studierter Mann als Schwiegersohn, das ist ihm so ins Blut gegangen, ehe er sich auf den Grundstückshandel warf. Malle Perlens ist heute der reichste Mann, er hat die berühmtesten Hunde in der Stadt und weit in der Runde, nicht die großen Gutsherren, nicht der Bürgermeister, nicht einer vermag ihn darin einzuholen. Just hat er eine Feliciohündin gekauft, eine bis dahin fast unbekannte Rasse, von der es nur einige wenige Exemplare gibt, die einen kaum schützbaren Wert besitzen. Er hat sie vom Freund des jungen Hagenah bezogen, der eines der'Tiere auf seiner Flucht von Moskau mitgebracht hat, ein kleines winselndes Tierchen — bis London muß man heute fahren, um einen guten Rüden dafür zu bekommen. Aber diese Felicias haben es auch in sich; eine Rase, ein Gang, eine Zuverlässigkeit, lauter kaum noch bekannte Eigenschaften bei den verkehrt gezüchteten Rassen von heute! Seht nur, wie diese Hündin hinter Malle Perlens hergeht, wenn er abends zum Dämmerschoppen wandelt, di« Rase hoch, die Schritte wie ein Tanzpferd, die Augen halb zugekniffen, als wüßte sie ganz genau, daß es außer ihr kaum noch ein gleiches auf der Welt gibt. Ja, das find so die alten Familienschätze der von Rußland Eingewanderten. Haben die Hagenahs keine Familienschätze? Doch, auch bei denen gibt es noch dies und das. Da ist zum Beispiel «ine Kette, tartarische Schnitzerei, unverkäuflich. Wenn der alte Hagenah in Rot war, hat er sie hinterlegt, bis er wieder ein Beet Rosen verkauft hatte und ihm aus der Rot geholfen war. Auch die Hagenahsch« Kette ist sagenhaft. Warum sollen die Russen nicht auch die letzten jener wunderbaren Felicios besessen haben? Hätte Malle Perlens nur den rechten Hund dazu. Schließlich will man nicht umsonst soviel Geld für die Hündin ausgegeben haben. Er gibt eines Tages dem jungen Züchter in der Stadt auf, zu forschen, wo ein guter Rüde steht, er träumt mitunter von sieben jungen Felicios, alle mindestens 1000 Mark wert, drei Monate alt! Die in Romsö, der Luchs von Bürgermeister soll wohl Augen machen. Aber dann geschieht das Unglück. Eines Tages bietet ihm der russische Herr aus der Stadt den Rüden für seine Hündin an, ein Rüde mit einem Stammbaum, ich weiß nicht wie lang. Malle Perkens stutzt aber über den Preis und versucht zu handeln. Er bietet erst einmal die Hälfte des Geforderten, dieser Herr Baron ist ja auch zu unverschämt, teilt Mensch kann gegen seine Preise an. Andern Tags hat der Bürgermeister gekauft. Und der Bürgermeister kommt mit dem Rüden zum Dämmerschoppen, wo sein Feind, Mall« Perkens, just von seiner Hündin erzählt. Und der Bürgermeister mäkelt und schneidert und hat sieben verschiedene Einwände gegen die Hündin, er meint schließlich hochtrabend, für die liehe er seinen Felicio nicht her. Man müsse ja auf di« Rasse halten, man hätte Pflichten. Malle Perkens hatte eine schlaflose Nacht, aber kann man den Bürgermeister zwingen? Der Frühling ist im Anmarsch, es wird Zeit an den Wurf im Sommer zu denken. Aber der Züchter in der Stadt tut großspurig und behauptet noch, den Hund billig angeboten zu haben und behauptet, ihn dem Bürgermeister noch viel teurer verkauft zu haben. Und obschon Malle Perkens sich demütigt, sein Abhandeln bedauert und eine hohe Summe auf den Tisch legt, um in den Zeitungen nach einem echten Felicio zu forschen, es wird nichts und wird nichts mehr, es findet sich kein Felicio, kein Mensch weiß eigentlich recht darüber Bescheid. • „Ach so, richtig", antwortete man hier und da, wenn Malle Perkens vor Fremden prahlt, und tut als verstände man etwas von seltenen Rassen. „Ach so, ja, hm!" Man hätte ja auch schon darüber gehört, heißt es dann, aber ob er sich nicht lieber einen Barsoy hätte anschaffen sollen, der hätte wenigstens einen Marktwert und es wären doch auch schöne Tiere. Während Malle Perkens nun in der Stadt ist, um den Züchter zu besuchen und Anzeigen aufzugeben, langweilt sich Gin«. Sie ergeht sich mit dem jungen Hagenah im Walde, fast wie ein Liebespaar tun die zwei. Sie reden aber über nichts anderes als wie hoffnungslos es mit ihnen sei und wie trostlos das Leben ohne einander wäre. Und sie lassen sich alles durch den Kopf gehen, Flucht, heimliche Heirat, Amerika, sogar Börsengeschäfte und Lotterielose, aber es wird alles nichts Rechtes. Hagenah ist ein Bastler und Rosenzüchter, er hat das Häuschen und den Garten, er hat höchstens noch die alte Kette vom Bater her. Aber in Lotterielosen und Börsengeschäften hat er kein Glück, wie sollte es auch sein bei so viel Glück, das er mit Gin« fand. „Wenn du die Kette verkauftest", seufzt das Mädchen. Aber da ist irgendein Geheimnis drum. Immer hat sein Vater sie rechtzeitig ausgelöst und wenn er sich die Butter vom Brot sparen mußt«. Nie dürfte er sie aus den Händen geben, hat er den Sohn gemahnt, die Augen halb zugekniffen, als wollte er ihm sein gutes Gewissen lassen. „Ja, die Kette , seufzt der junge Hagenah zögernd, ihm ist sein ehrlicher Name das halbe Leben Eine aber glaubt, er lieb« die Kette mehr als sie. Sie beginnt herzzerbrechend zu schluchzen, sie meint, mit der Ahnenkett« könnte man ein Schloß kaufen: „Wo dein Freund doch auch so viel Glück mit den Filicios gehabt hat, die er aus Rußland mitgebracht hat", seufzt sie. ‘tärte: d | SietzenerZamMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger m ein wendig tu rechtem ’omplijiaj. ’ben twtia ich da D gen! M »entlichM ich ijaltilgi , so legi» ton sicher,! i ch mal en Jahrgang 1950 Montag, den 1-September Stille der Nacht. Von Gottfried Setter. Willkommen, klare Sommernacht, Die auf betauten Fluren liegt! Gegrüßt mir, gold'ne Sternenpracht, Die spielend sich im Weltraum wiegt! Das Urgebirge um mich her Nummer 67 in der SHtj j >ie trenn K j h mehr. A f t, kein - iieren. Gt i Ideen." : Ist schweigend wie mein Nachtgebet; Weit hinter ihm hör' ich das Meer Im Geist und wie die Brandung geht. Ich höre einen Flötenton, Den mir die Lust von Westen bringt. über werf Indes herauf im Osten schon Des Tages leise Ahnung dringt. ängstlich li ) wunder« st, dann ms Ich sinne, wo in weiter Welt Jetzt sterben mag ein Menschenkind — Und ob vielleicht den Einzug hält Das viel ersehnte Heldenkind. turnen...' »en. Und M und ich st recht Ä dem gch egnet, itijr ;t ein<#; Doch wie im dunklen Erdental Ein unergründlich Schweigen ruht, Ich fühle mich so leicht zumal Und wie die Welt so still und gut Der letzte leise Schmerz und Spott Verschwindet aus des Herzens Grund; Es ist, als töt' der alte Gott Mir endlich feinen Namen kund. Zwietracht in Nomsö. Von Hans Friedrich B l u N ck. en den 6t* i — es P ju ch minbti® tbkiben. W uf stödlW ■ben. Unbii ten Stein**! Kräften i» ÜHlfitten W irgänger» e soll mm gebaute, W btoeto*" ilte. M n'1 nt, du W e Red« I« ■ften ist «‘t n Etage dir ntat, * r. 8ber '! üffenfieW rrk.,1 er N n tlW'.j und vi*” t Kav*" ben M* ingWÜ- ;6i eieSt1 Niemand kann ihm was nachsagen, dem jungen Herrn von Hagenah, obschon er öfters in die groß« Stadt fährt und über feine Gesellschaft dort allerhand gemunkelt wird. Aber schließlich hat er es nicht leicht, dieser arme Zuwanderer, er muß sich eben durchschlagen wie er kann. Und weil der Alte, der verspielte Baron, der Russe, wie man in der Heinen Stadt kurzerhand sagt, zu eingebildet und zu arm gewesen war, um ihn etwas Rechtes lernen zu lassen, muß der Junge nun sehen, wie « sich durchschlägt, als Bastler, als Rosenzüchter und vielleicht auch mit jenen Fahrten zu Landsleuten in der großen Stadt, über die der Bürgermeister, der Doktor, der Notar und Malle Perkens, der die Bauplätze in Romsö hat, die Stirn runzelten. Sonst war nicht viel von ihm zu sagen — vom jungen Hagenah mein ich — bis eines Tages das Gerücht ging, er hätte sich in Malle Perkens' Tochter Eine verliebt. Man vernahm es ein wenig schadenfroh und neugierig, wie's wohl auslaufen würde. Dann vergaß man’s. Auch in einer kleinen Stadt ist viel zu erleben, etwa der ewige Wetteifer zwischen dem Bürgermeister und Malle Perkens, der einst sein Bürovorsteher gewesen ist und sich dann die besten Grundstücke rundum sicherte, die er teuer an die reichen Leute der Großstadt verkauft, oder auch das Neueste über •Utibetv und Hundezucht, die der Sport der reichen Leute in Romsö ist uni) bei der Malle Perkens und der Bürgermeister große Summen aus- üeben, um sich zu übertrumpfen, die alten Esel. Aber die Geschichte mit Eine und dem jungen Hagenah spielte doch unterirdisch weiter, mitunter wollte man die beiden draußen am Wald 9Wn haben. Der junge Baron war ein beliebter Stoff der Unter« Wtung; man wußte auch, daß ein Fremder aus der Stadt ihn öfter befucfjte, einer mit mindestens eben solch hochtrabenden Namen und daß , beiden mitunter lange abends im Gasthof gebechert und di« Kopf« Wommen gesteckt hatten. Was der Fremde für einer war? Züchter hatte tt als Beruf eingetragen, das konnte sich nach Pferden, Hunden und Kanarienvögeln anhören, je wie er einem gefiel. s ■™rutn soll der junge Hagenah aber nicht einmal gründlich bechern? k hat nichts weiter zu tun, als auf feine Rosen zu warten — er sollte ®*ge ganz besondere Sorten haben, die er herbstens verkaufte, das traut S 'M auch zu, schon der alte Baron hat sich damit durchgeschlagen. auch noch auf (Sine warten, aber Malle Perkens darf nichts davon Malle Perkens ist Bürovorsteher gewesen und ihm gilt nur «in „Glaubst du nicht, daß er für mich seinen letzten Felicio hergegeben hätte?" „Das verstehst du nicht", antwortete Hagenah. — Das Leben in der Stadt wird indessen gespannter, der Bürgermeister bleibt hart, er gibt tatsächlich den Rüden nicht her. Endlich hat er etwas, um Malle Perkens aufs Blut zu quälen, endlich hat er ein Pfand in der Hand, um dem früheren Bürovorsteher zu zeigen, daß man mit gehobener Vernunft eines Tages doch weiterrommt als mit dem Grundstückshandel. Unerbittlich ist er. Er. liest die Anzeigen, die Malle Perkens aufgibt, er schafft sich hämisch Bücher über alle Hunderassen an und als er über di« Felicias keins findet, nimmt er sich vor, selbst eins zu schreiben. Er reist sogar ein-, zweimal in die große Stadt, um von den Züchtern Näheres zu erfahren. Er hat die Stirn hochgezogen, wie er heimkehrt, ein wenig kopfschüttelnd, aber doch wieder gläubig, als der Hund ihm mit ungeheurem Sprung entgegenkommt, ein echtes Rassetier. Er ist indes nicht mehr ganz so sicher wie vorher, er hört irgendwo aus der Ferne ein Gelächter näherläuten, da sind Zweifel, di« nicht ganz schwinden. Schließlich hat man ja ein Heidengeld für das Tier bezahlt und der Bürgermeister ist Bürgermeister und ein kluger, vorsichtiger Mann, der alle Dinge zu wägen weiß. Andern Tags — der Freund aus der großen Stadt ist just bei ihm gewesen — kommt der junge Hagenah zu ihm, läßt sich melden und fragt gerade heraus, wieviel der Felicio kosten solle. Noch vor einer Woche hätte ihm der Bürgermeister die Tür gezeigt, heute schießt es ihm wieder durch den Kopf, wieviel Bargeld er für das Tier auf den Tisch gelegt hat. Er ist weich, fast ein wenig befangen, als Hagenah drängender wird und wissen will, wieviel der Hund zum äußersten kostet. Wieso, hat der Baron denn Geld? Hat sich die Welt verdreht? Schließlich kneift der Bürgermeister aber ohne zu fragen, die Augen zu, es sieht nach einem Lächeln aus. Er nickt mit dem Kopf, das soll heißen — ich weiß wohl, wenn du den Hund hast, willst du den alten Mall« Perkens in Versuchung bringen. Aber am Ende fragt er nur, was der andere dann bezahlen könnte. „Die Kette", sagt Hagenah dürr und zieht ein Schächtelchen heraus, das hat er schon bei sich. Das ist ja eine Gabe, kaum abzuschätzen wie hoch! Dem Bürgermeister wird heiß und kalt, er bringt es kaum über sich, dem Jungen zu sagen, daß man die Kette doch nicht mit dem Felicio vergleichen darf — wo hat der Herr von Hagenah seinen Verstand? Aber schließlich, wer weiß, wie hoch ein echter Felicio einzusetzen ist? Es sind beides imaginäre Werte und im Gefühl jenes fernen Mißtrauens, das ihn mitunter überkommt: auf einmal hat der Bürgermeister zugeschlagen. Also di« Kette gegen den Hund! Er hebt das Kästchen, fährt mit den dicken Brillengläsern darüber hin und her, wahrhaftig, eine fabelhafte Arbeit, Tartarenarbeit, die Kerle haben es verstanden! Fabelhast! Und der hochhüftige Felicio wandert, nicht ohne Sträuben, mit dem jungen hochhüftigen Hagenah über die Hauptstraße, was sage ich — dreimal über die Hauptstraße hin und her, bis er mit seinem neuen Herrn in der Rosenzüchterei verschwindet. Am Abend weiß die ganze Stadt, Hagenah hat den Felicio gekauft; es ist eine Umwertung aller Werte, es ist eine Verwirrung aller Empfindungen von Freundschaft und Feindschaft, Hochmut und Demut, es ist ein Ereignis wie eine Bürgermeisterwahl. Malle Perkens ist außer Rand und Band. Er schreibt dem Bürgermeister einen fürchterlichen Brief, er muß schon am nächsten bitten, ihn als nicht empfangen anzusehen. Er forscht hin und her, wie teuer ber hergelaufene Kerl, der Hagenah, der heimliche Millionär, wohl den Hund bezahlt hat, aber Hagenah wie der Bürgermeister hüllen sich in Schwei- 0en. Er versucht Verhandlungen anzuknüpfen; der Frühling ist da, seine schone Feliciohündin wird von vielen straßenlängs begehrt, aber Hagenah scheint den Hochmut vom Bürgermeister geerbt zu haben. Mall« Perkens tut sein Aeußerstes. Eine soll den jungen Herrn Hagenah ansprechen, wenn sie ihm begegnet, sie soll freundlich tun und um den Hund bitten. Es dauert sehr lange, bis sie ihn getroffen hat und bis sie wiederkommt. Sie ist ungeheuer vergnügt, obgleich sie behauptet, sehr traurig zu sein, weil der neue Herr sich nie und nimmer darauf einlassen wird, ihrem Vater den Hund abzutreten. Ach, die Rasse wird aussterben, man hat vergeblich Geld hergegeben und hat das Glück vor der Tür versäumt Zum andern Mal ist die Nacht ohne Schlaf und des Grübelns kein Ende. Gott sei Dank scheint sich der Bengel, der Betrüger, der wohl der Steuern wegen so lange wie ein Hungerleider tat und nachher Felicios kaust, drei Tage darauf eines andern zu besinnen. Er kommt am Sonntaq- vormittag im schwarzen Rock zu Malle Perkens, und der ist außer sich vor Vergnügen ,eden Preis will er bezahlen. Welcher Triumph, wenn der Bürgermeister erfahrt, daß noch im letzten Augenblick alles nach Wunsch gegangen ist. Oh, die Stadt soll wohl wissen, wer in Rornsö als letzter lacht. Aber der junge Hagenah hat ganz ander« Wünsche, er will Eine heiraten und bringt es sehr verlegen und stotternd heraus. Wie kann man nur verlegen sein wenn man den Felicio hat! Malle Perkens sagt nach allerhand Hm und Her, daß er «inverstanden sei, den Herrn Baron in aufzunehmen; er ist auch einverstanden, daß man mit der Achtelt °'n Jahr wartet; sehr eilig geht alles zu. Bald verzieht das !unge Paar, grade noch rechtzeitig! Denn an einem der Tag« läßt es den Bürgermeister nicht, er fährt in die große Stadt und will den Äanullenschmuck taxieren lassen. Aber es ist wenig Gold daran schon die Tartaren haben Messing untergelegt. ' Der Bürgermeister begeht die Unvorsichtigkeit, im ersten Zorn ein bringenbes jr€(egramm zu schicken, ein Telegramm, das mit Ueberholuna Äff ° ®5 gelingt sogar, das Teledramm an die rechte Adresse zu schicken, das junge Paar ist ja noch auf Reisen. Aber er erhält nur Ne burr« Antwort: Der Schmuck wäre just so echt wie der Felicio . . . dritte schlaflose Nacht, die die Hundegeschichte in Rornsö emaiuge tut der gestrenge Herr zu, bis in der Frühe das Mädchen die Schuhe vor die Tur stellt. Aber er schweigt doch am Ende er weiß, es ist das beste, den Mund zu halten. Wo soll die Wurde bleiben' wenn die Geschichte mit dem Schmuck und Felicio bekannt wird ^Uh hat inan auch seinen Spaß davon; man braucht nur zu sehen, wi« Mai, Perkens stolz mit Hund und Hündin die Straße auf und ab gebt T Nase in der Luft, — das hat er sich von den Tieren angewöhnt ~ Beine aufwerfend wie ein Tanzpferd, auch das hat er von der urölh Edelrasse gelernt. Er weiß nicht, daß ber Bürgermeister hinterm fanfS vor Schadenfreude über kommende lang« Gesichter bölkt, bölkt bis iv Kanarienvogel zu singen beginnt. ' Rätselhafte Altertümer der Güdsee. Don Annie France-Harr ar. Wenn man den Lebenskreis ber heute noch unberührten Einw- borenen, oder die Neste dessen, was sich bei solchen, die mit Europäer» in Beziehung befinden, erhalten hat, betrachtet, so kommt man immtJ toieber zu dem Schluß, gewissermaßen seit Anfang aller Dinge Batte slch das Leben ber Südseeinsulaner so und nicht anders abgespielt a, abspielen müssen. Unmittelbar aus Urwald und Korallenriss cheinen die Oebensgewohnheiten ber Menschen hervorgeganqen ™ ein. And alles bildet eine beneidenswert unauflösliche Einheit. 6 ilnb doch muß einmal die Bergangenheit ber Inselvölker anders sogar um vieles anders gewesen fein. ’ Und das ist das große Nätsel. Denn auch Ozeanien hat seine Altertümer. Und sie find so be< schaffen, daß man annehmen muh, Völker mit anderen KulturbMch niffen hätten sie hervorgebracht. Nicht die Menschen von heute, den«, ein holzgefchnihtes Gemeinschaftshaus mit geflochtenen Mattenwänd« als der Inbegriff aller Baukunst vorkommt. Hier handelt es sich viel- mehr um Neste aus Stein, um Pilaster steinerer Tempel, um gemauerte Wälle, um Ornamente auf Felsblöcken, um gemeifelte Gesichter und Figuren der merkwürdigsten Art, die in gar keinem, aber auch wirklich gar keinem Zusammenhang mit der Bau- und plastischen Kunst der übrigen Welt stehen. Man hat diese Zeugen eines unbekannten Einst auf sehr vielen Unfein gefunden, so, daß man nicht denken kann, fie feien unabhängig voneinander entstanden. Sie ähneln einander auch nicht in dem Mähe Daß man fie als von ber Hand eines Leinen Stammes herrührend sich benten könnte. Dagegen ist ber Raum, auf dem diese Neste sich zerstreut befinden, ungeheuer groß. Denn sie reichen von Hawaii, das nur fünf Tage Schiffahrt von Francisco entfernt ist, bis zu den Marianen, die ein Schiff mit der Küste Bokohamas verbindet; und von den Marquesas bis zu den Karolinen und nach Neuseeland (obgleich sie dort scheinbar zu den jüngsten gehören). Man kann also ohne Uebertreibung sagen, daß ganz Ozeanien Altertümer dieser Art besitzt, denn auch auf Tahiti. Pitcairu, den Tongainseln, dem Christmaseilmd und vielen anderen hat man Spuren davon entdeckt. Änd zweifellos sind fie auf anderen nur nie aufgefunden worden, in den Arwäldmi vergraben, von Vulkanen verschüttet, mit erdbebenverfunkenen Küster wieder in den Stillen Ozean untergetaucht. . Zumeist handelt es sich um Mauern gewaltiger Art. Sie sind immer ohne Mörtel aufgerichtet, regelrecht aus riesigen, mehr oder weniger behauenen Korallenkalkblöcken. Sie find sehr lang und muier wie eine Art Llferfchutzbauten an. Man findet aber auch Terrassen und Plattformen, ganze Straßen, glatt und festgefügt, so wie sie unter den großen Guanolagern des Christmas-Eilands bei deren Abbau aufgedeckt wurden. Wer ging hier, wer brauchte solche gepflasterte Wege? Die Insulaner von heute kennen kein Fahrzeug, außer denen des Europäers. Fuhr man damals aber vielleicht mit Wagen, trug man eine Art Sänften? Nie hat ein Volk Straßen gebaut, wenn ber Verkehr es nicht erforderte. Aber wie soll man auf ber weitab geschiebenen Christin asinsel, die als nackter Felsgrund unterm Aeqüator Legt, die keine Quellen und nur wenig Pflanzenwuchs besitzt, an einen Verkehr denken? Rätsel über Nätsel! Oder da ist die Insel Napa aus ber Tuvuaigruppe. Ein Gewirr von wildzackigen Vulkanbergen, nicht größer als 42 Quadratkilometer und gegenwärtig von noch nicht 200 Einwohnern besiedelt. iXnb gerade dort hat ein englischer Forscher uralte weitgedehnte Festungswerke fest' gestellt, die sich über die Hügel bis ans Meer hinunterziehen. gegen welchen Feind war es nötig, solche Ungetüme von Verteil' gungswerken aufzustellen, noch dazu auf einem Boden, der ohnedies durch feine wilden, fast 700 Meter hohen Dulkangebirge Schlupfwinke genug bietet? Der schon aus Raumgründen gar nicht die Möglichkeit besitzt, ein großes Volk zu umfassen und anderseits doch wieder nicht nahe genug bei den andern Inseln ber Tubuaigruppe liegt, um gewissermaßen als Schlüssel für den ganzen Archipel zu dienen? Wahrhaftig, man kommt zu den phantastischsten Vermutungen, wenn man versucht, die Beweggründe, die solchen Bauten zugrunde liegen könnten, durch Nachdenken und Vergleichen zu erfahren. ©tein türme, aufgerichtet aus Zyklopenblöcken in pyramidenartiger dorrn, sind gar nicht so selten. Noch häufiger finden sich elvL künstlich aufgeschüttete Hügel, auf denen eine Art Obelisk steht den man kaum mit etwas anderem vergleichen kann, als mit den fugen haften „Menhirs" aus ber französischen Normandie. Dort sind st Gebilde zweifellos Grabmäler aus steinzeitlichen Tagen. Das a° sollen sie auf Levuka, der einstigen Hauptinsel der Fidjignippeoe deuten, oder auf Tonga tabu und den Cooksinseln? Gar auf das so meerverschollen in der blauen Einsamkeit des Ozeans lieg' Man muß die Weltvergessenheit solcher Vulkan- und KoralleneN-w" der Südsee erlebt haben, das Gefühl, hier sind getoiffermaßett und Raum zuende, hier beginnt eine unbekannte Welt Welt, um zu begreifen, wie unerhört das Vorhandensein Annen in Wahrheit ist und daß sie tatsächlich zu den unvekM lichsten und ungelöstesten Dingen der ganzen Völkerkunde gestv uni zu geb erst sie. wai abe ist, und und schn als bod nicht besti Flui halb inne amu bekai »erst Avise E dem, grab nicht war, hoher getoej nur - durch sonst ersehe lSHnv einen Hande baren La. t könnte Tit eckiger massiv Zureck; aus la Halle Mörte wahrer Harz, Sch für bi heuere der ur errichte die sich Pfahlb stätten teilen f Abc heute ! gar ke heutige »Fliege und an Figure Eidechsc Farbig, nichts i sie. aud steinern Säulen, ebenso ' Theorie die str! dem Hj hätten Abe Sie ist nnfechtb Peinlich .„Sich N'ffe be toütben, niemand Mzusp ^Pali Affe str b>e Aat nichts e: verscholl ••umer t o- $ut e.acherlic Mein b Am allermeicktvürdigsten aber sind die Steinbanten auf Ponap« und Tinian; die eine Insel rechnet man zu den Karolinen, die andere zu den Mariannen. Beide gehörten einmal zum deutschen Kolonialgebiet und sind — vielleicht darum — besser als viele andere Gruppen erforscht. Ponape ist eine für SüdseeverhLltnisse große Snfel, denn sie besitzt immerhin 347 Quadratkilometer Mchenraum. Die Steinwälle bestehen hier aus Dasattblöcken, die den Jnselrand schützen, aber auf Blöcken, die so groß und schwer sind, daß es unerfindlich ist, wie man sie angesichts der Hilfsmittel der Insulaner bewegen und einbauen konnte. Denn dieser Basalt mußte erst an die Küste und an das anschließende Korallenriff hinausgebracht werden. Kanäle, schmal, doch künstlich hergestellt, scheiden den ganzen, nicht weniger als 42 Hektar großen uralten Baukomplex vom eigentlichen Insel- Hoden. Die Bauten, soweit sie sich heute noch erkennen lassen, waren nicht in willkürlichem Durcheinander angelegt, sondern nach einem bestimmten Plan. Während sich heute noch die Kanäle bei jeder Flut Men (darum hielt man das Ganze auch für Wasserburgen), halten die Mauern die strenge Form von Trapezen, Vierecken usw. inne. Achzig solcher Gebäudereste sind vorhanden und man kann nur annehmen. daß sie bewohnt wurden. Bewohnt von einem uns unbekannten, ausgestorbenen oder fortgezogenen Volk, das es für selbstverständlich hielt, steinerne Häuser zu errichten, die sonderbarerweise zwischen 9 und 137 Meter lang find. Ein paar dieser Bauwerke sind den Toten zugeeignet gewesen. Von dem, das sich am besten erhalten hat. spricht man als von dem Fürstengrab Van Tauatsch. Aber ob es wirklich ein Fürstengrab, vielleicht nicht nur eine allgemeine Begräbnisstätte jener zahllosen Einwohner war, läßt sich nicht niehr feststellen. Der Eingang dieses nur 19 Meter hohen, aber beträchtlich ausgedehnten Gebäudes scheint immer offen gewesen zu sein. Innen steckt ein unregelmäßiger Mauerwürfel, der nur 4 Meter Höhe hat und mehr als doppelt mannsstark ist. Er ist durch Wälle in die Außenmauer eingefügt, eine Bauweise, die man sonst nicht leicht zu sehen bekommt, und die uns heute ganz sinnlos erscheint. Innen liegen verwitterte Knochen, Muscheläxte, ein bißchen Schmuck und Geräte. Wer kann sagen, ob das Ganze nicht vielleicht einen Opfertempel bedeutete, der den die Stadt (denn um eine solche handelt es sich) schützenden Geistern geweiht war. Oder den furchtbaren Göttern des Meeres, die dem Menschen Vahrung spendeten. 2a, wenn man die Vergangenheit heraufbeschwören und befragen könnte, wie einen Lebenden! Tinian, Vota und Guam haben dagegen jene Reihe von viereckigen Steinpfeilern, die in 4 Meter Höhe ein rundes und sehr massives Kapitäl tragen. Wozu sie dienten, ist gar nicht festzustellen. Zurechtgehauen sind sie wie für die Ewigkeit. Trugen sie ein Dach aus längst zerfallenen Balken und bildeten damit eine Gemeinschaftshalle oder den Palast eines Häuptlings? Diesmal hat man sogar Mörtel und Korallenkalk verwendet, dessen Bedeutung man also kannte, während doch die ägyptischen Pyramiden bekanntlich mit einer Art Harz, jedenfalls aber nicht mit Mörtel gekittet waren. Schließlich hat man sich geeinigt (was freilich kein sicherer Beweis für die Wahrheit dieser Meinung ist) in diesen Säulen, die ungeheueren Pfosten von großen Chamorrohäusern zu sehen, die angesichts der unaufhörlichen Stürme auf diesen Inseln ganz besonders massiv errichtet werden mußten. Denn die heutigen Bewohner der Mariannen, die sich selber Chamorro nennen, errichten gerne noch eine Art solcher Pfahlbauten, wenn auch freilich nicht aus Stein. Auch an Begräbnisstätten hat man gedacht. In diesen halbrunden, fast napfartigen Kapitellen sollen Leichen eingemauert sein. Aber — und das ist das Hoffnungslose — kein Insulaner von heute weiß etwas von dieser versteinerten Vergangenheit. Sie haben gar keine Beziehung dazu. Man glaubt es ihnen angesichts ihrer heutigen Lebensform, wenn sie beteuern, die schrecklichen „Idole", die „Uiegensteine" auf den Marquesas hätten Dämonen dorthin getragen und andere Dämonen hätten auf Veukaledonien in große Felsblöcke Figuren gekratzt, Sormenräder, Vierecke, Zeichnungen, die man für Eidechsen, sogar schon für Buchstaben gehalten hat. Es ist wahr, die Farbigen, die jetzt auf diesen Inseln wohnen, verstehen tatsächlich nichts von einer derartigen Bearbeitung des Steines. Sie brauchen ste auch gar nicht, ihre ganze urwüchsige Kultur bedarf weder des Minernen Hauses, noch der Mauern, Tempel, oder gar Straßen und väulengänge. Vein, sie wissen wirklich nichts. Das alles ist eine Enso unbekannte Welt für sie als für uns. Dennoch hat man die Theorie aufgestellt, es könnten doch nur Polynesier und Melanesier me Urheber dieser Ruinen gewesen sein. Nur seien sie damals auf -sm Höhepunkt ihres Daseins gestanden, seien dann herabgesunken, hätten sich und ihre eigenen Leistungen vergessen. Aber, seien wir ehrlich, diese Erklärung scheint sehr mangelhaft. Me ist voll von Lücken und Brüchen. Sie überzeugt nicht durch un- Mfechtbare Beweiskraft. Sie ist nur ein Lückenbüßer, weil man es peinlich findet, zuzugestehen: „Wir wissen es nicht!" .sicher ist nur dies: Don jenen Völkern, die solche Kulturbedürf- besahen, wie sie etwa der späten Steinzeit Europas entsprechen wurden, ist in der Südsee nichts zurückgeblieben. Sie sind verschwunden, memcmdiveiß wohin. Es gibt auch kaum einen Weg. ihnen erfolgreich ??HusPuren. Das Meer geht blau und stürmereich um diese Küsten, ^..Palmen reifen ihre Früchte, der Hibiskus glüht flammend und die strotzen von buntestem Leben — heute wie damals. Aber auch . hat den Menschen vergessen. Ihn, der kam und ging, und WA ?,cmnert mehr an den Tag, da er, der heute Zeit- und Welt- chvllene, sich aufrichtete und sagte: „Mein ist dies alles und wird "umer mein sein. Immer...“ eine verbindet uns mit diesem Unbekannten, dieses bitte;,, t ~~ Tragikomische, daß auch wir, so wie er, in die Zeit 1 bauen und nicht wissen, ob diese Zeit unser ist. Oie Laube. Von Walter Grünhagen. Von braunen Ziegeln fast verdeckt, liegt unterm Dache ganz versteckt die windverwehte Laube; die einst mir, als ich noch ein Knab', im Frühherbst oft zu kosten gab des Wildweins bitt're Traube. Manch stillen Tag verträumte ich, dann grüßten rote Ranken mich aus leichtem Holzgefüge; und zag der Lenz ins Gäßchen ein, hielt Ausschau ich, ob nicht der Wein aufs neue Triebe schlüge. Längst hat der Wind schon umgelegt den Zaun, der Tisch und Bank umhegt als ich das Glück noch schaute. Die wilde Rebe blüht nicht mehr, und aus den Häusern ringsumher erschallen fremde Laute. Mathilde Möhring. Roman von Theodor Fontane. (Fortsetzung.; Hugo bückte sich, um einen Rittersporn zu pflücken und Thilden in den Gürtel zu stecken. „Und sieh, Hugo, so mußt du es anfangen. All dies kleine Zeug, das chr da immer durchsprecht, damit zwingst du es nicht. Das kann jeder. Aber immer auf dem Auskiek sein, immer sehen, was so dem Menschen zugute kommt, damit zwingst du's, und das ist, was ich vorhin .Ideen' genannt hab«. Die Welt kann nicht jeder auf einen hohen Fleck bringen, aber Waldenstein soweit zu bringen, daß es alle Woche mal in der Zeitung steht und daß die Menschen erfahren, es gibt einen Ort, der heißt Waldenstein — ja, Hugo, das Ist möglich, und das ist in deine Hand gegeben." „Oder in deine", lächelte Hugo. ,',Mber du hast recht, wir wollen es versuchen." * In dieser Weise gingen die Unterhaltungen, die Thilde mit Hugo führte, wenn er vom Rathaus in seine Wohnung zurückkehrte. Gegen den Herbst hin wurde auch die Ampel jeden Abend heruntergenommen und ein Unschlittlicht hineingetan, was dann so magisch leuchtete, daß niemand vorüberging, der nicht einen Blick in den Hausflur getan hätte. Es ging alles gut in Woldenstein. Rur der Landrat verhielt sich kühl, und es war ganz ersichtlich, daß er von der Initiative des neuen Bürgermeisters, die sein eigenes Licht in den Schatten stellte, nicht sonderlich erbaut war. Es kamen Begegnungen vor, bei denen Hugo „geschnitten" wurde, besonders von der Frau Landrätin, die Tänzerin erst in Agram und dann in Wien gewesen war. Hugo war mehr als einmal in bittere Verlegenheit geraten und hatte sich bei seinen Spaziergängen im Garten, die bis in den Spätherbst hinein fortgesetzt wurden, verschiedentlich gegen Thilde darüber ausgesprochen. „Du verstehst es nicht", sagte Thilde und nahm eine beurre grise vom Baum. „Sieh, Hugo, die Birne da ist noch hart, und du mußt sie vier Wochen aufs Stroh legen, eh sie schmeckt; aber noch eh die vier Wochen rum sind, habe ich dir den Landrat weich gemacht. Er ist ein sehr guter Herr und eigentlich liebenswürdig von Natur, und das müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn er nicht zu bekehren wäre. Wer eine Tänzerin heiratet, hat immer ein weiches Herz." Hugo seufzte, denn er litt unter der Gegnerschaft und sah kein Ende davon. Aber er hatte Thilde unterschätzt, und die vier Wochen waren noch nicht um und die Birne noch nicht präsentiert, als Hugo Ende November von einer Kreistagssitzung heimkam und nicht genug von der Liebenswürdigkeit des Landrats erzählen konnte. _ Thilde sagt« kein Wort, und Hugo sah erst einigermaßen klar in der Sache, als er am selben Abend den Kaufmann Schulze in der Ressource traf. „Haben Sie schon gelesen, Herr Großmann?" fragte dieser augenzwinkernd, und als Hugo verneinte, gab er ihm die vorletzte Nummer der „Königsberger Hartungschen Zeitung", die in Woldenstein am meisten gelesen wurde, mit den Worten: „Sehr gut geschrieben. Ein feines Artikel- chen. Aber er ist es wert. Er ist ein feiner Herr, der Herr Landrat." Und dabei ließ er Hugo mit dem Zeitungsblatt allein. Hugo schüttelte den Kopf und setzte sich in einen Stuhl neben dem Schanktisch, auf dem sechs, acht Weingläser mit Apfelsinenkreme, eine Baumtorte und kleine Korianderkuchen standen. Er selbst hatte sich schon vorher einen Curayao geben lassen, und während er daran nippte, las er die blau angestrichene Stelle: „Woldenstein, 14. November. In unserm Kreis rührt man sich bereits für die Wahlen, ohne daß eine besonders pressant« Benötigung dafür vorläge. Denn die Wahl unseres Landrats v. Dunajewski darf 'wohl als gesichert angesehen werden, da, soviel wir bisher erfahren konnten, seine politischen Gegner auf Aufstellung eines Gegenkandidaten verzichtet haben. Sowohl die polnisch-katholische wie die fortschrittliche Partei vereinigen sich in Würdigung der hervorragenden Charakter- und Verwaltungseigenschaften des Landrats v. Dunajewski und halten es für ihre Pflicht, selbst auf Kosten ihrer sonstigen politischen Ueberzeugungen, ihrem Zahn Er fieberte heftig. * siebzig. (Fortsetzung folgt.) . Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitatS^Buch» und Steindruckerei, Jt. Lange, Gieße»- Wäre das Wetter über Nacht anders geworden, so hätte das Fieber vielleicht nicht viel bedeutet. Aber der Wind ging noch mehr nach Osten herum, und an Schonung war nicht zu denken, weil verschiedene Visiten zu machen und allerhand Pik- und Stuhlschlitten für den Nachmittag zu besorgen waren. Sich davon auszuschliehen war um so unmöglicher, als Hugo beim Abschied um di« Ehre gebeten hatte, die Landrätin auf dem Eise fahren zu dürfen. Eine kleine Eitelkeit kam hinzu, denn er war ein sehr guter Schlittschuhläufer und wollte sich in den Pausen als solcher zeigen. Thilde schlug ihm zum Frühstück ein Glas Portwein vor, aver sein Zustand war doch schon so, daß er selbst auf Haferschleim genoß auch bei Tisch nichts anderes und nahm ein Schächtelchen islandycye Moospastillen mit sich, als er um drei zu dem Rendezvous auf dem Eis aufbrach. Er sah verändert aus, was auch Thilden nicht entging, uno weil sie trotz aller Abhärtungsprinzipien, nach denen sie selber lebte, mm ohne Teilnahme für ihn war, so würde sie ihn vielleicht vom Eise zur geschickt und bei der Landrätin, die noch nicht da mar, entschuldigt - wenn nicht ein alter polnischer Graf, dessen Bekanntschaft sie 1^0» Abend vorher gemacht hatte, sich ihrer bemächtigt und ihr auf l«»ei kleinen Muchelschlitten mit zwei davor gespannten Scheckenponys em Platz angeboten hätte. Sie mußte das annehmen, denn er war der r« J und angesehenste Mann der ganzen Gegend, Original und schon Vertrauen zu ihm Ausdruck zu geben. Es läßt sich hier von einem Sieg der Persönlichkeit sprechen, der um so glänzender ist, als das landrätliche Hauswesen eine besondere Anziehung auf das Polentum ausübt. Die feine Sitte, die dem Polentum so viel bedeutet, hat in diesem Hauswesen ihre Stätte. Diese Vorzüge würdigt auch der Fortschritt trotz gesellschaftlichen Draußenstehens vollauf, weil der vorherrschende Ton nicht nur ein Ton der Vornehmheit, sondern beinah mehr noch der schönsten Humanität ist. Frau v. Dunajewski hat einen Krippenverein gegründet, zu dem alle Konfessionen beigesteuert haben, und die Tätigkeit dieses Vereins wird am Weihnachtsabend Freude in die Hütten der Armut tragen, lieber alle großen Fragen hinaus bedarf unser Kreis vor allen Dingen einer Sekundärbahn, um endlich bequeme Verbindung mit der Weichsel zu haben, eine Sache, darin alle Parteien einig sind. Und diese Bahn uns zu sichern ist Landrat v. Dunajewski geeigneter als jeder andere, da seine Beziehungen zum Hof bekannt sind. Adel, wenn er die Zeit begreift und auf Exklusivität verzichtet, ist immer die beste Lokalvertretung." Hugo legte das Blatt aus der Hand und nahm einen Korianderkuchen. „Also daher! Er hält mich für den Verfasser. Natürlich, da in Waldenstein nur drei Menschen in Betracht kommen können: Schulze, der katholische Lehrer und ich. Und da es Schulze und der Lehrer aus inneren Gründen nicht sein können, so bin ich es ..." Er erhob sich und sah in den Saal nebenan hinein, um noch an Schulze eine Frage zu richten, aber der war fort, und so brach er auf, um nach Haus zu gehen. Unterwegs siel ihm ein: Sollte vielleicht...? Aber nein, das war nicht möglich, dazu war es alles zu gewandt, zu routiniert ausgedrücktl Und noch damit beschäftigt, trat er in sein Zimmer, wo Thilde gerade den roten Papierschirm über die Lampenglacke warf. „Guten Abend, Thilde. Nun, was gibt.es?" „Das muht du wissen, du warst ja aus." „Ja, ich war in der Ressource, nur eine Viertelstunde, und bann kam Schulze und gab mir die ,Hartungsche° mit einem Artikel darin aus Waldenstein." „Ach, bas ist gut, ich bachte schon, er wäre untern Tisch gefallen." „Aber Thilde! Dann ist es am Ende doch so...? Dann hast du den Artikel eingeschickt?" Thilde lachte. „Ja, das mit dem Landrat, das muhte anders werden, das ging nicht so weiter." „Also wirklich, du hast ihn geschrieben?", „Nein, geschrieben nicht eigentlich." „Aber wer denn?" „Ein Unbekannter, dem ich nun zu Dank verpflichtet bin. Ms wir damals das Gespräch hatten, da sah ich jeden Tag, wenn die .Vossische' kam, in die Wahlangelegenheiten hinein, und es sind wohl nun schon acht Tage, da sand ich das alles in einer kleinen Korrespondenz aus Myslowitz, und danach habe ich es so zurechtgemacht. Wenn man erst das Gestell hat, ist es ganz leicht, eine Puppe zu machen." Er schüttelte mit gutmütigem Lächeln den Kops, war aber doch etwas betreten. „Thilde, du solltest doch lieber so was nicht tun." „Ich dachte, du würdest mir danken, daß ich das beglichen und deine Stellung angenehmer gemacht habe." „Ja, du kannst aber mal damit scheitern. Es kann auch mal schief gehen." X „Gewiß, alles kann mal schief gehen, und die sich dadurch einschüchtern lassen, die sitzen still und tun gar nichts. Schief gehen! Ich würde da lieber warten, bis es soweit ist; bis dahin aber würde ich nach freuen, wenn einer für mich sorgt. Schulze, der so schrecklich gebildet ist, spricht immer von deiner Initiative." „Ja, und es ist mir auch mitunter fatal genug, besonders, wenn du habet bist. Aber ich bitte dich, halte du nicht zu viel davon." * Seit dem Artikel in der „Hartungschen" hatte sich Hugos Stellung in Waldenstein und in der Umgegend noch wesentlich verbessert. Thilde freute sich ihrer Errungenschaften und gab ihrer Freude auch dadurch Ausdruck, daß sie sich modisch kleidete, wobei Schulze, der oft nach Posen und Breslau fuhr, mit Rat und Tat helfen mußte. Die Ressource leitete Beziehungen ein, und ein Erscheinen im landrätlichen Haus war in hohem Maß wahrscheinlich. Es setzte sich mehr und mehr die Meinung fest, daß die Frau Bürgermeister sehr klug sein müsse und immer wisse, was in der Welt los sei. Im ganzen ließ sie sich aber all das nicht zu Kopf steigen und blieb nüchtern und überlegend, und nur darin zeigte sich ein kleiner Unterschied gegen früher, daß sie sich zu einer gewissen Koketterie bequemte und auf Hugo einen Frauenreiz auszuüben suchte. Sie ging darin so weit, daß sie die Ampel vom Flur her in das Schlafzimmer nahm und scherzend zu Hugo bemerkte: „Draußen im Flur hat sie nun ihre Schuldigkeit getan, schade, daß das Rosa wie gar nichts aussieht. Es müßte Rubinglas sein. Man kriegt dann so rote Backen. Die liebe Schmädicke! Was wohl Mutier sagen würde..." „Ja", sagte Hugo, „die würde sich freuen über dich, und ich habe es mir auch überlegt, ob wir sie nicht zum Fest einladen sollen." Thilde schüttelte den Kopf. „Nein, Hugo, dazu haben wir es denn doch noch nicht. Und sie müßte doch Zweiter fahren oder wenigstens doch von Bromberg aus... Und dann, es geht auch überhaupt nicht. Wir müssen für sie sorgen, natürlich müssen wir das, denn sie ist doch eine gute alte Frau und immer so allein und bloß die Runtschen um sich her, was gerade kein Vergnügen ist..." „Nein", bestättgte Hugo, den es bet dem bloßen Namen wieder Überlief. „... die Runtschen und die Schmädicke, die auch nicht viel besser ist. Aber einladen hierher, geht nicht. Wir packen ihr eine Kiste zusammen, Schinken, Eier, Butter, und legen ihr vier ober sechs Paketchen Thorner Der 2 in die Lu Uwe < unb schul! im Wett ich habe ! 6r nickte Dorf hero tuefen hin Mr nicht auf dem 3 Seid) ins Wall und Hemd. Er Icmteif. D »ar er ei Aiihrt. 3t das stand Säs war ■ semacht he ,, Er sah ffliterer, i fee sein 5 irr war st sttgegenste '»■ Zusai «nklen G ®ert nach ‘"tfernten «wende 3 r Die au •h an, sah bas I-Hritt ^cgen, da- fent Fall. f.ser Hit i’nwrun. ®»uer des fen; er l Wiegen. Hessen kc S der Hi erst Kathrinchen bei und einen schwarzen Muff, den sie sich schon lange gewünscht hat, und Gummistiefel mit Pelz, und wenn sie das auspackt, dann freut sie sich viel mehr, als wenn wir sie hier mit in die Ressource nehmen... Und überhaupt, es geht mal nicht. Der Landrat könnte da sein oder die gnädige Frau. Und nun denke dir einen Bostontisch und ■ Mutter mit dem Landrat zusammen! Ich glaube, Mutter kann gar nicht Boston. Sie hat seit Vaters Tod bloß immer Patience gelegt... Nein, dazu ist mir Mutter zu schade, daß sie sie hier auslachen. Und bann, Hugo, auch unsertwegen. Wir sinb doch hier das, was man in Büchern und Zeitungen die oberen Zehntausend nennt, obschon Waldenstein erst dreitausendsünshundert Einwohner hat, und was der Adel auf dem Land ist, das find die Honoratioren in der Stadt, und das sind wir... Also, es geht nicht. Ich denke, wir warten, bis ein Jahr um ist, und dann nimmst du Urlaub, und bann besuchen wir Muttern unb können bann auch sehen, was aus Rybinski geworben ist." Hugo war mit allem einverstanden. Er hatte bas mit ber Alten auch nur so gesagt, weil er Thilben eine Freube machen wollte. Zugleich bachte er an ein Weihnachtsgeschenk. Er fanb Rubinglas auch hübscher. * Die Woche zwischen Weihnachten unb Neujahr verging in Saus und Braus. Der ßanbrat, ber während der letzten vier Wochen im Reichstag gewesen war, kam zurück, und eine Festlichkeit drängte die andere. Am Weihnachtsabend war erst Aufbau für die armen Kinder aller Konfessionen, wobei Thilde und die Landrätin die Leitung übernahmen. Am Silvesterabend war Theateraufführung in der Ressource, wo erst „Monsieur Herkules" und dann „Das Schwert des Damokles" gespielt wurde. Hugo hätte gern mitgewirkt, mußte aber verzichten, weil es sich nicht passe. Hugo mußte den ganzen Abend an Rybinski denken und beneidete ihn um das Leben in ber freien Kunst. Der Ball, der folgte, ließ aber trübe Gedanken nicht auf kommen; er selbst eröffnete mit der Landrätin die Polonaise, unb ber ßanbrat folgte mit Thilbe, bie bie Reichstagsberichte jeden Morgen las und gelegentlich sogar einen Satz aus einer kurzen Rede zitierte, die der Landrat über die Simultanschulfrage gehalten hatte. „Sie interessieren sich auch für Politik, meine gnädigste Frau?" „O ja, Herr Landrat. Je mehr ich die kleinen Verhältnisse fühlte, die mich umgaben, je mehr empfand ich eine Sehnsucht nach Auffrischung, die nur, ich will nicht sagen das Ideal, aber doch das Höhere ergeben kann. Ich darf sagen, daß bie Reben Bismarcks erst das aus mir gemacht hoben, was ich bin. Es ist so oft von Blut unb Eisen gesprochen worden, aber von seinen Reden möchte ich für mich persönlich sagen dürfen: Eisenquelle, Stahlbad. Ich fühlte mich immer wie erfrischt." Beim Souper, das den Tanz auf eine Stunde unterbrach, saßen sich Landrat und Bürgermeister gegenüber. Als der Tanz um zwei Uhr wieder begann, rückten sie nebeneinander, und der Landrat sagte: „Bürgermeister, Freund, Sie haben eine famose Frau! Kolossal beschlagen! Weiß ja Bescheid wie 'n Reporter oder eigentlich besser! Die Reporter sind Maschinen und folgen bloß mit Ohr unb Hand. Aber Ihre Frau, Donnerwetter, da merkt man was! Muck, Rasse, Schick... Sagen Sie, was ist es für eine Geborene? Vielleicht Kolonie ober Familie, bie den Abel hat fallen lassen?" Hugo nannte ben Namen, unb ber schon stark angesisselte Landrat fuhr fort: „Hören Sie, Bürgermeister, da steckt etwas drin... Oder ob vielleicht die Mutter? ..." Hugo sagte, soviel er wisse ... „Na, ganz egal", schloß ber ßanbrat, „ganz egal, woher es kommt, menn’s nur da ist. Und muß ein Bombengedächtnis haben." Hugo, gegen den Schluß hin, tanzte noch eine Redowa mit der Lcmd- rätin und geleitete dann beide bis an ben brauhen roartenben Schlitten. Er war im bünnen Frack mit weitausgeschnittener Weste, unb draußen, wo er noch eine Weile stehen mußte, blies ein scharfer Sübostwinb von ben Karpathen her. Als er mit Thilbe eine Stunbe später in feiner Wohnung ankam, war er im Fieber unb fröstelte. .^Thilbe, mir ist nicht recht. Ich möchte ein Glas Zuckerwasser." „Immer Zuckerwasser. Wer trinkt Zuckerwasser, wenn er von einem Ball nach Hause kommt! Ich werbe bir eine Tasse Kasse machen." Sie holte bie Spirituslampe, setzte bas Kesselchen auf unb machte ihm eine Tasse Kaffee von brei Lot.