Jahrgang (929 Hreitag, den 3(.Mai Nummer <( e, dem iehen. allesamt en, roie ete der st miß. eit be- gt und nehm' ) sagte, daß ihr n hatte, „Adler" en alle sie ich lt man ach ge- e etwa 'erl be- Zeistand t. Vier lte ihm miversi- ille des wahre keinen ict) kein haben, o auch. >rer, ist mb hat id dazu gelaufen en. Sie iat vier ahr ist: m ewig stimm': Ich und du. Von Friedrich Hebbel. Wir träumten von einander und sind davon erwacht, wir leben, um uns zu lieben, und sinken zurück in die Nacht. Du tratst aus meinem Traume, aus deinem trat ich hervor, wir sterben, wenn sich eines im andern ganz verlor. Auf einer Lilie zittern zwei Tropfen rein und rund, zerfließen in Eins und rollen hinab in des Kelches Grund. . Gleich >g. Der cht. Die , $011= rtz biete n dessen, rsetzung irde zu llhardts an die erhielt, ue Gebring' srochen, ist mir uch ge> nd daß und erdrückte ch, kein Speng- fobaw Pallasch und Wehrgehenk reiß ich vom Pflock, stoß den Panduren zur Seite, daß er taumelt, und renn in die Nacht.--Alarm! — Und dann wie ein Schrei das Signal. Flüche, Geschrei und Befehl. Die Pferde wiehern in den eiskalten Morgen. Einer hält mir den Bügel, und ich springe aufs Roß. Durch das schlafende Dorf geht das Jagen. Sieben Reiter voraus, und neben mir die Standarte. Ein Bauer glotzt vor dem Brunnen. Ich verhalte mein Pferd und rufe ihm zu: „Die Straße nach Malplaquet?" Er zuckt mit den Schultern. Ich hebe den Arm. Da sitzt er dem Fähnrich im Sattels Und weiter die Jagd. Sonne steigt aus der Nacht, und ich reite. Im Dröhnen der Hufe, im Klirren der Waffen und Kreischen der Sättel lacht meine Freude. Achtundzwanzig Jahre bin ich alt, Caroli und Eugenii wildester Rittmeister- Und hinter mir zwei Kompagnien Caraffa und eine Küfstein. Die Sehnsucht wird wach, ich wende den Blick und sehe die Standarte. Still! Was sang mir mein Blut? — Von Caraffa Obrist! Was sind das für Worte? Bin ein Geringer nur in der Eugenii großen Armada, und die vermögenden Vettern zu Wien sind mir gram ob meines tollen Lebens. Wissen nicht, daß mein wildes Tun nur das Branden meinet heißen Seele ist, deren klare Wellen sich an den Klippen meiner Sehnsucht brechen. Was sollen die Träume? Und müder führ' ich den Ritt. — Was hilft's? Aus den Eisen des Pferdes tönt's wie ein Lied, und dahinter im Chor von zwölfhundert Hufen: Von Caraffa Obrift, von Caraffa Obrift! Endlos zieht vor uns eine Schlange von Staub. Ferne kriecht ein« zweite. Dort reiten die Briten. Wehr dich, Franzos! Dumpfe Schläge fallen über die Wälder und Heiden. Troß sperrt di« Straße. Da bieg ich ins Feld. Befehl und Signal! Breit wird die Jagd hinter mir. Das Bäuerlein jammert und schreit. Da hält ihm der Reiter die Tatz« aufs Maul. Da wimmert es (eis. Was tümmert’s mich viel? Eugenius ruft, was schiert mich da eines Bauern Fell! Und er weist uns den Weg Weit voraus jagt der Fähnrich mit ihm und hält feine Last im Arm wie eine köstliche Frau. Wolken von Pulver und Staub branden über die Hügel. Ich suche bi« Mühle. Spät ist die Stunde und steigt gegen Mittag. Wildes Getöse vor uns und rollender Donner. Weiße Nebel wehren den Blicken. Horch! Wildes Dröhnen von Rossen! 211s ritten viel tausend. Nutz brechen sie los. Aus dem Kamm eines Hügels quillt ein rasendes Band. Sturm zerreißt das Gewölk und weitet den Blick, lieber Heiden und Wiesen endlos das Band und der Schrei von Trompeten. Wütende Blitz« aus den Höhen vor uns. Sie mähen die tausend. Da wink ich: Küfstein. Ich höre den Ruf der Trompete und sehe Getümmel am Hügel. Vorbei! Aus den Hügeln und Wäldern des Feindes Farben und funkelndes Gold und das Brausen des Rittes. Wolken von Reitern zerreißen das Band, und ich sehe die Not. Steil wie ein Sprung stößt die Standarte Caraffa empor, die Säbel zucken ihr nach, und wir fliegen. Die Hügel hinan wie tosende Flut, und die Säbel tanzen wie Flammen. Lanzest fallen mich an, und ich stürze. Hufe stampfen ringsum. Blaue Schleier wehren den Blicken, goldene Lilien glitzern. Ich seh« die Fahne des Königs und stehe. Ein Degen kreuzt meine Klinge. Der Schlag eines Faustrohrs dröhnt. Gewühl um mich her, und helles Schlagen der Waffen. Da stoße ich zu und halte die Fahne. Ein ledig Pferd seh ich scharren. Ich eile ihm zu. Und weiter der Ritt und wildes Getümmel und Fluchen. Da hebt sich der Sieg. Trompeten rufen, und ich wende mein Roß. lieber die Hügel zieh« ich hin. Zwölfhundert Hufe mir nach, und das Banner des Königs im Arm. Wie ein Wölklein lacht's über mir. Es ballt sich, flattert und rauscht. Die Seide knistert im Winde. Die Lilien glühen im Abend. Im Tale des Kaisers Armada. Rufe flattern uns zu. Sie sehen Standarte und Fahne, unb es grüßt durch das Heer: Vivat Caraffa! III. Der Abend ist müde und schwer. Auf offenem Feld ist das Lager- 2(m Morgen der erste Befehl. Chateau la Rase das Quartier. Unb langsam reiten wir lang. Tief in den Forsten das Schloß. Da sitzen wir ab."Ich klopfe den Staub von den Stiefeln, streich mir den Schweiß aus der Stirne und steige die Treppe zum Schloß. Sie schwebt wie ein Traum üb ernt Teich. Weiße Schwäne pflügen fein Wasser, gelbe Mauerst spiegeln die Wellen. Wie begraben in späten Rosen liegt dieses Haus- Unten am Teiche dämpfen die wilden Reiter die Stimmen. So einsam liegt er und still. Ein alter Diener neigt sich langsam vor mir und ich folge. Durch weite* Gänge führt mich der Weg. Ein Zimmer von Gold, tiefem Blau unb dunklem Getäfel nimmt mich zu Gast. Und ich ruhe. Nach Stunden regt sich die Tür. Der Alte tritt ein und meldet, daß feine Herrin warte. Staunend hebe ich den Blick. Wie seltsam rührt es mich an, daß Menschen in diesem Schweigen (eben. Hörte ich recht? Seine Herrin? Das Lied der Standarte Caraffa Novelle von Alfons v. C z i b u l f a. I. Ich reite.-- Rot ist der Wald und die Schatten Gold. Sonne zwischen den Buchen von Blut. Sonne ringsum. Nur in mir ist Nacht, unb mübe schlagen die Hufe der Rosse, müde wie mein krankes Herz. Lius des Laudons Feldlager kommen wir her, von der syrmischen Donau. Von dort, wo sie breit wie ein Meer unb blau wie der Himmel ist. Ich weiß nicht, ob es Tage ober Jahre sind, seit ich der großen Stadt entfloh, drin mir mein Urteil ward. Wo ich die Frage tat: „Liebst du mich nicht mehr?" Ihre Worte fielen: „Es ist vorbei, was soll das Fragen?" Und ich wieder sprach: „Weißt du, daß es meiner Seele Tob ist, wenn du von mir gehst?" Unb ihre Antwort kam: „Was soll bas Reden-- geh!" Seither ist die Nacht in mir und das langsame Sterben. Er, der nehmen darf, sitzt reich und stolz aus feinem böhmischen Schloß, und muß mein rotes Herz dem Feind entgegentragen. Und immer die Frage: Warum? — — Warum dieses Ende? — Diese eine Frau habe ich geliebt, gab ihr mein Leben unb meine Seele, und alle Güte trug ich ihr entgegen. Alles ist fern, nur die Qual ist nah. Ferne das Lachen der Reiter hinter mir, ferne die Farben des Herbstes unb die Schönheit fremben Landes. Ferne auch die Dörfer, vor deren grauen Hütten sich die Bauern hinter ihren Popen neigen. Demütig wie die Weiden über die dunklen Spiegel dieser Bäche. Ferne die kalke Stimme des kaiserlichen Kommis- farius, der uns begleitet, kaum beit Dreispitz vor den Bauern vom Schädel rückt und sein leierndes Sprüchlein beginnt: „Im Namen unseres allergnädigsten Kaifers Josephus ..." . Ich reite. Und meine Seele fragt: „Wofür?" — Die Sonne sinkt in die Arme eines blauen Berges, meine Augen sehen den roten Ball, doch mein Herz ist ohne Fühlen. — — Und wieder die Frage: „Wofür?-- Warum diese Qual, die wie eine Strafe ist?" Dumpfer pocht der Hufschlag hinter mir. Wie ferner Trommelklang aus einem andern Leben. Mir ist es, als versänken Bäume, Wald und Berge rings umher. Nur meines Pferdes Kopf und Hals schneiden schwarz und groß die abendliche Weite. Ich sinke, und nur eine Frage steht über der Welt: Wofür? II. Da klingt der Huffchlag eines wilden Reitens an mein Ohr, der Ruf eines Postens unb Waffenklirren, unb ich hebe ben Blick. Schwarz ist bas Zelt um mich. Fernher ber Lärm bes Lagers unb das Schreiten ber Wache. Einer Fackel Schein leuchtet blenbenb durch ben Spalt. Jost Häfele, mein Stallknecht, steht vor mir. Hinter ihm einer von bes Prinzen Eugenii Panburen. Schüttelt ben Dreck von ben Tschismen, baß bie Sporen klirren. Da bin ich voni Lager, reib mir ben Schlaf aus ben Augen und greif nach bem ädjreiben. Jost Häfele hebt bie garfel emgor, und ich lese: Den 10. Octobris 1711. An den Freiherrn von Mell auf Jaunitz unb Hrabek--unb bann ben Befehl. Daß ber Satan ben Panburen reite! Weiß bie Hölle, bei welchen Troßweivern er um Ehr unb Seligkeit gewürfelt hat, statt zu recken! Und wenn er feine innocentiam auch zehnmal asfirmieret, so kann s nicht anders fein. Denn ber große Eugenius schickt feine Befehle nie zu spat. 311 ber zehnten Morgenstunbe sollen bie zwei Kompagnien Caraffa und eine Küfstein an der Mühle von Malplaquet stehen. Bier schlagt die Uhr vom nahen Franzofenborf, unb zwölf Meilen lang ist ber Weg! SiefjenerSamilicnblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ■ 1 Der Diener wartet, hebt langsam den Leuchter und schreitet eilig vor Mir. Seine Schritte vergehen in den roten, schwellenden Läufern, die durch Gänge und Säle fließen. Nun wartet das Licht. Mir ist es, als öffne ein Zauber eine hohe Tür. Ich betrete die Halle. Da steht eine schlanke, dunkle Frau vor mir. Ich neige mich tief über die schmale Hand. Fernher kommen ihre Worte, und alles Geschehen dieser Stunde ist wie Traum. Ein Schleier wallt vor meinen Augen. Ich spreche und höre meine Worte nicht. Ich schaue und kann der Gräfin Züge, deren Antlitz gleich seltenen Rosen leuchtet, nicht sehen. Dies nur weih ich, daß es ein Leuchten ist. Der Duft ihrer Hand, die ich nach dem Mahle heißer küsse als zuvor, bleibt eine schwere, müde Nacht lang um mich, und mein Erwachen am Morgen ist ohne Frische. Ich reite allein durch die Forste. Seltsam ist mir's ums Herz. Hundert Frauen habe ich geküßt. Aber noch nie störte ein Weih meiner Seele Nuh. Doch dieses Antlitz, das gestern im Rahmen eines hohen, dunklen Sessels vor mir war, nahm meine Seele. Zu später Stunde wollte ich wiederkehrcn. Aber eine heimliche Kraft — oder ist es ein Sehnen — lenkt meines Rosses Schritt durch tiefes Laub und braunes Wnldgras zurück zum Teich, in dessen Spiegel mir zu Füßen das schönste aller Schlösser liegt. Wild schlägt mein Herz? Fort will ich von hier. Mein Leutnant soll noch heute mit einem Schreiben reiten, worin ich anderes Quartier erbitte. Ich eile ins Schloß, springe die Treppen hinauf und stürze in mein Gemach. Jost Häfele fährt auf ob meines wilden Tuns. Kiel und Tinte richt ich vor mir her und fuppliziere aller- untertänigst und fubmiffeft um neue Order. Doch halt! Ist es so weit mit mir? Will des Eugenii wildester Rittmeister von einem Weibe fliehen! Und wütend zerreiß ich den Wisch. Poltere durch Ställe und Reiterquartiere, schelte und fluche und bleibe. Mehr noch, du närrisch Leben! Als wilder Reiter in braunem Koller und hohen Stiefeln, mit den großen, klirrenden Sporen trat ich gestern vor die Herrin. Und heute nehme ich aus der eisenbewehrten Truhe den scharlachroten spanischen Rock, das seidene Kamisol, den breiten, goldbetreßten Hut, die Schuhe mit silbernen Spangen und trete lange vor den Spiegel, ehe ich dem Diener folge, der mich ruft. Wieder sitze ich der Gräfin gegenüber, wieder sind ihre Worte fern, aber klingend wie der Ruf wundersamer Vögel, die über verzauberte Wälder ziehen. Die Tage vergehen. Hart greift es mir ans Herz, daß keiner um dis Benefitia weiß, die meine Compagnia sich in der Bataille verdiente. Haben wohl anderes zu denken die Herren, als sich um die Meriten eines geringen Offiziers zu scheren, dem ungläubige Vettern nichts anderes nachzusagen wissen als eine grobe Faust und ein ungewaschen Maul. Eines Abends, der früh und trüb von fallendem Schnee ist, und an dem der Wind böse über den Tann reitet, daß die Feuer in den hohen Kaminen sich ducken wie lauernde Katzen, stehen Rosen, späte, dunkle Rosen auf der Tafel. Und als der alte Diener nach beendetem Mahle fragend nach seiner Herrin blickt, sagt sie: „Bringe das Brettspiel, Franziskus, dann kannst du gehen!" (Schluß folgt.) Bona tüirb belohnt. Eine moralische Anekdote von Karl L e r b s. Wer sich berechtigt glaubt, gegen das irdisch sichtbare Verfahren der höheren Gerechtigkeit auf Grund eigener Erlebnisse und Beobachtungen Einwände zu erheben, wird mit beträchtlichem Gewinn die hier folgende Geschichte lesen, weil sie die löblichen Absichten der angegriffenen Instanz mit einem klaren Falle erweist. Und wollte man anmerken, daß die Lenkung der Ereignisse ein wenig zu sehr nach absichtlicher Beispiclgebung aussieht, so wäre dem entgegenzuhalten, daß man der erwähnten Stelle billigerweise nicht das Recht absprechen kann, sich mit einem Schulfall gegen die so häufige Kritik an ihrem Verhalten zu decken. Die hier ohne erfundene Zutaten geschilderten Ereignisse begaben sich mit einem gewissen Doktor Bona, der, aus dem Schwarzburgischen gebürtig, während der Feldzugsjahre 1813 und 1814 das russische Heer auf dem Marsche nach Frankreich als Wundarzt begleitete. In seinem Namen ist bereits, wenngleich leider mit einem Verstoß gegen die Sprachregeln, angedeutet, daß er ein Mann von großer Lauterkeit und Trefflichkeit des Wesens war; und zahllose Wohltaten, die er in steter Hilfsbereitschaft wirkte, schrieben sein Andenken unaustilgbar in viele Herzen. Hier sei nur berichtet, daß er eines Tages auf seinem Jnspektionsgange durch ein Stuttgarter Lazarett ein lautes Jammergeschrei vernahm und, mitleidig herzutretend, einen jungen Kosaken gewahrte, dem ein emsiger Feldscher eben das von einer Kugel zerschmetterte rechte Bein abnehmen wollte. Bona untersuchte die Wunde und fand sie zwar bedenklich, aber nicht aussichtslos. Er schob den kaltherzigen Knochensäger entrüstet beiseite, nahm sich selbst der Sache an und besorgte sie trotz seiner fast über Men- schenkraft schweren Arbeitslast in der Folge so umsichtig, daß er seinem Schützling das Bein erhalten und ihn völlig ausgeheilt entlassen konnte. Es war ein chirurgisches Meisterstück, über das Bona später eine Abhandlung geschrieben hat. Bald darauf hatte Bona einen Soldaten zu untersuchen, der wegen eines Dienstvergehens zu einer großen Anzahl von Knutenhieben verurteilt worden war; die russischen Heeresgesetze schrieben vor, daß solche Sünder zuvor von einem Arzte untersucht sein mußten, um festzustellen, ob sie die Strafe ohne Gefährdung ihres für die Kriegsführung verwendbaren Lebens ertragen konnten. Bona setzte sich unerschrocken für den ärmen Teufel ein, obwohl ein gefährlicher Exekutionsoffizier dem ungebetenen Menschenfreund den Sieg grimmig schwer machte; und wenn der Doktor das Opfer auch nicht gänzlich befreien konnte, so vermochte er doch bie größere Hälfte der Hiebe herunterzuhandeln. Während des Feldzuges sparte die erwähnte hohe Stelle den guten Doktor Bona ohne ersichtliche Kundmachung ihrer Absichten für ihre Zwecke auf; als er indessen nach dem Kriege in Lodz als Arzt wirkte, be- Sann ste über ihn zu verfügen. Sie setzte ihm zunächst mit einer uns nicht überlieferten Begründung den Gedanken in den Kopf, daß er seine Praxis aufgeben und ausgerechnet in Odessa am Schwarzen Meer das Heil seines Lebens suchen müsse. Er verwandelte seine beträchtlichen Besitztümer in bares Geld, nahm von seinen betrübten Freunden und Patienten Abschied und trat auf einem Dnjeprschiff seine abenteuerliche Reise an. Da man erging es ihm schlimm genug. In einer schwarzen Sturmnacht geriet bas Schiff in Brand, und Bona durfte sich glücklich fühlen, daß er nicht gleich vielen anderen Fahrgästen verbrannte oder ertrank, sondern schwimmend das Ufer erreichte; während feine ganze $abe von den Flammen verzehrt wurde und er sogar seinen Brustbeutel mit dem Reste seines Geldes verlor. Er durchtastete, an Augen und Füßen vom Feuer verletzt, blinde lings die Finsternis, fand eine Tür und sank auf dem Steinboden eines dunklen Raumes ohnmächtig nieder. Genug der Prüfung, meint man, und nun müsse die Erhebung beginnen? Mitnichten. Zwar wurde Bona, der sein Augenlicht verloren wähnte, und in demütigem Gebet am Boden kniete, im Morgengrauen von frommen Nonnen entdeckt und in ihrem Kloster barmherzig gepflegt; als er indessen, kaum genesen, von seiner drängenden Unrast auf eine mühselige Wanderfahrt getrieben wurde, fand er wohl einen Schiffer, der ihn ein Stück flußabwärts fuhr — aber der habgierige Schurke jetzig als der von den armen Nonnen gespendete Zehrpfennig nach seiner Berechnung durch das Fahrgeld verbraucht war, den Doktor mit vielen guten Wünschen ans Ufer. Da schleppte sich nun Bona, der immer noch schmerzlich an den Augew litt, mühselig durch ein ödes, rauhes Land; und es kam eine Stunde in der Nacht, da er, vom eisigen Regen zerpeiischt, von stoßenden Böen gerüttelt, nur noch durch ein Wunder dem Tode entriffen werden konnte. Als er, zusammenbrechend, mit der letzten Kraft seines Atems um Hilfe schrie, sah er, was er längst nicht mehr zu erhoffen wagte: Ein Licht. Bald darauf gewahrte er über sich im roten Flackerschein einer qualmenden Fackel ein Gesicht, aus dem zwei kleine mißtrauische Augen zu ihm niederspähten. Was aber war es, das mitten im schwarzen Bartgestrüpp des Fremden ein plötzliches Aufleuchten entzündete und feinem borstig umwucherten Munde ein gewaltiges Freudengebrüll entlockte? Wiedersehensjubel war es; und Doktor Bona lag in der Umschlingung des Mannes, dem er im Lazarett zu Stuttgart dös Bein gerettet hatte. Müssen wir sagen, daß der Brave, der übrigens Zöllner geworden war und der biblischen Uebeilieferung seines Berufes getreulich nachlebte, den Doktor wie einen Bruder pflegte und sogar heimlich seine einzige Kuh verkaufte, um ihm Reisegeld vorstrecken zu können? Bonn verließ die Hütte des Zöllners erst nach Wochen als ein völlig gesunder Mann und gelangte wohlbehalten in Kiew, wo er Freunde fand und seinen Retter reichlich belohnen konnte. Kaum aber waren die Frühjahrsunwetter ruhigeren Tagen gewichen, als Bona seine neue Praxis im Stiche ließ und sich wieder auf die Reift nach Odessa machte; und zwar, da er gegen den Wasserweg eine begreifliche Abneigung gefaßt hatte, in einem gemieteten Fuhrwerk. Alles ging vortrefflich, bis eines Abends der Kutscher in einem der wilden bessarabi- schen Wälder die Richtung verlor und, die Pferde am Zügel führend, mit einem lieblichen Wechsel zwischen kräftigen Flüchen und gläubigen Gebeten eitlen Zickzackweg in immer schwärzeres Dickicht steuerte. Ader auch diese Fahrt dauerte nur so lange, bis ihr zwei wüste Kerle, die durch malerische Lumpen, drohend geschwungene Fackeln und vorgehaltene Pistolen zweiselssrei als Räuber ausgewiesen wurden, ein Ende machten. Der Kutscher sank in die Knie und forderte alle Heiligen der griechisch- katholischen Kirche zur Hilfeleistung auf; Bona indessen, durch Unglück gehärtet, blickte den Wegelagerern furchtlos aufgerichtet entgegen. Da nun geschah es, daß einer von den beiden plötzlich die Pistolen in den Gürtel stieß, den Doktor vom Wagen riß, ihm schallende Küsse auf beide Wangen schmatzte und sodann mit donnerndem Gebrüll rings um den Wagen eine Aufführung machte, die nicht anders denn als urwüchsiger Freudentanz gebeutet werden konnte. Bei einer erneuten Umarmung mit dem Doktor zeigte sich dann, daß er der Soldat war, den Bona dereinst vor der Verstümmelung, wenn nicht dem Tode unter der Knute gerettet hatte. Der Doktor wurde zum Lager der Räuberbande geleitet, die ihn wie einen alten Freund begrüßte und wie einen König ehrte; man veranstaltete sogleich ein Festgelage von solcher Stärke, daß ihn der fernere Verlauf der Ereignisse bald nur noch wie ein undeutlicher farbiger Wirbel umkreiste. Beim Morgengrauen hob man ihn, dem gleichermaßen von Rührung und von Kopfweh die Augen übergingen, auf seinen Wagen, und eine Stunde darauf nahm er an der Landstraße von seinem Schützling und Retter Abschied. Später fand er einen unter den Kissen bes Wagens versteckten Beutel mit Goldstücken, die er, da er sie nicht zurückgeben konnte, in Odessa zur ärztlichen Fürsorge für die Armen verwandte. Und wenn auch von da an fein Leben für uns in die Verborgenheit gerückt wird, so meinen wir doch zu wissen, daß die Fügung ihm nach dieser anschaulichen Durchführung ihrer Absichten die Sicherheit im Hafen gegönnt hat. Wall Whitman. Von Dr. Walther Fischer, o. Professor der englischen Philologie an der Universität Gießen. Nur wenigen Dichtern ist es beschieden, im Bewußtsein der Qi ad)' Welt den Platz sich zu erringen oder zu behaupten, den sie der ehrgeizige Gedankenflug und das stolze Gefühl der eigenen Leistung bei Lebzeiten erträumen ließ. Walt Whitman (1819 bis 1892) hat das Schicksal diese Gunst vergönnt. Er ist, wie er cs laut verkündet hatte, der Sänger einer Neuen Welt, der Dichter des modernen, demokraUschen Amerika geworden, des Amerika, bas die Traditionen der Alten Welt nicht schlechthin verachtet, aber überwindet, indem es sich mit ihnen auseinanderseht. Walt Whitmans Werk hat in der Tat ein doppeltes Gesichts es weist nach rückwärts und vorwärts. Starke Impulse der ursprünglichen amerikanischen Nomantik werden in ihm noch einmal lebendig, denn als Whitman 1855 die epochemachende erste Ausgabe der „Grashalme" herausbrachte, hatte sich die offizielle Lyrik, eine» LongfeUows etwa, längst der milden nachromantischen Konvention leit seines itümer in Abschied Da man geriet das icht gleich wimmend t verzehrt s Geldes tzt, blinde den eines bung be- verloren ^engrauen gepflegt; auf eine Schiffer, irf'e fetzte, einer Bent vielen mer noch and; und erpeitfcht, em Tode teil Kraft )r zu er- im roten oei kleine ns mitten hten ent- Freuden- ag in der das Bein 5 Zöllner getreulich llich [eine n? Bona gesunder fand und gewichen, die Reise e begreif» Ilies ging bessarabi- rend, mit igen Gelber auch die durch gehaltene machten griechisch- । Unglück . Da nun n Gürtel Wangen igen eine udentanz n Doktor vor der tet hatte. ihn wie n veran- c fernere r Wirbel -ßen von Wagen, u Schiitz- isfen des it zurück- nen ver- die Ver- Fllgung Sicherheit ßen. r Rach« sie der en Lei« 819 bis e er cs Dicht« ika, das ;k, aber Gesicht" sprüng- rbendigl rbe der eines wenkion gehen und damit der volle Sinn der Abschiedsworte des Dichters an seinen Leser: „Camerado, dies ist kein Buch, Wer dies berührt, berührt einen Menschen." *) Rach der ausgezeichneten Llebertragung von Hans Reisiger in »Walt Whitmans Werk" (Zwei Bände Prosa und Poesie mit ausführlicher Einleitung). Berlin 1922. . *) Indianischer Aame für Long-Dsland im Staate Reuhork, oer Geburtsstätte Walt Whitmans. ) Uebersetzung nach H. Reisiger. . angeschlossen, wie sie im viktorianischen England geübt wurde. Whit- man aber pflegte den ursprünglichen, unmittelbaren Gefühlsausdruck; H war Pantheist und Mystiker, und die große Botschaft der romantischen Tranfzendentalisten, Emertsons besonders, faßte er nochmals zusammen in [einen Intuitionen von der All-Einheit, vom Mikrokosmos und Makrokosmos, die gleichwertig sind, weil e i n Weltengeist, eine „Identität" sie beherrscht. Aber Whitman blickt auch vorwärts: die amerikanische Demokratie, die große Reue Welt besingt er, deren wesentliche nationale Einheit ihm trotz des drohenden Bürgerkrieges feststand, deren Zukunft er gegründet wußte auf dem Ausgleich zwischen Individuum und Masse und deren fortschrittliche Geisteshaltung einen neuen Abschnitt in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte einleiten sollte: „Ich singe das Selbst, ein einfach Einzelner, Doch spreche ich das Wort .demokratisch' aus, das Wort ,En mässe*... Das Leben singe ich, unermeßlich in Leidenschaft, Puls und Kraft, Freudig, zu freiester Tat geformt nach göttlichem Gesetz, — Ich singe den modernen Menschen." *) In diesem modernen Menschen aber sieht Walt Whitman als Kind seines naturwissenschaftlichen Zeitalters nicht nur die Seele und das geistige Prinzip, sondern auch die Körperlichkeit, die beide sich ihm zu einer „Identität" vereinen, wie sein der deutschen Philosophie entnommener Ausdruck lautet: „Ich singe Physiologie vom Scheitel bis zur Sohle. Richt Physiognomie noch Hirn allein ist würdig für die Muse, Ich sage, viel würdiger noch ist die ganze Gestalt, Ich singe das Weibliche gleichwie das Männliche.'* Neben dem Menschen aber steht die Natur, die wiederum eine Manifestation eben derselben gewaltigen, „Identität" ist, die Natur, deren Schönheit ihn schon als Knaben erschauern machte und deren Geheimnisse er in allen Stimmen der Landschaft, des Meeres, des Waldes und der Luft belauscht. 2m Umgang mit ihr ist er zum Dichter geworden, und in einem seiner schönsten Gedichte („Aus der ewig schaukelnden Wiege") hat er uns erzählt, wie das Klagelied • einer Spottdrossel um den verlorenen Gefährten den Jüngling zum verstehenden Sänger machte. Die süße Wohllust des Schmerzes, dos sanfte Geheimnis des Todes haben sich ihm damals geoffenbart; aus dem Dogellied, aus dem Meeresrauschen erklang stets dasselbe Wort, das erhabene Wort des Todes, das für Walt Whitman Erfüllung in sich schließt, weil es den Gedanken der „Identität" vollendet: „Ich vergesse es nie, Ich verschmelze das Lied meines dunklen Dämons und Bruders, Das er mir sang im Mündlicht auf Paumanvks **) grauem Strand, Mit all den tausend antwortenden Liedern, Meinen eigenen Liedern, die in jener Stunde erwachten. And mit ihrem Schlüssel, dem Wort aus den Wellen, Dem Wort der süßesten Lieder und aller Lieder, Dem starken, köstlichen Wort, das, bis an die Füße mir schwellend, (Oder gleich einer alten Amme, die Wiege wiegend, in linde Gewänder gehüllt und sich zur Seite neigend) Die See mir geflüstert." And als er später als Krankenpfleger auf den Schlachtfeldern des Bürgerkrieges und in den Lazaretten Washingtons den Tod in vielfachen Gestalten kennenlernte, als er nach der Ermordung Lincolns den Sarg des geliebten Präsidenten in feierlichem Trauerzuge vor- beiziehen sah, da dachte er wieder des Gesangs des scheuen Bogels, und wieder formte sich ihm die Trauer, aus der die Hoffnung erstand, zum stimmungsvollen Liede. Schließlich dann, als er als abgeklärter Mann, den Sturm und Drang der „Kinder Adams und der „Ealamus-Lieder", jener schonungslos-unverhüllten Lieder der Geschlechtlichkeit und des Freundschaftskultes, weit hinter [ich lassend, den Durchstich des Suez-Kanals besang und in der neuen „Durchfahrt nach Indien" ein Symbol zu einer größeren, metaphysischen Fahrt erblickte, da klingt der Gedanke an den Tod noch einmal auf, auch dem Alter keinen Schrecken bietend, weil in ihm das Wunder der Einheit der Jndividualseele mit der Weltseele für ihn selbst endlich zum Ereignis wird: „Jählings schrumpfe ich ein bei dem Gedanken an Gott, An die Natur und ihre Wunder, Zeit, Daum und Tod; Aber dann wende ich mich und rufe dich an, o Seele, du wirkliches Ich, And steh! du meisterst sanft alle Sonnen, Du meisterst die Zeit und lächelst ruhig dem Tode Und süllst mit schwellender Fülle die Weiten des [Raumes***). Versuchen wir, wie es in diesen knappen Zeilen geschehen ist, an Hand von ein paar auserlesenen, besonders bezeichnenden Gedichten in das Werk Whitmans einzudringen, so werden wir bald einen festen Punkt gewinnen, von dem aus int Grunde einfache Gedankengebäude dieses modernen Mystikers sich uns entfaltet. Biele» von dem weniger Anziehenden, oder Änkünstlerischen, das in sein Werk sich drängt, wird dann zurücktreten; das Bleibende, Aeberzelt- liche an diesem großen Dichter aber, sein kosmisches Allgefühl und die heimliche Musik seines freien Verses, werden sich uns erschließen und uns reichen Gewinn schenken. Die höhere Einheit von Mensch und Werk in diesem Dätselbuche der „Grashalme" wird uns auf- G8nseb?ümchen. Eine Deichbekrachtung. Von Rudolf Behrens. Ich fitzte wie ein türkischer Pascha auf einem grünweiß-gewirkten Gänseblumenteppich, der in endloser Breite von den Flanken des hohen Stromdeiches herunterfällt, und philosophiere. Mein schwellender Sitz stellt alle kunstgewebten „Perser", die beim Feste des Propheten aus schwarzglänzenden Maueraugen ihr sattes Braurot der morgenländischen Sonne zum Gruß entbieten, in den »Schatten. Als Feind aller Systeme erwarte ich intuitiv die Eingebungen, die, nach meinem erhabenen Platze zu urteilen, infolge des weiten Blickes über die meine Füße umschmeichelnde Landschaft kommen müssen. Bis zu ihrer Ankunft zähle ich mechanisch die kleinen, weißen Sterne meines grünen Polsters und bin bereits bei der Zahl fünfunddreihig dem Wesentlichen wie in einer Narkose entrückt. Ich gebe mich ganz dem Spiele der Gedanken hin. lieber mir schwimmen flaumige Wolken aus blauem Himmelmeere, und unter mir segeln ihre Spiegelbilder in der gleichfarbigen Flut des mächtigen Stromes; selbst um mich weht der Hauch des Wolkenzuges über die grünen Fäden meiner deutschen Tournciimatte und streicht über ihre rosa- weißen Blüten. Eine innere Welle drängt mich zum lyrischen Gedicht. Ich widerstehe ihr und philosophiere mit einem Gänseblümchen zwischen ■ den spielenden Fingern. Kräuter und Unkräuter sind keineswegs [chöpsungsbedingte Verschiedenheiten, sondern eine von der Kultur gewollte Spaltung. Das jüngste Gericht über Wert und Unwert des Lebenden vollzieht die Zivilisation seit Tausenden von Jahren bereits in dieser Welt und scheidet die Schase von den Böcken. Was dem menschlichen Leibe dienlich ist — der Umweg über die Kuhpanzen einbegriffen — nennt der Weg Kraut, das Ungenießbare, Giftige, Geschmacklose heißt er Unkraut und sagt ihm Fehde an. Er ahnt dabei den ohnmächtigen Griff in wehende Windmühlenflügel und wittert den Feind dahinter; darum personifiziert er alles Unkraut mit dem Bösen und nennt es die Saat Beelzebubs. „Wenn ich einmal der Herrgott wär'", wie es in dem bekannten Trinkliede lautet, so schuf' ich ganz gewiß kein großes Faß, schonen Rücksichtnahme auf die Belange der Gegenwart, die im Zeitalter des Sportes mehr auf Prohibition als Destillation, Gärung und Sud eingestellt isst sondern fände den Triumph meines erfüllten Wunsches in einem augurenhciften Lächeln über die Unzulänglichkeit der Menschen, die hinter die Dinge aller Welt zu kommen streben und in der Relativität ihrer Hirne stecken bleiben. Das Gänseblümchen in der Hand schaut mich fragend an. „Kraut oder Unkraut, das ist hier die Frage". Hamlets Redewendung mag auf der Bühne eindrucksvoller klingen. Ihre weltweise Bedeutung ist jedoch nicht größer als das parodistisch anmutende Gänseblümchenwort, das dem Shakespearezitat nachgebildet ist. Wenn der gehörnte Langbart meckernd um Deichrande angepflockt seine Spiralen tanzt und schnuppernd an den Marienblümchen vorbei Bocksbartsalat und Hornkleegemüse rupft, die milchschwere Kuh mit plumpen Läufen die kleinen Sternaugen in den Kot tritt und ihre Siebe der Esparsette und den Butterblumen zuwendet und der watschelfüßige Gänsetrab die nach ihm genannte Blume nur ästhetisch würdigt, so möchte man sie Unkraut taufen. Wenn man aber sieht, wie ein alles fressender Ochse wahllos jegliches Grün vertilgt und die kleinen Marienaugen als Alltagsfutter taut, so ist es eben Standpunktsache, wenn man Kraut sagt. Kommen gar die kleinen Kinder ans den Deich und spielen mit Marienblumenkränzen im Haar Ringelreihen oder pflanzt man die kelchgesüllte Spielart auf Rabatten im Garten, so enthebt man den lieblichen Blütenstern der Kraut- und Untrautmaterie und sichert ihm einen gebührenden Platz im Bereiche unserer nach Schönheit durstenden Seele, veredelt ihren Wert und öffnet ihm das Tor der Kunst. Alles dies hätte mir einfallen können auf einem Spaziergange durch die Schrebergärten, auf dem Feldwege zwischen grünen Saaten, nm Rande der Vorstadtwiese, überall, wo die Mariensternchen den Schoß der Mutter Erde bekränzen. Daß dies meinem Gänseblumenteppich über dem rauschenden Strome, unter der weiten Himmelskuppel, inmitten einer Landschaft, dem dieser Teppich größere Traulichkeit verleiht als ein deutscher Wollperser unserer Wohnstube, vorbehalten blieb, liegt daran, daß ich erkennen muhte, ohne Erika ist keine Heide denkbar, ohne Wollgras blüht kein Moor, ohne Löwenzahn ist keine Wiese vorstellbar, ohne Wegerich zieht keine Straße ihre Sandschaftsbänder und ohne Gänseblümchen ist für mich der Deichteppich kein Sandschaftsbild, sondern nur ein Damm gegen Hochwasser, ein dem Winde ausgesetzter Grashang, ein Weideplatz für Hornvieh und Geflügel. Der Stromdeich ist ein Landschastsbild eigenwilligen und selbstbewußten Charakters. In seinen Ausmessungen ist er nur der Landstraße vergleichbar. Er erschöpft sich in einer Dimension, ist an den Strom gebunden wie die Bergeshöhe an das Tal und duldet keinen Wald und keine Siedlung, höchstens ein Fährhaus oder eine Baumgruppe, eine Weidenkette oder einen Viehstall in feinem Weichbilde. Sein Antlitz spiegelt feine Seele wieder. Jede Landschaft hat ihre Seele; sie ist unsichtbar wie die des Menschen, aber stärker an den Himmel gebunden, deren Stimmungen sie im Reflexlicht offenbart. Ich sah sie in heiterer Morgenruhe, als alle Wellenkämme, Eräserfpihen und Mariensternchen „Das ist der Tag des Herrn" jauchzten. Oft traf ich sie träge im Mittags- jchlaf, spürte den zitternden Atem in brütender Sommerhitze und wurde von ihrer Müdigkeit übermannt. Sie peitschte mir manchmal den Zorn der Wolken um die Ohren, brauste auf, warf wilde Wasserspritzer um sich her, gurgelte und gluckste, tobte und raste, daß ich den Mantel ums Gesicht schlug und ihr enteilte. Ihren Stimmungen und Launen entsprachen ihre Bilder, dis nie einseitig auf Schul« und Technik eingeschworen waren, sondern kaleidoskopartig das Gewand anzogen, das ihr der Himmel eingab. 3m Pastellzauber rauschte ihr weiches Frühlingskleid, lichtblau, zartgrün mit weißen Tupfen. Bor Regentagen glich sie getuschtem Aquarell, lieble unverwischte Farben, klare Uebergänge vom weißen Wolkenhut über das Zinnoberamulett des Hirtenhausdaches, das Weidengrün der Halskrause bis zu dem saftgrünen Rocksaum und den hellen Wasserschuhen. Sonntags war ihr Anblick ein Oelgemälde mit breiter Pinselführung und dick aufgestrichenen Farben, Deckweiß auf dem Himmel, dem Graswuchs und dem Wasserspiegel. Wenn zur frühen Herbstzeit die Sonne sank, dann hätte ich Futurist sein mögen, um das schreiende Farbenspiel ihres Gewandes zwischen Karmin, Orange, Violett, Blau, Grün und Gelb auf der Leinwand festzuhnlten. Die Farbenkünstler mögen auf ihre Expressionen recht stolz sein, doch sollten sie nicht die Wahrheit verkennen und neidlos der unerreichbaren Meisterin, der Natur den unsterblichen Ruhmeskranz überlassen. Gegen sie sind alle Menschenwerke stümperhafte Kopien. Die Physiognomie einer Landschaft verrät nicht nur Seelenanalyse, die ist auch Lebensgeschichte. Hinter den Weiden, wo die Sandberge die Geest verdecken, ist die Grenze des Urstromtales, das vor urdenklichen Zeiten in ungezähmter Wildheit von einer Deichlandschaft nichts wußte. Stromabwärts entreißt ein ratternder Bagger dem Grunde des Flusses und damit aller Vergessenheit einen eichenen Einbaum, der fliehende Kelten ans östliche Ufer und wanderlustige Germanen an di« entvölkerten Gestade trug, der von feiner Zeit mehr erzählen könnte als alle Prä- Historiker zu schreiben wissen. Unter mir schlängelt sich eine Beeke durch Hecken und Weiden, um ihr mooriges Wässerlein nach der Mündung in der großen Flut des Stromes zu reinigen. Hier ist der Deich unterbrochen. Ein paar morsche Eichenstllmpfe ragen aus dem hohen Schilf. Es find die Reste eines Steges, der seit mittelalterlichen Zeiten den Schiffen, die ihre Kähne am Uferrand stromauf zogen, als Laufbrücke diente. Damals wertete man die Zeit noch nicht als Geld und fühlte sich frei von der Hetze des 20. Jahrhunderts. Mit den Siedlungen in der Tiefe des Stromlandes begann auch der Kampf der Menschen gegen die steigenden und fallenden Fluten, begann auch die Geburt des Deiches. Im Bereiche der schützenden Wälle ist mehr gekämpft und gestritten worden gegen die Gewalten der Natur als in jeder anderen Landschaft des Flachlandes. Der Deich sah Brücken die Ufer binden, Fluten sie wieder niederreißen, Heerzüge auf Flößen und Kähnen, Kaufherren auf Seglern und stakenden Schiffen, Rennvierer und Motorboote, Rad- und Turbinendampfer, Vergnügungsschiffe und Frachtschlepper, eine Buntheit des Lebens, wie sie auf keiner anderen Verkehrsader reizvoller und anmutiger zu schauen ist. Der Staub der Heerstraße, die Eintönigkeit des Schienenstranges, die Uferlosigkeit des Luftweges verblassen gegen das Lai-.dschastsbild des Deiches. So spülen die Wellen Geschichte an den Rand des Deiches, fangen die Bilder dieses Landschaftstyps in ihrem Spiegel auf und netzen an steiler Böschung einen ununterbrochenen Gänseblumenteppich. lieber ihm streicht ein Möwenpaar landeinwärts und trügt auf weißen Schwingen den Muß des Meeres zu den Wellen des Stromes. Kibitzscharen segeln über den Deichrücken, ihr Ruf vermischt sich mit dem Gekrächze fliehender Raben. Ein Fisch springt im Wasser auf und schnappt nach einem gaukelnden Luftbissen. Am jenseitigen Ufer stolziert ein Reiher und verscheucht aus dem Weidengeslecht ein brütendes Wasserhuhn. Das Gänseblümchen in meiner Hand ist welk geworden und läßt das Köpfchen hängen. Aus dem Wasser steigt weißer Dampf auf und kriecht am Deich empor. Er löscht die Sterne des bunten Gänseblumenteppichs und vermählt sich mit dem Wiesennebel. Ich sinke aus meiner Verlorenheit in die Wirklichkeit des bümmemben Abends, erhebe mich von meinem weichen Sitze, der feucht und kalt geworden ist und schaue über Deich und Flut. Grau in Grau ist die Welt, eine Schwnrzweißzeichnung, deren Konturen die Künstlerin Natur verwischt hat. Es ist still um mich. Vom gegenüberliegenden Ufer brüllt eine Kuh und schreit nach der sich verspätenden Melkerin. Aus meiner Hand fällt das sterbende Marien- blümchen in den Schoß seiner schlafenden Geschwister. Leben und Tod, Tag und Nacht, Strom und Himmel liegen einander in den Armen, um zu ruhen. Die Seele der Landschaft schläft. Moderne Bildtelegraphie. Von Professor Dr. Hermann Großmann, Berlin. Das Problem der elektrischen Bildübertragung auf groß« Entfernungen ist in den letzten Jahren nicht nur wissenschaftlich, sondern auch technisch einwandfrei gelöst worden. In jüngster Zeit hat auch bereits eine weitgehende praktische Verwendung dieser für das gesamte Nachrichten- und Zeitungswesen in ihrer großen Bedeutung noch gar nicht abzusehenden Erfindung stattgefunden. Führend auf diesem Gebiet sind erfreulicherweise deutsche Erfinder und Unternehmungen gewesen. Dis Siemens- und Halske-A.-G. und die Telefunkengesellschaft, über deren neueste Fortschritte im folgenden berichtet werden soll, können hier als di« Pioniere einer Technik angesehen werden, deren weitgehende Anwendungsmöglichkeit bereits in den nächsten Jahren zur Tatsache werden wird. Mit Hilfe der Bildtelegraphie ist es bekanntlich möglich geworden, in wenigen Minuten Bilder zu übertragen oder zu telegraphieren. Zweck der Bildtelegraphie ist es, nach einem am Sendeorte vorliegenden Bild, einem Schriftstück, einer Zeichnung, auf elektrischem Weg« in kürzester Zeit am Empfangsort ein dem Original völlig entsprechendes Abbild zu schaffen, dessen weiterer Verwendung dann keinerlei Schwierigkeiten mehr entgegenstehen. Es bedurfte jedoch sehr eingehender unb gründlicher wissenschaftlicher Studien hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen den Licht- und Elektrizitätserscheinungen, wie auch der Konstruktion geeigneter, äußerst empfindlicher, aber gleichzeitig im Betriebe sicher arbei- Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl tender Apparate, bevor man dazu übergehen konnte, brauchbare, sch^g und genau arbeitende Geräte für die Bildtelegraphie zu schaffen. Nachdem am 1.Dezember 1927 auf der Strecke Berlin —Wie« die erste zwischenstaatliche Anlage für elektrische Bildübertragung noch dem System Siemens-Karolus-Telefunken dem öffentlidxi: Verkehr übergeben worden war, erfolgte schon im April des nächste« Jahres mit den gleichen Apparaten in England die Einrichtung eines Bildtelegraphenverkehrs zwischen London und Manchester. Diese Lin« kann als das erste Glied eines großen Netzes angesehen werden, das doi' der englischen Presse vorgesehen ist, um die Redaktionen aller größer«, englischen Zeitungen mit bildtelegraphischen Nachrichten zu versorge». Seit kurzer Zeit besteht ferner auch zwischen Berlin und London sowie Paris ein Bildaustausch auf dem Drahtwege. Es ist sonach, da weiter» bildtelegraphische Verbindungen zwischen Berlin und anderen Haupv städten in Kürze eröffnet werden dürften, ein europäisches Bild, telegraphennetz im Entstehen begriffen. Man benutzt für dich Verbindungen ein neues Bildgerät der Siemens & Halske-A.-G., das an Leistungsfähigkeit die bisherigen Apparate noch erheblich übertreffen dürfte. Die technischen Verbesserungen dieses neuen Gerätes betreffen den mechanischen Aufbau, die Abtastung des Bildes am Sender, die Empfangseinrichtungen, die Synchronisierung, die Phaseneinstellung, die Verstärker usw. Natürlich sind die empfindlichen Photo- und Kerr-Zellen beibehalten worden. Mit Hilfe des neuen Bildgerätes kann man positive und negative Bilder nach Wunsch empfangen, und es lassen sich ans, gezeichnete Bilder innerhalb der Abmessungen von 18 Zentimeter Breite und 25 Zentimeter Länge übertragen. Das neue Bildgerät wird auch bereits in größerem Umfange im englischen Zeitungsdienst, im offen! lichen Telegraphendienst Japans und in Australien verwendet. Bei de« europäischen Verbindungen benutzt malt zur Beförderung der Bildtele- gramme die Fernsprechkabel. Die Vielseitigkeit in der Anwendungsmöglichkeit der bi(bte(«gr«, phischen Übertragung ist in der Tat als ganz außerordentlich zu be> zeichnen. Ganz abgesehen von der Verwendung der Bildtelegraphie in Zeitungen und Zeitschriften erscheint auch die getreue Wiedergabe von handschriftlichen Aufzeichnungen besonders wichtig. So können z. B. Aus rufe und Reden von Staatsmännern und Wissenschaftlern und andere« führenden Persönlichkeiten in ihrer Handschrift gegebenenfalls auch in Verbindung mit dem Bild des Betreffenden verbreitet werden und so zu rechter Zeit eine besonders tiefgreifende Wirkung ausüben. Auch für kriminalistische und forensische Zwecke eignet sich das Verfahren besonders gut. Bildnisse und Fingerabdrücke für Steckbriefe zur Identifizierung von Verbrechern, Handschriftproben, Abbildungen mit gefälschten Dokumenten, Aufnahmen vom Tatort eines Verbrechens ufro, können bei telegraphischer Uebermitttung besonders zur raschen Aufklärung eines Verbrechens beitragen. Ebenso kann man im Wirtschaftsleben von der bildtelegraphischen Uebermitttung von Schecks, Ärebitbriefeii Rechnungsauszügen, Kursnotierungen, ja selbst von ganzen Zeitungs- seiten, mit Vorteil Gebrauch machen, und selbst stenographische Niederschriften übertragen, die im gewöhnlichen Telegrammverkehr nicht befördert werden dürfen. In Ländern wie China und Japan lassen sich nunmehr auch ohne Schwierigkeiten Mitteilungen in der Originalschrift übermitteln, was bisher ebenfalls unmöglich war. Auf die Bedeutung der Bildtelegraphie für die Statistik fei hier nur kurz hin- gewiesen. Wegen der unbedingten Originaltreue werden BildtelegrmiM von Vertragsentwürfen, behördlichen Schriftstücken, Patentzeichnungm oder Patenturkunden bei Verhandlungen, die an entfernten Orten gleichzeitig geführt werden müssen, wertvolle Dienste leisten können. So fönnett z. B. Projektentwürfe in kürzester Zeit einer für die Entscheidung maßgebenden Persönlichkeit, die sich an einem anderen Orte befindet, über mitten und von ihr eventuell mit Angabe von Aenderungen umgehend der Ausgangsstelle zurückgesandt werden. Welche Bedeutung gerade diese Uebertragung von Zeichnungen z. B. bei der Montage in fernen Länder« haben kann, ist ohne weiteres verständlich. Anfragen, Bemusterung und Bestellung können so in wenigen Stunden erledigt werden, wozu früher wegen der notwendigen brieflichen Uebermitthmg oft Tag« erforderlich waren. Auch Mitteilungen wissenschaftlicher Natur lassen sich bildiele- graphisch in Fällen übermitteln, wo die üblichen Zeichen- oder Typen- drncktelegraphie versagt, wie z. B. bei chemischen oder mathematische« Formeln. Es steht außer Zweifel, daß mein bei Berichten über Vorträge auf wissenschaftlichen Kongressen oder auch bei wichtigen, schnell zu erledigenden Druckkorrekturen von wissenschaftlichen Arbeiten die Biidieie- graphie benutzen wird. Auch für die Heilkunde kann das Verfahre« wichtig werden, wenn man z. B. in eiligen Fällen eine Röntgenaufmihme einem Arzt übermitteln will. Das Verfahren selbst eignet sich, wie schon erwähnt, zur Uebertragung von Bildern über Draht als auch auf drahtlosem Wege, wobei das V1 übertragende Bild selbst keiner besonderen Vorbereitung bedarf. Rätiirii« darf man von der Bildtelegraphie nicht verlangen, daß das übertragene Bild etwa bei schlecht leserlicher Schrift deutlicher sei als das Driginal- Bei der Aufgabe eines Bildtelegramins bei der Post find übrigens keine besonderen Formalitäten zu erfüllen, sondern das Bild wird wie M andere Telegramm am Schalter aufgegeben. Auch im Bildfunk-Ver suchsbetrieb auf iveiie E”is^ mtngen hinaus sind neuerdings durch die Telefunkengesellschaft erhebliche Fortschritte erzielt worden. Zwischen Berlin und Buenos-Aires, also * eine Entfernung von über 12 000 Kilometer hat man bereits Faksinwe- Bildübertragung durchführen können, ohne, daß irgendwelche technisch«« Hindernisse sich als störend erwiese,^ hoben. Durch verschiedene 93erbe||e- rungen im Bau und Betrieb von Strahlwerser-Antennen hat man am die früher beobachteten Schwunderscheinungen, atmospärische «Störung«’1 und Doppelzeichen weitgehend auszuschalten vermocht. 'sche UniversitätS^Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieß«"-