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Feucht dahin geht der Tag und der Abend ist kalt, finster ballt sich der Herbstrauch norm gilbenden Wald; lose haften die Sporen den ©amen nur an, und es schlendert vom Acker das letzte Gespann fort, als zöge es fort von der Erde. Schmal umrändert ein schwefliges Leuchten den Saum, raschelnd schaukeln die wenigen Nüsse am Baum und die Räder verhallen; nur fern hinterm Hang sackt sich aus den Kartoffeln dumpf bullernder Klang und er endet tief unter der Erde. Was an Nutzbarem etwa zur Stund nicht gestellt unter Dach ist, verfault über Nacht auf dem Feld; datz man schneiden sie könnte, so dunkel und dicht wird die Nacht, und das draußen noch irrgeht, das Licht, leicht erstickt und verschluckt es die Erde. Oie Tabaksdose. Von Frank F. Braun. Das Antiquitätengeschäft des Herrn James Polkow befand sich in der feinen Ladengegend des Hanover Square. Früher, als Herr Polkow noch einen richtigen gewöhnlichen Trödelladen hatte, war sein Geschäft in Whitechapel gewesen; aber das war lange her, und Herr Polkow erinnerte sich dieser Zeit eigentlich kaum noch. Am Abend, als diese Geschichte zu spielen begann, saß er in der Wohnung, die sich hinter dem Laden anschloß und las die „Times". Nicht die Leitartikel interessierten ihn oder die Börse; er las das Vermischte. Und da fiel ihm dann auch sogleich die Anzeige auf, die in fein Fach schlug: Goldene antike Tabaksdose verlorengegangen; da nur Liebhaberwert, gegen Belohnung abzuliefern Hotel Bristol, Zimmer 207. Herr Polkow schnitt sich die Annonce aus; es konnte fein, daß der „ehrliche Finder" zu ihm, dem bekannten Händler kam und in „momentaner Geldverlegenheit" sich veranlaßt sah, ein altes Erbstück zu veräußern. Aber er irrte sich; es geschah nichts dergleichen. — Arn nächsten Abend jedoch fand er an derselben Stelle in der „Times" eine weitere Annonce, die diese Tabaksdose betraf. Der Verlierer schien das Stück wahrhaftig zu vermissen. Es stand da dringlicher die Aufforderung: Goldene Tabaksdose verlorengegangen; Taschenuhrgroß; Monogrammschrift: Friedrich. 100 Pfund Belohnung dem Finder. Hotel Bristol, Zimmer 207. Herr Polkow begriff; es handelte sich also um ein wertvolles Stück. Friedrich, das war vielleicht der große Preuhenkönig? Er sann noch nach, als ihn die Ladenglocke nach vorne rief. Ein Mann stand da, blieb nahe der Türe und wartete bis Herr Polkow Licht angedreht hatte, denn es begann schon zu dunkeln. „Verzeihen Sie", sagte der Fremde, „ich habe kein eigentliches Anliegen an Sie; ich wollte Sie nur fragen, ob Ihnen vielleicht in diesen Tagen eine Tabaksdose angeboten worden ist." Ihm schien etwas einzufallen. „Mein Marne ist Rey", stellte er sich vor, „es handelt sich um eine sehr wertvolle Dose, die Friedrich der Große an Voltaire schenkte. Ich habe für ein staatliches Museum die Dose in Paris aus einem Nachlaß erworben. Meine Geschäfte führten mich nun auch über London, denken Sie sich, hier verschwindet die Dose! Ich kann niemanden verantwortlich machen, denn, wie das so ist, ich weiß nicht, ob ich die Dose verloren habe ober ob sie entwendet wurde. Das Hotel Bristol ist ein altes, gutes Haus, ich möchte nicht annehmen, daß das Personal ..." er brach ab, rücksichtslos gegen die Syntax. Herr Polkow kannte diese nervösen Typen der Gelehrten. Brave Kenner der Materie, aber keine Geschäftsleute. Er verstand hier alles. „Sie denken, Herr Professor, daß man mir vielleicht diese Dose anbieten wird?" „Nicht Professor", wehrte Rey ab, „Privatgelehrter nur." Er schien erfreut, sich erraten zu sehen. „So ist es", sagte er, „Ihr Geschäft ist weitbekannt; es könnte gut sein, daß der Mann — nehmen wir an, es sei eß> Finder — zu Ihnen kommt." „Nehmen wir an, es sei kein Dieb, sondern ein kleiner Mann, der Ms dem Fund ein Geschäft machen will. Nehmen wir an, er komme zu wir. Was bann?" Der Privatgelehrte sagte rasch: „Dann machen Sie den Mann barauf Msmerksam, daß er einen guten Finderlohn bekommt und schicken Sie M zu mir ins Hotel Bristol, Zimmer 207". . „Das habe ich gelesen", sagte Polkow spöttisch. „Der Finder, wenn er ™ London ist, wird es auch gelesen haben. Entweder weiß er, was die ?°fe wirklich wert ist und denkt nicht daran zu verkaufen, oder er will 'le Ms anderen Gründen behalten." Rey erblaßte. „Sie glauben?" rief er entmutigt; „was diese Dose wert ist, kann er nicht wissen!" James Polkow lächelte stärker. „Es kann ja fein, daß jemand kommt und mir das Stück vorlegt; wir haben diese Fälle schon erlebt. Ich lasse dann die Polizei rufen und den Mann festnehmen." Rey fuhr auf. „Nicht die Polizei", bat er, „ich habe meine Gründe. Schicken Sie den Mann zu mir, sagen Sie ihm, daß ich von einer Anzeige wegen versuchter Fundunterschlagung absehe, daß er auch feinen Finderlohn trotzdem bekommt." Herr Polkow kniff ein Auge zu. Er meinte zu verstehen. Wahrscheinlich war dies Geschäft des Dosenankaufs auch nicht ganz sauber gewesen. Man scheute das Licht. Gut, ihm sollte das gleich sein. „Was habe ich davon?" meinte er trocken. „O", machte Rey, „ich kaufe etwas von Ihnen, aus Dankbarkeit. Mein Institut ist immer Abnehmer guter Altertümer; ich werde Sie berücksichtigen." Polkow neigte den Kopf. „Sehr freundlich", sagte er und sprach nichts mehr von Provision, denn wichtiger war, solche Leute, die für Museen einkauften, zu Freunden zu haben, sie sich zu verpflichten. „Wie sieht die Dose aus?" forschte er. Rey beschrieb sie ihm ausführlich. Polkow nickte. Sie gaben sich die Hand. „Hoffentlich höre ich von Ihnen", meinte Rey, „ich will meinerseits ein übriges tun, ich erhöhe den Finderlohn auf 150 Pfund." Er ging. Polkow sah ihm sinnend nach. Am Abend des nächsten Tages ereignete es sich. Polkow las die „Times". Er fand an gewohnter Stelle die Annonce. Rey, über Nacht neuerlich unruhig geworden, hatte den Finderlohn sogar auf 200 Pfund erhöht. Polkow ging an das Telephon; er ließ sich mit dem Hotel Bristol verbinden und verlangte Herrn Ney, Zimmer 207. Er bekam Verbindung. „Herr", sagte er, „Sie machen das falsch. Nun warten die Leute natürlich ab und hoffen, daß Sie ihre Summe weiterhin erhöhen. Ist das Ihre Absicht?" „Nein", gestand Herr Rey, „eigentlich sollte diese Summe genügen; vielleicht, daß ich noch ein paar Pfund zulege ..." „Dann warten Sie jetzt ab", forderte Polkow, „lassen Sie die Annonce so, wie sie ist; wenn der Finder die Dose abliefern will, genügt der Preis." Herr Rey bedankte sich für den Rat; sie trennten sich wieder. Ganz kurze Zeit darauf ging bei Herrn Polkow die Ladentür, und ein Herr, gutgekleidet, ohne besondere Merkmale, trat ein und legte eine goldene Tabaksdose auf den Tisch. „Kaufen Sie solche Sachen?" Herr Polkow fühlte sein Herz im Halse schlagen, dort, wo es anatomisch unmöglich sitzen konnte. Er sah die Dose an. Friedrich. Genau das Stück, wie es ihm der Herr Rey beschrieben hatte. „Wo haben Sie es her?" fragte er. „Ich bin in einer momentanen Geldnot", sagte der Herr nicht ohne Verlegenheit, „es ist ein altes Erbstück." „Sie können sich ausweisen?" „Nein, zufällig habe ich keine Papiere bei mir, ich glaubte nicht, daß das nötig fei." Herr Polkow sah dem Mann unter den Hutrand. „Guter Freund", sagte er, „mir machen Sie nichts vor. Sie haben die Dose gestohlen!" Der begann zu zittern. „Nicht, nein, nein", wehrte er ab; aber Herr Polkow blieb hart. „Jawohl!" rief er, „hier, diesem Mann haben Sie die Dose entwendet!" Und er hielt dem Fassungslosen die „Times" mit der Annonce unter die Nase. Der Mensch brach zusammen; er deckte die Hand über die Augen. „Nicht gestohlen", stammelte er, „gefunden nur. Ich habe die Zeitung nicht gelesen, ach, hätte ich doch diesen Aufruf zu Gesicht bekommen, alles wäre gut gewesen.' Der hohe Finderlohn! Geben Sie mir diese Dose. Ich will in das Hotel lausen und mir das Geld verdienen." Herr Polkow hielt die Dose fest. „Und ich?" rief er, „ich soll mir einen Betrugsversuch gefallen lassen!" Er sann einen Moment nach, dann kam ihm die Idee. „Wer weiß, ob Sie überhaupt zu dem Herrn ins Hotel gehen? Vielleicht versuchen Sie es, einen meiner Kollegen zu betrügen!" Der Mann wehrte ab. „Ich verspreche Ihnen ..." Mit einer Handbewegung schnitt Polkow den ©atz durch. „Nichts da", rief er, „auf Ihr Versprechen gebe ich nichts. Warten Sie!" Er ging an das Telephon im Nebenzimmer, rief Herrn Rey im Hotel Bristol an und erzählte dem, er habe die Dose um 220 Pfund in der Hand, ob er kaufen wolle; billiger wolle der Mann sie nicht ablaffen. Herr Rey sagte sofort zu. „Ich komme sogleich zu Ihnen", sagte er. Polkow ging wieder nach vorn. „Ich zahle Ihnen den Finderlohn von 100 Pfund" sagte er, „es ist sicherer, ich liefere die Dose ab." Er sah den anderen lauernd an. Hatte jener den Mut, gegen die niedrigere Summe zu opponieren? Ja und nein; der fremde Mann sagte: „Der Herr im Hotel wollte mehr zahlen ..." Herr Polkow tat, als schaue er noch einmal in die Zeitung. „Richtig", sagte er, „Sie sollen 150 Pfund haben." Das war einfach ein Ultimatum; er steckte die Dose ein und holte aus dem Geldschrank im anderen Zimmer drei schöne, saubere 50-Psund-Noten; die gab er dem Fremden. Der steckte sie ein und verlieh mit einem kurzen, nicht sehr beglückten Gruß den Laden. Polkow schloß sogleich ab. 70 Pfund für nichts und wieder nichts verdient, war ein Geschäft nach feinem Sinn. Er sah die Dose an. Sie war schwer, schien massiv zu sein. Er behielt sie in der Hand, saß im Lehnstuhl und wartete auf Herrn Rey. Der kam nicht. Die Dose in der -Hand wurde immer schwerer. — Aber erst am anderen Tag erfuhr Herr Polkow, daß sie aus Blei war nur billig vergoldet, — daß er zwei geschickten Gaunern drei schöne, neue 80-Psund-Noten geschenkt hatte; denn Herr Rey war gestern abend noch mit unbekanntem Ziel aus dem Hotel ; Bristol abgereist. Bismarck. Bon Professor Friedrich L u ck w a l d t, Danzig. Von der von Prof. W. Goetz, Leipzig, herausgegebenen Propyläen-Weltgeschichte erscheint in Kürze der 8. Band unter dem Titel „Liberalismus und Nationalismus". Wir entnehmen dem Bande mit Erlaubnis des Propyläen-Verlages diese interessante Charakteristik des ersten deutschen Kanzlers. 'Lenbach hat einmal gesagt: „Wie soll ich Bismarck nur malen? Er sieht mich aus hundert verschiedenen Augen an", und von Bismarck selbst gibt es aus dem Jahr 1865 ein merkwürdiges Wort: „Faust klagt über die zwei Seelen in seiner Brust, ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da zu wie in einer Republik. Das meiste, was sie sagen, teile ich mit. Es find da aber ganze Provinzen, in die ich nie einen Menschen werde hineinsehen lassen." Damit ist die Schwierigkeit und notwendige Unzulänglichkeit einer Charakteristik genügend bezeichnet. Als Sohn eines Vaters aus altem brandenburgischen Junkergeschlecht und einer Mutter aus der bürgerlichen Professoren- und Beamtenfamilie der Mencken, hatte er von vornherein sehr verschiedene, ja entgegengesetzte Wesenselemente in sich. Auf der einen Seite war er robust, erdverbunden, konservativ, ein Landedelmann alten Schlages, starker Zecher und noch stärkerer Esser, kühner Reiter, eifriger Jäger, der sich am wohlsten fühlte „in Schmierstieseln, im Wald tief drinnen, weit weg von Ihrer Zivilisation", durchaus ohne Ansprüche an eine künstlerische, geschmackvolle Gestaltung seiner Umwelt, in manchen Zügen fast ein wenig barbarisch und, wie es"doch auch zum Junker gehört, in erster Linie Trieb- und Willens- mensch; gern redete er davon, daß er das Beste „dem andern Kerl in mir", dem instinktiven Einsehen und Wollen verdankte. Aber daneben stand ganz anders, was aus dem Blut der Mencken kam. Seine Mutter, geistig sehr angeregt, gesellschaftsgewandt, aber herzenskalt, unruhig und nervös, hatte ihm zunächst einmal sehr reizbare Nerven vererbt. Er war Nervenkrisen ausgesetzt, die sich gelegentlich bis zu Weinkrämpfen steigerten, und zeigte namentlich in späteren Jahren entschiedene Anlage zu Hypochondrie. Weiter besaß er als mütterliches Erbteil geistige Interessen, die über das bei seinen Standesgenossen übliche Niveau sehr weit hinausgingen. In seiner Junggesellenzeit las er „ganze Bibliotheken", darunter sehr viel schöne Literatur, lieber Goethe sprach er fein und klug. Mit einem Dutzend Bänden von ihm wollt er nötigenfalls auf einer einsamen Insel leben. Zu old Shakespeare zog ihn starke Seelenverwandtschaft. Aber auch Beranger war einer seiner Lieblingsdichter, Heines Lieder schätzte er hoch, und aus Byron hat er ganze Stellen abgeschrieben. Die Spätromantik mit ihrer Selbstironie, ihrem geistreichelnden Witz, ihrem Weltschmerz, unter deren Einfluß die Zeit seiner Jugend stand, färbte doch auch auf ihn ab. Es ist falsch, ihn nur als den harten Realisten zu sehen. Noch 1874 sagte er zu einem Getreuen (Lucius), er sei eigentlich eine träumerische, sentimentale Natur, Leute, welche ihn malten, machten alle den Fehler, ihm einen gewaltsamen Ausdruck zu geben. Gewiß war dies Gewaltsame darum doch wirklich da. Er war ein ausgesprochener Kämpfer. Ganze Nächte hindurch „haßte" er, und wer immer ihm entgegentrat oder von ihm wegen feindlicher Absicht beargwöhnt wurde, den verfolgte er ohne Gnade und ohne viel Bedenklichkeit in der Wahl der Mittel. Sein Rechtsgefühl war nicht stark entwickelt, wie sein väterlicher Freund Ludwig von Gerlach früh beklagte. Auch mit der Wahrheit nahm er es, obwohl im großen wahr und echt, im kleinen nicht immer sehr genau: wenn er nicht fügen solle, könne er nicht fertig werden, erklärte er dem Finanzminister von Bodelschwingh. Das hing zusammen mit der Lebhaftigkeit seiner Phantasie und überhaupt seiner unendlichen geistigen Beweglichkeit. Hierzu ganz ähnlich Napoleon, an dem Talleyrand allererst „la fougue de son Imagination“ hervorgehoben hatte, nur stärker gezügelt durch den Respekt vor gegebenen Verhältnissen, phantasierte und kombinierte er unaufhörlich, fand immer neue Lösungen und Verbindungen der innen- und außenpolitischen Probleme. Und da er ja nun noch von der -Studentenzeit her den Kitzel hatte, den Philister zu verblüffen und herauszufordern, auffallende Gesten und gewagte Worte liebte, entstand das Vorurteil, daß er „frivol" sei. Kein Vorwurf ist im Ansang häufiger gegen ihn erhoben worden. In Wirklichkeit faßte er feine Pflichten und feine Verantwortung mit heiligem Ernst auf. In jede wichtigere Entscheidung legte er seine ganze Persönlichkeit, „patriae in- setviendo consumor“* hat er mit Recht für sich in Anspruch genommen. Dabei leitete ihn in erster Linie ein hochentwickeltes Staatsgefühl, man möchte sagen, ein Staatsgefühl sriderizianischer Prägung. „Einen Fuchs mit den Anschauungen Friedrichs des Großen" hatte ihn schon ein Göttinger Kommilitone'genannt. Der Ruhm und die Größe Preußens, später auch des Deutschen Reiches, waren ihm eine Sache leidenschaftlichster Anteilnahme und Bemühung. In zweiter Linie kam in Betracht, daß er in seiner Art ein frommer Christ war. Seiner Frau gegenüber bezeichnete er sich am Ansang ihrer Ehe einmal als Gottes Soldaten: „wo er mich hinschickt, da muß ich gehen, und ich glaube, daß er mich schickt und mein Leben zuschnitzt, wie er es braucht." 1862 war dies Gefühl kaum mehr so stark, wie es in den 50er Jahren gewesen war. Aber er glaubte doch, ein persönliches Verhältnis zu einem lebendigen Gott zu haben, dessen Hand er in allem Geschehen fand. „Je länger ich in der Politik arbeite, desto geringer wird mein Glaube an menschliches Rechnen", gestand er im Mai 1864. Auf seinem Tisch lagen die Losungen der Brüdergemeinde, die er in mehr als einer Krisis — der Glaube geht hier wie so oft in Aberglauben über — geradezu als Orakel benutzt hat. Größeren Zweifeln aus* Im Dienste des Vaterlandes reibe ich mich auf. gefetzt und jedenfalls viel bedingter war fein Royalismus. Er hat ihn bei vielen Gelegenheiten und in eindrucksvollen Worten betont. Er stj seinem König „treu bis in die Vendse". Gleich in jener Unterredung in Babelsberg am 22. September 1862 sagte er zu Wilhelm, daß er feine Stellung nicht als konstitutioneller Minister in der üblichen Bedeutung des Wortes, sondern als des Königs Diener auffasse. Und als Grabschrist noch wählte er sich: „Ein treuer Diener Kaiser Wilhelms I.". Auch war in seinen Beziehungen zu seinem königlichen Herrn wirklich etwas von Vasallentum. Aber diese Vasallentreue hinderte ihn nicht, oft sehr hart und ungerecht, fast höhnisch über Wilhelm zu urteilen und ihm seinen Willen nötigenfalls mit äußerster Rücksichtslosigkeit aufzuzwingen, 1865 erklärte er im Streit mit Graf Robert Goltz, dem Kronprinzen werde er überhaupt nicht dienen, er halte nichts mehr von der Zukunft der Hohen- zollerndynastie, das Land werde sich andere Formen der Regierung suchen. Das und ähnliches klingt einigermaßen wallensteinisch. Eine gewisse Neigung schimmert durch, den Acheron zu bewegen, um sich an der Macht zu halten. Fesseln ertrug er nicht: „Ich will aber Musik machen, wie ich sie für gut erkenne, ober gar keine", hatte er mit 23 Jahren geschrieben. Mit andern zu Rat zu sitzen und sie überreden zu müssen, kam ihn hart an. „Wenn ich einen Löffel Suppe essen will, muß ich erst acht Esel um Rat fragen", hat er später von den Sitzungen des preußischen Ministeriums gesagt. Im Bewußtsein seiner überragenden Begabung war er ja nur zu sehr geneigt, Mitarbeiter und Gegner zu unterschätzen, ihre Fähigkeiten herabzusetzen, ihre Beweggründe zu verdächtigen. Wie die meisten großen Staatsmänner wurde er Menschenverächter. „Mehr Mephisto als Faust", meinte ihn sein langjähriger Gehilfe Tiedemann charakterisieren zu können. Was von Liebe und Rücksicht in ihm war, verausgabte sich im engsten Kreise der Familie. Er war seinen Kindern ein fast zu zärtlicher Vater und der beste Gatte seiner Frau Johanna, die unschön, unelegant und etwas eng, aus Hinter-Hinterpommern, ihm doch volles häusliches Behagen schuf und ihn mit ihrem reichen Gemüt auch seelisch stützte und trug. Seine „Briefe an Braut und Gattin" gehören zu dem Schönsten und Tiefsten, was die deutsche Briefliteratur aufweist. Handschrift als Selbstporträt. Von Dr. Max Pulver. Der Inhalt von schriftlichen Mitteilungen interessiert bei unserer Art der Betrachtung nicht. Wir sehen nicht auf den Text. Wir sehen auf die Gebärde, womit dieser vorgebracht wurde. Die Schrift ist für uns Graphik, Zeichnung, und unterscheidet sich nur darin von künstlerischer Gestaltung, daß ihre bewußte Absicht auf Mitteilung von Tatsachen, von Meinungen oder Gesinnungen gerichtet ist, nicht aber doch wenigstens nicht in erster Linie auf die Vermittlung schöpferischen Ausdrucks. Beim Schreiben sind wir an hundert Regeln gebunden, denn eine Schrift muß leserlich bleiben, um ihren nächsten Zweck zu erfüllen. Wir sind also daran unfrei, Konventionen unterworfen, wir handhaben eine Schablone, die Schulvorlage; dieser Umstand widerspricht jener Vorstellung von Freiheit, die mit der Tat künstlerischen Schassens verbunden bleibt. Aber wenn auch unsere Schrift eine geprägte Form ist, so entwickelt sie sich doch lebend; und zwar einmal in dem Sinne, daß kein Mensch imstande ist, diese Schulschablone als Schablone wirklich durchzuhalten; keine zwei Menschen ziehen auch nur einen geraden Strich auf dieselbe Weise. Die Schulvorlage ist nur ein Hilfsmittel, das man zwar gebrauchen muß, worin man aber niemals aufgehen kann. Die persönliche Variation beginnt also mit den ersten Kritzeleien des Kindes, biologisch gesprochen mit seinen Probierbewegungen auf dem Gebiete des Schreibens, bestätigt sich in der ersten Schreibstunde und kommt bei ausgereifter Hebung vollends zur Geltung. Diese geprägte Form, das heißt die Summe aller individuellen Merkmale in einer Handschrift ist das, daß man ihren Ausdruck nennt Sie entwickelt sich lebend auch im biographischen Sinne: im Wandei der Lebensalter verändert sie sich fortwährend, für jede Stimmung ist sie ein heiterer oder getrübter Spiegel, Krankheiten und Gebrechen zehren an ihr oder schwemmen auf. Vor allem aber enthält sie den Kern einer Persönlichkeit oft verschlossen hinter vielen und harten Schalen, oft aus- strahlend vor aller Augen. Sie ist der Niederschlag des Gewissens, und zeigt in runenfjafter Verkürzung die Vergangenheit eines Menschen und die Entwicklung der Persönlichkeit, schließlich das Ich, seine Geschichte und fein Geschick. Jahrelange Versenkung in die Welt der Schrift, eine verzichivolle Hingabe an die Gebärde fremden Lebens erschließt uns den Sinn ihrer Bewegungsimpulse, welche die starre Schablone ersaßt, umgeschmolzen, verbogen, kurzum umgestaltet haben. Es bedurfte langer Zeit und tiefer Selbstbesinnung des Geistes auf fein Wesen und Erbe, um den Mut zur Reinheit einer so sehr vorn Inhalte und Texte losgelösten und in diesem Sinne abstrakten Betrachtung zu finden. Der Graphologe steht einem Kosmos 'reiner Ausdrucksbewegungen und ihrem dauernd feftgelegten Niederschlag in graphischen Formen gegenüber. Entsprechend der einseitigen Entwicklung der Psychologie von von gestern herrschte auch beim Schriftbetrachter eine einseitig rationauftiW Vorstellung, er unterschätzte den unbewußten Wefensanteil der me'w lichen Natur, verwechselte den praktischen Zweck — mit dem symbolischen Hintergrund und Urgrund der Schrift. Die Grundgesetze, die unseren Schreiben die entscheidende Richtung geben, und Orientierung im Raum aufprägen, sind primitiv, nicht der Logik, sondern der symbolischen rin- schauung entsprungen. . Wenn wir die Schrift als reines Ausdrucksgebilde betrachten, gem wir in eine bildhafte, vorwifsenfchaftliche Schicht zurück, wofür dasDeme der primitiven Völkerschaften bessere Analogien bietet, als der W“". ' mus unserer Akademien. Wir wiederholen also auf dem Gebiete o Handschrift in gewisser Weise das, was die Volkskunde für das " ständnis früherer Kulturstufen und sogenannter primitiver Menschen s. leistet hat. Wir brauchen den Wilden nicht in Tasmanien zu lu(v > er s Wei 'S liehe schiel als birg, ihrer terifi er ti Fests ja n Klein Ermi ten r Zusa weist meist achtu M lische frei ( sehen Forde tompl trenn, ererbt Di des bi geistig Ni Gemti ein ai In fchrift in fein matifrf ausget handln von ül natürli Reihe Zeigt fi mit so ständlic der Bi ftimmu sicht ge Handel sind es erkennt oder chi lange 2 ist, emj berechti Mensch Brauch! Auch Einfügb Grund ist in si über da steigend, gleichsan kollektiv, Anlagen sönlich-sj Schicksal noch ist zeitlosen Mensch richtet si> Sein Sohn, »eit von seich. 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Bisherige Graphologie zog zwar das Unbemerkte in den Umkreis ihrer Betrachtung, weil der Mensch sich vor allem durch dasjenige charakterisiert, was er nicht an sich beobachtet, freilich auch durch das,, was er trotz fremden Hinweises nicht bei sich abzustellen vermag. Auf dieser Feststellung des Unbemerkten und des damit nicht Nachahmbaren beruht ja wesentlich die Methode der gerichtlichen Schriftuntersuchung. Die Kleinigkeiten verraten hier eine bestimmte Person und ermöglichen die Ermittlung des Schrifturhebers. Wurde also das Individuelle an Schriften richtigerweise darin gesehen, daß jeder Schreiber — in ihrer jeweiligen Zusammensetzung einmalige —• Abwandlungen der Schulvorlagen aufweist, so verhinderte doch eine beschränkte Auffassung vom Wesen des menschlichen Charakters die volle Ausnutzung der gewonnenen Beobachtungen. Man hielt den menschlichen Charakter in erster Linie für eine moralische und intellektuelle Angelegenheit, machte ihn damit vom bewußten, frei beherrschbaren Willen abhängig und verzerrte das Bild des Menschen durch beschränkende und beschränkte sittliche und verstandesmäßige Forderungen. Der Charakter eines Menschen ist ein außerordentlich komplexes Gebilde. Es ist unmöglich, ihn von seinem Körperbau zu trennen, noch von feiner Konstitution, das heißt von der Summe seiner ererbten Anlagen. Die Schrift ist ein Niederschlag des ganzen Menschen — nicht nur des bewußten und unbewußten Seelenlebens und der intellektuellen oder geistigen Fähigkeiten. Nicht nur sittliche Wandlungen beeinflussen die Schrift, nicht nur Gemütsbewegungen verändern das Bild, auch Krankheiten geben ihr ein anderes Gesicht — und oft genug ein verzerrtes. Im Schreiben werden Gedanken niedergelegt, in der Art der Niederschrift aber schlüpfen die Hintergedanken mit hinein. Wenn schon Freud in seinem bekannten Buche zur Psychologie des Alltagslebens den symptomatischen Wert der Verschreibung erkannt hat, so erschließt fid)- dem ausgebildeten, graphologischen Beobachter eine ganze Welt von Fehlhandlungen, von verheimlichten Absichten, von berechnetem Vorbehalt, von übertreibenden Lügen, von unehrlichem Verschweigen. Hierfür sind natürlich nicht die Verschreibungen allein maßgeblich, sondern auch eine Reihe anderer Ausdrucksgebärden. Das wahre Gesicht eines Menschen zeigt sich gerade, was seine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit betrifft, nirgends mit solcher Deutlichkeit wie auf Grund dieser Handschrift. Selbstverständlicherweise kann nur langjährige Erfahrung und sehr feine Schulung der Beobachtung so gut wie des Gewissens hier zu eindeutigen Bestimmungen führen. Der moralische Wert tiefschürfender menschlicher Einsicht geht hierbei noch über d§n praktischen der Zuverlässigkeitsfrage für Handel und Wandel hinaus. Neben der Erörterung der Vertrauensfrage sind es vornehmlich zwei menschliche Gruppen, denen gegenüber Schrifterkenntnis hilfreich und wichtig werden: die Jugendlichen und die seelisch oder charakterologisch Abnormen. Auch diesen Gruppen gilt unsere jahrelange Bemühung. Gerade bei Kindern, wo noch am meisten zu erreichen ist, empfiehlt sich hier Einsicht für die Lehrer oder für die Erziehungsberechtigten: die Intensität, womit sie nach diesem neuen Hilfsmittel der Mensch nerkenntnis verlangen, beweist das Bedürfnis, der gute Erfolg die Brauchbarkeit der Methode. Auch beim seelisch Abnormen, in die menschliche Gesellschaft schwer Einfügbaren bietet sich hier die Möglichkeit, den Schwierigkeiten aus den Grund zu gehen und günstigenfalls sie damit zu beheben. Der Mensch ist in feiner Schrift eben nicht nur Schreibregeln unterworfen, sondern über das Individuelle hinausgehend oder unter das Individuelle hinabsteigenden Gesetzmäßigkeiten; der innere Aufbau feines Wesens ist nur gleichsam in seiner Spitze individuell, in feinen Wurzeln und Tiefen aber kollektiven Mächten untertan. Was sich in feiner Konstitution an ererbten Anlagen zusammenfindet, bestimmt ebensosehr sein Geschick, wie feine persönlich-sittliche Willensanstrengung oder deren Fehlen. Charakter und Schicksal sind nicht, wie die populäre Psychologie will, Gegenspieler, eher noch ist das Schicksal der Ausdruck dessen in der Zeit, was wir als zeitlosen Querschnitt durch ein Wesen aufgefaßt, Charakter nennen. Jeder Mensch ist ein unbewußter Selbstporträtist, seine schriftliche Aeuherung richtet sich an ein Du und verrät dabei sein Selbst. Oer Schlund. Roman von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Sein Spezial war der Wecklersheinrich, eines geringen Bauern Sol)«. Die Freundschaft hatte ihren besonderen Grund. Nicht weit vom Dorf, wo der Fußpfad nach Oppenrod lief, lag der Pfaffen- mch. Es geschah, daß der junge Schüttler dort einmal badete, in eine Untiefe geriet und ertrunken wäre, wenn ihn fein Schulkamerad, der -wecklersheinrich, nicht herausgeholt und mit vieler Mühe ans Ufer ge= r^cht hätte. Von da ab versäumte der Daniel keine Gelegenheit, seinem Lebensretter sich dankbar zu erweisen. Als dieser später im Dorf ein Uramlädchen eröffnete, stand der Neumüller ihm mit Rat und Tat bei, pachte den Freiersmann für den Freund und hob das Mädchen, das °n Eheleuten Weckler geboren wurde, aus der Taufe. Das Kram- möchei, bekam Zuspruch. Der Wecklersheinrich verdiente ein fchönes °t!i(f Geld. Das genügte ihm nicht, er wollte höher hinaus. Er verwüste seine Waren im" großen und ließ dabei soviel durch die Finger Wen, das feine Mittel bald aufgezehrt waren. Der Neumüller sprang L und rettete, was noch zu retten war. Die dicken Bauern äußerten: ”'Uer Krämer hat sich in den Hals geschnitten. Er ist unter den Hecken groß geworden, hat geglaubt, er könnt die Welt bannen. Alleweil pfM er auf dem letzten Loch. Das kommt devon, wann sie ein Hochseicher mit der Wurst nach der Speckfeit wirft!" Dem Wecklersheinrich war der Aufenthalt im Dorf verleidet. Er zog mit Weid und Kind nach Westfalen, wo er zuerst bei der Firma Peter Harkort in Wetter an der Ruhr, darauf in der Gußstahlsabrik zu Bochum Arbeit fand. Hier schaffte er sechs Jahre und starb dann plötzlich, ohne bettlägerig gewesen zu fein. Die Witwe Weckler, die in Dürftigkeit zurückgeblieben war, wandte sich an ihres Mannes Freund, den Daniel Schüttler, und rief dessen Hilfe an. Er schrieb ihr, sie solle kommen, solle ihr Bestes tun, f'ch auf der Neumühle nützlich zu machen. Sie traf denn auch mit ihrer Tochter in der Heimat ein, war der Frau Schüttler als Näherin und Flickerin dienlich. Zwischen der elfjährigen Wecklersanna und dem gleichaltrigen Sohn der Müllersleute, dem Hannwilm, stellte sich erst nach und nach ein gutes Einvernehmen her. Die Kleine hatte in Westfalen mancherlei angenommen, was dem hessischen Bauernjungen mißfiel. Insbesondere verdroß ihn das Platt, das sie zuweilen sprach. Sie war nicht übelnehmisch und immer vergnügt. Fragte sie den Knatternden: „Männeke, wat heww ik di dann tan?", ranzte er sie an: „Halt dein Maul, ich kann das polische Zeug net hörenl" Er lauschte aber mit gespannter Aufmerksamkeit, wenn sie von Bochum erzählte, von den Zechen, den Hochöfen und den Gußstahlwerken, von den Riefenschloten, aus denen abends die Flammen schlugen. Einmal im Herbst — das hatte sich unverwischbar ihrem Gedächtnis eingeprägt — fagte die Mutter in Bochum: „Heut ist Schützenfest, wir machen mit!" Sie gingen aus den Festplatz. Die Schützen hatten einen König und eine Königin gewählt. Die saßen, von ihrem Hofstaat umgeben, auf einem mit blauer und weißer Seide überzogenen Thron. Es waren Schaubuden da und Karusselle. Zauberer zeigten ihre Künste. Einer zog aus dem Aermel einen Vogelbauer. Darin hüpfte ein Hänfling herum, der wunderschön sang. Der Hannwilm meinte, das bedeute nicht viel. Er hatte bei der letzten Kirmes einen Mann gesehen, der Feuer fraß und ein Messer verschluckte. So ein Schützenfest mochte ja ganz pläsierlich sein. Wenn aber die Kirmesburschen mit Musik durchs Dorf ritten, wenn man sich an Blechkuchen bumbsatt essen konnte, das war doch viel fchöner. Allmählich paßte sich die Wecklersanna der Umgebung wieder an, mit der sie sieben Jahre nicht mehr in Berührung gekommen war. Im Gegensatz zum Hannwilm, der in der Schule die Unterrichtsgegenstände nur langsam erfaßte, nahm seine Kameradin alles rasch in sich auf. Bei einer Prüfung gefragt, ob sie von Martin Luther außer beffen Katechismus noch etwas wisse, trug sie frei vor, wie der Reformator mit einem gewaltigen Mut durch den Wall seiner Feinde, die ihm ans Leben wollten, hindurchgezogen war, wie er zu Worms vor Kaiser und Reichstag unerschrocken seine Lehre bekannte. Die kleine Rednerin glühte wie ein Oeschen. Die Buben und Mädchen, der Hannwilm vornan, sperrten Maul und Ohren auf. Nachdem sie eingesegnet war, blieb die Wecklersanna in der Mühle und griff im Haus tüchtig mit zu. Der Daniel Schüttler gedachte feinen Sohn auf eine höhere Schule zu fchicken, damit er das Einjährigenzeugnis erlange. Der Plan wurde zu Wasser. Der Neumüller war nach überstandener Grippe leidend. „Ich bin wurmstichig worden!" waberte er. „Dessentwegen mag ich mein’ Jung net entbehren!" Der Hannwilm, der gar keine Lust verspürte, noch einmal die Schulbank zu drücken, bewährte sich als Müllerbursch. Die Wecklersanna kam in die Blüte ihrer Jahre. Des Gemeinderechners Aeltester hatte ein Auge auf sie. Eines Nachts stellte er feine Leiter an ihr Kammerfenster, stieg hinaus und pochte. Da er abblitzte, ließ er, sich zu rächen, die Leiter stehen. Die Anna wurde deshalb viel geneckt, niemand redete ihr Schlimmes nach. Es wurde gemummelt, der Hannwilm sei ihr Schatz. Daß des wohlhabenden Neumüllers Sohn die Anna in ihrer Armut heiraten würde, glaubte man nicht. Die jungen Leute hatten sich gern. Die größte Freiheit war ihnen gewährt, aber sie mißbrauchten sie nicht. Der Hannwilm wurde Soldat. In der Ausbildungszeit hatte er unter den Beschimpfungen, ja unter den Tätlichkeiten eines Unteroffiziers zu leiden. Darüber beklagte er sich bitter in einem langen Brief, nicht, wie man hätte erwarten sollen, bei feinem Vater oder feiner Mutter, sondern bei feiner Kameradin, der Wecklersanna. Die antwortete ihm, war eine so verständige Trösterin, daß er der schlechten Behandlung, der Beulen und braunen Flecken vergaß und sich vornahm, gleichmütig zu ertragen, was ihm als Rekrut auferlegt war. Von nun an schrieb er der Anna regelmäßig, und sie schrieb ihm wieder. Als er den Militärrock auszog und in die Heimat zurückkehrte, fand er den Vater kurzatmig und unnatürlich aufgeschwemmt. Den Kranken quälten Herzschmerzen und Schwindel. Zweimal in der Woche hielt der Doktorwagen vor der Mühle. Der Sanitätsrat erklärte: „Schüttler, alle Mittel, die ich Ihnen verordne, helfen nichts, wenn Sie sich keine Ruhe gönnen. Ueberanftrengungen, Aufregungen sind Gift für Sie. Sie können alt werden bei Ihrem Leiden, aber Sie müssen sich schonen, sonst steh ich für nichts. Ich kann Ihnen nur raten, machen Sie Schicht! Ihr Sohn ist jetzt wieder da, geben Sie ihm das Geschäft!" Die Worte wirkten. Der Daniel Schüttler baute für sich und feine Frau ein Auszugshäuschen und fetzte den Hannwilm als feinen Nachfolger in der Neumühle ein. Die Eltern wünschten den Sohn gut verheiratet zu sehen. Je eher, je lieber. Sie fragten den Vetter Aulmann. Ohne sich lang zu besinnen, antwortete der: „Ich weiß euch für euern Hannwilm ein Mädchen. In Ruttershausen. Sie schreibt sich Siebet. Der Vater hat viel Eigentumsfeld und ist ein Mann in seinen vier Ecken!" Der Vetter kannte die Familie seit langem, war bereit, Vorverhandlungen zu führen, allenfalls auch mit dem Hannwilm zur Beschauung zu fahren. Dem Altmüller und seiner Frau leuchtete der Vorschlag ein. Der Hannwilm sträubte sich. Es eile ihm mit dem Heiraten nicht, er könne noch warten. Seine Eltern wußten, daß sein Herz an der Wecklersanna hing. Für das Wörtlein Liebe war in ihrem Kalender kein Platz, das galt ihnen als albern, als lächerlich. Sie hatten bis dahin mit ihrem Sohn im besten Frieden gelebt, nun war des Zungenkampfes kein Ende. Bei solchem Rabastern bekam der Altmüller einen Anfall, daß man meinte, sein Stündlein habe geschlagen. Die Wecklers- fang: - Druck und Derlag: Drühl'f ch« UniversitätS-^Vuch. und Steindruckerei, R. Lange, Ti-tz«"- Derantwortlich: vr. HanS Thyriot. Sie lachte. „Das hat keine Gefahr!" Der Knecht trat hinter die dralle Dirne, legte die Arme nm ihren nachts nach im Traum. Der Meister hatte feine Freude an ihm. Das war im Frühjahr. Der Sammer kam. Augusthitze brütete über dem Darf. Just zag der Neumüller die Schleuse hach, da erschien der Ohrlitz und verkündete: „’s ist Kriegl Wie haben zuviel .Deutschland, Deutschland über alles’ gesungen. Das hat uns bei den Ausländern unbeliebt gemacht. Alleweil kämmen wir in die Pfütsch!" Der Neumüller begab sich zum Bürgermeister und las bart den Mobilmachungsbefehl. Er wußte, was in [einem Militärpaß stand: ahne weitere Nachricht abzuwarten, hatte er sich beim Bezirkskammanda in der Kreisstadt zu stellen. Zwei Wachen später zag er ins Feld. Die Neumüllerin hatte jetzt ganz das Heft in der Hand. Die Kriegszeit kam ihrer Geldgier entgegen. Was sie bei ihren Wucherhändeln zusammenschrappte, verbarg sie in ihrem Weiß- zeugschrank, immer auf der Hut, daß niemand sie belaure. Sie hatte ihre Feinde. Indes sie ein unftätes, friedloses Leben führte, trat die Helene Kampmann aus Bachum über ihre Schwelle. Die hatte ihr der Bürgermeister als Pflegekind geschickt. Es war ein frühreifes Mädchen von vierzehn Jahren, das sich einzuschmeicheln verstand, ws es etwas zu erreichen hoffte. Die Neumüllerin, sonst mißtrauisch gegen jeden, der sich ihr näherte, war für die Bochumerin Feuer und Flamme, schenkte ihr neue Kleider und fütterte sie mit guten Bissen. Derweil schien die Welt 3. Ueber Nacht hatte sich das Wetter geändert. In heiterer Anmut lag das Talgelände. Klar standen die fernen Berge gegen den lichtblauen Himmel. Durch die saftigen Wiesen strömte der glitzernde Bach. Aus den Getreidefeldern rasselten die Mähmaschinen. Die hatten die reichen Bauern angeschafft, fehlende Arbeitskräfte zu ersetzen. Die geringen Leute brauchten die Sense. Aelterväter, deren Kinder und Kindeskinder in der Feldschlacht standen, hatten die Nase auf der Erde, taten ihr Mannwerk mit eisernem Fleiß. Der Melchior Belten, ein rüstiger Siebziger, schnitt fein Korn. Früh um sieben hielt er die erste Rast. Der Mattheis Fink, ein Altersgenosse, kam von seinem Acker herüber, mit dem Nachbar ein bißchen zu schwätzen. „Dies Jahr braucht man kein' Staub wein zu trinken", hob er an. „Nee", gab der Belten zurück. „Wann die Frucht nur net stockig wird." „Das glaub ich net." „Dein Korn gefällt mir. Du mußt ein' guten Gefan getan haben. „Mein Weizen steht noch schöner." „Du kannst's gemachen. Ich hab net viel. Ich getrau mir die ganz Arbeit zu fressen." Der Melchior schneuzte sich und fragte: „Was war dann das geft’ abend für ein Gelärms bei dir? Der Mattheis zog die Brauen zusammen. ( „Um Uhrer neun — ich wollt mich gerab legen — klopft s ans Tor. Ich tat mich nneber an unb macht' auf. Da stand ein Mann, rappeldürr und das Gesicht voll Schrumpeln. He sah aus wie einer, der acht Tag ! nir in den Leib gekriegt hat. ,Gu'n Abend!' spricht er. .Seid Ihr ber Mattheis Fink?' .Jawohl', sagt ich, .der bin ich!' .Ihr seid verlesen unb habt bas letzte Brot gebactenf spricht er. .Sterben müssen wir all , sagt ich, ,’s fragt sich nur, wann. Ehnber mein Fried aus dem Feld heim- kommt, geb ich das Werk net aus der Hand. Das merkt Euch und etz putzt die Platt!' He sprach dadrauf kein Bibswörtchen mehr. Das Tor fiel zu. Fort war er!" Der Melchior wiegte den Kopf hin und her. | „Die Heidenleut von Rüddingshaufen treiben alleweil chr Geführt I in der Gegend, ’s wird einer von denen gewesen sein. Und hat sein' Uz „Dreimal drei ist neun, Schätzet, du bist mein. Dreh dich emal herum, Ich will dir ebbes gebe, Schad dir nix am Lebe, Dreh dich emal herum!" — dem Gehöft des Sandhannes brummte die Dreschmaschine, und Frauen reichten die Gebunde hinauf, schoben sie in die . Russische Gefangene schafften das Geströh fort und b>e ge- ... „a, Rnnnmifm unb fnracfr Ich will zwischen dir . aus den Fugen zu gehn. Gewalthaber, verblendet, vom Wahnsiiin ge- *nbabeinen tieut kein' U.wadem stiftem Ich geh.'Und die Mutter geht peitscht, gaben den Menschen die Losung: Mord! Der Teufel wühlte die auch!" Der Hannwilm versetzte beklommen: „Daß ich neben dem Herz zuckende Erde auf. Tausende und aber Tausende blühender Leben ver- he? schwätz, traust du mir doch net zu. Ich bitt euch, bleibt!" Die schlang der große Schlund, der Kneg. Der Neumüller war beim Sturm Anna icküttelte den Kopf Mutter und Tochter verließen die Mühle und von Lüttich, kämpfte in Polen, in den Karpathen und wieder im Westen n ie eten im Häuschen der Eulerskett Stube und Kammer. Ein halbes Die Nachricht kam, er sei schwer verwundet. Lange tag er im Lazarett. Jahr darauf hielt die Christine Stebel von Ruttershausen als junge Dienstuntauglich wurde er m bte Heimat entlassen. Frau ihren Einzug im Müllerhaus. Sie hatte brandschwarzes Haar und I dunkle, flackernde Augen. In ihren Gesichtszügen drückte sich ein starkes I Selbstgefühl aus. Sie machte ein groß Wesen von ihrem Tun. Bei leber I Gelegenheit ttang’s durch: „Ich bin von Leut, die ihr Geld net im Dreck gefunden haben!" „Der Gickel steigt ihr", rafaunerten Knechte und Mägde, „sie ist arg penkelich!" Im Befehlen tat sie zuviel, im Essen hielt sie das Gesinde knapp. Als ihrem Mann eines Mittags, was sie ihm vorsetzte, widerstand, fuhr's ihr heraus: „Wann dir's net schmeckt, spei's aus. Ich kann dir keine Extrawurst braten! Der Vetter Aulmann stellte dem Hannwilm vor: „Du läßt dir den Löffel hinter die Tür werfen und holst ihn wieder herbei. Das ist ein Fehler. Treib der Christine die Hundsmucken aus. Einen jungen Baum kann man noch biegen!" Der Hannwilm antwortete trübselig: „Da ist Hopsen und Mcilz verloren. Sie hat die Natur und wird sich net ändern!" Der Altmüller und seine Frau kehrten sich von der Schwiegertochter ab. Die fühlte sich Mutter, hatte einen Mißfall und lag unter großen Schmerzen darnieder. Aus ihrer ßeibensftatt führte sie Stichelreden gegen ihren Mann: „Ich bin an der Märtel nicht schuld. Wer weiß, was du dir beim Militär geholt hast!" Der Altmüller starb, kurz danach seine Frau. Auch die Witwe Weckler schied hin. Die Anna wusch und bügelte für die Leute hatte mehr Arbeit, als sie bewältigen konnte. Eine Demütigung für die Müllerin war's, als die Hiobspost kam, daß ihr Vater sich in gewagte Geschäfte eingelassen und sein Vermögen an der Getreidebörse verwispelt hatte. Aller Selbstbeherrschung bar, wankte sie in ihre Kammer, tobte und heulte, daß es durch die Mühle gellte. Der Hannwilm in feiner Weichmütigkeit sprach ihr Trost zu: „Ich bin ein so gesinnter Mensch, Christine, wann du anderster wärst, net immer prebeln tatst wollt ich gern verschmerzen, daß ich um dein Elterliches kommen bin!" Scheinbar nahm sie sich seine Vermahnung zu Herzen. Freilich nur ein paar Wochen lang. Sie spintisierte, wie sie erraffen könne, was ihr durch den Zusammenbruch ihres Vaters entgangen war. Sie tauschte gegen geringes Mehl, Eier und Butter ein, die sie an Händler weiterverkaufte. Geld zu sparen, entließ sie Dienstleute, die sich redlich plagten und auch gut bezahlt sein wollten. Dafür nahm sie Lückenstopser und sicherte sich noch schulpflichtige Kinder, bereit Eltern bei ihr in ber Kreide standen. Sie gab lieber Blut als Geld. Ihr Geiz ließ den Rauch nicht aus dem Zimmer und verwirrte das ganze Haus. Der Hannwilm sah diesem Treiben keineswegs mit gekreuzten Armen zu. Er kämpfte , ., .. ", Q(. „ einen erbitterten Kampf. Die Frau zu bändigen, fehlte ihm die Kraft. 1 ~ Mattheis bezweifelte das. In feiner Kümmernis überkam ihn ein Verlangen die Wecklersanna I „ . tüQ,in>s bedr Deubel war, der mich holen wollt", rief er, die 3» sprechen. Der Weg zur Jugendfreundin war nicht weit. Sie nahm oorn)ölbenb ^ür aUe Fäll hab ich khm Heimgeleucht'!" ihn freundlich auf. Du er seinem Herzen Luft gemacht hatte, ward ihm | Hundert Klafter weiter auf einer Gewann des Speckmichel hatten leichter. Zerrissene Fäden spannen sich wieder an. Die alte Liebe wurde I f : v@ned)t aU5 Mb ach unb die Magd aus Oppenrod ihren Herrn in der wach unb fragte nicht, ob fich's schickte. Es war ein harter wüster £mKnea)t aus zuoaaj unu a Winter. Wenn ber Hannwilm zur Wecklersanna ging, war ihm kein I > >• , , , , Dreck am Stecken", sagte ber Knecht, „und freut sich, Wind zu kalt. Eines Tages trügens die Waschmauler von Ohr zu I roa"n'eil"em andern ein Wagen voll Heu umfällt. Wird he emal gefaßt, Ohr: „Die Wecklersanna hat ein Mehstack gehoben unb bte Klei ist ™ /bi qut befür, er schreibt bem Gendarm unb zeigt die Nachbars- bei sie gefahren!" Von ihrer Hauswirtin betreut, brachte sie ein Bub- P™ °ir 9UI uc,ur' 1 ; chen zur Welt. Jedermann wußte, wer der Vater war. Die Neu- I • ,„mt ... net am Sonntag die Milch zu wässern", gab die Müllerin, als sie von der Geburt des Kindes erfuhrriefmitflammew $ W Unwillen Ausdruck. „Dabebei kann er zuckersüß sein." den Augen: „Die Schnippel sollt man mit Kolben lausen! Unb plötzlich 1 ^athrinche nehm dich in acht!" scherzte der Knecht. . in sich zusammensinkend setzte sie hinzu: „Was wird der Hannwilm für I ".. 9 . ein Geldspiel zu dem Bankert schleppen!" Der Neumüller ließ eine Kuh besonders füttern und gab dem Kind die Milch. Als es so weit war, daß es feste Nahrung zu sich nahm, brachte er ihm Speck und Fleisch. , , , . Er war rein oernättert in den Bud. Der schoß in die Hohe. Wie feine I unu Mutter offenbarte er in der Schule einen hellen Verstand. Aus eignem I Antrieb bot er sich nach seiner Konfirmation dem Schmied Möckel als I Lehrbursch an. Dieser bedang sich eine vierwöchige Probezeit aus. Als I die abgelaufen war, sprach er: „Karl, ich will dich behalten! Den Blas- I balg kannst du schon ziehen, fürcht'st dich auch vor den Funken net. Für I ein paar Penning müssen wir Schmied' viel Spektakel machen. Ader I ’s ist ehrlich verdient. Du schlägst leicht aus dem Eisen, merk ich. Tut I -^i nix. Jugend will getobt sein. Daß du mich recht verstehst: draußen! 1 Mädchen Hier in der Werkstatt heißt's, die Gusch gehalten. Da hast du die Zang. I 2?oinmel.. Trlebm«! 7m Glana Der Wicge- Allo!" Der Karl war tüchtig in seinem Handwerk und (ernte gut füllten Sacke. Der, Maschinist hielt bas Triebwerk im wang. E u>i u schweißen., Salier einen Gaul, dachte -r ans Beschlagen^ hamnwrte | meister mattete seme^A ntes.^ &ute Frühstück. In der Stube sah man auf langem, schmalem Tisch Schinken, Schwartemagen, -umüller bie Schleuse hoch, ba erschien ber Ohrtttz und | Hanbkäse Butter unb »rot . ®@e?aJa/nen Sber Ä e ?ieb n * Einer, ein baumlanger Kerl mit schwarzbraunem Schnauzbart sagte, an ein Gespräch antnüpfenb, bas er mit dem Sandhannes gehabt. „Großfürsten müssen kaputt gehn!" s „Ihr seid daheim an die Knut gewöhnt! rief der Bauer und richtet sich hoch auf. „Wir hatten uns' Freiheit und wußten sie begraben. Nicht laut genug konnte man die Schandglocke lauten, tote ® Landmann im Krieg zu Boden gedrückt und seiner Rechte beraubt wo den war. Wenn man ihn so weiter tujomerte, futterte er das Vieh nu mehr und ließ die Aecker ungezackert. in Zwei Stabtjungen, die ihre Rucksäcke übergehangt hatten,.tratenm die Stube und fragten, ob sie etwas Butter Haden konnten. Was das verlangt werde, wällten sie gern bezahlen. . „„ wjt „Hier gibt’s nix zu Hamstern!" beschied sie die Saurin. „Was haben, brauchen wir für unsi Leut!" (Fortsetzung folgt.) ___-