwesenheit und sozusagen hinter meinem Rücken das Examen gemacht hättest und nun bloß kommst, um dich mir in deiner neuen Würde vorzustellen... Aber verzeih, ich werde uns drüben erst ein bißchen Abendbrot bestellen, was man in einer Chambre garnie so Abendbrot nennt; ein Glück, daß die Menschen den Schweizerkäse erfunden haben. Und soll ich Tee bestellen ober Grog?" „Im allgemeinen bin ich für das Uebergehen aus dem einen in bas onbere, man hat bas Spiel babei so hübsch in ber Hanb, vorausgesetzt, daß die Flasche nicht im Stich läßt. Aber heute laß es gut fein, Hugo, sparen wir uns bas Gelage für eine größere Gelegenheit. „Examen?" „Das ist zu unsicher, erstens an sich, das heißt, ob mir bis dahin kommen, und bann in feinem Resultat. Nein, wenn ich von Aufsparen unb größerer Gelegenheit spreche, so habe ich was anberes im Sinn und meine das, was auch mit dem ,recte vom Galgen' zusammenhängt: Minen ersten Abend." „Ich kann dir nicht folgen, Hans. Es ist lächerlich zu sagen, aber du bist mir zu mystisch. Erst recte vom Galgen und die Zusage späterer Wtsellösung — und nun erster Abend?" , Im, — ich habe doch wohl deine Auffassungsgabe Überschätzt, was übrigens nach Ansicht einiger eine ganz untergeordnete Gabe sein soll, vielleicht im Zusammenhang mit Logik und Mathematik. Alle Logiker verstehen gewöhnlich gar nichts. Aber wundern muß ich mich doch, Hugo! Zu was sind wir denn um den Königsplatz unzählige Male herumgelaufen, links den Mond und rechts Kroll unb bie kleine F., unb haben unter Ver- wrfung aller bisherigen Hamletauffaffungen einer neuen, tieferen nach- Sesorscht? Um was habe ich meine Parallelen gezogen zwischen Amalia Mw Adelheib von Runeck, zwischen ber Milforb unb ber Eboli? Zu was ws alles, wenn bu schließlich nicht einmal verstehen willst, was ich mit Mmcm .ersten Abend' meine... Also rund heraus, ich spreche von meinem ersten »Räuber'-Abend. Kosinskyl — Die Geschichte mit dem •Repetitorium wurde mir zu langweilig. Ja, wenn man den guten Aus- rn8 "och sicher hätte! Kurzum, ich bin zu Deichmann gegangen, unb wte war die britte Probe mit mir — übrigens Krauhneck brillant als . 3d) bente, baß ich über kurz ober lang auch ins Charakterfach krsprmge. ßiebljaber ist bloß Durchgang." nitit'a-Urti>9v°n' beibehalten?" yelmE"' man. nruß auch etwas für feine Familis-chun. Mein .von' wirb iitim«. n'. svenigsiens solange ich unberühmt bin, nachher kann ich es l*uner -weder aufnehmen." „Rechnest du darauf?" „Natürlich rechne ich darauf. Jeder rechnet darauf. Garrick war ür-< sprunglich auch Don Adel; meinst du, daß er mit her ganzen Geschichte nngefangen hätte, wenn er sich nicht hätte sagen dürfen: .Ruhm geht über Adel'? „Sag mal — unb bas alles ist dein Ernst?" „Mein voller Ernst, unb ich will dir auch noch mehr sagen unb auch -m Ernst. In ganz kurzer Zeit kommst bu zu mir unb sagst mir: ,Ry- bmsEi, bu hast recht gehabt, den ganzen Kram an den Nagel zu Höngen; was meinst bu, zu welcher Rolle paßte ich wohl am besten, Dunois ober Karl Moor?' Ich sage dir, du bist der geborene Karl Moor, unb wenn du beinen Arm an die Eiche bindest, oder vielleicht auch, wenn du den Alten aus dem Turm holst, mußt du einfach großartig sein." „So, meinst bu?" „Du hast ganz bas schwermütige Schwabblige, was bazu gehört, unb hast auch den Brustton der Ueberzeugung, wenn er sagt: .Diese Uhr nahm ich dem Minister'. Das ist natürlich ber Justizminister gewesen, unb auf den wirst du bald ebenso schlecht zu sprechen fein, wie ich. Ich habe bie Schiffe hinter mir verbrannt. Alles im Leben ist bloß Frage ber' Courage." „Ra höre, Hans, da spielt boch auch noch manches andere mit." „Du meinst Liebe. Damit komme mir nicht. Larisari. Manche sind so verrückt, und dir traue ich schon was zu. — Wer so viel spazieren läuft unb die gleiche Schwärmerei für Lenau wie für Zola hat — was dir beiläufig erst einer nachmachen soll, —, ber ist zu jebem Siebesunfinn fähig. Es sieht dann auch das wie Courage aus, ist aber das Gegenteil davon. Bloß Schlapperei, Bequemlichkeit, Hausschlüsselfrage... Hugo, steh dich vor. Aber so viel will ich dir schon heute sagen: wenn du dich normal entwickelst und nicht einen kolossalen faux pas machst, so kommst du morgen da an, wo ich schon heute bin/ Unb wenn du Referendar werden solltest, was leicht möglich wäre, Assessor wirst du nie. Laß doch bie Einpaukerei! Js ja alles umsonst. Ich kenne meine Pappenheimer/ Indem klopfte es. Großmann ging auf die Tür zu, um zu öffnen. Draußen stand Mathilde. Sie müsse noch in bie Stabt, unb weil keiner ba sei außer ihrer Mutter, wolle sie nur fragen, ob Herr Großmann noch irgendetwas zu Abend befehle. „Danke, Fräulein Mathilde. Herr von Rybinski hat alles abgelehnt. Ich gehe nachher noch in den Franziskaner hinüber. Wenn Sie mir vielleicht eine Flasche Sodawasser zurechtstellen wollen ..." Als er seinen Platz wieder eingenommen hatte, sagte Rybinski: „Dadurch wirst du dich auch nicht inszenieren. Sodatvasser, das trinkt doch bloß ein Philister." „Das ist erstlich noch sehr die Frage, denn es hängt viel davon ab, was man vorher getrunken hat, und bann will ich mich auch gar nicht inszenieren. Frau Möhring ist eine Philöse und das Fräulein ihre Tochter. Und da inszenieren! So weit sind wir doch noch nicht runter. Unb man Hai seinen Lenau doch nicht umsonst intus." „Gerade das, gerade das! Lyrik schützt vor Dummheit nicht. ,Aus dem Teich, dem regungslosen, weilt des Mondes holder Glanz' — es braucht bloß ein bißchen Mondschein, so verklärt sich alles, und der Teich kann auch ne Stubenbiele fein." „Ich begreife dich nicht, Hans, woher hast du denn Veranlassung..." „Des Menschen Bestes sind Ahnungen, und sie hat solch Profil, fast wie eine Gemme, streng und edel und einen kleinen Fehler am Auge unb ist aschblonb. So schreiten keine irbischen Weiber, bie zeugete kein sterblich Haus..." „Unsinn, was soll das? Eigentlich ist sie doch einfach eine komische Figur." „Du, sage das nicht, so was rächt sich!" „Ach was, alles Unsinn und nochmals Unsinn. Unb nun laß uns gehen... Wann ist benn eigentlich bein Debüt?" „Nächsten Dienstag. Du kannst mir ben Daumen halten. Ober noch besser, komm hin unb klatsche!" Die nächsten Tage vergingen ruhig. Am Vormittag hatte Hugo sein Repetitorium. Dann ging er zu Tisch, bann spazieren nach Wilmersdorf. Am Abend war er zu Hause, wenigstens meist, und war alles in allem ein Muster von Solidität. Was Mathilde auffiel, war bas Stubium. Aus allem, was sie sah. und auch aus Andeutungen von ihm selbst hörte, ging hervor, baß er sich auf ein Examen vorbereitete; er steckte auch jeden Morgen, wenn er ausging, ein Buch ober ein Heft zu sich, trotzdem war klar, daß, wenn er wieder zu Hause saß, von Studium keine Rede war. Auf einem am Fenster stehenden Stehpult, das er sich angeschafft hatte, lagen zwar ein paar dicke Bücher umher, aber sie hatten jeden Morgen eine dünne Staubdecke, Beweis genug, daß er sich den Abend über nicht damit beschäftigt hatte. Was er las, waren Romane. Besonders auch Stücke, von denen er manchen Tag mehrere nach Hause brachte. Es waren die kleinen Reelambändchen, von denen immer mehrere auf dem Sofatifd) lagen, eingeknifft und mit Zeichen oder auch mit Bleistiftstrichen versehen. Mathilde konnte genau kontrollieren, was ihm gefallen oder feine Zweifel geweckt hatte. Denn es kamen auch Stellen mit Ausrufungs- unb selbst mit brei Fragezeichen vor. Aber bas waren doch nur wenige. „Das Leben ein Traum" hatte bie meisten Zeichen unb Randglossen und schien ihn am meisten interessiert zu haben. „Mutter", sagte Thilde, „wenn ba nicht ein Wunder geschieht, der macht es nie.? „Was benn, Thilde?" „Na, das Examen. Aber schließlich, uns kann es recht fein. Je länger es dauert, je länger bleibt er. Unb is ja ein guter und anständiger Mensch. Und wenn er es macht unb durchfällt, so bleibt er auch. Wohin soll er am Ende, sehr viel Anhang scheint er nicht zu haben. Sogar der Herr mit ber polnischen Mütze war noch nicht wieder da." Das hatte freilich feine Richtigkeit. Rybinski war feit feinem ersten Besuch noch nie wieder dagewesen, aber am Abend des Tages, an dem Thilde Möhring diese Betrachtung gemacht hatte, kam er unb traf auch seinen Freunb Hugo zu Hause. in Ver- bißchen tollen und aufschon kriegen. Ich habe wir Runtschen. Sie kann dann auch einholen, was wir brauchen." (Fortsetzung folgt.) _____ Schristleitung: t. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindmckerei, R. Lange in alte ein an, und wenn auch! Die Haube is für eine fache, und deine Haube is noch ganz gut; plätten, und du siehst aus wie ne Gräfin." „Ach Kind, rede doch nicht solch Zeug." „Na, ich sage dir, Mutter, das wollen ist, muß ein Ge- Rybinski war kaum fort, so ging Hugo zu den beiden Frauen hinüber, um ihnen die zwei Billette zu bringen. Parkett sei ausverkauft, das sei der Grund, daß sie sich trennen müßten, aber er werde öfters hinaufsehen. Mutter Möhring wußte gar nichts zu erwidern, Thilde aber sand sich leicht zurecht und sagte mit vielem Anstand und in ihrer ganzen Haltung wie verändert: es sei sehr liebenswürdig, an sie zu denken, und sie empfänden es als eine große Ehre. Ja, sagte nun die Alte, das habe sie auch sagen wollen. Und nachdem noch ein paar Fragen gestellt und hin und her komplimentiert worden war, ging Hugo wieder in sein Zimmer hinüber, während die Alte eine Hutsche an ben Ofen schob und sich hinsetzt«. Thilde setzte sich aufs Sofa und schab die kleine Petroleumlampe so, daß sie daran vorbei zur Alten hinübersehen konnte. „Was ich nur anziehe, Thilde? Das Schwarzseidene geht doch nicht mehr und war ja eigentlich auf Trauer gemacht. Und wenn ich das rote Tuch drüber binde, dazu bin ich eigentlich zu alt." „Ach, Mutter, das laß nur gut sein, ich werde dich schon zurechtmachen. „Und weißt du, Mutter, was ich dir schon vor ein paar Tagen sagen wollte, wir wollen doch die alte Runtschen wieder ins Haus nehmen, das heißt, immer bloß eine Stunde, daß sie drüben reinmachen kann. Ich bin ja nicht dagegen, und mir kommt es nicht dmuf an. Aber neulich, da hatte er was vergessen und kam gerade dazu, wie ich da bei all dem Planschen und Gießen war und der Blecheimer mitten in der Stube, da war es mir doch genierlich. Und ich denke wirklich, wir nehmen die legenheit." „Ach, Hugo, das ist ja lächerlich..." „Und dann muß ich sie doch hinbringen, und wenn es aus Putzmachen gelernt und Blumenmachen auch und Klöppeln auch, und das müßte doch nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ich uns nicht raus- stafsieren sollte, wundern soll er sich, wie du aussiehst, und wenn er uns nach dem Theater in ein Lokal führen sollte..." „Ach, Thilde, wie kannst du nur an so was denken." „Na, wenn nicht, denn nicht. Ich hänge nicht dran, es macht nur so einen Eindruck und sieht ein bißchen nach ma saus, und daß man doch auch mit zugehört." „Ja, ja. Das is schon recht..." Kosinsky war dreimal gerufen worden, und die Alte, die nicht klatsch« wollte, hatte sich begnügt, dem Darsteller der Rolle zuzunicken, als er |ii gerade nach der anderen Seite hin bedankte. Dann sagte sie zu Thilt- während sie dieser eine kleine, unterwegs gekaufte Papiertüte mit Sropi hinreichte: „Er macht es ganz gut, er Hai soviel Anstand, nich? Es ms doch sehr schwer sein." „I Gott bewahre", sagte Thilde, die sich ablehnend gegen alles c«, hielt, weil sie merkte, daß Hugo es fortgesetzt vermied, nach dem zweit« Rang hinaufzusehen. Nur einmal geschah es, und nun grüßte er auch aber ganz steif und förmlich. So legte sich's aber schließlich doch z« guten zurecht, und als der große Traum kam und eben die weiße tjaw locke in die Wagschale des Gerichts fiel, sagte sie sich: Es ist ein gute Zeichen, daß er nicht raussieht, weil er kein Leichtfuß ist und es erm nimmt. Er sagt sich: alles das hat eine Tragweite... Ja, von Tragweid hat er schon ein paarmal zu mir gesprochen... Und so ganz abgeschlch, hat er noch nicht... Er nimmt es nicht als Spaß. Sie kam in ihren Betrachtungen nicht weiter, weil die Alte sagt« „Sieh doch mal nach, Thilde, wer der alte Diener is, er zittert ja |i furchtbar." „Ach, laß ihn doch", sagte Thilde und reichte der Mutter die Tüte ml den Drops zurück. „Endlich, Hugo! Du wirst schon gedacht haben, ich hätte geschwindelt, und'das mit dem Kosinsky sei nur ein Ulk gewesen. Aber ich sage dir, es war großer Ernst. Eigentlich heißt es bitterer Ernst, aber dies Wort möchte ich begreiflicherweise vermeiden. Man ist übrigens der Meinung, ich müsse gefallen, und einer sagte mir heute früh, ich sei der .geborene* Kosinsky. Leider war es Spiegelberg, der das sagte, aber wie das immer so geht, gerade dieser ist eine treue Seele. Na, morgen muß sich alles entscheiden. Ich bringe dir hier Billette, ein Parkett für dich und zwei zweiten Rang für deine Damen drüben, wenn sie auf diesen Namen hören, was mir allerdings zweifelhaft ist. Ich hätte dir drei Parkette bringen können, aber ich dachte mir, beide so dicht bei dir könnte dich vielleicht genieren, namentlich die Alte. Sie ist doch noch sehr Mutter aus dem Bolk. Und bann, offen geftanben, liegt mir und bem Direktor auch mehr am zweiten Rang. Im Parkett sitzt immer Kritik, unb wenn sich ba zwei solche Damen auf Enthusiasmus ausspielen, wird es lächerlich, im zweiten Rang, ba geht alles, unb auf ben zweiten Rang, wenn man ein bißchen aufpaßt, kann man sich verlassen. Dein Platz unten ist Eckplatz, es ist also alles vorgesehen... Aber ich finbe, Hugo, bu bist etwas nüchtern..." „Nein, Hans, ich bin nur etwas benommen. Ich buchte nicht, baß bu mir Wind vorgemacht hättest, ich dachte nur, es wäre etwas dazwischen gekommen, weil es sich so hinzog." „So, ich verstehe. Du dachtest, man hätte schließlich gemerkt, es ginge doch nicht, es sei nichts mit mir." „Du mußt nicht empfindlich fein. Bist noch gar nicht aufgetreten und fängst schon damit an. Aber das ist auch nur die Hälfte von dem, was ich eben dacht«; das andere ist das mit den zwei Möhrings." „Aber, Herz, das ist ja leicht zu ändern, du kannst auch zwei Parkette haben." „Nein, das ist es nicht. Im Gegenteil, das mit dem zweiten Rang haft du dir sehr gut ausgedacht und rücksichtsvoll gegen mich. Es ist nur mit dem Mitnehmen überhaupt solche Sache. Wenn wir auch verschiedene Kosinsky spielen sollte." „Wer weiß, was kommt." Und damit brach der Freund wieder auf, weil er noch hunderterlei zu tun unb zu bebenken habe. „Bei Philippi sehen wir uns wieber! Und ficht tapfer! Unterlieg ich, so muß ich mich ins Schwert stürzen." Hugo lachte. „Verlange nur nicht, baß ich es bir halte." ®ie allein. £ Klein-D essen ni< Gesinde, dem Hä Loikc Jungen brannte: Zähnen. Fritz etwas n „OBa Weil ih »ilni »We Die s Lotka sie vor ik die ande Die b .Ich beide du .Das Lächeln. »Du .Ich Jetzt gute Kin als ob e Lotka nt .Jost Mit i geschickt 1 sich an, c „Unfi »Darr »Fritz »Eure »Wir »Ihr »Bist lagt, daß »Mei: Her, als -em Wo: Es su ,. »Und Mausge kein Haus! D N Lotka ®.ann ah, 6le Fruck »Du ( ich sie wieder nach Haus begleiten." „Seh ich gar nicht ein. Du machst ihnen mit den Billetten schenk und läßt sie ihrer Wege gehen." „Gut, du sollst recht haben; ich will es so machen. Du siehst nun, warum ich so benommen war, was du .nüchtern' nanntest. Von nüchtern ist keine Rede. Eigentlich bin ich aufgeregt, wie wenn ich selbst ben Die Mutter hatte kleine Bedenken und sagte: „Thilde, bas läuft i ins Gelb. Und man weiß boch nicht, wenn er bann kündigt..." 11 „Dann kündigen wir auch wieder. Die Runtschen is ja ne oernünfth, Frau. Und dann, was heißt kündigen! Glaube mir, der kündigt nicht/* * Der andere Tag war ein großer Tag. Der Inhalt einer großen Pa»», schachtel, darin sich Bänder und alte Blumen befanden, war aus k Chaiselongue ausgeschüttet, damit man einen besseren Ueberblick ta. Der Alten war es nicht recht. „Thilde, das fuffett alles so. Und es ist doch unser Prachtstück. Kitz Kind, wo soll denn alles Herkommen!" Aber Thilde ließ sich nicht einschüchtern, unb als sie gefunben Hatz, was sie für sich und die Alte brauchte, war sie fleißig bei der Arbeit. wusch sie zwei Paar hellbraune Handschuhe. Es roch bis in Hugos Zj«, tner hinüber nach Benzin. Dann wurde geplättet. Thilde war in ein« apart guten Laune. „Sieh nur, wie er glüht!" Und dann schlug sie Schieber mit einem Feuerhaken zu. Ihr Mieter hatte sich den ganzen Tag nicht blicken lassen, wodurch« der Begleitungsfrage klug entgangen war. Plätze haben, bas ist boch wie gesellschaftliche Gleichstellung, unb wenn ich mit der Alten über den alten Moor spreche oder sie mit mir, denn ich werde nicht anfangen, so sind wir intim, und t>as geht boch nicht gut. Und dann, was kann denn solche Frau sagen? Alles bringt sie in Ver- Mit ein paar Schleifen zwingen wir's schon, es sieht einen ja boch keiner Frau immer bie Haupt- Die Möhrings hatten Mantel unb Hut brausten abgegeben, Thiltz hatte barauf bestauben. „Mutter", hatte sie gesagt, „bu weißt boch, boj ich's zusammenhalte, aber mitunter is Anstänbigkeit auch bas KliWk.' „Na, wenn bu meinst, Thilbe, wir wollen es aber auf eine Nw mer geben." Jetzt hatten sie sich eingemummelt unb fliegen bie Treppe hinunter Unten in ber Borhalle machte sich Thilbe mit allerhanb zu schaffen, weil sie's für möglich hielt, daß ihr Mieter an einer der Barrieren stehe un) auf sie warte. Aber er war nicht da. Das gab eine neue BerstimnniH und einen Augenblick überkam die sonst unerschütterliche Thilde bie Frag« Ob ich mich boch vielleicht irre? Sie war aber von einem unvertilgbam Optimismus ber Hoffnungsseligkeit, weil sie ben Charakter ihres Mieten ganz genau zu kennen glaubte, unb sagte sich: er muß natürlich sein« Freund beglückwünschen, und er kann nicht an zwei Stellen fein. Erst nach zehn waren sie zu Hause, was nichts schadete, ba sie te Hausschlüssel mithatten. „Siehst du, Thilde, wie gut", sagte die Alte, ab sie ben Schlüssel aus ihrer Tasche hervorholte. „Ach, Mutter, als ob ich nicht gewollt hätte. Natürlich, ich dH sogar, wir könnten erst um elf kommen." Auf ber Trepp« trafen sie ben Portier, ber eben bas Gas ausbreyt „Soll ja sehr schön gewesen fein", sagte biefer. „(Sott, Mieckhoff, wissen Sie benn schon?" j „Ja, meine Iba war auch ba. Ida is immer da. Sie kennt wy von's Theater." „Na, bas is recht", sagte Thilbe. „Theater bitbet." Und damit stiegen Mutter und Tochter weiter hinauf, während » Portier in einem Anflug von Galanterie ihnen noch eine halbe TrW aufwärts leuchtete. , Oben sagte Thilde: „Nu, Mutter, wollen wir uns einen Tee aufgtv und warten, bis er kommt. Er wird uns wohl auch sehen wollen ■ hören, ob wir uns amüsiert haben." , „Ach, Thilde, es war ja doch so graulich, und ber alte Mann, w wie er aussah, rote er da raus kam und der andere gleich rein! M ® fiel mir ein Stein vom Herzen. Wenn ich mir denke, daß so einer w frei rumläuft..." .. „Das kann er ja gar nicht mehr. Cs is ja schon so lange her,,uno » , is es ja bloß so was Ausgedachtes. Du denkst immer, es is wirklich „Ja, Gott, warum soll ich so was nich denken! Es gibt so viele \W 2Xcnfch*cn.. , „Ja, ja, erzähle nur nicht bie Geschichte von bem Kürschnermeisür " Treptow; ich weiß ja, daß er seine Frau mit bem Marderpelz erftiBir Aber es gibt auch gute Menschen." i. „Ja, bie gibt es auch. Und ich glaube, unser jetziger Herr bruWii ’n guter Mensch." , .. „Ein sehr guter, das heißt, wenn er so is, wie ich ihn mir denre. „Du sagst ja immer, du bist so sicher." „Bin ich auch, bloß mitunter wird einem doch etwas bange, nw geht gleich wieder vorüber."