GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang |929 Montag, den 3V. Dezember Nummer 102 Zum neuen Jahr. Von Eduard 9R6rite. Wie heimlicherweise Ein Engelein leise Mit rosigen Füßen Die Erde betritt, So nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, Ein heilig Willkommen, Ein heilig Willkommen! Herz, jauchze du mit! In ihm sei's begonnen, Der Monde und Sonnen An blauen Gezeiten Des Himmels bewegt! Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt! Janus. Versuch einer Treujahrspredigt. Don Wilhelm Schäfer. Daß wir an jedem 1. Januar Neujahr feiern, also den Beginn eines neuen Kalenderjahres, ist eine römische Erbschaft. Anse re germanischen Vorfahren fingen das Jahr mit der Wintersonnenwende an, und die Kirche hat jahrhundertelang versucht, mit ihreni Heiligen- jahc das bürgerliche der Römer zu verdrängen. Willkürlich, wie es nach dieser Feststellung scheint, ist natürlich nur der Beginn des Jahres, nicht sein Verlauf selber; denn unsere Erde braucht die 865 Tage, ihren Kreislauf um die Erde zu vollenden, und was sie an Stunden, Minuten und Sekunden mehr braucht, dafür schieben wir zum Ausgleich alle vier Jahre einen Schalttag ein. Richtiger wäre es ohne Zweifel, das Kalenderjahr, da es nun einmal das Erdjahr ist. mit einem seiner Schnittpunkte, dem kürzesten oder längsten Tag, also mit der Winter- und Sommersonnenwende oder mit einer der Tag- und Nachtgleichen zu beginnen, statt mit Dem ganz willkürlichen Tag der Römer; wir wollen aber zufrieden sein, daß es Cäsar gelang, durch den Julianischen Kalender das irdische Jahr mit den: himmlischen bis auf den Minutenrest in Ordnung zu bringen, den erst die gregorianische Verbesserung beseitigte. Schon dieser Minutenrest hat sich im Jahre 1700 so summiert, daß die evangelischen Stände in Deutschland, die sich bis dahin gegen den gregorianischen Kalender gesträubt hatten, zum Ausgleich nach dem 18. Februar den 1. März folgen lassen mußten. Daß die Römer den ersten Kalendermonat Januar hießen, geschah ihrem Janus zu Ehren; der Gott allen Anfangs, dem die erste Stunde &eä Tages und der erste Tag im Monat gewidmet war, mußte auch den ersten Monat des Jahres regieren. And daß sie den ersten Januartag mit der feierlichen Einsetzung der Konsuln, ihrer Jahresregenten, verknüpften, geschah zum Nutzen und zur Weihe ihrer wohlgeordneten Bürgerlichkeit. Nicht nur die Erde, auch ihr Staat fing ein neues Lebensjahr an; Grund genug, mit Opfer und Gebet den Schutz der Götter durch die neuen Konsuln anrufen zu lassen; Anlaß auch, den 'Beamten des Staates am Neujahrstag Glückwünsche darzubringen. Diese Glückwünsche sind für uns als der einzige Neujahrsgebrauch übriggeblieben; nur sind wir damit demokratisch, besser persönlich geworden, sie jedem einzelnen darzubringen, der in unserem Lebens- lreis Bedeutung hat. Die eigentliche Feier aber liegt, wenn die Sonne des Neujahrstages aufgeht, schon hinter uns; denn weil wir den Kalendertag nach der nun alkgemein gültigen Vereinbarung — auch dies war nicht immer so — mit der Nachsonnenwende, also dem Augenblick zu zählen beginnen, wo die Sonne sich aus ihrer tiefsten Versunkenheit wieder dem Horizont zuwendet, welchen Augenblick wir zutrefsenderweise Mitternacht nennen; so feiern wir Neujahr in der Minute, zu der die Ahr dem vorhergehenden Tag zwölf fchlägt oder nach unserer neuesten Verbürgerlichung vierundzwanzig schlagen sollte. Natürlich bleiben wir, um die Stunde zu erwarten, am 31. Dezember solange auf; und weil dieser letzte Dezembertag im Kirchenkalender Silvester, nach dem ersten Papst dieses Namens, heißt, feiern wir Neujahr, ob wir Katholiken, Protestanten oder Juden sind, eigentlich als Silvester, mit welchem Humor sich die Kirche Wohl zufriedengeben darf, weil Silvester i. eben jener Papst ist, dein die Konstantinisch« Schenkung, also der Beginn der römischen Kirchengewalt, zugesprochen wurde. Wir feiern Silvester wartend, wie es das evangelische Gleichnis von den zehn Jungfrauen sagt, von denen die fünf klugen für Oel auf ihre Lampen sorgten, den Bräutigam zu erwarten, und die fünf törichten es vergaßen. And wenn wir auch nicht gerade Oel auf unsere Lampen schütten, so ist es ganz gewiß an keiner Stelle nur Nachlässigkeit, daß wir trinkend dasitzen, bis dem alten Jahr die Stunde schlägt. In jeder Seele wird jenes Etwas angerührt, darin wir unS von heute zu morgen dem Ewigen verbunden fühlen und dem Gestern eine wehmütige Betrachtung gönnen, diesem Gestern, das mit dem zwölften Stundenschlag nicht nur einen Lebenstag, sondern ein Lebensjahr vollendet hat und mit dem Sekundenzeiger der Ahr in ein anderes Jahr, nicht nur in den Morgen hineintickt. Wenn aber die Mitternacht stunde schlägt, ist alles Heute verronnen, dann gibt es nur noch gestern und morgen, nicht nur an Silvester. And der alte Volksglaube, der dann für eine Stunde die Geister über die Lebendigen regieren läßt, hat mehr als das tiefste Dunkel der Nacht für sich. Wir können erdenübermütig oder erden- traurig fein, die Stunde zu durchwachen: aber ihr Gebot ist, daß dann das Bewußte ins Anbewuhte gefunken ist, daß der Mensch sich aus seinem Gestern in sein Morgen schläft, das Heute den Geistern des Anbewußten überlassend, dahinein er selber getrost feine geschlossenen Augen legt. And so dürfte die Erinnerung an Janus, den römischen Gott des Neujahrstages, auch uns eine Bedeutung geben. Wir wissen aus seinen Standbildern, daß er zwei Gesichter hat, eins nach vorn und eins nach hinten, weil er Janitor, der Türhüter alles Lebens ist. Als Türhüter hat er hinaus- und hineinzuschauen auf das, was kommt, und das, Was geht, auf das Gestern und Morgen, weil et Das Heute ist, die Zeiten zu scheiden. Denn das Heute, das wir so selbstsicher unsere Gegenwart nennen, ist nicht nur in der Mitternachtsstunde die kurze Schwebe zwischen Gestern und Morgen, es ist in jeder Sekunde, die wir bewußt erleben, der Funke zwischen den Zeiten, der durch uns hindurchspringt, so schnell, daß alles Gefühlte schon wieder zerronnen ist, und daß unsere Sinne nur die Signal- zeichen der sausenden Zeit geben. Das Morgen wissen Wir nicht, und das Gestern gehört uns nicht mehr, unser sind nur die jagenden Sinnbilder des Heute. Darum der Traum der Ewigkeit über allen irdischen Dingen; denn die Seele allein ist, sie will das Sein unter dem Sinnbild der Sinne. Der menschlichen Seele zu einem irdischen Heute zu helfen, hat ihr Prometheus den Funken des Geistes gebracht, der, den Götter» geraubt, auf Erden die Anseligkeit ist und dennoch uns Menschen Gegenwart gibt. Erst im Bewußtsein seiner selbst nimmt der Mensch von seinem Dasein Besitz: es ist sein Schwebestand über der Zeit und — ob wir nichts wissen können — in allem Bewußten sein Doppelgesicht über das Gestern und gegen das Morgen. Darum, wenn wir in der Neujahrsnacht sitzen und auf den zwölften Stundenschlag warten — der selber als ein Takt unseres Geistes, in die Ewigkeit fällt; denn die Wolken, die draußen am Himmel hin- ziehen, die Bäche und Bäume, die Tiere des Waldes und des Stalles, alles was lebt außer uns, weih von der Stunde nichts, selbst wenn es den Stundenschlag hört —, wenn wir die Lampen gefüllt haben: so warten wir wohl in der Zeit unserer Sinne; aber der Geist, der uns warten heißt, und der das Oel unserer Lampen ist, der feiert sein eigenes Fest, daß er der Schwebestand sein kann über der Zeit, daß er der Türhüter seiner eigenen Gegenwart ist und Janus, den Gott mit dem Doppelgesicht, als Sinnbild seiner selbst grüßt. Wenn die Römer Krieg hatten, standen die Tore am Janustempel geöffnet; denn fein Tempel selber war nur ein Tor am Forum, durch Das die Bürger hinauszvgen. Solange sie draußen waren, mußte es offen bleiben, damit der Türhüter des Kommenden und Gehenden feines Amtes zu walten vermochte. Erst wenn die Heere zurückgekehrt waren, wenn Reichsfriede war, wurden die Tore geschlossen. Das Schicksal von gestern zu morgen war nicht mehr im Fluß, es galt wieder das Heute, und der Alltag wollte sein Recht haben, welches Recht das Als ob ist, daß seiner Gegeirwart das Leben gehöre. Wer von uns kann die Tage, Monate, Jahre des Krieges vergessen, da uns der brausende Fluh von gestern zu morgen die Gegenwart raubte, obwohl wir alle nur von der Gegenwart lebten; über da war kein Alltag. Weit auf standen die Tore des Janus, und alle unsere Herzen als Türhüter wachten und waren des Schick-- ToTel gewärtig. Xhtb als die Tor« zusielen, rasselnd und grausam, als das Gestern verronnen und das Morgen verschlossen war: wie Run das Heute da über uns her, und wie wollte der Alltag seine Gegenwart haben! Wer noch fragte danach, was an dem Heute rechter Besitz und was Raub an den eigenen Stunden wäre? Der aus dem Gestern ins Morgen zuckende Funke wollte nichts wissen als sich, und die Sxele verlor ihr Sein in den Sinnen, die von uns 'Besitz nahmen, als wären wir Wolken und Bäume, Bäche und Tiere! Das stolze Reich des Menschengeistes, dem wir so gläubig getraut hatten, mit all seinem selbstgewissen Bewußtsein des abendländischen Menschen kam ins Wanken. Heute ist heut! hören wir rufen auf allen Straßen, wo die Lichtreklamen zum dreisten Genuß des Tages locken. And dies ist die 2lntwort vieler Enttäuschten: Ob es tausendmal nur ein Als ob, ein Dlinkwcrk der Sinne ist, was uns im Augenblick lockt, so ist es doch das einzige, was und gehört! Der Geist aber Hat uns nur auf die dürre Weid« einer Erkenntnis geführt, die, — da wir nichts wissen können — am Ende noch weniger stichhaltig ist als unser Heute! Schon haben wir den Kassandraruf voin Antcrgang des Abendlandes gehört. And als wollte uns ein Gegenbeispiel die Sicherheit nehmen, kommt immer lockender die Kunde vom Glücksland über dem Sßen Wasser. Kein Zweifel, di« abendländische Bildung fängt an, selber fragwürdig zu werden, wenn wir vom Erdenglück der Amerikaner hören. Denn sie brauchen das alles anscheinend nicht, was wir als das Schneckenhaus unserer Kultur mit uns schleppen: sie haben den Staub ausgeklopft und abgeschüttelt, der als die Erbschaft der Alten seit zwei Jahrtausenden sich auf unser Dasein abgelagert Hat. Sie leben dem Tag als dem Heute, und weil alles, was bei uns eng. verhockt und altmodisch wurde, bei ihnen weit, frei und vernünftig ist — wie die Lobpreiser sagen, die kurz oder lang drüben waren — so hat anscheinend im Dasein der Reuen Welt unserer! Alten die Strmde geschlagen. Fieberhaft sind wir beschäftigt, unsere veraltete Wirtschaft in ihrem Sinn zu rationalisieren: nicht weniger aber beginnt ihre Kultur abzufärben: längst schon tanzen wir ihre Tänze, hören im Grammophon ihre Jazzmusik, ahmen ihre Magazine und illustrierten Blätter nach und fangen an, uns das ernste Buch abzugewöhnen. Der Lag, tn Len die Amerikaner so freundlich und fröhlich hineinleben, wenn He ihr Geschäft hinter sich haben, will sichtlich auch unser Lebenstag werden, weil uns unsere abendländische Kultur in ihrer Krise frag- wiirdig geworden ist. Diese Fragwürdigkeit kann nicht durch die Besinnung einer Reujahrsnacht geändert werden; Wohl aber kann uns diese Besinnung sagen, daß es weniger die Krise der Kultur als die Krise einer Zeit ist, die kurzatmig wurde. Immer und überall, wo das Heute sich breitmacht, und dies ist die Signatur unserer Seit, geht ihr der Atem aus, zur Kultur, die nur von gestern und morgen leben kann und deren Todfeind das Heute ist; denn das Heute will seinen Tag breit und selbstgewih in die Welt legen, als ob es kein Gestern und Morgen gäbe. Wenn aber Reujahr ist, wenn sich in einer Sekunde der Rächt zwei Jahre berühren, deren eines ein vollgeschüttetes Gestern, das andere ein verhülltes Morgen ist: dann gibt es zwischen ihrer Berührung kein Heute mehr und keine Möglichkeit für den Alltag. Dann ist Krieg, und die Tore des Janus sind weit aufgetan, das Gehende und Kommende aus- und einzulassen. Mag darum Silvester, das unfreiwillige Fest des Papstes, noch so laut gefeiert werden: das Heilte muh den Stundenschlag zwölf der Ewigkeit hören und dem Geist einen Augenblick seines Schwebestandes über den Zeiten gönnen. Dann weiß er, daß es nicht Jahr«, daß es Jahrhunderte, daß es Jahrtausende finb, die sich in dieser Stunde berühren: alles Gewesene bis in das Dämmerlicht der ersten Vergangenheit und alles Kommende bis in die letzten. Schleier der Zukunft. Richts, was geschah, kann anders als wirkend in dieser Strmde gedacht werden, und nichts, was sein wird, ist von ihr unberührt. Wenn er keine andere Der- antwortung spürt als die Mahnung der eigenen Seel«, die der Träger Des Seins unter dem Lampenlicht seiner Bereitschaft ist: ihr tarnt er sich nicht entziehen. Daß dem Reichsfrieden des Alltags die Tore des Janus nicht zugemacht werden, dies ist der Sinn, wenn wir mit unseren Gläsern Dastehen, andern Wein als sonst zu trinken, weil wir gleich jenen Jungfrauen die klugen und törichten Türhüter der Ewigkeit sind. Mein Neujahrswunsch an mich selber. Bon Jean Paul*). Da» neue Jahr öffnet feine Pforte: das Schicksal steht zwischen bren- nenden Morgenwolken und der Sonne auf dem Äschenhügel des zusammengesunkenen Jahrs und teilt die Tage aus: um was bittest du, Na- talie? _ , , Um keine Freude — ach alle, die in meinem Herzen waren, haben nichts darin zurückgelassen als schwarze Dornen, und ihr Rosenduft war bald zerlaufen — neben dem Sonnenblick wächst die schwere Gewitterwolke, und wenn es um uns glänzt, so bewegt sich nur das wider- fcheinende Schwert, das der künftige Tag gegen den freudigen Busen zieht.----Nein, ich bitt' um keine Freuden, sie machen bas durstige Herz so leer, nur der Kummer macht es voll. Das Schicksal teilet die Zukunft aus: was wünschest du, Natalie? Keine Liebs — Oh, wer die itedjenbe weiße Rose der Liebe an das Herz drücket, dem blutet es, und die roartne Freudenzähre, die in ihren Rosenkelch tropfet, wird früh kalt und dann trocken — am Morgen des Lebens hängt die Liebe blühend und glänzend als eine große rosenrote *) Aus „Siebenkäs". Aurora km Himmel — oh, tritt nicht tn di« glimmende Wolke, sie besteht aus Nebel und Tränen. — Nein, nein, wünsche keine Liebe: stirb an schönern Schmerzen, erstarre unter einem erhabenern Giftbaum, als di« kleine Myrte ist. Du kniest vor dem Schicksal, Natalie: sag' ihm, was du wünschest! Auch keine Freunde mehr! — Rein — wir stehen alle auf ausgehöhl- ten Gräbern nebeneinander — und wenn wir nun einander so herzlich an den Händen gehalten und so lange miteinander gelitten hoben: so bricht der leere Hügel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefüllten Höhle. — — Nein, nein; aber dann, wenn das Herz unsterblich ist, wenn einst die Freunde aus der ewigen Welt beisammenstehen, dann schlage wärmer die festere Brust, dann weine froher das unvergängliche Auge, und der Mund, der nicht mehr erblassen kann, stammele: nun komm zu mir, geliebte Seele, heute wollen wir uns lieben, denn nun werden wir nicht mehr getrennt. O du verlassene Natalie, um was bittest du denn auf der Erde? Um Geduld, und um das Grab, um mehr nicht. Aber das versage nicht, tut schweigendes Geschick! Trockne das Auge, dann schließ' es! Stille das Herz und dann brich es! — Ja, einstnrals, wann der Geist in einem schönern Himmel seine Flügel hebt, wann das neue Jahr in einer reinem Welt anbricht, und wann alles sich wieder sieht und wieder liebt: dann bring’ ich meine Wünsche... Und für mich keine — denn ich würde schon zu glücklich fein ... Krapfrn. Line Silvestcrgeschichte. Bon Carry Brachvogel. Soweit die deutsck)e Zunge klingt, pflegt man Silvester zu Punsch oder Bowle die liebliche Erscheinung zu verspeisen, die der Norden Pfannkuchen, der Süden „Krapfen", benennt. Doch Name ist Schall und Rauch, und weder im Norden noch im Süden buk jemals ein weibliches Wesen solche Silvesterkrapfen wie Fräulein Dorothea, das Hausfräulein Doktor Bergmanns, der als Bezirksarzt in einem süddeutschen Städtchen saß, um das im Umkreis Dörfer und Marktflecken gelagert waren. An jedem Silvester sah der Doktor, ein noch stattlicher Witwer von etlichen fünfzig, die Honoratioren des Städtchens samt ihren Ehehälften als Gäste bei sich, und an jedem solchen Silvester waren die Damen von Lust bewegt, während sie die Krapfen speisten, und von Weh, weil sie bedachten, daß keine unter ihnen, auch nicht die tüchtigste Hausfrau, jemals solche Krapfen zustande brachte. In sanfter Kuppelwölbung leuchteten sie bräunlich wie altes, englisches Küpser, waren im Innern flaumig gelb wie ein eben aus dem Ei geschlüpftes Küchlein und das Marmeladehäufchen unter der fünften Kuppelwölbung schien ein demütig-sehnsuchtsvolles Auge zu fein, das sprach: „Ich weiß!" Selbstverständlich hatten alle Hausfrauen schon Fräulein Dorothea um das Rezept dieser Krapfen gebeten, und ebenso selbstverständlich hatte Fräulein Dorothea es unter stets neuen Ausflüchten jeder verweigert. Sie behauptete, das ganze Geheimnis fei, daß sie selbst bereitete Hefe dazu verwendete, und im Hause habe, wie die Not der Kriegszeit es gelehrt hatte. Das war aber nur eine Ausrede oder bewußte Irreführung, denn die also belehrten Hausfrauen bereiteten ganze Tröge von Hefe eigenhändig, ohne daß ihnen je einen Dorothea-Krapfen gelungen wäre. Im Doktorhause aber erschien in der letzten Stunde des alten Jahres die Schüssel mit den hochausgetürmten braunen Kuppelchen, auf denen wie frischgefallener Schnee vanilledurchdufleter Zucker schimmerte ... ,. Solche Krapfen hatte Fräulein Dorothea in Treue fünfzehn Jahre lang gebacken, jetzt aber, im sechzehnten, stand eine andere in Doktor Bergmanns geräumiger Küche und studierte das Rezept, das Dorothea der Nachfolgerin großmütig hinterlassen hatte. Rosa hieß die Neue, war in keiner Hinsicht dem entschwundenen Fräulein Dorothea ebenbürtig, die eine entfernte Verwandte der seligen Frau Doktor, ein gebildetes und seines Fräulein vorstellte und trotz ihrer etlichen Vierzig sehr appetitlich aussah mit ihrer gesunden, rundlichen Frische, ihren schönen Zähnen, ihrem reichen braunen Haar und den dunklen Augen, die gar gescheit und ernsthaft in die Welt schauten und in denen doch immer wieder Funken von Uebermut und Schelmerei blitzten. Und auf ihren Ruf hatte Fräulein Dorothea mehr geachtet als manch feine Tochter in der Stadt und darum hatte sich der Klatsch nie mit ihr beschäftigt, obgleich sie noch jung gewesen, als sie die Pslege der kranken Frau Doktor und die Führung des frauenlosen Hausstandes übernommen hatte. Damals, ein oder zwei Jahre nach dem Tod der Frau Doktor, hatten wohl die meisten gemeint, Fräulein Dorothea würde an die Stelle der Verstorbenen rücken, hatten den Doktor mit dem hübschen Hausfräulein geneckt und ihm wohl auch gesagt, daß Fräulein Dorothea wahrscheinlich auch nichts sehnlicher wünsche, als Frau Doktor Bergmann zu werden. Er hatte nur den Kopf geschüttelt und sich nicht weiter um das Gerede und die Neckerei gekümmert. Warum sollte er sich wieder verheiraten? Ging es ihm nicht ausgezeichnet gut, fast so gut wie bei Lebzeiten der Frau, die er herzlich geliebt und in ihrer langen Krankheit mit zärtlichster Sorgfalt umgeben hatte? Nichts, gar nichts. Wenn Fräulein Dorothea je auf seine Hand gerechnet hatte, so stand sie sich selbst im Wege, denn sie macht« ihm den Witwerftand zu leicht, zu bequem. Fünfzehn Jahre lang hatte sie so getan, im sechzehnten aber war sie anderen Sinnes geworden. Nicht, daß sie an Vorzüglichkeit oder musterhafter Sorgfalt nachgelassen hätte, aber — sie wollte heiraten. Irgendein Vetter aus Amerika, von dem sie sonst kaum je gesprochen, hatte ihr geschrieben, daß er im Frühjahr herüberkommen und sich eine Frau hinüberholen wollte. Wenn sie Lust hätte — leider hatte sie Lust. „Hol's der Teufel, wenn's ans Heiraten geht, werden die vernünftigen Frauenzimmer verrückt!", hatte der Doktor bei sich geflucht. Er fluchte zeitweise gerne und hatte Anfälle wahren Berserkerzorns, wenn etwas durchaus anders ging, als es ihm gesiel. Ganz slammernd vor Zorn war er bann, gewalttätig und stark wie ein Riese... Fräulein Dorothea faß also jetzt bei einer alten Tante In einem Dorf unfern des Städtchens, nähte an ihrer Aussteuer und wartete auf den Netter, dessen Ring sie schon am Finger trug. Rosa aber tat genau nach den Vorschriften des Rezeptes, schüttelte zuweilen den dicken Kopf uns wischte sich mit den, Aermel das erhitzte Gesicht. Sie war eine Wirtstochter aus dem Städtchen, jung, plump, und mürrisch, war auch nur zu Aushilfe beim Doktor, der in Ruh« paffenden Ersatz für die entschwundene Dorothea suchen wollte. An allen früheren Silvestertagen mar im Hause eine Krapfenweihestimmung gewesen. Zuerst hatte es ein wenig wie in einer Backstube geduftet, dann hatte das Schmalz angenehm gebriezzelt, dann war ihm, wie Venus aus dem Meere, der holdselige Krapfen entstiegen, dessen Erstling der Doktor stehts vor Eintreffen der Gäste hatte kosten müssen. Jedesmal hatte Dorothea bescheiden gefragt: „Sind si« auch geraten, Herr Doktor?" Und jedesmal hatte er geantwortet: „Du hast dich selbst übertroffen, Do- rel!" Denn er nannte fic „Dorel" und „du", weil sie eben eine Verwandte seiner Seligen war... Ach ja,. Dorothea! An diesem dämmernden Silvestcrnachmittag wollte er fast ein wenig sentimental werden. Warum war sie von ihm gegangen? Warum hatte nicht er selbst —? Teufel nochmal! Wütend über die eigenen Gedanken sprang er aus dem bequemen Armsessel auf, in dem er behaglich eine Zwielichtzigarre geraucht hatte. Unsinn! Der Mensch soll sich nicht an Gewohnheiten hängen! Gewohnheiten machen alt, Wechsel erhält jung! Es war ganz gut, daß Dorothea gegangen war, jawohl! Rosa würde sie vorläufig ganz gut ersetzen, bis eine andere kam! Das Krapfenrezept hatte sie ja; die Silvesterbowle, die er eigenhändig braute, und die Krapfen ivaren für heute seine einzige Sorge. Alles andere konnte warten dis zum neuen Jahr! Eben wollte er wieder in behagliche Dämmerstimmung eintauchen, als die Türe des Zimmers aufgerissen wurde und erhitzt, zerrauft, wie ein verzweifelnder Mensch, Rosa eintrat: „O Gott, Herr Doktor, sie bleiben sitzen!" „Natürlich bleibe ich sitzen", sagte er etwas gereizt, denn er meinte, sie [prüdje das „sie" mit einem großen S. „Ach nein, Herr Doktor, die Krapfen —" „Unsinn!" „Ein Krapfen sitzt oder steht doch nicht!" entgegnete der mit den küchen- mäßigen Fachausdrücken nicht vertraute Mann. Rosas Stimme weinte: „Sie gehen nicht auf!" „Natürlich nicht. Schränke und Türe gehen auf. — Krapfen niemals!" Rosa war in Verzweiflung, daß der Doktor sie und ihr Unglück nicht zu. verstehen vermochte. ,,Sie werden nichts! Ich habe sie genau nach dem Rezept gemacht, aber sie werden nichts." Jetzt begriff der Doktor endlich. Blaß vor Schrecken stand er auf. Rot vor Zorn stand er in der Küche, vor den noch ungebackenen Jammergebilden, die, wie Venus aus dem Meer, dem briezzelnden Schmalz entsteigen sollten. Dick, schwer, verdrossen lagen sie aus den bemehlten Breit, als wollten sie sagen: „Wir rühren uns nicht, und wenn die Welt zugrunde ginge!" Da übermannte den Doktor der Berserkerzorn. Die Faust holte zuin Griff aus. Erschrocken flüchtet« Rosa in die fernst« Küchenecke. Der Doktor aber griff einen der verdrossenen, trägen Krapfen nach dem anderen und warf sie sicher zielend und kunstgerecht an die Wand, allwo sie zunächst faul kleben, um dann langsam, bleischwer an der Wand entlang zu tropfen, daß sie aussahen wie di« Erztränen einer Kolossalstatue... Dann schrie der Wütend« dem Stallknecht zu: „Anspannen! Fixl! Den Schlitten!" „Fahren der Herr Doktor jetzt noch fort? Am Silvester?" „Maulhalten! Anspannen! Ich kutschiere selbst!" Der Schlitten hielt nach einer richtigen Eilfahrt vor dem Hause, in dem Fräulein Dorothea eben über einem Stück Weißzeug saß und vermutlich au ihre fünfzehnjährige Krapsentütigkeit oder auch an den Vetter in 'Amerika dacht«. Sie überhörte das Klingeln der Schiittenschellen und starrte fassungslos, als sie Doktor Bergmann im bereiften Pelzmantel mit der großen Pelzmütze auf der Schwelle stehen fah. „Herr Doktor!" „Dorel, du mußt heim! Gleich, auf der Stelle! Das Kamel Rosa hat die Krapfen verpatzt!" Dorothea lächelte unmerklich. „Ich bin doch jetzt hier zu Hause, bei der Tante, Herr Doktor!" „Unsinn, du fährst gleich mit mir heim, bäckst Krapfen! Ich kann mich doch nicht vor der ganzen Silvestergesellschast durch das Kamel Rosa blamieren lassen!" „Aber —" „Nichts aber —" Sie kannte seine Art, wußte, daß es da keinen Widerstand gab. Sie holte Hut und Mantel, und weil ihm alles, was sie da tat, zu langsam ging fing er sie in seine Arme wie ein ungeberdiges Kind und trug sie wie 'ein 'Frachtstück zum Schlitten. Setzte sie hinein, wickelte sie in die Schlittendecke: „Jetzt fahren wir heim und du bleibst wieder bei nur! „Aber ich bin doch verlobt!" „Unsinn! Mit mir bist du verlobt, verstanden? Heute bäckst du Krapfen und morgen bestelle ich das Aufgebot!" „Aber mein Vetter aus Amerika!" „Den soll amt dem Kamel Rosa der Teufel holen! So kam es, daß auch an diesem Silvester, der so unheilschwanger geschienen hatte, iin Doktorhaus die berühmten Dorotheakrapfen prangten und nach Gebühr belobt und verspeist wurden. Und auch an allen folgenden Silvestern entstiegen sie Venus vergleichbar dem briezzelnden Schmalz, nur daß nicht mehr Fräulein Dorothea sie buk sondem Frau Doktor Bergmann... Somit lvär« diese Silvester- und Krapfengeschichte am Ende. Weil aber Frauen bekanntlich immer das letzte Wort haben müssen, hatte sie noch ein ganz kleines, etwas überraschendes Nachspiel, und zwar an dem ersten Silvesterabend von Frau Dorotheas Ehestand, als die Gäste gegangen waren und sie mit ihrem Mann die letzten Krapfen verzehrte und den Rest der Bowle trank. Da erinnerte sich Doktor Bergmann an den Silvesterabend des Vorjahres und sagte: „Wie konnte nur das Kamel Rosa die Krapfen so gründlich verpatze»? Sie hatte doch dein Rezept!" „Ja, aber ein falsches!" entgegnete Frau Dorothea lakonisch. Der Doktor sah seine Frau an, in deren Augen wieder Funken von lieber- mut stoben. Ihm dämmerten Zusammenhänge. Und rveil im Wein Wahrheit ist, auch wenn er zu echer Bowle gebraut wurde, fragte der Doktor hellsehend: „War der Vetter aus Amerika auch ein falsches Rezept?" „Er war das richtige Rezept für dich!" sagte Frau Dorothea und freute sich noch nachträglich der einfachen und wohlgelungenen List. Der Doktor schwieg verblüfft. Erst nach einer Weil« sagte er: „Na, die Sache ist verjährt! Die Hauptsache ist —“ „Daß ich Krapfen backe?" Nein, daß int da bist und da bleibst!" Er küßt« si» und trank lachend mit ihr das letzte Glas Bowle. Nußknacker und Mausekönig. Ein Märchen von E. T. A. H o f f m a n n. (Schluß.) An der einen Ecke wurde größer der Tumult, das Volk strömte auseinander; denn eben ließ sich der Großmogul auf einem Palankin vorübertragen, begleitet von dreiundneuuzig Großen des Reichs und siebenhundert Sklaven. Es begab sich aber, daß an der andern Ecke die Fischerzunft, an fünfhundert Köpfe stark, ihren Festzug hielt, und übel war es auch, daß der türkische Großherr gerade den Einfall hatte, mit dreitausend Janitscharen über den Markt spazieren zu reiten, wozu noch der große Zug tuis dem unterbrochenen Opferfeste kam, der mit klingendem Spiel und dem Gesangs: „Auf, danket der mächtigen Sonne!" gerade auf den Baumkuchen zu wallte. Das war ein Drängen und Stoßen und Treiben und Gequieke! — Bald gab es auch viel Jammergeschrei; denn ein Fischer hatte im Gedränge einem Brahminen den Kopf abgestoßen, und der Großmogul wäre beinahe von einem Hanswurst überrannt worden. Toller und toller wurde der Lärm, und man fing bereits an, sich zu stoßen und zu prügeln, als der Mann im brokatenen Schlafrock, der am Tor den Nußknacker als Prinz begrüßt hatte, auf den Baumkuchen kletterte, und nachdem eine sehr hellklingende Glocke dreimal angezogen worden, dreimal laut rief: „Konditor! — Konditor! — Konditor!" — Sogleich legt« sich der Tumult; ein jeder sucht« sich zu behelfen, wie er konnte, und nachdem die verwickelten Züge sich entwickelt hatten, der besudelte Großmogul abgebürstct und dem Brahminen der Kopf wieder aufgesetzt worden, ging das vorige lustige Getöse aufs neue los. „Was bedeutet das mit dem Konditor, guter Herr Drosselmeier?" fragte Marie. — „Ach, beste Demoiselle Stahlbaum", erwiderte Nußknacker, „Konditor wird hier eine unbekannte, aber sehr grauliche Macht genannt, von der man glaubt, daß sie aus dem Menschen machen könne, was sie wolle; es ist das Verhängnis, welches über dies kleine luftige Volk regiert, und sie fürchten dieses so sehr, daß durch die bloße Nennung des Namens der größte Tumttlt gestillt werden kann, wie es eben der Herr Bürgermeister bewiesen hat. Ein jeder denkt dann nicht mehr an Irdisches, an Rippenstöße und Kopsbeulen, sondern geht in sich und spricht: ,Was ist der Mensch und was kann aus ihm werden?'" Eines lauten Rufs der Bewundening, ja des höchsten Erstaunens konnte sich Marie nicht enthalten, als sie jetzt mit einemmal vor einem in rosenrotem Schimmer hell leuchtenden Schlosse mit hundert luftigen Türmen stand. Nur hin und wieder waren reiche Bouquets von Veilchen, Narzissen, Tulpen, Levkojen attf die Mauern gestreut, deren dunkel- brennende Farben nur die blendende, ins Rosa spielende Weiße des Grundes erhöhten. Die große Kuppel des Mittelgebäudes sowie die pyra- inidenförmigen Dächer der Türme waren mit tausend golden und silbern funkelnden Sternlein besäet. „Run sind wir vor dem Marzipanschloß", sprach Nußknacker. Marie war ganz verloren in dem 'Anblick des Zauder- Palastes; doch entging es ihr nicht, daß das Dach eines großen Turmes gänzlich fehlt«, welches kleine Männerchen, die auf einem von Ziminet- stangen erbauten Gerüste standen, wiederherstellen zu wollen schienen. Noch ehe sie den Nußknacker darum befragte, fuhr dieser fort: „Vor für« zer Zeit drohte diesem schönen Schloß arge Verwüstung, wo nicht gänzlicher Untergang. Der Riese Leckermaul kam des Weges gegangen, biß schnell das Dach jenes Turmes herunter und nagte schon an der großen Kuppel; die Konfektbürger brachten ihm aber, ein starkes Stadtviertel sowie einen ansehnlichen Teil des Konfitürenhains als Tribut, womit sk sich abspeisen ließ und weiterging." In dem Augenblick ließ sich eine sehr angenehme sanfte Musik hören; die Tore des Schlosses öffneten sich, und es traten zwölf kleine Pagen heraus mit angezündeten Gewürznelkenstengeln, die fie wie Fackeln in den kleinen Händchen trugen. Ihre Köpfe bestanden aus einer Perl«, Me Leiber aus Rubinen und Smaragden, und dazu gingen sie auf sehr schön ans purem Gold gearbeiteten Füßchen einher. Ihnen folgten vier Damen, beinahe so groß als Mariens Klärck)«n, aber so über die Maßen herrlich und glänzend geputzt, daß Marie nicht einen Augenblick in ihnen die geborenen Prinzessinnen verkannte. Sie umarmten den Nußknacker auf das zärtlichste und riefen dabei wehmütig freudig: „Oh, mein Prinz! —- mein bester Prinz! — o mein Bruder!" Nußknacker schien sehr gerührt, er wischte sich die sehr häufigen Tränen aus den Augen, ergriff bann Marien bei der Hand und sprach pathetisch: „Dies ist die Demoiselle Mark Stahlbaum, die Tochter eines sehr achiungswerten Medizinalraies und di« Retterin meines Lebens! Warf sie nicht den Pantoffel zur rechten Zeit, verschaffte sie mir nicht den Säbel des pensionierten Obersten, so (üg* ich, zerbissen von dem fluchwürdigen Mausekönig, im Grabe. — Oh, diese Demoiselle Stahlbaum! gleicht ihr wohl Pirlipat, obschon sie eine geborene Prinzessin ist, an Schönheit, Güte und Tugend? — Nein, sag' ich, nein!" Alle Damen riefen: „Nein!" und fielen der Marie um den Hals und riefen schluchzend: „Oh, Sie edle Retterin des geliebten prinz- lichen Bruders, — vortreffliche Demoiselle" Stahlbaum!" Nun geleiteten dis Damen Marien und den Nußknacker in das Innere des Schlosses, und zwar in einen Saal, dessen Wände aus lauter farbig funkelnden Kristallen beständen. Was aber vor allem übrigen der Marie so wohl gefiel, waren die allerliebsten kleinen Stühle, Kommoden, Sekretärs usw., die ringsherum standen und die alle von Zedern- oder Brasilienholz mit daraufgestreuten goldenen Blumen verfertigt waren. Die Prinzessinnen nötigten Marien und den Nußknacker zum Sitzen und sagten, daß sie sogleich selbst ein Mahl bereiten wollten. Nun holten sie eine Menge kleiner Töpfchen und Schüsselchen von dem feinsten japanischen Porzellan, Löffel, Messer und Gabeln, Reibeisen, Kasserollen und andre Küchenbedürfniffe von Gold und Silber herbei. Dann brachten sie die schönsten Früchte und Zuckcrwerk, wie es Marie noch niemals gesehen hatte, und singen an, auf das zierlichste mit den kleinen schneeweißen Händchen die Früchte auszupressen, das Gewürz zu stoßen, die Zuckermandeln zu reiben, kurz so zu wirtschaften, daß Marie wohl einsehen konnte, wie gut sich die Prinzessinnen auf das Küchenwesen verstanden, und was das für ein köstliches Mahl geben würde. Im lebhaften Gefühl, sich auf dergleichen Dinge ebenfalls recht gut zu erstehen, wünschte sie heimlich, bet dem Geschäft der Prinzessinnen selbst sein zu können. Die schönste von Nußknackers Schwestern, als ob sie Mariens geheimen Wunsch erraten hätte, reichte ihr einen kleinen goldenen Mörser mit den Worten hin: „Oh, süße Freundin, teure Retterin meines Bruders, stoße eine Wenigkeit von diesem Zuckerkandel!" Als Marie nun so wohlgemut in den Mörser stieß, daß er gar anmutig und lieblich wie «in hübsches Liedlein ertönte, fing Nußknacker an, sehr weitläufig zu erzählen, wie es bei der grausenvollen Schlacht zwischen seinem und des Mauseköntgs Heer ergangen, wie er der Feigheit seiner Truppen halber geschlagen worden, wie dann der abscheuliche Mausekönig ihn durchaus zerbeißen wollen und Marie deshalb mehrere seiner Untertanen, di« in ihre Dienst« gegangen, aufopfern müssen usw. Marien war es bei dieser Erzählung, als klängen seine Worte, ja selbst ihre Mörserstöße, immer ferner und unvernehmlicher, bald sah sie silberne Flöre wie dünne Nebelwolken aussteigen, ja si« selbst schwammen — ein seltsames Singen und Schwirren und Summen ließ sich vernehmen, das wie in die Weite hin verrauschte; nun hob sich Marie wie auf steigenden Wellen immer höher und höher — höher und höher — höher und höher. Beschluß. Prr — puff ging es. — Marie fiel herab aus unermeßlicher Höhe. — Das war ein Ruck! — Aber gleich schlug sie auch die Augen auf, da lag sie in ihrem Bettchen; es rvar heller Tag, und die Mutter stand vor ihr, sprechend: „Aber, wie kann man auch so lange schlafen! Längst ist das Frühstück da." Du merkst es wohl, versammeltes, höchst geehrtes Publikum, daß Marie, ganz betäubt von all den Wunderdingen, die sie gesehen, endlich im Saal des Marzipanschlosses eingeschlafen war, und daß die Mohren ober die Pagen oder gar di« Prinzessinnen selbst si« zu Hause getragen und ins Bett gelegt hatten. „Oh, Mutter, liebe Mutter, wo hat mich der junge Herr Drosselmeier diese Nacht überall hingefllhrt, was habe ich alles Schönes gesehen!" Nun erzählte sie alles beinahe so genau, wie ich es soeben erzählt habe, und die Mutter sah sie ganz verwundert an. Als Marie geendet, sagte di« Mutter: „Du hast einen langen, sehr schönen Traum gehabt, liebe Marie; aber schlag dir das alles nur aus dem Sinn!" Marie bestand hartnäckig darauf, daß sie nicht geträumt, sondern alles wirklich gesehen habe; da führte die Mutter sie an den Glasschrank, nahm den Nußknacker, der wie gewöhnlich im dritten Fache stand, heraus und sprach: „Wie kannst du, du albernes Mädchen, nur glauben, daß diese Nürnberger Holzpuppe Leben und Bewegung haben kann?" — „Aber, liebe Mutter", fiel Marie ein, „ich weiß es ja wohl, daß der kleine Nußknacker, der junge Herr Drosselmeier aus Nürnberg, Pate Drosselmeiers Neffe ist." Da brack-en beide, der Medizinalrat und die Medizinalrätin, in ein schallendes Gelächter aus. „Ach", fuhr Marie beinahe weinend fort, „nun lackK du gar meinen Nußknacker aus, lieber Baier, und «r hat doch von dir sehr gut gesprochen; denn als wir im Marzipanschloß ankamen, und er mich seinen Schwestern, den Prinzessinnen, vorstellte, sagte «r, du seist ein sehr achtungswerter Medizinalrat!" — Noch stärker wurde das Gelächter, in das auch Luise, ja sogar Fritz «instimmt«. Da lief Marie ins andere Zimmer, holte schnell aus ihrem kleinen Kästchen die sieben Kronen des Mausekönigs herbei und überreichte sie der Mutter mit den Worten: „Da sie hnur, liebe Mutter, das sind die siechen Kronen des Mausekönigs, die mir in voriger Nacht der junge Herr Drosselmeier zum Zeichen seines Sieges überreichte." Boll Erstaunen betrachtete di« Medizinalrätin die kleinen Krönchen, die von einem ganz unbekannten, aber sehr funkelnden Metall Jo sauber gearbeitet waren, als hätten Menschenhände das unmöglich vollvringen können..Auch der Medizinalrat konnte sich nicht satt sehen an den Krönchen, und beide, Vater und Mutter, drangen sehr ernst in Marien, zu gestehen, wo sie di« Krönchen Her habe. Si« konnte aber nur bei dem, was sie gesagt, stehen bleiben, und als sie nun der Vater hart anließ, und sie sogar eine kleine Lügnerin schalt, da fing sie an, heftig zu meinen, und klagte: „Ach, ich armes Kind, ich armes Kind, was soll ich denn nur sagen?" In dem Augenblick ging di« Tür auf. Der Obergerichtsrat trat herein und rief: „Was ist da — was ist da? Mein Patchen Marie weint und schluchzt? — Was ist da — was ist da?" Der Medizinalrat unterrichtete ihn von allem, was geschehen, indem er ihn: die Krönchen zeigte. Kaum hatte der Obergerichtsrat aber diese angesehen, als er lacht« und rief: „Toller Schnack, toller Schnack! Das sind ja die Krönchen, die ich vor Jahren an meiner Uhrkette trug, und ich der kleinen Marie an ihrem Geburtstage, als sie zwei Jahre alt worden, schenkte. Wißt ihr's denn nicht mehr?" Weder der Medizinalrat noch die Medizinalrätin konnte sich dessen erinnern; als aber Marie wahrnahm, daß die Gesichter der Eltern wieder freundlich gewor- den, da sprang sie los auf Pate Drofselmeier und rief: „Ach, du weißt ja alles, Pate Drosselmeier; sag' es doch nur selbst, daß mein Nußknacker dein Neffe, der junge Herr Drofselmeier aus Nürnberg ist, und daß er mir die Krönchen geschenkt hat!" — Der Obergerichtsrat machte aber ein sehr finsteres Gesicht und murmelte: „Dummer, einfältiger Schnack!" Darauf nahm der Medizinalrat die klein« Marie vor sich und sprach sehr ernsthaft: „Hör' mal, Marie, laß nun einmal die Einbildung und Possen, und wenn du noch einmal sprichst, daß der einfältige, mißgestaltete Nußknacker der Neffe des Herrn Obergerichtsrats fei, so werf' ich nicht allein den Nußknacker, sondern auch alle deine übrigen Puppen, Mamsell Klärchen nicht ausgenommen, durchs Fenster." Nun durfte freilich die arme Marie gar nicht mehr davon sprechen, wovon denn noch ihr ganzes Gemüt erfüllt war; denn ihr. möget es euch wohl denken, daß man solch Herrliches und schönes, wie es Marien widerfahren, gar nicht vergessen kann. Selbst — sehr geehrter Leser oder Zuhörer Fritz — selbst dein Kamerad Fritz Stahlbaum' dreht« der Schwester sogleich den Rücken, wenn sie ihm von dem Wunderreiche, in dem sie so glücklich war, erzählen wollte. Er soll sogar manchmal zwischen den Zähnen gemurmelt haben: „Einfältige Gans!" Doch das kann ich feiner sonst erprobten guten Gemütsart halber nicht glauben; so viel ist aber gewiß, daß. da er nun an nichts mehr, was ihm Marie erzählte, glaubt«, er seinen Husaren bei öffentlicher Parade das ihnen geschehene Unrecht förmlich abbat, ihnen statt der verlorenen Feldzeichen viel höhere, schönere Büsche von Gänsekielen anheftete und ihnen auch wieder erlaubte, den Gardehusarenmarfch zu blasen. Nun — wir wissen am besten, wie es mit dem Mut der Husaren aussah, als sie von den häßlichen Kugeln Flecke auf die roten Wämser kriegten! Sprechen durfte nun Marie nicht mehr von ihrem Abenteuer; aber die Bilder jenes wunderbaren Feenreichs umgaukelten sie in süßwogen- dem Rauschen und in holden, lieblichen Klängen; si« sah alles noch einmal, sowie sie nur ihren Sinn fest darauf richtete, und so kam es, daß sie, statt zu spielen wie sonst, starr und still, tief in sich gekehrt dasitzen konnte, weshalb sie von allen eine kleine Träumerin gescholten wurde. Es beggb sich, daß der Obergerichtsrat einmal eine Uhr in dem Hous« des Medizinalrates reparierte; Mari« saß am Glasschrank und schaute, in ihre Träume vertieft, den Nußknacker an; da fuhr «s ihr wie unwillkürlich heraus: „Ach, lieber Herr Drosselmeier, wenn Sie doch nur wirklich lebten, ich wiird's nicht so machen wie Prinzessin Pirlipat und Sie verschmähen, well Sie um meinetwillen aufgehört haben, ein hübscher junger Mann zu jein!" In dem Augenblick schrie der Obergerichtsrat: „Hei, hei — toller Schnack!" — Aber in dem Augenblick geschah auch ein solcher Knall und Ruck, daß Marie ohnmächtig vom Stuhle sank. Als sie wieder erwachte, ivar die Mutter um sie beschäftigt und sprach: „Aber wie kannst du nur vom Stuhle fallen, ein so großes Mädchen! — Hier ist der Neffe des Herrn Obergerichtsrats aus Nürnberg angekommen — fei hübsch artig!" Sie blickte auf; der Obergerichtsrat hatte wieder feine Glasperücke aufgesetzt, seinen gelben Rock angezogen und lächelte sehr zufrieden; aber an feiner Hand hielt er einen zwar kleinen, aber sehr wohl gewachsenen jungen Mann. Wie Milch und Blut mar sein Gesichtchen; er trug einen herrlichen roten Rock mit Gold, weißseidene Strümpfe und Schuhe, hatte im Jabot ein allerliebstes Blumenbouquet, war sehr zierlich frisiert und gepudert, und hinten über den Rücken hing ihm ein ganz vortrefflicher Zopf herab. Der kleine Degen an seiner Seite schien von lauter Juwelen, so blitzte er, und das Hütlein unterm Arm von Seidenflocken gewebt. Welche angenehme Sitten der junge Mann besaß, bewies er gleich dadurch, daß er Marien eine Menge herrlicher Spiel- fachen, vorzüalich aber den schönsten Marzipan und dieselben Figuren, welche der Mausekönig zerbissen, dem Fritz aber einen wunderschönen Säbel mitgebracht halle. Bei Tische knackt« der Artige für die ganz« Gesellschaft Nüsse auf; die härtesten widerstanden ihm nicht; mit der rechten Hand steckt« er sie in den Mund, mit der linken zag er den Zopf an — krack! — zerfiel die Nuß in Stücke. " Marie war glutrot geworden, als si« den jungen artigen Mann erblickt«, und noch röter wurde sie, als nach Tische der junge Drofselmeier sie einlud, mit ihm in das Wohnzimmer an den Glasschrank zu gehen. ,'Spielt nur hübsch miteinander, ihr Kinder! Ich habe nun, da alle meine Uhren richtig gehen, nichts dagegen", rief der Obergerichtsrat. Kaum war aber der junge Drofselmeier mit Marien allein, als er sich auf ein Knie niederließ und also sprach: „Oh, meine allervortrefflichste Demoiselle Stahlbaum, sehen Sie hier zu Ihren Füßen den beglückten Drosselmeier, dem Sie an dieser Stelle das Leben retteten! — Sie sprachen es gütigst aus, daß Si« mich nicht wie die garstige Prinzessin Pirlipat verschmähen wollten, wenn ich Ihretwegen häßlich geworden. Sogleich hörte ich auf, ein schnöder Nußknacker zu fein und erhielt meine vorige nicht unangenehme Gestalt wieder. Oh, vortreffliche Demoiselle, beglücken Sie mich mit Ihrer werten Hand! Teilen Sie mit mir Reich und Kröne, herrschen Sie mit mir auf Marzipanschloß; denn dort bin ich jetzt König!" — Mari« hob den Jüngling auf und sprach leise: „Lieder Herr Drossel- meier! Sie sind ein sanftmütiger, guter Mensch, und da Sie dazu noch ein anmutiges Land mit sehr hübschen lustigen Leuten regieren, so nehme ich Sie zum Bräutigam an." — Hierauf wurde Marie sogleich Drosselmeiers Braut. Nach Jahresfrist hat er sie, wie man sagt, auf einem goldenen, von silbernen Pferden gezogenen Wagen abgeholt. Aus der Hochzeit tanzten zweiundzwanzigtausend der glänzendsten mit Perlen und Diamanten geschmückten Figuren, und Marie soll noch zur Stunde Königin eines Landes fein, in dem man überall funkelnde Weihnachtsrvälder, durchsichtige Marzipanschlösser, kurz die allerherrlichsten, wunderbarsten Dinge erblicken kann, wenn man nur danach Augen hat. Das war das Märchen vom Nußknacker und Mausekönig. Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.