WetzenerMiinlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Mgang S950 Zreitag. den 4-Mi Nummer 5l Tlachtidyll mit der Triangel. Von Paul Appel. Es war wie Frieden. In der Sommernacht Trat ich zum Bett der Mutter und des Kindes. Sie schliefen beide glücklich, schön und schimmernd still. Wie ich es manchmal tat, wischt ich auch jetzt Den Perlschweiß unter den vier lieben blauen Augen Und wollte gehn: Da sah ich, wie des Knaben Haar Nur eine Handbreit lag vom dunklen Haar der Schönen, Meiner lieben Schönen. Oh, war das wohl für mich! Ich stand, ich nickte. Dann: Ein Lächslfinnen, Ganz aus großer Macht, ließ mich die Hände Schon wieder hinwärts heben, langsam, und ohne Willen Legt ich das Haar der Mutter zu des Knaben Locken. Und kaum ichs tat, stieg neue, heilig fremde Huld Tief in der Seele auf, als fei der Weltgeist, Unser Seeleneigner, süß und schmerzend nah. Ihm dienen in der klaren Kindlichkeit! So riefs mich raunend an: Da fiel mein Blick Auf die Triangel an des Knaben Bettwand. Sie hing zum Spiele da wie einst für mich. Ich nahm das kleine, zauberliebe Dreieck, Die Wendeltreppe stieg ich ab zum Garten. Der lag in freier kühler Morgendämmerung, Die freien weißen Sterne über sich. Was wars jetzt? — Ja, ich hob den. schmalen Stab, Ich war mir fremd, dankbares Irrlicht Schien mir die eigne glückerfüllte Seele. Schon wollt der Stab in die Triangel sinken, Der kleine Gottgruß eines Menschen wollte klingen: Da rang sich aus dem Birnbaum über mir Ein Liebeslaut, ja ach, ein Liebeslaut, Ein Schöpfungszittern in den Morgenwind — 0 heilger Geist, du heilger Geist! Ich sprach mirs hin, ich sprach es in di« Erde, Hob die Triangel und das Stäbchen vor die Brust, Und stand und hielt sie so: Da sang die Amsel, Die erste Amsel sang sich hoch aus Laub und Tau. Oer Mann mit den vielen Büchern. Eine Erzählung von Hermann Hesse. Es war ein Mann, der hatte schon in früher Jugend sich aus dem Lärm des Lebens, der ihm Furcht machte, zu den Büchern zurückgezogen. Er lebte in seinem Hause, dessen Zimmer mit Büchern angefüllt waren, und hatte kaum einen Umgang und Verkehr außer mit seinen Büchern. Es schien ihm, da er von der Leidenschaft für das Wahre und Schöne mullt war, weit richtiger zu sein, daß er mit den edelsten Geistern der Keuschheit in nahem Umgang lebe, als sich den Zufälligkeiten und den zusälligen Menschen auszusetzen, die das Leben ihm sonst etwa zugeführt ..deine Bücher waren alle aus der alten Zeit, von den Weisen und Richtern der Griechen und Römer, deren Sprachen er liebte und deren Mit ihm so klar und wohlgestaltet erschien, daß er oft kaum begriff, warum die Menschheit diese hohen Pfade längst verlassen und so viel Jrr- ale dafür eingetauscht habe. In allen Dingen des Wissens und des Dichtens hatten jene Alten das Beste schon getan, es war später weniges wehr hinzugekommen, Goethe etwa, und wenn die Menschheit inzwischen Fortschritte gemacht hatte, so war es nur auf den Gebieten, die ihn nicht berührten und ihm entbehrlich und oberflächlich schienen, im Bauen von Maschinen und Kriegswaffen und im Verwandeln des Lebenden in das l-ote, im Verwandeln der Natur in Zahlen oder in Geld. Ein klares, stilles, gleichmäßiges Leben führte dieser Leser. Er ging wdj seinen kleinen Harten, Verse von Theokrit auf den Lippen, er sammelte Sprüche der Alten und ging ihre schönen Gedankenwege, Namentlich die des Plato, nachgenießend mit. Manchmal empfand er in stnem Leben eine gewisse Armut und Einschränkung, allein er wußte B“**..ben alten Weisen, daß das Glück des Menschen nicht vom Vielerlei Whange, und daß in Treue und Selbstbeschränkung der Kluge sein Wl finde. Einst erfuhr dies ungetrübte Leben eine Unterbrechung dadurch, daß ,,r. "e'er auf einer Reise, die er nach einer Bibliothek des Nachbarstaates umernahm, einen Abend in einem Theater verbrachte. Es wurde ein . tQ1Va von Shakesspeare aufgefllhrt, den er wohl von den Schulen her . aber nur eben so, wie man die Dinge auf den Schulen lernen nn' Nun saß er in dem hohen dämmernden Hause, etwas bedrückt und gestört, denn er liebte Menschenansammlungen nicht, aber bald fand er sich angerufen und hingerissen durch den Geist dieser Dichtung. Er erkannte, daß die Darsteller ihre Sache nur mäßig machten, und war Überhaupt kein Freund des Theaters, aber durch all diese Hemmnisse hindurch traf ihn dennoch ein Strahl, eine Kraft, ein mächtiger Reiz, den er noch nie gekostet hatte. Betäubt lief er nach dem Schluß des Dramas aus dem Hause, setzte pflichtgemäß seine Reise fort und brachte von ihr alle Werke desoenglischen Dichters mit nach Hause. Da las er nun, saß wie betäubt und las den „Lear", den „Othello", den „Romeo", und alle alle diese Stücke, und ein Sturm von Leidenschaft, Dämonie und phantastischem Leben drang auf ihn ein. Im Taumel vergingen ihm die Tage, glücklich empfand er, daß ein neue Stück Welt ihm erschlossen worden fei, und lange Zeit lebte er in Haus und ©arten, beständig umgeben von den Gestalten dieses unbegreiflichen Dichters, der alles auf den Kopf zu stellen schien, was die Griechen festgestellt, und der dennoch recht hatte und jeden Wideckspruch besiegte. Als endlich der Leser, wie ein Erwachender nach einem Bachanal, sich wieder auf sich selbst und das Ehemals besann und zu seinen Lateinern und Griechen zurückkehrte, da schmeckten sie anders, schmeckten ein wenig fade, ein wenig alt, ein wenig fremd. Darauf versuchte er es mit einigen Büchern von heutigen Dichtern. Die gefielen ihm aber nicht, es schien sich alles um kleine und belanglose Dinge zu drehen, und es schien alles nur halb ernstgemeint zu sein. Den Hunger nach großen, neuen Reizen und Aufrüttelungen aber wurde der Mann nicht mehr los. Wer sucht, findet. Und so war das Nächste, was er fand, ein Buch von einem Norweger, namens Hamsun. Ein sonderbares Buch und ein sonderbarer Dichter. Dieser Mensch schien sein Leben lang — es hieß, er lebe noch — sich allein und stürmisch in der Welt umherzutreiben, ohne ein Ziel, ohne einen Glauben, halb verwöhnt und halb verwildert, auf ewiger Suche nach einem Gefühl, das er da und dort für Augenblicke im Zufammenklang seines Herzens mit der umgebenden Welt zu finden schien. Dieser Dichter gestaltete keine Menschenwelt wie Shakespeare, er sprach meistens von sich selbst. Aber an vielen Stellen überfiel den Leser eine tiefe Rührung und oft ein bitteres Weh, und manchmal mußte er auf einmal, und auf eine neue Art, plötzlich lachen. Welch «in Kind war dieser Dichter, welch ein trotziger Knabe war er! Aber er war herrlich, und wer ihn las, fühlte Sternschnuppen fallen und hörte ferne Brandungen donnern. Weiter fand der Büchermann ein dickes Buch, das „Anna Karenina" hieß, und dann Gedichte von Richard Dehmel. Und er fand wenig später die Bücher von Dostojewski. Seit er mit Shakespeare begonnen hatte, war es, als liefe die Dichtung ihm nach, als käme ihm da und dort, sobald er eine Leere zu spüren begann, gerade das durch Magie entgegen, was jetzt zu ihm sprechen, was jetzt ihn hinreißen konnte. Er weinte und lag schlaflos über diesen russischen Büchern, er schleuderte den Horaz von sich und gab eine Menge von seinen alten Büchern weg. Eines fiel ihm dabei in die Hand, ein lateinisches, das er früher wenig geschätzt hatte. Jetzt legte er es beiseite und las es bald. Es waren die Bekenntnisse des Augustlnus. Von ihm kehrte er wieder zu Dostojewski zurück. Eines Tages gegen Abend, er hatte sich müde gelesen und fühlte Augenschmerzen, war auch nicht mehr jung, da fiel er in Nachdenken, lieber einem feiner hohen Bücherfchäfie stand von früher her in Goldschrift jenes griechische Wort, welches bedeutet: „Erkenne dich selbst!" Das arbeitete in ihm. Denn er kannte sich selbst nicht, seit langem wußte er nichts mehr von sich. Nun ging er jede erfühlbare Spur zurück, er suchte mit Inbrunst nach den Zeiten, da ihn ein Vers von Horaz entzückt, ein Gesang des Pindar ihn beseligt hatte. Damals hatte er, aus jenen alten Büchern her, in sich etwas gewußt, das Menschheit hieß, er war mit den Dichtern Held, Herrscher, Weiser gewesen, er hatte Gesetze gegeben und Gesetze geachtet, und in herrlicher Würde war er, der Mensch, aus der Wirrnis der seelenlosen Natur hervorgetreten, dem klaren Licht entgegen. — Jetzt war dies alles zerstört und dahingefchmolzen. Er hatte nicht nur Räuber- und Liebesgeschichten gelesen und Freude daran gehabt, nein, er hatte mit geliebt, mit gemordet, mit geweint, mit gesündigt, mit gelacht, er war in Abgründe des Verbrechens, der Not, der irren, flatternden Instinkte und Gelüste geraten, er hatte mit zuckender Angst und Wonne im Gräßlichen und Verbotenen gewühlt. Sein Nachdenken ergab keine Früchte. Bald hing er wieder fiebernd über seltsamen Büchern. Er schlürfte di« Luft aufregender Geschichten von Oskar Wilde, er verlor sich in die wehmütig skeptischen Sucherwege Flauberts, er las Gedichte und Dramen junger und jüngster Dichter, welche allem Geordneten, allem Griechischen und Klassischen todfeind schienen, welche Auflehnung und Anarchie predigten, Häßlichstes verherrlichten, Furchtbarstes belächelten. Und er fand: auch sie hatten irgendwie recht, auch das war im Menschen, auch das mußte fein. Es war Lüge es zu verheimlichen. Es war Lüge, sich um das ganze blutige Chaos des Lebens zu drücken. Eine große Abspannung und Ermüdung folgte. Es gab keine Bücher mehr, die ihm entgegen kamen, in denen Neues, Mächtiges ihn anrief. Zr maschi des F schien beeilt« sparte Watt maschi die Dc Oli< den 'S. des 19 Landst Räben fchwink hafte" beförde große t gesund« unterne und Hö Fälle g die Au fahren i roten ? „Ängeii Ausbrei als Pfe Die - Jahre v auf den »Schiene Cs f, weisen i> fuhrwerk Eisenbah Kommiss des Eise glaube, i bahn zu der Stur Wohl ges gerade ei antwortet Mission. - Genehmig Sicher Fabrikant nötigten. Eisenbahn land, Oes! lifchen De . Dagegl cmige Ja tarnte Kul Eisenbahn anlassung, zu sehen bürg und Der Er der Ingen die Genehi M, welch Selo erba betrug fech unterzeichn als kurios »Dampf-Eg begann sic Waggons England b fuhr denn bespannt. Dom 33i uannt, weil gegen der Sitte - b, y™ abergli bahn mit b auch die üb Mug, ang( fe Ueberz 6i>'et hätte, .»Die »Tsci nauen des Tapferkeit u bahnfahrt m recht merkwi ^Mattfor iu ftellen u, ®an nei . «ne m »We&en. 3 E^'bahn fü bie Gä ^^schen qj von Alexandria, der 200 Jahre nach Christus lebte. Er hat den so nannten Aeolsball erfunden, eine Dampfturbine, deren Metallw , drehbar aufgehängt wurde und aus der dann durch zwei qeBon»» Röhren der Dampf entströmte. Dieser Dampf veranlaßte die äS durch Rückstotzwirkungen ständig in Bewegung zu bleiben. Doch bb? Erfindung war lediglich ein pneumatischer Zeitvertreib des an,iE Physikers. Niemand hatte damals für diese „Maschine" Verwendung sie leistete keine Arbeit: und blieb nur das, was sie barltim»», sollte, — ein amüsantes Spielzeug... Biele andere Physiker und Gelehrte beschäftigten sich seitdem mit der Dampfmaschine, doch die Zeit arbeitete nicht für sie und so könnt» die Energie der Dampf-,,Maschine" jahrhundertelang nicht ausgenutt werden. Mehr oder weniger ausführlich sprach der Römer D i t r u n über die Spannkraft des Wasserdampses. Im Jahre 1495 befaßte M auch Leonardo da Dinci mit der Dampfmaschine und beschrieb ein Dampfgeschütz, das er „Erzdonner" nannte. Ihm folgten u. a der alte Dergprediger Johann Matthesius (1562), Giovanni Dadtiiw Porta (1601), Salomon de Caus (1615) und der Ingenieur Giovanni Dranca (1629), die alle mehr oder weniger von sich red«, machten, doch die Welt von der Nützlichkeit dieser Maschine nicht ru überzeugen vermochten. Am 21. Januar 1630 wurde schließlich in London von David Ramsey die erste Dampfmaschine zum Patent angemelöet. Sie sollte in der Hauptsache dazu dienen, um „Wasser aus den Bergwerken zu heben". Doch immer noch fand sich kein Dlnternehmer um für ein derart „gewagtes Experiment, das absolut keinen Ruhen versprach", Geld anzulegen. Bier Jahre später versuchte John Date d^en enormen Ruhen der Dampfmaschine zu beweisen; ihm folgten der Tscheche Jakob Dobrzenski (1657), dann der Marquis of Worcester (1663), und schließlich Samuel Morland (1682) mit demselben kläglichen Erfolg. Die Dampfmaschine war in der Theorie hinreichend bekannt, als Denis Papin auf dem Kampfplatz erschien und sie in die Praxis umzusehen versuchte. Das Anglück begleitete den genialen Physiker Papin von Paris nach London, von London nach Denedig, von Venedig wieder zurück nach London. Anfänglich arbeitete er in Paris (1673) als Assistent von Christian H u y g e n s (dem überragenden Mathematiker, Astronom und Physiker) an einer Schießpulver-Explosionsmaschine, wurde aber kurz darauf in die Sache der Calvinisten verwickelt und flüchtete nach London. Hier nahm sich Bohle seiner cm, und nach unermüdlicher Arbeit gelang es dem damals 33jährigen französischen Gelehrten, im Jahre 1681, s einen heute noch unter demselben Namen bekannten „Dampfkochtopf" zu konstruieren. Aber man schenkte Papin nur wenig Verständnis für seine eminent wichtige Erfindung und, in seinen heiligsten Gefühlen gekränkt, verlieh er London. Ganz Deutschland durchreiste darauf der Gelehrte und, da alle Wege nach Rom führen, kam auch Papin in die „ewige Stadt". Don hier gelangte er längs den blauen Afern der Adria nach Venedig und — wurde Hafenarbeiter. Rach längerer Zeit sehr kargen Lebens erhielt Papin beim ersten Gonfaloniere von Denedig das Amt des Rattenfängers... Rot kennt kein Gebot — und so konstruierte der Physiker und Mediziner von nun an Rattenfallen, die er des Nachts im Palazzo aufstellte, während er am Tage unermüdlich seine wissenschaftlichen Versuche fortsetzte. Die Aufdeckung einer Verschwörung gegen den Dogen,_ die der Gonfaloniere anzettelte, verhalf dem völlig unschuldigen Papin, mit den venezianischen .Unterwassergefängnissen Bekanntschaft zu machen. Rach geglückter Flucht aus dem Gefängnis, bei der ihm sein Diener und Freund Modeljani behilflich war, floh Papin anfänglich nach London, um späterhin dem Rufe des Landgrafen Karl I. nach Marburg zu folgen. Papin wurde Professor und erhielt einen Lehrstuhl der Mathematik an der Marburger Universität. Der bescheidene Professor beschäftigte sich aber nicht nur mit Vorlesungen, sondern arbeitete ununterbrochen an sonderbaren Gegenständen. Eiserne Stäbchen und Röhren wurden ihm ständig ins Haus getragen. Und oft vernahm der verspätete Fußgänger zur vorgeschrittenen Rachtstunde das Klopfen des Hammers und sah Licht im Zimmer des Gelehrten. Umsonst bemühten sich die Neugierigen, zu erfahren, woran er so emsig arbeitete. Sein Zimmer, war stets fest verschlossen und die Fenster dicht verhängt. Doch endlich war die lange Arbeit beendet, die ewig gerunzelte Stirn des Professors glättete sich und ein zufriedenes Lächeln erschien auf seinen Lippen: — „Ich schuf eine Kolbendampfmaschine" — erklärte er -— „die imstande ist, menschliche Arbeit zu ersetzen: der braucht nicht mehr den schweren Hammer zu heben, das mühselige Rudern auf den Schiffen hört auf und in den Bergwerken werden meine Maschinen die Pumpen in Bewegung setzen..." 2lber statt Anerkennung, erntete Papin nur Mißtrauen, mitleidiges Lächeln und völlige Gleichgültigkeit. Umsonst versuchte er zu beweisen, daß seine Maschine schneller und viel billiger arbeitet, als menschliche Kraft, — er konnte niemand davon überzeugen. Und als Papin im Jahre 1707 mit seinem selbstkonstruierten Dampfboot auf ver Fulda erschien, ohne Segel und Ruder, zerschlugen die wütenden Dootsbesitzer sein kleines Schiff. Seit dieser Zeit fand Papin keine Kraft mehr, sein Werk von neuem zu beginnen. Don allen verlassen, verbrachte er die letzten Tage seines Lebens in London, wo er, dem hunger und Elend preisgegeben, die traurigen Ueberreste seiner Maschine zur Ausbesserung des Kamins benutzen muhte. Fünfundzwanzig Jahre vergingen... Während dieser Zeit grün" oete England viele große Fabriken und menschliche Kraft wurde rar. Die Arbeit ging nur langsam vorwärts und die Unternehmer konnten nur einen geringen Teil der Aufträge bewältigen. Auch die Berg- vßrke hatten schwer zu leiden. Bei ihnen mangelte es nicht an ®n< «gen, sondern an Pferden. Immer tiefer wurden die Schachte uw immer höher stieg das Wasser. Es wurden viele hundert Pferde benötigt, um das Wasser herauszupumpen. Und wieviel Zeit 11,1 “ Muhe wurde vergeudet? Er war krank, er fühlte sich alt und betrogen. Ein Traum zeigte ihm feinen Zustand. Er träumte: Er war damit beschäftigt, eine hohe Mauer aus lauter Büchern aufzurichten. Sie wuchs empor, er sah nichts als sie, es war seine Aufgabe, alle Bücher der Welt hier zu einem großen Bau aufzustapeln. Da plötzlich geriet ein Teil des Gebäudes ins Wanken, Bücher glitten hinweg, rumpelten ins Bodenlose, ein seltsames Licht fiel durch klaffende Lücken herein, und jenseits der Büchermauer sah er etwas Ungeheures, sah er in Licht und Dunst ein riesiges Chaos, einen Knäuel von Gestalten und Bildungen, Menschen und Landschaften, Sterbende und Gebärende, Kinder und Tiere, Schlangen und Soldaten, brennende Städte und untergehende Schiffe. Schreie und wildes Jauchzen klang irr herüber, Blut floß, Wein strömte, Fackeln strahlten grell und frech — und er erwachte, und sprang auf, von einem schweren Druck auf dem Herzen gepeinigt, und wie er im Mondlicht verstört in seinem stillen Zimmer stand, die Bäume hinterm Fenster und das Buch auf dem Nachttisch erkannte, da wußte und spürte er plötzlich alles: Er war betrogen, er war um alles betrogen! Er hatte gelesen, er hatte Seiten umgedreht, er hatte Papier gefressen — ach und dahinter, hinter der schändlichen Büchermauer, war das Leben gewesen, hatten Herzen gebrannt, Leidenschaften getobt, war Blut und Wein geflossen, war Liebe und Verbrechen geschehen. Und nichts von alledem hatte ihm gehört, nichts war fein gewesen, nichts hatte er in Händen gehabt, nichts als dünne flache Schatten auf Papier, in Büchern! Er ging nicht erst wieder zu Bett. Er rannte, flüchtig angekleidet, in die Stadt, lief durch hundert Straßen im Laternenfchein, sah in taufend blinde schwarze Fenster, lauschte an hundert geschlossenen Türen. Der Morgen kam, die Gassen erwachten, wie ein übriggebliebener Trunkner irrte er durch das bleiche Morgenlicht, nahe am Zusammenbrechen. Ein bleiches, schwach und kränklich aussehendes Mädchen begegnete ihm, er fank vor ihr nieder. In ihrer Kammer faß er, auf einem ärmlichen Bett, über dem ein japanischer Fächer aufgefpannt war, voller ©taub und ©pinnweb. Er saß und sah, wie sie mit seinen Talern spielte, und wieder nahm er ihre Hand und sagte: ,Laß mich nicht allein, du! Hilf mir! Ich bin alt, ich fjabe niemand als dich. Bleib bei mir! Vielleicht habe ich nichts mehr zu erwarten als Krankheit und Tod, aber wenigstens das will ich auskosten, wenigstens leiden und sterben will ich selber, will ich mit meinem eigenen 23fut und Herzen. Wie bist du schön! Oh, du bist gütig. Denke ich war mein Leben lang begraben, in lauter Papier begraben! Weißt du, wie das ist: Nicht? Desto besser! Oh, wir wollen noch leben, wir wollen leben. 3ft die Sonne schon aufgegangen? Zum erstenmal werde ich die ©onne sehen. Das Mädchen lächelte, streichelte seine unruhigen Hände und hörte zu. Sie verstand ihn nicht, und sie sah im grauen Morgenlicht verfallen und elend aus. Sie lächelte, und sie sagte: „Ja, ja, ich werde dir helfen, ©ei nur ruhig, ich werde dir schon helfen." Vorzeitige Erfindungen. Pon Harry v. H a f f e n b e r g. übende des 12. Jahrhunderts sahen die Venezianer eines staunend auf drei Fremde, die in sonderbare morgenländischd Gewänder gehallt, einem Schiffe entstiegen. Wie Menschen, die mit Benedig gut vertraut sind, gingen die Reisenden sicheren Schrittes S1™1“ngft petö&eten Haufe der einstmals reichen und angesehenen Raufleute P 0 l 0. Sie pochten laut an die große hölzerne Pforte und als die alten, ergrauten Diener, die lange schon keine Besucher mehr iahen, das L,or geöffnet hatten, verlangten die Fremden — die De- hereinzulassen... Denn sie waren niemand anderes, als -Kicoto Polo, sein Bruder Maffio und dessen Sohn Marco. "ü0r Zogen sie nach dem geheimnisvollen China aus, um "E Absatzgebiete für ihre Waren zu suchen. Man glaubte sie schon ‘Ol- Egst irgendwo verscharrt in den weiten, unerforschten Wüsten des Ostens... 1 Alle Freunde und Bekannten fanden sich nun ein, um von den Heimgekehrten etwas Positives über das unbekannte Asien zu er* V1®- ©enn bor 700 Jahren wußten die Menschen in Europa nur fej>r wemg über die Länder des Ostens und nur wenige entschlossen 1. , owse weite und gefährliche Reise zu unternehmen, von der fast nremand zuruckkehrte. So erzählte Marco Polo über alles, was sie in fremden Ländern gejetjen hatten: von sonderbaren, schwarzen „Feuersteinen", die in (Spina aus der Erde geholt wurden und die besser Brannten als §013. Auch über Geld aus Papier berichtete er, das man aus Baumrinde herstelle und wofür man alles kaufen könne, was das Herz begehrt, felbft Gold und Edelsteine. Roch vieles andere vernahmen öre erstaunten Venezianer von den Sitten und Gebräuchen, den Fort- schrttten und der hohen Kultur der Söhne des Reiches der Mitte. Doch viele Jahrhunderte vergingen seit diesen Tagen, bis in ©uropa die Steinkohle aufkam, und erst nach fünfhundert Jahren er* Pap.wrgeld. Europa hatte sich noch nicht derart entwickelt, hatte noch keinen Bedarf an den Artikeln, die in China schon Dazumal nützlich und notwendig waren. Im Gegensatz zu China besaß Europa umfangreiche Wälder und zudem keine Fabriken, die jeden Dag viele hundert Tonnen Brennmaterial verbrauchen. Auch der Vanvel war nicht so groß und kompliziert, um die Gold- und Silber- 3 ^dapier vertauschen zu müssen. Für alles das, worüber der venezianische Kaufmann Marco Polo erzählte, war in Europa die - l uvch nicht herangekommen und, schließlich begreift der Mensch Ltebnbck^erö^' & sichkeinengreifbaren Nutzen verspricht. ffntmZ8orl1>-fOUÄmit &cc Dampfmaschine, deren Spuren UNS in^ Die klassische Antike fuhren. ^^^^^^"ene Aeberlieferuiigen besagen von Räucherbecken mit Dampfgeblase und Automaten mit Dampfpfeifen, die Philon von Christus entwarf. Diese Angaben sind aber wie gfl', !Z>r ungenügend und genauere Tatsachen darüber sind uns leider nicht bekannt. Nähere Anhaltspunkte haben wir über Heron m söge, tollfugy leBoge^ Kugel, >q> diese antiken endunq- irstellenl 'ein mit > konnte sgenutzt itrub rßte sich beschrieb r. a. der Saptista nr Gio- h reden nicht zu David !et. Sie Derg- nehmer, Autzen Date ;ten der Wor- it dem« eie Bin« erschien Paris ■ zurück Assistent Qlftro« wurde lüchtete üblicher ten, im kannten : wenig seinen >a alle Don >ig und ms ernt des :te der Aachts wissen- oörung völlig gnissen Diener änglich I. nach hrstuhl e Pro- 'beitete :n und rnahm klopfen ist be- ieitete. hängt, inzelte rschien — er- t: der i, das oerken nitlei- [ er zu t, als id als >t aus enden keine assen, dem Ma- grün- ' rar. unten öerg- Wn- unö r be- und Das Quartett. Novelle von Wilhelm Heinrich Riehl. . ,,, , (Fortsetzung.) - ■* - „Wovon redest du?" Freiherr, rote aus einem Traume erwachend. MMMSssss« MZNZMM- WZWMZ-WW- WMMNMWZ auch die anderen atmeten tief auf. Die Musik klnnv inr„ un? sürchtetesich alsbald ncht lehr der sünde S WZWCD-LMM LLW-LMs'LA? R ouÄnte desArtikel?mlesen''?1!u"; °US ber H°"d, um nun Inzwischen examinierte der Graf den $ermnlh>r k- .- < Zeitung zugekommen,- denn in den Menlr l i»e fremde von dem Morde. Es fragte fick überhm rn "ern stand noch nichts AZMZMMK m Außland tmaöll^eiu‘tafrmllwib UnicrnetzmUngern Wau zu beginne? mit dem SifeJ wunderlich, Laß die Eröffmin^^^. Estanden^ war es nicht »er« Moskau erst am 1. November 1851 Kat?sinE^ Petersburg— n°A der ersten russischen und S c 26 14 2ahre bahn in England. 2b ^ahre nach der ersten Eisen- I maschine, bewels? unch ^h^ne^Erstnbuna^ b'Ejemge der Dampf- fern, niemals auf einmal vollbracht ^b9' noch so genial Sehnte, trennen den ersten ®eBn 3aI>re' °f* 2ahr- chuß eine enorme Geduld haben aroRc*®™™- ®er^läIi<®,uns- Man eigenen Werk besitzen um dis ' emm^r 9 e «n& Vertrauen zum zu können und sich durch Feblfckläa^Jck?^nnene Arbeit fortsetzen Modell aber fertig fomüffen'^lXÄ bet=cen, »“ lassen. Ist das der täglichen, gewohnten Lebensweif^'bnbJ' ^ne Aenderung in den. Es muß die Erlaubnis sollen, überredet Werber den verschiedensten CBebör&en^nnh^orX 6er Ersuche eingeholt, einer Kommis ion zur Blaulckknn^XXX^ Um &ie Ernennung den. Vor der GleickaülttNi ^?9 ber Erfindung angehalten teer' Zerschlagen sich zumlks^dw flamlend^X^?°^Em Widerstand beugsamste Energie ist dagegen macktlos --^"^^"9^ und die un- und so wird es immer bleiben ® to°r esS Sur alten Zeit eine Erfindung ersichtlich ist..' 4 greifbares Bedürfnis für Zu dieser Zeit erschien James Watt ffir ,x . - maschine konstruiert, die allerdings vollkonanenJ^uJ^ eme Damps- Les Franzosen Papin, und zudem — daslß das Ä„nV'C,eniqc schien sre zur richtigen Zeit Die RabriifMiLX Wesentliche — er- beeilten sich, diese Maschine, die ihnen so viel Arl>e?t ^Selstert und sparte, zu erwerben. In weniger als Jimec" Watt Europa und erntete ben 2tubm re9«'n eroberte James ;£S.’Ä at's/Ä 8° sä den^Weg gelegt in Rädern versehen und erreiditen eine hn^> lchweren eisernen schwindigkeit von — 25 Kilometer in 6er S-hmh» unerhörte Ge- hafte" Autobusse wurden gebaut bie X9C --rief^ befördern konnten. Diese Autobusse hätten ^«ckstleistung 14 Personen große Verbreitung genommen toenn fkft nili* • dazumal schon eine gefunden hätte, 6er das nichNorteMa? rn^^enschen Unternehmer machten Lärm und beim J ^ar-, 2luch die Fuhr- und Häuser der einflußreichen Männerble Ehausseen gälte gaben den Rest unb fo tourKÄÄ ffmige unglückliche die Autobusse nicht schneller als — »iS- crfaffen, wonach fahren durften. Zudem mußte vor J'or Kilometer tn der Stunde roten Fahne laufen und die BevM^u^m ^"n mit einer llngetüm“ warnen. Diese groteske ^rorbnnnn Ä perannafrenben Ausbreitung der Autobusse bie sick Tun r™ t 9 9 nOt 6er weiteren als Pferde, ein energisches Halt > Un fügsamer bewegen mußten SL,?«■* auf den Gedanken — in Anbetracht 6er o"1« 6ie Menschen fuhrwerk von einer ©tabt nXe J^9 mit einem Pferde- Eisenbahn". So wurde einst Stevb/nf fa>n’ als mit der Kommission gefragt, die eigens einmleli mX einem Mitglied der des Eisenbahnbaues in England *u n"1 bie Rentabilität glaube, daß der Schienenweg imffanfJT- A er. denn wirklich bahn zu tragen, wenn dieselbe fJnjX ba6r=®ce.?,Ic^t der Eisender Stunde". Schließlich tooUJ h;J ^hre als fünf Kilometer in w°hl geschehen Ä,Xnn^ Beim VS[flon noch wissen, „was gerade eine Kuh auf den Schienen bestnde?" ^ Ki^w®J^^"^ fic& antwortete Stephenson. — Zermalmt totfüb zermalmt!" Mission. — „Lind unter biefp’n stJrJJs' ’'' . entsetzte sich die Korn- Genehmigung zum Dau der Eist?bahn^ €rtoarten Sie Bon uns bie &A1? 'pichst wenn ihn die nötigten. So war denn bas Engend neue Aufträge be- Eisenbahn verband bald genommen und die erste land, OesterJich Frankreich un^JLk9 5X^ädte. Auch in Deustch- l-schen Beispiel. unE> ^tgien folgte man bald dem eng- j ÄsÄf Um samte Kulturwelt vor fünf X «wahrend die ge- Aenbahn begehen konn e kJt m J, Sun5ertja§rfeier der ersten anlassung, denn die erste ;KußIon& hierzu kaum Der- 8u sehen bekommen als bJ SÄ b,e Aussen erst Anno 1837 bürg und Zarskose Selo eröffne/ wurde ^"^"9 8ti>itoen Meters- unterzeichnen mußten inm™' t16 Bedingungen, die die Aktionäre °-s kurios: so mußten Mutigen Verhältnisse mehr -Dampf-Equipagen" Mocken als auf &cn begann fieberhafte aLX Ernungssignale anzubringen. Dann Waggons wLn berZts m Bahnstrecke und die England bestellten^1836 fertiggestellt. Doch die in uhr denn di/fertwe sich warfen. So bespannt. 1 h9€ ®tfen6a6n fast em Jahr - mit Pferden lange Zeit die „üngefegnete" ge- Wgen ber in Xfitnh ^/breitet hatte, sie wäre - ent- Sitte — vom ®JßifA Jet-le?er r2trt Deuunternehrnungen üblichen und aberalanbis-nJJX^^l gesegnet worden. Die unzivilisierten bahn mit'hö^SLL^uern betrachteten daher die Eisen- N die übrige ^ehht lJmXr ^6^ nur die Bauern allein, Äug, anaefidifö ^teb an den Lieberfahrten stehen und I der hebet J s fauchenden Llngeheuers, drei Kreuze - ^n Spiel hätten. 9 9' ba6 &tec teuflische Mächte ihre Hände im I ‘faucn b7s^Zare/° Rikolmis^t ”1Hern«'' erregte aber auch das Miß- I ^pferkeit unb seinerzeit alle als Muster von I bahnfahrt mit nH»1 °JlnGriefen. Er umgab feine erste Eisen- I W merkwürdiger 2Irt9J^2n ^?^ichtsmaßregeln, von denen manche I ^^ttfo^ches r WE: so &er Zar beispielsweise, ach ltellen und boHführ l m i n® f^BaÄ?9enS seine Gala-Equipage , Man neiafa , ,tn t&r fl&en& seine erste Fahrt. * V 9 «ne unqefährXJ1 ln Rußland allgemein dazu, die Eisenbahn I Zusehen. Rur seh^wenw^9^ kostspielige Volksbelustigung ^senbahy fgx- >eyr wenige erkannten die enorme Bedeutung der I tu®e Eärstners re ick e Aufschwung des Landes. Sogar die I "'^eu Minister eÄeiA^J Tf- U*? &ic Kurzsichtigkeit der erfotgreich zu bekämpfen: es blieb ihm nichts ' Jahr Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. Lange, Gieb^ sie eine i viel kürzer ist als das Leben euiei «naye, ymuvcu v« . nicht. Und so sprechen wir auch von unseren unsterblichen Werken, nur weil wir selber so gar sterblich sind und ihre Dauer mit der viel kurzem unserer eigenen Tage messen und es im glücklichsten Falle nicht mn ansehen müssen, wie sie eine Weile noch unterlegt und Misgefut.eri werden, um endlich doch zu vertrocknen." Alle schwiegen eine Weile. Dann aber bemerkte der Graf, mit dein Ausfüttern könne man wohl auch länger als fünfzig Jahre ausyeW, wen man nur ein Holz nehme, welches ebenso alt sei als die Geige selver. Er habe zur Erhaltung einer hunderundfünfzigjährigen Amati die w seines Schloßturmes abbrechen lassen, denn die Balken des Turmdach» seien urkundlich auch gerade einhunderfünfzig Jahre alt und von W" und Sonne gööttlich ausgetrocknet. — „Das ist nun ein wahrer Edei.ie von einem Holze, dürr wie Stroh, außen ein wenig vom "im angenagt, gleichsam gestempelt, man riecht das «öle Alter schon weitem", so schloß der Graf begeistert und bot dem gefeierten Gaste ein halben Balken von zwanzig Fuß zum Geschenke. Haydn lehnte dankend ab, und der Freiherr pries im stillen bescheidenen Mann, weil er lieber von dem Gesang der Bauernmao i als von seiner „Schöpfung" gesprochen, die Gräfin, weil er das to" Unsterblichkeit so fein gewendet, und der Graf, weil er seinen ul'l™s baren Balken nicht angenommen hatte. (Fortsetzung folgt.) ___- Als Helene aber den unscheinbaren Mann vom Bauernwagen steigen sah glaubte sie, es sei der neue Tierarzt, den man eilends zu dem wut- verdächtigen Hühnerhunde des Freiherrn gerufen hatte, und schickte den Bedienten hinab, daß er den Doktor gleich in den Holzstall führe, wo Hektor eingesperrt lag. Der Bediente aber kam bestürzt zurück und sagte, der Fremde habe sich geweigert, in den Holzstall zu gehen, er sei auch gar nicht der Hundedoktor, sondern Herr von Haydn selber. Nun war auf einmal der „Fürst der Kunst" und die Unsterblichkeit als umgekehrter Adel rein vergessen, die Gräfin begrüßte den Künstler mit Lachen und Entschuldigungen, und im Lachen errötete sie beschämt, was ihr viel chöner stand als jenes erhabene Zurückwerfen des Kopfes und stolze Lockenschütteln, mit welchem sie sonst Gäste zu empfangen pflegte. Haydn fand die schöne Dame höchst natürlich und liebenswürdig (und das hatte seit langer Zeit kein Mensch gefunden) und plauderte sich rasch ins unbefangenste, anziehendste Gespräch. Er hatte in London gelernt, auch unter vornehmen Leuten sich leicht zu bewegen, hatte dazu aber auch seine bürgerliche deutsche Bescheidenheit heil und ganz wieder über das Meer zurückgebracht und redete so schlicht und fest, daß die Gräfin in denselben Ton eingehen mußt« und gar keinen Platz fand für ihre gezierten Worte und geschnürten Gedanken. So gingen die beiden am golden verglühenden Frühlingsabend im Schloßgarten auf und ab, und als sie im besten Zuge waren, erschien endlich auch der Freiherr, und Haydn deuchte ihm bald ein alter Bekannter di« Gräfin dagegen war ihm völlig neu; denn sie sprach heute ganz wie anders vernünftige Menschen, blickte und bewegte sich ohne alles tragische Pathos, wenn sie das Wetter und die Gegend pries, und, was das größte Wunder, der alte Haydn schien «in besonderes Gefallen an ihr zu haben, während der Freiherr befürchtet hatte, sie werde ihm das ganze Schloß Strüth verleiden. Infolgedessen gefiel sie denn auch ihm ganz besonders, und er fand ihr griechisches Profil heute griechischer als je zuvor. Auch der Graf gesellte sich jetzt zu den dreien, und die kleine Gesellschaft ging zum Abendtische auf di« Terrasse des Gartens. Nach vornehmer Leute Art fragte Graf Thürmer den berühmten Ton- fetzer kurz und scharf, welches Werk ihn eben beschäftige. Haydn erwiderte, er ruhe sich aus von der „Schöpfung": das sei eine gar ernste Arbeit qewe en, weil Gott selber die Welt gemacht, aber auch eine gar heitere, weil er sie so schön gemacht habe. Als jedoch die anderen Genaueres von diesem eben vollendeten Werk wissen wollten, hielt er di« Hand ans Ohr und sprach leise: „Hören Sie auf den köstlichen Gesang!" — Es zogen nämlich ein paar Bauernmädchen in der Ferne singend vom Felde heim, und dem Meister leuchtete die helle Freude über diese frische Musik aus den Augen, und als sie verklungen war, sagte er: „Ich glaube wohl auch eine oder die andere schöne Melodie erfunden zu haben; in England aber hörte ich einmal etliche Waisenknaben ein Kinderlied singen, da wurde ich ganz glücklich und traurig zugleich; denn eine so schöne Melodie hatte ich mit aller Kunst doch niemals gemacht, ja es schien mir die schönste, welche ich in meinem ßeben gehört." Die Gräfin lauerte längst, das Wort zu erhalten, und ihr Bruder begann eben von seinen Geigen, darum pries sie, rasch einfallend, des Meisters bescheidenen Sinn und brachte dann in kühnem Uebergang ih«n vordurchdachten Satz über die irdische Unsterblichkeit und den umgekehr- lein« Quartette vorgekgen, daß er seine Lust daran haben soll. Und was ist köstlicher, als einem SDtanne endlich einmal dankend die Hand driicken L dürfen der uns — unbekannt und ferne — durch feine Werke feit langen Jahren doch schon so befreundet begleitet hat, em Fremder und doch zugleich der teuerste alte Freund! Selbst der Graf wurde jetzt angesteckt von der Begeisterung des Frei- Herrn; sie jubelten miteinander so hoch, wie man es nur in Mer M«- glühenden Zeit konnte und heutzutage gar mcht mehr vermag stießen an mit den Gläsern und tranken und geigten die halbe Nacht hindurch. Der Oellack, das verunglückte Allegro und der Rastatter Gesandtenmord wurden ganz vergessen, und die inwendige Musik siegte über die Politik und di« Geigen und löste alle vorbereiteten und unvorbereiteten Dissonanzen zur lauteren Harmonie — sogar irn Geinüte des Kammerdieners, den es anfangs schwer beunruhigt hatte, daß er nächster Tage den Haydn, einen bürgerlichen Musikanten, wie einen Edelmann werde bedienen müssen. Drittes Kapitel. Die ganze Woche ward gerüstet auf den Empfang des Gastes. Und da der Herr des Hauses vor lauter Musik nun gar nicht mehr zu haben war und die alte Tante siech und hinfällig, so hatte diese des Grasen Schwester von Neuhaus herüber gebeten, damit dieselbe anordnend und repräsentierend ihren Platz einnehme. Gräfin Helene Thürmer auf Neuhaus war nach ihrer eigenen Ansicht noch jung, nach der Ansicht ihres Taufscheins war sie sechsunddreißig Jahre alt. Früher blendend schön, fesselte sie noch immer durch stolzen, untadeligen Wuchs, edles Profil und geistvolles Auge, und da Vater Haydn auch in seinen alten Tagen schön« Mädchen gerne sah, so taugte sie diesmal besonders zur Rolle der Wirtin. Dazu verstand sie gar wohl künstlerische Festtage anzuordnen und zu schmücken; denn hatte sie auch niemals etwas Ordentliches gelernt, so bewies sie doch Geschick für alles, trieb alle Künste ein bißchen und waltete mit Geschmack, wohin nur ihre feine Hand rührte. Insbesondere aber schwärmte sie für Musik und ließ oft den ganzen Tag das Klavier nicht kalt werden. Allein gerade wegen ihrer Musikwut schwankte der Freiherr, ob er seine schöne Nachbarin höchst liebenswürdig ober ganz unausstehlich finden solle. Er hatte in diesem Punkte seine eigenen Erfahrungen gemacht und pflegte zu sagen: „Die unmusikalischen Frauenzimmer ärgern einen, weil sie die Musik nicht verstehen, die musikalischen, weil sie die Musik mißverstehen." In früheren Jahren verband ihn nämlich eine langgenährte, tiefe und gegenseitige Neigung mit jener vornehmen Dame, welche als Erato im Musikzimmer hing, mit ihrem rechten Taufnamen aber eigentlich auf gut wienerisch Babett hieß. Sie hätten sich gerne geheiratet, allein aus Fami- lieninterefsen mußte Babette den Rittmeister von Gretenstein nehmen. Das war der bitterste Schmerz gewesen, welchen den Freiherr in seinem friedlichen Dasein jemals erlebt hatte, und der auch nach Jahren noch oft genug insgeheim an seinem Herzen nagte. Babette aber hatte so wenig musikalisches Gehör, daß sie nicht einmal die falschen Töne empfand, welche ihr Geliebter zeitweilig seiner Bratsche entlockte. Trotzdem ließ sie sich ihm zuliebe als Erato malen, quälte sich ihm zuliebe in die Musik hinein und (ernte Klavier, oder vielmehr sie lernte am Klavier, daß sie mit bestem Willen kein Klavier lernen könne. Dies war dem Freiherr ein großer Kummer; doch als der größere Kummer kam und Erato einen anderen heiratete, ward ihm jener erste Kummer wieder zum Tröste; denn er meinte, es stehe sehr in Frage, ob eine Ehe zwischen einem so musikbedürftigen Manne und einer so musikarmen Frau dauernd hätte ' glücklich werden können. Ganz im Gegensätze nun war Gräfin Helene durch und durch musikalisch. Wenn der Freiherr Quartett bei ihrem Bruder spielte, so saß sie allemal als die andächtigste Hörerin im Hintergründe; sie jubelte mit dem Allegro, schwärmte mit dem Adagio, scherzte mit dem Menuett und redete wie ein Buch über die Schönheit des Gehörten. Der Freiherr aber behauptete, die Gräfin treibe nur Tendenzmusik. So lange er als mit Babetten verlobt gegolten, habe sie nur italienische Arien gesungen und Tänze gespielt, als Babette aber einen anderen geheiratet, da sei die Gräfin auf einmal klassisch geworden in ihrem Geschmack und bet den Quartetten aufgetaucht. Ihr Bruder liebe das Quartett um der Geigen willen, sie aber scheine es um des Geigers willen zu lieben. Und zwar sei diese Leidenschaft fürs Quartett merklich gewachsen, seit Helene das sünfunddreihigste Lebensjahr erreicht; wenn das fo fortgehe und sie tedigerweise ins vierzigste eintrete, bann fange sie wohl gar noch selber zu geigen an. Bei einem Frauenzimmer, wie bei einer guten Musik, dürfe man niemals die Absicht merken. Babette fei ein ganz natürliches Mädchen gewesen, aber ohne alle Musik; Helene sei eine rechte Kokette, aber ganz von Musik erfüllt. Uebrigens wisse man doch nicht, was das Schlimmere fei. Denn Babette fei mit aller Natur niemals musikalisch geworden, während Helene durch das unausgesetzte reinigende Bad des Ouartett- fhtbiums doch am Ende noch ein leidlich natürliches Frauenzimmer werden könne. Auf den 18. Mai wurde Haydn erwartet. Weil aber alles so gar genau und schön zum Empfange vorbereitet worden war, so ging nun alles gerade ganz verkehrt. Und dies war das beste. Der Freiher fuhr zur nächsten Stadt, um mit eigenen Pferden den gefeierten Gast abzuholen; allein er verfehlte ihn; und so kam dieser ganz allein auf einem einspännigen Bauernwägelein. Die Gräfin hatte sich's gar fein ausgedacht, wie sie den Tondichter als einen „Fürsten der Kunst" begrüßen und bann einige paffende Worte einftreuen wolle über „irdische Unsterblichkeit", welche gleichsam ein umgekehrter Adel sei, indem sie dem Namen im voraus für eine unabsehbare Zukunft Rang und Glanz verbrief«, wie der wirkliche gute Adel hinterdrein aus einer unabsehbaren Vergangenheit herauf. ten Adelsbrief. Haydn, dessen linkes Ohr solchergestalt auf die Geigen und dessen rechtes auf die Unsterblichkeit hören mußte, fiel den beiden miteinander gewandt in die Rede. — „Mit der irdischen Unsterblichkeit, gnädige Gräfin, ist es gerade wie mit den alten Geigen, verehrter Herr Gras. Man sagt, eine Geige altert nicht, sie wird mit den Jahren immer besser und ist unsterblich (wenn sie nicht verbrennt aber zerschlagen wird). Allein das ist nicht ganz richtig. Hundert Jahre lang wächst eine gute Geige und wird immer edler im Ton und hält sich wohl auch noch weitere fünfzig Jahre auf der Höh«; bann aber wirb bas Holz schwächer, der Ton trockener, es geht ans Nachbessern, man unterlegt, futtert un» stärkt die Decke, und eine geschickte Hand vermag die unsterbliche Geige noch weiteve fünfzig Jahre in der Fülle ihrer Klangkraft zu erhalten. Nun aber ist es auch aus und vorbei. Die gefütterte Geige nimmt noch fünfzig Jahre in Ehren ab; tritt sie bann ins brüte Jahrhundert, so ist merkwürdige alte Schachtel geworden. Nur weil unser Leben p ;er ist als das Leben einer Geige, glauben wir, die Geige allere Einen nmples u Außer mi zwölf Srl< Grüngc Haus war mitten au Weizen ui . 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