Gießener ZamilieniMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (930 Sreitag, den 3. Januar Nummer 1 Mein Jahr. Bon Conrad Ferdinand Meyer. Nicht vom letzten Schlittengleise Bis zum neuen Flockentraum Zähl ich auf der Lebensreise Den erfüllten Jahresraum. Nicht vom ersten frischen Singen, Das im Wald geboren ist, Bis die Zweige wieder klingen, Dauert mir die Jahresfrist. Aon der Kelter nicht zur Kelter Dreht sich mir des Jahres Schwung, Rein, in Flammen werd ich älter Und in Flammen wieder jung. Bon dem ersten Blitze Heuer, Der aus dunkler Wolke sprang, Bis zu neuem Himmelsfeuer Rech'n ich meinen Jahresgang. Hunilla. Von Herman Melville. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Walther Fischer. Herman Melville (1819 bis 1891) ist einer der charakteristischsten Vertreter der amerikanischen Romantik, dessen Bedeutung erst in der Gegenwart voll erkannt wird. Sein Hauptwerk „Moby Dick“ (1851) ist nebst zwei anderen Erzählungen, „Taipi“ und „Omu“ jüngst in deutscher, teilweise stark gekürzter Bearbeitung erschienen. Die Noelle „Hunilla", deren englischer Titel „Norfolk Isle and the Chola Widow“ lautet, ist di« achte „Skizze" einer Sammelerzühlung „The Encantadas“ und stammt aus einem Bande kürzerer Geschichten, die 1856 als „The Piazza Tales“ in Buchform veröffentlicht wurden. Fern im Nordosten der Karlsinsel, getrennt von den übrigen Gala- pagos, oder „Schildkröteninseln", im Pazifischen Ozean, liegt das Eiland Norfolk. Wie unbedeutend auch immer dieser Fleck Erde für die meisten Slldseefahrer sein mag, — mir wurde die einsame Insel geheiligt durch die seltsamsten, mitfühlend erlebten menschlichen Prüfungen. Es war mein erster Besuch auf den „Verzauberten Inseln", wie die Spanier die Galapagos früher nannten. Wir hatten zwei Tage mit der Jagd nach Schildkröten an Land zugebracht. Wir hatten keine Zeit, viele zu fangen, und schon am dritten Nachmittage gingen wir wieder unter Segel. Wir wollten gerade in See stechen — der gelichtete Anker schwang noch, unseren Augen unsichtbar, unter den Wogen, während das gute Schiff den Kiel von der Insel abwandte — als der Matrose, der mit mir an der Ankerwinde arbeitete, plötzlich innehielt und meine Aufmerksamkeit auf etwas lenkte, das am Londe sich bewegte oder flatterte; nicht am Strande, sondern etwas zurück, auf einer Erhöhung. Im Hinblick auf den weiteren Verlauf unserer kurzen Erzählung sei hier erklärt, wie es kam, daß ein Gegenstand, der so klein war, daß ihn kein Mann an Bord erspäht hatte, trotzdem ins Blickfeld meines Kameraden am Spillbaum trat. Die übrige Besatzung, wie auch ich selbst, standen beim Aufwinden des Ankers einfach an unseren Spillfpaken, während mein festgegürteter Kamerad, in ungewohnter Lustigkeit, bei jeder Drehung der schweren Winde auf den Spillbaum sprang und dem Spaten mit aller Macht einen sehnigen Ruck nach unten gab, wobei er seine Augen in froher Erregung nach dem langsam zurücktretenden Lande schweifen ließ. Da er so über uns anderen hoch erhaben stand, konnte er jenen Gegenstand sehen, der für uns nicht wahrnehmbar war. Dieses Aufheben seiner Augen verdankte er aber seiner ganzen gehobenen Stimmung, und die letztere wieder — ich darf mit der Wahrheit irtcht hinter dem Berge halten — einem Schluck perumanischen Piscos, den ihm unser Steward, ein Mulatte, an jenem Morgen für irgendeinen Liebesdienst insgeheim verabreicht hatte. Nun richtet der Pisco sicher allerhand Unheil an auf dieser Welt; aber sintemalen er in dem vorliegenden Falle das Mittel /y oo 4 ntc sr;: frebeniayngen Jungen, als er vor dreizehn Jahren Paris erobert hatte, mit unglaublicher Arroganz und Hoffärtigkeit. Er hatte es schon längst ausgegeben, Besuche zu machen und neue Bekanntschaften zu suchen. Es war doch alles umsonst. Die Leute bestellten ihn auf den und den Tag; und wenn er gespielt hatte, machte inan ihm Koinplimente — und dann war es aus. Fronleichnam bekam er vom Concert Spirituel, dem ersten Orchester von Paris, Auftrag, eine Sinfonie zu schreiben. Freude stand ihm hell im Gesicht, als er mit dieser Botschaft nach Hause kam zur Mutter, die krank lag. Ihre Augen leuchteten auf, als sie ihren Sohn so neu von schwellender Hoffnung emporgetragen sah. Er mußte die Arbeit rasch beginnen, denn die Tage bis zum Konzert waren kurz beinessen. Die nahe gerückte Aussicht, sich in weiterem Kreis offenbaren zu können, spornte ihn an und gab ihm Wärme der Begeisterung für seine Arbeit, daß sie sich in sprühender Farbe und klarer Sinnlichkeit leuchtend erfüllte. Zwei Tage vor Fronleichnam schrieb er die leisten Takte. Er spielte fein Werk beim pfälzischen Gesandten, Graf Suckingen, seinem Freunde Raaff auf dem Klavier vor — beide fanden es gut. Am Vorabend des Konzerts war die Probe. Lahoussaye, der erste ^Geiger, dirigierte. Mozart war aufgebracht Über Unpünktlichkeit und Schlamperei des Spiels. Als er, nachdem sie die Sinfonie zweimal in schlimmster Weise heruntergehudelt hatten, noch eine Wiederholung verlangte, ward ihm nur kurze Antwort und Entschuldigung: man habe dazu keine Zeit. Wut erfaßte ihn und straffte feine Gestalt, die, obwohl klein und schlank, von der Straft ungesättigten Lebensrausches sprühte. Er wollte etwas entgegnen, doch er bezwang sich. Dann wünschte er guten Abend und begab sich nach Hause. Unzufriedenheit und Zorn sprangen ihn aus starrender Dunkelheit an. Plane wohlausgedachter Vergeltung kürzten seinen Weg. Die Mutter lag in hohem Fieber, als er heimkam. Er schickte Monsieur Heina weg und hielt Wache an ihrem Lager die halbe Nacht, brachte ihr kühlende Linderung, bis sie einschlief. Am anderen Morgen erklärte er, daß er nicht zum Konzert gehen werden und blieb den ganzen Tag in den gedrückten Wänden des Zimmers. Aber da es am Abend fchön wurde und Monsieur Heina für ihn bei der Mutter blieb, ging er doch auf die Straße. Die Sonne versank, alle Gipfel der Stadt mit einem Meer von warmer leuchtender Farbigkeit überschüttend. Lange violette Schatten krochen begierig an die Fassaden der Häuser und Paläste, wuchsen in den Straßen und nahmen von allem Besiß, was tot und lebend war in dieser Stadt. Die schwingende Ruhe der schweren blauen Sommernacht gab Mozart neuen Mut. Als er unter dem Dunkel der Bäume die Boulevards durchschritt, war er entschlossen, wenn sie wieder so schlecht spielten, ins Orchester zu gehen, Lahonssay die Geige aus der Hand zu nehmen und selbst zu dirigieren. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er den lichterstrahlenden Saal betrat, in dem die feinste Gesellschaft von Paris in prunkenden Toiletten sich zusammengefunden hatte. Sein Freund, der Sänger 3t an ff stand vorn groß und breit an eine Säule gelehnt. Mozart grüßte mit zerstreutem Handwink und stellte sich zu ihm. Dann begann das Konzert mit seiner Sinfonie. Gleich im ersten Satz riß die wohiberechnete steil aufspringende Passage das Publikum zu unmittelbarem Beifall hin. Mitten im Spiel brach der Ansturm los. Mozart dachte an die Probe und wiegte leise verwundert den Kopf. Am Schluß warf sich Beifall in breiter Welle durch den Saal, stürmte fort ohne Ende wie eine aufgepeitschte See. Jubel hing in dem Raum, als Mozart in das Orchester trat und sich mit gestraffter Geste verneigte. Dann wurde es allmählich ruhig. Das Stimmen der Instrumente tötete langsam die Erregung des Saals, und neue Erwartung tat sich auf. Mozart wartete das Ende nicht mehr ab; er verabschiedete sich von 3taaf, ging ins Palais Royal, feine Freude über den Erfolg aufschwingen zu lassen. Er wußte, daß seine Sinfonie gut sei, und gab nicht viel auf den Beifall von Paris. Aber die Anerkennung der Menge schuf Freude in ihm, gab seinem Schassen Sinn und seinem Geist Ansporn zu neuem Werk. Seine einzige Sehnsucht war jetzt, eine Oper zu schreiben. Denn er wußte, daß etwas in ihm um das Drama warb. Am Abend noch schrieb er seinem Vater nach Salzburg, daß er jetzt länger hierzubleiben wünsche, um den Leuten zu zeigen, daß er ebensoviel könne wie Livio Piceini — wenn er auch nur ein Deutscher sei. Am nächsten Tag sagte ihm der Arzt beim Weggehen plötzlich unvermittelt, es sei wohl möglich, daß seine Shutter die Nacht nicht mehr überlebe. , Bestürzung überfiel ihn, daß er fortlief, einen Geistlichen zu suchen. Monsieur Heina brachte noch am selben Abend die schmächtige Gestalt eines deutschen Kaplans, der der Fronten die letzte Oelung gab. Dann sank sie drei Tage in Bewußtlosigkeit, lag bleich und leblos. Eine große Angst kam über Mozart und zerknirschte ihn. Am dritten Tag gegen Abend war sie tot. Schmerz riß blutend sein Herz auf, daß er alles vergaß. Er weinte laut Dann legte lindernd die Nacht sich um ihn. Er zündete zwei Kerzen an und schrieb an den Freund seines Vaters, der diesen schonend vorbereiten sollte auf Gottes unabänderlichen Beschluß. Die große schweigende Ruhe, die in den Schatten der Zweige vor dem Fenster lag und der milde Schein der Sterne über ihnen hüllten ihn in Schauer der Ewigkeit und gaben ihm Trost. Groß und dunkel tat sich Zukunft vor ihm auf. Irdischen Lebens Vergänglichkeit ward Ihm überzeugend klar, und Sinn und Wert menschlichen Seins senkte sich tief in fein Herz, bis er wußte, daß dies erste und letzte Weisheit für das Leben eines Mannes bleiben müsse: etwas zu fein und etwas zu können. Und der Glaube an sein Werk stieg groß und leuchtend auf in der Stille der Stacht. Der entschleierte Fakir. Von Dr. Th. A. M a a h. Es ist noch nicht lange her, daß man in der Physikstunde lernte, daß der Flug des Menschen in einem Fahrzeug, das schwerer als die Lust wäre, eine mathematische, physikalische, kurz und gut wissenschaftliche Unmöglichkeit sei. Selbst die Steuerbarkeit eines Luftballons wurde infolge des' geringen Widerstandes, den die Luft dem Steuerdruck böte, mindestens als äußerst unwahrscheinlich bezeichnet. Solche Dinge sollten gerade die exakte Wissenschaft zu äußerster Vorsicht bei Verwendung des Wortes „unmöglich" mahnen. Aber merkwürdigerweise ist gerade sie mit diesem Begriff außerordentlich schnell bei der Hand. Sie setzt ihn gerne dort ein, wo sie meint, daß irgend etwas mit dein heutigen Stande der Forschung schwer vereinbar sei. Unter Umständen geht sie sogar so weit, Dinge schon deshalb als unmöglich zu bezeichnen, weil bisher noch Meß- und Regi-- trierapparate zu deren Feststellung und 'Aufzeichnung fehlen. Aus diesen kleinen und recht unpraktischen Gesichtspunkten IM sich eine sehr eigenartige Stellung des größten Teiles der exakten 'Naturwissenschaftler zu jenem großen Gebiet entwickelt, das heute im wesentlichen an seinem Namen krankt, dem Okkultismus. Ein großer Teil des wissenschaftlichen Okkultismus ist heut« durchaus keine Geheimlehre mehr, sondern eine durch Tatsachen belegte und durch sorgfältige Durchforschung des menschlichen Seelenlebens wissenschaftlich begründete Erkenntnis. Die Suggestion in der Hypnose und namentlich die im Wachzustände wird als wichtiger Faktor im täglichen Leben und auch von der strengsten zünftigen Wissenschaft unter geeigneten Bedingungen als durchaus zulässige Heilmethode anerkannt. Der Sprung von ihr zur Gedankenübertragung, die heute noch nicht allgemein anerkannt mjrb, ist äußerst gering. Hinter dieser beginnt das Gebiet des Okkultismus, demgegenüber sich der größte Teil strenger Naturwissenschaftler vollkommen ablehnend verhält, deren Anhänger er als betrogene Betrüger oder bestenfalls unter Billigung mildernder Umstande als bedauernswerte, kritiklose Phantasten verurteilt. Es würde hier zu weit führen, die Gründe für diese rwerkrckische Schärfe näher auszuführen. Einer von ihnen ist die Persönlichkeit und das Verhalten der Medien. Die zahlreichen Betrugsmanöver, die von diesen gerade in den Sitzungen vollführt und durchschaut wurden, die von vornherein zur Entlarvung des vermeintlichen Schwindels angestellt werden, bieten eine willkommene Handhabe. Wobei stets die außerordentlich labile seelische Verfassung der Medien, der Fanatismus für ihre Sache und die aus den verschiedensten Gründen besonders ungünstigen Bedingungen solcher „Entlarvungssitzungen" nicht genügend in Betracht gezogen rverden. Dann aber darf nicht vergessen werden, daß tausendmaliger Mißerfolg, ja selbst tausend größere oder kleinere Betrügereien, durch einen einzigen unanfechtbaren Erfolg vollkommen ausgewogen und ausgelöscht wären. Senn das würde besagen, daß eben in diesem einzigen Falle die bisher noch unbekannten und vielleicht äußerst verwickelten und empfindlichen Voraussetzungen für das Zustandekommen der Phänomene richtig getroffen feien, während dies in allen anderen erfolglosen oder gar vom Medium betrügerisch korrigierten Sitzungen nicht der Fall war. Also: Die Wissenschaft soll das Verfahren gegen den Okkultismus als schwebend betrachten. Soll über ihn nicht mit Sem Wort „unmöglich" den Stab brechen, um dieses VerdamniungsurteU möglicherweise über kurz ober lang umfloßen zu müssen, sondern soll nur den Anhängern dieser Lehre Ne" volle Beweis la st für die Richtigkeit ihrer Anschauung zuschieben. „ . Unter der Sonne Indiens gedeihen die Geheimlehren am üppigsten. Bor den Wundertaten, di« durch die Fakire vollführt werden, mutz alles, was Europa auf diesem Gebiete leistet, verblassen. Damit sind nicht die verhältnismäßig einsachen Leistungen gemeint, die durch weitgehend geschulte Beherrschung von Körper und Nerven mit ober ohne Anwendung von Hypnose ober Autosuggestion zu erreichen sind und die schon zum großen Teil von abendländischen Wissenschaftlern und Artisten nachgeahmt werden. Gemeint sind vielmehr jene unerklärlichen Vorkommnisse, die durch Wort und Schrift überliefert sind und die, sofern näinlich die Uebcrlieferung einem Wahrheitsbeweis gleichzusetzen ist, geeignet wären, das Wort „ünmöglich" überhaupt aus dem Sprachschätze zu verbannen. Da gibt es zum Beispiel das Fakirwunber mit dein an den Wolken haftenden Seil. Der Fakir wirft, umgeben von einer großen Zuschmier- menge, ein Seil in die Höhe. Das bleibt irgendwo in der Lust hängen. Ein Knabe kletterte daran empor, höher und höher, bis er den Blicken der Zuschauer entschwindet. Der Fakir, mit einem Messer bewaffnet, folgt ihm auf seiner lustigen Reise in die Unsichtbarkeit. Da oben muß sich bann ein gräßliches Drama abspielen, denn aus den Wolken stürzt der vollkommen zerstückelte Leichnam des Knaben vor die Füße der entsetzten Zuschauer. Aber der grausige Film hat das mit Recht so beliebte happy end. Der mörderische' Fakir wagt es, aus der wolkenhasten Ferne auf die Erde zurückzukehren. Er setzt den zerstückelten Körper tadellos und anatomisch richtig wieder zusammen und vergnügt und munter verlassen Mörder und Opfer den Ort des Geschehens. .. Würde sich das Vorkommnis so abgespielt haben, bann wurde das nicht mehr und nicht weniger bedeuten, als daß bas, was wir schlechthin 3raturgesetze nennen, eine auf schwankendem Boden stehende Konstruktion ist Aber es liegt nicht der geringste Grund vor, alles Bestehende umzu- stoßen, denn die Sadje hat sich gar nicht so zugetragen. Als Erklärung, daß sie trotzdem in dieser Form überliefert wird, wird gern Die Massen- sugqestion herangezogen. Die vielhundertköpfige Menge, die angeblich das Vorkommnis mitangesehen hat, soll in so starkem Maße der hypnotischen Beeinflussung durch den Fakir unterworfen gewesen fein, daß er ihr einfach suggerierte, den Vorgang, der sich in Wirklichkeit gar nicht abgespielt hat, miterlebt zu haben. Diese Erklärung ist nach allem, was man über Wesen und Stärke der Suggeftionsivirhmg kennt, unannehmbar. Es würde sich näinlich unter der laut Bericht sehr großen Zuschauermenge ein großer Teil Leute befinden, die foldjer Suggestion nickst zugänglich waren. Diese würden sich ebenso höflich rote energisch verbitten, day man ihnen etwas einredete, was sie nicht gesehen hätten, und ganz entschieden dagegen protestieren, gar noch als Kronzeugen für solche Dinge zu fungieren. Da bleiben nur zwei Erklärungsmöglichkeiten für das Zustandekom- men der Ueberlicferung. Entweder der Fakir hat fein Kunststück nur vor einem ganz kleinen, nach seiner Zugänglichkeit für Suggestion sorgfältig ausgewählten und geeignet vorbereiteten kleinen Kreise vollfiihrt, der nachträglich zum Verbreiter seines Ruhmes wurde, oder aber, und das ist das Wahrscheinlichste, die Geschichte ist überhaupt gar nicht passiert. Es mag da unter den Eingeborenen irgendeine derartige Ueberlieferung bestehen. Ein Reisender erfuhr sie und teilte sie aus. Lust am Fabulieren einem anderen so mit, als ob er das wundersame Vorkommnis selbst miterlebt hätte. Der andere erzählt sie in gleicher Form einem dritten, dieser dem vierten und so weiter, und so weiter: Der Kreis derer, die das Vorkommnis miterlebt haben, ist dank dem Vertrauen, das der nächste in die vollkommene Glaubwürdigkeit des vorigen seht, dessen Erlebnisse er, ohne sich strafbaren Diebstahls schuldig zu machen, in eigene Regie übernimmt, geschlossen. Ein anderes Fakirkunststück, das die Gemüter immer wieder bewegt, ist dis Sache mit dem Lebendig-bearaben-werden. Mit dieser Leistung hat sich der französische Schriftsteller Paul Henze theoretisch und praktisch beschäftigt. Und dabei bleibt von der wundersamen Fähigkeit der Fakire, wochenlang ohne Luft, ohne Atmung leben zu können oder während dieser Zeit das Leben zu unterbrechen und es nachher wieder frisch anzusangen, recht wenig übrig. Alle Beobachtungen sprechen nämlich dafür, das; der Fakir nicht allzulange nach der Begräbniszeremonie, wenn sich der Schwarm der kritischen Zuschauer verlaufen hat, mit Hilfe seiner als Grabwächter angeftellten Gehilfen die Gruft verläßt, um sie mit einem ebenfalls versteckten, aber wesentlich komfort- und luftreicheren Aufenthaltsort zu vertauschen. Erst kurz vor dem festgesetzten Zeitpunkt der Ausgrabung dürfte er unter Assistenz der „Wächter" die Grabesruhe wieder äufsuchen. Nach scheinbar wochenlangem Aufenthalt und unter Innehaltung ebenso komplizierter wie überflüssiger Erweckungszeremonien, entsteigt er dann durchaus lebendig dem Grabe. Wenn sich die ganze Angelegenheit, was durchaus wahrscheinlich ist, so abspielt, bleibt also nur zu betrachten, ob es etwas Besonderes ist, daß ein Mensch ein bis zwei Stunden den Abschluß von der Außenluft in einem engen Sarge überleben kann. Eine kleine Rechnung beweist, daß das indische Mysterium mit der europäischen Physiologie durchaus in Einklang zu bringen ist. Bei der Atmung verbraucht ein Mensch in vollkommener Muskelruhe per Minute etwa 0,3 Liter Sauerstoff und produziert etwa 0,2 Liter Kohlensäure. Das bedeutet in 100 Minuten oder 1 Stunde 40 Minuten 30 Liter Sauerstoffverbrauch und 20 Liter Kohlensäureausscheidung. Nimmt man nun an, der Fakir wählt für seine vorübergehende letzt« Ruhestätte einen Sarg oder eine Gruft von 1,9 Meter Länge und je einem halben Meter Breite und Höhe, so stehen ihm, nach Abzug der durch den eigenen Körper verdrängten Luftmenge noch etwa 400 Liter Luft mit einem Sauerstoffgehalt von 21 Prozent, das sind 84 Liter, zur Verfügung. Von diesen hätte er am Ende der 100 Minuten Grabesruhe 30 Liter verbraucht und somit den Sauerstosfgehalt der Luft von 21 Prozent auf 14 Prozent gemindert. Weiter hat er die Lust um 20 Liter, also 5 Prozent angereichert. Eine Luft, die sich innerhalb der 100 Minuten zu dieser Zusammensetzung nach und nach verschlechtert, entspricht nun nicht gerade den Forderungen, die man an die eines Luftkurortes stellt, sie ist aber noch brauchbar, den menschlichen Atmung zu dienen. Der Fakir könnte es auch über die 100 Minuten hinaus sicher noch eine ganze Weile in seiner Gruft aushalten, besonders da er bei geeigneter Vorbereitung und Uebung vollkommenster Muskelentspannung die hier angegebenen Zahlen für den Gaswechsel noch wesentlich herabdrücken kann. Ein von Henze angestellter Selbstversuch in einem luftdichten Kasten genannter Ausmaße 1£ Stunde zuzuoringen, war, wie nach dem Gesagten klar ist, nicht einmal von besonderen Unannehmlichkeiten begleitet. Also, auch der lebendig begrabene indische Fakir vollbringt nichts, was nicht mit europäischer Physiologie in Einklang zu bringen wäre. Das „System der Tiere"". Von Ludwig Z u k o w s k y. Hinter den Türen der Forschungsinstitute spielen sich viele Dinge ab, von denen selbst allseitig Gebildete recht wenig erfahren. Es gibt sogar wissenschaftliche Spezialfächer, die der Oeffentlichkeit völlig verborgen blieben, da bestimmte Schichten ihnen zu wenig Beachtung und Interesse entgegenbrachten. Ein Gebiet, von dem man'annehmen sollte, daß die Allgemeinheit ihm nicht zu fremd gegenüberstehen sollte, ist die Lehre von der Natur und ihre Beschreibung. Wenn wir indes nur einen kleinen Einblick in die weitverzweigten Fächer der Naturkunde nehmen, so wird selbst der Gebildete auf Schwierigkeiten stoßen, die ihm Bedenken bereiten. Um die Mannigfaltigkeit der Nebenzweige nur eines der angeführten Gebiete zu zeigen, mag die Tierkunde herausgegriffen werden. Von der Zoologie gelangen wir in eine Fülle sich fächerartig ausbreitender Nachbargebiete, die mit ihr aber so eng verwachsen sind, daß ihre eingehende Kenntnis für den modernen Tierkundigen geradezu notwendig ist. Die Zoologie erfordert ein weitgehendes Wissen der Morphologie und Anatomie in allen ihren Seitenwegen; ohne beide wäre eine genaue Kenntnis und somit Beschreibung der äußeren und inneren Merkmale der vielgestaltigen Kreatur unmöglich. Um der Lebensweise der Geschöpfe nachforschen zu können, bedarf es eingehender biologischer Kenntnisse. Um deren zweckmäßigen Zusammenhang mit dem Körperbau und seiner Funktion zu ergründen, muß die Oekologie Aufschluß geben. Der Entwicklungsgeschichte wird besonders heute großer Wert beigemessen. Die Wissensgebiete der Physiologie haben sich gleichfalls in neuerer Zeit gewaltig ausgebreitet. Der Zoologe muß aber auch in bestimmter Weise anthropologisch und ethnographisch gebildet sein. Eine zwingende Notwendigkeit ist eine peinliche Einfühlung tn die Tiergeographie. Von allen Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl diesen Gebieten soll uns heute aber nur die Systematik und von dieser die Namengebung beschäftigen. Es ist selbstverständlich, daß der Mensch danach strebte, alles, was auf der Erde fleucht und kreucht, zu bezeichnen, es auf diese Weise für eine leichtere Unterscheidung geeignet zu machen und in ein bestimmtes System zu drängen. Obwohl diese Neigung seit altersher bestand, gelang erst vor etwas mehr als 150 Jahren dem schwedischen Naturforscher L i n n ä ein solcher Versuch in seinem mittlerweile in vielen Auflagen erschienenen „Systems Naturae". Tier- und Pflanzenreich schachtelte er gruppenweise gleichsam in einen engen Rahmen, der es durch einen lateinischen Namen und eine kurze, gedrängte Beschreibung möglich machte, jede bekannte Form von Tier- und Pflanze durch eine Diagnose wiederzuerkennen. Sinne wurde somit der Begründer der Systematik, und fein grundlegendes Werk ist noch heute der unumgängliche Ausgangspunkt aller Tier- und Pflanzennamen. — Welch ungeheurer Wert in der gewaltigen Pionierarbeit Sinnes laß und wie zweckmäßig er feine Ideen für den praktischen Gebrauch umformte, möge Folgendes lehren. Nachdem früher ein Geschöpf genügend bekannt, vielleicht auch untersucht und beschrieben war, wurde es mit einem Namen jeder beliebigen Landessprache belegt. Da man aber vielfach für verschiedene Tiere denselben, oft genug für ein und dieselbe Art mehrere Namen prägte, zeigten sich immer mehr die Schwierigkeiten der Unterscheidung. Bei dem allgemeinen Interesse der zivilisierten Völker an der Benennung der Tiere konnte es auch nicht ausbleiben, daß sich große Irrtümer in den Sprachen anderer Völker geltend machten; so wäre es beispielsweise für den Russen schwer gewesen, die verschiedenen Namen für die vielen Finkenarten in portugiesischer Sprache richtig auseinanderzuhalten und ihre Träger dadurch genau zu unterscheiden. So gibt Naumann in seiner „Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas" für den Buchfinken 18, für den Grünfinken 30, für den Stieglitz 16 und für den Zeisig allein 48 in den verschiedenen Gegenden Deutschlands gebräuchliche Namen an. Die Grundbedingung für das System löste Sinne sehr glücklich, indem er verwandte Gruppen zu verwandten stellte, sammelte, diese Sammlungen wieder als Einheit zusammenzog, sie mit einem lateinischen, also international verständlichen Namen belegte und somit fixierte. Auf diese Weise entstanden die Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten. Sinne sind für manchen Fehler, der später erkannt wurde, bei der Einordnung keine Vorwürfe zu machen; es bestehen sogar heute noch bei vielen Forschern recht verschiedene Ansichten, zu welchen Ordnungen gewisse Familien und zu welchen Familien gewisse Gattungen zu stellen sind. Jede dieser großen und kleinen Einheiten wurde mit einem einzelnen Namen belegt, der aus einem Substantiv gebildet und bezeichnend für die Gruppe gewählt wurde. Z. B. für Raubtiere Carnivora, für Huftiere Ungulata, nur bei der Bezeichnung der Spezies wurde dem Gattungsnamen, der aus einem für das Genus bezeichnenden Substantiv in lateinischer ober griechischer Sprache gebildet sein mußte ober ein charakteristisches Merkmal ber Gattung kennzeichnete, wie Leptorhynchus, Macroscelides, noch ein zweiter Name, ber eine adjektivische Bedeutung hat, als Bezeichnung für die Art angehängt, z. B. Hystrix cristata, Rhinoceros unicornis. Es können auch Heimat- ober Verbreitungsgebiete im Artnamen wiedergegeben werden. Nach dem bestehenden System ist es auch statthaft, verdienstvollen Gelehrten und Sammlern den Namen einer Art zu dedizieren. Die wissenschaftliche Benennung der Tiere wird als Nomenklatur bezeichnet. Um dem System Festigkeit zu verleihen, haben sich Zoologen an die Arbeit gemacht, allgemeine Regeln und Bestimmungen für die Nomenklatur festzulegen, die auf den Internationalen Zoologen-Kongresfen durch- gesehen und ergänzt werben. Geschehen bei Neubeschreibungen Verstöße gegen diese in ber Zoologie allgemein angenommenen Regeln, so kann die betreffende Art ober Gattung kassiert werden, wodurch sie für die Wissenschaft ungültig werden. Die Regeln selbst sind in dem Berichte eines Zoologen-Kongresses veröffentlicht worden und stellen ein kleines Buch für sich dar. Der Systematiker hat danach außerordentlich viel zu beachten, so irnrj z. B. der Name einer Art innerhalb des Genus ober ber Name einer Gattung nur einmal im ganzen System angewandt werden, um Verwechslungen zu vermeiden, ferner darf der einmal für eine Gruppe vor- geschlagene Name nicht verändert werden, weiter müssen sämtliche bestehenden Namen bei Neubeschreibungen berücksichtigt werden, wovon der älteste für eine Art gewählte Name Gültigkeit und Bestand hat. So gibt es eine ungeheure Fülle von Punkten zu beachten, die die Beschreibung recht erschwert und doch ist es nur bei einem rein gesetzmäßigen Vorgehen möglich, sich durch den erschreckend großen Namen- und Artenreichtum der Tierwelt hindurchzufinden. Glaubt nun der Forscher, eine neue Art eines Tieres gefunden zu haben, so hat er sie mit sämtlichen Vertretern der Gattung seiner Form zu vergleichen, und zwar an Hand von Material, außerdem aber durch die meist sehr umfangreiche Siteratur. Bei der Beschreibung eines Spezies ober Subspezies muß ber Forscher oft Hunberte von Bänden zur Hand nehmen und wälzen, ehe er sämtliche, oft weit verstreute Hinweise über das von ihm bearbeitete Tier durchgesehen hat. — Besonders in artenreichen Klassen, z. B. den Insekten, ist das Aufsinben außerordentlich schwierig, zumal auch Reisewerke und Zeitschriften berücksichtigt werden müssen, in denen die zu suchenden Objekte schwer zu finden sind. Diese Beispiele mögen genügen, um den Fernerstehenden oberflächlich mit den Schwierigkeiten bekannt zu machen, die sich dem Forscher bei der Neubeschreibung eines von ihm entdeckten Tieres entgegenstellen. In letzter Zeit wurden den Systematikern schwere Vorwürfe über die Aufteilung der Arten in Rassen und Unterarten gemacht mit ber Begründung, daß mit einer ins Kleinliche sich verlierenden Spezialisierung der Spielarten der Wissenschaft nicht gedient sei. Nun strebt die moderne Feinsystematik aber nach einer genauen Kenntnis aller Formen und sollten sie noch so geringe Merkmale zeigen. Nur durch diese subtile Arbeitsweise könnten später einmal tiefere Einblicke in die Entstehung der Art, dem noch immer nicht gelösten Problem, gewonnen werden. 'sche Univrrsitäts-Vuch- und Steindruckerei, A. Lang«, Gießen.